Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~ Teil 12 ~ „DIE [ER-] LÖSUNG“



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[ 1 ]

„Der Wahrheit letzter Halt“





Off – Kommentar von Doggett


„Ich weiß nicht, wie es um mein Schicksal steht, und dennoch stehe ich hier – jetzt – an dieser Stelle - und blicke in ihre Augen.
Ich sehe, dass sie mir vertraut, ich sehe Freundschaft. Nein, es ist mehr als das. Ihre Augen funkeln. Ich mag mich auch täuschen, denn es ist ziemlich dunkel in diesem Raum. Aber ich bin mir sicher – sie weiß, dass ich das Richtige tun werde.

Oder sind das hier die Gedanken eines armen Irren, der sich in etwas hereingesteigert hat und jetzt nur noch Augen für das Angepeilte hat, so dass man ihm alles hätte einreden können und er es geglaubt hätte? Ist es wirklich schon so weit gekommen?

Aber zeugen diese Selbstzweifel, zeugt dieses Vorhandensein einer leichten Unsicherheit nicht gerade von einem gesunden Menschenverstand? Ja, das muss es sein. Nur derjenige, der bei seinem Tun noch Zweifel hegt, wird im Endeffekt richtig handeln, da er sich immer noch anders entscheiden kann. Ein Irrer hat lediglich einen kranken Plan und setzt ihn ohne viel Überlegens in die Tat um.

Nein, ich bin nicht verrückt. Ich kann nicht verrückt sein. Nicht ich. Ich weiß, dass ich es tun muss, ich weiß es.



Das Messer in meiner Hand fühlt sich kalt an. Kalt wie die Ungewissheit. Es noch für ein paar Sekunden in meiner Hand wendend und selbst den entgeisterten Blicken der anderen ausgesetzt, umfasse ich die Spitze, wobei ich mich blutig schneide. Und das letzte Gefühl der Unsicherheit über Bord werfend, schmettere ich das Messer in Richtung Monica.



Es trifft sein Ziel ...“



~~~



Zwei Stunden zuvor...



Doggett atmete einmal lang aus, nachdem Rob Hermes zum Ende gekommen war, und schlug das rechte über das linke Bein. Seiner Haltung konnte man alles oder nichts anmerken, und genauso schien es auch beabsichtigt gewesen zu sein, zumal Doggetts Gedanken zu diesem Zeitpunkt, in diesem Augenblick, noch nicht zu einem geordneten Ganzen zusammengeflochten werden konnten.

Der Agent räusperte sich.

„Das ... ist sie also“, begann er monoton und machte eine nichtssagende Handbewegung, so als wolle er das Unglaubliche beiseite schieben, „die Wahrheit ...“

„Ja“, entgegnete Hermes und faltete die Hände. „Exakt, in aller Ausführlichkeit.“

„Dann bewegen wir uns also wirklich in einer Lebenssimulation, welche versucht, das tatsächliche Bild der Erde, nämlich das einer Verwüsteten und Zerstörten, zu kaschieren, indem sie uns vorgaukelt, das alles hätte nie stattgefunden?“ – Steve Mac Finns Augen weiteten sich. „Oh mein Gott, und ich hatte die ganze Zeit Recht gehabt...“

„Erschreckend, nicht wahr? Zutiefst erschreckend. Um nicht zu sagen: Unfassbar!“ – Hermes’ bleckte seine Zähne. „Sie mögen mir nachsehen, dass auch ich es immer noch nicht ganz verarbeitet habe. Ich war genauso verwirrt wie sie, als ich vor vielen Jahren ...“ Er stockte. „Als ich ... damals ...“ – Nervös spielte Rob Hermes mit einem Kugelschreiber, der mit anderen Utensilien wie einem Brieföffner und Bleistiften in einer dekorativen Ablage weilte, während er versuchte zu lächeln. „Ich ...“ – Er räusperte sich einmal. „Da sehen Sie, ich arbeite schon so lange für die Sache hier, dass ich gar nicht mehr weiß, wie genau ich überhaupt hierher gekommen bin. Und wann.“

„Sie haben keine Ahnung, wie sie hierher gekommen sind?“, fragte Doggett leicht verwundert und knetete seine Unterlippe. „Leichte Form von Gedächtnisschwund, wie?“

„Ihren Sarkasmus in allen Ehren, Agent Doggett, aber ich habe gesagt, dass ich nicht mehr genau weiß, wie ich herkam. Was auch gar nichts zur Sache tut, denn sie sucht sich ihre Wächter aus. Das war schon damals so.“

„Wächter?“, fragte Reyes verwirrt und machte Anstalten aufzustehen.

