Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 1~

-Wilde Theorien-



23:30

Wissenschaftliches Institut

Washington, D.C.



Der FBI-Agent gähnte einmal. Es war ihm ungewohnt, noch spät am Abend zu einer Untersuchung gerufen zu werden, zumal es ein Sonntag war. Er reckte sich einmal, bevor er aus dem Wagen stieg und mit großen Schritten in Richtung des Eingangs lief. Ein Polizeibeamter unterbrach kurz darauf eine Unterredung mit einem Kollegen und wandte sich dem eben Eingetroffenen zu.



„Agent Doggett! Gut, dass Sie noch vorbei kommen konnten.“ – Er reichte ihm die Hand. „Albert Hunter, wir haben telefoniert.“

„Angenehm“, erwiderte Doggett und schüttelte dem Beamten die Hand. „Sie haben Glück, dass Sie mich noch erreicht haben. Im Grunde wollte ich mir den morgigen Tag frei nehmen, da mir das Wetter gehörig zu schaffen macht – wetterfühlig, Sie verstehen.“

„Selbstredend“, bejahte Albert und wirkte etwas unwohl in seiner Haut. „Tut mir Leid, dass ich Sie, obwohl Sie krank sind, hergerufen habe, Agent Doggett. Aber es verlangt regelrecht nach Ihrer Hilfe.“

„Schon gut“, murmelte Doggett und massierte seinen Nacken. „Einmal Agent, immer Agent. Da muss man eine Erkältung wegstecken können, nicht wahr?“ – Er versuchte, lustig zu wirken, bewirkte aber nur, dass Albert Hunter verlegen von einem Bein auf das andere trat. „Egal“, murmelte der Agent vor sich hin und wartete darauf, über den Fall aufgeklärt zu werden.



„Wichtige Forschungsgegenstände sind laut Aussage des Leiters der Forschungsabteilung gestern abend von Unbekannten entwendet worden“, begann der Polizeibeamte und deutete auf einen Mann, der in weißem Kittel in der Nähe des Eingangs stand und gerade dabei zu sein schien, ein Protokoll aufzugeben. Der Polizist, der bei ihm stand, schrieb die ganze Zeit Notizen auf einen kleinen Block. „Das ist Steve Mac Finn, Agent Doggett, der Wissenschaftler, welcher uns vor knapp einer halben Stunde vom Vorfall hier unterrichtet hat. Er ... verstehen Sie mich nicht falsch, aber er hat eine etwas eigenartige Sichtweise der Dinge.“

„Ich weiß, was Sie meinen“, gab Doggett offen zu und sagte mit gesenkter Stimme: „Ich habe mehrere seiner Arbeiten in den hiesigen Fachzeitschriften gelesen. Es steht außer Frage, dass Steve Mac Finn ein überaus intelligenter Mann ist. Sein Problem ist nur, dass er die Sachen für mein Empfinden zu verquer angeht.“

„Ja, so sehe ich das auch“, sagte Albert. „Seine Theorien mögen vielleicht irrational sein, aber unterhaltsam sind sie allemal!“

„Lassen Sie ihn das aber bloß nicht wissen...“, flüsterte der hochgewachsene Agent leicht ironisch und klopfte dem jungen Polizeibeamten auf die Schulter. „Ich werde dann mal meine Befragung durchführen. Kann ich Sie später noch erreichen wegen etwaiger Ungereimtheiten?“

„Jederzeit, Agent Doggett, aber ich denke, dass Sie mehr Ahnung als ich von so was haben. Zumal Sie ja an den...“

„Spielen Sie auf meine Arbeit an den X-Akten an?“, fragte Doggett leicht barsch und verschränkte die Arme. „Dass ich mit diesen Fällen zu tun habe, heißt nicht zwangsläufig, dass ich auch jedes noch so merkwürdige Geschehen erklären kann. Außerdem erscheint mir das, worum es hier geht, nicht in den Bereich der unlöslichen Fälle zu gehören.“

„Es mag zunächst nicht den Anschein haben, aber es gibt da doch etwas, Agent Doggett. Nur kann ich es Ihnen beim besten Willen nicht begreiflich machen“, konterte Albert und deutete zum wiederholten Male auf Steve Mac Finn. „Er wird Ihnen da weitaus mehr sagen können.“

„Jetzt machen Sie mich aber neugierig“, murmelte Doggett fast unhörbar und drehte sich um.



