Reality von XS

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Teil 14

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Ungeduldig trat Jim von einem Fuß auf den anderen. Er wusste nicht, wie viel Zeit seit seinem Telefonanruf vergangen war, denn die Uhr, die er einmal besessen hatte, war stehengeblieben und er hatte sie Tom gegen eine halbe Flasche Whiskey überlassen: das Geschäft seines Lebens. Es schien jedenfalls bereits eine Ewigkeit vergangen zu sein, aber noch immer war kein Auto, Krankenwagen oder Polizeiwagen in Sicht. Sicher hatte Jim einige Male die Sirenen von sich nähernden Fahrzeugen gehört, aber sein beschleunigtes Herzklopfen war völlig ohne Grund gewesen. Bisher waren alle Fahrzeuge an ihm vorbeigefahren.

Und jetzt hörte er wieder eine Sirene und sein Herz, das sich gerade erst beruhigt hatte, begann wieder wild zu schlagen. Das Geräusch kam näher und Jim erwartete jeden Moment, dass der Wagen in eine andere Richtung fahren würde. Aber das Geräusch schwoll an und kam direkt auf ihn zu. Und Jims Herz schien Purzelbäume zu schlagen und klopfte wilder als nach seinem fünf Minuten Lauf zur Telefonzelle. Er machte einen Schritt auf die Straße und richtete seinen Blick in die Richtung, aus der das Geräusch ertönte. Und da sah er es: das rotierende, blau leuchtende Licht des Krankenwagens. Grelle Blitze wurden an die schäbigen Hauswände geworfen, noch bevor der Wagen ganz in Jims Blickfeld lag. Und dann die heulende Sirene, deren Ton in einen eindrang und alles andere aus einem herauspressen wollte. Besonders die beiden anderen Wagen mit Sirene verstärkten das Geräusch so sehr, dass es beinahe nicht auszuhalten war.

Kaum hatten sie ihn erblickt, da wurden Gott-sei-Dank die Sirenen ausgeschaltet, so dass nur noch die zuckenden Blitze eine unheimliche Stimmung hervorriefen. Jim starrte die näherkommenden Wagen mit weit aufgerissenen Augen und einem vor Schreck oder Faszination offen stehendem Mund an und konnte nicht ausweichen. Er fühlte sich wie ein Kaninchen, das von einer Schlange hypnotisiert worden war. Und diese Situation jetzt war genauso tödlich. 40 Meter vor ihm legte der Krankenwagen eine Vollbremsung hin und kam zwei Meter vor ihm zum Stillstand.

Dann ging alles furchtbar schnell. Aus dem einzigen Wagen, der ohne Sirene und Blaulicht hergekommen war, sprang ein Mann. Groß, dunkles Haar, Anzug und Krawatte sowie einen langen Mantel tragend. Er hatte das Auto noch nicht ganz verlassen, da rief er etwas zu ihm herüber.



„Jim?!“



Jim nickte, woraufhin der Mann ihm mit einem Handzeichen zu verstehen gab, dass er einsteigen sollte. Jim setzte sich in Bewegung und fühlte sich wie in Trance. Er hatte sich vorgenommen cool aufzutreten und erst mal die Belohnung zu sichern, doch das war jetzt alles dahin. Mit starren Bewegungen ging er auf den Wagen zu und stieg ein. Der dunkelhaarige Mann wartete nicht, bis er sich angeschnallt hatte und legte sofort den Gang ein.



„Wohin?“, fragte er und musterte Jim mit strengem Blick.



Nach einem kurzen Zögern, das durch seine Aufregung verursacht wurde, deutete Jim in eine kleine Strasse und wurde in den Sitz zurückgedrückt, als der Mann am Steuer einen sauberen Kickstart hinlegte und um die Kurve fegte. Mit einer Geschwindigkeit, die Jim nie für möglich gehalten hätte, dirigierte er die Wagenkolonne durch die kleinen, dunklen und verwinkelten Gassen, bis sie innerhalb von zwei Minuten die Nebenstrasse erreicht hatten, die zu einer weiteren kleinen Gasse führte, die den Eingang zu Jims Quartier bedeutete.





