Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 2~

-Leben und sterben lassen-



4:30



„Das hat er dir gesagt, John? Dass eine chemische Substanz die Form einer Passage aus der Bibel angenommen hat? Und jemand, der diese Beobachtung gemacht hat, ist dann auch noch spurlos verschwunden?“

Reyes saß auf der Couch in Doggetts geräumigem Wohnzimmer und wirkte, ob der späten Stunde, kaum übermüdet. Nachdem der Agent auf ihren Anrufbeantworter gesprochen hatte, war sie sofort zu ihm gefahren, da sie nicht so recht glauben wollte, was er ihr da so sporadisch erzählt hatte. Doch auch nach einer ausführlicheren Beschreibung dessen, was sich ereignet haben soll, war sie genauso schlau wie vorher. Sie schüttelte den Kopf.

„Das kann ich nicht verstehen, John“, sagte sie nachdenklich und nippte an einer Tasse Tee. „Marty Grant wurde entführt, oder er hat die Forschungsunterlagen gestohlen, um etwas zu verbergen. Aber was?“

„Es wäre einfacher, wenn wir einen triftigen Grund finden könnten, warum jemand daran interessiert sein könnte, das Projekt zu verhindern“, antwortete der Agent seufzend und massierte seinen Nacken. „ Ich konnte bisher nichts anderes tun, als eine Suchmeldung herauszugeben anhand der Informationen, die der Professor mir gegeben hat.“ – Er holte einmal tief Luft – „... und mich intensiver mit dem Experiment zu beschäftigen.“ – Doggett deutete auf ein Manuskript, welches auf dem Wohnzimmertisch lag und verzog spöttisch das Gesicht. „Jedes Fremdwörterbuch liest sich einfacher!“

Reyes grinste. „Die Welt ist ein Computer. Wie hanebüchen!“

„Schön, dass du das genauso siehst, Monica. Aber warum ist das bei unserem Täter anders?“

„Vielleicht wollte er dem Ansehen Steve Mac Finns schaden...?“, mutmaßte die Agentin. „Oder Rache?“

„Glaub ich nicht, Monica. Dafür gibt es andere, viel einschlägigere Wege. Wenn ich Rache nehmen will, entwende ich doch nicht einfach nur die Unterlagen und ein paar Utensilien. Nein, ich denke, dass der oder die Täter irgendetwas verbergen wollen. Und vielleicht findet sich die Antwort dazu in dieser Kopie.“ – Doggett nahm das dicke Manuskript in beide Hände und blätterte darin. „Vielleicht hat Mac Finn irgendetwas geschrieben, was einer radikalen Gruppe übel aufstieß, so dass sie nur einen Weg sah, das, was so blasphemisch dargestellt ist, vor den neugierigen Augen anderer zu schützen.“

„Ich habe keine Ahnung, John“, sagte Reyes leise und nahm sich ein Herz. „Ich übernehme einen Teil des Manuskripts, wenn du willst. Immerhin hast du mich jetzt in den Fall involviert, und ich wollte schon immer die „wahren“ Hintergründe hinter The Matrix erfahren....“

Beide lachten laut und herzlich, da sie gerade offensichtlich den selben Gedanken gehabt hatten. Reyes verabschiedete sich kurz darauf von Doggett und verließ das Haus. Der Agent blickte missmutig auf das Manuskript und setzte sich schließlich zähneknirschend darüber. Lachhaft ...!



*



Haus von Steve Mac Finn



Steve Mac Finn konnte nicht schlafen und räkelte sich von einer Seite auf die andere. Alpträume plagten ihn. Er sah sich stehen vor Professoren aus aller Welt, welche argwöhnisch Fragen stellten in Bezug auf ein Experiment, das in seiner Aussagekraft, wenn es denn Ergebnisse erziele, alle bisherigen Theorien in den Schatten stellen würde.



„Haben Sie Erfolge erzielt?“



„Ja“, antwortete Mac Finn zögerlich und wischte sich die Stirn.



