Don't call me Fox von Sonja K

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3. Tag

Um 3.00 Nachts lag Mulder noch immer wach. Er hatte alles versucht, um einzuschlafen, hatte sich so lange im Bett herumgewälzt, bis ihm schwindlig geworden war und Scully in ihrem Bett schlaftrunken etwas von "noch fünf Minuten, Mom" gemurmelt hatte. Danach hatte er sich gezwungen, absolut still zu liegen, um seine Partnerin, die Ursache seiner Schlaflosigkeit, nicht weiter zu stören, und hatte statt dessen Raumschiffe gezählt, die in die Überlichtgeschwindigkeit eintraten, das Fox-Mulder-Äquivalent zum Schäfchen zählen. Als auch das nicht half, versuchte er wenigstens, den Gedanken an das, was während der letzten Übung geschehen war, aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Vergeblich, wie er schnell feststellen musste. Manchmal verfluchte er sein fotografisches Gedächtnis aus tiefstem Herzen, wenn es ihn wie jetzt daran hinderte, die ersehnte Ruhe zu finden. Immer wieder sah er Scullys Gesichtsausdruck, als sie seinen Namen sagte, hörte sie das Wort aussprechen, das ihn verrückt machte, in diesem absolut typischen Scully-Tonfall, der alles nur noch schlimmer machte. FOX... Er hatte von Anfang an geahnt, dass seine Reaktion bei ihr stärker sein würde als bei jeder anderen Frau, die er gekannt hatte, auch wenn Diana sich einige ziemlich effektive Tonlagen angewöhnt hatte, nachdem sie es erst einmal herausgefunden hatte. Trotzdem war Scully, die seinen Vornamen mit dieser völligen Unschuld sagte und nicht ahnte, was sie damit in ihm auslöste, bei Weitem das Aufregendste, was er seit langer Zeit erfahren hatte, vielleicht sogar in seinem ganzen bisherigen Leben. Er hatte das erwartet und deshalb alles getan, um sie davon abzuhalten, ihn jemals Fox zu nennen. Als Erstes hatte er sich angewöhnt, sie Scully zu nennen und war auch nur in Ausnahmefällen davon abgewichen, obwohl ihm der Klang ihres Vornamens sehr gefiel. Und als sie dann doch einmal die Grenze überschritten hatte, hatte er ihr mit aller Deutlichkeit klargemacht, dass er das nicht wollte. Er hatte gedacht, damit sicher zu sein, und so war es auch gewesen - bis heute.
‘Denk nicht mehr dran, das ist viel zu gefährlich!’ befahl er sich selbst und versuchte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Unglücklicherweise klappte das nicht; sie kehrten immer wieder zu Scully zurück, die nach seiner hastigen Flucht nicht einmal wütend gewesen war, sondern nur besorgt. Nachdem sie ihn schließlich gefunden hatte - er hatte inzwischen glücklicherweise Zeit gehabt, sich wieder einigermaßen zu fangen - hatte sie sich erkundigt, was mit ihm los sei, und hatte sich entschuldigt, auch wenn Mulder keine Ahnung hatte wofür. Zum Glück hatte sie keine Anstalten gemacht, ihn wieder beim Vornamen zu nennen, sondern war zur vertrauten Anrede zurückgekehrt. Weiß der Himmel, was sonst noch passiert wäre... ‘Halt! Wag es nicht, darüber nachzudenken!’
Mulder stoppte den gefährlichen Gedankengang gerade noch rechtzeitig, indem er auf Scullys gleichmäßigen Atem lauschte. Auch das war riskant, aber im Augenblick ganz sicher nicht so gefährlich wie gewisse andere Gedanken...

