Riverghost von Sam23

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Shenandoah National Park, 2. September 1999, 19:15


Durch die staubbedeckten Fenster fiel für eine Sekunde grelles Licht und zauberte bizarre Muster auf den Boden und die Wand auf der anderen Seite des Zimmers. Die wenigen Möbel, die auf dem ebenfalls staubbedeckten Holzboden standen, waren schon vor langer Zeit mit Plastikplanen abgedeckt worden. Nahe der Tür wurde der Staub auf dem Boden von vereinzelten Luftströmungen aufgewirbelt, die unter der dicken Holztür hindurch drangen. An der Wand hing der ausgestopfte Schädel eines zähnefletschenden Wolfs und direkt darunter, um ganz deutlich zu machen, wie das Tier an der Wand gelandet war, thronte ein altes Jagdgewehr. Als hätten der Staub nicht deutlich genug darauf hingewiesen, dass hier seit Jahren niemand mehr gewesen war, hing in der Luft auch noch der dumpfe Geruch des Alters.

Der Staub an der Tür wurde wild durcheinandergewirbelt, als eine Windböe gegen die Tür fegte. Regen prasselte auf das Holzdach und verursachte in dem verlassenen Raum das erste laute Geräusch seit Wochen. Der Wind wurde stärker und rüttelte an den Fenstern, ein wildes Heulen überdeckte für einen Moment das Prasseln der Regentropfen.

Der Staub an der Tür begann sich zu kräuseln und plötzlich waren Schritte zu hören. Hastige Schritte, die sich dem Eingang näherten. Wie in Panik stob der Staub auseinander, als die dicke Eichentür aufgestoßen wurde. Wassertropfen wurden auf den Boden geschleudert und vermischten sich mit dem Staub. Die Plane über dem altmodischen Sessel in der Mitte des Zimmers flatterte aufgeregt im Wind. Eine Gestalt taumelte in das Zimmer und beendete die Leere, die dort seit Monaten geherrscht hatte. Das Gesicht war von nassen Haaren bedeckt und ihr Atem ging rasselnd. Die Gestalt trug einen blauen Regenparka, der jedoch am Rücken zerfetzt war. Die Gestalt wirbelte herum und ihre grauen Augen huschten angstvoll durch den Raum. Dann trat sie an die Tür und lauschte. Ihr eigener Atem erschwerte ihr dieses Vorhaben und sie versuchte sich dazu zu zwingen, flacher zu atmen. Doch ihre Lungen schrieen geradezu nach Sauerstoff und forderten mit einem stechenden Schmerz ihr Recht. Statt weiter an der Tür zu lauschen, trat die Gestalt ans Fenster und wischte mit dem Ärmel ihrer Jacke etwas Staub von der Scheibe. Die Welt draußen war grau, durchzogen von schnurartigen Regenschlieren. Maggie McFarlane kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Bereich, in dem der Fluss liegen musste. Schließlich sank sie erschöpft in die Knie und schloss zitternd die Augen. „Der Fluss ist weit weg, hier kann mir nichts mehr passieren . . .“, flüsterte sie, um sich selbst zu beruhigen. Ein Blitz erhellte für kurze Zeit die Dämmerung und durch das Fenster zeichnete sich der Schatten einer massigen Gestalt ab. Maggie McFarlane schrie, doch der Donner verschluckte ihre Laute und das grelle Splittern der Glasscheibe . . .



Shenandoah National Park, 7. September 1999, 14:30


Dana Scully versuchte mit einer Handbewegung die lästigen Insekten zu verscheuchen, die seit ihrer Ankunft in Virginia um ihren Kopf herumschwirrten und nur darauf warteten, eine Lücke in ihrer Deckung auszunutzen. Scully warf einen kurzen Blick hinüber zu ihrem Partner, der mit gerunzelter Stirn eine Landkarte studierte. Warum griffen diese Biester ihn nicht an?, fragte sich Scully und stieß wütend die Luft aus, als ein Blutsauger an ihrem Ohr vorbeisummte. Scully hatte kein gutes Gefühl bei diesem Fall, was wahrscheinlich daran lag, das bisher jeder Ausflug in die Wildnis für sie und ihren Partner in einer Katastrophe geendet hatte: Sie hatten sich verlaufen, hatten im seichten See-Wasser stundenlang auf Rettung gewartet, waren von Killer-Insekten angegriffen worden und von einer besonders hungrigen Pilzart beinahe bei lebendigem Leibe verspeist worden. „Die Natur hat etwas gegen uns“, murmelte Scully und wie zur Bestätigung ihrer Worte fielen die ersten Regentropfen auf ihren Parka. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte ungeduldig zu Mulder hinüber. „Und?“

„Ich denke, ich hab’s“, murmelte er ohne von seiner Karte aufzusehen.

