World of X

Das älteste Archiv für deutsche Akte-X Fanfiction

New Year's Eve

von Lhutien

Kapitel 1

J. Edgar Hoover Building, X-Akten, 31.Dezember – 14.35 Uhr



Scully brütete seit Stunden über einer X-Akte – der Fall einer angeblichen Auferstehung in Springfield, Massachusetts. Sie war überzeugt, dass es sich dabei um einen Schwindel handelte, doch sie konnte und wollte die Akte nicht eher beiseite legen, bis sie dies auch bewiesen hatte.
Sie seufzte warf einen Blick auf Mulders schwarzen Monitor, dann wanderte ihr Blick zu seinem leeren Schreibtischstuhl. Ihr Partner war vor Ort in Springfield um zu beweisen, dass doch etwas an der Sache dran war. Dieser Entschluss hatte sie nicht überrascht, im Gegenteil - etwas anderes hatte sie eigentlich nicht erwartet...

Ihre Gedanken schweiften ab und ihr Blick fiel auf ihren Taschenkalender, der aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag. In großen Lettern hatte sie dort vor Wochen hineingeschrieben: „Silvesterfeier FBI“. Die Einladung hatte sie schon Anfang November erhalten, aber sie wusste immer noch nicht, mit wem sie hingehen sollte.

Fest entschlossen, sich später mit diesem Problem zu befassen (sie lachte trocken – wie viel später denn noch?) schlug sie ihren Kalender zu und verbannte ihn in die Tiefen ihrer Aktentasche.



*

Apartment von Dana Scully, 17.45 Uhr



Scully schloss ihre Wohnungstür auf und trat in den dunklen Flur. Mühsam balancierte sie die drei prall gefüllten und leicht schneebedeckten Papiertüten, mit ihren Feiertagseinkäufen, während sie versuchte, mit dem Ellenbogen im Dunkeln den Lichtschalter zu treffen.
Als es ihr schließlich gelang, riss im gleichen Augenblick die größte der Tüten und ihr gesamter Inhalt verteilte sich geräuschvoll auf dem Boden. Scully blickte auf die Bescherung hinab - Joghurt mischte sich mit Milch und Mehl, zerschlagene Eiern mit dem Glas Schattenmorellen... Soviel also zu ihrem Vorhaben, zum neuen Jahr einen Kuchen zu backen!

„Auch das noch“, murmelte sie und stellte ihre restlichen Einkäufe in die Küche ab, bevor sich die Unglücksserie fortsetzen konnte. Missmutig holte sie Handfeger und Kehrblech aus dem Schrank und machte sich im Flur daran, Lebensmittel auf dem Boden so gut es ging zusammen zu kehren.



Seit sie um 16 Uhr das FBI-Hauptgebäude verlassen hatte, war alles - aber auch wirklich alles! - schief gegangen. Zuerst hatte ihr bei der Ausfahrt aus dem Parkhaus ein Irrer die Vorfahrt genommen, so dass es um ein Haar zu einem schweren Unfall gekommen wäre. Überhaupt lag der Verkehr nach dem unvorhergesagten Schneeeinbruch nahezu lahm. Im Einkaufszentrum dann war ebenfalls der Teufel los gewesen, weil die meisten Menschen noch Besorgungen für ihre Silvesterpartys machen mussten – dementsprechend lang waren die Schlangen an den Kassen gewesen...

Und dann hatte sie ihre ganzen Einkäufe – so war es ihr jedenfalls vorgekommen – quer durch die halbe Stadt zu ihrem Wagen schleppen müssen. Als sie die Tüten in den Kofferraum lud, waren zwei betrunkene Obdachlose vorbeigekommen und hatten sie, wenn auch nur verbal, belästigt – zumindest wusste Scully, wie sie sich zur Wehr setzen konnte.

Als sie endlich im Auto gesessen hatte, war sie überzeugt gewesen, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Doch dann war sie unten im Hausflur der alten Mrs Shredder in die Arme gelaufen und hatte sich fast eine halbe Stunde lang anhören müssen, mit welchen Wehwehchen und Gebrechen die alte Dame zu kämpfen hatte, welche Schuld der Staat daran trug etc... Scully wusste, dass Mrs Shredder es nicht böse meinte, aber wenn sie einmal loslegte, dann war sie nicht zu stoppen und ließ einen nicht mehr gehen... Und hörte sie da nicht immer noch Mrs Shredders Stimme, ganz leise aus der untersten Etage? „...und dann hab’ ich zum Arzt gesagt: Mit mir nicht!, hab ich gesagt. Da kann ja jeder daher kommen und behaupten, ich hätte Arthritis...“



Das Läuten des Telefons schreckte Scully aus ihren Gedanken. Sie versicherte sich, dass sie alles aufgewischt hatte, sprang dann auf und durchquerte den Flur mit langen Schritten, während das Telefon in ihrem Wohnzimmer weiterhin gnadenlos auf sich aufmerksam machte.

