Riverghost von Sam23

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Shenandoah National Park, 8. September 1999, 8:30



Mulder erwachte von dem mittlerweile vertrauten Geräusch des Regens oder besser gesagt vom Fehlen desselben. Er blinzelte und öffnete die Augen. Scully schlief friedlich an seiner Schulter und hatte einen Arm über seine Brust geschlungen. Mulder betrachtete sie einige Sekunden lächelnd und drehte dann den Kopf. Das Lächeln gefror auf seinen Zügen und er kniff die Augen zusammen. Von der Tür her bis zu der Stelle wo sie beide lagen, schlängelte sich eine Spur aus Pfützen, frischen Pfützen. Er drehte den Kopf und berührte Dana sanft an der Wange. Mit einem missmutigen Brummen öffnete sie die Augen.

„Was?“

„Jemand war hier“, flüsterte Mulder und die Worte vertrieben sofort den Schlaf aus ihren Zügen.

„Wer?“

„Keine Ahnung, aber wer auch immer es war, er hat Spuren hinterlassen.“

Dana stützte sich auf den Ellenbogen und blickte über Mulders Körper hinweg zur Tür. Ihre Augen weiteren sich. „Die Pfützen, die wir verursacht haben, müssten schon längst trocken sein.“

„Das denke ich auch.“

Mulder rappelte sich auf und griff nach seiner Waffe, die bei seiner inzwischen nur noch feuchten Hose lag. Er trat zur Tür und strich mit der Hand am Rahmen entlang. Auf Schulterhöhe spürte er eine Ablagerung und blickte auf seine Finger.

„Algen.“

„Algen?“

„Sieh dir das an.“

Dana trat neben ihn und begutachtete die grünliche Substanz auf seinen Fingern. „Du hast recht. Eindeutig Algen. Vielleicht hattest du welche an deinem Pullover kleben.“

„Vielleicht, aber wo sollten sich bei der Strömung im Fluss Algen absetzen?“, erwiderte Mulder gedankenverloren. Scully zuckte mit den Schultern. Darauf hatte auch sie keine Antwort.



Shenandoah National Park, 8. September 1999, 9:16



Dana Scully stand am Ufer des Flusses und starrte in die Fluten. Der Regen hatte alle Spuren der nächtlichen Katastrophe bereits wieder verwischt. Hier hatte sie Mulder ins Wasser rutschen sehen. Aber der Boden war eben und mit einer Mischung aus Kieselsteinen und Erde bedeckt. Die Gefahr auszurutschen und in den Fluss zu stürzen war eigentlich minimal. Und doch musste er ausgerutscht sein, denn kein Mensch hätte sich letzte Nacht im Fluss aufhalten können, dazu war die Strömung einfach zu tückisch.

Mulder trat neben sie und warf einen fast schon angstvollen Blick hinunter zum Wasser. Bis letzte Nacht hatte ihm das Element Wasser eigentlich nichts ausgemacht – er fürchtete sich vor einem ganz anderen Element. Aber das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, das Tosen und Rauschen und Auf und Ab. Mulder schüttelte den Kopf, um damit auch die Gedanken abzuschütteln. Er wandte sich an Scully.

„Es hat meinen Knöchel gepackt und mich hinunter ins Wasser gezogen. Jedes Mal, wenn ich wieder an die Oberfläche wollte, hat es mich tiefer in den Fluss hineingezogen.“

„Was wenn es nur ein Ast oder ein Felsen war, in dem deine Hose sich verhakt hat?“

Mulder schüttelte wild den Kopf. „Nein, es hat an mir gezogen. Ganz bewusst und gezielt. Das war mit Sicherheit kein Ast. Und dann war da dieses Lachen...“

