World of X

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Jason

von KajaM

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Lone Gunmen Hauptquartier
Baltimore, Maryland





Meine Hände, in denen ich das weiße Stück Papier halte, fangen an zu zittern. Ich kann es nicht ändern; sie tun es einfach. Ich lese den Brief wieder und wieder... und doch ist es so, als würden die Worte an mir vorbeiziehen. Ich starre das Blatt an, kopfschüttelnd, ungläubig, in gewissem Sinne fassungslos. Die Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf, ganz zu schweigen von den Gefühlen unterschiedlichster Art in meinem Herzen.

Plötzlich hält mich nichts mehr in meinem Zimmer. Hastig erhebe ich mich von meinem Bett. Ich weiß nicht, wie ich es Byers und Frohike erklären soll. Ich fürchte ich kann es ihnen nicht erklären, oder jedenfalls jetzt noch nicht. Sie würden mich nicht verstehen oder zumindest versuchen mich davon abzuhalten unüberlegt und planlos loszustürzen.

Ich verlasse das Zimmer und gebe mich mit großen, eiligen Schritten durch unsere Redaktionsräume auf der Suche nach meinen beiden Kumpels. Ich finde Frohike beim Tüfteln an seinem Foto-Equipment vor, während Byers konzentriert vor dem Computerbildschirm klebt und an einem Artikel für die neueste Ausgabe des „Lone Gunman“ schreibt. Beide sind in ihre Arbeiten vertieft, so dass sie meine Gegenwart gar nicht wahrnehmen.

Ich könnte mich verdrücken, ohne dass einer von ihnen es überhaupt bemerkt. Dennoch bin ich mir dessen bewusst, dass es dieses Mal ein großer Fehler wäre. Es ist nichts Neues für sie, wenn ich plötzlich verschwinde. Es dauert meist Stunden, manchmal fast einen ganzen Tag, bis ich wieder zurückkehre. Schon vor vielen Jahren haben sie es aufgegeben, sich über mein kommentarloses Verschwinden aufzuregen und mich „umerziehen“ zu wollen. Sie wissen, dass ich das ab und an einfach brauche. Keiner der beiden fragt, wohin ich gehe oder was ich treibe. Und um ehrlich zu sein... ich finde es gut so.

Doch dieses Mal ist es anders. Ich werde nicht nach ein paar Stunden zurückkehren, auch nicht nach einem Tag. Ich weiß nicht, wie lange ich fortbleibe. Denn dieses Mal habe ich andere Beweggründe als sonst. Mich leiten gewisse Motive... äußerst persönliche Motive.

Ich kann es ihnen nicht zumuten, mehrere Tage ohne ein Wort zu sagen fortzubleiben. Ich sorge mich um Frohike und Byers, genauso wie sie sich um mich sorgen..., auch wenn wahrscheinlich keiner von uns es einem anderen gegenüber zugeben würde... und möchte ihnen nicht unnötigen Kummer bereiten.

„Jungs, ich bleibe für eine Weile weg“, sage ich laut, um auch wirklich sichergehen zu können, dass sie es mitbekommen.

Byers blickt mich flüchtig über seine Schulter hinweg an, wendet sich dann wieder seinem Artikel zu. „Ist in Ordnung“, brummt er vor sich hin. Frohike blickt gar nicht erst von der Kamera auf, an der er gerade mit großem Eifer herumschraubt.

„Ja, ja...“, zischt er angestrengt durch die Zähne, während er unter enormen Kraftaufwand versucht eine Schraube des Gehäuses zu lockern. „Ich mache heute Abend dein Lieblingsgericht, Käsesteaks“, stöhnt er erleichtert, als die widerspenstige Schraube schließlich unter seinen Fingern nachgibt, „nur so als kleiner Wink mit dem Zaunpfahl, falls du vorhast wieder die ganze Nacht herumzustreunen.“

Bedrückt schaue ich zu Boden und spüre das schlechte Gewissen in mir aufkommen. „Ich... ich...“, stammle ich nervös und weiß nicht, wie ich es ihnen am besten beibringen kann. „Ich komme heute Nacht nicht mehr wieder. Es werden wohl einige Tage sein.“

Überrascht schauen mich nun beide an und wechseln einen verwirrten Blick untereinander.

