Spiel des Lebens von Stefan Rackow

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~Teil 9~

-Stillstand-



an einem unbekannten Ort



Alvin Packer hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet und schüttelte verständnislos den Kopf. Rob Hermes blickte verwirrt auf seinen Chef und fasste sich an die Stirn. „Sie wollen es ihnen zeigen?“, fragte er ungläubig und zog die Stirn kraus. „Das verstehe wer will...“

„Geschwätz“, argumentierte Packer und zündete sich eine Zigarette an. „Ich habe alles genauestens geplant.“

„Das kann jeder sagen!“, konterte Rob und zog seinerseits ebenfalls eine Zigarette hervor, welche er daraufhin anzündete. „Wir haben eine zu große Verantwortung, als dass wir es uns erlauben könnten, alles von heute auf morgen aufs Spiel zu setzen!“

„Seltsam“, murmelte Packer und blickte gedankenverloren an die Decke. „Sonst hast du doch immer deinen Schwanz eingezogen, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen. Und wenn du mal eine Entscheidung getroffen hast, ist der Schuss gründlich nach hinten losgegangen!“ – Sein Tonfall wurde kühl und herabwürdigend – „Also mach hier nicht einen auf Moralapostel, Rob!“

„Verdammt noch mal! Diese Sache ist zu wichtig, verstehen Sie das nicht?“ – Rob Hermes wurde zunehmend nervöser und blies hektisch ein ums andere Mal sich in der Luft kräuselnden Qualm aus seinem Mund, welcher im Schein der Schreibtischlampe gen Decke stieg. Seine Mundwinkel zuckten. „Wir können doch jetzt nicht das tun, was wir die ganzen Jahre über versucht haben zu vermeiden. Das ist paradox! Warum gerade jetzt?“

„Weil die Zeit reif ist, wie ich denke“, erklärte Packer und drückte die gerade erst angerauchte Zigarette aus. „Sich verstecken heißt, dass man Angst vor den Konsequenzen hat, welche sich ergeben könnten, wenn man gefunden wird.“

„Wenn Sie es wissen wollen: ja, ich habe Angst vor den Konsequenzen“, gab Rob zu verstehen. „Sogar eine Scheißangst.“

„Ich war mit meinen Ausführungen noch nicht fertig“, murmelte der hochgewachsene Mann und holte einmal tief Luft. „Worauf ich hinaus will: wie kann man sich vor etwas verstecken, von dem man nur annimmt, dass es im schlimmsten Falle eintreten könnte, zumal man diesbezüglich noch keinerlei Erfahrung gemacht hat?!“

„Sie meinen, das hier soll dann so gesehen eine Art Probelauf sein? Damit wir wissen, vor was wir uns verstecken?“, fragte Rob nachdenklich, aber merklich gelassener als noch eine Minute zuvor.

Alvin Packer blickte kühl in dem abgedunkelten Raum umher und schien nachzudenken. Seine rechte Hand verweilte ruhig auf dem Schreibtisch, während seine linke das Kinn stützte. Die Atmosphäre erreichte ihren Höhepunkt, und Rob stellte sich bildlich vor, wie er sie mithilfe eines Messers in Stücke schnitt, so dick war sie.

Endlich, nach einer halben Ewigkeit, wie es ihm schien, öffnete sein Chef den Mund und sprach.



„ ... oder vor was wir uns all die Jahre über unnötig versteckt haben!“



*



Scully sackte kraftlos auf der Couch zusammen und blickte mit leeren Augen auf den Wohnzimmertisch, auf dem eine Schale mit Früchten stand. Nach einer Weile vergrub sie ihren Kopf hinter den Händen.

„Ich glaub das einfach nicht“, kam es dumpf aus den vorgehaltenen Händen. „Jetzt sitzen wir hier und können nichts tun als abwarten! Das kann doch nicht richtig sein!“

„Es wurden keine Spuren gefunden, Dana“, antwortete Mulder getragen. „Es wurde eine Suchmeldung rausgegeben ... mehr können wir im Moment wirklich nicht tun, so schwer das auch zu verstehen sein mag.“

„Eine Suchmeldung?! Verstehst du denn nicht, dass hier zwei FBI-Agenten vermisst werden? Und wir sollen nur rumsitzen und Däumchen drehen? Das will einfach nicht in meinen Kopf rein!“ – Scully stand auf und lief unruhig auf und ab – „Verstehst du nicht, dass mich das mehr als nur mitnimmt?!“

„Ja“, entgegnete Mulder und ging auf Scully zu. „Ich kann dich verstehen, aber wir haben absolut keinen Anhaltspunkt, auf den wir unsere Ermittlung in diesem Fall stützen könnten. Es ist so, als hätte irgendjemand diesen Coup lange schon im Vorfeld geplant und wirklich jede Kleinigkeit durchdacht. Und alles, was wir haben, ist nur dieses Manuskript. Frustrierend!“

„Aber...!“

„So schlimm das auch sein mag – wir können nur mutmaßen, dass es etwas mit den im Manuskript aufgestellten Theorien zu tun hat, zumal es der aktuelle Fall der beiden war.“ – Mulder seufzte – „Das ist nicht gerade viel. Obwohl...“ – Er stockte – „Verdammt noch mal, das hätten wir schon längst machen sollen!“, sagte er kopfschüttelnd und schien sich selbst dafür zu verdammen, dass ihm dieser Gedanke erst jetzt kam. „Zieh dich an!“