„Hinsetzen!“, fuhr Hermes sie an, „Sie haben nachher noch genug Zeit, um herumzulaufen. Außerdem verdaut es sich besser im Sitzen.“ Er grinste fies und nahm einen Schluck aus einem Wasserglas, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Mit übertriebener Freundlichkeit blickte der Mann in die Runde. „Oh, wie unhöflich von mir. Dürstet es sie, meine Damen und Herren?“

„Ja...“, erwiderte Reyes energisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nach Antworten. Denn ihre Geschichte stinkt doch zum Himmel.“

„Frauen und Technik“, murmelte Hermes leise mit ironischem Unterton, aber laut genug, dass die Agentin es zwangsläufig hören musste und energisch die Fäuste unter den verschränkten Armen ballte. „Agent Reyes, warum tun Sie das? Warum verschließen Sie sich dem Unbekannten? Aber Sie sollen Antworten bekommen. Fragen Sie. Fragen Sie und befriedigen Sie ihren Unmut mit plausiblen Antworten.“

„Wie kann ein einzelnes Stück Metall eine ganze Welt wieder aufbauen?“

„Gute Frage“, erwiderte Hermes und lehnte sich zurück, während sein Blick zur weißen Decke gerichtet war. „Nun, Agent Reyes, es ist ein Trugschluss, wenn man annimmt, dass dieses Stück außerirdischen Ursprungs in der Lage wäre, die gesamte Welt wieder aufzubauen. Das kann es nämlich verständlicherweise nicht. Nein, dieses Stück schuf zwar schon anderswo Leben, aber eben immer nur in Form einer Basis, welche von den Bewohnern dann immer weiter kultiviert wurde. Verstehen Sie? Es legte den Grundstock. Das, was letztlich zu bestaunen war, entstand aus harter Arbeit.“

„Das kann es nicht sein...“ – Reyes schüttelte den Kopf. „Es kann nicht sein, dass die Menschheit bei 0 anfängt und jetzt schon eine „perfekte“ neue Zivilisation zusammengeschustert hat – lediglich knappe 70 Jahre nach der Katastrophe! Das GEHT einfach nicht!“

„Wohl wahr“, sagte Hermes und schaute Reyes direkt an. Seine Augen spiegelten nichts Hinterhältiges wider. Es schien fast so, als ob er sich früher einmal genau dieselben Fragen gestellt hätte und Reyes’ Unsicherheit nachvollziehen konnte. Er lächelte. „Mir gefällt Ihre Art, an die Dinge heranzugehen. Systematisch. Um auch ja jede Unklarheit auszumerzen. Oh ja, das zeugt von Intelligenz. Von Stärke.“

„Nein, das ist lediglich mein gesunder Menschenverstand, der nun mal nicht jeden Unsinn blindlings glaubt.“

„Was sagt Ihnen denn, dass das hier Unsinn ist?“ – Hermes beugte sich etwas nach vorne, wobei er das Wasserglas umkippte, dessen Inhalt sich gleichmäßig auf der glatten Schreibtischoberfläche verteilte. „Scheiße“, murmelte er, senkte kurz den Blick, bückte sich und holte ein Taschentuch aus seiner rechten Jackentasche hervor, mit dem er die Nässe notdürftig aufwischte. Dann blickte er kurz zu Doggett, welcher in genau diesem Augenblick seinen Anzug geraderückte und sagte: „Und das zeugt von Unsicherheit und Schusseligkeit, werter Rob.“

„Agent Doggett, Sie hätten Wortakrobat werden sollen...“, knurrte Hermes und wandte sich wieder Reyes zu, welche merklich unruhig auf den Stuhl saß. „Wo waren wir? Ach ja ... Sie glauben mir nicht. Warum glauben Sie, dass das hier Humbug ist?“

„Weil es mir scheint, dass Sie sich all das hier ausgedacht haben!“, erklärte die Agentin leicht ungehalten und erhob ihre Stimme. „ Sie können all das doch im Grunde gar nicht wissen. Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass sich das so zugetragen hat? Dass dieses Teil in entlegenen Galaxien Leben schuf? Sie können das nicht wissen! Sie können es einfach nicht! Sie ...“ – Sie unterbrach sich. „Wie alt sind Sie, Rob? 32? 35?“