„Was hast du denn vor?“, fragt Byers und zieht skeptisch eine Augenbraue hoch.

„Es ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich kann es euch nicht in wenigen Worten erklären. Ich weiß im Moment ja selbst nicht, wo mir der Kopf steht.“

„Es ist doch alles in Ordnung mit dir, oder etwa nicht, Langly?“. Frohike sieht mich prüfend an, geradezu so, als würde er durch mich hindurchsehen wollen. Doch sein Blick spricht eine andere Sprache. Er macht sich Sorgen, das ist nicht zu übersehen.

„Keine Angst, Mel“, versichere ich ihm, „ich bin okay. Ich werde euch alles erklären, wenn ich wieder da bin.“

Byers setzt zu einem widersprechenden Protest an, schließt seinen Mund jedoch sogleich wieder. Er weiß, dass sein Einwand bei mir auf taube Ohren stoßen wird. Sein Blick wandert zu Frohike. Sie schauen sich einen Moment schweigend an.

„Nun gut“, seufzt Frohike schwer. „Aber pass auf dich auf, Ringo!“

Mit diesen letzten Worten lassen sie mich gehen...













Einige Stunden später
In einem Flugzeug Richtung Chicago





Ich habe mir nie viel aus Frauen gemacht. Und noch weniger aus all jenem albernen Gerede über die große, wahre Liebe, die alle bisher dagewesenen Gefühle oder sogar das ganze Leben eines Menschen auf den Kopf stellen kann. Auch habe ich meine beiden Freunde nie wirklich verstanden.... Byers, der sich vor vielen Jahren auf den ersten Blick unsterblich in die Wissenschaftlerin Susanne Modeski verliebt hatte und Frohike, dessen Gefühle für die zierliche Agentin Dana Katherine Scully weit über seine gewöhnliche sexuelle Lust nach einer attraktiven Frau hinausgingen. Sicher, ich muss zugeben, dass beide Frauen verdammt gut aussehen und gewissermaßen absolut scharf sind. Doch genau dies spiegelt in perfekter Weise meine frühere Einstellung zu Frauen wieder: Sie waren für mich eine nette Nebensache im Leben, mit denen man großen Spaß haben konnte... sexuell gesehen. Doch damit hatte es sich auch schon erledigt in puncto „schönes Geschlecht“. Nie hatte es ein weibliches Wesen geschafft, meine Aufmerksamkeit und mein Herz so sehr für sich zu gewinnen, dass sie mein Leben vollkommen hätte aufwühlen können.



Keine Frau..., bis auf Faith.



Wenn ich mich aus dem Staub gemacht habe aus unserem Hauptquartier, so war es tatsächlich nur selten, um Spaß zu haben, beispielsweise bei einer guten Runde Poker. In den meisten Fällen war es eine Flucht... eine Flucht vor unserem Alltag, der aus Verschwörungen und der oftmals vergeblichen Wahrheitssuche besteht. Auch manches Mal eine Flucht vor den Jungs, die ich meine besten Freunde, nein, vielmehr meine Familie nenne.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich liebe sie alle beide. Sie sind zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich weiß, dass ich immer auf sie zählen kann, was auch kommen mag. Aber ein Job wie der, den wir drei ausüben - Journalisten im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit - kann einen an so manch einem Tag einfach zu Boden werfen und auf grausamste Weise auf einem herumtrampeln. So bewusst man sich auch sein mag darüber, dass man für eine gute und ehrliche Sache kämpft, so schmerzhaft ist es zu versagen. Und Niederlagen sind über die Jahre ständige Begleiter in unserem Schaffen gewesen. Es gab Momente, in denen ich mich wie ein elendiger Versager fühlte, in denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte und weggelaufen wäre. In diesen Momenten ertrug ich ebenfalls die Gegenwart von Byers und Frohike nicht mehr. Ich wollte sie hassen, sie dafür verantwortlich machen, dass ich mich mies fühlte. Aber ich wusste, dass ich kein Recht dazu hatte, denn ich allein war der Grund für meinen Zustand.