*****

Es stellte sich heraus, dass die Übung an diesem Vormittag beinahe noch schlimmer war als das Einzeltraining, das die Paare am vergangenen Nachmittag hatten absolvieren müssen. Scully hatte mit einigen ihr bekannten Agenten gesprochen und erfahren, dass auch deren Aufgaben alles andere als angenehm gewesen waren, und Mulder, der nicht umhin kam das Gespräch mit anzuhören, da er wie immer bei gesellschaftlichen Anlässen wie ein braves Hündchen neben ihr stand, hatte sich gefragt, wer sich derartigen Blödsinn ausdachte und wozu zur Hölle das gut sein sollte. Einige Agenten wollten nicht einmal darüber reden, was man ihnen in den Einzelübungen aufgetragen hatte, sodass es gar nicht auffiel, dass auch er und Scully darüber schwiegen. Aber selbst der peinliche Zwischenfall von gestern schien im Vergleich zu dem, was heute von den Agenten verlangt wurde, zu verblassen.
Eve führte sie in einen großen, mit Fliesen ausgelegten Raum, der zum größten Teil von einem in den Boden eingelassenen Becken eingenommen wurde, das bis zum Rand mit Wasser gefüllt war. Bevor irgend jemand etwas sagen konnte, ergriff Eve schon das Wort: "Also, jetzt wissen Sie, warum Sie Ihre Badesachen mitbringen sollten. Die Umkleideräume sind dort drüben. Und falls sich jetzt jemand fragt, wozu das gut sein soll: Es geht darum, Spannungen zu lösen und einfach mal zusammen Spaß zu haben. Also, los geht's."
‘Spaß’, dachte Scully angewidert. Sie konnte sich eine Menge Möglichkeiten vorstellen, Spaß mit Mulder zu haben, und wenn sie ganz ehrlich war, waren auch einige dabei, die einem näheren Vergleich mit den Vorschriften des Bureaus keinesfalls standhalten würden, aber keine beinhaltete eine Wasserschlacht im Badeanzug mit einer Horde anderer Agenten, die allesamt aussahen, als vermissten sie schon jetzt ihre Krawatten und hochgeschlossenen Blusen.
Anders als die meisten seiner männlichen Kollegen, die in dieser Übung eher eine Gelegenheit zu sehen schienen, ihre Kolleginnen ungeniert anzustarren und beleidigende Kommentare über ihre Figuren abzugeben als dass sie ihre Partnerschaften zu festigen versuchten (zumindest nicht auf die Art, wie es von ihnen erwartet wurde), fühlte sich Mulder in seiner schwarzen Badehose mehr als fehl am Platz. Zwar kam auch er nicht umhin zu bewundern, wie gut Scully in ihrem marineblauen Badeanzug aussah, aber er war weit davon entfernt, sie mit offenen Mund und sabbernd anzustarren - zumindest hoffte er das.
Scully bekam mehr und mehr den Eindruck, dass sich diese Angelegenheit zu einer mehr als unangemessenen Fleischbeschau für die Männer entwickelte, und sie hielt sich in Mulders Nähe, um im Notfall... Eigentlich wusste sie selbst nicht so genau, warum sie es tat; ihr Partner würde sie kaum vor den mehr oder weniger ungenierten Blicken der anderen Männer beschützen können, und sollte es zu einer Auseinandersetzung kommen, war sie durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen, aber trotzdem fühlte sie sich aus irgendeinem Grund wohler, wenn sie Mulder bei sich wusste. Wenigstens versuchte er nicht, ihr den Badeanzug mit seinen Blicken auszuziehen.