„Aber...?“

Mulder näherte sich ihr vorsichtig und flüsterte in ihr Ohr. „Vertrau mir!“



*



in den Tiefen des FBI – Gebäudes, knapp 20 Minuten später



Der kleine Mann öffnete die Tür und blickte die Neuankömmlinge neugierig durch seine dicken Brillengläser an. Sein Gesicht zierte ein Dreitagebart. „Wir kaufen nichts“, murmelte er grinsend und klopfte Mulder auf die Schulter. „Hey, altes Haus. Dass du dich noch mal bei uns blicken lässt, nach deinem ... äh ... Abgang , das hätte ich nun nicht erwartet.“

„Ach Frohike, wenn du wüsstest...!“ – Mulder setzte seinerseits ein Grinsen auf und umarmte den einen von seinen drei Freunden. „Schön, dich ...“ – Er blickte in zwei weitere traurig dreinblickende Gesichter und räusperte sich – „... euch wiederzusehen.“

Langly und Byers schüttelten verschmitzt lächelnd ihre Köpfe und gingen auf Mulder zu. „Jetzt stell dich nicht so in den Vordergrund, Mann“, sagten sie und schoben ihn beiseite.

„Hallo Scully, schön Sie zu sehen!“

„Hi Jungs“, erwiderte sie lächelnd, verzog aber ihre Mine, als sie bemerkte, dass da jemand wieder einen Witz auf Kosten ihrer Größe gemacht hatte. „Selber schuld“, murmelte sie zynisch, „dabei wollte ich euch gerade das „Du“ anbieten...“

„Schöne Scheiße“, brummelte Langly und schlurfte in Richtung seines Computers. „Wie man`s macht, man macht es falsch.“

„Käme auf einen Versuch an“, entgegnete Scully freundlich und deutete auf etwas, das sie in der Hand hielt. „Reyes und Doggett sind entführt worden!“, sagte sie und ihre Mine änderte sich schlagartig.

In dem Raum wurde es still.

Nur das Piepen der Computer und Apparaturen durchbrach die Stille.

„... und das hier scheint den Ausschlag gegeben zu haben.“ – Das Manuskript entglitt ihren Fingern und klatschte auf einen Schreibtisch.

„Die beiden...? Oh mein Gott! Ihr macht Witze, oder?“, fragte Langly und riss die Augen weit auf.

Das Schweigen, was nun folgte, ließ ihn resigniert in seinen Stuhl zurücksinken und einen besorgten Blick aufsetzen. „Verdammte Scheiße...“, murmelte er.

„Und wir sollen Informationen sammeln?“, fragte Byers unsicher und kraulte seinen Kinnbart.

„Ja.“

„... und worum geht`s?“

„Um die Welt“, erklärte Mulder und setzte sich auf einen beistehenden Hocker in dem Kellerraum. „Um die Welt, oder, genauer gesagt, um das, was sie sein soll!“

„Soll?“

„Jungs, es ist zu kompliziert, als dass ich euch das alles hier nun haarklein erläutern könnte“, gab Mulder den Lone Gunmen zu verstehen und setzte einen besorgten Blick auf. „Im Grunde ist nicht einmal sicher, dass das irgendetwas mit dem Verschwinden der beiden zu tun hat, aber wir zwei“ – Er deutete auf Scully, die gedankenverloren auf den Boden starrte- „ ... haben gewisse Vorahnungen, und es wäre falsch, wenn wir diese nicht berücksichtigen würden.“

„Schon klar“, erwiderte Langly verstehend und griff nach dem Manuskript. Die Stirn kraus ziehend, blätterte er darin und blickte anschließend in die Runde. „Und was genau interessiert euch daran?“

„Die Frage“, begann Scully, „ob irgendwem diese Theorien derart am Herzen liegen könnten, dass er jegliche weiterführende Untersuchung, die Näheres zu ihnen ans Tageslicht fördern könnte, dahingehend stören würde, dass er nicht einmal davor Halt macht, zwei Bundesagenten zu entführen!“

„Ich verstehe.“ – Byers nickte Langly und Frohike zu. „Dann wollen wir unsere eingerosteten Maschinen mal wieder zu neuem Leben erwecken!“



*



Alvin Packer blickte zeitgleich auf seine Uhr. Die Zeit rann davon. Die Zeit der Entscheidung. Die Zeit der Unwissenheit.

Und in wenigen Minuten würde eine neue Zeit anbrechen, würde die Wurzeln der Unwissenheit, die Überbleibsel der vergangenen Ära, herausreißen und neue Setzlinge der Wahrheit pflanzen, welche ihre Blütezeit zwar erst in vielen Jahren erreichen würden, aber schon jetzt den Grundstein für ein neues Denken legen würden. Die Basis wäre da, das Fundament würde folgen.



Er würde Doggett und Reyes die Wahrheit zeigen.

Er würde sehen, wie sie reagieren.

Er würde es miterleben.

Er!



... und endlich hätte er die Gewissheit, dass man sich nicht immer zu verstecken braucht, wenn man etwas hat, das man nur glaubt, verstecken zu müssen! Die Agenten bekämen ihre Wahrheit – und Packer würde seine bezüglich des Projektes auch bekommen, denn keine Ursache blieb ohne Wirkung. Er betrachtete den Sekundenzeiger seiner Uhr, wie er sich ein ums andere Mal weiterbewegte auf der Skala der Zeit, die 12 überschritt und dann wiederum zu einer neuen Runde ansetzte, und Packer grinste. Ja, dachte er, lauf du nur. Lauf schnell. Schneller! Dreh deine Runden und beende die alte Zeit. Ich kann es nicht mehr erwarten!



Noch 27 Minuten und 57 Sekunden Bedenkzeit...