„Wir hätten doch jemanden von der Forstbehörde mitnehmen sollen, Mulder.“

„Scully, das ist ein eingezeichneter Wanderweg und nicht der Urwald Brasiliens. Wir müssen nur der Karte folgen.“

Scully verzichtete auf einen weiteren Kommentar und wechselte das Thema. „Ich verstehe immer noch nicht, was wir hier draußen machen, Mulder. Eine vermisste Wanderin ist nun wirklich kein Fall für das FBI. Sie wird sich verlaufen haben, nichts weiter.“

„An der gleichen Stelle wie 23 weitere Menschen? Ziemlich unwahrscheinlich. Außerdem kannte sie die Gegend gut. Ihr Bruder erzählte, sie wäre jeden Sommer hier zum Wandern.“

„Vielleicht ist sie gestürzt, hatte einen Unfall, wer weiß.“

Mulder grinste, als er die Ungeduld in der Stimme seiner Partnerin hörte. Sie hatte nicht die geringste Idee, warum ihn dieser Fall interessierte und das störte sie. Scully war nicht der spontanste Mensch, den er kannte. Sie plante die Dinge gerne, doch dazu brauchte sie Informationen. Informationen, die er ihr bisher weitgehendst vorenthalten hatte. Es fiel ihm manchmal immer noch schwer ihr zu erklären, warum er die Dinge tat, die er tat. Verdammt, manchmal wusste er selbst nicht, welcher Teufel ihn ritt. Es war Instinkt mehr als alles andere. Und dieser Instinkt sagte ihm, das hier etwas nicht stimmte.

„Mulder?“

„Hm?“

„Was tun wir hier draußen?“

Mulder faltete die Karte zusammen und sah sich um. Sie standen auf einem Wanderweg, der sich in drei Routen spaltete. Rings um sie herum standen alte Bäume und junge Büsche. Kein Auto war zu hören und keine Menschen. Nur der Schrei eines Kuckucks hallte von Zeit zu Zeit durch den Wald. Mulder steckte die Landkarte in die Seitentasche seines Rucksacks und wischte sich die Hände an der Hose ab. Der Wald dampfte regelrecht vom Regen der vergangenen Tage. Die beiden FBI-Agenten hatten eine kurze Regenpause genutzt, um die Wanderung zum Fluss anzutreten, an dem Maggie McFarlane vor fünf Tagen verschwunden war.

„Der Ranger hat gesagt, wir sollen uns westlich halten“, bemerkte Mulder und deutete auf den linken Weg.

„Also müssen wir da lang.“

Dana runzelte nur die Stirn, folgte ihm dann aber schweigend. Bei ihrem Glück, waren sie diejenigen, die gerettet werden mussten und nicht Maggie McFarlane. Einige Zeit liefen die beiden schweigend nebeneinander her, bis Scully ihre Frage wiederholte.

„Also Mulder, egal was es ist, jetzt ist es eh zu spät um umzukehren, also sagen Sie mir schon, was Sie denken.“

„Na ja, es gibt Gerüchte, Geschichten, das mit diesem Fluss – oder besser gesagt einem bestimmten Abschnitt des Flusses – etwas nicht in Ordnung ist.“

„Wurden bunte Lichter am Himmel gesehen?“, fragte Scully resignierend. Mulder schüttelte den Kopf und Dana horchte auf. Gut, keine UFOs, das war schon mal ein Anfang. Sie hatte zu viel gesehen und erlebt in den letzten sieben Jahren, um das Thema einfach als Humbug abzutun, aber wann immer Mulder auf UFO-Jagd war, fühlte Scully sich unbehaglich. Vielleicht weil ihr Partner wie im Fieber agierte. Sie hatte einfach Angst, das er sie im Eifer des Gefechtes eines Tages zurücklassen würde. Sie verdrängte den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Mulders Stimme.

„Keine Lichter, aber ich habe eine X-Akte von 1956 gefunden. In einer Woche sind in dieser Gegend acht Wanderer verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Die Forstbehörde hat wochenlang nach ihnen gesucht und sie nicht gefunden. Seitdem sind immer wieder Menschen verschwunden – und sie haben sich nicht einfach verlaufen, denn vereinzelt hat man ihre Ausrüstung gefunden, immer in der Nähe des Flusses.“

„Nun, vielleicht ist der Weg dort schwierig, sie könnten in den Fluss gestürzt und von der Strömung weggespült worden sein.“

Mulder schüttelte den Kopf. „Das was diesen Fall zu einer X-Akte macht, sind nicht die verschwundenen Wanderer, sondern einer der nach einer Woche wieder aufgetaucht ist. Er war schwer verletzt und war wohl tagelang durch die Wälder geirrt. Sein Name war Angus Henson, ein Mitarbeiter der Forstbehörde, der in seinem eigenen Park Urlaub gemacht hat. Als er gefunden wurde, berichtete er von einem Monster, das aus dem Wasser aufgetaucht war und ihn in die Fluten ziehen wollte. Er konnte entkommen, schwor jedoch, dass er von dem Wesen noch einen Tag lang verfolgt wurde, weswegen er sich letztendlich verirrt hatte.“

„Ein Monster?“ Scully runzelte erneut die Stirn und blickte Mulder skeptisch an. Er grinste nur und zwinkerte ihr zu. Für eine Sekunde wurde ihm warm ums Herz. Nach all dem, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hatten, nach all den Katastrophen und Veränderungen, gab es doch ein paar Dinge, die sich nicht geändert hatten. Eines davon war dieser Blick, den Scully ihm gerade zuwarf. Dieser, willst-du-damit-etwa-sagen-dass-Blick.

