Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 10~

-Der Anfang vom Ende-



Alles beginnt einmal, auch das Ende. Und dessen Ende kann wiederum ein neuer Anfang sein.



*



[ 1 ] „ Der Verräter in den eigenen Reihen“



2.2.1936



So schnell, wie das Licht gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Franklin D. Roosevelt wusste nicht, wie ihm geschah. Er saß mit schmerzenden Augen am Schreibtisch und konnte sich nur mühsam wieder an das Dunkel gewöhnen. Kleine Ringe tanzten frohlockend vor seinem geistigen Auge hin und her und verursachten einen leichten Kopfschmerz. Benommen stützte sich der Präsident auf seinen Schreibtisch und stemmte sich langsam aus dem Stuhl hoch. Er konnte noch nicht richtig sehen und stolperte hilflos wie ein kleines Kind in die Richtung, von der er annahm, dass sie die Tür beherbergte. Vor lauter Schreck schien er für einen kurzen Moment vergessen zu haben, wie man sprach, so dass nur undeutliche Laute seinem Mund entsprangen.

Genauso wenig war er in der Lage zu sprechen, als er plötzlich eine starke Hand auf seiner Schulter spürte!


Gegenwart



„Ich erzähle es Ihnen jetzt so, wie es mir damals erzählt wurde. Es ist eine Überlieferung. Und obwohl manches ungereimt erscheint, so kann ich Ihnen doch versichern, dass es sich wirklich so zugetragen haben muss.“



Rob Hermes setzte sich nun seinerseits auf einen Stuhl und verschränkte die Arme. Er lächelte etwas. „Sie werden verstehen, dass ich untröstlich bin, dass es für das, was ich Ihnen nun erzähle, keinen filmischen Beweis gibt, so dass ich es wohl oder übel jedem selbst überlassen muss, sich selbst ein Bild im Kopf zu gestalten.“ – Er blickte zuerst Doggett, dann Reyes und schließlich Steve Mac Finn an – „Für so kreativ halte ich Sie, meine Damen und Herren.“

„Schwingen Sie keine Reden“, machte Doggett seinem Unmut Luft und verzog das Gesicht. Zu seiner Überraschung fing er sich damit aber nur zwei durchdringende und missbilligende Blicke der anderen Mitgefangenen ein.



„Nun“, begann Hermes kühl, „ wenn denn alles geklärt ist, möchte ich, wenn Sie nichts dagegen haben, Agent Doggett, anfangen.“



„Tun Sie sich keinen Zwang an“, erwiderte der Agent zynisch und schüttelte den Kopf. „Ich muss verrückt sein“, murmelte er missmutig und blickte Rob Hermes verachtend und mit von Hass erfüllten Augen an.



„Gut.“ – Der Entführer faltete die Hände und sagte selbstironisch: „Mal sehen, ob ich alles noch zusammen bekomme. Es soll sich Anfang 1936 im White House in Washington, D.C. zugetragen haben. Der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt saß in seinem Arbeitszimmer, als es sich ereignete ...



... er bekam Besuch! [...]“





2.2.1936



„Haben Sie keine Angst, Sir“, hörte er eine Stimme ganz nahe an seinem Ohr sagen. Was ihn aber am meisten verwunderte, war, dass er mit einem Male innerlich etwas zur Ruhe kam. Er atmete einmal tief durch und schloss die Augen.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er nervös und drehte sich langsam um. Jemand stand vor ihm. Jemand Großes.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen. Etwas von äußerster Wichtigkeit! Bitte, schreien Sie nicht! Niemand darf wissen, dass ich hier bin!“

„Wenn Sie für das Licht verantwortlich zeichnen, dann weiß es bald sowieso das ganze Haus“, erwiderte Franklin D. Roosevelt ironisch angehaucht und blinzelte. Seine Augen hatten sich nun fast an das Dunkel gewöhnt, so dass er in der Lage war, erkennen zu können, wer sich des Nachts Zugang zu seinem Zimmer verschafft hatte. „Sie müssen verrückt sein, da Sie anscheinend nicht wissen, welches Gebäude Sie hier zu nachtschlafender Zeit widerrechtlich betreten haben ... zumal ...“ – Der Präsident stutzte. –„ Wie zum Teufel sind Sie an den bewaffneten Wachen vorbeigekommen...?!“

„Mister President, Sie würden das sowieso nicht verstehen“, antwortete die Person getragen und ging einen Schritt zurück in den Schatten des großen Bücherregals. „Ich komme von weit her...“

Franklin D. Roosevelts Augen hatten sich nun vollständig wieder an die dunkle Umgebung gewöhnt. „Wer sind...?“, begann er noch einmal, stockte jedoch plötzlich. Aschfahl der Ausdruck in seinem Gesicht, blickte er mit großen Augen auf die Person im Schwarz, nicht möglich, ein Wort zu sagen. Das Schweigen hielt einen Moment an, während das Licht des Mondes in einem endlos lang scheinenden Strahl durch das Fenster in das geräumige Zimmer einfiel und sich in einem leuchtenden Punkt auf der Wand manifestierte. Ganz nah bei dem Eindringling. So nahe, dass die linke Hälfte des Gesichtes des Mannes ein wenig angeleuchtet wurde.

„George...?!“

Der mächtigste Mann der Welt glaubte einfach nicht, was er sah und wich einen Schritt weiter zurück gen Tür. „Sie – sind doch ... gerade ...?“

„... durch die Tür gelaufen?“, begann „George“ leise und trat aus dem Schatten. „Ja, das tat George wohl.“

„Sie...?“

„Ich bin nicht George, Mister President! Ich bin es nicht, auch wenn Sie das im ersten Moment nicht wahrhaben wollen.“

„Sie, Sie wollen mir weismachen, dass...? Ich habe doch gerade gesehen, wie Sie durch die Tür gegangen sind! Dort. Sie haben sie aufgemacht und dann wieder geschlossen. Hier! Vor zwei Minuten!“ – Roosevelt deutete verwirrt auf die Tür und blickte fassungslos auf die Gestalt vor seinen Augen. „Was für ein Spiel ist das?! Ich weiß doch wohl noch, was ich gesehen habe!“

„Das, was Sie gesehen haben, entspricht der Wahrheit, Franklin“, erwiderte der Eindringling freundlich. „Sie scheinen nur noch nicht verstanden haben. Als ich vorhin meinte, ich wäre nicht ihr Berater“ – Er machte eine Pause und verzog den Mund zu einem Lächeln – „ - obwohl das, was Sie in mir sehen oder zu sehen glauben, auf etwas Anderes schließen lässt - , da sagte ich die Wahrheit.“

„Was...?“

„Nun“, erklärte „George“, „ich sagte, ich sei nicht George. Das impliziert nämlich gleichzeitig, dass die Person, die Ihr Zimmer vor wenigen Minuten verlassen hat, George war! Verstehen Sie jetzt?“

„Also habe ich Sie ... ihn doch mein Zimmer verlassen sehen?“, fragte der Präsident nicht verstehen wollend und stützte sich an die Wand. „Wie kann das sein?“

„Ich bin ein Freund.“

Der Mann näherte sich dem Hochgewachsenen und hob seine rechte Hand.



