Fate and Elevator Rides von Sonja K

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Major Samantha Carter starrte ihrem kommandierenden Offizier geradewegs in die Augen. Sie wusste zwar nicht warum, aber ihr war durchaus klar, dass dies ihn mit absoluter Sicherheit dazu brachte, ihr zuzuhören, auch wenn er das gerade nicht wollte. „Sir, ich kann es mir zwar nicht erklären, aber ich weiß doch, dass der Mann Sie in irgendeiner Weise enttäuscht hat. Nicht verärgert – verletzt oder enttäuscht. Und es ist Ihre Sache, wenn Sie nicht darüber reden wollen, aber ich finde es nicht fair, dass Sie ihn dafür bestrafen. Wahrscheinlich weiß er nicht mal, was er falsch gemacht hat. Na gut, er ist vielleicht unbefugt hier eingedrungen und hat vorgegeben, mich zu kennen, aber dann hätte ich doch wohl viel eher das Recht, beleidigt zu sein als Sie.“
Sie holte Luft um weiterzusprechen, aber O’Neill unterbrach sie: „Major, es ist mir egal, was er gesagt oder nicht gesagt hat. Es bleibt die Tatsache, dass er hier eingedrungen ist und darum festgehalten werden muss, bis wir herausgefunden haben, wer er wirklich ist und in wessen Auftrag er handelt. Wir können schließlich nicht jeden hier ungestraft herumspazieren lassen.“
„Aber genau das sage ich doch die ganze Zeit: Wir müssen herausfinden, wer er ist und was er wollte, und ich glaube, dass ich eine bessere Chance hätte als Sie, den er schon einmal angelogen hat. Immerhin hat er meinen Namen genannt, und ich wüsste zu gern, wie er darauf kommt.“
„Vergessen Sie’s, Carter. Sie gehen nicht da rein, und Sie werden ihn auch nicht befragen.“
„Und warum nicht?“ Ihre blauen Augen bohrten sich in seine braunen und forderten unbarmherzig eine Antwort.
„Weil er gefährlich ist.“
„Wirklich?“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unverkennbar. „Danach sieht er aber ganz und gar nicht aus. Erstens ist er unbewaffnet, zweitens eingesperrt, und drittens bin ich sehr wohl in der Lage, auf mich aufzupassen, wie Sie inzwischen wissen müssten. Was ist also der wahre Grund?“
O’Neill zögerte. Er wusste nicht, was er ihr sagen konnte um sie zufriedenzustellen, denn alles, was er anbieten konnte war das alberne Gefühl, von dem Fremden verraten und um eine große Hoffnung betrogen worden zu sein. Da er das seinem Major aber unmöglich sagen konnte, schwieg er und hoffte entgegen seiner Erfahrung, dass sie das Thema fallen lassen würde.
„Wenn Ihnen dazu nichts einfällt, kann ich ja wohl gehen, Sir.“ Die Bestimmtheit, mit der sie seinen Befehl verweigerte, ließ den Colonel erstarren. Er war es gewöhnt, dass sie ihm gehorchte, wusste aber auch, dass sie dazu neigte, sich ihre eigene Meinung zu bilden und seine Entscheidungen wenn nötig so lange aufs hartnäckigste zu hinterfragen, bis er selbst bereit war zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht haben könnte. Nur, dass er das in diesem Fall ganz bestimmt nicht tun würde. Anstatt die Sache auf sich beruhen zu lassen, was in diesem Fall das beste gewesen wäre, erwiderte er: „Ich war immer der Ansicht, ich wäre Ihr kommandierender Offizier.“
Das brachte sie für einen Moment aus der Fassung. „Ja, und?“, erkundigte sie sich verständnislos.