Doggett hielt seinen schmerzenden Kopf mit beiden Händen fest umschlungen und hatte die Augen geschlossen. Er verfluchte Packer. Er verfluchte alle, die in dieser Sache drinsteckten. Dass er nicht wusste, wie er im Folgenden verfahren sollte, ließ ihn noch schwermütiger werden und innerlich um Hilfe flehen. Die Tatsache, dass das FBI noch nicht aufgetaucht war und ihn befreit hatte, zeugte von der Brillanz der Männer, die ihn hatten entführen lassen. Scheinbar hatten sie keine Spuren hinterlassen. Und die einzige Person, die den Ermittelnden Auskunft über seine Ermittlung, die letztlich auf diese Weise beendet wurde, geben könnte, lag zwei Zellen weiter auf einer Trage. Fest gezurrt, betäubt, handlungsunfähig.

Sollte er das Angebot annehmen?

Sollte er sich seinem Instinkt widersetzen und aller negativen Anzeichen zum Trotze diese Zelle verlassen, in der Erwartung, etwas (scheinbar) Großes und nicht für jedermanns Augen Bestimmtes zu Gesicht zu bekommen?

Was sollte dies sein?



Wie lange er dagesessen und nachgedacht hatte, wusste der Agent nicht mehr, als sich schließlich die Zellentüre mit einem Quietschen öffnete und ein langer Schatten in die abgedunkelte Kammer fiel.



*





zeitgleich zwei Zellen weiter



Die Agentin öffnete mühsam die Augen. Es war kalt. „Wo bin ich?“, fragte sie die Person, die neben ihr stand und deren Anwesenheit sie so sicher spürte wie ein Angstgefühl, welches in ihrem Bauch aufstieg. Schläfrig blinzelte sie in die Dunkelheit und zuckte zusammen, als kaltes Metall ihr Handgelenk reizte. „Was soll das?!“

„Guten Morgen“, sagte der Anwesende und schien einige Schritte näher an die Agentin herangegangen zu sein. „Hoffe, Sie haben gut genächtigt.“

Reyes, die nunmehr etwas besser sehen konnte, registrierte, dass ihre Hände mit Handschellen an ein hinter ihr verlaufendes Rohr gekettet waren und dass sie auf einer Art Trage lag. „Wo bin ich?!“, fragte sie zum wiederholten Male und versuchte, ihre Beine zu bewegen, aber sie waren noch zu schwach.

„Sehen Sie es als eine Art Zwischenstation, Agent Reyes“, erwiderte der Mann kühl und schritt im Raum umher. „Wir hatten im Prinzip etwas grundlegend Anderes mit Ihnen und Ihrem Partner vorgehabt – doch eine Änderung ließ uns keine andere Wahl, als Sie beide hier in diesen Zellen unterzubringen.“

„Doggett ist hier?! Wo?!“

„Agent Reyes, zügeln Sie Ihre Energie!“ – Der Mann drückte ihren aufbäumenden Körper mit nur einer Hand zurück auf die Trage. „Sie können von Glück sagen, dass der Boss seine Strategie geändert hat – so dass Sie nun doch die Möglichkeit haben, es mit eigenen Augen zu sehen. Im Idealfall hätten wir nämlich ein wenig an Ihrer Erinnerung selbst Hand anlegen müssen!“

„Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen!“, brüllte Reyes energisch und versuchte sich aufzurichten. „Ich verstehe überhaupt nichts!“

„Sie werden verstehen, Agent Reyes, seien Sie sich dessen sicher. In absehbarer Zeit werden Sie wissen, wovon ich rede!“ – Der Gestank von Zigarettenqualm stieg in die Nase der Agentin und ließ sie angewidert zurückfahren, hatte sie sich doch unter extremsten Bedingungen das Rauchen erst vor kurzem abgewöhnt. Sie musste husten.

„Hat es was mit diesem Manuskript zu tun?“, fragte sie energisch und beantwortete sich im Folgenden die Frage selber. „Ja sicher muss es das haben... Andernfalls verstehe ich nicht, warum ich ... wir hier sind.“

Ihr Gegenüber hielt einen Moment inne und schien nachzudenken. „Agent“, sagte der Mann schließlich, „hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie ihre Nase wie ein Hund in Sachen stecken, die Sie nichts angehen? In diesem Fall haben Sie noch Glück gehabt, aber genauso gut hätte es anders ausgehen können, und man hätte Sie vielleicht ein, zwei Tage später tot in der Gosse gefunden.“

„Sie wissen gar nicht, was es mit den Hunden auf sich hat“, murmelte Reyes und blickte verdrossen auf den hochgewachsenen Mann mit den starken Händen, die sie mit solcher Intensität auf die Trage gepresst hatten. „Sie haben bestimmt kein Haustier...“

„Nein, habe ich nicht.“

„Was Sie schon mal zu keinem Hundemenschen macht.“ – Reyes blickte kurz zur Seite und auf die kahle Wand, welche brüchig und marode erschien. Ihre Augen funkelten. „Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, oder?“, fragte sie.

