Reality von XS

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Teil 12

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Heute war ein guter Tag gewesen. Vielleicht lag es ja am Wetter. Obwohl ihn das Wetter eigentlich nicht interessierte. Hauptsache, er hatte genug verdient. Na ja, ein wenig war er schon daran interessiert, dass das Wetter so schön blieb. Immerhin musste er die ganze Nacht draußen verbringen. Und im vergangenen Winter, beispielsweise, hatte er sich einige Zehen und beinahe auch die Nase abgefroren. Aber jetzt war das Wetter wunderbar. Vor allem kamen viel mehr Leute vorbei, die ihm, möglicherweise durch das schöne Wetter in eine gute Laune versetzt, einige Geldstücke gaben. Zur Feier des Tages, ganze 24 Dollar und 86 Cent waren für ihn herausgesprungen, hatte er sich viel früher als sonst auf den Weg zu einem Supermarkt gemacht und sich etwas Hochprozentiges gegönnt. Und jetzt rann ihm dieses köstliche Nass heiß die Kehle hinunter, so dass er vor Wonne kurz die Augen schließen musste.

Seine wohlverdiente Ruhe wurde jedoch abrupt durch das Quietschen von Autoreifen unterbrochen. Erschrocken riss Jim die Augen auf und beugte sich ein wenig vor, so dass er aus seiner Seitengasse in die nächste Straße sehen konnte. Er lugte hinter einigen Paletten, die seine Wohnung darstellten, hervor und sah ein schwarzes Auto, das mit noch laufendem Motor direkt vor seiner Gasse stand. Eigentlich hatte Jim keinerlei Interesse an diesem Wagen, aber er befand sich nun einmal nicht in der besten Gegend, da fiel so ein gut gepflegtes Auto einfach auf. Die hintere Tür wurde geöffnet und etwas fiel heraus, nein, es wurde herausgestoßen. Ein riesiges Bündel, das einfach auf der Straße liegenblieb. Die Tür war noch nicht wieder geschlossen, da fuhr der Wagen wieder an. Erneut mit widerlich quietschenden Reifen, so dass die Luft nach verbranntem Gummi stank.

Jim war durch das abrupte Auftauchen und wieder Verschwinden neugierig geworden. Offensichtlich hatte da jemand etwas verschwinden lassen wollen. Und dabei hatte er möglichst unbemerkt bleiben wollen.

Das Bündel lag immer noch auf der Straße und bewegte sich nicht.



*Vielleicht ist es ja eine Leiche?*, schoss es Jim durch den Kopf. Die Größe könnte hinkommen und das wäre doch einfach plausibel oder?



Obwohl Jim schon ein wenig Angst hatte, da er ahnte, in was er da hineingeraten konnte, siegte seine Neugier. Zu gerne wollte er wissen, um wessen Leiche es sich denn handelte. Denn dass es sich um eine handelte, war für ihn schon klar. Vorsichtig stellte er seine Flasche zur Seite und versteckte sie. Er hatte schließlich auch Prioritäten zu setzen. Dann legte er die Zeitungen zur Seite, die ihn bedeckten und schlüpfte aus seiner Wohnung hinaus.

So leise es ihm möglich war, schlich er sich an das Bündel heran, denn aus einem unerklärlichen Grund fürchtete er, dass es ihn doch noch anspringen könnte. Er konnte jetzt aus der Nähe eindeutig eine Gestalt unter der dunklen Decke ausmachen. Eine menschliche Gestalt. Er schauderte und sah sich ängstlich um. Hoffentlich beobachtete ihn niemand. Zögernd trat er nun vollends an die Gestalt heran, sah sich noch einmal um und bückte sich dann. Einige Sekunden betrachtete er das Bündel nur von oben bis unten. Er vermutete, dass es sich um eine Frau handelte, da die Gestalt unter der Decke sehr klein und schmal zu sein schien. Aber das genügte ihm nicht. Er wollte wissen, wie die Person aussah. Er wollte sich das Gesicht einprägen und dann, falls etwas über einen Mord in der Zeitung stand, konnte er bei seinem Kumpel Kevin damit angeben, dass er die Leiche tatsächlich gesehen hatte. Und vielleicht sprang dabei ja auch noch einiges für ihn heraus, wenn er zur Polizei ging. Obwohl er davor wohl eher zurückschrecken würde, denn die Polizei war nicht unbedingt gut auf ihn zu sprechen. Es käme eben ganz darauf an, wie viel für ihn dabei herauskommen würde.

So saß Jim einige Sekunden gehockt vor dem Bündel und starrte es an. Indem er seinen Gedanken so ausführlich nachging verschaffte er sich ein wenig Zeit, so dass er noch nicht unbedingt die Leiche ansehen musste. Denn obwohl er sich bereits ausmalte, was er mit diesem Wissen alles anfangen konnte, hatte er doch auch ziemliches Muffensausen.



*Was soll‘s*, dachte er sich schließlich, *entweder jetzt oder nie. Wenn dich jemand gesehen hat, nützt es dir ja doch nichts, dass du die Leiche nicht gesehen hast. Dann kannst du sie dir auch gleich ansehen.*



Von diesem Gedanken ermutigt wickelte er die Gestalt aus der Decke aus, bis sie vor ihm, mit dem Gesicht auf dem Boden, liegen blieb.