Ganz anders als Steve, den die neue Umgebung und die Atmosphäre ungewohnt dreist werden ließen. Er kam auf Scully zu, die regungslos neben Mulder stand und verständnislos auf den Haufen alberner Menschen blickte, der im wirklichen Leben aus lauter anständigen FBI-Agenten bestand.
‘Und sowas soll nun die Ordnung in unserem Land aufrecht erhalten’, dachte sie bei sich. ‘Armes Amerika!’
Sie bemerkte Steve erst, als er an einem der Träger ihres Badeanzugs zog und ihn dann wieder auf ihre Schulter zurückschnappen ließ.
"Hey, Maus, wie geht's?" erkundigte er sich mit einem breiten Grinsen und fügte vielsagend hinzu: "Wir sollen hier Spaß haben, also los, werd mal ein bisschen locker."
Bevor die vor Empörung völlig perplexe Scully ihre Sprache wiederfinden konnte, mischte sich Mulder ein. Er trat einen Schritt vor und versperrte Steve die Sicht auf Scullys Ausschnitt.
"Beleidigen Sie sie noch mal, und ich gebe Ihnen ein paar Minuten Tauchunterricht, zur Auflockerung." sagte er in einem ruhigen Ton, der kein Zeichen von Anspannung verriet. Seine Augen dagegen sprachen eine ganz andere Sprache. Ein Blick und Steve wusste, dass er zu weit gegangen war und dass Mulder nicht zögern würde, ihn in die Schranken zu weisen, sollte er es noch einmal versuchen. Da er keine Auseinandersetzung wollte, gab er klein bei und zog sich zurück.
Mulder wandte sich wieder Scully zu und streckte ihr die Hand hin.
"Kommen Sie, wir verschwinden. Das ist doch absolut albern und außerdem sexistisch." sagte er laut genug, dass es einige der Umstehenden hören konnten und zog Scully mit sich aus dem Raum, nachdem sie seine Hand ergriffen hatte.
Erst sahen ihnen die Anderen schweigend nach, dann ergriff eine Frau das Wort: "Ich finde, er hat recht. Guckt euch doch an, wie die Typen glotzen."
Eine zweite fuhr ihren Partner an: "Starr gefälligst nicht so. Du bist verheiratet, und einen gewissen Respekt vor Frauen kann man wohl sogar bei dir voraussetzen!" Nach und nach machten alle Agentinnen ihrem heimlichen Ärger über die Situation Luft, und weniger als fünf Minuten später war keine einzige Frau mehr im Raum. Keine von ihnen würde es je zugeben, aber sie alle beneideten Scully um ihren couragierten Partner, der sie nicht nur beschützt hatte, sondern auch noch ein Gentleman war. Und ein verdammt gutaussehender noch dazu...
Evalynn Bower beobachtete seufzend die Szene. Sie hatte diese Übung seit Jahren durchgeführt, aber ihr war nie bewusst geworden, wie unangenehm sie für einen großen Teil der Beteiligten sein musste, besonders seit so viele gemischte Paare an den Seminaren teilnahmen. Es gefiel ihr nicht sonderlich, dass es so ausgegangen war, aber zumindest hatte sie einige interessante Eindrücke von dem Paar bekommen, dem ihre besondere Aufmerksamkeit galt: Nicht nur Dana Scully schien sich für ihren Partner verantwortlich zu fühlen; das Gleiche galt auch umgekehrt. Diese Beiden harmonierten so gut miteinander, dass sich Eve allmählich fragte, wer auf die Idee gekommen war, sie zu einem Partnerseminar zu schicken.
‘Das Geld hätten die sich auch sparen können’ dachte sie, als sie die nächste Übung vorbereitete und sich gleichzeitig überlegte, wie sie die Scherben des Zwischenfalls wieder kitten konnte.