„Nein“, kam die nüchterne Antwort des Entführers. „Und ich will es auch gar nicht wissen! Weil ich mich ob Kenntnis Ihrer speziellen Fähigkeiten dazu entschlossen habe, mich auf keinen psychologischen Humbug einzulassen. Wissen Sie, ihr Ruf eilt Ihnen voraus, wenn Sie es genau wissen wollen. Da ließ es sich nicht vermeiden zu erfahren, dass Sie des Öfteren leicht verqueren Ermittlungsmethoden gefolgt sind. Gleich einem Agenten aus früheren Zeiten.“

„Wen meinen Sie?“ – Reyes zog die Stirn kraus. „Zum Teufel, was wollen Sie von mir?“

„Sie kennen Ihn, nehme ich mal stark an. Vielleicht haben Sie Ihr, sagen wir mal, „Talent“ von ihm gelernt. Vieles würde dafür sprechen.“

„Wer, zum Henker?!“

„Agent Reyes, weshalb ich hier bin: ...“ – Er räusperte sich – „ Sie sollen es erfahren. Es, das das, dem der Agent all die Jahre hinterher gejagt hat, in einem völlig anderem Licht erscheinen lässt.“



Schweigen. Es wurde mit einem Male gespenstisch ruhig in dem Zimmer. Ruhiger als ruhig. Reyes schluckte. Sie verstand, wen der Mann meinte. Sie wollte es aber nicht wahrhaben, anders: sie konnte es nicht verstehen.



„Sie meinen Fox Mulder?“, fragte sie aufgeregt. „Wenn Sie seine Arbeit so gut kennen, dann müssen Sie mit dieser Bespitzelung doch irgendetwas befolgt haben. Warum haben Sie dann mich entführt?“

„Aus einem Grund. Sie waren der Wahrheit auf der Spur“, antwortete der Mann und entfernte sich von der Gefesselten. „Sie waren viel zu nahe an ihr dran. Da konnten wir nicht tatenlos zusehen.“

„Die Wahrheit? Mulder ... Mulder war auch auf der Suche nach der Wahrheit. Er ... hat sie genauso gesucht wie wir!“ – Reyes verstand nicht und sackte kraftlos zurück. Ihr Puls raste und sie hörte ihren Herzschlag dumpf widerhallen. „Warum John und ich?“, murmelte sie.

„Weil Sie beide der Wahrheit auf der Spur waren. Mulder folgte all die Jahre lediglich einem Gespenst, welches man, logischerweise, niemals zu greifen bekommt“, erklärte der Entführer und nahm einen Zug von seiner Zigarette.

„Gespenst...? Das hört sich ja fast so an, als wäre die Verschwörung, die es aufzuklären Mulders Bestimmung war, eine Inszenierung...!? Eine ... eine Art Spiel. Inszeniert, um von etwas abzulenken, das noch viel unglaublicher als das ist, was man erhofft, zu finden. Wollen ... wollen Sie mir etwa weismachen, dass das stimmt?“ – Die Agentin blickte fassungslos drein und fasste sich an die Stirn. „Das kann ich nicht glauben...“

„Sie scheinen ein Gespür dafür zu haben, alles immer gleich auf die Schnelle zu lösen, Agent Reyes!“ – Rob Hermes grinste und im Dunkel leuchteten seine weißen Zähne unnatürlich hell. „Sie werden alles verstehen ... heute noch! Auch wenn ich diese Entscheidung nicht verstehen kann.“



Daraufhin ging der Mann an der schweren Eisentür vorbei und zog sie hinter sich ins Schloss. Reyes hörte noch, wie der Schlüssel dreimal quietschend im Schloss umgedreht wurde und war darauf wieder allein mit sich und ihren Gedanken. Hermes’ Worte hatten sich tief in ihr Gehirn gebrannt und hämmerten mit fortdauernder Intensität in ihrem Unterbewusstsein auf sie ein.

>“Sie werden alles verstehen!“<

>„...lediglich ein Gespenst.“<



Noch viel schlimmer als das empfand die Agentin aber die Ungewissheit. Die Ungewissheit darüber, was nun folgen würde. Was? Was würde sie erwarten? Und überhaupt: ging es John gut?

Die Agentin schloss die Augen und ging in sich. Dass Hermes die Entscheidung, sie sollten die Wahrheit mit eigenen Augen sehen, nicht verstand, konnte sie nur allzu gut nachvollziehen. Ich verstehe es auch nicht, dachte sie und verlor sich in Gedanken.



*



Doggett blickte derweil mit weit aufgerissenen Augen auf Alvin Packers riesenhaft erscheinende Gestalt in dem Türrahmen. „Es ist soweit“, sagte der Wissenschaftler leise und angsteinflößend. „Ich nehme an, Sie ...?“

„Ich nehme das Angebot an“, erwiderte Doggett rasch und war überrascht ob seiner schnellen Entscheidung. Auf Packers Gesicht zeichnete sich, sofern man das in der Dunkelheit ausmachen konnte, ein Grinsen ab. Er näherte sich dem Agenten vorsichtig und flüsterte. „Dann machen Sie sich bereit!“





*



einige Minuten später



Reyes fuhr hoch, als sie eine kalte Hand auf ihrem Nacken spürte. Scheinbar war sie kurz eingenickt. Bevor sie registrieren konnte, wer sich ihr da genähert hatte, spürte sie einen ebenfalls kalten Luftzug am Ohr und vernahm daraufhin ein leises Flüstern.



„Es geht los! Es sei denn, Sie haben sich anders entschieden.“

„Nein, ich will es sehen.“

„In Ordnung. Dann mache ich Sie jetzt los.“



Und langsam schritt die Agentin daraufhin durch die Tür und hinein in die ungewisse Zukunft, die sich ihr in den kommenden Stunden in ihrer unglaublichsten Form zeigen würde. Dessen war sie sich sicher.



*



>“ I want to believe.“<

[Fox Mulder]



*



60 Minuten später in den Kellerräumen des Federal Bureau of Investigation, Washington, D. C.



Frohike blickte verwundert von seinem Monitor auf und blickte entgeistert auf die Umstehenden. Mulder, Scully, Langly und Byers scharten sich um den flimmernden Bildschirm.

„Was ist los?“, fragte Mulder verwundert und starrte auf den Monitor.