Der Mann hatte während der Fahrt nicht ein einziges Wort gesagt. Jim hatte ohne Aufforderung jedes Mal auf eine Strasse gedeutet, hatten sie abbiegen müssen. Man konnte nicht behaupten, dass Jim durch den Mann, der neben ihm saß, eingeschüchtert gewesen wäre, bedachte man, dass Jim sich eigentlich nie einschüchtern ließ. Aber etwas in dem Ausdruck dieses Mannes sagte ihm, dass es besser sei, nur das zu tun, was man vom ihm erwartete und später Fragen zu stellen.

Der Mann neben ihm hatte einen Ausdruck in den Augen, der ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Diese merkwürdige Zusammenstellung von Gefühlen musste einen doch einfach zum Wahnsinn treiben. Er konnte Angst darin lesen und gleichzeitig Hoffnung. Hoffnung mit ein wenig Erleichterung, aber wirklich nur einen Hauch davon. Als wollte er nicht einem Irrtum verfallen. Denn dieser wäre für diesen Mann sicherlich tödlich. Dann dieser Kampfgeist. Unsagbare Kräfte schienen aus ihm zu sprechen, aber gleichzeitig schien er auch so ausgezehrt. Nicht nur sein Kampfgeist schien zu zerfallen sondern der ganze Mensch. Und dann war da wiederum eine neue Kraft zu sehen, die ihn völlig wiederherstellen konnte, aber diese Kraft war genauso ungewiss wie die Erleichterung.

Jim wusste genau, dass er niemals von solch widersprüchlichen Gefühlen beherrscht sein wollte. Aber dieser Mann neben ihm tat ihm auch leid, so dass er sich wünschte, dass diese Frau, die er gefunden hatte, die Erleichterung bringen könnte, die dann auch den Kampfgeist dieses Mannes und ihn selber wieder aufrichten könnte. Er wollte nicht, dass irgendjemand in diesem Wechselbad der Gefühle leben musste.





Jim trat mit, von der wilden Fahrt, zitternden Knien aus dem Auto. Der Mann, Agent Mulder, war direkt nach der Vollbremsung aus dem Wagen gesprungen und sah sich jetzt fragend nach Jim um. Mit stelzenartigem Gang machte Jim ein par Schritte auf Mulder zu und deutet dann auf die kleine Gasse, in der sein Quartier lag.



„Dort ist meine Wohnung und auch ihre Partnerin. Ich...“



‚Ich werde Ihnen zeigen, wo genau’, hatte er hinzufügen wollen, aber Mulder hatte sich schon in Bewegung gesetzt und verschwand gerade aus dem Scheinwerferlicht des Wagens und tauchte in die Dunkelheit der kleinen Gasse ein. Jim seufzte kurz und folgte ihm dann so schnell er konnte. Als er seine Wohnung erreichte, hörte er, wie der Kranken- und Polizeiwagen neben Mulders Wagen anhielten.

Jim wartete nicht auf sie sondern folgte Mulder in die kleine dunkle Gasse. Ein kleiner Lichtfleck verriet ihm, dass Agent Mulder offensichtlich eine Taschenlampe herausgeholt hatte, um besser sehen zu können. Der Lichtfleck bewegte sich nicht mehr weiter, was Jim vermuten ließ, dass Mulder an seiner Behausung angekommen war. Nur einige Schritte trennten ihn selber noch davon. Als er näher kam und sah, was Mulder tat, begann er wütend zu protestieren.



„Hey, Mister! Was machen Sie da? Sie zerstören meine Wohnung. Hören Sie sofort auf damit!“



Mulder hatte begonnen die Seitenwände, die aus alten Brettern und Paletten bestanden, zur Seite zu ziehen, um besser an den inneren Teil der Wohnung gelangen zu können. Er ließ sich in keiner Weise von Jims Protest stören. Er hielt seine Augen starr auf etwas unter den Zeitungen gerichtet und begann nun, diese Zeitungen in alle Richtungen zu zerstreuen.



„Mister, bitte...“, versuchte Jim es erneut, denn es schmerzte ihn ganz schön, zusehen zu müssen, wie sein in harter Arbeit aufgebautes Heim zerstört wurde.



Mulder warf ihm einen Blick zu, der ihn auf der Stelle hätte töten können.



„Was haben Sie mit ihr gemacht? Los, sagen sie schon! Was zum Teufel haben Sie ihr angetan?“



So viel Wut und Verzweiflung hatte Jim noch nie in den Augen einer Person gesehen. Und er war auch nicht wirklich scharf darauf, so etwas zu sehen. Jetzt war er wirklich eingeschüchtert und wünschte sich, dass er die Frau einfach liegengelassen hätte.