„Ein Monster?“ Scully wedelte mit ihrer Hand vor dem Gesicht herum, und die Wolke aus Insekten stob für einige Sekunden auseinander. Mulder nickte und in seine Augen trat dieser Glanz, den Scully nur zu gut kannte.

„Mulder!“, stöhnte sie, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Ich weiß schon, aber die Geschichte ist voll von Wassergeistern, die die Menschen heimsuchen.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel der schottische Kelpie, der mal menschliche, mal tierische Gestalt hat. Er wartet im Wasser, bis ein Reiter vorbeikommt, springt auf das Pferd und schließt seine Arme um den Reiter, um ihn zu erdrücken.“

Scully verkniff sich ihren Kommentar, dass die Wanderer mit Sicherheit keine Pferde dabeigehabt hatten.

„Manchmal taucht er auch in Gestalt eine Pferdes auf. Versucht jemand, das Pferd zu reiten, stürzt sich der Kelpie mit dem Reiter in den Fluss und sucht die tiefste Stelle. Wer nicht schwimmen kann, ertrinkt.“

„Mulder .. .“

„Oder der russische Rusalkys. Die Geister von Mädchens, die im Fluss ertrunken sind. Sie ziehen jeden Wanderer unter Wasser und quälen ihn dort, ehe sie ihn wieder loslassen, doch dann ist es meistens zu spät.“

„Mulder...“

„Oder die indischen Nagas oder die russischen Vodiyaniye, die Wassergeister das Aborigines. Es gibt in der Mythologie zahlreiche Wassergeister, die sich vorzugsweise in Flüssen oder Weihern aufhalten und die Menschen in ihr Element ziehen. Manche von ihnen ahnen nicht einmal, dass sie den Menschen damit schaden zufügen. Viele behaupten, der Kelpie würde die Menschen nur ärgern wollen.“

„Ob Absicht oder nicht, das Ergebnis ist anscheinend immer das Gleiche.“

Mulder grinste und Scully bemerkte zu ihrem Ärger, dass sie ohne es zu wollen in das Gespräch eingestiegen war.

„Jedenfalls“, fuhr Mulder fort, bevor sie etwas hinzufügen konnte. „jedenfalls kann es kein Zufall sein, das in all diesen verschiedenen Kulturen Flussgeister auftauchen.“

„Zufall ist das sicher nicht. Zu allen Zeiten hat es die Menschen zum Wasser gezogen und überall auf der Welt sind dabei Menschen ertrunken. Diese Geschichten dienen dazu, jemandem die Schuld zu geben am Tod eines geliebten Menschen. Mehr nicht.“

„Angus Henson ist da sicher anderer Meinung“ erwiderte Mulder und zog erschrocken die Schultern ein, als ein Regentropfen an der Innenseite der Kapuze in seinen Nacken rann. Der Regen wurde heftiger und Mulder beschleunigte seine Schritte. Eigentlich durften sie nicht mehr weit von der alten Jagdhütte entfernt sein, die Ranger Jacobs ihnen vor ihrer Wanderung auf der Karte gezeigt hatte. Das kleine Blockhaus war eine perfekte Ausgangsstation, um den Fluss und die Umgebung zu erkunden. Sie hatten Proviant für zwei, drei Tage dabei und ein Walkie-Talkie mit dem sie notfalls den Ranger-Service rufen konnten. Ihre Handys nutzten ihnen in der Wildnis wenig, dennoch wollte Mulder auf das gewohnte Gewicht in der Jackentasche nicht verzichten.

„Mal angenommen es gibt Ihren Wassergeist, wieso denken Sie, das wir ihn finden werden?“

„Wir wissen, welche Route Maggie McFarlane genommen hat. Sie wurde zuletzt gegen 14 Uhr am oberen Parkplatz gesehen, wo sie mit einem Ranger gesprochen hat. Sie hat ihm erzählt, dass sie zum Fluss wollte und er empfahl ihr die alte Hütte, zu der wir gehen. Wenn man die durchschnittliche Geh-Geschwindigkeit berücksichtigt, muss sie die Hütte gegen Abend erreicht haben. Doch als der Ranger-Service das Gelände dort absuchte, fanden sie nichts außer einer kaputten Fensterscheibe in der Hütte.“