Also lief ich tatsächlich weg. Zumindest für einige Stunden. Ich trieb mich entweder allein in der Gegend herum oder streifte von Bar zu Bar, Freund Alkohol jedes Mal als treuen Gefährten an meiner Seite.



Eines Abends traf ich Faith. Es war in einer dieser Bars, in denen sich viele von meinen Hackerkumpeln herumtreiben, allesamt merkwürdige Gestalten, viele von ihnen gescheiterte Existenzen und potentielle Spinner. Ich war für die späte Uhrzeit noch erstaunlich nüchtern, als ich sie plötzlich allein in einer stillen Ecke sitzend entdeckte. Sie saß einfach nur da, spielte an ihrer Flasche Bier herum, beobachtete die Leute.

Rein äußerlich betrachtet hätte sie sogar in dieses „toughe“ Milieu passen können... hautenge Hose aus schwarzem Leder; hellgraues, enges Shirt unter ihrer ebenfalls schwarzen Lederjacke; blaugetönte Brille; große, runde Ohrringe; allerlei silberne Ringe an ihren Fingern.

Und doch wirkte sie so vollkommen fehl am Platz. Sie war so wunderschön mit ihrem sinnlichen Mund; den schönen hellbraunen Haaren, die ihr geschmeidig auf die Schultern fielen; der sanften Röte ihrer Wangen. Es mag albern klingen, aber sie erschien mir wie eine Göttin inmitten einer verschlagend dreinschauenden, gierig nach ihr geifernder Horde von Barbaren. Ich wollte nicht eines von diesen sabbernden Scheusalen sein, aber es fiel mir so unheimlich schwer meine Augen von ihr zu lassen. Ich wagte hin und wieder einen vorsichtigen Blick zu ihr hinüber, bis sich unsere Augen mit einem Mal begegneten. Ich wäre in jenem Moment am liebsten im Erdboden versunken dafür, dass ich sie so offensichtlich angestarrt hatte. Aber sie lächelte freundlich und winkte mich einladend zu ihr hinüber.

An den Rest des Abends habe ich nur noch verschwommene Erinnerungen... fast traumähnlich, eben zu schön, um wahr zu sein. Ich könnte heute gar nicht mehr sagen, worüber wir uns den ganzen Abend unterhalten haben. Allzu gut kann ich mich jedoch noch an das Gefühl der enormen Aufregung erinnern, dass ich in ihrer Gegenwart verspürte und daran wie ich mich immer wieder selbst ermahnen musste sie nicht *zu* sehr anzustarren.

Wir verabredeten nach dieser ersten Begegnung in den darauffolgenden Wochen einige Male. Die Jungs kapierten recht schnell, was los war und begannen mich aufzuziehen... nicht auf boshafte Weise, aber sie rieben es mir unter die Nase, dass ich mich nun genauso aufführte wie die Kerle, über die ich früher selbst so schonungslos herzogen habe. Und sie hatten wirklich Recht... ich war tatsächlich verliebt, einer dieser „verliebten Trottel“. Und es störte mich noch nicht einmal.



Aber schließlich sah ich auch mehr in Faith, als ich je zuvor in einer anderen Frau gesehen hatte. Sie war nicht einfach nur eine „Sexgeschichte“. Faith war intelligent, gebildet, clever und eine hervorragende Gesprächspartnerin. Wir waren vom gleichen Schlag. Beide Hacker, die sich einige Feinde gemacht hatten im Laufe der Jahre, beide auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, beide wanderten wir auf dem schmalen Grat zwischen Gesetz und Verbrechen, zumeist mit einem Fuß schon fast im Knast und unter ständiger Bedrohung und Gefahr. Ich entdeckte eine verwandte Seele in ihr. Sie öffnete mir die Augen für die kleinen, auf den ersten Blick belanglosen, doch wunderschönen Dinge des Lebens.