„Doktor Finn?“

„Ja?“, antwortete der Wissenschaftler und ließ von dem Polizeibeamten mit dem Notizblock ab.

„Agent Doggett, FBI.” – Er reichte seinem Gegenüber die Hand. „Sie haben die Polizei herbeordert?“

„Genau“, erwiderte der schlanke Mann, „es gab einen dreisten Raub hier in den Hallen des Forschungsinstitutes. Wichtige Forschungsunterlagen sind nebst Ausrüstung abhanden gekommen, ebenso ist es nicht zu leugnen, dass es einen weiteren Verlust gibt.“

„Sekunde, was für einen weiteren Verlust?“, fragte Doggett neugierig.

„Mein Gehilfe ist verschwunden, obwohl er mich kurz zuvor noch wegen einer äußerst wichtigen Sache angerufen hatte. Ich bin also zum Institut gefahren, mit der Erwartung, ihn dort anzutreffen. Aber-“ – Er holte einmal tief Luft – „... er war nicht aufzufinden!“

„Vielleicht ist er nach Hause gefahren...?“, schlussfolgerte der Agent leicht unsicher.

„... und das Institut unverschlossen zurücklassen? Nein, derart Dummes traue ich nicht mal Marty zu!“

Doggett überlegte kurz. „Sie meinen also, dass ihr Gehilfe ... Marty war sein Name, nicht? ... aus dem Institut entführt wurde, nachdem er Sie angerufen hatte?“

„Entweder das“, antwortete Mac Finn, „oder er war es, der die Sachen vor meinen Augen entwendet hat und wollte es nur als Entführung aussehen lassen, damit kein Verdacht auf ihn als Täter fällt.“

„Vor Ihren Augen?“, fragte Doggett verwundert. „Haben Sie etwa gesehen, wie ihre Unterlagen und die Ausrüstung verschwanden?“



Steve Mac Finn bejahte und berichtete dem Agenten von einem hochgewachsenen Fremden in schwarzem Lederdress, der versucht hatte, sich hinter seinem Rücken davon zu stehlen. Der Agent lauschte gespannt.



„Dann müssen Sie mir eine Frage erlauben, Mr. Mac Finn: hätte Marty ein Motiv gehabt, ihre Forschung zunichte zu machen?“

„Ja und Nein, Agent Doggett“, gab der Wissenschaftler zu und wurde zunehmend leiser. „Er hat meine Arbeit nie verstanden und stellte alles als Blödsinn dar, müssen Sie wissen...“

„Was war denn Ihre neue Arbeit?“, wollte der Agent aus purer Neugier wissen und setzte einen alles oder nichtssagenden Blick auf.

Der Wissenschaftler, scheinbar verwundert über das Interesse, das der Agent zeigte, räusperte sich einmal leise und blickte Doggett an. „Ich habe eine Theorie aufgestellt, die es zu beweisen gilt“, sagte er mit getragener Stimme. „Es geht um die Welt, um unser aller Heimatplanet. Es gibt so viele Ereignisse, die wir zu erklären nicht in der Lage sind, da uns die bloße Vorstellung schon überfordert. Seltsame Naturphänomene, Kriege, die ausbrechen – ich denke, es gibt einen Grund für all das.“

„Für Kriege? Ja, den gibt es tatsächlich“, sagte Doggett bewusst kühl, da ihm nicht klar war, warum sich ein Forschungsinstitut mit dem Zustandekommen von Kriegen beschäftigte.

„Aber nicht das, was Sie denken“, erklärte Mac Finn und fuhr fort: „Kriege finden statt, weil sie stattfinden sollen!“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, angenommen, die Welt wäre eine große Simulation, die von irgendetwas Größerem gesteuert wird: wäre es dann nicht einfacher, alle Ereignisse logisch zu erklären?“ – Mac Finn lebte regelrecht auf.

