Intra unguis mortifer von Kit-X

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derweil in Akunga

Vince und die anderen blickten verstört auf, als sie die Stimmen hörten, die durch die unterirdischen Gänge zu ihnen vordrangen.
„Da kommt wer", murmelte Sarah.
„Es ist aber nicht Spear", fügte Kenji hinzu.
Er hatte Recht. Was den Kuppelraum betrat, war eine etwa zehnköpfige Gruppe von Akunganern. In ihren Gesichtern konnte man Angst und Verzweiflung lesen, die Frauen unter ihnen weinten leise.
„Was ist passiert?" Ivan blickte verstört von einem zum anderen.
Einer der Akunganer, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzen Haar, trat vor.
„Akunga ist überfallen worden", sagte er.
Vince musterte ihn. „Sie sprechen unsere Sprache? Wer sind Sie? Und wieso ist Akunga überfallen worden? Ich dachte, Spear sei noch immer hier..."
„Das ist er auch, wenn er nicht gefressen wurde." Der Mann ließ sich auf einen Baumstumpf fallen, der als Stuhl diente. „Ich bin Piak und war bis vor Kurzem der Wächter eines unweiten Tempels. Eure Sprache beherrsche ich, da Dim-Kalir sie mich lehrte. Und was Akunga heimgesucht hat, ist nicht euer weißer Teufel mit den spuckenden Stöcken, denn diese sind auch nicht wirkungsvoll genug gegen die neue Plage." Er blickte auf. „Es sind Dilophosaurier in der Stadt."
„Wie bitte?" Vince sah ihn entgeistert an.
Piak nickte. „Sie haben unsere Häuser zerstört, unsere Vorräte geplündert und unzählige Menschen getötet. Es sind an die fünfzig oder mehr. Wir", er deutete auf die Menschen hinter sich, „sind die einzigen, die überlebt haben."
„Großer Gott!", entfuhr es Ivan.
„Was ist mit Jonas und den anderen?", fragte Sarah ängstlich. „Wenn sie direkt in die Stadt gehen, anstatt zuerst hierher zu kommen?"
Keiner wagte es, ihr darauf eine Antwort zu geben...