„Lachen?“

„Ja, ich hab es deutlich gehört, bevor ich ohnmächtig geworden bin.“

„Mulder, das könntest du dir auch nur eingebildet haben.“

„Ich kann mich so gut daran erinnern, das war sicher keine Einbildung.“

„Aber . . .“

Dana Scully verstummte mitten im Satz und starrte gebannt flussabwärts. Da bewegte sich etwas zwischen den Büschen am Ufer. Mulder folgte ihrem Blick und hielt gespannt den Atem an. Beinahe gleichzeitig zogen die beiden FBI-Agenten ihren Waffen und gingen langsam am Ufer entlang auf die Stelle zu, an der das Gebüsch raschelte. Vorsichtig, um keinen unnötigen Laut zu machen, trat Mulder über einen Ast am Boden hinweg und hielt die Waffe fest auf den Busch gerichtet, dessen Äste sich immer noch bewegten. Dann war es plötzlich still. Mulder deutete Scully an, stehen zu bleiben. Was auch immer dort im Unterholz lauerte, es hatte sie anscheinend entdeckt. Mulder wartete einige Sekunden und stürzte dann plötzlich nach vorne. Hastig bog er die Büsche auseinander, doch in diesem Moment sprang ihn eine Gestalt an und wirbelte ihn zu Boden. Die Waffe entglitt seinen Fingern und schlitterte davon. Seine bereits lädierte linke Seite schmerzte höllisch, als er auf den Boden prallte. Er hörte Scully schreien, aber er konnte ihre Worte nicht verstehen. Mit beiden Händen versuchte er den wilden Angreifer von sich zu stoßen, was ihm nach zwei Versuchen schließlich gelang.

„FBI, keine Bewegung!“, brüllte Scully und zu Mulders Erstaunen hielt das Wesen wirklich inne. Schwer atmend stand es zwischen ihm und seiner Partnerin und sah ihn mit wilden Augen an. Nur das es kein Geist war, der ihn betrachtete. Es war ein alter Mann.

Mulder rappelte sich auf. „Was zum Teufel sollte das?“

„Hey, Sie sind auf mich losgegangen. Ich habe mich nur gewehrt.“ Der grauhaarige, schlanke Mann legte den Kopf schief. „Sie sehen nicht aus wie gewöhnliche Wanderer“, bemerkte er.

Mulder warf Scully einen vielsagenden Blick zu. Warum merkte immer jeder, dass sie nicht in die Natur gehörten? Mulder hob seine Waffe auf. „Wir sind vom FBI und auf der Suche nach der verschwundenen Maggie McFarlane.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Die werden sie nicht finden. Der Fluss hat sie sich geholt.“

„Der Fluss?“, fragte Mulder und Scully konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Aus einer Ahnung heraus fragte er: „Sind Sie Angus Henson?“

Der Mann starrte ihn verblüfft an. „Ja, der bin ich.“

Triumphierend zwinkerte Mulder seiner Partnerin zu. Endlich würden sie etwas Licht in die Sache bringen.



Wenig später saßen sie zu Dritt auf den Stufen der Hütte. Dana spürte Mulders Schulter an ihrer Seite und blickte kurz zu ihm auf. Angus Henson hatte ihnen berichtet, was ihm damals wiederfahren war.

„Später habe ich erfahren, dass hier einst ein Mädchen ertrunken ist. Sie gehörte zu einer Gruppe von Wanderern. Ihre Eltern stritten sich ständig und merkten nicht, wie sie zurückfiel. Sie muss ausgerutscht und in den Fluss gefallen sein. Als die Gruppe das bemerkte, war es schon zu spät. Sie fischten ihren toten Körper hier aus dem Wasser. Das war 1955.“

„Ein Jahr bevor ihre Gruppe verschwunden ist.“

„Ja, wir waren hier zum Fischen und hatten uns am Fluss entlang verteilt.“ Seine Stimme wurde leiser und er verstummte. Mulder gab ihm einen Moment Zeit, die dunklen Erinnerungen zu verarbeiten, ehe er sich an Scully wandte.

„Das klingt nach einem Rusalky. Der Geist eines Mädchens, das im Fluss ertrunken ist.“

Scully stand auf. “Mister Henson, ist Ihnen hier in letzter Zeit ein Fremder aufgefallen?”

„Nein, Ma’m. Das war kein Mensch, das war der Geist. Ich habe ihn gesehen und ich werde ihn fangen. Heute Nacht, deshalb bin ich hier.“

Mulder und Scully starrten sich verblüfft an.



