Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 8~

-David gegen Goliath-



3.2. 1936



Der Mann blickte wehmütig auf und ab. Es fiel ihm nicht leicht zur Ruhe zu kommen. Das Glas Scotch in seiner Hand zitterte, und feine Spritzer des edlen Getränkes besudelten den Marmorschreibtisch. Der, der das Glas in seiner Hand hielt, stellte dieses, nachdem er mit der rechten Hand einen Lappen aus der Schreibtischschublade geholt hatte und die Flecken entfernt hatte, ins nahestehende Mahagoni – Regal und fuhr sich mit der Hand durch die aschgrauen Haare. Erst nach einer Weile zückte er den Füllfederhalter und begann, die ersten Zeilen aufs Papier zu bringen.



„ [...] Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass das, was heute vorgefallen ist, nicht meinen gesunden Menschenverstand auf eine harte Probe gestellt hätte. Ich bin ratlos, gewissermaßen unschlüssig! Kann man den Worten Glauben schenken? Soll man an etwas glauben, das im Grunde bisher nur in den wildesten Phantasien eines Irren oder bestenfalls in einem Roman verarbeitet wurde? [...]



Verbissen sah er auf. Nein, es wäre falsch, es nicht zu tun. Dazu stände zuviel auf dem Spiel. Er musste es aufschreiben, für die Nachwelt festhalten. Das Niederschreiben der Gedanken würde die Ungewissheit für einen kurzen Moment verdammen und Platz für andere Vorstellungen schaffen.



„ (...) Ich weiß es noch nicht, und doch bin ich mir seltsamerweise sicher, dass dieses Ereignis heute den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflussen wird. Dieses Ereignis - am dritten Februar des Jahres 1936. (...)“



Selbsttherapie?



„ [...] Ich weiß nicht, warum ich das hier aufschreibe. Ich weiß nicht einmal, ob das hier jemals ein anderer Mensch außer mir zu lesen bekommen wird. Vielleicht, lieber Unbekannter, der du diesen Brief eventuell in der nahen Zukunft in deinen Händen hältst – vielleicht versuche ich mich selbst zu beruhigen. Vielleicht habe ich Angst vor der Zukunft, obwohl doch paradoxerweise kein Grund dazu besteht ... [...]



Er sah auf und nahm einmal tief Luft.



„ [...] ... Oder doch? (...)“



Gedankenverloren blickte der Mann in seinem Zimmer umher und ließ diese Frage noch eine ganze Weile unbeantwortet im Raume stehen.





Gegenwart , 15:17

Ort unbekannt



Doggett öffnete die Augen. „Haben Sie gut geschlafen?“ hörte er eine Stimme sagen.

„Wo bin ich?“ fragte der Agent schläfrig und versuchte seinen schmerzenden Körper aufrecht zu setzen, doch es gelang ihm nicht. Kraftlos sackte er wieder in sich zusammen und stöhnte. „Oh mein Gott, hab ich einen Kopf ...!“

„Das legt sich mit der Zeit, Agent Doggett. Glauben Sie mir. Entschuldigen Sie uns die gewissen Unannehmlichkeiten, die wir Ihnen und Ihrer Partnerin gemacht haben, aber wir haben, bedauerlicherweise, vorschnell gehandelt.“

„Wovon reden Sie, verdammt?“

„Mein Name ist Packer, Agent Doggett. Alvin Packer. Wir“ – Er zögerte – „... wir wollen Ihnen etwas zeigen, das Sie garantiert interessieren wird.“



„Verdammt noch mal, was haben Sie Monica und mir angetan?!“ – John Doggett suchte verzweifelt nach seiner Waffe. „Was haben Sie mit uns gemacht?! Wo bin ich?“

„Nach Ihrer Waffe müssen Sie erst gar nicht suchen, Agent Doggett“, erklärte Packer und zog etwas aus seinem weißem Umhang. „Denn ich war so frei, sie an mich zu nehmen. Reine Vorsichtsmaßnahme, Sie verstehen. Man weiß ja nie, mit wem man es zu tun bekommt...“

„Sie machen einen großen Fehler, wenn Sie sie mir nicht wiedergeben!“, insistierte der Agent, und in seinem Gesicht zeichneten sich die ersten hervor tretenden Adern ab. „Das FBI wird nach uns suchen!“

„Sollen sie doch – sie werden uns nicht finden...“

„Wie können Sie sich da so sicher sein?“ – Doggett wurde zunehmend wütender und registrierte in diesem Augenblick, dass an seinen Kopf mehrere Elektroden angeschlossen waren, welche mit irgendeiner Maschine verbunden zu sein schienen. „Was zum Teufel soll das?“

„Eine Art Vorsichtsmaßnahme. Eine jede dieser Elektroden sendet bei Bedarf kleine elektrische Impulse, welche direkt in ihr Gehirn geleitet werden. Wenn Sie ruhig bleiben, dann passiert Ihnen nichts. Wenn Sie jedoch zickig werden ...“ – Alvin Packer betätigte einen kleinen roten Knopf – „dann geschieht das mit Ihnen, sehr geehrter Mister John Doggett!“



Und kurz darauf hatte der Agent das Gefühl, als ob tausend kleine Blitze in seinen Kopf einschlagen würden, denen es eine Freude war, sein Gehirn innerhalb kürzester Zeit gar zu kochen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht bäumte sich Doggett auf und schlug wild um sich, derart schmerzhaft spielten ihm die Impulse mit. Ganz leise hörte er Packer. Ganz leise, neben dem Geräusch der elektrischen Impulse, nahm er ihn wahr und hatte keine Chance, dieses zu vermeiden.



„Das sind Schmerzen, nicht wahr? Sie wünschen sich in diesem Moment, Sie wären tot, und das kann ich Ihnen gut nachempfinden. Aber Sie müssen nicht diesen Weg gehen. Lassen Sie sich auf einen Deal ein und leben Sie!“



Wenig später hörte die Folter auf und Doggett fiel kraftlos zurück auf die Liege, ein Auge geschlossen, das andere auf die daneben stehende Liege gerichtet. Reyes war noch tief und fest am Schlafen. Sie wusste noch nicht, was Sie erwarten würde. Er, Doggett, wusste es nicht einmal.



Nur eines war ihm bewusst - er musste wohl oder übel mitspielen, ob er es nun wollte oder nicht. Es war das bekannte Schema; vorerst Überlegener trifft auf Unterlegenen, welcher mittels faulem Trick die überlegenere Rolle erringt und fortan den, der nun schwach und kraftlos ist, tyrannisiert und diskriminiert.

Es war ein Kampf wie der von David gegen Goliath, wobei zu diesem Zeitpunkt nicht einmal feststand, ob der Kleine am Ende den Großen besiegen würde. In seinem tiefsten Inneren hoffte der Agent es, doch er hatte das dumpfe Gefühl, dass er in diesem Fall leider selbst der Riese war! Und David dachte sich schon längst seelenruhig einen Plan aus, wie er ihn beseitigen könnte...
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