Reality von XS

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Teil 16

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„Weißt du, was ich an der ganzen Sache nicht verstehe, Joe?“



Joe zuckte mit den Schultern und wandte nicht eine Sekunde seinen Blick von der Straße ab. Sollte er einen Unfall bauen, mit dem ganzen Zeug, das sie geladen hatten, dann war er so gut wie tot. Oder schlimmer.



„Ich meine, es ist nicht nur eine Sache, die ich nicht kapiere sondern gleich mehrere.“



Joe rollte mit den Augen. Dass Henry mehr als eine Sache nicht verstand, war ja kaum verwunderlich. Er fragte sich immer noch, wie er eigentlich an diesen Job gekommen war.



„Wieso mussten wir zum Beispiel diese Frau auf so umständliche Art und Weise kidnappen? Wir hätten doch einfach wieder ’ne Nutte oder so nehmen können. Oder ’nen Penner, so wie beim letzten Mal.“



Als Joe nicht antwortete fuhr Henry einfach fort.



„Dann war sie sogar ’ne FBI-Agentin. Ich fand’ das ziemlich abgefuckt, dass man uns das vorher nicht einmal gesagt hat. Und dann noch die Scheiße, dass wir sie nicht einfach getötet haben sondern sie irgendwo hinbringen mussten, wo sie eventuell noch gefunden wird. So ein Schwachsinn.“



Henry wartete nicht lange auf eine Antwort von Joe. Er war daran gewöhnt, dass sein Kollege nicht viel mit ihm sprach und so brabbelte er weiter vor sich hin und malte sich aus, was das alles wohl für einen Sinn gehabt haben mochte.



Als Henry seinen Monolog beendet hatte und nur noch leise vor sich hinmurmelte, dachte Joe über das Gesagte nach. Auch wenn er es Henry gegenüber nicht erwähnte. Auch er hatte sich schon genau die gleichen Fragen gestellt und war zu keiner Lösung gekommen. Er hütete sich diese Fragen laut zu stellen, denn in den Kreisen, in denen er sich bewegte reichte so etwas schon, dass man am nächsten Morgen mit dem Gesicht auf dem Boden auf der Straße lag. Aber im Gegensatz zu Henry wusste er, wer für diesen besonderen Ablauf zuständig gewesen war. Dieser Typ, der einigen wenigen von ihnen die Anweisungen erteilt hatte, hatte auf ihn schon den Eindruck gemacht halb tot und vertrocknet zu sein. Und wenn er an den ekelhaften Zigarettengestank dachte, den dieser Typ ihm direkt ins Gesicht geblasen hatte, wurde ihm beinahe übel. Er hatte sich nur durch Zufall in der Besprechung befunden und im Nachhinein hätte er gut darauf verzichten können. Dieser Mann hatte offensichtlich ein persönliches Interesse an dem Wissen dieser Bundesagentin gehabt. Und Joe wusste auch, dass dieser Mann die Macht hatte, alles umzuschmeißen, nur weil er es so wollte. Risiko hin oder her.

Und jetzt fuhren sie mit ihrem riesigen Truck, in dem sich beinahe ihr gesamtes Equipment befand, quer durch das ganze Land. Das Pflaster in Pennsylvania war einfach zu heiß geworden, was auch an dieser Frau lag. Was Joe stutzen ließ, war nicht nur die Tatsache, dass die Fahrt riskant war. Nein, vor allem die Tatsache, dass dieses ganzes Risiko für einen fehlgeschlagenen Versuch an dieser Frau auf sich genommen wurde. Aber er würde keine Fragen stellen wie Henry. Er wusste, wie gefährlich das werden konnte. Außerdem kannte er die Befehlskette. Man hatte ihm gesagt, er solle den Truck an die andere Seite der USA bringen und so tat er es auch ohne eine Frage nach dem ‚Warum?’ zu äußern. Er würde den Truck zu seinem Bestimmungsort bringen und dort mithelfen, eine neue Station aufzubauen. Ohne Fragen zu stellen, auch wenn er zu gerne wissen wollte, wieso diese einzelne Frau das ganze Risiko wert gewesen war. Er schlug sich seine Fragen aus dem Kopf und konzentrierte sich auf wieder auf die Strasse. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.



Auf einer einsamen Straße rollte der Truck der Dämmerung davon, hinein in die dunkle und schwarze Nacht.
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