„Das setzt auch voraus, dass Sie das tun, was ich Ihnen sage. Zumindest dachte ich das.“, fügte er gespielt harmlos hinzu. Carter erkannte, dass sie in eine Falle gegangen war und überlegte für einen Sekundenbruchteil, bevor sie ruhig erwiderte: „Das stimmt, Sir. Allerdings nur so lange, wie ich annehmen kann, dass die Anweisungen vernünftig sind und keinen persönlichen Rachegefühlen entspringen, und das scheint mir hier der Fall zu sein.“
Sie sah ihm noch einmal in die Augen, und er erkannte, dass es keinen Sinn hatte, mit ihr zu streiten, besonders nicht, da sie recht hatte. „Mit allem nötigen Respekt, Sir, ich glaube, Sie handeln hier aus einer anderen Motivation als der, die Geheimnisse des Stützpunkts zu schützen. Ich werde jetzt zu ihm gehen und herausfinden, ob ich nicht mehr aus ihm herausbekommen kann.“ Damit drehte sie sich um und ging zur Tür. O’Neill rief sie noch einmal zurück: „Carter?“ Sie drehte sich kurz um und sah ihn fragend an, ohne Zweifel die Fortsetzung des Streits erwartend. „Seien Sie vorsichtig; ich habe keine Ahnung, was er über Sie weiß, und vielleicht spielt er ein Spielchen mit Ihnen.“
Sam lächelte. „Das kann er gern versuchen, aber ich glaube nicht, dass ich mitspielen werde.“
Sie verließ den Raum, während O’Neill ihr kopfschüttelnd nachsah. Wann war es eigentlich passiert, dass er sich von seinem Major in Frage stellen ließ? Vermutlich in dem Moment, als sie sich ihm das erste Mal mit blitzenden blauen Augen entgegengestellt und ihre Meinung gesagt hatte.
Carter war inzwischen im Zellenblock angekommen und ließ sich von einem Wächter die Zelle aufschließen, in der nun schon seit vier Tagen der Fremde saß, den der Colonel im Lift aufgegabelt hatte. Sie fragte sich, was der Mann vorgehabt haben mochte und warum er noch immer so beharrlich schwieg. Aber das ließ sich ja vielleicht herausfinden. Sie betrat die Zelle und setzte sich neben den Insassen aufs Bett. „Hi.“, begann sie.
Mulder sah auf. Er erkannte die Blondine wieder; es war Carter, die Frau, die seine Tarnung hatte auffliegen lassen. Er war ihr nicht böse; schließlich konnte sie nichts dafür, dass ausgerechnet sie ihm über den Weg gelaufen war. „Wenn der Colonel Sie schickt, vergessen Sie’s. Ich werde ihm nichts sagen.“
Carter musste lächeln. „Er hat mich nicht geschickt; ganz im Gegenteil. Ich bin sicher, er ist nicht sonderlich begeistert, dass ich hier bin, denn er hat mir verboten Sie aufzusuchen.“
„Und trotzdem sind Sie gekommen? Ich denke, er ist Ihr direkter Vorgesetzter.“
„Das bedeutet nicht, dass ich nicht meine eigene Meinung haben dürfte.“
Nun musste auch Mulder lächeln. Irgendwie erinnerte ihn die störrische Art der Frau an Scully. „Und was wollen Sie hier, wenn nicht für ihn spionieren?“, erkundigte er sich schnell, bevor er zu sehr über seine Partnerin nachdenken konnte, die sich inzwischen schreckliche Sorgen um ihn machen musste.
„Ich will wissen, wie Sie darauf gekommen sind, ausgerechnet mich als Ihre Bekannte auszugeben. Der General hat mich danach gefragt, aber da ich ihm leider keine Antwort geben konnte, möchte ich den Grund von Ihnen hören.“
„Wenn das alles ist... Es war ehrlich gesagt reiner Zufall. Irgendeine Geschichte musste ich doch haben, und wenn ich schon im Pentagon arbeite, muss ich schließlich auch darauf achten, die Leute zu kennen, die gleichzeitig mit mir dort gearbeitet haben.“
„Wenn Sie nicht behauptet hätten, mich zu kennen, wäre es gar nicht aufgefallen.“, sagte sie nachdenklich. „Es ist schon seltsam, wie diese kleinen Dinge über das Leben der Menschen entscheiden können.“
„Beantworten Sie mir doch bitte auch eine Frage: Was passiert mit mir?“
„Das weiß ich nicht. Sie werden hierbleiben, bis Sie uns gesagt haben, warum Sie hergekommen sind und wer Ihnen geholfen hat, und was danach geschieht, hängt vermutlich von Ihren Antworten ab.“
„Sie meinen, ob ich ein russischer Spion bin oder ein Alien oder sowas?“
Die Freundlichkeit verschwand für einen Moment aus den Augen des Majors, aber sie fing sich schnell wieder. „Wie kommen Sie auf Aliens?“, fragte sie möglichst harmlos, und Mulder nickte verstehend. Aha, da scheine ich einen Nerv getroffen zu haben.