Shenandoah National Park, 8. September 18:30



„Mulder, das ist Wahnsinn.“ Scully hatte die Hände vor der Brust verschränkt und schüttelte den Kopf. Ihr Partner stand vor ihr und warf einen raschen Blick zu Angus hinüber, der nach seiner im Gebüsch verborgenen Falle sah. „Mal angenommen es ist kein Mensch, es könnte eine Spezies sein, die noch unbekannt ist, ein Tier. Es ist gefährlich, etwas fangen zu wollen, das man nicht kennt. Wir wissen doch rein gar nichts über dieses Wesen.“

„Wir wissen das es im Wasser lebt und anscheinend nur nachts oder in der Dämmerung auftaucht.“ Als hätte er das Stichwort gegeben, schob sich ein breiter Wolkengürtel vor die Sonne und tauchte das Tal in düsteres Licht. Dämmerung.

„Angus hat sein Leben lang im Wald verbracht, er weiß, wie man eine Falle bedient.“

„Daran zweifle ich auch nicht, aber...“

Ein lauter Donnerschlag unterbrach ihre Gedanken und sie konnte sehen, wie Mulder bei dem Geräusch zusammenzuckte. Gut, wenigstens war sie nicht die einzige, die erschrocken war. Angus gab ihnen einen Damen-nach-oben und trat einen Schritt vom Busch weg. Er nahm seine Angel auf und warf die Leine ins Wasser.

„Es ist im Grunde ganz einfach: Wenn da etwas ist, dann können wir es fangen. Ist da nichts, dann kriegen wir vielleicht wenigstens frischen Fisch zum Abendessen und machen uns morgen auf den Heimweg.“

Scully musterte ihn kurz mit jenem skeptisch-spöttischen Blick, den er inzwischen so sehr liebte und ging dann zur Hütte zurück. Sollten die Männer doch Jäger spielen.

Am Rande des Felsens, bei dem Mulder die Uhr gefunden hatte, schob sich eine Hand aus dem Wasser und ein paar grünliche Augen beobachteten die Menschen mit einem amüsierten Gesichtsausdruck.



Shenandoah National Park, 8. September 20:45



Dana Scully langweilte sich. Sie warteten nun schon seit über zwei Stunden darauf, dass etwas passierte. Mulder hockte neben ihr auf den Stufen der Hütte und starrte zu Angus hinüber.

„Wir müssen Geduld haben“, sagte er, fast so, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Scully schnaubte. „Wenn er wenigstens einen Fisch gefangen hätte...“

Mulder lachte leise und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Eine dicke, saftige Forelle, hm? Ich glaube dein Wunsch geht in Erfüllung.“ Mulder deutete zu Angus hinüber. Die Leine war zum Zerreißen gespannt und sie konnte sehen, dass Angus Mühe hatte, die Angel in den Händen zu halten. „Muss wirklich ein dicker Fisch sein“, mutmaßte Dana. Angus gab routiniert etwas Schnur nach, um den Fisch langsam müde zu machen. Der Zug an der Leine nahm wieder zu. Mulder stand auf. Da war ein Gedanke, ein beunruhigender Gedanke, aber er konnte ihn nicht greifen. Scully reagierte schneller. „Was, wenn er keinen Fisch an der Angel hat, Mulder?“

Der FBI-Agent sprang auf und spurtete zu Angus hinüber. „Angus, lassen Sie die Angel los!“ Der ältere Mann drehte verblüfft den Kopf in Mulders Richtung und war für einen Moment abgelenkt. Ein Ruck ging durch die Angel und Henson wurde nach vorne gerissen. Er stolperte, ließ die Angel fallen und rang verzweifelt um seine Balance. Mulder beschleunigte seine Schritte und stürmte auf ihn zu, doch bereits jetzt begriff er, dass er nicht schnell genug sein würde. Angus stürzte und sein Oberkörper hing über den Uferrand hinaus. Dann explodierte das Wasser und eine Fontäne schoss in die Höhe. Angus schrie und ruderte mit den Armen, doch dann verschluckte das tosende Wasser seine Rufe. Als Mulder die Stelle erreichte, an der er gerade noch gestanden hatte, war von Angus Henson keine Spur mehr zu sehen . . .