„Das Monster“

„Vielleicht auch nur ein Ast oder ein Stein, jedenfalls war dort keine Spur von Maggie McFarlane.“

„Ist das die Hütte?“

Scully deutete nach vorne. Inzwischen regnete es immer stärker und die Aussicht bald ein Dach über dem Kopf zu haben, munterte sie etwas auf. Sie würden immer noch gute 20 Minuten brauchen um den Weg hinunter von der Anhöhe zu der kleinen Hütte zurückzulegen. Wie auf einer Kitsch-Postkarte, dachte Dana. Die Hütte lag in einem kleinen Tal, durch das sich der Fluss wand. Links und rechts vom Ufer standen kleinere Büsche, aber die größeren Bäume wuchsen erst hangaufwärts. Neben der Hütte waren sorgsam Holzscheite aufgestapelt worden. „Fehlt nur noch der Rauch aus dem Kamin“, murmelte Scully und stapfte weiter. Der Rucksack auf ihrem Rücken schnitt ihr inzwischen schmerzhaft in die Schultern. Dana Scully war dabei nicht unsportlich, im Gegenteil, eigentlich war sie in Top-Verfassung, aber die inzwischen stundenlange Wanderung durch den Wald hatte sie erschöpft. Mulder ging es anscheinend nicht anders, denn er stieß einen erleichterten Seufzer aus, als er die Hütte erblickte. „Na also, das Schlimmste haben wir hinter uns, nicht wahr, Scully?“

Dana zuckte mit einem Fluch zusammen und klatschte mit der Hand gegen ihren Hals. Ein Moskito hatte es endlich geschafft und ihre Abwehr überrumpelt. Schlimmer kann’s nicht werden, stimmte Dana in Gedanken zu und lief weiter.



Shenandoah National Park, 7. September 1999, 17:15



Einige Steinchen brachen vom Rand des Felsens ab und klatschten ins reißende Wasser des Flusses. Fox Mulder ruderte mit den Schultern, um das Gleichgewicht zu behalten. Als er sich sicher war, dass er den Steinen nicht folgen würde, blickte er zurück zur Hütte, die etwa 300 Meter entfernt war. Aus dem Kamin drang Rauch und Mulder schmunzelte. Scully hatte sich geweigert mit ihm auf Monsterjagd zu gehen bei diesem Sauwetter. Er konnte es ihr nicht verdenken. Zum Teufel, er wusste eigentlich selbst nicht so genau, was er hier zu finden hoffte. Er suchte das Ufer nach Spuren ab, doch Spuren wovon. Welche Spuren hinterließ ein Wassergeist? Ein Kelpie? Und selbst, wenn er welche hinterließ, der verregnete Sommer hatte schon dafür gesorgt, dass sie innerhalb kürzester Zeit wieder verschwunden waren.

Mulder starrte hinunter ins Wasser. Irgendetwas musste dort drin sein. Irgendwo in den Fluten. Er konnte es spüren. Wieder blickte er zurück zur Hütte, dann in die andere Richtung flussaufwärts. Maggie McFarlane hatte eine andere Route als sie genommen, da sie von einem anderen Parkplatz aus gestartet war. Sie musste ein ganzes Stück dem Fluss gefolgt sein und konnte die Hütte vermutlich schon von Weitem sehen. Mulder rieb sich kurz die Stirn und ging in die Hocke. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Da war was, etwas glitzerndes, metallisches in einer Felsspalte. Er streckte die Hand danach aus und versuchte das Etwas aus der Spalte zu befreien. Mit einer gehörigen Portion Kraft schaffte er es und betrachtete den Gegenstand. Es war eine Uhr, eine Damenuhr mit einem schmalen Band. Das Glas war zerkratzt und an einer Stelle gesplittert, doch die Mechanik funktionierte noch. „McFarlane“, murmelte Mulder und streckte die Uhr ein. Soviel zum Thema keine Spuren . . .



Als er die Hütte betrat schlug ihm wohltuende Wärme entgegen. Mulder entledigte sich seines tropfnassen Parkas und fing ein Handtuch auf, das Scully ihm zuwarf. „Hab ich im Bad gefunden.“

„Danke.“

Während er draußen im Regen herumgeirrt war, hatte Dana die Planen von den Möbel genommen und versucht den gröbsten Staub in eine Ecke zu verbannen. Im Kamin brannte ein Feuer und Scullys nasser Parka lag vor der Feuerstelle zum Trocknen. Mulder warf seine Jacke achtlos dazu und hielt triumphierend die Uhr in der Hand.