„War eigentlich nur so ein Gedanke. Was sollten Sie sonst in einer geheimen Basis in einem Berg verstecken? Atomwaffen vielleicht? Denken Sie doch nur mal an Area 51.“ Carter schien erleichtert über seine Antwort. Offenbar hatte sie eine andere befürchtet, auch wenn sie das gut zu überspielen wusste.
„Mit Area 51 würde ich das hier zwar nicht unbedingt vergleichen, aber Sie haben recht: Heutzutage denkt jeder bei geheimen Projekten gleich an Außerirdische.“
„Sie nicht?“
„Wissen Sie, nicht alles Fremde muss gleich außerirdisch sein. Ich bin der Meinung, dass eine ganze Menge dieser Geschichten pure Hysterie ist. Die Menschen brauchen etwas, an das sie glauben können, und so suchen sie im Weltraum nach Antworten.“
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Worte eine solche Wirkung auf ihr Gegenüber haben würden. Die Augen des Mannes verdüsterten sich, und sein Gesicht nahm einen unendlich traurigen Ausdruck an. „Ich wünschte, es wäre bloße Hysterie.“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Sam spürte, dass ihn etwas bewegte, das tiefer ging, als in eine Militärbasis einzudringen und Geheimnisse zu stehlen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, denn sie hatte das Gefühl, ein Eindringling zu sein, der versuchte, ihm seine ganz private Trauer zu stehlen, und so schwieg sie. Der Fremde fuhr fort: „Als ich ein Kind war, wurde meine Schwester von Außerirdischen entführt. Sie kam nie mehr zurück, und ich versuche immer noch, sie zu finden, auch wenn ich langsam einsehe, dass es aussichtslos ist. Und auf dieser Suche haben sie mir die Frau genommen, die ich liebe. Ich habe sie zurückbekommen, aber bis heute wissen wir nicht, was sie ihr noch alles angetan haben außer sie mit Krebs zu infizieren und unfruchtbar zu machen.“ Bitter schloss er: „Und wenn ich all dieses Leid betrachte, das ihr zugefügt wurde, ihr und vielen anderen Frauen, dann wünsche ich mir wirklich, es sei alles nur Hysterie.“
Carter hielt den Atem an. Einerseits tat ihr der Mann leid, dessen Kummer sie beinahe körperlich fühlen konnte, und andererseits schockierten sie seine Worte. War es möglich, dass die Goa’uld ihm begegnet waren? Oder sprach er von einer anderen außerirdischen Rasse? Dass er seine Freundin zurückbekommen hatte, sprach gegen die Goa’uld, die nicht dafür bekannt waren, einen Menschen zurückzubringen, den sie einmal in ihre Gewalt gebracht hatten. Entweder er wurde zum Wirt gemacht oder getötet. Allerdings... Ihr kam ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn die Frau, von der er sprach, selbst einen Parasiten in sich trug? Vielleicht gab es schon hunderte solcher inaktiven Wirte unter den Menschen, die nur darauf warteten, den Befehl zur Vernichtung der Menschheit zu bekommen? Keine besonders erfreuliche Vorstellung. Und wenn andere Aliens damit zu tun hätten? Asgaard vielleicht? Nein, die würden nicht einfach so Menschen entführen und nicht wiederbringen oder ihnen etwas antun. Zwar hatte Thor zugegeben, dass sie in der Vergangenheit durchaus Menschen in ihre Schiffe geholt hatten, um sie zu untersuchen, aber niemals war jemand dabei zu Schaden gekommen. Zumindest behauptete der Asgaard das. Die Nox? Unmöglich. Tholaner? Kaum. Die waren zu arrogant um zu glauben, dass sie von anderen Wesen etwas lernen konnten. Das wäre ein typischer Colonel- Spruch...