„29.“

„29! Sie wurden 1973 geboren, 37 Jahre nach den Ereignissen, die Sie uns hier gerade geschildert haben. Sie können demnach gar nicht wissen, wovon Sie berichten. Und ihre Eltern auch nicht, da sie zum Zeitpunkt der Katastrophe entweder noch zu klein oder noch gar nicht geboren waren! Und dass Überlieferungen nicht immer von Wahrheit durchdrungen sind, sollte selbst Ihnen als Erwachsener klar sein.“ Sie holte einmal tief Luft. „Zumal es sich hier augenscheinlich nicht um eine Überlieferung, sondern um eine Legende handelt...“

„Erzählen Sie weiter...“

„ ... Sie vertrauen demnach einer Legende!“, beendete Reyes ihre Ausführungen. „Und das kann nicht der Wahrheit letzter Halt sein.“



Ein Lachen fuhr plötzlich durch den ganzen Raum und kitzelte ihn auch in der entlegensten Ecke. Es war Hermes.

Sein Kopf lag auf den auf dem Schreibtisch verschränkten Armen, und der Mann lachte und lachte.







[ 2 ]

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“



„Und jetzt?“



Scully blickte zu Mulder, der auf dem Fahrersitz saß, und sie machte ein trauriges Gesicht. „Wir können nichts tun als rumzusitzen und abzuwarten, was die Ermittlungen der Abteilung für Gewaltverbrechen ergeben.“

„Diese Hilflosigkeit macht einen krank“, konstatierte Mulder und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Das Sonnenlicht schien durch das Seitenfenster und brach sich am Armaturenbrett des Ford, so dass sich einzelne Lichtflecken an den entlegendsten Winkeln des geräumigen Wagens wiederfanden.

Scully seufzte.

„Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, und das, was wir wissen, macht die Sache im Grunde nur noch komplizierter.“ Sie senkte den Blick. „Weißt du, wie ich mich fühle, Mulder?“

„Nein...“

„Wie jemand im Treibsand, der mit jedem Versuch, sich zu befreien, nur noch tiefer einsinkt. So fühle ich mich.“

Mulder nickte und biss sich auf seine Unterlippe. Er kannte Scully nun schon so lange, aber nie zuvor hatte er sie so hilflos gesehen, sich selbst so hilflos dastehen sehen. Einen flüchtigen Blick nach draußen werfend, dachte der Ex - Agent an das Leben, das teilweise mit den überraschendsten Wendungen aufwartete. Wendungen, die nicht selten in die Schublade der Negativitäten gehörten; Wendungen, die das Schicksal bereithielt und beizeiten freigab. So eine Wendung war nun eingetreten.

Er wollte nicht wahrhaben, dass das alles seine Richtigkeit hatte, dazu war es einfach zu unfassbar. Doch was sollte er als einzelner schon tun? Sich gegen das Schicksal auflehnen? Wie? Und vor allem: was für Konsequenzen würden sich ergeben, wenn er den Kampf aufnehmen würde?

Mulder verwarf die letzten Gedanken und versuchte zu lächeln.



„Ich bewundere, dass du noch lächeln kannst“, sagte Scully und verzog das Gesicht ihrerseits zu einem leicht gequält wirkenden Lächeln. „Ich möchte so gerne glauben, dass es den beiden...“ Sie verbesserte sich. „... den dreien gut geht. Dass sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, erwiderte Mulder leise und betätigte die Kupplung, um den ersten Gang einzulegen. „Wir sollten zum FBI zurückfahren und auf Ergebnisse warten. Vielleicht können wir dann mehr tun...“

„Ja.“



... und da klingelte plötzlich das Handy. Scully war die erste und nahm den Anruf an.



„Ja?“



„Derik Walters. Agent Scully?“



„Derik …!”