„Ich komme ja schon...“, murmelte Scully und griff nach dem Hörer. „Ja?“

„Ach gut, Sie sind zu Hause. Ich dachte schon, Sie wären unterwegs – vielleicht einkaufen.“

Scully stutzte.

„Mulder, sind Sie das?“

„Ja, warum nicht? Darf ich Sie nicht zu Hause anrufen?“

„Doch sicher, ich hatte nur nicht mit Ihrem Anruf gerechnet... Wie läuft es in Springfield?“

Sie ließ sich auf die Couch fallen und fragte sich, warum Mulder anrief. Aber er würde es sie sicher früher oder später wissen lassen, und so stellte Scully sich lieber auf ein längeres Gespräch ein.

Sie hörte, wie Mulder sich am anderen Ende der Leitung räusperte.

„Nun ja... Bis jetzt läuft es nicht so gut. Es sieht so aus als ob... na ja...“

Er brach ab und Scully hakte nach: „Als ob was...?“

„Als ob Sie mit Ihrer Vermutung Recht hätten. Dass es sich nur um einen Schwindel handelt.“

Jetzt war Scully wirklich überrascht, war es doch sonst nicht Mulders Art, so schnell klein beizugeben. Verwundert schüttelte sie den Kopf und lachte leise.

„Warum lachen Sie?“, wollte Mulder wissen und Scully erwiderte:

„Nun, ich kann mir schwer vorstellen, dass Sie mich extra aus Springfield anrufen nur um einzugestehen, dass Sie im Unrecht waren und ich im Recht. Was wollen Sie wirklich?“

Es war einen Moment still am anderen Ende der Leitung, dann hörte sie Mulder seufzen.

„Also gut, Sie haben ja Recht. Wieder mal. Ich wollte eigentlich nur fragen, mit wem Sie heute Abend zu der Silvesterparty vom Betrieb gehen... – Sie kommen doch, oder?“

Wieder schüttelte Scully verwundert den Kopf. „Ja, warum?“

„Nun ja... ich wollte Sie fragen...“, er räusperte sich – ein klares Zeichen dafür, dass er sich irgendwie unwohl fühlte – und fuhr dann fort: „Also sofern Sie noch frei sind – sollen wir gemeinsam hingehen?“

„Was?“ war alles, was Scully herausbrachte, so dass Mulder verlegen ergänzte:

„Der Alien, der mich begleiten wollte, ist abgesprungen, und da habe ich mir gedacht... na ja...“ Er hüstelte.

Scully ließ sich das Angebot ungefähr eine halbe Sekunde durch den Kopf gehen bevor sie zusagte. Warum nicht? Es war mittlerweile nach 18 Uhr, was bedeutete, dass die Feier in weniger als zwei Stunden anfing. Es war also mehr als nur unwahrscheinlich, dass sie in der kurzen Zeit noch eine Begleitung finden würde. Außerdem wusste sie aus Erfahrung, dass Mulders Begleitung einen angenehmen und unterhaltsamen Abend versprach. Aber Moment, da fiel ihr ein...

„Aber ich dachte, Sie seien in Springfield!“

„War ich auch, aber wie gesagt, an dem X-File ist nichts Wahres dran, daher habe ich mich heute in die erste Maschine gesetzt und stehe gerade wieder vor meiner Wohnungstür.“ Er schien einen Augenblick nachzudenken. „Die Feier beginnt um 20 Uhr, richtig? Ich würde vorschlagen, dass ich Sie um sagen wir... 19.15 Uhr abhole – würde Ihnen das passen?“

Scully warf einen kurzen Blick auf die Uhr und nickte, wobei ihr erst nachher auffiel, dass Mulder das ja gar nicht sehen konnte. „Ja, ist in Ordnung. Dann bis in einer Stunde?“

„Bis dann!“, entgegnete Mulder und sie legten auf.