Sam schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, Mutmaßungen über Aliens anzustellen, über die sie nicht das geringste wusste, also entschloss sie sich, weiterzufragen: „Und Sie sind sicher, dass es Außerirdische waren?“ Der Mann sah sie an. „Wenn Sie mich für verrückt halten wollen, stellen Sie sich hinten an. Ich weiß, dass es welche waren.“
„Schon gut. Ich muss einfach mehr Informationen haben, damit ich beurteilen kann, ob ich Ihnen glaube. Sie sagten, Außerirdische haben Ihre Freundin entführt?“
„Allerdings.“ Das Gesicht des Mannes wurde wenn möglich noch trauriger. „Sie war die einzige, der ich vertrauen konnte, und darum haben sie sie mir weggenommen. Aber wenigstens habe ich sie zurückbekommen. Trotzdem wünschte ich, es sei niemals passiert, obwohl es meine Theorie bestätigt hat.“
Er wandte sich ab, und Sam wusste, dass sie nicht weiterfragen durfte. Also wechselte sie das Thema: „Und weil Sie glauben, dass wir hier Außerirdische haben, sind Sie hergekommen?“
„Ich hatte gehofft, vielleicht meine Schwester wiederzufinden.“
„In einer Regierungseinrichtung?“
„Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, was man noch so alles in Regierungseinrichtungen finden kann und wo unsere saubere Regierung überall ihre Finger im Spiel hat. Aber ich nehme an, das wissen Sie bereits.“
Carter lachte freudlos. „Glauben Sie etwa, ich wüsste alles, nur weil ich hier arbeite? Sie irren sich, wenn Sie denken, dass man uns mehr als unbedingt notwendig erzählt.“
„Scheint mir, als sei das eine Spezialität der Regierung.“
Bevor sie etwas antworten konnte, kam der Colonel in die Zelle gestürmt. Erst war er ein wenig erstaunt, dass Carter neben Mulder auf dem Bett saß, doch dann fasste er sich und sagte: „Carter, der General will uns sehen. Ich vermute, es geht um die Berichte von unserer letzten Außenmission.“, fügte er mit einem Blick auf Mulder hinzu. Carter seufzte und stand auf. Anscheinend hatte General Hammond die Berichte nicht zufriedenstellend gefunden, und das bedeutete für sie eine weitere lange Nacht mit dem Colonel, da sie die Hälfte seiner Berichte für ihn geschrieben hatte und ihn natürlich jetzt nicht damit im Stich lassen konnte. Sie würden also durcharbeiten müssen, während sich Daniel – dessen Berichte mit Sicherheit wie immer mustergültig waren – allein mit Teal’C den neuesten Dracula- Film im Kino ansah.
„Ich komme, Sir.“ Sie wandte sich noch einmal an Mulder: „Tut mir leid, dass Sie umsonst hergekommen sind. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Schwester nie hiergewesen ist. Trotzdem wünsche ich Ihnen wirklich, dass Sie sie irgendwann finden. Und vielleicht haben wir ja noch einmal die Gelegenheit, uns zu unterhalten. Würde mich freuen.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu und verschwand. O’Neill blieb noch einen Moment stehen und musterte Mulder. Dieser schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was Sie denken und warum Sie sie nicht zu mir lassen wollten, aber ich habe ihr nichts erzählt. Sie sind ein Mistkerl, und Sie haben mich hier eingesperrt, aber sie verdient es nicht, es auf diese Weise zu erfahren. Ich bin noch immer der Ansicht, dass Sie es ihr selbst sagen sollten. Bevor es jemand anderer tut.“
O’Neill knurrte etwas Unverständliches und ging, die Zellentür hinter sich zuschlagend. Er glaubte dem Gefangenen, aber das machte es nur noch schlimmer. Es war schon unangenehm, jemanden einsperren zu müssen, den man sympathisch fand, aber noch schlimmer wurde es in seinen Augen dadurch, dass der Mann tatsächlich Ehrgefühl bewies.