„Sie hatten mich doch gebeten, Sie über den Fortschritt der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten.“



„Ja ... ja, bitte entschuldigen Sie, mich... mich hat ihr Anruf nur etwas“ – Sie erlangte ihre Fassung wieder – „bitte entschuldigen Sie.“



„Ich weiß, wie sehr Sie das mitnimmt, Agent Scully, ich selbst musste vor etlichen Jahren Ähnliches durchmachen. Ähnliches, das Gott sei Dank glimpflich geendet hat...“



„Ich wusste nicht...“



„Doch, es war meine damalige Partnerin. Aber sie wurde gefunden, weil jeder Gangster teils unachtsam vorgeht.“



„Wollen Sie damit andeuten, dass Sie eine Spur haben?“



„Ja, mehr als das. Eine konkrete Spur. Hatte ich Ihnen gegenüber erwähnt, dass ich davon ausgehe, dass wir es hier mit einer Kurzschlusshandlung zu tun haben?“



„Einer Handlung, die nicht als solche geplant war, sondern eilig vonstatten ging? Nein, Sir, das ist mir neu.“



„Wie dem auch sei – nun wurde mein Verdacht bestätigt. Die bisherigen Ermittlungen haben ergeben, dass beim Brand des Wagens Ihrer Kollegen mit Brandbeschleuniger nachgeholfen wurde.“



„So…“



„Und bei einer nochmaligen Untersuchung der Unglücksstelle kam eine solche Flasche ans Tageslicht … zwar versteckt, aber einer meiner Leute hat sie gefunden und gleich den Kollegen der Spurensicherung übergeben, zur Untersuchung auf Fingerabdrücke.“



„Sagen Sie nicht, Sie sind fündig geworden!“



„Doch, die Kollegen der Spurensicherung haben einen sauberen Fingerabdruck finden können. Der gute Zustand machte es einfach, den Zeitpunkt des Entstehens zu datieren. Ob Sie’s glauben oder nicht: der Zeitpunkt stimmt in etwa mit dem Beginn des Feuers zusammen!“



„Haben Sie einen Namen?!“ – Scullys Neugier war gepackt.



„Ja, der Fingerabdruck wurde gleich für die Untersuchung auf etwaige Übereinstimmung aus der Datenbank hin eingescannt und der Suchvorgang startete.“



„Wie ist der Name?!“



„Hermes. Robert Johnfitzgerald Hermes, aber von allen nur Rob Hermes genannt. Ein Kleinganove aus Washington, der vor etlichen Jahren einige Monate wegen Diebstahls von Spirituosen einsitzen musste. Wurde aber aufgrund von guter Führung vorzeitig entlassen und hat seitdem hier und da Gelegenheitsjobs angenommen, um sich über Wasser zu halten.“



„Was ihm scheinbar nicht reichte...“, murmelte Scully. „Wohnte er in letzter Zeit noch in Washington?“



„Der letzte Eintrag in seiner Datei stammt von Anfang 2000 und gibt als Bleibe eine Wohnung in der Hell Street hier in Washington an.“



„Haben Sie schon Leute losgeschickt?“



„Auf gut Glück, ja...“



„OK, die Hell Street ist nicht weit von hier. Mein Partner und ich sind in etwa 15 Minuten vor Ort.“



„Geht klar, viel eher werden meine Leute auch nicht da sein. Aber erhoffen Sie sich lieber nicht zu viel, Agent Scully, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er uns da auf dem Präsentiertisch serviert werden wird...“



„Aber nicht unmöglich...“, murmelte Scully leise und sagte: „OK, bis gleich.“ Und sie beendete den Anruf.



Mulder blickte sie mit großen Augen an. „Und?!“

„Wir haben einen Namen und eine heiße Spur. Unser Ziel ist die Hell Street.“ Die Agentin gurtete sich an. „Ich will mir nicht zu viel erhoffen, aber ich glaube, dass wir der Lösung des Rätsels an dem besagten Ort ein ganzes Stückchen näher kommen werden!“

Mulder startete den Wagen und vollführte, nachdem der Ford etwas an Fahrt gewonnen hatte, eine 180° Grad – Drehung auf dem Vorplatz des Wissenschaftlichen Institutes und fuhr davon, dem sinnbildlichen Horizont der Wahrheit entgegen.