Scully lehnte sich auf der Couch zurück und bemerkte, dass sie lächelte. Es hatte sich scheinbar alles in Wohlgefallen aufgelöst und nun konnte sie sich auch auf den Abend freuen. Guter Dinge stand sie auf und hob im Flur das Kehrblech vom Boden auf, das sie dort liegengelassen hatte. Ihr Unmut über den Nachmittag war tatsächlich verflogen, und so machte sie sich daran, ihre Einkäufe auszupacken. Das Lächeln auf ihren Lippen verschwand währenddessen nicht, selbst dann nicht, als sie Mrs Shredders Stimme leise durch die Wand hörte: „...und mein Enkel, dieser Nichtsnutz, hat nichts als Geld und Frauen im Sinn! Der kommt auch nicht mal vorbei und kümmert sich um mich! Und das obwohl mein Rücken so schmerzt, und meine Beine...“



*



Apartment von Dana Scully, 19.14 Uhr



Als sie das langgezogene Schellen der Türglocke hörte, schlüpfte Scully soeben in ihren linken Schuh und atmete tief aus. Gerade noch fertig geworden! Natürlich hatte sie länger gebraucht, als sie gedacht hatte... aber war das nicht immer so?

Nach dem Telefonat mit Mulder hatte Scully sich mit der komplizierten Aufgabe konfrontiert gesehen, etwas passendes zum Anziehen zu finden. Nach langem Hin und Her und einem immer größer werdenden Kleiderberg um sie herum hatte sie sich für ein dunkelblaues, knielanges Kleid entschieden, das vorne mit ein paar Pailletten bestickt war. Schick, aber nicht overdressed.

Schnell suchte sie nun alles zusammen, was sie mitnehmen wollte – Schlüssel, Portemonnaie und Handy sowie Puder und Lippenstift um gegebenenfalls zwischendurch das Make-up auffrischen zu können; alles verschwand in der kleinen silbernen Tasche, die ihre Mutter ihr zu einem der letzten Geburtstage geschenkt hatte. Vielleicht war es auch Weihnachten gewesen, Scully war sich da nicht sicher - seit jenem Tag hatte sie die Tasche nie benutzt, so oft ging sie schließlich nicht aus...

Wieder schellte es und Scully verdrehte die Augen. Mulder!

Trotzdem nahm sie sich die Zeit und ging noch einmal durch alle Räume um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war, dann schlüpfte sie im Flur in ihren warmen Mantel.

Und während Mulder ein drittes Mal schellte, warf sie noch einen kurzen Blick in den Garderobenspiegel. Sie hatte sich dezent geschminkt und die rotgoldenen Haare hochgesteckt, was sich als schwierigstes Unterfangen von allen herausgestellt hatte und ihr erst beim ungefähr hundertsten Versuch so gelungen war, dass sie selbst damit zufrieden war.

Sie lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu und öffnete dann die Wohnungstür. Vorsichtig lauschte sie, ob Mrs Shredder ihr unten auflauerte, schloss leise ab und schlich dann auf Zehenspitzen die Treppen hinab.



Unten empfing sie das schummrige Halbdunkel der Eingangsbeleuchtung, und als sie die Tür öffnete, fegte ein kalter Windstoß hinein. Zähneklappernd zog Scully ihren Mantel noch enger um sich und trat in das seichte Schneetreiben hinaus.

Verwundert stellte sie fest, dass Mulder nicht mehr vor der Tür stand – vermutlich war es ihm zu kalt geworden. Und so ließ Scully suchend den Blick schweifen während sie sich innerlich verfluchte, dass sie so dünne Schuhe angezogen hatte - es war wirklich bitterkalt!

Auf der Straße parkten viele Fahrzeuge, von denen die meisten mit einer dünnen Schneedecke überzogen waren.. Doch so sehr Scully sich bemühte, sie konnte Mulders Wagen nicht ausmachen. Die sanft zu Boden fallenden Schneeflocken reflektierten in der hereingebrochenen Dämmerung das Licht der Laternen und ließen Scully so noch weniger erkennen, als es ohnehin möglich gewesen wäre.

Aber wo war Mulder? Hatte er es sich anders überlegt? Wohl kaum. Das war nicht seine Art, wenn es darauf ankam hatte sie sich immer auf ihn verlassen können. Und wenn er wirklich keine Lust gehabt hätte, wäre er ja gar nicht erst gekommen und hätte geschellt... oder?