„Sehen Sie mal, was ich gefunden habe.“

Dana betrachtete die Uhr. „Denken Sie, die gehörte McFarlane?“

„Bestimmt. Scully, man geht zwar Wandern, um die Zeit zu vergessen, aber warum sollte jemand einfach seine Uhr auf dem Weg wegwerfen.“

„Vielleicht ist sie gestürzt.“

„Ja, fragt sich nur warum.“

„Vielleicht war der Boden rutschig. Hören Sie, Mulder, es tut mir ja Leid, aber irgendwie ergibt das keinen Sinn. So wie ich das sehe, ist sie im Regen auf dem nassen Untergrund ausgerutscht, in den Fluss gefallen und dann von der Strömung weggespült worden.“

Mulder schüttelte den Kopf. So einfach konnte es nicht sein, das spürte er genau, aber es fiel ihm schwer, seine Gefühle in Worte zu kleiden. Irgendetwas war dort draußen und er würde es finden.



Shenandoah National Park, 8. September, 2:45



Donnergrollen war das erste, das Fox Mulder hörte als er aufwachte. Doch nicht dieses Geräusch hatte ihn geweckt, sondern ein Kratzen, ein leises Schaben, das von der Tür kam. Das Feuer im Kamin war fast heruntergebrannt und tauchte den Raum in rötliches Licht. Mulder drehte den Kopf und sah, dass Scully tief und fest schlief. Ihr Schlafsack lag etwa einen Meter von seinem entfernt und er konnte sehen, dass sie langsam und flach atmete. Leise, um sie nicht zu wecken, schälte er sich aus seinem Schlafsack. Er trug noch immer seine Jeans, nur den Pullover hatte er ausgezogen. Jetzt griff er danach und zog ihn über das schwarze T-Shirt, das er auf der Haut trug. Seine Augen wanderten zu seinem Rucksack. Die Taschenlampe musste in einer der Seitentaschen sein, doch er war sich nicht sicher. Statt die Lampe zu holen, schlich er zur Tür und legte ein Ohr an das Holz. Wieder grollte Donner über dem Tal und ein heller Blitz zuckte über den Himmel. Der Wind heulte und das Wasser des Flusses rauschte mit den Wipfeln der Bäume um die Wette. Sonst nichts, kein Kratzen, keine Schritte, nichts.

Doch Fox Mulder war sich sicher, etwas gehört zu haben und so öffnete er vorsichtig die Tür einen Spalt. Kalte Regenluft strömte in den Raum und er konnte hören, wie Dana ihren Schlafsack über die Schultern zog. Mulder trat einen Schritt nach draußen in die Dunkelheit. Er konnte den Fluss nur als schwarzen Strom erkennen, der sich in der Dunkelheit bewegte. Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel und Mulder blinzelte. Unten am Wasser war eine Gestalt. Sie stand bis zu den Hüften im Wasser und starrte zu ihm herüber. Die reißende Strömung schien ihr nicht das geringste auszumachen und seine Haut glänzte grünlich. Dann wurde es wieder dunkel und Mulder sah für wenige Sekunden gar nichts. Sein Herz schlug schneller und er fuhr auf dem Absatz herum und stürzte in die Hütte. Jetzt achtete er nicht mehr darauf leise zu sein, alles was zählte war die Taschenlampe zu finden und das schnell. Scully blinzelte und war im nächsten Moment hellwach.

„Mulder? Was ist?“

„Ich hab es gesehen, Scully!“

„Was gesehen?“

„Das Wesen, den Geist! Unten am Wasser!“

Er riss die Taschenlampe aus dem Rucksack, schaltete sie an und verschwand polternd draußen in der Dunkelheit. Dana Scully schob den Schlafsack von sich, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und griff nach ihren Schuhen. Allein wollte sie ihn dort draußen nicht herumlaufen lassen, Monster oder nicht.

Die Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit wie ein Messer. Der Schein der Lampe tanzte wild über den Boden, als Fox Mulder hinunter zum Wasser rannte. Kurz bevor er das Ufer erreichte, bremste er ab und ließ den Strahl über das Wasser gleiten. Die Gestalt war weg. Dort wo sie gestanden hatte, tosten die Fluten und schossen durch das Flussbett. Mulder schwenkte die Taschenlampe flussabwärts. Nichts außer Wasser war zu sehen. Er trat einen Schritt näher ans Ufer heran, Gischt spritze am Rand auf und einzelne Wassertropfen erreichten seine Hose. Mulder merkte es nicht einmal. Anstrengt suchte er in den Fluten nach der Gestalt, die er gesehen hatte. Hinter sich konnte er Scully aus der Hütte kommen hören. Sie rief seinen Namen und hielt ebenfalls eine Taschenlampe in der Hand. Mulder drehte sich um und wollte ihr zurufen herüberzukommen, als er plötzlich einen Ruck am linken Knöchel spürte, der so groß war, das er beinahe das Gleichgewicht verlor. Er ruderte mit den Armen und warf sich herum. Etwas zog ihn in Richtung Wasser. Mulder fluchte, als sein Kinn auf den Waldboden knallte. Der Druck an seinem Bein wurde immer stärker und er spürte, wie er in die Fluten gezogen wurde.