„Haben Sie keine Angst. Ich muss Ihnen etwas sagen, etwas von größter Wichtigkeit.“



Die Hand berührte die Stirn Roosevelts, und der Fremde schloss die Augen. Monoton sprechend, summte er die folgenden Worte.



„I C H S A G E E S I H N E N … J E T Z T ...!“



Und daraufhin verschwand der Raum um die beiden und wurde eins mit der Dunkelheit der Nacht.



Er stand mit einem Male draußen im Garten des White House.

Regen prasselte auf die Statur des Mannes herab und benetzte den Anzug Roosevelts. Verwundert drehte sich der Präsident um. Wie war er hier her gekommen? Warum stand er zu dieser Zeit – er blickte auf die Uhr und erkannte, dass sie stehen geblieben sein muss – hier draußen?



„Dass Sie sich nicht so recht erinnern können, ist normal“, hörte er eine bekannte Stimme hinter ihm sagen. „Es mag daran liegen, dass das hier nicht real ist. Es spielt sich lediglich in ihrem Verstand ab. Nur dort besitzen sie die Möglichkeit zu glauben.“ Der Mann trat an Roosevelt heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Zudem befinden wir uns gerade in einer Art Zeitlosigkeit, so dass es Ihnen zwar vorkommen mag, Sie seien Minuten, vielleicht sogar Stunden weg, aber in Wirklichkeit ist nur der Bruchteil einer Sekunde vergangen.“

„Ich bin in einer Art Trance?!“

Roosevelt schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Ich glaube das einfach nicht! Sie kreuzen ihr auf, ohne Erlaubnis, ohne ersichtlichen Grund, und erzählen mir, dass ich träume, beziehungsweise durch Sie in einen vergleichbaren Zustand versetzt wurde?! Junger Mann, der Sie vorgeben, jemand zu sein, der Sie nicht sind: wenn Sie mir nicht innerhalb der nächsten Minute ausdrücklich klarmachen, was ihr Anliegen, für dessen Ausführung Sie sich sogar strafbar wegen Hausfriedensbruch und unerlaubten Betretens von Privateigentum gemacht haben, ist, dann rufe ich die Wachen zusammen und lasse Sie festnehmen!“

„Das hätte hier keinen Zweck, Mr. Roosevelt. Ich sagte doch, das ist lediglich...“

„Hören Sie mir mit der Traumdeuterei auf!“

Franklin D. Roosevelt verschränkte die Arme und blickte zum imposanten Amtssitz.

„Also...?“

„Sie können es gerne versuchen, aber Sie werden...“

„Ich habe Sie gewarnt, junger Mann!“, sagte Roosevelt trocken und formte die Hände zu einem Trichter, welchen er vor seinen Mund hielt. „Wachen! Hierher! Ein Unbekannter hat unerlaubter Weise...!“, begann er zu rufen, doch weiter kam er nicht.



Wie eine Reflektion prallten die Worte an einer unsichtbaren Mauer ab und kehrten, laut und durchdringend, zu ihrem Ursprung zurück. Das Echo war derart stark, dass Roosevelt zu Boden ging ob der Intensität des mächtigen Wortes und dort liegen blieb. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die Ohren.



„Ich habe Sie gewarnt, Mister President“, sagte „George“ leise, nachdem der Widerhall verklungen war und nur noch das Prasseln des Regens zu vernehmen war. „Hier existieren nur Sie und ich. Sie, weil es Teil Ihrer Erinnerung ist, und ich, weil ich sie benutze.“

„Sie benutzen meine Erinnerung?“

„Ja, fällt Ihnen denn gar nichts auf? Der Regen, die Uhrzeit? Das, was Sie anhaben?“

„Was meinen Sie?“

„Soweit ich weiß, trugen Sie, als ich Sie getroffen habe, einen schwarzen Anzug. Und schauen Sie sich jetzt an.“

Der Unbekannte lächelte und deutete mit seinem Finger auf Roosevelts Gestalt.

„Sehen Sie sich an und verstehen Sie.“



Franklin D. Roosevelt erkannte mit Schrecken, dass er nun einen dunkelblauen Anzug trug, welcher vom Regen schon fast völlig durchnässt worden war. Verwirrt sah er auf.

„Das, das ist mein Ausgeh-Anzug! Der Anzug, den ich...“

Er stockte.

„...den ich heute Nachmittag angehabt hatte. Und da ... oh mein Gott, geregnet hat es auch...!“

Sein Gegenüber nickte.

„Ganz recht. Vielleicht verstehen Sie jetzt, was ich vorhin mit „ich benutze Ihre Erinnerung“ meinte. Wir sind hier an einem Ort aus Ihrer Erinnerung – um genau zu sein: knapp 4 Stunden in der Vergangenheit.“

„Sie, Sie haben Ihre Hand auf meine Stirn gelegt, ich erinnere mich wieder...!“

Der Präsident blickte fassungslos auf den Unbekannten und verstand nun.

„Dadurch hatten Sie Zugriff auf meine Erinnerung...“

„Ja.“

„Aber wozu das alles? Was, was wollen Sie von mir?“

Die seinem Berater zum Verwechseln ähnlich sehende Person änderte ihren Gesichtsausdruck. Missmutig, beinahe mit einem Ausdruck von Sorge und Trauer, setzte sie sich auf den nassen Rasen und blickte auf den nur in der Erinnerung Roosevelts existierenden Himmel. Hoch oben leuchtete ein helles Licht.