*****

Scully konnte sich nicht erklären, warum Mulder so still war. Seit ihrem Aufsehen erregenden Abgang am Morgen hatte er so gut wie kein Wort mit ihr gesprochen und kaum auf ihre Fragen geantwortet. Statt dessen hatte er sich auf die Couch gesetzt (‘heimisches Terrain?’, fragte sich Scully) und gelesen. Oder zumindest so getan. Scully wusste, dass er nicht wirklich las, denn sie spürte seinen Blick, und wann immer sie in seine Richtung schaute, senkte er seine Augen hastig auf das Buch, das er zu allem Überfluss auch noch verkehrt herum hielt.
‘Deutlicher geht's ja wohl nicht. Wenn er nicht mit mir reden will, dann kann er es doch ebensogut sagen, anstatt sich so albern aufzuführen.’
Mulder wollte in der Tat nicht mit Scully sprechen. Na gut, eigentlich wollte er es doch, aber es wäre keine gute Idee gewesen. Das, was er ihr sagen wollte, war nämlich absolut nicht geeignet für die Ohren seiner Partnerin. ‘Und nur das ist sie, klar? Du kannst ihr nicht einfach sagen, dass sie im Badeanzug toll ausgesehen hat und dass du am Liebsten beim Direktor des FBI einen Vorschlag zur Änderung der Dienstkleidung in diese Richtung einreichen würdest. Also halt besser gleich ganz den Mund!’
Mulder versuchte, sich wieder auf sein Buch zu konzentrieren, und zum ersten Mal an diesem Tag gelang es ihm...
‘Oh Shit! Jetzt bloß nicht rot werden. Hoffentlich hat sie nichts gemerkt!’
Mulders Hoffnung stellte sich als vergeblich heraus; natürlich hatte Scully bemerkt, dass er sein Buch verkehrt herum hielt. Er konnte es an ihrem Blick sehen. Und jetzt kam sie auch noch zu ihm und nahm ihm das Buch aus der Hand. ‘Hilfe!’
Scully legte das Buch auf den Tisch und schob das Lesezeichen zwischen die Seiten, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Dann setzte sie sich neben Mulder auf die Couch und zwang ihn, sie anzusehen. Sie brauchte ihn dafür noch nicht einmal zu berühren; ihr Blick genügte vollkommen, um seine volle Aufmerksamkeit zu erlangen. So war es immer: Scully brauchte ihm nur einen ihrer Blicke zuzuwerfen, und Mulder kam sich vor wie ein kleiner Junge, der vor seine Lehrerin zitiert wird. Ganz im Gegensatz zu diesem Gefühl war Scully aber gar nicht darauf aus, ihn zu tadeln. Statt dessen erkundigte sie sich ruhig: "Mulder, was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie müssen sich doch nicht deswegen schämen, was vorhin passiert ist. Das ist eine vollkommen natürliche Reaktion auf den Anblick vieler attraktiver Frauen im Badeanzug, und es muss Ihnen vor mir nicht peinlich sein. Schließlich bin ich Ärztin."
‘Oh Gott, sie hat es gesehen. Verdammt, und jetzt denkt sie... ´Reaktion auf viele attraktive Frauen im Badeanzug`! Wenn sie wüsste, worauf das eine Reaktion war, würde sie mich auf der Stelle erschießen. Also sag ich besser gar nichts, auch wenn sie jetzt denkt, ich bin wie diese Idioten. Aber besser ein lebender Idiot als ein toter...’
"Äääääh, Scully... Das tut mir leid. Ich meine, erst sage ich diesem Steve, er soll Sie in Ruhe lassen, und dann benehme ich mich selbst wie ein Höhlenmensch."
‘Wenn sie mich gestern bloß nicht Fox genannt hätte...’
"Schon gut, Mulder. Sie brauchen sich deswegen nicht schlecht zu fühlen. Steve hätte viel eher einen Grund dazu, wenn Sie ihn nicht rechtzeitig verscheucht hätten. Fragen Sie nicht, was ich dann mit ihm gemacht hätte."
‘Den Teufel werd ich tun!’
Mulder wand sich innerlich unter Scullys noch immer auf ihm ruhenden Blick und fragte sich, wie er aus dieser wirklich verdammt unangenehmen Situation wieder herauskommen und möglichst unauffällig im Erdboden versinken sollte, als ihm Scully zu Hilfe kam, indem sie auf die Uhr sah und bemerkte: "Wenn wir noch rechtzeitig zur nächsten Übung kommen wollen, müssen wir jetzt aber langsam los."
Erleichtert stand Mulder auf, froh, ein wenig mehr Raum zwischen sich und das Objekt seiner Verwirrung und diverser Peinlichkeiten zu bringen. Seine Partnerin sah ihm kopfschüttelnd nach, bevor sie auch aufstand und ihm folgte.

