Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 6~

-Crash-



zur selben Zeit auf einer Schnellstraße; ca. dreizehn Kilometer außerhalb von Washington



„Der Wagen ist völlig hinüber!“



Derik Walters schüttelte den Kopf und blickte auf das ausgebrannte Wrack, das nicht unweit der Straße unterhalb einer durchbrochenen Leitplanke im Gras lag. Beißender Qualm stieg aus einem der Seitenfenster empor.



„Das war kein Unfall“, sagte einer der Beamten, die um das Auto standen und die letzten Flammen mit Löschschaum im Keim erstickten. „Hier hat jemand nachgeholfen!“

„Was macht Sie so sicher?“ fragte Walters und stieg über eine der Absperrungen hinweg.

Der Beamte, der die Vermutung geäußert hatte, zeigte auf eine kleine Pfütze, welche im Gras fast nicht zu sehen war.

„Brandbeschleuniger“, sagte er. „Irgendjemand wollte sichergehen, dass von dem Wagen wirklich nichts überbleibt.“

„Also ist der Wagen nicht infolge des Sturzes in Flammen aufgegangen?“, fragte Walters und zückte sein Walkie – Talkie. „Myers, haben die Untersuchungen an der Leitplanke schon Brauchbares zu Tage gefördert?“

„Ja“, kam die knackende Antwort, „wir haben das fehlende Teilstück gefunden und untersucht.“

„Und?“

„Schwarze Lackspuren lassen vermuten, dass der Wagen die Leitplanke zwar berührt hat, aber durchbrochen hat er sie nicht!“

„Also hat jemand selbst Hand angelegt?“ – Walters blickte nach oben zum Hang. „Dann wollte es jemand wie ein Unfall aussehen lassen.“

„Das denke ich auch“, ließ die Stimme Myers’ aus dem Funkgerät verlauten. „Kleine Abschürfungen legen die Vermutung nahe, dass an der Leitplanke gesägt wurde.“

„... und der Wagen wurde anschließend heruntergestoßen, wo er nicht explodierte, so dass jemand mittels Brandbeschleuniger nachhelfen musste.“ – Derik Walters schüttelte nachdenklich den Kopf. „Dann irritiert mich aber eine Sache: warum hatte der Täter alle Zeit der Welt, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen?“

Der Beamte, der vormals mit dem Einsatzleiter gesprochen hatte, erhob seine Stimme. „Mit Verlaub, aber diese Strecke ist nicht sehr befahren, Derik. Nachdem die neue Umgehungsstrecke gebaut wurde, lassen sich die wenigsten dazu breitschlagen, ihr Ziel über die alte Straße zu erreichen. Kann gut und gerne vorkommen, dass hier nur mal alle paar Stunden ein Wagen lang fährt.“

„Glaub ich nicht“, sagte Walters, „mir scheint, hier hat jemand gar nicht das Risiko mit einkalkuliert und blindlings drauf los gemacht ... als wäre es eine Spontanentscheidung gewesen...“

„Sie meinen...?“

„Die Tatsache, dass von dem Fahrer und seiner eventuellen Begleitung jegliche Spuren fehlen, erscheint mir wie eine Entführung, die zum einen schnell, zum anderen nicht in dieser Form vonstatten gehen sollte!“ – Walters dachte nach – „...und im Eifer des Gefechts sind bei unserem Täter alle Sicherungen durchgebrannt und er hat diesen Unfall inszeniert! Ein Profi hätte hier keine Fehler gemacht, glauben Sie mir.“

„Diese Theorie ist einleuchtend, Derik, aber wenn es eine Entführung sein sollte“ – Der Beamte fasste sich an die Stirn und wirkte nachdenklich – „dann können wir jetzt so gut wie nichts ausrichten, denn das Nummernschild, welches den Fahrer ausfindig machen könnte, ist völlig unbrauchbar, ebenso wie die Tatsache, dass alle Papiere und Dokumente mitverbrannt sind, eine Suchmeldung im Moment also nur nach Unbekannt möglich wäre!“

„Sie haben Recht, und das ist es auch, was mir Kopfzerbrechen bereitet“, erklärte Walters unzufrieden und massierte seinen Nacken. „Im Prinzip können wir nur abwarten, bis jemand eine Vermisstenmeldung herausgibt, oder sich ein Zeuge doch unser erbarmt und eine genaue Täterbeschreibung abliefert.“ – Der Einsatzleiter lächelte, was ihm zu diesem Zeitpunkt merklich schwer fiel. „Letzteres ist, zugegeben, Wunschdenken und wird sich nicht bewahrheiten, davon sollten wir ausgehen, Jungs!“

Das Klingeln eines Handys ließ Derik Walters plötzlich zusammenzucken. Es war ganz nah, und Derik war sich sicher, dass es auf keinen Fall sein eigenes sein konnte, da seines oben im Wagen lag. „Ist das das Handy von einem von euch?“, fragte er zügig und blickte umher. Doch seine Männer konnten, nachdem sie ihre Handys untersucht hatten, nur mit einem verneinenden Kopfschütteln antworten.