„Sie kennen das Licht da oben...?“, fragte er leise und getragen und senkte den Blick nicht ab. „Sie kennen die Lichter, nicht?“

„Was wissen Sie davon?“, stellte der Präsident seinerseits eine Frage in den Raum und setzte sich neben den Unbekannten. Seine anfängliche Skepsis schien verflogen. „Sie haben Recht, ich kenne diese Lichter. Und Sie machen mir Angst.“

„Angst ist menschlich“, erwiderte der Fremde hauchend und verzog den Mund zu einem Lächeln. „Es sind die, die Angst haben, die letztlich zu denen werden, die siegen. Es mag nur eine Theorie sein, aber sie schafft neue Hoffnung.“

Er seufzte.

„An diesem Glauben festhalten zu können, ist die größte aller Herausforderungen, Mister President. Und ich weiß, wovon ich rede.“

„Sie haben Angst, Mr. ...- da fällt mir ein, ich kenne Ihren Namen noch gar nicht.“

„Ich habe keinen Namen. Wir alle haben dort, wo wir herkommen, keine Namen. Ist vielleicht ein Vorteil, da man so immer ein Teil des unüberschaubaren Ganzen bleibt.“ Er seufzte noch einmal und senkte den Kopf. Roosevelt verstand.

„Immunität, richtig? Sie sprechen von der Möglichkeit des Unerkannt – Operierens.“

„Ja...“

„Und Sie nutzen diese Möglichkeit aus?“



Der Mann ohne Namen nickte und hob seinen Kopf ein wenig. Eine Träne lief seine Wange herunter und tropfte in eine kleine Pfütze, welche sich aufgrund des anhaltenden Regens auf dem grünen Rasen gebildet hatte.

„Ja, ich und eine kleine Gruppe haben uns diese Möglichkeit zueigen gemacht. Wenn Sie es so wollen, sind wir Freiheitskämpfer. Kämpfer, die an das Gute glauben und sich dem Joch der Tyrannei ergeben müssen, da sie nur ein winziges Blatt am Baum der Gesellschaft sind. Eines von vielen.“

„Sie werden unterdrückt?“

„Nein“, erwiderte der Mann, „nein, es ist lediglich unser Verstand, dem es versagt ist, das , was die Mehrheit anstrebt, mit zu unterstützen. Alle glauben, sie kämpfen für das Richtige, aber in Wirklichkeit ist dem nicht so...! Verstehen Sie? Dafür, dass ich hier bin und Ihnen davon erzähle, verdiene ich den Tod. Ich verrate meine Leute! Und warum? Weil ich anders denke und nicht mit der breiten Masse mitgehe! Ich habe mich abgespalten und bin nun hier. Bei Ihnen.“

„Ich versteh’ nicht ganz“, kam es zögerlich von Seiten des Präsidenten. „Warum verdienen Sie den Tod dafür, dass Sie mit mir reden? Wollen Sie etwa andeuten, dass ich...?“

„Sie sind Teil dieser Operation! Sie und alle anderen! Die ganze Welt ahnt noch nicht, dass bald ein Krieg ausbrechen wird! Ein schrecklicher Krieg, an dessen Ende es nur einen Sieger geben kann...“

Er schüttelte traurig den Kopf und sprach: „... und das ist nicht die Menschheit!“



Roosevelt lächelte und fügte ironisch an: „Das hört sich zwar alles wunderbar dramatisch an, aber Sie können nicht von mir verlangen, dass ich das glaube. Zumal ich nicht verstehe, wer in eben genanntem Krieg als Sieger hervorgehen sollte, wenn es nicht die Menschheit ist.“

„Erinnern Sie sich an die Lichter?“

„Ja.“

„Nun“, begann der Fremde, „die da werden die Sieger sein.“

„Die Lichter?!“

„Nein, die, die dafür verantwortlich zeichnen. Die, die ich verrate, indem ich Ihnen das nun Folgende sage.“

„Sie sind ja verrückt!“

Roosevelt stand auf und schritt zum Eingang des Weißen Hauses. „Ich verstehe einfach nicht, warum ich mich auf diesen Deal eingelassen habe. Ich muss verrückt gewesen sein!“

„Mister President...“

„Ich will nichts mehr hören! Ich möchte nur aufwachen und wieder normal meiner Arbeit nachgehen können! ... und Sie sind dann hoffentlich nichts weiter mehr als eine bloße Erinnerung in meinem Kopf, die so schnell verschwinden wird, wie sie gekommen ist!“



„Mister President“, beharrte der Unbekannte weiter, „ich kann verstehen, dass Ihnen das alles paradox erscheint, wenn nicht sogar unsinnig. Und dass Sie das alles auf Anhieb verstehen, kann ich auch nicht von Ihnen verlangen. Daher werde ich Sie gleich wieder zurück in die Gegenwart versetzen. Jedoch...“ - Der Mann näherte sich dem Präsidenten und legte seine Hand auf dessen Schulter - „Jedoch sollen Sie noch den Grund meines Besuches erfahren, und ich bitte Sie, mir noch eine Minute Gehör zu schenken. Danach werde ich verschwinden, und Sie werden vielleicht nie wieder von mir hören.“

„In Ordnung. Sprechen Sie. Aber machen Sie es kurz.“



Roosevelts Gesprächspartner nickte akzeptierend und näherte sich mit dem Mund dem rechten Ohr des mächtigsten Mannes der Welt. Die nun folgenden Worte waren eindringlich und geheimnisvoll. Jedoch zeigten sie Wirkung, bescherten sie Roosevelt doch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Mit großen Augen blickte er auf.

„Was, was wollen Sie mir damit sagen?!“

„Nur, dass jemand auf Ihrer Seite steht und versuchen wird, Schlimmeres zu verhindern.“

„Sie, Sie wollten mich warnen? Ist es das?“

„Ja... und nun werde ich Sie verlassen. Haben Sie Dank, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.“

Er lächelte.

„Und geben Sie niemals die Hoffnung auf. Die Hoffnung ist das Fundament, auf dem die Erfüllung eines Traumes aufbaut. Festigen Sie es!“

„Aber...?“



Roosevelt wollte noch etwas fragen, doch da realisierte er, dass er sich schon wieder in seinem Arbeitszimmer befand. Geistesgegenwärtig rannte er zum Fenster, riss es auf und blickte nach oben in den sternenklaren Himmel.