Shenandoah National Park, 8. September 21:30



Mulder lud seine Waffe durch und machte einige Schritte zurück. Sie hatten das gesamte Ufer abgesucht, soweit flussabwärts wie sie gehen konnten, ohne die Hütte aus den Augen zu verlieren, aber mittlerweile war es zu dunkel, um weiterzumachen. Der Regen prasselte auf das Dach der Hütte und Mulder sparte es sich, die Kapuze seines Parkas aufzusetzen, der Regen war sowieso überall. Der Fluss lag in totaler Dunkelheit vor ihm, ein einziges Rauschen und Reißen, ein ständiges auf und ab. Er hasste das Geräusch mittlerweile. Ein letztes Mal ließ er die Taschenlampe über die Wassermassen gleiten, die sich schwarz wie Lava durch das Tal schoben. Irgendwo in diesem Chaos aus H2O, Felsen und Kieselsteinen lauerte der Wassergeist. Gierig, neue Opfer in die dunklen Tiefen hinunterzuziehen. Scully trat zu ihm und folgte seinem Blick.

„Wir sollten lieber reingehen.“

Er nickte und folgte ihr langsam. Irgendwie fühlte er sich beobachtet.



„Armer Angus.“ Scully setzte sich vor den wärmenden Kamin und schlang die Arme um die Knie. Mulder ließ sich neben ihr nieder. „Der Fluss hat ihn geholt.“

Sie blickte ihn schräg von der Seite an. „Was auch immer da draußen ist, es hat in der letzten Woche zwei Menschen in den Tod gerissen. Wir müssen es aufhalten.“

„Aber wie? Was immer es ist, es ist anscheinend intelligent genug, eine Falle zu erkennen. Es hat Angus mit seinem eigenen Plan hereingelegt.“

Ein Geräusch ließ die beiden innehalten. Es war kaum zu hören, ein leises Kratzen, das sich kaum vom Hintergrundrauschen des Regens und des Flusses abhob. Und wenn Mulder es nicht bereits einmal gehört hätte, wäre es ihm vermutlich gar nicht aufgefallen.

Sie sahen sich an. Vorsichtig stand Mulder auf und trat an die Tür. Scully hob ihre Waffe und zielte auf den Eingangsbereich. Mulder gab ihr ein Zeichen und riss die schwere Eichentür mit einem Ruck auf. Regen peitschte in das Zimmer und der Wind ließ das Feuer im Kamin wild flackern. Scully kniff die Augen zusammen, konnte jedoch nichts erkennen. Der Eingang war leer. Mulder warf sich herum und stürmte nach draußen.



Scully fluchte. Das war verdammt leichtsinnig. Ihr blieb nichts anderes übrig, als hinter ihrem Partner herzulaufen. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und nach wenigen Sekunden war ihre Kleidung von Wasser durchtränkt. Blitze zuckten über den Himmel und erhellten für kurze Zeit die Szene. Mulder war wenige Meter vor ihr und bemühte sich im Laufen die Taschenlampe einzuschalten und gleichzeitig seine Waffe zu halten.

„Mulder!“ brüllte Scully, doch das Donnergrollen verschluckte ihre Worte. Sie beschleunigte ihre Schritte um zu ihrem Partner aufzuschließen. Der hatte inzwischen das Ufer erreicht. Scully glaubte zu sehen, wie etwas dunkles, massiges ins Wasser sprang, aber sie war sich nicht sicher, Mulder dafür anscheinend umso mehr. Der peitschende Klang von Schüssen durchdrang das Wüten des Sturms. Mulder stand am Ufer und feuerte in die Fluten. Plötzlich schoss aus den dunklen Massen eine Fontäne gen Himmel. Mulder sprang erschrocken zurück und brachte sich außer Reichweite des Wesens. Endlich erreichte Scully ihn.

„Was war das?“

„Der Flussgeist! Ich habe ihn deutlich gesehen, Scully. ER ist hier!“

Mulder musste brüllen um sich verständlich zu machen. Mittlerweile tobte ein ausgewachsener Sturm über dem kleinen Tal. Der Wind riss an ihren Kleidern und wütende Wellen tosten gegen die Felsen am Ufer. Gischt wurde durch die Luft katapultiert und Mulder wischte sich hastig das Wasser aus dem Gesicht.

