Das Brummen der Neonröhre an der Decke war das einzige Geräusch im fensterlosen Kellerbüro. Dana Scully balancierte ihren Coffee-to-go auf einem Aktenstapel, während sie versuchte, ihre Jacke auszuziehen. Die Luft war abgestanden, und der Geruch nach alten Papieren, Druckertinte und Mulders Lieblingspommesbude vom Vortag hing noch in der Ecke.
Mulder saß an seinem Schreibtisch, in der linken Hand eine dampfende Kaffeetasse mit einem abgenutzten „I Want to Believe“-Aufdruck, in der rechten eine dünne Akte. Das Neonlicht summte über ihnen, draußen vor dem Kellerfenster wehte Schnee durch das graue Licht des Dezembermorgens.
Scully trat ein, die kalte Luft noch in ihrem Mantel gefangen, und warf einen Blick auf die Tasse in seiner Hand. „Schon wieder die mit dem abblätternden Ufo?“
„Vertrautes gibt Halt, Scully.“ Er grinste nur und schob ihr eine Fotokopie über den Tisch. Schwarzweiß, unscharf. Ein Mädchen, Mitte zwanzig, tot auf dem Boden eines alten Hauses. Die Augen weit aufgerissen. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht – pure Angst. Nicht wie nach einem Herzinfarkt. Eher wie jemand, der gesehen hat, was man nicht sehen darf.
„Was sehe ich mir da an, Mulder? Abgesehen vom Offensichtlichen.“
Mulder amüsierte sich immer wieder darüber, seine Partnerin für einen Moment im Unklaren zu lassen. Und gerade als sie ihm diesen Blick zuwarf – jenen, den er längst als stumme Warnung zu deuten wusste –, begann er zu sprechen: „Sophie Langdon. Gefunden letzte Woche in Vermont. Kein Hinweis auf äußere Gewalt, keine Toxine im Blut, kein medizinischer Grund für ihren Tod. Der Gerichtsmediziner nennt es ‚psychogenen Schock.‘“
Scully hob eine Augenbraue. „Du meinst, sie hat sich... zu Tode erschreckt?“
Mulder nickte. „Das ist aber noch nicht alles. Die junge Frau ist im Haus ihrer Mutter gestorben. Die war drei Wochen zuvor ebenfalls dort tot aufgefunden worden – offiziell Herzstillstand. In der gleichen Etage. Gleicher Ausdruck im Gesicht.“
„Ich nehme an, die örtliche Polizei hat dafür keine natürliche Erklärung?“
„Nein. Aber die Nachbarn schon. Sie sprechen von einem Geist. Dem Whisper Man. Eine lokale Legende. Angeblich ein Flüstern, das deine eigenen Geheimnisse kennt. Deine Schuld. Und das dich damit... bricht.“
Scully seufzte leise, nahm die Fotos zur Hand und warf einen kurzen Blick auf die beigelegte Polizeinotiz.
„Mulder, du weißt, dass Angstzustände reale physiologische Reaktionen auslösen können. Auch tödliche. Wenn die Frau ohnehin labil war…“
„Das war sie nicht. Studentin, keine psychischen Vorerkrankungen. Aber ihre Mutter war in Therapie – wegen Depressionen und Schuldgefühlen. Und jetzt kommt das Interessante: Der Ort, in dem sie wohnen, heißt Haversville. Ein Dorf mit 300 Einwohnern und auffallend vielen Todesfällen ohne klare Ursache in den letzten 50 Jahren. Immer rund um dieses Haus.“
Scully musterte ihn, die Akte in der Hand, ihr Blick nüchtern.
„Und du denkst, das Haus ist... besessen?“
„Ich denke, es lohnt sich, ein paar Tage Winterurlaub in Vermont zu machen. Schnee, Kaminfeuer – und vielleicht ein Geist, der flüstert.“
Ein Moment Stille.
Scully nahm ihre Kaffeetasse wieder auf. „Solange der Geist mir morgens meinen Kaffee macht, bin ich dabei.“
Mulder grinste. „Ich pack schon mal das Diktiergerät ein.“
xXx
Die Straße wand sich wie ein schmaler, verschneiter Fluss durch das Tal. Dunkle Tannen neigten sich schwer unter dem Gewicht des Schnees, der Himmel war wolkenverhangen, und nur das leise Brummen des Motors durchbrach die winterliche Stille.