„Scully!“

Der Strahl einer Taschenlampe blendete ihn für eine Sekunde, dann konnte er ihre Schritte hören. Doch er wusste bereits, dass es zu spät war. Er krallte sich verzweifelt im Boden fest, doch die Kraft, die an seinem Körper riss war stärker. Schon schlugen ihm die Fluten über die Knie zusammen. Fox Mulder verlor den letzten Halt und wurde mit einem Schrei ins eiskalte Wasser des Shenandoah gerissen. Sein Schrei ging in einem Gurgeln unter, als er Wasser schluckte. In Panik schlug er um sich, während ihn die Strömung tiefer hinunter zog. Die Strömung? Mulder öffnete die Augen, doch außer tosenden Wirbeln konnte er nichts erkennen. Schon jetzt begannen seine Lungen zu protestieren, weil ihm der Sauerstoff ausging. Verzweifelt versuchte Mulder wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen, aber die Gewalten des Wassers schleuderten ihn hin und her, bis er kaum noch wusste, wo die Wasseroberfläche eigentlich war. Er warf sich verzweifelt herum und wollte nach Luft schnappen. Mit eisernem Willen presste er die Lippen aufeinander. Wenn er jetzt einatmete, würde er sterben. Schwarze Flecke begannen vor seinen Augen zu tanzen und seine Lungen schmerzten. Die Fluten warfen ihn herum und ein scharfer Schmerz schoss durch seine Schulter, im nächsten Moment dröhnte ihm der Kopf. Die Kraft, die ihn unter Wasser hielt, wurde wieder stärker und er spürte, wie er in die Tiefe gezerrt wurde. Die Flecken vor den Augen wurden größer und Mulder fühlte sich plötzlich sehr müde. Die Kälte hatte sich schon nach Sekunden in seine Glieder geschlichen und er war kaum noch in der Lage, Arme und Beine zu bewegen. Von Weitem her hörte er ein Kichern, das helle Lachen eines Kindes, dann wurde die Welt dunkel und das Rauschen des Wassers verstummte.



Shenandoah National Park, 8. September 1999, 3:02



Das erste, was er spürte war Kälte, eine Eiseskälte, die er erst einmal gespürt hatte, damals, als er in der Eiswüste dem U-Boot nachgejagt war. Damals hatte er sich geschworen, sich niemals wieder diesen Temperaturen auszusetzen. Im Moment wünschte er sich wieder in die Eiswüste zurück. Er hörte nichts, als das Rauschen seines eigenen Blutes, oder war es das Rauschen des Flusses? Eine Stimme drang durch das Rauschen, voller Besorgnis und mit einer Spur Angst. „Mulder? Mulder, kannst Du mich hören. Hey, komm schon, bitte, Mulder wach auf.“

Er versuchte die Augen zu öffnen, aber seine Lider schienen seinem Willen nicht zu gehorchen. Erst beim zweiten Anlauf konnte er die Augen öffnen und blickte in das besorgte Gesicht seiner Partnerin, die sich über ihn gebeugt hatte. Die Kälte war in wachem Zustand schlimmer denn je und Mulder spürte, dass er am ganzen Körper zitterte. Scully ging es nicht besser, ihre Haar klebte an ihrem Kopf und ihr Hemd war dunkel vor Nässe. Im Schein der Taschenlampe wirkte sie leichenblass, aber gegen seine Gesichtsfarbe immer noch sonnengebräunt.

„Mulder!“ Erleichterung schlich sich in ihre Stimme und sie schloss für eine Sekunde die Augen. Mulder wollte sprechen, aber statt wohl artikulierten Worten kam nur ein ersticktes Husten aus seinem Mund. Er setzte sich vorsichtig auf und die Welt begann sich sofort um ihn herum zu drehen. „Mulder, alles in Ordnung?“

Er nickte und hustete wieder. Er hatte eine Menge Wasser geschluckt, das sein Körper so schnell wie möglich wieder loswerden wollte.

„Es geht schon“, stieß er schließlich hervor. Scully sah ihn skeptisch an und streckte die Hand nach ihm aus. Vorsichtig berührte sie ihn an der Stirn. „Sie bluten. Denken Sie, Sie schaffen es zurück zur Hütte ?“

„Muss ja gehen“, presste Mulder hervor und stand langsam auf. Scully stützte ihn und gemeinsam wankten sie zurück in das schützende Gebäude. Die Wärme ließ Mulder noch mehr zittern als zuvor und er wollte sich sofort vor den Kamin fallen lassen, doch Scully hielt ihn zurück. „Raus aus den nassen Sachen“, befahl sie. Mulder sah sie kurz fragend an, streifte sich dann aber widerstandslos den triefenden Pullover und das T-Shirt über den Kopf und ließ sie fallen. Seine Lippen waren bläulich angelaufen und er schlotterte erbärmlich. Er entledigte sich der nassen Jeans und Scully reichte ihm eine alte Decke, die sie in einem der Schränke im Nebenzimmer gefunden hatte. Wem auch immer diese Bude gehört hatte, er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Sachen mitzunehmen. Das war wohl ihr Glück. Mulder ließ sich vor den Kamin sinken und zog die Decke um die Schultern. Er saß mit dem Rücken zu ihr und Scully knöpfte ihr Hemd auf und warf es entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit einfach auf den Boden. Sie packte ihren Pullover aus dem Rucksack und streife ihn sich rasch über.