etwas später am Strand

Vor Malia lag etwas, das Mulder an ein gelb-grünses, transparentes Phantom mit langen Fangarmen erinnerte. Der gelatineartige Körper begann im austrocknenden, hellen Licht der Sonne zu schrumpfen.
Mulder berührte flüchtig die Qualle und zog die Hand hastig wieder zurück. Mit deutlichem Ekel betrachtete er die Schleimspur, die das Wesen auf seiner Haut hinterlassen hatte. Der Schleim erinnerte an erstarrtes Fett und fluorierte wie eines dieser Leuchtstäbchen, die man auf Festen an ausgefallenen Ständen erstehen konnte. Mulder schüttelte unwillig die Hand, glühende Strückchen Protoplasma flogen durch die Luft.
„Das kann man doch nicht essen!", knurrte er. „Selbst eine Auster ist noch beißfest dagegen!"
„Man kann es aber schlucken", erwiderte Malia, während sie die Fangarme und Nesseln entfernte und von den Ausläufern der Wellen zurück ins Meer tragen ließ. Es gab genug Fische, die sich um die Überreste des gallertartigen Tieres streiten würden.
„Der grüne Teufel ist ein altes Heilmittel", erklärte Dim-Kalir. „Seit Jahrhunderten verwendet man seine Inhaltsstoffe als Antidot gegen gefährliche Insektenstiche."
Malia ließ ein etwa drei Zentimeter dickes Stück auf Scullys Hand gleiten. Die Agentin verzog angewidert das Gesicht, als sie den kalten Glibber zwischen ihren Fingern spürte.
„Widerlich!", brummte sie. „Einfach nur widerlich!"
„Schleimig, jedoch vitaminreich!", ulkte Mulder mit einem breiten Grinsen. „Hakuna matata!"
„Das war nicht komisch", entgegnete sie. „Verdammt, ich kann das nicht essen!"
Mulder deutete auf die Überreste der Qualle. „Malia, kann ich bitte auch ein Stück haben? Sieht so aus, als ob ich als Vorkoster agieren müsste."
„Aber..."
Er hielt ihr die offene Hand hin und sah sie bedeutungsvoll an. Sie zuckte mit den Schultern, schnitt ein ebensogroßes Stück heraus, wie sie es Scully gegeben hatte, und reichte es dem Agenten, der rasch die andere Hand darüberlegte. „Hups, dageblieben!", tadelte er, während er so tat, als wolle die glibberige Masse von seiner Hand rutschen. Dabei nahm er das Stück unauffällig in die andere Hand. Er blickte zu Scully.
„Versprechen Sie mir etwas?"
„Was?"
„Dass ich dieses Ding nicht umsonst herunterwürge. Wenn ich es tue, tun Sie es auch!"
Sie seufzte. „Na schön..."
Er nickte zufrieden. Scully beobachtete, wie er den Kopf zurücklegte und die Qualle schluckte - oder besser, wie er so tat, als würde er es tun. Er schien ein guter Schauspieler zu sein, denn sie bemerkte seinen Schwindel nicht. Mit einem ergebenen Seufzer würgte sie das Quallenstück hinunter, bevor der Ekel sie daran hindern konnte, denn der kalte Glibber auf der Zunge war nichts im Vergleich zu Wackelpudding, noch dazu mit Salzgeschmack. Sie schloss die Augen und schluckte tapfer die Qualle. Mulder nutzte die Gelegenheit, um seine Glibbermasse ungesehen von ihr loszuwerden und ließ sie ins Meer plumpsen. Scully derweil verzog das Gesicht und schüttelte sich.
„Einfach nur abartig", kommentierte sie und hob wieder den Blick.
„Na ja, gewöhnungsbedürftig", erwiderte er mit einem leichten Schmunzeln, das eigentlich ihr Misstrauen hätte regen müssen. Doch es schien ihr entgangen zu sein.
Er streckte ihr die Hand hin, um ihr vom Boden aufzuhelfen. „Das war's doch schon! Ist doch besser, als 'ne Spritze..."
Sie schüttelte hastig den Kopf. „Finde ich gar nicht!"
Er lachte bloß. Seine Fröhlichkeit war ansteckend und entlockte selbst ihr ein Lächeln. Er deutete auf zwei Echsen, die knapp achtzig Meter von ihnen entfernt im Sand saßen. Es waren Dimetrodons, vierbeinige Raubtiere aus dem frühen Trias. Sie sahen aus wie zu groß geratene Warane mit gigantischen, von Sehnen durchzogenen Hautlappen auf den Rücken, die sie als Sonnensegel benutzten. Die Tiere aalten sich in der Abendsonne, wirkten träge und schläfrig.
„Wissen Sie, woran mich diese Beiden dort stark erinnern?"
„An wen?"
„An Dieter Bohlen und Thomas Anders im Sonnenstudio."
Sie lachte, und er war froh, dass ihre Hoffnungslosigkeit, die sie auf dem ganzen Weg hierher ausgestrahlt hatte, aus ihrem Gesicht gewichen war.„Kommen Sie", sagte Dim-Kalir. „Wir müssen uns ein Lger für die Nacht suchen. Morgen bei Sonnenaufgang geht es weiter."

etwas später in Akunga

Spear drückte sich gegen die moosbedeckte Wand des halbzerstörten Hauses. Er hörte das verräterische Schnaufen seines Gegners, der nur wenige Meter entfernt von ihm lauerte, halbverborgen im Gebüsch. Doch den knallroten Hautlappen konnte man einfach nicht übersehen.
Spear entsicherte sein Gewehr und zielte. Der Schuss halte durch die kalte Abendluft und zerfetzte den Kopf des Raubtieres, das mit einem kaum hörbaren Schrei zu Boden sank, noch einmal kurz mit den Hinterläufen zuckte und dann bewegungslos liegenblieb.
„Mistvieh!", knurrte Spear, während er mit der Fußspitze gegen die toten Leib trat. Dann schlich er weiter, alle Sinne darauf programmiert, die lauernden Dilophosaurier zu erfassen, die überall in der Stadt herumschlichen. Gleichzeitig suchte er nach den Spuren seiner Männer. Einige von ihnen mussten den Angriff doch überlebt haben!