Scully zerbrach sich den Kopf – vielleicht war etwas passiert? Das hier war eigentlich eine ruhige Gegend, aber...

Während sie noch in Gedanken versunken war, bemerkte sie, wie die hellen Lichtkegel der Scheinwerfer eines Autos auf ihrer rechten Seite die Dunkelheit durchschnitten. Langsam rollte der Wagen durch den knirschenden Schnee und kam dann etwa auf Höhe der Haustür, vor der Scully noch immer stand, bei laufendem Motor zu stehen. Scully blickte kurz auf – ein schwarzer Mercedes, ziemlich nobles Modell. Wahrscheinlich jemand, der hier irgendwo eingeladen war, vielleicht Mrs Shredders Enkel? Sie schmunzelte.

Das Fenster auf der Fahrerseite wurde heruntergekurbelt. Sicher wollte man sie nach dem Weg fragen, also machte sie ein paar Schritte auf das Auto zu und fragte: „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

Im Auto bewegt sich etwas, dann streckte der Fahrer den Kopf aus dem dunklen Inneren des Autos heraus und erwiderte: „Sie können einsteigen, oder aber weiter draußen stehen und sich die Füße abfrieren.“

Scully wusste einen Moment nicht, was sie mehr überraschte, der Klang der vertrauten Stimme oder in Mulders neckisch blitzende Augen zu blicken. Sprachlos blieb sie stehen und sah abwechselnd von Mulder zum Mercedes und wieder zurück.

Schließlich fing sie sich wieder. „Ein Mercedes? Hatten Sie eine reiche Erbtante, von der ich bisher nichts wusste?“

Mulder grinste feixend und zuckte die Schultern. „Ich bitte Sie – Ihnen würde ich nie etwas verschweigen. Keine reiche Erbtante, sondern Rent-A-Car.“

„Und wen, bitte“, fragte Scully lächelnd, „wollen Sie damit beeindrucken? Die Kollegen beim FBI, mich oder hat das etwas mit Ihrem Selbstbewusstsein zu tun?“

„Ein bisschen von allem, schätze ich.“, gab Mulder leicht verlegen zu. „Aber jetzt steigen Sie ein, sonst kommen wir noch zu spät.“



*



Auf den Straßen von Washington D.C., 19.35 Uhr



Während Mulder den Mercedes durch die verschneiten Straßen steuerte und aus dem Autoradio leise Weihnachtslieder drangen, ließ Scully die Gedanken schweifen.

Der Vorstand des FBIs hatte sich dieses Jahr etwas ganz besonderes einfallen lassen, und für die Feier die Räumlichkeiten des Omni Shoreham Hotel angemietet.

Im malerischen Rock Creek Park am nordwestlichen Ende von Washington D.C. gelegen und mit rund 700 Angestellten hatte das Omni Shoreham bereits seit 1930 Präsidenten und Stars beherbergt – und nun die Belegschaft des FBIs. Scully gähnte verhalten und schmunzelte. Warum eigentlich nicht?

Die letzte Silvesterfeier hatte im J. Edgar Hoover Building stattgefunden, und kaum die Hälfte der Mitarbeiter hatte sich dazu entschlossen, überhaupt zu erscheinen.

Angesichts der diesjährigen Location war es allerdings nicht überraschend, dass beinahe alle zugesagt hatten – essen und trinken im 4-Sterne Hotel auf Kosten des Betriebs? Das ließ sich kaum einer nehmen...

Das leise Summen Mulders, der die Weihnachtslieder begleitete, sowie die wunderbar warme Luft im Auto hatten eine einschläfernde Wirkung auf Scully. Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde und merkte, wie ihr langsam die Augen zufielen. Ihre kläglichen Versuchte, dagegen anzukämpfen, zeigten wenig Wirkung.

„Hören Sie auf, Mulder“, murmelte sie schläfrig. „Bitte hören Sie auf!“

Auch wenn sie es nicht sah, so konnte sie dennoch seinen abschätzenden Blick förmlich spüren als er entgegnete: „Wieso? Gefällt es Ihnen nicht?“

Sie seufzte und rang mit sich, die Augen wieder zu öffnen. „Doch, aber wenn Sie weitersummen, bin ich gleich ganz eingeschlafen.“ Wieder fielen ihr die Augen zu und die Lider fühlten sich an wie Blei.