„Ich hab es gesehen, Scully, es war da. Es hat mich gepackt und unter Wasser gezogen.“

Dana widersprach nicht. Der Schock über das, was geschehen war, saß noch zu tief. Sie war nur froh, dass er nicht ertrunken war. Ihr Magen zog sich bei dem Gedanken schmerzhaft zusammen. Was, wenn er nicht mehr da wäre? Scully wollte gar nicht darüber nachdenken. Mulder war in den letzten sieben Jahren so sehr Teil ihres Lebens geworden, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, ohne ihn zu arbeiten. Sich nicht vorstellen wollte. Sie hatte nie bewusst darüber nachgedacht, was er ihr eigentlich bedeutete. Es genügte zu wissen, dass er da war, alles andere war unwichtig. In Momenten wie diesen, wenn sie sich fast verloren hatten, war sie ihm immer am Nähesten gewesen. Als sie im Krankenhaus beschlossen hatte, ihren Krebs zu bekämpfen, als Mulders Mutter gestorben war, als er endlich seine Schwester gefunden hatte. Sie betrachtete den großgewachsenen Mann mit den kurzen braunen Haaren, der zitternd vor dem Feuer saß. Der von einem Wassergeist in den Fluss gezogen worden war. Scully lächelte still. Wie könnte das Leben mit Mulder auch anders aussehen? Er hustete noch einmal und Scully setzte sich neben ihn, um sich ebenfalls am Feuer zu wärmen. Mulder zog die Decke über seine nackte Schulter und starrte ins Feuer.

„Da war etwas, Scully, ich hab’s gespürt, ich hab’s gesehen.“

Scully schwieg und Mulder drehte den Kopf und sah sie an. Sie starrte gedankenverloren ins Feuer und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Mulder wusste immer noch nicht, ob Scully ihn aus dem Wasser gezogen hatte. Er wollte eine dementsprechende Frage stellen, doch die Worte blieben ihm plötzlich im Hals stecken. Was, wenn sie ihn wirklich aus dem Fluten gerettet hatte? Und sich selbst damit in Lebensgefahr gebracht hatte? Mulder konnte schon nicht mehr zählen, wie oft sie einander das Leben gerettet hatten, doch das hier war anders. Irgendwie. Oder vielleicht fiel es ihm nun zum ersten Mal auf. Er wusste es nicht. Alles was er wusste war, was für ein gutes Gefühl es war, sie bei sich zu wissen. Und das hatte er ihr bereits einmal gesagt, damals, als sie nach Salt Lake City versetzt werden sollte. Scully drehte den Kopf, um etwas Wasser aus ihren Haaren zu schütteln und ihre Blicke trafen sich. Mulder spürte, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl und konnte das gleiche auf ihrem Gesicht beobachten. Wir sind so verschieden, dachte er. Und doch ist es manchmal, als würde ich in einen Spiegel sehen, wenn ich sie ansehe. Scully streckte die Hand aus und strich ihm zart eine Haarsträhne aus der Stirn. „Du blutest“

„Halb so wild.“

„Das kann ich besser beurteilen.“

„Jawohl Frau Doktor“, erwiderte Mulder ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen. Sein Körper wurde langsam wieder warm und das Zittern verging allmählich. Das Licht der Flammen im Kamin tanzte über ihre Gesichter und zum Prasseln des Holzes gesellte sich das Klopfen der Regentropfen auf dem Dach. Mulder lachte leise.

„Was ist?“

„Gar nichts, es ist nur... jetzt fehlt nur noch der Fellvorleger vor dem Kamin um das kitschige Romantik-Ambiente zu perfektionieren.“

Dana lachte leise und senkte plötzlich verlegen den Blick. Warum eigentlich, fragte eine Stimme in ihr, eine Stimme, die in Momenten wie diesen plötzlich auftauchte, aus dem Bereich hinter der Mauer, die sie im Laufe der Zeit um ihr Herz gezogen hatte. Mulder räusperte sich, als er bemerkte, dass sich seine Partnerin plötzlich versteifte.

„Danke“

„Wofür?“

„Für die Rettung. Für alles . . . Dafür, dass du da bist“

Die Worte waren einfach so aus seinem Mund gekommen. Einfach so. Er hatte immer gedacht, dass es ihm schwer fallen würde, diese Gedanken auszusprechen, aber nun bewies er sich das Gegenteil. Dana blickte ihn an. Der Ernst in seiner Stimme hatte ihr Herz dazu gebracht, einen Sprung zu machen. Scully spürte, wie die Mauer in ihr anfing zu bröckeln. Es war ein komisches Gefühl, denn zum lauten Schlagen ihres Herzens gesellte sich eine kühle Stimme, die dem Organ befahl wieder im normalen Rhythmus zu schlagen. Dana achtete nicht mehr auf diese Stimme. Stattdessen rutschte sie näher an ihren Partner heran, legte ihm den Arm um die Schultern und erwiderte mit einem Lächeln.