gegen Mitternacht am Strand

Er war schon spät in der Nacht. Mulder hatte keine Ahnung, warum er aufgewacht war. Er lauschte, konnte jedoch kein verdächtiges Geräusch hören, das dafür verantwortlich sein konnte, dass sein innerer Wecker ihn aus dem Tiefschlaf geschreckt hatte. Verwirrt blickte er sich um.
Die anderen schliefen alle, stellte er beruhigt fest. Warum, zum Teufel, wachte er also auf? Hatte er vielleicht wieder geträumt?
Mulder schüttelte den Kopf. Nein, daran würde er sich erinnern. Er blickte sich ein weiteres Mal um, etwas in ihm zwang ihn dazu, aufzustehen und sich umzusehen.
Leise schritt er über den Platz. Das Feuer, das in ihrer Mitte gebrannt hatte, glimmte noch immer. Dunkles Rot erhellte schwach die Umgebung.
Vor Scullys Schlafsack blieb er stehen und ging in die Knie. Als er ihr Gesicht musterte, sah er, dass sie wach war.
„Warum schlafen Sie nicht?", fragte er leise.
Sie sah ihn schweigend an, bevor sie sich auf die Ellenbogen stützte und leicht aufrichtete. „Ich habe Zweifel, Mulder", sagte sie matt.
„Zweifel?" Er setzte sich neben sie und sah sie forschend an.
„Ja." Er konnte hören, wie sie leise seufzte. „Dim-Kalirs grüner Teufel hat noch keine Wirkung gezeigt. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich noch schlechter als zuvor."
Er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern, spürte, dass diese zitterten.
„Er hat doch selbst gesagt, dass es einige Stunden dauern kann, bis das Mittel seine volle Wirkung entfalten kann", versuchte er sie zu beruhigen.
„Was ist, wenn es das aber nicht tut?"
Sie blickte ihn an, und er konnte ihre Angst und Verzweiflung in den vor Tränen nass schimmernden Augen sehen.
„Fox...", sagte sie, und der Klang ihrer bebenden Stimme jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken - nicht zuletzt, weil sie ihn mit seinem Vornamen angesprochen hatte. Sollte sich auf Grund dieses unschönen Zwischenfalls ihre Beziehung etwa neu definieren? Er blickte sie forschend an.
„Ich habe Angst, Fox", sagte sie leise, bestätigte aber seinen vorherigen Gedankengang. Dann konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sein besorgtes Gesicht verschwamm vor ihren Augen und in ihrem Hals wurde der Kloß unerträglich. Verzweifelt begann sie zu schluchzen.
Er legte ihr tröstend die Arme um die zitternden Schultern, drückte sie mit einem kaum hörbaren Seufzer an sich und wiegte sie sanft hin und her.
„Es wird schon alles gut werden, glaub' mir", wisperte er und hauchte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Er schmeckte das Salz ihrer Tränen und spürte, wie auch seine Augen feucht wurden. Langsam bekam auch er große Angst.
„Und ganz egal was passiert, oder wie es weitergeht, ich werde dich nicht im Stich lassen, okay?", fügte er leise hinzu.
Sie lächelte kaum merklich.
„Das weiß ich doch..."
Sie blickte zu ihm auf und strich eine Haarsträhne aus seiner Stirn. Dann schlang sie die Arme um seine Schultern und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sein beruhigender Herzschlag ließ sie entspannen. Sie schloss die Augen und lauschte, während ihre Hände sanft über seinen Rücken strichen.
Er legte den Kopf schief und blickte ihr lächelnd in die Augen. „Du schaffst das schon, Dana..."
Sie verspürte ein Kribbeln, als er sie so ansah. Da war etwas in seinem Blick, das sie verwirrte. Sie spürte seine Hand, die ihre Wange berührte, legte die ihre darauf, blickte ihm forschend in die warmen, haselnussbraunen Augen, überlegte, wie oft sie sich in den annähernd sechs Jahren, in denen sie sich nun schon kannten, so nahe gewesen waren. Mulder war ihr bester Freund, das hatte sie nie zu leugnen gewagt. Er war ihr gegenüber immer verlässlich und loyal gewesen, hätte schon das eine oder andere Mal bereitwillig sein Leben gegeben, um das ihre zu retten - wie sie auch. Er hatte kaum gefordert, dafür viel gegeben. Und Scully wollte seine Freundschaft um keinen Preis aufs Spiel setzen, hatte Angst, dass sich etwas Gravierendes zwischen ihnen ändern könnte, hatte Angst, diese langjährige Freundschaft zu zerstören. Sie glaubte, dass auch er sich lange Zeit davor gefürchtet hatte. Vielleicht war genau das der Grund dafür, dass sie sich bisher nie ihre wahren Gefühle füreinander gestanden hatten.
Sie spürte, wie etwas auf ihrer Wange unangenehm kitzelte. Sie wollte es wegwischen, doch Mulder kam ihr zuvor. Mit einer raschen, doch sanften Bewegung strich er über ihre Schläfe.
„Nur eine Fliege", sagte er und lächelte. Doch seine Finger wichen nicht von ihrer Wange. Lange sah er sie an, seine braunen Augen waren voller Wärme.
„Weißt du, dass du wunderschön bist?", fragte er, ohne das sein Blick von ihrem Gesicht wich.
Sie errötete.
„Fox..."
Er fasste ihr zärtlich unters Kinn und schob sanft ihren Kopf hoch, so dass sie ihn ansehen musste. Sein Blick ließ ihren letzten tief verborgenen Widerstand schwinden. Sie wusste, dass sie sich nicht würde wehren können. Er war zu nah, zu sanft...
Sie schloss die Augen, als er sich langsam zu ihr hinabbeugte und sie küsste. Zögernd legte sie ihre Arme um seine Schultern, spürte seine Wärme, seine Sanftheit. Die Ruhe, die er ausstrahlte, ließ ihre Nervosität wie von Zauberhand verschwinden. Sein Kuss war innig, aber nicht verlangend oder gar drängend. Sie tastete nach seinem Kopf, strich über seine Wangen, erwiderte seinen Kuss. Erst zögerlich und ein wenig schüchtern. Doch schon bald entspannte sie sich, umschloss ihn fester, schmiegte sich an ihn. Sie spürte seinen leichten, ruhigen Atem, seine weichen Lippen auf den ihren. Ihre Hände fuhren durch sein Haar, strichen über sein Gesicht. Sie spürte, wie seine Hand unter ihr T-Shirt fuhr, wie sie warm und so unglaublich sanft über ihren Rücken strich, ihren Bauch, dann ihre Brust berührte.
Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum, genoss seine Küsse, seine Zärtlichkeiten. Sie schloss die Augen und seufzte leise, ihre Lippen schienen sich nicht mehr von den seinen zu lösen wollen.
„Ich liebe dich, Dana", hörte sie ihn flüstern, und ihr Herz schlug noch schneller, als es das ohnehin schon tat.
Sie küsste ihn voll aufkommender Leidenschaft, wohl wissend, dass das, was sie taten, gegen jegliche Regeln verstieß. Doch diese Regeln waren für sie nichtig geworden.
Es gab etwas, das wichtig genug war, um diese Regeln zu missachten...
Ihn.
„Ich liebe dich auch, Fox..."
Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als sie sich schließlich wieder voneinander lösten. Sie brauchten keine Worte, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die Sprache ihrer Augen reichte ihnen völlig. Sie lächelte ihn an, bevor sie vertrauensvoll in seinen Armen einschlief, tief im Innern von Zufriedenheit erfüllt und sich bei ihm sicher fühlend. Und sie spürte, wie ihre Hoffnungslosigkeit verflog und einem langen Tiefschlaf wich. Es war, als hätte dieser Moment, diese wundervollen Minuten, ihr neuen Lebensmut eingehaucht...