„Da!“ schrie er, als in der Mitte des Flusses etwas Großes, Dunkels aus dem Wasser schoss, wie ein Delfin kurz durch die Luft segelte und dann wieder in den Fluten abtauchte. Mulder näherte sich erneut dem Uferrand, um besser sehen zu können. Der Strahl der Taschenlampe huschte wild und hüpfend durch die Dunkelheit. „Mulder!“, brüllte Scully erschrocken und sprang zurück. Ihr Partner reagierte nicht schnell genug. Das Wesen schnellte mit einem gewaltigen Sprung aus dem Wasser und riss Mulder von den Füßen. Er knallte mit dem Rücken auf dem Boden, begraben unter etwas, das nach Algen und Fisch roch. Der Duft war beinahe unerträglich. Mulder versuchte das Wesen von sich herunterzuschieben, aber seine Hände fanden auf der glitschigen Haut keinen Halt. Ein scharfer Schmerz zuckte in seiner Wange auf, als die Krallen des Wesens seine Haut ritzten. Er konnte nichts sehen, denn die Taschenlampe war beim Sturz zu Bruch gegangen.

„Scully! Hilfe!“

Dana fluchte. Sie versuchte die Waffe auf das Wesen zu richten, hatte jedoch Angst in der Dunkelheit und dem Durcheinander ihren Partner zu treffen. Sie steckte die Waffe wieder ins Hohlster und rannte zu den Kämpfenden hinüber. Sie versuchte das Wesen an der Schulter zu packen, doch ihre Hände glitten einfach an der glänzenden Haut ab. Sie hob die Taschenlampe und schlug zu. Das Wesen gab ein erschrockenes Pfeifen von sich und ließ kurz von Mulder ab. Grüne Augen starrten Dana beinahe vorwurfsvoll an.

„Bleiben Sie wo Sei sind“, brüllte die FBI-Agentin, doch das Wesen reagierte nicht auf ihre Worte. Die grünen Augen starrten sie weiterhin fragend an. Dana fiel es schwer das Gesicht des Wesens zu beschreiben. Die Nase war flach und die Haut glänzte gräulich. Das Wesen hatte keine Haare auf dem Kopf oder sonst wo am Körper. Zwischen den Fingern waren deutlich Schwimmhäute zu erkennen.

Genauso schnell wie die Gefechtspause zustande gekommen war, endete sie auch wieder. Die Augen des Wesens huschten über Scully, dann drehte es sich um. Mulder war aufgestanden und blockierte – eher unabsichtlich – den Weg zum Wasser. Mit einem Kreischen sprang das Wesen auf Mulder zu und machte dabei seltsam hüpfende Schritte, fast wie ein Mensch, der Taucherflossen trug. Scully riss geistesgegenwärtig ihre Waffe in die Höhe und feuerte. Das Wesen schrie auf und taumelte getroffen zum Ufer. Mit den Händen schlug es nach Mulder, der hastig zur Seite sprang, ehe es mit einem erstrickten Gurgeln in den Fluten verschwand. Mulders Herz schlug hämmernd gegen seine Rippen und sein Atem ging keuchend. Die Wange schmerzte höllisch und er wagte sie nicht zu berühren.

„Ich hab es getroffen!“, hörte er Scully rufen und schüttelte die Benommenheit ab, die ihn für eine Sekunde umgeben hatte. Mit taumelnden Schritten lief er zum Ufer und starrte in die Fluten. Im ersten Moment sah er nichts, als das tosende Wasser, die Wellen und Felsen. Doch dann . . .

„Leuchte mal da rüber.“ Scully trat neben ihn und ließ den Strahl der Taschenlampe seinem ausgestreckten Arm folgen. Auf dem Wasser trieb etwas, ein Körper. Mulder kniff die Augen zusammen, sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und griff nach ihrem Arm. Scully folgte seinem Blick und ihr Gesicht wurde blass. Auf dem Wasser, ein Spielball der Wellen, trieb der leblose Körper eines kleinen Mädchens . . .



Shenandoah National Park, 9. September 1999, 8:30



Durch die dünne Staubschicht auf dem Boden zogen sich zahlreiche Spuren schwerer Schuhe. Mit der Ruhe und Abgeschiedenheit der Hütte war es vorbei. Ein halbes Duzend Männer der örtlichen Polizei und der Forstbehörde bewegte sich unter den wachsamen Augen des Wolfs durch den Raum. Das Feuer im Kamin war längst verglüht, nur noch ein schwarzer Ascheberg zeugte davon, dass die Wärmequelle noch vor kurzem in Gebrauch gewesen war. Auf der Lehne des alten Sessels saß ein junger Mann in einer grünen Uniform und einer ebenfalls grünen Mütze. Die Tür öffnete sich und der Mann sah auf.

