Augen-Blick von Sonja K

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Vorwort

Nachdem mir eine gewisse Person (du weißt genau, wen ich meine, Kitty!) den Floh ins Ohr gesetzt hatte, dass es keine Liebe auf den ersten Blick geben könne, aber durchaus Faszination und Anziehung, hab ich mir mal überlegt, wie das aussehen könnte.
Special Agent Dana Katherine Scully betrat das FBI-Hauptquartier in Washington, DC mit gemischten Gefühlen. Zwar war sie nicht zum ersten Mal hier, aber heute war alles anders als bei ihren mehrfachen Besuchen, die sie im Laufe des letzten Jahres hierher geführt hatten. Heute würde sie in den aktiven Dienst kommen. Einerseits hatte sie sich das schon lange gewünscht, gleichzeitig aber fürchtete sie sich ein wenig davor, da sie nicht genau wusste, was sie erwartete. Ein Partner, soviel stand fest, mit dem sie würde auskommen müssen. Ein Mann, wahrscheinlich, und vermutlich würde er Vorurteile gegen eine Frau als Field Agent haben. Scully straffte die Schultern. Sie würde es ihm schon zeigen, und mit ihm all den anderen Mitgliedern des Machovereins, der sich FBI nannte. Sie war eine starke Frau, und sie würde ihnen keinen Grund geben, über sie zu lächeln.
Als sie den Fahrstuhl betrat, um in die dritte Etage zu fahren, wo sie im Büro eines Mannes namens Blevins erwartet wurde, der als ihr Section Chief ihre Zuteilung übernehmen und ihre Arbeit anleiten würde, stieß sie beinahe mit einem Mann zusammen. Er sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, und bevor er den Fahrstuhl verlassen konnte, gingen die Türen schon wieder zu, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit ihr nach oben zu fahren.
"Welche Etage?" erkundigte er sich, und Scully sah erstaunt auf.
"Was?"
"Welche Etage? Wohin wollen Sie? Oder haben Sie vor, den ganzen Tag mit dem Aufzug herumzufahren?"
Scully funkelte ihn wütend an. Wie kam er dazu, sie einfach so anzusprechen und dann auch noch auf eine so plumpe Art? Sie drückte auf den Knopf für den dritten Stock und stellte sich an die dem Mann entgegengesetzte Wand. Erst jetzt nahm sie sich Zeit, ihn zu mustern. Trotz ihrer zugegebenermaßen unbegründeten Schroffheit schien er nicht sonderlich verletzt zu sein. Er wirkte entspannt und kein bisschen unbehaglich in ihrer Nähe. Und er sah gut aus. Sein dunkles Haar war vielleicht ein bisschen zu lang, um den Vorstellungen vom ordentlichen Erscheinungsbild eines FBI-Agenten zu entsprechen, aber es stand ihm. Er war groß und schlank, wirkte aber gleichzeitig muskulös, und seine Augen... Scully spürte einen Schauer über ihren Rücken laufen. Die Augen des Mannes waren von einem seltsamen Braun - haselnussfarben vielleicht, und sie strahlten eine Intensität aus, die sie frösteln machte. Als ob er etwas erlebt hätte, das ihn gezeichnet hat, kam es ihr in den Sinn, und sie schalt sich gleich darauf für diesen Gedanken. Aber sie konnte nichts dagegen tun, dass seine Augen sie nicht losließen. Sie wirkten gleichzeitig jung und uralt. Jung wegen der Unsicherheit, die darin zu lesen war, einer gewissen Unbeholfenheit, die sie berührte, und alt wegen des Schmerzes, den sie ebenfalls zu lesen meinte. Es schien ihr, als stünde sein gesamtes Leben in diesen Augen und nur sie sei in der Lage, es zu erkennen. Erneut tadelte sie sich für den Unsinn, den sie dachte, aber wieder erfasste sie das Gefühl, ihn berühren und seinen Schmerz mit ihm teilen zu wollen, was immer es auch für ein Schmerz sein mochte. Sie fragte sich, was sie so zu einem Mann hinzog, den sie gar nicht kannte und gerade zum ersten Mal sah. Sie konnte es sich nicht erklären, aber es schien, als hätten sich seine intensiven Augen in ihr Herz gebrannt, ohne dass er sie direkt angesehen hätte. Sie lehnte sich haltsuchend gegen die Wand des Aufzugs und fuhr fort, ihn verstohlen zu betrachten. Plötzlich hob er den Kopf, als habe er ihren Blick gespürt, und sah sie an. Direkt in ihre Augen. Der Fahrstuhl hielt mit einem Ruck an und nahm sofort wieder Fahrt auf, und Scullys Inneres geriet aus dem Gleichgewicht. Es dauerte einen Augenblick bis sie erkannte, dass der Fahrstuhl noch immer gleichmäßig nach oben fuhr. Sie musste sich die Erschütterung nur eingebildet haben, auch wenn ihre Knie noch immer zitterten. Scully ärgerte sich über sich selbst als ihr klarwurde, dass der direkte Blick dieses Mannes sie so aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. In seinen Augen hatte sie so vieles sehen können, das sie nicht zu deuten vermochte, das ihr aber verriet, wie verletzlich er sein musste. Ohne es zu wollen, fühlte sie sich fasziniert von ihm, und sie reagierte auf die einzige Art, die sie kannte: Sie drehte den Kopf und wich seinen Augen aus.
Sobald der Fahrstuhl hielt, stieg sie hastig aus, als flüchte sie vor etwas, und Mulder sah ihr kopfschüttelnd nach. Er wusste zwar, dass sein Ruf nicht besonders gut war, aber dass diese seltsame Frau ihn erst anstarrte, als habe er zwei Köpfe und dann auch noch die Flucht ergriff, ging über seinen Horizont. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass sie anders war. Sie schien ihm nicht der Typ zu sein, der sich von Vorurteilen lenken ließ, und die Art, wie sie ihn angesehen hatte, hatte ihn zutiefst berührt. Sie wirkte stark und gleichzeitig unsicher, und er fragte sich, was der Grund dafür sein mochte. Ihm war klar, dass er das vermutlich niemals herausfinden und dass sie sich ganz gewiss nicht als seine lang gesuchte Seelenverwandte entpuppen würde. Mit Sicherheit hätte sie spätestens nach einem halben Tag Aufenthalt im FBI-Hauptquartier alles gehört, was man über ihn erzählte, und würde dann nie wieder das Bedürfnis verspüren, ihn im Fahrstuhl anzulächeln. Dieser Gedanke stimmte ihn unerwartet traurig, und so zwang er sich, ihn abzuschütteln. Statt dessen konzentrierte er sich auf wichtigere Dinge: Heute würde er eine Partnerin bekommen, die ihn sicher ausspionieren sollte. Na gut, damit würde er schon fertig werden, wenn er sich Mühe gab. Und das bedeutete, dass er nicht mehr an die faszinierende Frau aus dem Fahrstuhl denken durfte. Volle Konzentration auf das, was vor ihm lag, lautete die Devise. Und vor ihm lag ein überaus interessanter Entführungsfall, der einige neue Erkenntnisse auf seinem Spezialgebiet versprach. Gut, um die Neue gebührend einzuführen.
Mulder setzte sich an seinen Schreibtisch und begann, die Dias der Entführungsopfer durchzusehen, als es an der Tür klopfte. So schnell?, dachte er grimmig und drehte seinen Stuhl in Richtung Tür. „Sorry“, rief er seiner neuesten Herausforderung entgegen. „Hier gibt's nichts außer FBI's most unwanted!“


Fini
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