am nächsten Morgen

Nebelschwaden verhüllten den Urwaldboden, ließen ihn zwischen dem schier undurchdringlichen Weiß verschwinden. Nur schwach schien das Sonnenlicht durch die Baumkronen auf die noch schlafende Gruppe hinab, während sich das Leben im Wald zu regen begann. Die ersten Vogelstimmen wurden laut, einige Aras flatterten im nahen Geäst und machten sich auf Nahrungssuche. Ein verirrter Tarpir huschte über die Lichtung und verschwand im nahen Unterholz. Der leichte Wind trug das entfernte Geschrei von Brüllaffen herüber.
Scully blinzelte, als ein Tautropfen auf ihrer Wange landete. Sie öffnete langsam die Augen und hob den Kopf.
Sie lag noch immer dicht an Mulder geschmiegt. Er hatte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gelehnt, sein linker Arm umschloss sie sanft. Sie blickte in sein entspanntes Gesicht - er schlief noch immer tief und fest.
Scully lächelte und legte ihren Kopf zurück an seine Schulter, atmete den frischen Morgenduft ein und genoss die Ruhe um sich herum. Keine Schreie, keine Hektik, keine Monster. Und was das Wichtigste war: sie lebte. Sie spürte deutlich, dass es ihr wesentlich besser ging, als am Abend. Der grüne Teufel hatte also doch noch seine Wirkung gezeigt, so ekelhaft er auch gewesen war.
Oder war es dieser atemberaubende Kuss in der Nacht gewesen, der ihre Lebensgeister wieder erweckt hatte? So wie bei Dornröschen?
Sie lächelte.
Sie hörte es leise rascheln und blickte sich um. Dim-Kalir war wach geworden und rappelte sich gerade vom Boden auf. Er klopfte einige Moosfasern und Grasstängel von seinem Gewand und beugte sich zu Jonas hinunter. Kaum hatte er ihn sanft geschüttelt, als der junge Wissenschaftler auch schon hellwach war.
„Ist es schon Morgen?", erkundigte er sich.
Der Medizinmann nickte bloß und ging auch die anderen wecken.
Jonas kroch aus seinem Schlafsack, streckte sich, wobei er ausgiebig gähnte, und wuschelte sich kurz durch das blonde Haar. Dabei fiel sein Blick auf die beiden Agenten, die dicht aneinandergeschmiegt unweit von ihm saßen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er deutete auf Mulder.
„Weck' ihn, bevor es Dim-Kalir tut", grinste er. „Ich denke, dass er dich so früh am Morgen sehr viel lieber sieht..."
„Blödmann!", entgegnete sie, lachte aber. Sie beugte sich zu Mulder und küsste ihn kurz.
„Aufwachen!", raunte sie ihm zu.
Er blinzelte kurz. „So wollte ich schon immer mal geweckt werden", murmelte er, noch halb im Schlaf, öffnete jedoch die Augen. Fast gleichzeitig verzog er das Gesicht und griff sich an den Rücken. „Jesus, ich schlafe nie wieder im Sitzen!" Er rieb die verspannten Muskeln und rappelte sich auf, etwas unwillig auf das rege Treiben schauend, das sich nun in ihrem kleinen Lager breit machte. Malia und Jonas rollten die Schlafsäcke zusammen, während Dim-Kalir für das Frühstück sorgte. Der Duft von getrocknetem Fleisch, gerösteten Nüssen und frischen Früchten hing in der Luft und machte Mulder endlich munter.
Sie aßen schweigend, sammelten ihre Siebensachen zusammen und machten sich erneut auf den Weg. Noch waren es an die acht Meilen in die Dschungelstadt. Der lichte Hain nahe des Strandes verdichtete sich, wich tiefstem Dschungel. Noch immer waberte der Frühnebel zwischen den Farnen, machte eine weite Sicht mitunter unmöglich.
Mulder spürte, wie der Boden unter ihnen weicher und schlammiger wurde. Auch änderte sich das Landschaftsbild. Die Bäume standen nicht mehr so eng beieinander, waren dafür stämmiger, die Wurzeln teilweise kniehoch. Gräser und Farne wurden seltener, wichen vereinzelten Schilfstauden und kargen Büschen. Es lag auf der Hand, sie wanderten mitten durch ein Sumpfgebiet hindurch.
„Führt denn kein anderer Weg zurück?", erkundigte sich Scully mürrisch, während sie ihren rechten Fuß aus dem Schlamm zerrte, wo er knöcheltief eingesunken war.