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Scully winkte Byers noch einmal zu und verschwand dann in der Bar. Er hatte darauf bestanden, sie zu fahren, da sie, wenn alles wie geplant klappte, nicht mit ihrem eigenen Wagen zurückfahren würde. Byers hatte einen Mann namens Daniel Jackson ausfindig gemacht, der in der geheimen Basis im Cheyenne Mountain arbeitete und gleichzeitig Zivilist war. Es sollte daher leichter sein, mit ihm hineinzukommen als mit einem von den Militärangehörigen. Scully strich sich noch ein letztes Mal das Haar zurecht und sah sich dann im leicht dämmrigen Raum um. Einige Tische waren besetzt, aber die kleine Bar war nicht überfüllt. Sie war nervös. Alles, was du tun musst, ist diesen Mann zu finden, dafür zu sorgen, dass er sich für dich interessiert und mit ihm zum Stützpunkt zu fahren. Dort wirst du Mulder finden und ihr werdet wieder verschwinden. Die können nicht zwei Regierungsangestellte auf einmal liquidieren, also sollte Mulder sicher sein, wenn du da bist. Und die Gunmen wissen schließlich auch über alles Bescheid. An sich klang der Plan ganz einfach, aber Scully konnte sich nicht beruhigen. Es behagte ihr nicht, einfach einen fremden Mann in einer Bar anzusprechen, und sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie es überhaupt schaffen würde, ihn so weit zu ermuntern, dass er den Versuch machte, sie mitzunehmen. So etwas war noch nie ihre Art gewesen, und dass sie es für Mulder tat, machte die Sache auch nicht besser. Schließlich war Mulder der einzige, bei dem sie das Bedürfnis zu flirten verspürte, und auch das konnte sie erst wirklich tun, seit sie ein Paar waren. Energisch schob sie die Gedanken an ihn beiseite und versuchte, unauffällig den Mann ausfindig zu machen, den sie ansprechen musste.
Er saß in einer Ecke der Bar, hatte ein Glas Saft vor sich und starrte ins Leere. Zu Scullys Erleichterung sah er schon auf den ersten Blick sympathisch aus, und dass er keinen Alkohol trank, verstärkte diesen Eindruck noch.
„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“, erkundigte sich eine weibliche Stimme, und Daniel Jackson sah erstaunt auf. Er war es nicht gewöhnt, dass ihn Frauen in der Bar ansprachen, und noch dazu solche wie diese. Sie war rothaarig – was ihm seit Hathor eigentlich einen Schauer über den Rücken jagte –, nicht sehr groß und trug ein blaues Kleid, dessen Rock bis zum Knie reichte. Daniel fand, dass sie aussah, als habe sie Klasse, und er fragte sich, was sie ausgerechnet von ihm wollen konnte. Normalerweise war es Jack, auf den die Frauen flogen, auch wenn dieser eigentlich nichts tat, um sie zu ermuntern. Aber heute war Jack nicht da; er musste zusammen mit Sam einige Berichte überarbeiten, und Daniel langweilte sich ohne seine Freunde. So kam ihm die Abwechslung gerade recht, und er erhob sich, um der Frau den Stuhl zurechtzurücken. Sie setzte sich mit einem dankbaren Lächeln.
„Vielen Dank; wissen Sie, ich habe eben erfahren, dass mein Geschäftspartner mich versetzt, und ich wollte mich nicht allein hinsetzen, denn die Kerle da hinten sind mir ganz und gar nicht geheuer.“ Sie deutete in Richtung Theke, wo einige stabil gebaute Männer in Lederjacken saßen, und Daniel nickte verständnisvoll. „Verstehe. Auf mich wirken die auch nicht gerade vertrauenerweckend.“
„Ich verspreche Ihnen auch, sofort zu gehen, wenn Ihre Verabredung kommt.“
Das klingt so klischeehaft; ich könnte mich dafür selber ohrfeigen. Mulder, dafür zahlst du!
„Ich habe gar keine Verabredung. Eigentlich wollte ich mit einigen Freunden herkommen, aber zwei von ihnen müssen noch arbeiten, und der dritte hat Zahnschmerzen.“
Daniel musste bei dem Gedanken an Teal’C, der zum ersten Mal in seinem Leben Zahnschmerzen hatte, ein wenig lächeln, auch wenn ihm sein Freund natürlich leid tat. Aber das Gesicht des Jaffa, als Janet ihm erklärt hatte, dass auch Junior diese „Krankheit“ nicht würde heilen können und er wohl oder über einen Zahnarzt aufsuchen musste, war einfach unbezahlbar gewesen. Er hatte versprochen, es sich zu überlegen und gleich am nächsten Morgen zum Zahnarzt zu gehen, aber ins Kino hatte er nicht mehr gehen wollen, da er, wie er sagte, die Nacht besser mit Meditation verbringen wollte, um sich vorzubereiten.