„Gern geschehen.“

Mulder griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz. Dana spürte ihr Herz noch schneller schlagen und senkte den Blick. Mulder hielt noch immer ihre Hand in seiner und hatte die Augen geschlossen. Dana sah ihn an. Er war gerade mit dem Leben davongekommen und sah so glücklich aus, wie sie ihn selten gesehen hatte. So, als hätte er endlich seinen Frieden gefunden. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er mit verschlossenen Augen:

„Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, Scully. Mit der Wahrheit ist es ähnlich. Oder man findet eine Wahrheit, nach der man gar nicht gesucht hat.“

Dana war sich nicht sicher, worauf sich seine Worte bezogen, aber sie spürte, dass in ihm eine Veränderung vorging. Oder vielmehr, dass er etwas aufgab, eine Maske abstreifte, die er für so lange Zeit getragen hatte. Als er die Augen wieder öffnete und sie ansah, spürte sie, wie sich ein Kribbeln in ihrem Bauch ausbreitete. Seine Augen strahlten, glänzten im Schein des Feuers. Sie verlor sich in diesen Augen, die sie so bewusst anblickten, so voller Zuneigung und einem Charme, von dem Scully nicht gewusst hatte, dass Mulder ihn besaß.

„Mulder?“

„Hm?“

Plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Mulder schien das nicht zu stören. Er beugte sich langsam zu ihr herüber. Dana spürte, wie die Mauer in ihrem Inneren mit einem Krachen zusammenstürzte. Sie spürte Mulders Hand an ihrem Hals und diese Berührung fühlte sich so gut an, dass Dana die Augen schloss. Sekunden später berührten seine Lippen die ihren. Der Kuss war zaghaft, ein Herantasten, nicht mehr und doch jagte er Hitzewellen durch Danas Körper. Sie schlang die Arme um Mulders Hals und erwiderte den Kuss. Nach einer scheinbaren Ewigkeit lösten sie sich voneinander. Das Funkeln in Mulders Augen hatte noch zugenommen und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dana sah ihn schweigend an. Es gab jetzt nichts mehr zu sagen. Sie waren an einer Kreuzung angelangt und hatten sich für einen Weg entschieden. Den richtigen Weg, dass wusste Dana plötzlich so klar, wie sie an jenem Abend in Mulders Wohnung gewusst hatte, dass es nur einen richtigen Weg, nur eine richtige Entscheidung im Leben geben konnte.

Sanft strich sie ihm die widerspenstige Strähne wieder aus der Stirn, ohne den Blick von seinen strahlenden Augen zu lassen. Lebendig, er sah lebendig aus, lebendiger, als sie ihn jemals zuvor gesehen hatte.

„Scully, ich . . .“

Sie verschloss seine Lippen mit einem Kuss, ehe er den Satz beenden konnte. Er musste ihn nicht beenden, denn Dana wusste bereits, was er hatte sagen wollen. Die Decke rutschte Mulder von den Schultern und Danas Hände strichen über seinen nackten Rücken, über seine kräftigen Oberarme, über seine Brust. Mulder zog sie an sich heran, als ihre Küsse leidenschaftlicher wurden. Der Fluss, der Sturm, das alles war vergessen, als seine Hände über ihren Rücken wanderten. Es war ein Gefühl, das neu und aufregend war, aber gleichzeitig von einer solchen Vertrautheit und Zärtlichkeit, wie Scully sie noch nie erlebt hatte. Der Regen, der Wind und das Rauschen des Flusses wurden übertönt vom Schlagen ihrer Herzen, als Mulder sich langsam auf die am Boden liegende Decke sinken ließ und Dana sanft mit sich zog. Die Welt um sie herum wurde bedeutungslos, als sie nach so langer Zeit endlich ihren Gefühlen freien Lauf liefen.

„Ich liebe dich“, flüsterte Mulder Dana zu, ehe er sich ihre Lippen erneut trafen. Dana schloss die Augen und ließ sich zum ersten Mal seit Jahren einfach fallen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie lange sie schon von diesem Moment geträumt hatte. Sie korrigierte ihren Gedanken von vorhin. Sie konnte wohl ohne ihn arbeiten. Aber sie konnte nicht mehr ohne ihn leben. Sie gehörten zusammen. Herz und Verstand waren endlich einer Meinung, als sie den Pullover abstreifte und in seine Arme sank.



Keiner von beiden bemerkte den Schatten, der vor dem gerade reparierten Fenster vorbei huschte.
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