Die seltsamen Lichter waren verschwunden, ebenso der mysteriöse Besucher. Nichts deutete mehr darauf hin, dass jemand hier gewesen war. Nur er war Zeuge dieses Ereignisses gewesen. Und sein Verstand, in dessen Innern die Worte des Besuchers immer noch existent waren.

Es waren seltsame, verstörende Worte. Und obgleich Roosevelt selbige noch nicht verstehen konnte, machten sie ihm doch Sorge.



„Hier wird es seinen Anfang nehmen, hier wird es enden. Es wird Feuer regnen, und Menschen werden panisch schreiend umherrennen. Auf der Suche nach Schutz. Aber es wird keinen geben. Der Feind ist zu mächtig, die Waffen zu stark, als dass man sich ihnen widersetzen könnte. Viele werden gegen den Feind ankämpfen, und viele werden ihr Leben verlieren. Viele werden von alledem nichts mitbekommen. Viele werden im Schlaf überrascht werden.

Ich

werde versuchen, dem Schlimmsten Einhalt zu gebieten. Ich werde meine Rasse verraten und für das Gute kämpfen.



Es mag ein aussichtsloser Kampf sein, aber wer vermag zu sagen, ob nicht doch ein Funken Hoffnung letztlich das Feuer des Sieges der Menschheit über den Feind neu entflammen wird...?“



*



Roosevelt fasste einen Entschluss. Er griff zu seinem roten Telefon und wählte eine Nummer.



„George? Entschuldigen Sie, dass ich Sie doch noch einmal störe, aber ich muss mit Ihnen etwas bereden ... ja, jetzt gleich. Danke.“



Der Präsident legte den Hörer auf und ging langsam zur Tür. Dabei passierte er die große Standuhr, deren Zeiger bewegungslos auf dem Ziffernblatt weilten. Erst sehr viel später setzte sie sich wieder wie von Geisterhand in Gang, so als ob sie noch einmal die Zeit festhalten wollte, in der Amerikas Präsident die Worte eines Eindringlings empfangen hatte, der auf unerklärliche Weise erschienen und auch wieder verschwunden war. Jeder, der nun das Zimmer betrat, würde nie auf die Idee kommen, dass sich hier vor wenigen Minuten diese seltsame Begegnung ereignet hatte.



Und die Uhr tickte weiter, so als ob all das nie geschehen wäre.





[ 2 ] „U.F.O.“


Einen Monat später im Weißen Haus, Washington, D. C. , spät am Abend



Franklin D. Roosevelt gähnte.

Der Tag war anstrengend gewesen und er sehnte sich nach seinem Bett. „Nein, George“, sprach er in den Telefonhörer, „haben Sie vielen Dank für Ihre Bemühungen. Ich werde die Unterlagen noch einmal schnell durchgehen und mich notfalls bei Ihnen melden ... danke, den wünsche ich Ihnen auch.“ - Mit diesen Worten legte der Präsident den Hörer auf und widmete seine Aufmerksamkeit den Papieren vor ihm auf dem Schreibtisch. Als er gerade zu seinem Wasserglas greifen wollte, um seinen durstigen Gaumen zu beruhigen, klingelte das Telefon. Verwundert nahm er ab.



„Ja?“

„Mister President, Kommandant Burke vom Patrouillenboot „F.D.R.-1“, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Ich hoffe, ich störe Sie nicht gerade“, antwortete der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung und man merkte ihm an, dass ihm nicht wohl in seiner Haut war. Roosevelt lächelte. Ein Präsident hatte nun mal zu arbeiten, und dass dies manchmal bis spät in die Nacht erfolgte, kam ebenso häufig vor wie die Tatsache, dass er an manchen Tagen überhaupt nicht zu Bett ging.

„Nein, ich war gerade nur dabei, lästigen Papierkram zu erledigen. Ihr Anruf ist eine gelungene Abwechslung“, sagte er daher freundlich und lachte leise. „Wenn Sie es genau wissen wollen: ich hasse Papierkram.“

„Mister President, ich denke nicht, dass Sie die folgende Nachricht glücklich stimmen wird...“

„Burke, was haben Sie auf dem Herzen? Gibt es Ärger mit einem Frachter an der Küste?“



Kommandant Burke war erst seit kurzem auf dem Patrouillenboot „F.D.R.-1“ beschäftigt. Roosevelt selbst hatte die Initiative ergriffen, was ihm die Verewigung seiner Initialen im Schiffsnamen einbrachte. Aufgabe des Frachters, welcher für den Notfall mit Waffen für einen Seekampf gerüstet war, war es, die Einreise ausländischer Boote und Frachter zu kontrollieren und zu verhindern, dass möglicherweise Feinde illegalerweise in die Vereinigten Staaten gelangen konnten.

Um einen breiten Raum vor der amerikanischen Küste überblicken und kontrollieren zu können, kamen innerhalb weniger Monate weitere Schiffe hinzu, so dass dem Präsidenten bald ein ganzes Kontingent an teuren, mit modernster Technologie ausgestatteten Schiffen zur Verfügung stand.

Viele Neider behaupteten, das Ins-Leben-Rufen dieser Initiative wäre ein Ausdruck bloßer Angst seitens Roosevelts, da die andauernde Wirtschaftskrise das Land zunehmend geschwächt hat. Er wäre schwach und bräuchte daher zur Sicherheit diese Maschinen. Kurioserweise hatten die, die diese Theorie aufgestellt hatten, mit ihr sowohl recht als auch unrecht. Das Land war geschwächt, aber die Maschinen waren keineswegs nur zur Sicherheit da. Sie waren vielmehr längst überfällig gewesen, sorgten sie doch dafür, dass in diesen turbulenten Zeiten alles einen etwas geregelteren Ablauf nahm.

Seit Burke vor zwei Monaten seine Arbeit angefangen hat, sind zwei Boote mit illegalen Einwanderern und ein weiteres Schiff mit nicht verzollten Waffen aufgeschnappt und die auf ihr befindlichen Passagiere in Gewahrsam genommen beziehungsweise zurück in ihr Land geschickt worden.