„Verdammt noch mal, durchkämmt das Gebiet! Irgendwo hier liegt ein Handy ... vielleicht das des Fahrers!“ – Derik lief wild umher und richtete seinen Blick gen Boden. Plötzlich stoppte er. „Ich hab’s !“ schrie er und griff nach etwas. Es war ein schwarzes Handy, was infolge des vermeintlichen Sturzes stark beschädigt, jedoch noch einsatzbereit war. Das Klingeln verstummte nicht, und Walters drückte merklich nervös auf die „Anruf annehmen“ – Taste. Er sagte nichts, sondern ließ den Gesprächspartner am anderen Ende das Gespräch beginnen. Erst nachdem klar war, wer der Anrufer war, meldete sich der Einsatzleiter zu Wort.



„Wer spricht da? ... FBI? ... was? Warum ich dieses Telefonat entgegen genommen habe? Beruhigen Sie sich doch, Agent ... wie war noch Ihr Name? Nein, ich habe das Handy nicht gestohlen! Es ... so hören Sie mir doch zu! Der, den Sie sprechen wollten, hatte einen Unfall und ... mein Name ist Derik Walters. Ich bin Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen. ... was?!“ -Derik Walters wurde bleich - „Oh mein Gott“, stammelte er, „ich kenne Ihren Gesprächspartner, Agent Scully!“ – Er machte eine Pause, um tief durchzuatmen. „Können Sie vorbei kommen? Am besten machen Sie sich selbst ein Bild davon ... allem Anschein nach ist ihr Kollege Opfer einer Entführung geworden!“



*



an einem unbekannten Ort



John Doggett erwachte mühsam aus seinem vormals tiefen Schlaf und musste die Augen zusammenkneifen, da beißendes Licht seine sich an die Dunkelheit gewöhnten Augen schmerzhaft reizte. Ihm war kalt, eiskalt. Er versuchte, seine Arme und Beine zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Sie schienen festgebunden zu sein. Aber warum? Und wo war er? Der Agent wagte einen Blick nach rechts – und erstarrte! Was er mit seinen nur einen Spalt breit geöffneten Augen erkennen konnte, ließ ihn innerlich zusammenfahren. Neben ihm lag auf einer metallenen Liege eine Frau. Schlank. Brünett. Schlafend. Ihre Hände waren, ebenso wie ihre Füße, mithilfe von Scharnieren an der Liege festgeschraubt worden, und sie war all ihrer Sachen entledigt. Ein Gefühl des Unwohlseins kam in dem Agenten auf, als er erkannte, dass auch er nackt auf scheinbar einer ebensolchen Liege lag.



Er wollte schreien. Er wollte sich befreien. Er wollte hier wieder weg!



Doch er war zu kraftlos, als dass er dieses in die Tat hätte umsetzen können. Verzweifelt registrierte Doggett, dass sich in diesem Moment ein Mann von großer Statur in weißem Anzug über ihn beugte und hämisch zu lachen begann. Und der Agent konnte nichts tun, als alles über sich ergehen zu lassen ...



*



„Doggett ist verschwunden...“, murmelte Scully fassungslos und musste sich erst mal setzen. Mulder setzte sich mit besorgter Miene daneben. Sein Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an. Die Agentin machte eine hektische Handbewegung, um Mulder zu gebieten, dass er ruhig sein solle und lauschte wieder, den Mund geöffnet vor lauter Schreck.



„J –ja, in Ordnung ... wo genau? ... Ich notiere“ – Sie zog einen Zettel vom Beistelltisch und griff nach einem Kugelschreiber, welcher in einer silbernen Schale neben anderen Schreibutensilien lag. – „ja, soweit habe ich alles ... weiß man denn schon sicher, dass es ... verdammt!“ – Sie fluchte leise – „Ein schwarzer Ford? Ja ... das war sein Wagen ... also doch! ... bis gleich, ich komme, so schnell ich kann.“



Die Agentin beendete das Gespräch und blickte Mulder mit ihren großen runden Augen an. So hatte er sie noch nie gesehen, sie schien völlig aufgelöst, völlig desorientiert. Sie schüttelte fassungslos den Kopf, als sie ihm vom Gespräch erzählte.

„Er ist verschleppt worden, Fox“, stammelte sie, „einfach so! Kein Brief, kein gar nichts!“

„Wer behauptet das?“

„Derik Walters“, antwortete Scully und biss sich auf die Unterlippe. „Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen.“

„Verschleppt? Das glaube ich nicht!“, sagte Mulder nicht verstehen wollend, erntete damit aber nur einen Blick seitens Scully, der zwischen Traurigkeit und Fassungslosigkeit schwankte. Der Agent beließ es bei dieser Bemerkung, da sie ihm Antwort genug war, blickte dann jedoch plötzlich Scully mit offenen Augen an. Er wollte zuerst das Wort ergreifen, doch Scully kam ihm zuvor.

„Wir müssen schleunigst da“ – Sie deutete auf den Zettel – „hin, denn irgendjemand hat dort vor wenigen Stunden nicht nur John Doggett, sondern allem Anschein nach auch noch Monica Reyes gekidnappt!“

„Du meinst also auch, dass ...?“, begann Mulder.

„Ich weiß nicht, ob sie dabei war, aber da sie meistens immer zusammen ermittelt haben, müssen wir wohl oder übel vom Schlimmsten ausgehen!“
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