Leise hörte sie Mulder lachen.

„Das macht nichts, Scully. Dann trage ich Sie eben rein.“ Sprachs, und summte seelenruhig weiter.

Und irgendwann zwischen Jingle Bells und Rudolph, The Rednosed Reindeer war sie eingeschlafen.



*



Rock Creek Park, Washington D.C., 19.50 Uhr



Sanftes Rütteln weckte Scully aus ihrem Schlaf. Müde blinzelte sie und wusste im ersten Augenblick nicht, wo sie sich befand. Doch dann fügten sich alle Elemente zusammen – das leichte Wackeln, der knirschende Schnee, die leise Musik...

Verstohlen gähnend richtete Scully sich auf und wandte sich zu Mulder um.

„Bin ich etwa eingeschlafen?“

Mulder nickte und ergänzte:

„Aber machen Sie sich keine Sorgen, Sie haben in der letzten Viertelstunde nichts verpasst. Ich habe Sie nur geweckt, weil wir gerade die Zugangsstraße erreicht haben, wir sind also gleich da... falls Sie sich noch mal zurecht machen wollen...“

Zurecht machen? Aber das hatte sie doch schon! Verwirrt runzelte Scully die Stirn und warf einen Blick in den Spiegel.

„Oh.“ Mehr brachte sie nicht heraus.

Ihre Haare waren vom Schlafen zerzaust – nicht stark, aber stark genug, um sie als Wischmob durchgehen zu lassen. Wenigstens war das Make-up noch da, wo es hingehörte.

Sich dem notwendigen Übel fügend kramte Scully in ihrer Handtasche nach dem Kamm, den sie vorsorglich doch noch eingesteckt hatte, und begann dann den verzweifelten Versuch, zu retten, was noch zu retten war. Wenn sie wenigstens nicht mehr so müde gewesen wäre... Der Abend war noch lang, also würde sie sich gleich erst einmal einen Kaffee bestellen...oder vielleicht doch lieber einen Espresso?

Mulder pfiff durch die Zähne und brachte sie so dazu, ihren Blick vom Spiegel zu lösen und ihn anzusehen. Schweigend deutete er nach vorn. Scully blickte in die angegebene Richtung und staunte.

Wie aus dem Nichts war das Omni Shoreham ein paar hundert Yards vor ihnen aufgetaucht. Inmitten verschneiter Tannen wirkte es wie ein riesiges Märchenschloss, das in einem verwunschenen Zauberwald auf den edlen Prinzen wartet, der die gefangene Prinzessin befreit um dann mit ihr in den Sonnenuntergang zu reiten...

Doch auch ohne Prinz und Prinzessin wirkte es magisch. Große Scheinwerfer strahlten die helle Fassade indirekt an, und scheinbar jedes Fenster war mit kleinen Lichterketten winterlich geschmückt.

„Das ist wunderschön...“, murmelte Scully verträumt und nahm kaum wahr, wie Mulder beipflichtend nickte.

Langsam fuhren sie über die schneebedeckte Zufahrtstraße, die auf beiden Seiten von kleinen, runden Lampen gesäumt wurde. Vor dem Omni Shoreham reihten sie sich in die kurze Schlange wartender Fahrzeuge ein.

„Ach nein, ist das nicht Agent Wilmore?“, fragte Mulder wenig später und deutete auf einen jungen Mann, der gerade vor dem Portal ausgestiegen war und seine Fahrzeugschlüssel dem Pagen übergab.

„Der fährt doch sonst auch keinen Mercedes...“

Scully zuckte mit den Schultern.

„Sie sind also nicht der einzige, der auf die Idee gekommen ist, sich für heute Abend ein Auto zu leihen...“



Langsam aber beständig ging es vorwärts, und schließlich waren sie an der Reihe. Ein Portier in einer vornehmen, dunkelroten Uniform öffnete Scully die Tür, wünschte ihr höflich einen guten Abend und bot ihr eine Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Dankbar nahm Scully das Angebot an.

Als sie die Beine aus dem Auto schwang, wehte ihr die eiskalte Winterluft um die Beine und sie zog sich schnell hoch. Dann wandte sie sich zu Mulder um, der soeben sichtlich widerwillig seine Autoschlüssel abgab und dann um den Wagen herum auf sie zu kam.