Dim-Kalir, der an der Spitze ging, zuckte bloß mit den Schultern. „Wenn ihr durch das Gebiet der Uruks gehen wollt, sicherlich..."
„Nein, danke! Dann lieber Sumpf!"
„Wir stecken mitten drin in den Magroven", sagte Jonas leise. „In den wandernden Wäldern..."
„Wandernde Wälder?", wiederholte Mulder mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja. Die ständig meerwärts drängenden Mangroven schaffen neues Land am Küstenbereich, erweitern somit Inseln und Landstriche. Diese Pflanzen vertragen selbst großen Salzgehalt im Boden. Ihr Überleben ist einzig und allein dadurch gesichert, dass Flutwellen des Meeres dieses Gebiet hier mitunter überfluten." Jonas deutete auf einen schmalen Baum, in dessen Umkreis unzählige Stöcke oder Äste aus dem Boden lugten. „Das da ist eine Sonneratia, eine sogenannte Pioniermangrove. Ihre Wurzel zeigen nach oben und lugen über die Erdoberfläche. Darum werden sie auch Atemwurzeln genannt. Sie stehen so dicht beieinander, das man kaum hindurchgehen kann."
Etwas neben ihnen platschte, und sie sahen eine Gruppe Schlammspringer, die, aufgeschreckt durch die Anwesenheit der Menschen, in das flache Wasser flüchten. Ein Ibis, der wohl Jagd auf die kleinen Lungenfische hatte machen wollen, klapperte wütend mit dem Schnabel und stelzte über einige Wurzeln zu einer anderen Wasserlache, um sein Glück dort zu versuchen.
Urplötzlich hörten sie einen Schrei und rissen die Köpfe hoch. Dim-Kalir war gestolpert und in ein größeres Schlammloch gefallen. Jonas hatte ihn festhalten wollen, war dabei jedoch selbst mitgerissen worden.
„Los, zieht uns raus!" Jonas versuchte, sich an einer der vielen Wurzeln am Rand des Schlammloches festzuhalten und gleichzeitig Dim-Kalirs Hand nicht loszulassen. Der zähe Schlamm - eher Treibsand - war tief, Jonas konnte keinen Boden unter den Füßen spüren, obwohl er bis zum Bauch darin stand. Und noch dazu schien sie der Schlamm weiter nach unten zu ziehen, langsam aber stetig.
Malia, die rasch herbeigeeilt war, packte seine Hand. Mit den Füßen stemmte sie sich gegen eine der Wurzeln und zog aus Leibeskräften.
Nur ungern gab der Sumpf seine Beute frei...
Inzwischen hatte sich auch Mulder zu ihnen vorgekämpft. Er erreichte das Schlammloch genau in dem Moment, in dem Jonas Dim-Kalirs Hand entglitt. Der Medizinmann trieb weiter in die Lache hinaus, wurde nun noch schneller in die Tiefe gezogen, als zuvor.
Mulder reagierte schnell. Er holte ein Seil aus dem Rucksack, knüpfte eine Schlinge und warf diese wie ein Cowboy auf Rinderfang über den Medizinmann, der sich hastig daran festklammerte.
Scully half Mulder, Dim-Kalir aus dem Schlammloch zu ziehen. Jonas hatte inzwischen den Rand der Lache erreicht und sich aus eigenen Kräften aus dem Schlamm gezogen, der mit einem dumpfen Blubbern nachgegeben hatte. Der Medizinmann jedoch war noch über einen Meter vom rettenden Ufer entfernt, als das Krokodil auftauchte.
Mulder starrte entsetzt auf den gewaltigen Leib, der sich in die Schlammmasse schob. Die Echse war kräftig genug, um gegen den Sogeffekt anzukämpfen, und näherte sich schnell dem vor Angst bleich gewordenen Medizinmann - zu schnell.
„Los, ziehen Sie!", schrie er panisch.
Doch die Raubechse hatte ihn bereits erreicht. Das riesige Maul öffnete sich, spitze Zähne glänzten matt im spärlichen Licht der Morgensonne, die sich noch immer hinter Nebelschwaden versteckt hielt.
Malia schrie entsetzt auf, als sich das monströse Ungetüm in Dim-Kalirs Leib verbiss, und Scully wandte rasch den Blick ab. Mulder hatte seine Waffe gezogen und zielte auf das Krokodil, gab mehrere Schüsse ab - doch die Kugeln konnten den hornartigen Panzer der Echse nicht durchdringen. Mit der erschlafften Beute im gewaltigen Maul drehte es um und brachte sich mit einigen kräftigen Schwanzstößen zum Ufer zurück...