Mulder unterdessen hatte sich wieder Scully zugewandt, die er fast vollständig aus dem Zeitungsberg ausgegraben hatte. Er fühlte ihren Puls, überprüfte die Atmung und hob sie dann behutsam hoch.



Mittlerweile waren auch die Sanitäter mit einer Trage und einem Erste Hilfe Koffer an Jims Wohnung oder das, was davon übrig war, eingetroffen und eilten auf Mulder zu. Der jedoch schien wie in Trance zu sein, denn er reagierte nicht auf den Vorschlag der Sanitäter, Scully auf eine Trage zu legen. Erst als Mulder bereits am Ende der Gasse angelangt war und ihn das rotierende, grelle Licht des Krankenwagens blendete, kam er wieder soweit zurück, dass er es den Sanitätern ohne Einwände gestattete, Scully in den Krankenwagen zu befördern. Nur wenige Sekunden später fuhr der Krankenwagen davon und ließ in Mulder ein merkwürdiges hohles Gefühl zurück. Er starrte dem Krankenwagen noch immer nach, als dieser schon, um die Ecke gebogen war.





Jim trat erneut nervös von einem Fuß auf den anderen. Er hatte zwar vor, Mulder anzusprechen, um zu erfahren, was aus seiner Belohnung werden würde, aber wodurch er noch viel nervöser wurde, waren die beiden Officers, die sich ihm gerade näherten. Er war immerhin kein Unschuldsengel und wenn er daran dachte, dass die Polizei ihm einige neugierige Fragen stellen würde, bekam er ein ganz mulmiges Gefühl in seinem Magen. Er war hin- und hergerissen, einfach wegzulaufen, aber da waren zum einen die verlockende Belohnung, dann die Tatsache, dass er eh keine richtige Chance haben würde und außerdem wusste die Polizei jetzt, wo er sein Lager aufgeschlagen hatte. Ein Wegrennen hätte nicht die geringste Aussicht auf Erfolg.



„Sir? Entschuldigen Sie bitte, Sir?“



Jim zuckte unmerklich bei dem ersten Wort, das an ihn gerichtet war, zusammen. Dann drehte er sich langsam zu den beiden Polizisten um.



„Sir, wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“



Jim nickte müde. Wie sollte er sich auch großartig dagegen wehren? Es war jetzt ohnehin zu spät. Da konnte er wenigstens die kleine Chance nutzen, an die Belohnung zu kommen.



„Es handelt sich nur um einige Routinefragen, damit wir Ihnen die Belohnung zukommen lassen können...“



Ruckartig hob Jim den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein. Das alles konnte doch nur ein Traum sein. Polizisten, die korrekt und nett waren zu einem Penner wie ihm? So etwas gab es doch nur in schlechten Filmen. Das Glück war ihm noch nie in den Schoß gefallen. Im Gegenteil das Schicksal hatte ihm übel mitgespielt. Und jetzt sollte er so einfach ohne weiteres durch einen einzigen Anruf an eine nicht unbeträchtliche Menge von echten amerikanischen Dollars kommen?



*Jim!*, befahl er sich, *‚Hör auf damit! Denk einfach nicht mehr darüber nach! Nimm’ es einfach hin und genieße es!’*



Und genau das tat er. Verschwunden waren die Nervosität und die Angst. Er vergaß den angsteinflößenden schwarzen Wagen mit den ebenso angsteinflößenden Männern. Und auch der Gedanke an Mulders tödlichem Blick war verschwunden.





Mulder hatte genauso alles um ihn herum vergessen. Der einzige Gedanke, der ihn erfüllte war die Tatsache, dass er Scully wiederhatte. Dass er sie lebend wiederhatte. Wie und warum, dafür war in seinen Gedanken momentan kein Platz. Er schaffte es gerade noch, sich in seinen Wagen zu setzen, Richtung Krankenhaus zu fahren und sein Handy aus seiner Manteltasche zu befördern, um Margaret anzurufen. Sie musste schließlich wissen, dass ihre Tochter endlich gefunden worden war. Nach diesen endlosen, ungewissen Wochen des Wartens, würde es eine unglaubliche Erleichterung bedeuten.
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