Scully nahm wahr, dass der gesamte Einfahrts- und Eingangsbereich sowohl gefegt als auch gestreut war, und obwohl es durchgehend schneite schien es das Personal mühelos zu schaffen, diesen Zustand beizubehalten.

Als Mulder sie erreichte, bot er ihr den Arm an. Scully hakte sich ein und ihr Atem bildete eine weiße Wolke vor ihrem Gesicht als sie sich bedankte. Gemeinsam schritten sie erwartungsvoll auf das große, weit geöffnete Portal zu, durch das ihr Blick in eine wunderbar geschmückte und festlich beleuchtete Eingangshalle fiel.



*



Omni Shoreham, 19.55 Uhr



Im großzügigen Foyer des Hotels sahen sich Mulder und Scully sofort – wie alle anderen Neuankömmlinge - von aufmerksamen Angestellten umringt, die ihnen aus den Mänteln halfen und sich dann anboten, sie in den reservierten Restaurant-Saal zu führen. Dankbar nahmen die beiden Agents das Angebot an und folgten dem jungen Mann, der ebenso wie der Portier vor dem Hotel eine dunkelrote Uniform trug.

Im Laufen sah Scully sich fasziniert um. An der einladenden Rezeption sah sie den Concierge hoheitsvoll über das Geschehen wachen und dann und wann dezent Anweisungen an seine Untergebenen weitergeben. Als sie an den Aufzügen vorbeikamen, lächelten sie die beiden Liftboys höflich unter ihren roten Mützen an, so dass Scully sich sofort an alte, amerikanische Kinofilme erinnert fühlte und das Lächeln erwiderte.

Im Hintergrund der Eingangshalle wirbelten Zimmermädchen umher und sorgten dafür, dass die Jacken und Mäntel an die Garderobe gehängt wurden und dass auch sonst alles lief wie geplant.

Scully hatte sich wieder bei Mulder eingehakt, auch wenn sie kurz gezögert hatte. Aber warum sollte sie nicht? Sie war schließlich mit ihm als Begleitung hier - beziehungsweise er mit ihr, je nachdem, wie man die Sache betrachtete. Auch wenn dieser Umstand nur weitere Gerüchte und Spekulationen darüber nähren würde, ob sie ein Paar waren. So oft hatte sie sich schon über das Getuschel der Kollegen geärgert, sie hatten ja nicht einmal den Mut sie oder Mulder persönlich darauf anzusprechen.

Scully seufzte. Manchmal stand sie kurz davor, einen Aushang am Schwarzen Brett zu machen...

Davon wollte sie sich jetzt aber nicht die Stimmung verderben lassen, nicht an diesem Abend. Sollten die anderen denken, was sie wollten!



Der weiche Teppichboden dämpfte ihre Schritte als der Butler sie durch einen hohen Gang direkt in das Restaurant führte, sich dann verbeugte und zurückzog.

Scully blickte sich in dem Raum um. Die Luft war erfüllt von Stimmengewirr und leise klirrenden Gläsern, und natürlich durfte die dezente Musik im Hintergrund nicht fehlen. Die meisten der Kollegen waren auch schon da, darunter viele bekannte Gesichter. Alle hatten sich fein heraus geputzt und standen in Grüppchen im Saal verteilt, an einem Glas Sekt nippend.

„Ach ja, der Sektempfang...“, hörte Scully Mulder neben sich murmeln. Sie wusste, dass er keinen Sekt trank – jedenfalls nicht mehr seit der letzten Betriebsfeier, bei der ihm der Sekt sofort zu Kopf gestiegen war und es einige peinliche Szenen gegeben hatte. Scully grinste. Peinlich, aber dennoch äußerst amüsant.

Schon kam eine junge Kellnerin auf sie zugeeilt und bot ihnen auf einem Silbertablett gefüllte Sektgläser an. Scully nahm sich dankend eins, während Mulder ablehnte.

„Kann ich Ihnen etwas anderes bringen, Sir?“, fragte die Kellnerin, worauf Mulder den Kopf schüttelte. „Nein, danke. Vielleicht später.“

Die junge Frau nickte und stand bereits vor dem nächsten Paar, das soeben den Saal betrat.

Langsam durchquerten Mulder und Scully den Raum und beratschlagten noch, wo sie sich am besten eingruppieren sollten, als Mulder nach rechts deutete. „Sehen Sie, da ist Skinner.“

„Sollen wir zu ihm gehen?“ Fragend sah Scully ihn über den Rand ihres Sektglases hinweg an.