*****

Man konnte über Eve Bower sagen was man wollte; sie bot eine perfekte Show und gab alles, um die Panne vom Vormittag zu beheben. Dabei scheute sie sich nicht, einen großen Teil der Verantwortung selbst zu übernehmen, und als sie auch noch sagte, sie werde sich für die folgenden Seminargruppen bessere Übungen ausdenken, hatte sie es geschafft, das Vertrauen der Agenten in ihre Kompetenz nicht nur wiederherzustellen, sondern sogar noch zu verstärken. Mulder konnte über ihr Geschick nur staunen, und er fragte sich, warum eine Frau mit ihren Fähigkeiten nicht eine vielversprechendere Karriere anstrebte.
Er beantwortete seine Frage selbst, als Eve die letzte Übung des Tages und somit des gesamten Seminars ankündigte. Es war ihm plötzlich vollkommen klar, warum Evalynn Bower prädestiniert für ihren Job war: Es machte ihr einfach Freude, andere Menschen in peinliche Situationen zu bringen. Anders konnte sich Mulder nicht das Lächeln erklären, mit dem sie erläuterte, was die Agenten tun sollten: "Jedes Paar setzt sich einander gegenüber hin. Verteilt euch ein bisschen im Raum, damit nicht jeder mithören kann, was die Anderen sagen. Dann fängt ein Partner an, etwas zu erzählen, egal was; es kann eine Anekdote aus seinem Leben sein, Klatsch oder der Inhalt des letzten Films, den er gesehen hat."
‘Ich wäre wirklich dankbar, wenn Mulder das nicht erzählt.’
"Jeder muss fünf Minuten ununterbrochen sprechen, und der Partner darf in keiner Form auf das Gehörte reagieren. Danach wird gewechselt, und der Zuhörer spricht fünf Minuten lang, ohne unterbrochen zu werden. Es ist egal, ob er auf das vom Partner Gesagte eingeht oder etwas ganz Anderes erzählt, denn am Ende müssen beide gemeinsam das zusammenfassen, was sie gehört haben. Keine Angst, Sie müssen die Ergebnisse nicht vor der Gruppe vortragen, denn hierbei geht es um die persönliche Kommunikation zwischen den Partnern, und die muss nicht unbedingt vor allen Leuten breitgetreten werden. Das hier ist schließlich keine Selbsthilfegruppe."
Alle lachten oder versuchten wenigstens, ein Lächeln zu unterdrücken, da sie genau das Gleiche auch schon gedacht hatten, und verteilten sich in Zweiergruppen im Raum. Mulder und Scully erwischten einen Platz weit entfernt von den Anderen direkt neben der Tür, denn außer ihnen hatten alle Paare versucht, möglichst dicht am Fenster zu landen. ‘Wahrscheinlich, damit sie sich beim Sprechen nicht in die Augen sehen müssen’ vermutete Scully, die einmal mehr für das gnädige Schicksal dankbar war, das ihr Mulder als Partner beschert hatte. Egal was sie ihm gleich erzählte, es konnte nicht peinlich werden, da sie einander schon in so ziemlich jeder denkbaren Verfassung gesehen und die beschämenden kleinen Details über den jeweils Anderen wussten. Schlimmer als das konnte ein Fünfminutenmonolog nicht werden, also setzte sie sich ihrem Partner gegenüber hin und blickte ihn auffordernd an.
"Sie fangen an." bestimmte sie und Mulder gab nach, wie immer, wenn es nicht gerade um eine X-Akte oder um die Existenz Außerirdischer ging.
"Okay", begann er und schwieg dann einen Moment. "Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich Ihnen erzählen soll denn alles, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, habe ich mit Ihnen erlebt. Sie kennen meine Vergangenheit, wissen, wie ich meine Wochenenden verbringe, und Urlaub hatte keiner von uns in der letzten Zeit. Was könnte ich Ihnen da..." Er stockte und unterbrach sich: "Doch, jetzt weiß ich's. Ich werde Ihnen etwas erzählen, das Sie garantiert noch nicht wissen."