Wenn ich zurückblicke auf unsere gemeinsame Zeit, so erinnere ich mich besonders gerne an diese magischen Momente mit ihr. Ich erinnere mich an einen Spaziergang an einem herrlichen Sommertag. Plötzlich hatte es angefangen in Strömen zu regnen. Statt sich irgendwo unterzustellen, zog Faith mich hinaus in den Regen. Sie schlang ihre Arme fest um meinen Körper und küsste mich ganz zärtlich auf den Mund, während die warmen Tropfen auf uns herabprasselte.

Ich erinnere mich an die Momente, in denen wir einfach beieinander lagen, ihr Kopf auf meiner Brust... gemeinsame Atemzüge, gemeinsam pochende Herzen..., oder an unsere stundenlangen Gespräche. Ich glaube ich habe mich nie einem Menschen so sehr offenbart wie Faith gegenüber.

Ich erinnere mich zugegebenermaßen auch gerne an besonders intime Momente. Faiths leidenschaftliche Küsse auf meiner nackten Haut; ihre Hände, die sich fest um meinen Hals klammerten, während sich ihre Hüften rhythmisch auf meinen bewegten.

Ich erinnere mich an ihre freudestrahlenden, dunkelbraunen Augen und das heitere, lebenslustige Lachen. Noch heute kann ich es deutlich in meinen Ohren hören, wenn ich die Augen schließe und mich darauf konzentriere.



Faith hatte Feinde... viele Feinde. Sie erzählte mir nur wenig über ihre beruflichen Angelegenheiten. Zu gefährlich, hieß es immer. Trotz aller Schwierigkeiten und Ängste verlor sie nie ihre Begeisterung und Freude am Leben. Ich war der starken Überzeugung, sie stehe über alledem und würde sich durch nichts und niemanden unterkriegen lassen.

Bis ich eines Nachts vom Gegenteil überzeugt wurde. Ich wachte auf und sie lag nicht mehr in meinen Armen. Ich entdeckte sie am Fenster stehend. Tränen liefen ihre Wangen hinab, und als ich meine Hände behutsam auf ihre Schultern legte, spürte ich, wie sie zitterte. Sie hatte Angst. Sie hatte Angst um ihr Leben, so erzählte sie mir, denn sie habe sich vor kurzem einen Feind geschaffen, dem sie nicht ohne weiteres entkommen würde. Ich versuchte sie zu beruhigen, versicherte ihr, dass ich sie beschützen werde, egal was kommen möge und schaffte es schließlich irgendwie, sie in einen unruhigen, aber immerhin festen Schlaf zu bringen.

Als ich am Morgen aufwachte, war sie verschwunden. Ich suchte in unserem ganzen Gebäude nach ihr in der Hoffnung, sie in einer stillen Ecke zu entdecken.



Ich sah sie nie wieder.



Und doch brach sie den Kontakt zu mir nie ab. Wenige Tage später erhielt ich einen Brief ohne Absender. Ich öffnete ihn. Er war von Faith. Sie schrieb, dass sie mich so plötzlich hatte verlassen müssen, weil sie nicht mehr sicher war in Baltimore. Ihr großer Feind war ihr auf die Schliche gekommen und da sie mich nicht auf noch in Gefahr bringen wollte, sei sie sofort gegangen.

Ich erhielt alle paar Wochen, spätestens alle paar Monate einen Brief, in dem sie mir mitteilte, wie es ihr ging, was sie trieb, dass sie sicher war, mich vermisste und liebte.

Einige Monate, nachdem sie mich verlassen hatte, kam ein Brief mit einem Foto: Faith mit einem kleinen, süßen Baby in den Armen. Die Rückseite des Fotos war mit einer Anmerkung Faiths versehen...



.... unser Söhnchen Jason.