gegen drei Uhr am Nachmittag

Endlich hatten sie Akunga erreicht. Die letzten vier Meilen hatten sie ohne Rast zurückgelegt, der Verlust von zwei Freunden ließ sie viel zu ängstlich werden, um eine Pause einzulegen. Schweigend waren sie durch den Dschungel und an Flussufern entlang gewandert, und jetzt sahen sie das vertraute Tempeldach Akungas endlich wieder vor sich. Ihre lange Reise war völlig umsonst gewesen, sie hatten ihre Mission nicht erfüllen können. Noch dazu hatten sie Grahm und Dim-Kalir verloren. Demnach war die Stimmung gedrückt, als sie die ersten Häuser erreichten.
Die bedrückte Stimmung verwandelte sich schlagartig in blankes Entsetzen, als ihr Blick auf die Siedlung fiel.
Leere Häuser und Hütten, umgestürzte Zäune. Überall lagen Gegenstände und Holsscheite herum. Der schmale Weg, der an der Siedlung vorbei zum Tempel führte, war von Leichen übersät. Überall Blut, teilweise sogar abgerissene Gliedmaßen. Einige Körper waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden, der Gestank von Verwesung und geronnenem Blut hing schwer in der Luft.
Malia wandte sich ab. Sie konnte ihren Magen nicht unter Kontrolle halten, sie musste sich einfach übergeben.
Mulder kniete sich neben der nächstgelegenen Leiche nieder und betrachtete sie schweigend. Aufgeschlitzter Unterleib, zerkratzte und von Blutergüssen übersäte Arme und Hände, schmerzverzerrtes Gesicht, weißer Schaum an den Wundrändern.
„Dilophosaurier", sagte er leise. „Sie haben Akunga überfallen..."
„Was ein Massaker!", murmelte Jonas tonlos. „O mein Gott!"
„Lasst uns zur Zypresse gehen", drängte Malia mit bleichem Gesicht. „Wer weiß, vielleicht sind noch welche von ihnen in der Stadt! Nur im unterirdischen Labyrinth sind wir vor ihnen sicher!"
Mulder nickte und erhob sich. „Gut, lasst uns gehen..."