„Das überrascht uns, gelten Ihre Theorien im Allgemeinen doch als eher fadenscheinig. Was für Erfolge sind denn zu verzeichnen gewesen...?“



„Im Prinzip das, was ich zu finden erhofft hatte“, antwortete der Wissenschaftler. „Es ist der Beweis!“



„Und wo ist Ihr ... ähm ... Beweis, Mac Finn, wenn Sie uns die Frage erlauben? Bisher haben Sie doch nur, gelinde gesagt, mehr als undurchsichtige Theorie hinsichtlich einer Thematik aufgestellt, die im Grunde gar keinen Raum für Spekulationen lässt oder, wie es bei Ihnen der Fall ist, Zweifel an ihrer Existenz aufkommen lassen kann! Also bitte: wo ist Ihr ... Beweis?“



Die nun folgende Antwort fiel im schwer und er wachte ein ums andere Mal auf, nachdem die versammelte Mannschaft in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Keiner wollte es wahrhaben! Nicht einmal in seinen Träumen! Keiner wollte an einen Diebstahl glauben, alle hielten dies für eine Art Notlösung, da, der Meinung der Experten nach, in Wirklichkeit kein einziger stichhaltiger Beweis existierte. Keiner glaubte ihm.

Steve schlief weiterhin unruhig und bemerkte nicht, dass sich in diesem Augenblick seine Zimmertür einen Spalt breit öffnete und ein dunkler Schatten auf leisen Sohlen ins Zimmer huschte.



*



7:30, Edgar Hoover Building , Washington, D. C.



„Morgen, John. In der Nacht irgendwie vorangekommen?“



Agent Reyes nahm auf dem Stuhl in dem kleinen Kellerraum Platz und gähnte einmal. „Ich habe kein bisschen geschlafen, wenn du’s wissen willst. Es ist komisch: obwohl sterbenslangweilig, fesseln einen diese Theorien, dass man gezwungen ist weiterzulesen! Paradox!“

„Das ist es ja“, sagte Doggett und streckte sich. „Die Theorien mögen fesseln , aber sie enthalten nichts Stichhaltiges! Ich habe die Seiten mehrmals überflogen, aber es kommt absolut nichts da drinnen vor, das irgendjemanden dazu veranlassen könnte, Forschungsunterlagen zu entwenden – zumal jedem klar sein sollte, dass das Fiktion ist!“

„Und religiöse Gruppen? Die könnten mit dem darin beschriebenen Weltbild nicht zufrieden sein und...“

„Nein“, unterbrach Doggett sie, „das glaube ich nicht. Das Beschriebene ist einfach nur lächerlich! Nichts da drin wirft das Weltbild einer Person durcheinander. Dazu ist alles zu ... zu...“

„... unglaublich, als dass es wahr sein könnte?“, fragte Reyes und lehnte sich vor. „So pauschal würde ich das nicht sehen, John. Wie der oder die einzelne denkt, bleibt uns letztlich vorbehalten, da nur jeder für sich weiß, wie man zu dieser oder jener Sache steht.“ – Sie blätterte im Manuskript. „Vielleicht sollten wir eine dritte Meinung einholen...“

„Und wen meinst du?“ – Doggett blickte sie verwundert an biss sich auf die Unterlippe. Er hatte im Prinzip die Antwort schon selbst gegeben, wollte es aber noch nicht wahrhaben.



„Du kennst sie, John.“



*





Marty sah das Licht. Er fühlte sich frei. Er schien zu schweben und näherte sich dem Licht am Ende des dunklen Tunnels langsam, aber sicher. Alle Schmerzen waren vergessen, alles war gut. Er war bereit, diesen Weg zu gehen, denn er wusste, dass ab diesem Moment alles nur noch besser werden könnte.Und er hörte die beiden Männer.



„Er hat fast keinen Puls mehr!“



„Das war abzusehen.“



„Und wollen Sie einfach nur rumstehen und nichts tun? Wir könnten versuchen...!“



„Lassen Sie ihn.“



„Aber...?“



„Glauben Sie mir. Da, wo er jetzt hingeht, geht es ihm besser als jetzt. Das versichere ich Ihnen.“



„Aber wir haben ihn...“



„Umgebracht? Nein, es war Pech. Wir wollten ihm helfen, und sein Herz hat da nicht mitgemacht. Eine Verkettung unglücklicher Umstände, wenn Sie es denn so sagen wollen.“



„Ich verstehe Sie einfach nicht. Sie...!“



Und da hörte Martys junges Herz schon auf zu schlagen und beendete sein Leben, das im Grunde erst angefangen hatte.



*



Er war frei. Das Schwarz um ihn herum verschwand und verwandelte sich in eine helle Sonne, welche am Horizont des ewigen Lebens empor lugte. Und Marty näherte sich bedächtig dem nicht enden wollenden Sonnenaufgang .
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