„Nachdem ich 50 Minuten lang fast jede Suchmaschine mit Informationen gefüttert hatte“, begann der Einsame Schütze langsam, „jedoch nichts gefunden hatte, bin ich den gefährlicheren Weg gegangen.“

Mulder verstand und verzog die Mine. „Wo hast du dich eingehackt?“, murmelte er und bedachte Frohike mit einem Blick, der nichts anderes zuließ als eine sofortige Antwort. Der Freund des Agenten zögerte erst, redete dann aber weiter.

„Ich bin auf dem Zentralrechner des Weißen Hauses...!“, flüsterte der kleine Mann, so als ob er befürchtete, die Wände hätten Ohren und würden all das hören und weitererzählen. „Steve Mac Finn beruft sich in seinem Manuskript auf eine anonyme Quelle. Er gibt nie an, wer diese ist, sondern zitiert sie nur. Fällt einem beim einmaligen Lesen nicht unbedingt auf, aber ich bin durch Zufall auf zwei sich in der Aussage gleichende Zitate gestoßen. Hier am Anfang“ – Er deutete auf die erste Seite – „und hier in der Mitte.“

„Das kannst du doch niemals alles innerhalb dieser knappen Stunde gelesen haben“, ließ Mulder argwöhnisch verlauten und hob die linke Augenbraue. „Wie willst du dann zwei sich gleichende Aussagen gefunden haben?“

Frohike verzog keine Mine. „Man muss die Worte erfassen, nicht unbedingt lesen. [Pause] Aber wenn du es genau wissen willst: diese beiden Aussagen sind die einzigen fettgedruckten Sätze im ganzen Manuskript.“

Mulder schielte zur Decke, als suche er dort den Sinn, senkte aber den Blick schnell wieder. „Und wie lautet das Zitat?“

Der Einsame Schütze nahm das Manuskript zur Hand und blätterte. Mit gedämpfter Stimme las er:



„Ich möchte glauben. Es verstehen. Aber mein Verstand verschließt sich diesem Verlangen und schafft stattdessen noch mehr unbeantwortete Fragen.“



„Interessant“, erwiderte Scully ohne Betonung, „aber wie kommt nun der Zentralrechner des Weißen Hauses ins Spiel?“ – Sie verschränkte die Arme – „Und was hat das mit der Entführung von Doggett und Reyes zu tun?“

„Zu dem einen komme ich sofort“, erklärte Frohike und legte das Manuskript beiseite. „Mir erschien es seltsam, dass eine Aussage zitiert wurde, ohne einen Quellverweis anzugeben. Kann natürlich ein Fehler gewesen sein. Aber ich denke, dem ist nicht so.“

„Was willst du damit sagen?“ – Langly lugte auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf. „Oh Gott, meinst du...?“

„Ja“, antwortete Frohike gelassen und fuhr fort. „Mir scheint, es sollte niemals klar werden, wer dieses Zitat gesagt hat. Es war vielleicht nicht für jedermanns Gehör gedacht und hätte Schaden anrichten können, wenn nicht sogar“ – Er machte eine etwas längere Pause und holte einmal tief Luft – „jemandes Ansehen schaden können.“

„Zum Teufel, wovon sprichst du?“ – Mulder wurde langsam ungeduldig und erhob seine Stimme.

„Immer mit der Ruhe“, versuchte Frohike den Agenten zu beschwichtigen. „Wie gesagt: ich dachte mir das, was ich euch gerade erläutert habe. Und danach fiel mein Blick auf die Biographie Mac Finns ... und auf den Namen seines Vaters, George H. Mac Finn.“

„Und?!“, fragte Scully leicht nervös.

„Nun, George Mac Finn war in den dreißiger Jahren als Berater im Weißen Haus zuständig.“

„Du machst Witze“, konterte Mulder kopfschüttelnd. „Der Vater dieses Wissenschaftler soll damals im Beraterstab des amerikanischen Präsidenten gewesen sein?!“

„Ja.“

„Das glaube ich nicht“, murmelte der Agent und knetete seine Unterlippe. „Das wären einfach zu viele Zufälle.“

„Wieso?“ – Diesmal war es Frohike, der dem ganzen nicht folgen konnte.

„Nun“, begann Mulder, dem das alles immer noch reichlich komisch vorkam, „als Berater des amerikanischen Präsidenten ist man so gut wie immer in seiner Nähe, hilft bei der Entscheidungsfindung – kurz und gut: man bekommt aus nächster Nähe mit, was dem Präsidenten missfällt, Sorgen macht...“

„Ja“, wiederholte sich der kleinste der Einsamen Schützen und begriff nun, dass auch Mulder verstanden hatte.

„Du hast also, auf gut Glück, das Zitat hier mit geheimen Dokumenten verglichen, welche auf dem Zentralrechner archiviert wurden – in der Hoffnung, dass dies ein Zitat“ – Mulder holte einmal tief Luft – „ des amerikanischen Präsidenten ist? Willst du uns das die ganze Zeit sagen?“

„Ja“, antwortete Frohike getragen. „Dann wüssten wir wenigstens, wie Steve Mac Finn an das Zitat kam, und warum er es nicht mit einem Quellverweis versehen hat – weil es im Grunde streng vertraulich ist! Versteht ihr? Aber vielleicht hat sein Vater ihm ja früher als Kind mehr erzählt, als er eigentlich gedurft hätte...!“

„Ach du meine Güte...“, entfuhr es Scully, der jetzt etwas bewusst wurde, so dass sie sich setzen musste. Entsetzt blickte sie in die Gesichter, die sie anstarrten. „Wisst Ihr, was das heißt? - Wenn Steve Mac Finn wirklich dieses Zitat in seinem Manuskript verwendet hat, dann haben wir den Täterkreis auf 2 reduziert.“

„Die da wären?“, fragte Mulder nachdenklich und blickte ihr in die Augen, welche in diesem Moment glasig und leer geradewegs durch ihn hindurch zu sehen schienen. So hatte er sie noch nie gesehen. Und das machte ihm Angst.