Trotz seines spielerischen Tonfalls war sein Gesicht ernst, und Scully fragte sich, was jetzt kommen würde. Mulder holte tief Luft und begann: "Scully, ich bin sicher, dass Sie eins nicht über mich wissen, egal wie gut Sie mich kennen. Es gibt in meinem Leben... Da ist eine Frau, die mir sehr viel bedeutet, mehr als es ein Partner oder Freund jemals könnte. Sie ist wunderschön und klug und fürsorglich und... na ja, sie ist perfekt."
Scully hoffte, dass ihr nicht allzu deutlich ins Gesicht geschrieben stand, wie ihr Herz brach. ‘Also das ist der Grund, warum nie etwas zwischen uns passiert ist. Es hätte schließlich genug Gelegenheiten gegeben, um...’
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Mulder weitersprach: "Ich weiß, wie albern das klingt, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich habe ihr nie gesagt, wie sehr ich sie liebe weil ich dachte, das würde zerstören was wir haben. Sie sieht mich nicht in der Weise wie ich sie sehe, seit Jahren schon. Aber ich kann das einfach nicht mehr. Scully... Dana, ich wusste schon von dem Moment an, als du mein Büro das erste Mal betreten hast, dass ich mich in dich verlieben würde, und genau das ist auch passiert. Ich liebe dich, und ich will mit dir zusammen sein, und ich hoffe, dass ich jetzt nicht unsere Freundschaft ruiniert habe, aber das musste einfach gesagt werden, und wenn du dich deswegen in eine andere Abteilung versetzen lassen willst..."
In dem Moment unterbrach Eve Bower die Agenten mit dem Hinweis, die fünf Minuten seinen um und sie müssten tauschen. Mulder wagte es nicht, Scully anzusehen aus Angst vor ihrer Reaktion. Er hatte nicht vorgehabt, ihr eine Liebeserklärung zu machen; es war ganz spontan geschehen, und das war schon gut so. Er würde damit leben müssen, was immer sie auch tun würde, und auch wenn er eigentlich gar nicht so genau wissen wollte, was sie jetzt von ihm dachte, irritierte ihn ihr Schweigen doch ein wenig. Schließlich schaute er doch zu ihr auf und stellte erstaunt fest, dass ihr Gesicht keine Regung zeigte und nichts von ihren Gedanken verriet.
‘Was hast du erwartet? Dass sie dich mit offenem Mund anstarrt? Bitte, du kennst doch Scully!’
Endlich hatte sich Scully so weit gefasst, dass sie sprechen konnte ohne zu stottern, was ihr trotz ihrer vorherigen Gedanken dann doch ziemlich peinlich gewesen wäre.
"Mulder", begann sie vorsichtig. "Ich muss zugeben, dass Sie mich hier einigermaßen kalt erwischt haben. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für Schmetterlinge im Bauch?"
‘Dana, du plapperst!’ rief sie sich zur Ordnung, bevor sie fortfuhr: "Aber auch wenn ich nicht weiß was ich sagen soll; was ich tun werde, weiß ich. Und ich werde mich auf gar keinen Fall versetzen lassen. Wenn hier nicht so viele Leute wären, würde ich dich einfach küssen..."
Auch wenn sein Herz gerade einen Freudentanz aufführte bemerkte Mulder doch dieses gewisse Funkeln in den Augen seiner Partnerin, das ihm anzeigte, dass er in Schwierigkeiten war. In den besten Schwierigkeiten zwar, die er sich denken konnte, aber definitiv in Schwierigkeiten.