Fox Mulder beugte sich etwas über das Lenkrad, als würde es ihm helfen, besser durch das dichte Grau vor der Windschutzscheibe zu sehen.
„Siehst du das Schild?“ fragte er, und ein schmaler Finger zeigte durch das Glas auf ein verwittertes Holzschild am Straßenrand:
HAVERSVILLE – Founded 1873 – Small Town, Big Hearts.
„Klingt wie das Set eines Stephen-King-Fernsehfilms“, murmelte Scully, ohne aufzusehen. Sie blätterte in den Unterlagen, die auf ihrem Schoß lagen.
Mulder schmunzelte. „Dir fehlt die Romantik für verschneite Geisterstädte.“
„Mir fehlt der Glaube an einen Flüstermann.“ Sie sah auf. „Oder die Heizung.“
Die Fahrt nach Haversville verlief durch verschneite Hügel, kahle Bäume warfen lange Schatten über die Straße. Der Himmel war ein matter, eisgrauer Spiegel. In der Ferne ragten die Dächer des kleinen Orts empor, teils schon mit Lichterketten geschmückt, als wollte man der Dunkelheit trotzen.
„Ich hoffe, du hast warme Socken eingepackt“, murmelte Mulder und stellte die Heizung höher.
„Ich habe meine forensischen Handschuhe doppelt eingepackt. Wärmen besser als deine Weihnachtswitze.“
Der Ort selbst bestand aus nicht mehr als einem Dutzend Straßen, alten Häusern mit schneebedeckten Dächern und einer einzigen Ampel, die auch dann noch rot schaltete, wenn weit und breit kein Auto zu sehen war. Vor dem Sheriff’s Office hielt Mulder an. Über dem Eingang flatterte eine ausgebleichte Flagge, und auf einem Anschlagbrett hing unter Weihnachtsangeboten und einem vermissten Kater das Gesicht von Sophie Langdon – schwarzweiß, jung, still.
xXx
Sheriff Ellie Carson war eine Frau, die nicht leicht zu beeindrucken war. Ihre Haare waren zu einem praktischen Knoten gebunden, das Gesicht schmal und hart gezeichnet. Als sie Mulder und Scully in das kleine Büro führte, fiel ein leichtes Zittern auf ihre Hände – nicht aus Angst, eher aus Müdigkeit. Als hätte sie zu oft dieselben Fragen gehört und zu selten Antworten bekommen.
„Ich weiß nicht, ob Sie hier viel finden werden“, sagte sie, während sie eine Mappe auf dem Tisch aufschlug. „Aber ich weiß, dass mit diesem Haus etwas nicht stimmt.“
Die Akte enthielt Fotos – die, die Mulder bereits kannte, und einige neue. Innenaufnahmen. Das Wohnzimmer, kahl und unheimlich. Die Stelle im oberen Flur, wo man Sophie gefunden hatte. Ihre Augen weit aufgerissen, der Mund leicht geöffnet. Ein Gesicht, das mehr gesehen hatte als es hätte sehen sollen.
„Und die Mutter?“, fragte Scully.
Carson nickte. „Drei Wochen vorher. Herzversagen. Sie war allein im Haus. Ich dachte zuerst, es sei ein Zufall. Aber dann war da wieder dieser Blick… dieselbe Stelle. Dieselbe Kälte.“
„Und die Gerüchte über den ‚Whisper Man‘?“ Mulder beugte sich leicht vor.
Carson sah ihn an, als überlege sie, wie viel sie zugeben wollte. Dann atmete sie durch.
„Die alten Leute reden davon, seit ich denken kann. Ein Geist, der flüstert. Der dir ins Ohr sagt, was du bereust. Der dich zwingt, es wieder und wieder zu hören, bis du daran zerbrichst. Ich hab’s immer für Unsinn gehalten.“
„Und jetzt?“, fragte Mulder leise.
Ein kurzes Zögern. Dann sagte sie: „Jetzt schlafe ich nur noch mit dem Fernseher ein.“