„Entweder haben wir es weiterhin mit religiösen Fanatikern zu tun, oder-“ – Gedankenverloren blickte sie in dem Raum umher und erhaschte nur nicht verstehen wollende Blicke – „oder wir haben es mit dem schwersten und gefährlichsten aller Gegner zu tun.“ Sie schluckte.



„Mit der amerikanischen Regierung!“





Und alle blickten daraufhin fassungslos auf das seltsame Dokument, welches Frohike auf eben jenem Rechner des Weißen Hauses gefunden hatte.



„Ich möchte glauben. Es verstehen. Aber mein Verstand verschließt sich diesem Verlangen und schafft stattdessen noch mehr unbeantwortete Fragen.“



stand dort in dem vormals handschriftlich verfassten und später zur Verwahrung eingescannten Dokument geschrieben. Und unmissverständlich prangte eine Unterschrift darunter, welche mit unruhiger Hand verfasst worden war. Die Linien waren dünn, die Schrift geschwungen, und doch konnte man klar den Verfasser des Briefes ausmachen. Der Name lautete:





R O O S E V E L T







Die Welt ist ein Mysterium. Sie ist zu komplex, zu groß, als dass man alles auf einen halbwegs kompakten Nenner bringen könnte. Wer es versucht, wird resigniert aufgeben. Wer es hingegen nicht versucht, ist letztlich aber als derjenige zu bezeichnen, der es geschafft hat ...







2.2. 1936 White House, Washington, D.C., spät am Abend



„Sie sind wieder da – die Lichter.“

„Ich sehe sie auch, Francis. Wahrscheinlich nur Flugzeuge, die etwas auskundschaften wollen.“

„Das denken Sie, Mister President? Mit Verlaub, aber ich verstehe nicht, wie Sie so ruhig bleiben können.“

„Nein?“

„Nein, um ehrlich zu sein. Angesichts der Wirtschaftskrise...“

„Francis, ich sehe, Sie müssen noch viel lernen.“



Franklin D. Roosevelt schritt zu dem großen Fenster, welches einen Spalt breit geöffnet war und blickte zum Sternenhimmel. Frischer Wind umspielte die hochgewachsene Statur des mächtigsten Mannes der Welt und bewegte die roten samtenen Vorhänge, die anfingen, sich zu winden. Francis Stirling, einer der Berater Roosevelts, zupfte an seiner Brille und schritt in Richtung des Präsidenten.

„Ich möchte damit doch nur andeuten, dass Sie dies alles nicht unbedingt auf die leichte Schulter nehmen sollten. Sie sind der Präsident, und als solcher sollten sie um das Wohl Ihres Volkes bemüht sein!“

Franklin D. Roosevelt fuhr herum und blickte den kleinen schnauzbärtigen Mann an. Er lächelte.

„Francis, man muss sich nur dann Sorgen machen, wenn Grund dazu besteht“, sagte er freundlich und bewegte sich zu dem großen Schreibtisch. „Ich sehe aber eben jenen Grund nicht, wenn sich ein paar Lichter am Himmel bewegen.“

„Aber eben jene Lichter könnten...!“, begann Stirling, brach dann aber mitten im Satz ab, als er bemerkte, wen er da gerade beinahe angeschrieen hätte. Verlegen blickte er zu Boden. „Bitte entschuldigen Sie“, murmelte er.

„Schon gut.“

„Ich denke, ich werde mich dann zurückziehen“, erklärte Francis und machte Anstalten zu gehen.

„Machen Sie Feierabend, Sie haben es sich verdient.“ – Roosevelt nickte dem Mann freundlich zu und widmete sich den auf dem Schreibtisch befindlichen Unterlagen. Plötzlich sah er kurz auf.

„Francis?“, fragte er. Der Berater drehte sich um. „Ja, Mister President?“ – „Wären Sie so gut und würden Sie bitte noch einmal George Mac Finn ganz kurz zu mir schicken?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Francis Stirling und fügte hinten dran: „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“

„Die wünsche ich Ihnen auch.“



Somit verschwand der kleine Mann durch die eichebeschlagene Tür und ließ diese langsam ins Schloss fallen. Die Mine des Präsidenten änderte sich schlagartig, jetzt, da er alleine war. Unsicher blickte er zum Fenster und dachte nach.

Er wollte es nicht wahrhaben.

Er wollte es sich nicht eingestehen.

Er wollte es die anderen nicht wissen lassen.

Aber er hatte Angst.

Angst vor der Lichtern. Angst vor der Ungewissheit.

Auf seinen engsten Berater wartend, faltete Franklin D. Roosevelt die Hände und starrte weiter angespannt aus dem Fenster.



*



Draußen tanzten die seltsamen Lichter am Himmel und boten dem verwunderten Beobachter ein Schauspiel dar, welches sich zwar keiner erklären konnte, aber dennoch die Menschen zum Nachdenken anregte und so manche unbeantwortete Frage im tiefsten Innern eines Jeden schuf. Die, ob es wohl verglühende Sterne wären auf ihrem Weg in die Umlaufbahn, war nur lediglich eine davon.



*




Gegenwart, an einem unbekannten Ort



„Was soll das? Ich verstehe das nicht!“



Reyes lief reichlich verärgert in dem weißen Raum hin und her, in den man sie und Doggett vor einer knappen Stunde gesteckt hatte. Im Innern bebte sie.