Daniel hatte sich vorgenommen, dieses Mal nicht allein zu Hause herumzusitzen, nachdem ihn alle versetzt hatten – Janet war bei Teal’C geblieben, um die Basis vor größeren Schäden zu bewahren, da niemand sagen konnte, wie ein Jaffa auf Zahnschmerzen reagieren mochte – und sich auf einen langweiligen Abend in ihrer Stammbar eingestellt. Und plötzlich begann der Abend, mit jeder Minute besser zu werden. Nicht nur hatte die außergewöhnlich schöne Frau, die sich ohne weiteren Grund zu ihm gesetzt hatte, kein Date, nein, sie interessierte sich auch noch für Anthropologie und Archäologie und schien auf beiden Gebieten einiges Wissen zu besitzen, sodass Daniel nicht ausschließlich selbst reden musste, um eine intelligente Konversation zu garantieren. Er ließ der Schönheit zwischendurch immer wieder die Möglichkeit, ihre eigenen Ansichten und Erfahrungen mitzuteilen, und wenn er selbst redete, hing sie förmlich an seinen Lippen. Nach einer Weile – Daniel hatte gerade etwas über ein besonders interessantes Artefakt erzählt, das sie auf P3X1013 gefunden hatten – stellte seine neue Bekannte eine Frage: „Könnten Sie mir das Artefakt vielleicht einmal zeigen?“
Sie klang unschuldig, nicht wie jemand, der irgend etwas vorhaben könnte, und in seiner arglosen Art sah der Archäologe auch nichts Schlimmes in ihrer Bitte.
„Ich würde es Ihnen wirklich gern zeigen, aber... Nun ja, es befindet sich auf einem militärischen Stützpunkt, und ich darf es nicht entfernen.“
Ihre Neugier schien wenn möglich noch größer zu werden.
„Was macht ein wissenschaftlicher Fund von derartiger Bedeutung beim Militär?“, wollte sie wissen, und Jackson beeilte sich, ihr eine Antwort zu geben, bevor sie auf die Idee kam, selbst Vermutungen anzustellen, die möglicherweise gefährlich nah an die Wahrheit heranreichen würden.
„Nun ja, es wurde auf militärischem Gelände gefunden, und darum wollen die es nicht hergeben. Zumindest jetzt noch nicht. Es bedarf einer Menge Überredungskunst, um solche Dinge zu erreichen, aber im Laufe der Zeit kriegen wir es sicher da raus. Immerhin kann ich rein, um es zu untersuchen.“
„Schade. Ich hätte es mir zu gern selber angesehen; Sie haben so viel darüber erzählt, dass ich es mir richtig vorstellen kann. Na ja, aber wenn das Militär die Finger im Spiel hat, kann man nichts machen.“
„Vielleicht doch.“ Daniel hatte eine kühne Idee. Wenn das Artefakt nicht aus dem Berg herauskonnte, musste eben sie...
„Ich denke, ich könnte Sie mitnehmen, vorausgesetzt, Sie interessieren sich wirklich dafür.“
Sie sah ihn überrascht an. „Natürlich tue ich das. Aber... geht das denn so einfach?“
„Sicher. Solange Sie mit mir zusammen sind, werden die schon keine Probleme machen. Es sind schon öfter Experten hinzugezogen worden.“
Das strahlende Lächeln der Frau belohnte ihn. „Wirklich? Dann können wir ja gleich losfahren.“
„In Ordnung.“ Daniel stand auf, um zu zahlen; seine Begleiterin bestand zu seiner Enttäuschung darauf, ihren Tee selbst zu bezahlen, aber da sie mit ihm gehen würde, konnte das seine Stimmung nicht trüben. Er dachte an seine Frau, die er so lange gesucht und nun endgültig verloren hatte und spürte, dass sie ihm verzeihen würde, wenn er sich ein wenig in die Unbekannte verliebte. Schließlich war sie intelligent und freundlich; es war ja nicht so, als wäre er auf ihr Aussehen hereingefallen... Nun ja, jedenfalls nicht ausschließlich.
Dana – so hatte sie sich ihm im Laufe des Gesprächs vorgestellt, das, wie er erst jetzt nach einem Blick auf die Uhr in seinem Wagen feststellte, über drei Stunden gedauert hatte – schwieg auf dem Weg zur Basis die meiste Zeit, als könne sie nicht glauben, dass sie gleich ein Artefakt von so großer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit sehen würde.