eine Viertelstunde später

Der Abendhimmel begann sich mit grauen Wolken zuzuziehen, die von Osten her über das Tal zogen. Noch waren es die Ausläufer, reichlich zerfetzt und voller Lücken. Doch am Steilhang türmten sich bereits dunkle Wolken mit gezackten Rändern von schweflig gelber Färbung. Ab und zu grollte es dumpf in der Ferne. Aus einer blau-schwarzen Wolkenwand am Horizont zuckten Blitze. Aber noch war das Gewitter weit weg, als sie die Zypresse erreichten. Malia führte sie in das unterirdische Gewölbe und durch die Gänge des Labyrinthes, bis zu dem Kuppelraum, wo sie den anderen Teil ihrer Gruppe vor zwei Tagen zurückgelassen hatten.
Vince kam ihnen entgegen, kaum dass sie die unterirdische Höhle betreten hatten.
„Grundgütiger, wo seit ihr so lange gewesen!", sagte er atemlos. „Ihr habt ja gar keine Vorstellung, was hier inzwischen geschene ist!"
„Habt ihr das Tor öffnen können?" Piak blickte sie hoffnungsvoll an. „Und wo ist Dim-Kalir?"
„Du bist noch am Leben, Piak?", fragte Malia erstaunt. „Wir dachten, der Ghoul hätte dich getötet."
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe den Tempel schon vor drei Tagen verlassen..." Dann wurde er blass. „Hast du eben Ghoul gesagt? Sie existieren also immer noch?"
„Lass Jonas erzählen, Piak", sagte sie müde. „Ich kann es nicht."
„Und wo ist Ben", fragte Kevin dazwischen, dem die Abwesenheit des Paläontologen aufgefallen war.
Malia ließ sich schweigend auf einen Holzscheit sinken und überließ es Jonas, die Antworten auf die vielen Fragen zu geben, Antworten, die ihr gar nicht gefielen und die ihr Schmerz und Übelkeit bereiteten.
„Es gab mehrere unliebsame Zwischenfälle", sagte der junge Wissenschaftler langsam. „Als wir am Tempel ankamen, fanden wir dessen Wächter Enak tot vor. Er war angeschossen und die Tempelstufen hinabgestoßen worden, vermutlich von Spear oder seinen Männern, die in Kullab gewesen sein mussten. Dabei scheinen sie auch die Statue mit dem darin enthaltenen Amulett gefunden und mitgenommen zu haben. Jedenfalls war beides weg."
Jonas konnte sehen, wie die Hoffnung in den Augen der anderen erstarb und fuhr schweren Herzens fort. „Auf dem Rückweg nach Akunga nahm uns eine Gruppe Uruks gefangen und brachte uns in ihr Dorf, wo es schließlich zu einem Kampf zwischen uns und einer Gruppe von Ghouls kam. Dabei wurde Dr. Benjamin Grahm getötet. Wir konnten ihm nicht mehr helfen..."
Kevin schluckte schwer.
„Nachdem wir den Ghouls entkommen waren - Dank der Hilfe einer Raptorenherde - wurde Agent Scully von einem Jen gestochen, und wir mussten ein Antidot gegen das tödliche Insektengift besorgen. Dim-Kalir führte uns daraufhin zum nahen Meer, wo wir einen grünen Teufel fingen, eine Qualle, die das Leben von Agent Scully rettete. Wir übernachteten nahe des Strandes und marschierten heute bei Sonnenaufgang los. Dabei durchquerten wir die Mangroven..."
„Und?" Piak schien zu ahnen, dass noch eine schlechte Nachricht folgen würde.
Jonas seufzte. „Dim-Kalir wurde von einem Krokodil getötet, nachdem er in ein Schlammloch gefallen war..."
„O Gott", murmelte Sarah und Piak senkte den Blick.
„Ihr bringt wahrlich keine guten Neuigkeiten", sagte er leise.
„Vielleicht können wir ja für welche sorgen!", erscholl eine Stimme hinter ihnen.
Sie wirbelten herum. Spear - zusammen mit seinen Handlangern - stand am Eingang zum Kuppelraum. Vier Gewehrläufe richteten sich auf sie...