„Agent Mulder!“

„Mister Jacobs.“

Mulder hatte die Hände in die Hosentasche gesteckt. Über seine linke Wange zogen sich zahlreiche Kratzer, die jedoch schon lange aufgehört hatten zu bluten. Seine Kleidung war ramponiert und sein Haar durcheinander und nass vom Regen. Hinter ihm betrat Scully den Raum, die nicht viel besser aussah als ihr Partner. Die beiden müssen ganz schön was durchgemacht haben, dachte Jacobs und stand seufzend auf.

„Die Polizei hat die Leiche des Mädchens vorhin abtransportieren lassen. Ich habe in unseren Unterlagen nachgesehen, niemand mit ihrer Beschreibung wurde hier in letzter Zeit vermisst. Ich kann ihnen nicht sagen, wer die Kleine ist und wie sie hierher gekommen ist.“

Jacobs stand auf und schob sich die Mütze aus der Stirn.

„Wenn Sie wollen, können Sie später mit mir mit dem Boot zur nächsten Rangerstation fahren. Ich bringe sie dann zu ihrem Wagen.“

„Vielen Dank, dieses Angebot nehmen wir gerne an.“



Als Mulder und Scully aus dem Haus traten, riss die Wolkendecke über dem Tag auf und ein Sonnenstrahl zauberte silberne Lichtblitze auf den Fluss. Mulder seufzte und blickte seine Partnerin an.

„Ich bin sicher, die Obduktion wird ergeben, dass dies das vermisste Mädchen ist, von dem Henson erzählt hat.“

„Mulder, das kann einfach nicht sein, die Leiche müsste längst verwest sein. Das kann nicht sein.“

„Genauso wenig wie es sein kann, dass diese Leiche kein Einschussloch aufweist?“

„Was immer es war, vielleicht habe ich daneben geschossen.“

Mulder schüttelte den Kopf. „Ich hab gesehen, dass es getroffen wurde, Scully.“

Er trat ans Ufer und ließ seinen Blick einen Moment lang über den Fluss gleiten. Von Westen näherte sich eine Gruppe Wanderer ihrer Position. Mulder lächelte.

„Was immer es auch war, ich denke, dass es mit diesem Mädchen angefangen hat und mit ihm endet. Diese Menschen werden sich sicher am Fluss entlang bewegen können. Der Flussgeist ist verschwunden.“

Scully widersprach ihm nicht. Erleichtert stellte sie fest, dass Ranger Jacobs aus dem Haus trat und auf sein Boot zusteuerte. Alles, was sie jetzt noch wollte, war nach Hause zu gehen und ein langes, heißes Bad zu nehmen. Ein Moskito surrte an ihrem Gesicht vorbei und stürzte sich mit Heißhunger auf Mulder. Mit einem leisen Fluch schlug sich der FBI-Agent gegen den Hals. Scully grinste. Ausgleichende Gerechtigkeit nannte man das wohl.

„Na gut, du hast gewonnen. Verschwinden wir von hier“, brummte er, um gleich darauf zu grinsen. Dana sah ihn fragend an.

„Was ist?“

„Ich wäre fast ertrunken, wir haben genug Regen für die nächsten zehn Jahre gesehen, sind von Moskitos zerstochen worden. Ich glaube jemand will uns sagen, dass wir von der Natur die Finger lassen sollten.“

Scully lachte und hakte sich bei ihrem Partner ein.

„Wieso, dieser Ausflug in die Wildnis ist für unsere Verhältnisse doch ziemlich glimpflich ausgegangen, oder?“ schmunzelte sie und drückte kurz seinen Arm. Mulder lachte laut auf. Leben, dachte Scully. Jetzt werden wir endlich anfangen zu leben.



Gemeinsam gingen sie zu der Stelle, an der das Boot am Ufer lag. Als Agent Jacobs sie vom Land abstieß und das Gummiboot auf den Fluss hinaustrieb, blieb die Hütte schnell hinter ihnen zurück. Nicht weit entfernt an einem Felsen tauchte eine Hand aus dem Wasser auf. Zwei graue Augen starrten dem Gefährt hasserfüllt hinter her. Ein Kichern klang über den Fluss, verborgen hinter dem Rauschen und Dröhnen des Wassers . . .



Ende
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