Und über dem Wagen schwebte das imaginäre Bild einer jungen Frau, die in die Treibsandgrube der Hilflosigkeit geraten war, sich aber in diesem Augenblick ein Stückchen weit selbst herausziehen konnte.



Die Frau lächelte.







[ 3 ]

„Die Geschichte eines Stück Metalls“



„Sie sind so herrlich naiv, Agent Reyes.“



Rob Hermes konnte nur schwerlich mit dem Lachen aufhören und rieb sich die tränenden Augen. „Sie sollten es eigentlich besser wissen.“

„Ich verstehe nicht, was so lustig gewesen sein soll“, erwiderte Reyes mürrisch und zog die rechte Augenbraue hoch.

Hermes fasste sich.

„Nun“, begann er, „Sie meinen, ich vertraue einer Legende. Dabei ist dem nicht so.“ Er grinste. „Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Agent Reyes?“

„Sie fragen ja schon...“

„Weshalb brauchen Sie bei Ihrer Arbeit die X – Akten, ich meine, die Akten an sich?“

Reyes wunderte sich ob der seltsamen Frage und rümpfte die Nase.

„Zum Recherchieren. Zum Nachschlagen. Herrgott, wozu man eine Akte eben benutzt!“

„Nein“, sagte Hermes schroff und beugte sich vor. „Nein, das ist nur die eine Seite der Medaille. Denken Sie doch mal nach. Sie deklassieren die Akten als bloße Werkzeuge zur Einsichtnahme. Das sind sie nicht! Sie sind viel mehr als das.“

„Ja, meine Putzhilfe und Babysitter“, warf Doggett ironisch angehaucht in den Raum und konnte ein Grinsen nicht unterbinden.

Rob Hermes überhörte Doggetts Kommentar und wandte sich wieder Reyes zu. „Agent Reyes“, hauchte er, „Agent Reyes, diese Akten wissen Geschichten zu erzählen. Sie wollen sich ihnen mitteilen, ihre Geschichte erzählen, Ihnen das Geheimnis preisgeben, das in ihnen schlummert. Man muss nur lernen, richtig zuzuhören.“

„Sie wissen, denke ich, dass das reichlich verschroben klingt, oder?“ – Doggett verschränkte die Arme und musterte Hermes eindringlich. „Sie meinen also, das Stück Metall hat Ihnen das alles ... erzählt?!“

„In gewisser Weise, ja, ganz richtig.“

„Sie sind verrückt...“

„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, daher muss ich die Ihrige wohl akzeptieren, Agent Doggett. Aber lassen Sie mich noch kurz auf die vorhin angesprochenen „Wächter“ zurückkommen, vielleicht wird Ihnen dann einiges klarer.“



Hermes nahm einen Schluck aus dem Glas und räusperte sich, als er etwas zu viel auf einmal herunterschluckte.

„Sehen Sie, als das Metallstück auf die Erde stürzte, wusste es, dass seine Hülle – das Schiff – eine Niederlage hatte einstecken müssen. Es war fortan auf sich alleine gestellt. Und Sie können sich vorstellen, dass es damals, am Anbeginn der Zeit, Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende gedauert hat, bis das Hauptschiff stand, mit dem das Stück Urmetall seine Aufgabe, nämlich Leben zu geben, erfüllen konnte. Doch nun war es auf sich gestellt. Vergleichen Sie es am besten mit einem Computer, der für einen bestimmten Zweck programmiert wurde; der Computer muss diese Aufgabe erfüllen, ansonsten befindet er sich in einer Art Leerlauf.“

„Der Mann, der die Maschine verstand...“ – Doggett schüttelte amüsiert den Kopf. „Sie haben Talent, Rob...“

„Halten Sie den Mund, oder Sie können gleich wieder in Ihre Zelle, Agent Doggett!“, brüllte Hermes wütend und rückte seinen Anzug zurecht. „Wenn ich fortfahren dürfte... – Das Metall wollte also Leben geben, aber es hätte zu lange gedauert, die Erde alleine wiederherzustellen, so dass anderweitige Hilfe benötigt wurde.“

„Die Wächter“, erkannte Steve Mac Finn. „Es ist absolut unglaublich!“

„Sie haben Recht, Professor“, stimmte Rob Hermes der eben abgegebenen Aussage zu. „Ja, das Metallstück suchte Wächter, die es ... nun, gewissermaßen ausbauten. Wissenschaftler, die es mit Wissen speisten, Architekten, die eine neue Hülle bauten, Geistliche, die ihm die heiligen Worte mitteilten ... und eben die Wächter an sich, zu denen auch ich mich zählen darf – das Stück rief, und alle kamen. Und bevor Sie fragen, womit das ganze Unterfangen nach und nach finanziert wurde – wir hatten unsere Mittel und Quellen, an Geld zu kommen. Den Rest überlasse ich Ihrer Phantasie.“



Sprachlos lauschten die drei Personen den Worten des Mannes und wollten nicht glauben, was sie da hörten. Es war einfach zu merkwürdig, aber nichtsdestotrotz in sich schlüssig, so dass jedermanns gesunder Menschenverstand weder ein- noch aus wusste und auf eine harte Probe gestellt wurde.