Ich versuchte sie umgehend ausfindig zu machen. Sie war schwanger gewesen, als sie fortging und hatte mir nicht ein Wort davon gesagt. Ich war Vater und hatte monatelang nicht den Hauch einer Ahnung gehabt. Ich wollte zu ihr, mit ihr reden, für sie da sein... für unser Kind da sein. Aber meine Versuche sie zu finden blieben erfolglos. Faith Carrie galt offiziell als vermisst. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie selbst durch einen Hack dafür gesorgt hatte und vermutete, dass sie mit neuem Namen irgendwo in den Staaten herumirren musste. Das zumindest entnahm ich auch den Poststempeln auf ihren Briefen, die jedes Mal von einer anderen Stadt abgeschickt worden waren. Es bereitete mir großen Kummer, nicht zu ihr gelangen zu können.

Alles was mir blieb, waren ihre gelegentlichen Briefe.

Sie schickte immer häufiger Bilder von Jason mit. Auf den Babyfotos war er ein süßer kleiner Wonneproppen mit dicken Pausbäckchen und lange Zeit fast haarlos. Dann wurde er größer und mit der Zeit begann der Babyspeck zu verschwinden, auf dem einstmals fast kahlen Köpfchen wuchsen strohblonde Haare.

Vor rund einem Monat erhielt ich einen Brief von Faith, dieses Mal mit Adresse, und zwar aus einem kleinen Vorort von Chicago. Sie teilte mir mit, dass sie sich dort sesshaft gemacht hatte. Im Laufe der Jahre hatte Faith sich davon überzeugen können, dass sie und Jason endlich in Sicherheit waren. Also hatte sie schließlich beschlossen, einen festen Platz zum Leben für sie beide zu schaffen, an dem Jason, vor kurzem vier Jahre alt geworden, in den Kindergarten gehen und mit seinen kleinen Freunden aufwachsen konnte. Sie schrieb, wie sehr sie sich nun wünsche, dass Jason endlich seinen Daddy kennen lernen könne und lud mich ein, möglichst bald vorbeizukommen.

Kurz darauf rief sie mich in der Redaktion an. Ich konnte es kaum fassen ihre Stimme das erste Mal seit über vier Jahren zu hören. Sie klang noch genauso wundervoll, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich war so glücklich wieder mit ihr reden zu können.

Wir redeten stundenlang über Gott und die Welt. Faith erzählte mir viele Geschichten über Jason und ich stellte ihr dutzende Fragen. Ich wollte alles über meinen kleinen Jungen wissen. Zum Schluss vereinbarten wir, dass ich die beiden in drei bis vier Wochen, wenn mein Job mir ein wenig Raum für einen kurzen Urlaub erlauben würde, für einige Zeit besuchen würde.



Doch es sollte nicht dazu kommen, dass ich sie wiedersehe.

Gestern erhielt ich diesen Brief aus Chicago, diesen ungemein schrecklichen Brief. Er war dieses Mal nicht von Faith, aber es ging um sie und Jason. Das Kinder- und Jugendamt lud mich, als Jasons leiblicher Vater, zu einer Sorgerechtsbesprechung ein. Faith, Jasons rechtliche Erziehungsberechtigte, so teilte man mir bedauernd mit, war bei einem Autounfall ums Leben gekommen...





Jetzt sitze ich hier, in diesem Flugzeug nach Chicago und meine Gedanken kreisen wie verrückt um dieses schreckliche Ereignis, um meine geliebte Faith, um unseren Sohn Jason...



Gestern Nacht - Frohike und Byers wollten raus aus unserem Hauptquartier, etwas unternehmen und mich mitschleppen. Ich gab vor, dass ich mich nicht besonders wohl fühle. Als sie gegangen waren, schloss ich mich in meinem Schlafzimmer ein und schrie, tobte... und weinte um Faiths Tod.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in meinem Leben geweint habe. Aber gestern Nacht wurde ich daran erinnert, wie sehr es schmerzen kann.