Nun jedoch war Burke zutiefst beunruhigt und schnaufte schwer in die Sprechmuschel. „Es scheint Ärger zu geben, Mister President“, erklärte er und atmete tief durch. „Wie Sie wissen, sind wir dafür verantwortlich, die Ein- und Ausreise ausländischer Boote wie neuerdings auch Transportflugzeuge des Luftverkehrs zu kontrollieren. Und gerade eben sind wir auf etwas gestoßen...!“

„Auf was?“

„Als wir gerade dabei waren, ein ausländisches Handelsschiff zu kontrollieren, fielen mit einem Male alle Maschinen aus!“ – Burke redete hastiger. „Und als wir alle an Deck gingen, sahen wir es.“

„Was denn, verflucht noch mal?!“

„Lichter“, erklärte der Kommandant hastig und merklich erregt. Seine Stimme zitterte. „Sich bewegende Lichter am Himmel. Mit rasender Geschwindigkeit bewegten sie sich auf Richtung Küste zu!“

„Kommandant Burke, waren das Flugzeuge?“, fragte Roosevelt unsicher und setzte sich langsam auf seinen Schreibtischstuhl. Das Wort „Lichter“ löste Unbehagen in ihm aus und erinnerte ihn an ein Ereignis, welches noch gar nicht lange zurücklag.

„Wissen wir nicht, Sir“, antwortete Burke merklich angespannt. „Jedenfalls gingen kurz darauf die Maschinen wieder, so dass unser Funker auch wieder Kontakt mit den unbekannten Flugobjekten hätte aufnehmen können. Aber sie waren auf keiner Funkwelle erreichbar...“

„Also haben wir feindliche Flugzeuge in unserem Luftraum, Kommandant?“ Franklin D. Roosevelt wischte sich die Stirn. „Ach du heilige Scheiße“, murmelte er. Dass in diesem Augenblick ein unbekannter Feind in den, seinen, Vereinigten Staaten war, ließ Unruhe in dem hochgewachsenen Mann aufsteigen. „Konnten Sie per Radar denn wenigstens ausmachen, in welche Richtung sie flogen?“

„Das ist es ja...“, sagte Burke zögerlich. „Bei, bei ihrer gegenwärtigen Geschwindigkeit und dem Kurs, den wir haben verfolgen können, ist davon auszugehen, dass sie...“ – Er stoppte.



„Jetzt sprechen Sie!!“



„Mister President. Um es kurz zu machen: wir gehen davon aus, dass ihr Ziel Washington, D.C. lautet. Aber ich will Sie jetzt nicht beunruhigen. Sie ... selber ... man ... nicht alles ... u ...!“



„Hallo?“ - Roosevelt klopfte unruhig auf den Hörer - „Kommandant Burke? Ich verstehe Sie momentan überhaupt nicht mehr. Lediglich Sprachfetzen. Hallo ...“ – Ein Tropfen Angstschweiß lief die Stirn des Präsidenten herunter und tropfte auf ein Blatt Papier, welches selbigen sofort aufsaugte. Franklin D. Roosevelts Gesicht war kreidebleich – „Hallo? Sind Sie noch da?! Kommandant!“



... und da brach plötzlich die Verbindung ab.







[ 3 ] „Brennender Himmel“



Mit bleichem Gesicht blickte Roosevelt auf den Telefonhörer in seiner Hand. Die Verbindung war einfach unterbrochen worden! Hastig rannte der Präsident zum Fenster seines geräumigen Arbeitzimmers, ohne zu wissen, warum, und riss es auf.



Der Geruch von Verbranntem stieg ihm in die Nase, und er musste angewidert die Hand vor den Mund halten. Mit weit aufgerissenen Augen registrierte er das Unfassbare, das Unglaubliche!



Feuer fiel vom Himmel. Kometengleich schlug es hernieder auf die Stadt und entfachte dort, wo es auftraf, eine Schneise der Verwüstung und des unerschöpflichen Leides. Menschen liefen umher, auf der Suche nach Schutz, um Hilfe rufend, um Hilfe ersuchend, doch für viele kam die Hilfe schon zu spät. Ihre Körper lagen in den Ecken der Straßen, die Hände emporgereckt gen Himmel, die Kleidung zerfetzt, umhüllt von der alles verschluckenden Dunkelheit.

Hin und wieder blitzte es...



Im Hintergrund vernahm der Präsident die Feuersirenen, welche unbändig versuchten, die Bürger davon in Kenntnis zu setzen, dass der Ernstfall eingetreten war. Doch es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Tropfen auf einem Stein des Gebirges der Hoffnung. Die Hoffnung war in diesem Augenblick dahin, zu unbegreiflich war das, was sich den Augen des Präsidenten darbot. Verzweifelt richtete er den Blick nach oben, um ausmachen zu können, von wo aus der Feind die Stadt – seine Stadt – unter Beschuss stellte. Doch er musste seine Augen schließen, da in diesem Augenblick ein weiterer Feuerregen vom Himmel gen Erde schoss und die Umgebung einen kurzen Moment lang taghell erleuchtete. Für einen kurzen Augenblick sah Roosevelt das Ausmaß der Zerstörung in seiner unbegreiflichen Form, registrierte die Machtlosigkeit, die er innehatte und die Macht derer, die zu dieser späten Stunde Washington, D.C. den Krieg erklärt hatten. Unaufhaltsam bahnte sich eine Feuerwalze ihren Weg voran und walzte dabei alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte.



„George!!“



Roosevelt wich entsetzt und schockiert vom Fenster zurück und stolperte über den hinter ihm stehenden Stuhl. „George!“, rief er noch mal und schaffte es nur mühsam, sich wieder aufzurappeln. „George!! Wo sind Sie?“





Gegenwart, Washington, D. C., in den Räumen der Einsamen Schützen, spät am Nachmittag



„Roosevelt ... ich werde da einfach nicht schlau draus...“



Scully saß auf einem schwarzen Schreibtischstuhl und blickte Mulder an. „Vielleicht ... vielleicht hat die Tatsache, dass dieses Zitat gerade zufällig mit einem Satz, den Roosevelt einmal in einem Dokument verwendet hat, übereinstimmt, gar keine Relevanz in dem Fall. Vielleicht urteilen wir einfach vorschnell. Ich meine ...“ – Sie seufzte – „ Ich meine, wir sind schon so oft Gespenstern gefolgt, Mulder. Meinst du nicht, wir sollten gerade in diesem Fall nichts dem Zufall überlassen?“