Reyes machte ihrer Verwirrtheit Luft.



„Und wie kommt jetzt das FBI ins Spiel? Ich meine, Sie scheinen es ja in Ihre Pläne mit einbezogen zu haben...“

„Sehr gute Frage, und ich will Sie Ihnen auch gleich beantworten“, entgegnete Rob Hermes und stand auf. „Nun, Sie können sich vorstellen, dass solch ein kostspieliges Projekt mit einem immensen Risiko behaftet ist – dem Risiko des Entdecktwerdens. Kein Fisch schwimmt in die Nähe einer Angel, wenn er vorher schon wüsste, dass er gleich in der Falle sitzen würde. Verstehen Sie? Die Menschen würden den Sinn des Lebens hinterfragen, wenn sie wüssten, dass alles gewissermaßen nicht real ist, sondern durch ein außerirdisches Metallstück entstanden ist! Die damaligen Wächter hatten folglich ihre Müh’ und Not, ihr Projekt geheim zu halten, während sich die Welt nach und nach immer schneller erholte. Ein Jahr nach den Ereignissen war fast alles wiederhergestellt worden, und jeder Mensch wurde mit dem Wissen in diese Welt gesetzt, dass es nie zu solch einer Katastrophe gekommen war. Die Menschen – so sie nicht schon bei den Anschlägen umgekommen waren - wussten nichts von den Ereignissen im Jahre 1936, da sie nach dem Neuanfang das Wissen schlicht und ergreifend verdrängt hatten – wie ein Trauma - und so sollte es bleiben. Da kamen den Wächtern die X-Akten zur Hilfe.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Doggett verdutzt und knetete seine Unterlippe.

„Ganz einfach. Wie lenkt man von der Wahrheit ab?“

„Mit einer Lüge“, sagte Reyes und verstand langsam. „Sie meinen doch wohl nicht, dass Sie...!“

„Oh doch“, entgegnete Hermes und verzog das Gesicht zu einem fiesen Grinsen.



„Wir erschufen die größte Lüge seit Menschengedenken. Wir erschufen die Verschwörung!“







[ 4 ]

„Das Haus des Schicksals“



Als Mulder und Scully die Hell Street am Rande Washingtons erreichten, war schon ein Einsatzkommando vor Ort und im Innbegriff, das Haus zu betreten. Mulder parkte den Wagen und stieg aus.

„F.B.I.”, sagte Scully und zog ihren Ausweis aus der Manteltasche. „Wer ist hier der Ansprechpartner?“

Ein kleinwüchsiger Mann mit markanten Gesichtszügen, einer spitzen Nase und Halbglatze drehte sich zu der Agentin um und sagte etwas in sein Funkgerät. „Meyers? Noch nicht stürmen. Wir haben Verstärkung bekommen vom FBI. Warten Sie auf meinen Befehl und stürmen Sie mit Ihren Leuten erst, wenn ich es Ihnen sage. Und behalten Sie weiterhin die Rückfront des Hauses im Auge.“

>> In Ordnung ... warten auf Befehl. Ende.> Stürmen. Haben verstanden. > 3! Wir gehen jetzt rein. > Verstanden. Ende.
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