Nun habe ich wieder einen einigermaßen klaren Kopf und bin doch vollkommen aufgewühlt, besorgt und ängstlich. Auf einmal wird es mir so klar, wie noch nie zuvor: Ich bin Vater!

Ich... der Chaot, der ich ohne Zweifel bin. Ich... der rücksichtslose Mistkerl, der ich manchmal sein kann... der Kerl, der den Mund aufreißt, ohne seine Worte zuvor vorsichtig zu wählen und der damit sogar den Menschen, die ihm so viel bedeuten, sehr wehtun kann. Ich... der ich manchmal selber noch ein Kind bin!

Bin ich denn überhaupt wirklich in der Lage ein Kind großzuziehen? Bin ich in der Lage einem Kind das glückliche und unbeschwerte Leben zu ermöglichen, das es verdient? Kann ich ein guter Vater sein?

Ich habe Angst.









Etwas später

In einem Kinderheim, Nähe Chicago





Mit großer Anspannung wandere ich ruhelos durch das Büro der Leiterin des Kinderheims. Wir werden vieles zu besprechen haben, wenn die Sachverständige des Jugendamtes, die für Jason zuständig ist, hier erst einmal eingetroffen ist. Vieles über meine Voraussetzungen und Chancen das Sorgerecht zu erhalten, über die Verantwortungen und Bedingungen, die mit dem Sorgerecht für ein Kind verbunden sind...



Doch erst werde ich Jason sehen.

Endlich, nach so vielen Jahren.



Die Tür öffnet sich und die Leiterin des Kinderheims tritt herein. Sie lächelt mich zuversichtlich und vielversprechend an, als sie ihre Hand in Richtung der halboffenen Tür von sich streckt. Plötzlich wird ihre Hand zielsicher von einer winzigen Kinderhand ergriffen.



Ich kann es nicht fassen, als er schließlich in geringer Entfernung vor mir steht. Er sieht genau aus wie sie...

Er steht dicht neben der Heimleiterin und klammert sich an ihre Hand. Sein Blick scheint verunsichert, aber voller Neugier. Er lächelt schüchtern.

Er hat das gleiche verschmitzte Lächeln wie Faith, er hat ihre wundervollen dunklen Augen. Lediglich das strohblonde Haar, das strubbelig und zerzaust über das rote Kopftuch fällt, das er um die Stirn gebunden hat, hat er von mir. Ja selbst an seiner Kleidung kann man sehen, dass er unser gemeinsames Kind ist... das Kopftuch, eine hellblaue Jeansjacke, deren noch immer zu lange Ärmel hochgekrempelt wurden, und ein dunkle Baggyjeans mit vielen Taschen. Er sieht aus wie ein kleiner, wilder Rebell.



Ich gehe in die Hocke und strecke Jason meine Arme entgegen. Nach kurzem Zögern fällt er mir um den Hals. Ich drücke ihn ganz fest an mich.



Ich weiß nicht, ob ich ein guter Vater sein kann. Ich weiß nicht, ob ich Verantwortung für ein so kleines und noch so hilfloses Wesen tragen kann. Ich weiß nicht, ob ich ihm ein glückliches Leben kann.



Aber ich weiß, dass ich nicht auf mich allein gestellt sein werde. Frohike und Byers werden mir helfen, wo sie nur können, dessen bin ich mir ganz sicher.

Und ich weiß, *dass* ich ein Vater bin. Und das ist in diesem Moment alles, was zählt!





Ende
Ich weiß, dass diese Story eine sehr ungewöhnliche und wahrscheinlich absolut unerwartete Seite von Langly zeigt. Ich bin mir selbst nicht besonders sicher, ob ich Langlys Charakter in etwa getroffen habe oder nicht, geschweige denn, ob die Geschichte glaubwürdig ist. Ich hoffe auf ein wenig Feedback, damit ich weiß, was mir gelungen ist und in welchen Punkten ich mich verbessern kann. Vielen lieben Dank, Eure KajaM
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