„Dana“, hauchte er leise und schob einen Stuhl in ihre Richtung, auf den er sich daraufhin setzte, die Arme auf die Rückenlehne gestützt, das Kinn auf den verschränkten Armen ruhend. „Dana, ich weiß, dass das hier vielleicht unser Vorstellungsvermögen mehr als nur unerheblich belastet. Und ich verstehe deine Skepsis. Die hattest du schon immer.“ Er lächelte. „Doch das hat mich immer mutiger werden lassen. Denn obgleich ich wusste, dass du den Sachen immer anders als ich gegenüber standest, erkannte ich von Mal zu Mal, dass die Person Dana Scully, wie ich sie kennen gelernt hatte, nur nach außen hin die rational denkende Frau ist, die sie immer vorgibt zu sein...“

„Fox...“, begann sie erschrocken, „Fox, bitte...“

„Da“, sagte er lächelnd. „Du wolltest mich bitten, aufzuhören, richtig?“ – Er schloss kurz die Augen. „Im Grunde wolltest du das gar nicht, hab ich recht?“

„Mulder...“

„Auch das willst du nicht sagen, Dana. Du wolltest es schon nicht, als wir in unserem ersten gemeinsamen Jahr beim FBI eines Nachts gemeinsam im Auto saßen und auf der Suche nach Eugene Tooms waren. Du weißt, was ich dir geantwortet hatte, als du mich Fox nanntest.“

„Fox. Bitte...“

„Dana, höre ganz tief in dich rein, und sage mir dann, was du hörst. Ich möchte wetten, dass dort all jene unausgesprochenen Gedanken lagern, die nur aufgrund dessen, dass sie von vorschnell abgegebenen Meinungen unterdrückt wurden, dort seit jeher auf den Tag warten, an dem sie ausgesprochen werden.“ Er wirkte ernster als sonst, aber immer noch beruhigend in seiner Art und seinem Tonfall. Scully schluckte.

„Ich“, begann sie zögernd, „ich weiß jetzt, was ich so an dir liebe.“ – Sie lächelte verlegen und atmete einmal tief durch. „Du hast recht. Heute ist der Tag gekommen.“

„So kenne ich dich, Schatz“, entgegnete er freundlich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Genau so.“



„Ähm“, begann Frohike verlegen und erst jetzt erinnerten sich Scully und Mulder daran, wo sie im Moment waren. „Ich möchte die traute Zweisamkeit nicht stören, aber könntest du nicht mal kurz mit meinem Steuerberater reden, Mulder? Mir scheint, dem müsste auch mal gut zugeredet werden... von wegen unterdrückter Gedanken und so...“





20 Minuten später



Dana Scully blickte auf ihre Uhr. „18:18...“, murmelte sie und zog den Ärmel ihrer schwarzen Bluse wieder über den Zeitmesser. „Erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie viele Male ich diese Zeit schon registriert habe. Nur beiläufig. Ohne jemals darüber nachzudenken.“ Leicht lächelnd schüttelte die Agentin den Kopf. „Manchmal kommt es mir wie ein Zeichen vor. So als ob die Zeit uns irgendwas mitteilen will.“

Mulder wendete daraufhin kurz den Blick von der Fahrbahn ab und blickte nach rechts.

„Nur die Zeit kennt die Zeichen der Zeit, so seltsam das auch klingen mag, Dana“, sagte er monoton und legte die rechte Hand, als er den Wagen an einer Ampel stoppen musste, auf den Schalthebel. „Die Zeit gibt uns nur selten Zeichen, und wenn, dann erkennen wir sie meist erst dann, wenn es zu spät ist.“ Er atmete einmal tief aus. „Hätte ich damals die Zeichen der Zeit deuten können, wäre vieles anders gelaufen. Vieles.“

„Aber meinst du nicht auch, dass wir, wenn wir nur fest genug daran glauben, teilhaben können am Prozess der Zeit?“

„Nein, Dana, nein...“

„Aber warum nicht?“

„Weil wir alle schon gegenwärtig teilhaben“, antwortete Mulder nachdenklich und hob den Blick. „Wir sind alle Teil des niemals enden wollenden Prozesses, den wir da Zeit nennen. Unbewusst. Jede Sekunde unseres Lebens. In diesem Moment bestimmt ein Sandkorn in der Uhr des Lebens, wie es mit uns weitergehen soll. In dieser Sekunde.“ Er machte eine seltsame Geste mit seiner rechten Hand. „Und jetzt ist schon wieder alles vorbei. Bis das nächste Sandkorn fällig ist.“

„Und...?“, fragte die Agentin leise, „wie geht es nun mit uns weiter...?“

„Das weiß nur die Zeit“, antwortete Mulder lächelnd und gab vorsichtig Gas. „Oder Fox Mulder, der jetzt einen kleinen Abstecher macht.“

„Einen Abstecher? Wohin?“

„Dorthin, wo es hoffentlich Antworten gibt. Denn wenn jemand uns Auskunft über die Entstehungsgeschichte des Manuskripts geben kann, dann ist es Steve Mac Finn.“ - Scully verzog das Gesicht zu einem Lächeln.



„Und wieder hat sich gezeigt, dass man die Zeichen der Zeit erst viel zu spät erkennt...“





[ 4 ] „Missing“



2.2.1936



George hastete in das Arbeitszimmer des Präsidenten, gefolgt von weiteren vier Männern des Beraterstabs. Allesamt kreidebleich, blickten sie nach draußen aus dem Fenster, ihre Gesichter immer wieder vom Glanze des vom Himmel herab fallenden Feuers erhellt. Der engste Vertraute Roosevelts drehte sich plötzlich um.