„Erst sagt man uns, wir würden etwas gezeigt bekommen, und dann sperrt man uns in einen weißen Raum ohne Fenster! Da ist doch was faul!“

„Denke ich nicht“, sagte Doggett leise und setzte sich auf den kalten gefliesten Boden. „Ich denke, wir sind nur noch nicht vollzählig!“

„Vollzählig? Was meinst du das?“

„Ich bin, als ich hierher gebracht wurde, an einer weiteren Zelle vorbeigekommen, Monica.“ – Doggett sah sie an – „Außer uns ist noch jemand hier.“

„Und das wäre?“

„Ich habe mich bei unserem „Gastgeber“ erkundigt. Es ist Steve Mac Finn, Monica. Der Wissenschaftler, der den Diebstahl im Forschungsinstitut gemeldet hatte. Er ist auch gefangen genommen worden.“ – Der Agent seufzte einmal – „Mir scheint, er soll es auch erfahren...“

„Es, es! Ich höre immer nur es, John! Was zum Teufel soll denn dieses „es“ sein?“ – Monica setzte sich neben ihren Partner und schien verwirrt. „John, ich weiß manchmal einfach nicht mehr, was ich glauben soll“, brachte sie schluchzend hervor und presste sich an die starke Schulter des Agenten. „Ich weiß manchmal einfach nicht mehr, ob ich überhaupt noch etwas glauben soll!“

„Monica?“, flüsterte er zärtlich und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. „Es gibt so viele Sachen, an die es sich zu glauben lohnt.“ Er lächelte. „So viele Dinge...“

„Ja“, schluchzte sie. „Ich vergesse es nur immer wieder...“

„Ich weiß“, murmelte er und drückte sie fest an sich. Trotz der angespannten Lage, in der sich die beiden offensichtlich befanden, konnte der Agent den Gedanken nicht verwehren, dass er in eben jenem Moment froh war, sie im Arm halten zu können. Sie bei sich zu haben. Traute Zweisamkeit.

Jetzt wusste er, was er zuvor immer vermisst hatte. Wofür es sich zu leben lohnte. Er erkannte es endlich und drückte sie sanft noch etwas fester an sich.



... und da öffnete sich plötzlich die Tür zu dem Raum.





2.2.1936, White House, Washington, D.C.



„Sie haben nach mir verlangt, Mister President?“



George H. Mac Finn schloss die Tür hinter sich und schritt auf den Schreibtisch zu, an dem der Präsident der Vereinigten Staaten Platz genommen hatte. Roosevelt lächelte und bat seinen Berater und Freund, doch auf einem der Stühle Platz zu nehmen. „Ich danke Ihnen“, sagte George und schlug ein Bein über das andere. „Was liegt Ihnen am Herzen?“

Der Präsident schwieg einen Moment, zog dann eine Zigarrenschachtel aus einer der Schubladen des Tisches hervor und öffnete sie. „George“, sagte er, während er sich eine Zigarre aus der edlen Schatulle nahm. „George, habe ich jemals auch nur den Eindruck erweckt, ich würde“ – Roosevelt machte eine Pause und steckte sich die Zigarre an, deren Qualm kräuselnd empor zur Decke stieg – „...ich würde Schwäche zeigen?“

„Mister President, was für eine seltsame Frage...!“

„Beantworten Sie meine Frage ... bitte. Und nehmen Sie Abstand von der Position, ich könne gar keine Schwäche zeigen, weil ich der Präsident bin. Ich bin kein Übermensch.“ – Roosevelt lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte zur Decke. „Ich bin kein Übermensch“, murmelte er noch einmal leise und fast unhörbar. George H. Mac Finn war verwundert ob dieser Frage und zögerte. „Ich verstehe nicht...“, kam es zaghaft. „Warum fragen Sie das?“

„Aus einem einfachen Grund“, begann Franklin D. Roosevelt und lächelte angestrengt. Ihm schien etwas Kopfzerbrechen zu bereiten. „Sehen Sie, George, in den Jahren, die wir uns nun schon kennen, habe ich eines gelernt. Die Tatsache, dass einem der Amtstitel „Präsident“ zu eigen ist, scheint für manche Menschen eine gewisse Illusion herbeigerufen zu haben.“ – Er stand auf und nahm einen weiteren Zug an der Zigarre, während er sich, mit dem Rücken zu George, vor das große Fenster stellte, durch das das Mondlicht als ein heller Strahl einfiel. „Eine Illusion dergestalt, dass es einem von nun an nicht mehr gestattet ist, Schwäche zu zeigen. Angst zu haben.“ – Er senkte seinen Blick und fügte resigniert an: „Mensch zu sein!“



Mac Finn glaubte nicht, was er da hörte und schüttelte den Kopf, so als wolle er das eben Gehörte schnell wieder aus seinen Gehörgängen verschwinden lassen. „Sagen Sie das nicht!“, entgegnete er mit erhobener Stimme, in der ein klein wenig Angst mitklang. „Sie sind sehr wohl ein Mensch!“

„Ja“, erwiderte der Präsident, „ja, ich weiß. Aber es ist falsch anzunehmen, dass die Bevölkerung dies auch so sieht. Ich denke, sie schafft sich in ihren Gedanken eine Art Beschützer – eine Art Beschützer in Gestalt von mir. Gut, ich bin ja nun mal in Ausübung meines Amtes auch für die Menschen verantwortlich. Aber viele scheinen bei alledem zu vergessen, dass ich nur zweitrangig der mächtigste Mann der Welt bin.“