"Ich würde", fuhr Scully todernst und beinahe flüsternd fort - nicht auszudenken, wenn das jemand mithörte - "mich zu dir hinüberbeugen, immer dichter, bis ich deinen Atem auf der Haut spüren könnte und du meinen, und unsere Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt sind. Dabei würde ich dir die ganze Zeit in die Augen sehen, und wenn sich unsere Nasenspitzen berühren, würden wir einen Moment lang so bleiben, Nase an Nase, und diese erste Berührung auskosten, so lange, bis wir es nicht mehr aushalten und du den Kopf ein kleines bisschen drehst, um mir noch näherkommen zu können. Kurz vor dem Punkt, wenn sich unsere Lippen treffen, würdest du anhalten und mich ansehen um sicher zu sein, dass ich das wirklich will. Und ich will es, weil ich es schon immer gewollt habe, und deshalb würde ich dir entgegenkommen und meine Lippen an deine legen. Sie würden eine Weile nur aneinander ruhen, bevor ich anfange, deine Unterlippe zu küssen, wie ich es schon immer tun wollte, seit ich dich das erste Mal habe schmollen sehen. Du würdest ganz stillhalten, bis mein Kuss dir nicht mehr genügt und du anfängst, ihn zu erwidern, vorsichtig und leicht, und schließlich ganz sanft mit deiner Zunge die Konturen meiner Lippen nachzeichnest. Du willst wissen, wie ich schmecke, und ich will dasselbe von dir erfahren, und deshalb würde ich meine Lippen ein wenig für dich öffnen und..."
Mulder war sich nicht im Klaren darüber ob es ein Glück war, dass Eve in diesem Moment verkündete, die fünf Minuten seien zu Ende. Einerseits hätte er Scully... Dana noch stundenlang zuhören können, wie sie ihren ersten Kuss beschrieb und dabei wie hypnotisiert auf ihre Lippen starren, aber andererseits hatten ihre Worte auf ihn etwa die gleiche Wirkung als spräche sie seinen Vornamen aus.
‘Nicht daran denken!’ Aber es war schon zu spät. ‘Shit! Nicht schon wieder!’
Mulder fluchte innerlich und versuchte erfolglos, sich so hinzusetzen, dass es nicht für alle Welt offensichtlich wurde, dass ein etwas weiter südlich gelegener Teil seiner Anatomie soeben das Denken übernommen hatte. Scully bemerkte es natürlich und rückte mit ihrem Stuhl ein wenig zur Seite, um ihn von den Blicken der Anderen so gut es ging abzuschirmen, wobei sie ihm ein schuldbewusstes Lächeln zuwarf. Schließlich war sie nicht ganz unschuldig an seinem Zustand.
Mulder beugte sich erleichtert zu ihr und flüsterte: "Danke."
"Wofür?" gab sie ebenso leise zurück. "Wir sind Partner, und von uns wird erwartet, einander den Rücken zu decken."
"Den Rücken ja nun nicht gerade." ‘Autsch! Kannst du nicht wenigstens einmal die Klappe halten?’
Aber Scully schien ihm seine Bemerkung nicht übelzunehmen; sie bedachte ihn mit einer hochgezogenen Braue und grinste.
"Was haben wir denn jetzt aus dieser Übung gelernt?" erkundigte sie sich trocken.
"Hmmmmm... lass mich nachdenken. Dass wir unbedingt an einen Ort müssen, wo wir ungestört sind?"
"Mulder!"
Er war die personifizierte Unschuld. "Was hab ich denn jetzt schon wieder gesagt?"
Evalynn Bower beobachtete die Frotzeleien der Beiden von Weitem. Sie wusste nicht was, aber irgend etwas hatte sich zwischen ihnen verändert, und zwar gravierend. Sie konnte sich allerdings nicht vorstellen, wie das innerhalb von zehn Minuten möglich sein sollte, und etwas sagte ihr, dass sie es nie herausfinden würde, egal wie sehr sie es versuchen mochte. Also entließ sie die Agenten mit der Aufforderung, am nächsten Morgen zur Auswertung des Seminars zu erscheinen und beschloss, das Mulder/Scully-Team unter dem Aktenzeichen für besondere Fälle abzulegen - unter X.