„Sie meinen, die Welt ist eine Art Computer?“, fragte Doggett leicht verwirrt und verschränkte die Arme. „Das ist in der Tat sehr weit hergeholt! Kennen Sie den Film The Matrix?“

„Wieso?“

„Ich wurde gerade irgendwie an ihn erinnert“, erwiderte der Agent ironisch und lächelte. „Das ist alles sehr vage für Normalsterbliche.“

„Nicht unbedingt“, konterte Steve Mac Finn, „ich habe eine Überlegung angestellt: wenn die Welt eine Simulation ist, dann muss alles, was sich in ihr befindet, aus kleinen Algorithmen bestehen. Jeder Gegenstand für sich wird von der Steuereinheit geleitet, welche festlegt, wann was wie wo wann passiert. Soll heißen: alles passiert gewissermaßen aus purem Zufall!“

Doggett schüttelte den Kopf: „Weil etwa alles vorberechnet ist?“

„Sie haben es kapiert, Agent Doggett“, gab der Wissenschaftler fröhlich von sich. „Das ist der Kerngedanke. Wir bewegen uns in einer Art Lebenssimulation!“

„Das ist mir zu hoch...“

„Und jetzt kommt das Experiment ins Spiel, das ich hab anstellen wollen“, fuhr Mac Finn unbeirrt fort. „Wenn denn nun wirklich alles vorberechnet sein sollte, dann kann ein kleiner Fehler im Gesamtnetzwerk aller Informationen – ein Virus zum Beispiel – das System dahingehend verändert, dass etwas, nun, eine andere Form als vorgesehen annehmen könnte. Eine Art Transformation, hervorgerufen durch eine Fehlinformation im komplexen Ganzen.“ – Er gestikulierte dabei wild mit den Händen, was für jeden anderen ein seltsames Schauspiel abgab.

„Aha“, sagte Doggett und knetete an seiner Unterlippe. „Und das wäre...?“

„Der Beweis!“ , hauchte der Wissenschaftler und seine Augen flackerten auf.

„Ich ... egal, lassen Sie mich raten“, murmelte der Agent und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Sie haben einen Gegenstand Tag und Nacht untersuchen lassen, richtig?“ Doggett kamen in diesem Moment nur die Worte Schwachsinn und Humbug in den Sinn. Warum, wusste er selbst nicht genau.

„Ja, genauer gesagt eine chemische Substanz, denn nirgendwo passieren mehr Dinge als in der Chemie!“

„Und Marty hatte heute seine Schicht, um das Zeug zu beobachten, richtig?“

„Ja.“

„Und hat sich etwas verändert? Gibt es etwas, das man der Nachwelt zeigen kann?“

Nun schwieg der schlanke Mann und blickte etwas unsicher drein. Der Agent schien einen wunden Punkt erwischt zu haben. Steve Mac Finn blickte Doggett ins Gesicht und sagte mit ziemlich getragener Stimme: „Ja und Nein...“



*



Ort unbekannt



Es war kalt und es verlangte Marty Grant nach einer warmen Decke. Er war ganz weit weg, und doch nah genug, um mit seinem Unterbewusstsein die um ihn herum stattfindenden Gespräche aufzunehmen. Er konnte sie nicht begreifen, geschweige denn verarbeiten, dazu war er zu schwach. Aber er nahm alles auf.



„Er stirbt uns weg!“



„Das Risiko mussten wir eingehen. Er hat schon zu viel gesehen.“



„Sollten wir nicht lieber mit der Behandlung aufhören? Ehrlich, es ist doch unmenschlich, ihn in einem solchen Zustand leiden zu lassen!“



„Herrgott, hätten wir ihn denn Ihrer Meinung nach einfach an Ort und Stelle beseitigen sollen?“



„So meinte ich das nicht...“



„Gewissermaßen tun wir ihm doch einen Gefallen. Wir lassen ihn das glauben, was er glauben soll! Das menschliche Gehirn ist beeinflussbar, und diese Chance nutzen wir aus. Das ist alles.“



„Wir basteln an ihm rum! Da will ich nichts von Gefallen hören!“



„Seien Sie nicht so zimperlich! Wenn er es könnte, würde er uns danken, glauben Sie mir. Wir bewahren ihn davor, etwas zu erfahren, das er doch nicht begreifen kann. Er hätte sein Leben lang nachgedacht. Nachgedacht über den Sinn des Lebens, nachdem er gesehen hat, was real ist!“



„Denken Sie nach?“



„Worüber? Über den Sinn des Lebens?“



„Ja...“



„Ich versuche, nicht daran zu denken. Im Nachhinein würde ich ja doch keine Antwort finden - und Sie?“



„Ich? Manchmal. Manchmal überkommt mich der Gedanke, was wohl gewesen wäre, wenn es damals anders gelaufen wäre und wir nun nicht diese schwere Bürde tragen müssten.“



„Welche Bürde?“



Schweigen.



„Die Bürde, Gott zu spielen!“
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