In Wahrheit musste sich Scully zurückhalten, nicht triumphierend zu lächeln. Es war das erste Mal, dass sie einen Mann in einer Bar angesprochen hatte, und sie war ganz gut gewesen, wie sie fand. Mulder würde überrascht sein, denn er hatte immer durchblicken lassen, dass er ihre Fähigkeiten in allen Gebieten sehr hoch einschätzte, aber das Aufreißen von Männern zählte in seinen Augen absolut nicht dazu. Wahrscheinlich würde er sie die nächsten zehn Jahre damit aufziehen, dachte sie, aber wenigstens würde sie dafür sorgen, dass er lange genug lebte, um das zu tun. Sie lehnte den Kopf an die Wagentür und sah unauffällig ihren Begleiter an. Er wirkte so jung und ehrlich, absolut arglos. Und doch arbeitete er in einer Militärbasis, die eines der bestgehüteten Geheimnisse der Vereinigten Staaten beherbergen musste. Fast tat er ihr leid, denn sie war sich darüber im Klaren, dass sie den armen Jungen – anders konnte sie ihn nicht bezeichnen – ausnutzte, vielleicht sogar mit seinen Gefühlen spielte. Scully war nicht blind (zumindest wenn es nicht um Mulder ging), und sie hatte die Blicke bemerkt, die er ihr zuwarf wenn er glaubte, sie sehe nicht hin. Es ging ihr gegen den Strich, ihm wehtun zu müssen, aber es gab nun einmal keine andere Möglichkeit. Wahrscheinlich wäre es ihr wesentlich leichter gefallen, wenn er ein Ekel gewesen wäre und versucht hätte, sie abzuschleppen. Das jedoch lag diesem Daniel Jackson fern; sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er ihr wirklich nur ein Artefakt zeigen wollte, um ihr eine Freude zu machen in der Hoffnung, dass sich aus ihrer ersten Begegnung mehr entwickelte.
Tut mir ehrlich leid, aber wenn es hier nicht um Mulder ginge, würde ich das niemals tun. Sie wusste, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals die Gelegenheit bekommen würde, ihm diese Worte wirklich zu sagen, aber sie nahm sowieso nicht an, dass er ihr geglaubt hätte.
„Hey, aufwachen, wir sind da.“
Jacksons sanfte Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie sah sich blinzelnd um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie schon ganz nah an dem bewachten Tor waren, das noch vor wenigen Stunden als unüberwindbares Hindernis zwischen ihr und Mulder gestanden hatte. Scully hielt den Atem an. Nun kam es darauf an, wie hoch die Sicherheitsstufe ihres Begleiters war und ob der Wachposten es zulassen würde, dass eine Fremde den Berg betrat.
„Guten Abend, Doktor Jackson.“ Der Posten salutierte, obwohl Jackson keinen militärischen Rang innehatte. Scully nahm das als ein gutes Zeichen, denn sie wusste, wie eigen Angehörige des Militärs gegenüber Zivilisten waren. Zwischen diesen Gruppen herrschte oft eine unüberbrückbare Arroganz.
„Guten Abend, Lieutenant Walters.“ Daniel bemerkte den fragenden Blick des Mannes und deutete auf Scully: „Sie ist eine Freundin von mir, eine bekannte Archäologin, und ich habe sie gebeten, einen Blick auf die Fundstücke zu werfen, mit denen wir uns gerade befassen.“
Der Posten nickte; es war nichts Neues für ihn, dass Daniel Jackson die verschiedensten Experten hinzuzog, wenn es um die Entschlüsselung neuer Artefakte ging, und da die neuesten Mitbringsel noch nicht freigegeben waren, den Berg zu verlassen, war es nachvollziehbar, dass der Archäologe sich seine Hilfe hierher holte. Wenn es ihn gewundert haben sollte, dass Jackson die Frau so spät am Abend mitbrachte, so sagte er sich, dass sie auf diese Weise wahrscheinlich weniger von den streng geheimen Vorgängen auf dem Stützpunkt mitbekommen würde. Dafür sprach auch, dass in den nächsten Stunden weder Teams zurückerwartet wurden noch Missionen beginnen sollten. Es versprach eine ruhige Nacht zu werden, die sich hervorragend dazu eignete, Fremde herzubringen, wenn es schon nicht zu vermeiden war. So nickte er nur kurz auf Jacksons Erklärung und winkte den Wagen dann durch.