„Wie meinen?“

„Was ich damit sagen will: trotz meines Amtes bleibe ich erstrangig der Mensch Franklin D. Roosevelt, George!“

„Ja ... sicher, das versuche ich Ihnen ja die ganze Zeit klarzumachen, Mister President. Aber warum...?“



Roosevelt drehte sich um, und das Mondlicht brach sich an der hochgewachsenen Statur des Mannes. „Ich habe Angst, George“, sagte er zögerlich und blickte über die Schulter zurück gen Himmel. „Ich habe Angst vor dem, was da draußen ist.“

„Sie meinen diese seltsamen Lichter, Sir?“

„Ja.“

„Und deshalb stellen Sie Ihre Persönlichkeit in Frage, Mister President? Nur weil Sie Angst haben?“ – George H. Mac Finn lächelte – „Seien Sie versichert, dass Sie dies nur umso stärker erscheinen lässt, Sir.“

„Ich hatte gehofft, Sie würden derartiges sagen.“ Franklin D. Roosevelt steckte die rechte Hand in die Tasche seiner schwarzen Hose. „Manchmal fällt es mir wieder ein, warum ich Sie meinen Freund nenne, George.“

„Zu gnädig, Mister President“, sagte George reichlich verlegen und erhob sich aus seinem Stuhl. „Haben Sie noch etwas auf dem Herzen? Ich stehe jederzeit zu Ihrer...“

„Nein, danke. Ich musste nur mit jemandem reden, von dem ich weiß, dass er mich versteht.“ Roosevelt verzog die angespannte Mine zu einem Lächeln und nahm einen letzten Zug von der im Grunde erst angerauchten, teuren Zigarre. „Ich danke Ihnen.“

„Wünsche eine angenehme Nacht.“



Der Berater Roosevelts ging auf die Tür zu, öffnete sie, blickte jedoch, bevor er sie hinter sich zuzog, noch einmal zurück.

Er wollte nicht so recht verstehen, was der Präsident ihm da gerade offenbart hatte. Nachdenklich zog er die schwere Tür ins Schloss und ging den langen weiten Korridor entlang.



Dass in diesem Moment plötzlich gellend weißes Licht unter der Türritze hindurch einen feinen, dünnen Strahl vor das Arbeitszimmer des Präsidenten projizierte, bemerkte er nicht mehr. Ebenso wenig die Tatsache, dass in just diesem Augenblick alle im Weißen Haus befindlichen Uhren stehen blieben. Er bemerkte nichts.



Die Zeit stand einen Moment still.



Heute.



Am Abend des 2. Februar des Jahres 1936.




Gegenwart, Aufenthaltsort von Doggett und Reyes, geografische Lage unbekannt



„Sieh man an, traute Zweisamkeit“, sagte Rob Hermes grinsend und richtete die Waffe in seiner Hand auf die beiden Agenten, welche eng umschlungen auf dem kalten Fliesboden saßen. „Auf!“, kommandierte er leicht übertrieben und deutete durch ein Nicken Richtung Tür an, dass Doggett und Reyes aufstehen und diese Zelle verlassen sollten.

„Sie verdammter Schweinehund kommen sich mächtig stark vor in der Rolle des Überlegenen, wie!?“ – Doggett musste an sich halten, Rob nicht an den Hals zu springen und blickte wütend auf den Pistolenlauf in der Hand des Entführers. „Das ist meine Waffe, Sie Arschloch!“, erkannte er und biss die Zähne zusammen. „Sie bekommen noch Ihre gerechte Strafe...“, presste er zwischen den Zähnen hervor und ging merklich erregt hinter Reyes aus der Zelle. Draußen registrierte der Agent nur nebenbei, dass Steve Mac Finn nun auch den Agenten folgte – mehr oder minder freiwillig.



*



Weiß!

Das Erste, was Reyes, Doggett und Steve Mac Finn ins Auge trat, war das durch und durch blendende Weiß, in das der Raum getaucht war. Waren sie vorher noch durch dunkle Korridore gelaufen, so stand dieser Raum im krassen Kontrast dazu und veranlasste die Personen zwangsläufig dazu, die Augen ein wenig zu schließen.

John Doggett blinzelte.

„Wo sind wir?“, fragte er verwundert und drehte sich zu Rob Hermes um. „Was soll das?!“

„Wir sind im Herzstück des Ganzen, Agent Doggett. Genauer gesagt, davor.“

„Davor?!“

„Agent Doggett, ich möchte Sie und Ihre reizende Freundin, ebenso auch Sie, Dr. Finn, bitten, auf den dort unten bereit stehenden Stühlen Platz zu nehmen. Kommen Sie.“ – Er deutete mit der Pistole nach unten auf drei helle Stühle, die am unteren Ende einer Treppe standen.

Missmutig taten die Menschen, wie ihnen befohlen und gingen langsam die Treppe hinab. Rob Hermes grinste derweil.

„Ich muss Ihnen allen nämlich noch eine Geschichte erzählen“, murmelte er. „Eine kleine Geschichte. Und nichts wird danach mehr so sein wie vorher.“ – Doggett warf Rob Hermes einen vernichtenden Blick zu.

„Tun Sie nicht so großspurig!“

„Agent Doggett, Sie täten gut daran, Ihr Temperament etwas zu zügeln. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrer Freundin [Doggett blickte auf die vor ihm laufende Reyes, die sprachlos langsam einen Fuß vor den anderen setzte und mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein schien.] hier“, sagte Hermes barsch und drückte dem Agenten den Pistolenlauf in die Rippen. „Seien Sie doch nur etwas offener – denken Sie dran: diesen Tag werden Sie so schnell nicht vergessen. Das versichere ich Ihnen!“
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