*Ich wusste es doch!*, dachte er in einem Anfall von Triumph, der nicht an diesen Ort und zu diesen Umständen zu passen schien, *Es ist eine Frau!*



Ja, es handelte sich um eine Frau. Sie war nicht besonders groß und schien sehr zerbrechlich zu sein. Ihr leuchtend rotes Haar schimmerte selbst in dem trüben Licht einer entfernten Straßenlampe, die ununterbrochen flackerte.

Wieder zögerte Jim. Jetzt war die letzte Gelegenheit, um sein Unterfangen abzubrechen. Aber er hatte sich jetzt soweit vorgewagt, dass er nicht mehr aufhören konnte, geschweige denn wollte. Er atmete noch einmal tief durch und drehte die Frau dann um. Jetzt lag sie auf dem Rücken und er konnte ihr Gesicht deutlich sehen. So deutlich es eben in dem flackernden Schein der Straßenlampe möglich war.

Scharf zog Jim die Luft ein. Nicht weil der Anblick so grauenhaft war, nein, das konnte er beim besten Willen nicht behaupten, aber er kannte dieses Gesicht. Zwar sah es jetzt sehr mitgenommen und blass aus, aber es war definitiv das selbe Gesicht. Und er konnte sogar nachsehen, ob es tatsächlich die gleiche Person war. Die ersten paar Schritte rückwärts gehend, da er den Blick nicht abwenden konnte, eilte er zurück zu seinem Schlafquartier. In Windeseile durchwühlte er die Zeitungen, die sein Wärmepolster waren und wurde schließlich fündig. Er hastete zurück zu der Frau und warf erneut einen Blick auf ihr Gesicht, bevor er sich der Zeitung widmete.

In einem schwarz umrandeten Kasten prangte ein Foto, irgendein Text direkt daneben und die Überschrift: FBI-Agentin vermisst / Belohnung.

Ihn interessierte neben dem sehr interessanten Wort *Belohnung* jetzt erst einmal das Foto. Es war schwarzweiß, aber trotzdem konnte er das Gesicht zweifelsfrei identifizieren. Es handelte sich um die tote Frau direkt neben ihm, die auf der Straße lag.

Jim fing jetzt an zu zittern. Nicht weil er es jetzt doch plötzlich mit der Angst zu tun bekam sondern vielmehr, weil er sich jetzt die Belohnung abschminken konnte. Tot würde die Frau ihm nichts nutzen.



*Stop! Warte mal! Du denkst, dass sie tot ist, aber du weißt es doch gar nicht mit Sicherheit.*



Das stimmte. Er war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass hier jemand eine Leiche wegschaffen wollte, aber das musste ja nicht zwangsläufig so sein. Jim machte sich nichts vor. Die Chance, dass die Frau noch lebte war sehr gering. Das Risiko der Leute, die sie hergebracht hatten, war viel zu groß, als dass sie sie als Zeugin am Leben ließen. Aber einen Versuch war es wert. Er beugte sich zu der FBI-Agentin nieder und streckte seine Hand nach ihrem Hals aus, um den Puls zu fühlen. Er erstarrte kurz. Eine Leiche sehen war ja noch okay, aber sie anfassen? Wenn sie jetzt tatsächlich tot war, dann würde er die kalte, vielleicht schon gummiartige Haut anfassen. Jim schüttelte sich.



*Denk einfach nicht daran, Jim! Denk lieber an das ganze Geld, das Du dafür bekommen wirst, wenn sie noch lebt. Und noch besser, wie viel Schnaps dabei für den Winter ‘rausspringt, der Dich dann wärmen wird!*



Also biss er die Zähne zusammen und versuchte, ihren Puls zu fühlen. Ihre Haut war nicht gummiartig und der Körper war zwar unterkühlt aber nicht so kalt, als sei die Frau tot. Das wusste Jim freilich nicht, aber was er nach einigem unruhigen Herumtasten bemerkte, war das leichte Pochen des Herzens, das zwar langsam und schwach, aber stetig pulsierte.



*Also, Jim, alter Junge! Mach‘ hinne und beweg‘ Deinen dreckigen Arsch zum nächsten Telefon! Wenn Du noch lange wartest, kannst Du die Belohnung vergessen!*


Und Jim bewegte seinen Arsch. Schnell bückte er sich nach der Zeitung und rannte die Nebenstraße entlang, die das Auto gekommen war. Plötzlich hielt er abrupt inne. Was, wenn jemand vorbeikam? Er durfte kein Risiko eingehen. Dafür fiel die Belohnung viel zu hoch aus. Also machte er auf dem Absatz kehrt, wickelte die FBI-Agentin wieder in die Decke ein und zog sie in die schmale Gasse, in der seine Unterkunft lag. Er zerrte sie in seine Wohnung und deckte sie zusätzlich mit alten Zeitungen zu. Immer darauf bedacht, dass sie noch ungehindert atmen konnte. Dann setzte er erneut zu einem Spurt zur nächsten Telefonelle an.
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