Erst als sie den Posten passiert hatten und außer Sichtweite waren, stieß Scully den Atem wieder aus, den sie angehalten hatte. Daniel sah sie von der Seite an.
„Ich dachte wirklich, er würde mich nicht durchlassen.“, erklärte sie, und der Archäologe nickte. „Wäre es Simmons gewesen, hätten wir Schwierigkeiten bekommen können, denn der will auf gar keinen Fall den geringsten Fehler machen. Er fürchtet schlechte Publicity bei Colonel O’Neill. Kein Wunder, wenn er versucht, an Sam heranzukommen...“ Er brach ab, als er Scullys verständnislosen Blick bemerkte. „Samantha Carter.“ erklärte er. „Simmons hat ein Auge auf sie geworfen, nur ist sie leider absolut tabu für jeden hier auf dem Stützpunkt, da auch O’Neill sie mag, und der ist so etwas wie das heimliche Idol aller. Sich an Sam heranzumachen würde bedeuten, so ziemlich alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen, die wir hier haben. Aber was rede ich; das alles interessiert Sie wahrscheinlich gar nicht.“ Er parkte den Wagen in einem parkhausähnlichen Gewölbe, und sie stiegen aus.
„Am besten, wir gehen in mein Büro. Dort habe ich die gesamten Artefakte, die bei dieser Untersuchung gefunden wurden, und Sie können jedes davon sehen, wenn Sie wollen.“
Scully rechnete sich aus, dass sie im Büro des Archäologen um diese Zeit wahrscheinlich allein sein würden, was es ihr leichter machen dürfte, ihn loszuwerden und sich auf die Suche nach Mulder zu begeben, also nickte sie zustimmend und folgte ihm in den Lift, nicht ahnend, dass sie mit demselben Aufzug fuhr, in dem sich vor wenigen Tagen Mulders Glück auf radikale Weise gegen ihn gewendet hatte.
Der Korridor, in dem die Büros der Wissenschaftler lagen, war, wie um diese Zeit nicht anders zu erwarten, ausgestorben. Nur ein einziger Fähnrich begegnete ihnen, und der war auf dem Weg zu seinem Quartier, um sich schlafen zu legen und bemerkte nicht einmal, dass Doktor Jackson eine Fremde bei sich hatte. Außerdem war das nichts Erstaunliches bei ihm, denn wenn sich zufällig ein Außerirdischer auf den Stützpunkt verirrte, konnte man davon ausgehen, dass Jackson ihn unter seine Fittiche nahm, und wenn man es gewöhnt war, ihn mit seltsam aussehenden Wesen mit blauer Haut oder Indianern und Tieren reden zu sehen, dann fiel eine attraktive junge Frau ganz sicher nicht auf.
Das Büro war dunkel, und auch nachdem Daniel Licht gemacht hatte, lagen ein paar Winkel noch immer im Schatten. Alle verfügbaren Flächen waren mit Artefakten und Notizen bedeckt, und die Wände waren unter einer Last von Zetteln kaum mehr zu erkennen. Das geordnete Chaos des Wissenschaftlers erinnerte Scully auf rührende Weise an Mulder, und sie bekam ein schlechtes Gewissen, als sie von hinten an Jackson heranschlich, der gerade an seinen Schreibtisch getreten war, um ihr die Gegenstände zu zeigen, wegen denen sie hergekommen waren, und ihn mit einem schnellen Hieb auf den Hinterkopf zu Boden schickte. Dann sah sie sich rasch im Büro nach etwas um, mit dem sie ihn fesseln konnte, und nachdem er gut verschnürt und geknebelt war, verstaute sie den inzwischen wieder Erwachten in einem der Schränke, den sie zu diesem Zweck erst leerräumen musste. Glücklicherweise fielen die aussortierten Gegenstände in dem allgemeinen Durcheinander gar nicht auf, und Scully rechnete nicht damit, dass jemand den Unterschied bemerken würde. Mit einer letzten gemurmelten Entschuldigung schloss sie die Schranktür und verließ das Büro, nachdem sie sich durch einen vorsichtigen Blick auf den Flur versichert hatte, dass dieser leer war.
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