„Mister President, Sie müssen hier weg!“ – Er trat auf den Präsidenten zu und gestikulierte wild mit seinen beiden Händen. „Ihr Land steht in Flammen...!“

„Das sehe ich“, murmelte Roosevelt fassungslos. „Ich sehe es. Aber ich will es nicht glauben...!“

„Sir, Sie müssen handeln! Sofort!“

„George, ich weiß, dass ich handeln muss! Aber solange nicht feststeht, wer uns angreift, wird nichts unternommen. Kein Feind ist schlimmer als der Unsichtbare...“

„Sie wollen warten?!“

„Ja, bis sich jemand zu diesem Angriff bekennt. So haben wir es bisher gehandhabt, und so werden wir es auch dieses Mal handhaben.“ – Er seufzte. „Das ist der Zeitpunkt, George, den ich mir nie gewünscht habe. Der Beschützer in den Köpfen der Menschen steht hilflos vor dem Geschehen. Hilflos! Der mächtigste Mann der Welt...“

„Wir können was tun!“, entgegnete George derart energisch, dass sich Adern auf der Stirn des Mannes abzeichneten. „Sie können was tun! Sie können den Ausnahmezustand ausrufen. Wenn nicht heute, wann denn dann??“



>“Tu’s nicht!“<



„Wenn es geboten ist“, erwiderte Roosevelt kalt und schritt zum Fenster. „Sie mögen das jetzt nicht verstehen, meine Herren, aber ich habe meine Gründe...“

„Sie haben Ihre Gründe, dabei zuzusehen, wie Ihr Land zerstört wird?! Mister President, verzeihen Sie, aber das kann ich nicht glauben!“ – George schüttelte wütend den Kopf. Die weiteren Berater wirkten angespannt, meldeten sich jedoch nicht zu Wort, sondern verharrten still auf ihren Plätzen. Sie schienen zu lauschen.

Auch Roosevelt horchte.

Der, der die Stadt bombardiert hatte, hatte plötzlich innegehalten. Es waren keine Explosionen mehr zu hören. Nur das durchdringende Dröhnen der Sirenen durchschnitt die trügerische Ruhe und drang den fünf Männern ans Ohr.

„Das stimmt was nicht...“, flüsterte Roosevelt und wich instinktiv vom Fenster zurück. Irgendeine innere Stimme befahl ihm in diesem Moment zu laufen. Zu laufen, so schnell er konnte. Dieselbe Stimme, die ihn kurz zuvor dazu veranlasst hatte, nicht den Ausnahmezustand zu verhängen.



>“Lauf!“<



„Wir müssen hier weg! Schnell! Kommen Sie, meine Herren!“

„Mister President...“, begann einer seiner Berater, ein Mann in schwarzem Anzug und leicht dicklicher Statur. „Mister President, das sagen wir Ihnen schon die...“



Weiter kam er nicht.





Eine gewaltige Explosion erschütterte das massive Gebäude und ließ die Fenster im Arbeitszimmer des Präsidenten zerspringen.

Das, was von dem Berater Roosevelts übrig geblieben war, fiel rauchend zu Boden und blieb dort liegen. In diesem Moment stürzte die Wand ein und begrub die verkohlte Leiche unter sich, ebenso den Schreibtisch und den Arbeitssessel des mächtigsten Mannes der Welt.







„Oh mein Gott“, war das Einzige, was Roosevelt hervorbringen konnte, bevor er von George aus dem Zimmer gezerrt wurde. Letzterer war völlig bleich.

„Mister President, hier sind Sie nicht mehr sicher! Wenn dies alles zerstört ist, haben die Feinde das erreicht, was Sie zu erreichen erhofft hatten. Sie hätten der politischen Führung der Vereinigten Staaten mitsamt ihren ausführenden Organen den Garaus gemacht, nicht zu sprechen von den Schäden, die sie jetzt schon in ihrem Land verursacht haben. In nur wenigen Minuten! Wissen Sie, was das bedeutet?!“

„Der totale Zusammenbruch, George. Das wäre der totale Zusammenbruch.“

„Mister President, es wäre mehr als das! Es wäre das Ende!“







„Oh mein Gott“, entglitt es Roosevelt plötzlich. „Jetzt versteh’ ich, was...“

„Wovon reden Sie, Sir? Was ist los?“

„Von...“ – Da wurde ihm bewusst, dass seine Berater gar keine Ahnung hatten, was ihm vor einen Monat widerfahren war. Er hatte lediglich mit George gesprochen und ihm seine Ängste geschildert. Das war es aber auch schon. Was explizit vorgefallen war, wusste nur Roosevelt selbst.

Vielleicht war es gut so.



„Nichts, meine Herren“, log er. „Mir ist nur gerade ein schrecklicher Verdacht gekommen. Ein Verdacht, der nicht nur unser Land einschließt. Es geht hier scheinbar um sehr viel mehr.“ Er wischte sich die Stirn. „Das, was hier gerade vorfällt, ist lediglich der Anfang. Der Anfang eines allumfassenden Übels, das es sich zur Aufgabe gemacht, nicht mehr und nicht weniger zu zerstören, als das Fundament, auf dem wir stehen.“

„Sie... Sie meinen...?“







„Ja“, pflichtete er der seltsamen Stimme in seinem Kopf bei und begann seinen Beratern zu folgen, welche verzweifelt versuchten, sich zwischen den einstürzenden Wänden und brennenden Gegenständen einen Weg in die Freiheit zu bahnen. „Wir müssen in den Bunker!“, hörte der Präsident immer wieder jemanden schreien. „Verdammt noch mal, ich will hier nicht sterben!“



Da war es wieder. Das Gefühl. Das Gefühl der Machtlosigkeit. Ohne dass er es verhindern konnte, bahnte es sich seinen Weg und verursachte Traurigkeit. Ja, der Präsident war traurig. Und zerrüttet. Nein, sagte da sein Gewissen plötzlich, das bist du nicht.



Er seufzte und verstand. In diesen Zeiten war es anders. Zerrüttet und traurig folgte der Mensch seinen Beratern.



... und da geschah es.





Gegenwart / Wissenschaftliches Institut, Washington, D. C.





Mulder lenkte den Wagen auf das Gelände des Wissenschaftlichen Institutes. Es wurde langsam dunkel, und dennoch war das Gebäude von einem hellen Glanz durchdrungen, dass man meinen könnte, an diesem Ort würde es keinen Abend geben. Mulder parkte den Wagen vor dem Eingang und zog die Handbremse an.

„Vielleicht sollten wir auch diesen Architekten zu Rate ziehen“, sagte er auf den imposanten Glasbau zeigend und grinste. „Ich bin davon hell begeistert...“

Scully entgegnete nichts, sondern nickte nur. Sie kannte seine Wortspiele. Und sie wusste, dass – wenn man sich erst mal auf sie eingelassen hatte – eine Lawine losgetreten würde, die ihresgleichen suchte. Das hatte sie in den all den Jahren gelernt und versucht, sich an sie zu gewöhnen – was ihr, zugegebenermaßen, leichter als geglaubt gelang.