4. Tag

Das nervtötende Piepen des Weckers riss Scully aus einem tiefen Schlaf. Sie rieb sich die Augen und schlug nach dem Störenfried, der daraufhin verstummte. In der nun folgenden Stille sah sie sich um und versuchte herauszufinden, wo sie sich befand. Eine besitzergreifend auf ihrer Hüfte plazierte Hand gab ihr die Antwort und sie musste lächeln, als ihr die Ereignisse des gestrigen Abends wieder einfielen. Mulder... Fox ‘nenn ihn bloß nicht in der Öffentlichkeit so’ hatte ihr von seinem Problem erzählt, und sie war beinahe an ihrem unterdrückten Lachen erstickt. Dann hatten sie sich geküsst, und es war genauso gewesen, wie sie es ihm beschrieben hatte, und dann...
Allein die Erinnerung an die vergangene Nacht ließ die Schmetterlinge in Scullys Bauch wieder erwachen, und sie kuschelte sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, wieder dicht an Mulder und schloss die Augen, wobei sie das neu entdeckte Gefühl von Haut an Haut in vollen Zügen genoss. Mochte die Welt sich auf den Kopf stellen und die Anderen von ihr denken, was sie wollten, sie würde jetzt auf gar keinen Fall aufstehen und zur Seminarauswertung gehen. ‘Obwohl das hier ja auch gewissermaßen eine Auswertung des Seminars ist...’
"Dana?" Mulder klang noch ziemlich schläfrig, aber im Gegensatz zu ihr wusste er sofort, wo er sich befand und wer bei ihm war.
"Mhm..."
"Müssen wir schon aufstehen?"
"Nein. Wir schwänzen heute Morgen."
"Okay." Mulders Ton verriet sein Erstaunen, und Scully grinste innerlich. Sie hatte es doch mal wieder geschafft, Mulder zu überraschen, und zwar auf eine Art, die er schätzte, wie sie daran erkannte, dass er sie fester in seine Arme zog.
‘Gutenmorgenküsse - daran könnte ich mich gewöhnen.’
"Weißt du", begann Mulder schließlich, als er wieder einigermaßen Luft bekam, "ich glaube, allmählich verstehe ich, was Kinsley und Stonecypher an diesen Partner- und Kommunikationsseminaren finden. Uneingeschränkte Möglichkeiten weit weg von den wachsamen Augen der Vorgesetzten..."
Scully sah ihn groß an.
"Du meinst, die Beiden..."
"Natürlich. Das ist doch ganz offensichtlich. Dieses steife Getue und das gezwungene Bemühen, einander nur ja nicht beim Vornamen zu nennen, die verstohlenen Blicke und unnötigen Berührungen... Sag bloß, das ist dir nicht aufgefallen."
Scully dachte einen Moment nach und nickte dann. "Stimmt; jetzt, wo du's sagst... Die Beiden haben sich aber auch wirklich nicht sonderlich gut verstellt."

*****

Nachdem er sie auf der Abschlussveranstaltung nicht gesehen hatte, suchte Skinner nun auch auf dem Parkplatz nach Mulder und Scully. Sie würden doch nicht einfach ohne ihn abgefahren sein? Nein, ganz sicher nicht. Mulder würde er das zutrauen, aber Scully... Plötzlich fiel ihm siedendheiß ein, dass Scully in ihrem eigenen Wagen gekommen war. Also konnte es durchaus sein, dass Mulder ihn hier hatte sitzen lassen. Skinner ballte die Hände in seinen Manteltaschen zu Fäusten.
‘Gaaaaanz ruhig, Walter, denk an die Übungen. Zähl bis zehn und atme... ein, aus, ein, aus...’
Ein Mann tippte dem AD von hinten auf die Schulter, nicht ahnend, in welche Gefahr er sich damit begab.
"Entschuldigen Sie, Sir. Sind Sie Walter Skinner?"
"Ja." Zu seinem eigenen Erstaunen klang Skinners Stimme nur ein wenig ungehalten.
"Ich hab eine Nachricht für Sie."
"Danke." Damit riss Skinner dem Mann den Umschlag aus der Hand, den dieser ihm entgegenstreckte, und öffnete ihn hastig. Zuerst fiel ein Wagenschlüssel heraus, den Skinner in die Tasche steckte, bevor er zu lesen begann.

Sehr geehrter AD Skinner,
Wir sind schon vor der offiziellen Abschlussveranstaltung abgefahren, hielten es aber für unnötig, dass Sie auch darauf verzichten, da Sie genauso gut in Agent Mulders Wagen zurück nach Washington fahren können, dessen Schlüssel beiliegt.
Weiterhin bitten wir Sie um die Genehmigung, eine X-Akte in Florida zu bearbeiten. Sollten Sie diese aus irgendwelchen Gründen verweigern, rufen Sie uns bitte innerhalb der nächsten 24 Stunden an, da wir sonst davon ausgehen, dass Sie einverstanden sind.
Hochachtungsvoll,
Special Agents
Fox Mulder,
Dana Scully

Mit einem Geräusch, das sehr an das Knurren eines wütenden Hundes erinnerte, zerknüllte Skinner den Zettel und machte sich auf den Weg zurück zum Gebäude, um sich nach dem Termin für das nächste Antistress-Seminar zu erkundigen. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass er es bitter nötig haben würde...

~ Fini ~
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