Mulder nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern. „Warum nicht. Er wird uns jedenfalls keine peinlichen Fragen über unsere Arbeit stellen und dumme Witze über kleine grüne Männchen reißen...“ Er rollte mit den Augen und Scully lächelte. Wie wahr!

Skinner hatte sie auch bereits gesehen und winkte ihnen zu. Er stand ein wenig abseits - wie bestellt und nicht abgeholt, dachte Scully amüsiert. Gemeinsam mit Mulder ging sie auf ihn zu und begrüßte ihn.

„Guten Abend, Skinner. Wie geht’s?“, fragte Mulder flapsig, als sie sich die Hände reichten.

„Mulder, Scully. Einen schönen guten Abend. Und zu Ihrer Frage, wie es mir geht...“, Skinner wiegte abwägend den Kopf. „...ich könnte mich nicht besser beklagen.“ Er grinste.

Scully wandte sich ihm zu. „Sir, wissen Sie, wie das Programm heute Abend aussieht?“

Skinner nahm einen Schluck Sekt und entgegnete dann: „Keine Jongleure oder Bauchtänzerinnen, wenn sie das meinen. Gleich werden wir zu Tisch gebeten – freie Platzwahl übrigens, also nur nicht zögern – und der Direktor hält eine Rede.“

Mulder seufzte theatralisch.

„Das übliche Blabla?“

Skinner nickte.

„Das übliche Blabla. Wie toll das Jahr war, wie gute Arbeit wir alle doch geleistet haben und was er sich und uns allen für das wunderbare nächste Jahr wünscht.“ Mit verklärtem Blick sah er in sein Sektglas. „Ich wünschte, ich wäre nicht gekommen...“

Scully wollte gerade etwas entgegnen, als ein lauter Gong ertönte. Sofort herrschte Stille im Raum und eine Frauenstimme verkündete:

„Ich bitte Sie nun, Platz zu nehmen. Zu Tisch!“

Beifall klatschend begann die Menge, sich in Richtung der festlich gedeckten Tafeln zu schieben. Schmunzelnd nahm Scully wahr, dass Skinner keinen Moment zögerte, sondern sofort losstürmte und drei Plätze am Fenster für sie „reservierte“. Es war erstaunlich, wie Menschen, die man nur beruflich kannte, sich privat verhielten...

Trotzdem war Scully ihm dankbar, denn Sekunden später waren praktisch alle guten Plätze belegt, und das – wenngleich halb scherzhafte – Gerangel um die verbliebenen Stühle begann.

Als sie sich auf ihrem Platz zwischen Mulder und Skinner niederließ, warf sie einen Blick in die Runde. Ihr gegenüber saß Agent Spencer aus der Drogenfahndung, neben ihm Agent Lindy Miller, Spezialistin für Sprengstoff, wenn Scully sich recht erinnerte. Die übrigen Tischgenossen waren ihr unbekannt, sicher Lebenspartner oder Angehörige, und so warf sie einen Gruß in die Runde.

Ihr Sitzplatz gefiel ihr sofort. Der goldene Platzteller war mit Nüssen und Tannenzweigen dekoriert, das Tischtusch mit glitzerndem Konfetti bestreut, in dem sich das Licht der Kronleuchter brach. Doch am besten gefiel ihr...

„Schauen Sie nur, Mulder, kann von hier sogar das Washington Monument sehen.“ Ihre Augen glänzten und Mulder nickte.

„Finde ich auch gut, aber im Moment interessiert es mich mehr, was es zu essen gibt. Sehen Sie irgendwo eine Karte?“ Sein Blick wanderte suchen über den Tisch.

Scully lachte.

„Sie sind wirklich unverbesserlich. Wahrscheinlich würde das Monument sie nur interessieren, wenn ein Raumschiff darauf landen würde...“ Damit brachte sie auch Mulder zum Lachen.

„Kann schon sein, dass Sie damit Recht haben, Scully. Sie waren schon immer die Kulturinteressiertere von uns beiden. Aber nun würde ich wirklich zu gerne wissen, wo sich die Menükarte versteckt...“

Lachend reichte Scully sie ihm und beobachtete verschmitzt lächelnd, wie er sich begeistert darin vertiefte. Die Atmosphäre war heiter und entspannt, es deutete also alles darauf hin, dass es ein schöner Abend werden würde...
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