„Du meinst, dass wir ihn hier antreffen? Wo doch das ganze Institut gewissermaßen zum Teil einer Untersuchung geworden ist?“ – Sie wollte wieder den Bogen zum Fall schlagen und schloss die Wagentüre.

„Ich vermute es, Dana. Trotz des Vorfalles kann es sich das Institut nicht leisten, seine Arbeit, wenn auch zeitlich begrenzt, einzustellen. Das wäre, als würde man der Forschung den Saft abdrehen. Das, was in der Forschung zählt, ist Zeit. Und ebenjene zu entfernen, kann zwangsläufig dazu führen, dass man ganz zum Anfang zurückversetzt wird und noch einmal beginnen muss. Immer und immer wieder. Bis es eines Tages gelingt.“ Er legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. „Dana, ich glaube nicht, dass sich auch nur irgendjemand dazu erdreisten würde, die Forschung dieses Institutes – bildlich gesprochen - zurück in die Steinzeit zu versetzen. Nicht ein normal denkender Mensch.“

„Dessen bin ich mir bewusst“, antwortete die Agentin und schritt langsam zum Eingang, an dem zwei Polizisten standen und die Neuankömmlinge mit kalter Miene begutachteten. „Ich frage mich nur, ob es nicht einfacher gewesen wäre, einfach beim Zuhause des Professors vorbeizufahren...“

„Möglich...“



„Halt! Stopp. Wer sind Sie?“ Einer der Polizisten zog seine Waffe und richtete sie auf Scully. „Weisen Sie sich aus!“

Scully zog ihren Ausweis aus dem Mantel hervor. „Agent Scully vom F.B.I. Mein Partner und ich wollen zu Doktor Steve Mac Finn.“

Die Tatsache, dass Mulder beim FBI gekündigt hatte, führte dazu, dass er seinen Ausweis nebst Dienstwaffe hatte abgeben müssen und somit den Titel „Agent“ verlor. Er war jetzt wieder Fox Mulder, der Mensch Fox Mulder.



... und Dana Scullys inoffizieller Gehilfe.



„In Ordnung, Agent Scully.“ Der Polizist steckte seine Waffe weg. „Bitte entschuldigen Sie die Vorsicht, aber uns wurde aufgetragen...“

„Ich kenne die Vorschriften“, sagte Scully freundlich und öffnete die gläserne Eingangstür. „Sie machen nur Ihren Job. Wie wir alle hier.“ Mulder folgte ihr in das Gebäude und blickte nach hinten, als die Tür mit einem gewaltigen Krachen zurück ins Schloss fiel. Gerade, als er sich wieder zurückdrehte, vernahm er plötzlich ein leises Handyklingeln, welches von draußen zu kommen schien.

Er wusste nicht, wieso, aber instinktiv machte er auf dem Fuße kehrt und packte Scully etwas unsanft am Oberarm.

„Hey...!“

Mulder erwiderte nichts, sondern begab sich forschen Schrittes gen Eingangstür. Scully folgte ihm mehr oder weniger freiwillig.

„Mulder, was ist los? Warum...?“, fragte sie, doch bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte, sah sie, dass einer der sich vor der Eingangstür befindenden Polizisten ruckartig die Glastür öffnete und auf die beiden Agenten zurannte.



„Agents?“

„Ja...?“, fragte Mulder und ließ Scullys Oberarm los. Sie verharrte still neben ihm und blickte reichlich skeptisch auf den Polizisten und dann auf Mulder. Sie konnte ihn manchmal einfach nicht verstehen. Sie konnte nicht glauben, dass jemand solch eine Auffassungsgabe haben könnte, mithilfe derer er aus den unscheinbarsten Elementen und Begebenheiten Zusammenhänge erkennt, die für niemand sonst so offensichtlich sind. Wie jetzt. Das Handyklingeln hatte irgendwas in Mulder bewirkt. Eine Vorahnung scheinbar. Eine Intuition. Gefolgt von einem Reflex.



Manchmal wünschte sie sich, sie würde ihren Freund noch besser kennen, um ihn in bestimmten Augenblicken besser verstehen zu können. Scully seufzte leise.



„Gerade bekamen wir einen Anruf aus der Zentrale. Jemand hat soeben Steve Mac Finn als vermisst gemeldet!“

„Sind Sie sich ganz sicher?“, fragte Scully nachdenklich, „immerhin ist nicht auszuschließen, dass er zu diesem Zeitpunkt hier noch arbeitet, derjenige, der die Vermisstenmeldung gemacht hat, davon nicht in Kenntnis gesetzt wurde und daher annahm, er sei verschwunden. Ist alles schon mal vorgekommen...“

„Wenn es mal so wäre, Agent Scully“, seufzte der Polizist, „aber laut Zentrale erfolgte der Anruf hier aus dem Gebäude und zwar von einem Arbeitskollegen Finns, der heute Nachmittag vergeblich auf ihn gewartet hatte und ihn auch zu Hause nicht erreichen konnte. Uns wurde der Name desjenigen mitgeteilt. Er heißt Barney Colette.“

„In Ordnung“, erwiderte Mulder zügig, „ich schlage vor, wir“ – Er deutete auf sich und Scully – „ befragen Barney Colette, während Sie sich das Anwesen Finns mal etwas genauer ansehen. Denn scheinbar ist er dort heute morgen nicht mehr losgekommen. Wir beide kommen dann so schnell wie möglich nach.“

„Das wollte ich gerade vorschlagen“, entgegnete der junge Polizist rasch und zog seine Mütze ins Gesicht. Seinem Kollegen „Hey, ruf Stevie und Frank zur Überwachung in den Eingangsbereich. Wir haben einen Einsatz!“ zurufend, entfernte er sich von den beiden Agenten, welche sich sodann zum Pförtner begaben, um herauszufinden, wo Barney Colette für gewöhnlich anzutreffen ist.



Derweil hörten sie draußen Alarmsirenen ertönen, welche sich schnell vom Gebäudekomplex entfernten. Fast zeitgleich erschienen zwei weitere Polizisten im Eingangsbereich. Ihnen nachblickend, wie sie sich vor der Eingangstür des Wissenschaftlichen Institutes postierten, vernahm die Agentin noch die Stimme des Pförtners.



„Zweiter Stock, Zimmer D-405. Wenn Sie Glück haben, ist er noch da.“
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