im unterirdischen Kuppelraum

„Spear!" Jonas spuckte den Namen schier aus, so angewidert war er von diesem Mann. „Hätte bloß die Gerchtigkeit gewaltet und Sie von Dilophosauriern aufschlitzen lassen!"
„Na, na, wer wird denn so unfreundlich sein, Dr. Quinn?" Der Biogenetiker grinste beinahe unverschämt. „Hat man Ihnen denn keine Manieren beigebracht?" Er richtete den Lauf seiner M-16 auf ihn und entsicherte die Waffe. „Sie haben ja gar keine Ahnung, mit wem Sie sprechen!"
„Mit dem Abschaum der Menschheit?" Jonas zuckte nicht mal mit den Wimpern, auch dann nicht, als ihm Spear neben die Füße schoss. Die Akunganer wichen schreiend und mit entsetzten Gesichtern zurück.
„Sie leben gefährlich, Dr. Quinn!", donnerte Spear. „Ich an Ihrer Stelle würde mein loses Mundwerk zügeln!"
„Und ich an Ihrer Stelle würde mir einen Kopfschuss verpassen, um diesem Planeten noch eine Zukunft zu geben!", brummte Mulder grimmig.
Ein weiterer Schuss in die staubtrockene Erde, weitere Schreie und weinende Frauen. Die Kugel traf auf einen Stein, prallte davon ab und traf Kirochima, die mit einem kurzen Aufschrei zu Boden sank. Einer der Akunganer beugte sich rasch über sie, doch es war zu spät. Die junge Wissenschaftlerin war tot.
„Das gilt auch für Sie, Agent Mulder!", bellte Spear, ohne auf die tote Frau zu achten. „Mit Ihren unverschämten Bemerkungen machen Sie sich nicht gerade beliebt bei mir!"
„Das will ich ganz sicher auch nicht!", zischte dieser, ein heftiger Stoß in die Rippen brachte ihn jedoch zum Schweigen. Scully sah ihn bedeutungsvoll an, ihre Augen sprachen Bände. Provoziere ihn nicht noch mehr, das könnte tödlich für dich enden!
Spear musterte die Menschengruppe im Raum, verzog geringschätzig die Lippen, als er Ivan und Melvin zwischen den anderen stehen sah.
„Elender Verräter!", zischte er und starrte Frederikson boshaft an.
„Ich habe schon oft gesagt, dass ich von dem, was du hier abziehst, nichts halte", erwiderte der Skandinavier ruhig. Im nächsten Moment sank er tödlich getroffen zu Boden. Spear zierte sich nicht, seine Waffe zu gebrauchen, das hatte er oft genug erwiesen.
„Fahr zur Hölle!", zischte er und trat mit der Stiefelspitze gegen den Sterbenden.
Im selben Augenblick schlug jemand hart über seinen Hinterkopf, und Spear fiel stöhnend über Ivan. Fast gleichzeitig versuchte Webber, Mulder die Pistole aus der Hand zu reißen, die er Spear über den Kopf gezogen hatte. Doch der Agent war zu schnell, wich dem Söldner aus und stieß ihm grob den Ellenbogen in den Unterleib. Webber dachte für einen Moment, dass er keine Luft mehr bekommen würde, sein Gesicht lief rot an.
„Dreckskerl!", schrie ihn Mulder an, und Scully musste ihn festhalten, um ihn daran zu hindern, Webber mit eigenen Händen zu erwürgen.
Spear inzwischen hatte sich wieder aufgerappelt. Mit blutrünstigen Blicken starrte er auf Mulder.
„Das werden Sie bereuen!", zischte er, bevor er sich auf den Agenten stürzte.
Mulder stieß Scully hastig beiseite, damit sie die Wucht von Spears Angriff nicht zu spüren bekam. Er selbst drehte sich dabei behände aus dem festen Griff des Biogenetikers und streckte ihn mit einem harten Kinnhaken erneut zu Boden. Dabei fiel ein glitzernder Gegenstand aus Spears Brusttasche.
„Das Amulett!", rief Malia.
Vince hatte es bereits aufgehoben, wehrte dabei Everad ab, der sich einer Dampfwalze gleich auf ihn stürzte.
Burton ging mit ausgestrecktem Messer auf Scully los, die das Amulett geschickt auffing, doch bevor er sie erreichen konnte, traf ihn eine Kugel mitten ins Herz. Tot fiel der Mann zu Boden.
Inmitten des Kampfgetümmels hatte sich Spear unauffällig zum Ausgang verdrücken können. Mit einen gellenden Pfiff erweckte er Webbers und Everads Aufmerksamkeit, und die Beiden rannten sofort los.
„Bleiben Sie stehen!", donnerte Mulder, die Waffe gerade von sich gestreckt. Er schickte einige warnende Schüsse hinter den Männern her, doch die beschleunigten noch ihre Schritte und verschwanden in der Dunkelheit des Tunnels.
Jonas legte seine Hand auf Mulders Arm und drückte ihn sachte hinunter. „Vergiss sie, Fox. Wir haben das Amulett. Warum sollen wir die Drecksarbeit erledigen, wenn Zarus selbiges tun kann?"
Mulder atmete tief durch. Die unbändige Wut über die Brutalität und Eiseskälte Spears brodelte noch immer in ihm. Doch er ließ die Pistole sinken und steckte sie zurück in das Hüftholster. Er blickte zu Scully hinüber, die sich neben Ivan gekniet hatte. Der Schwede umfasste ihre Hand und drückte sie leicht. Sein Hemd war blutdurchtränkt. Mulder wusste, dass ihm nicht mehr zu helfen war.
„Wenn es einen Himmel gibt, werde ich ihn bald kennen lernen", sagte Ivan leise. „Doch die Gerechtigkeit habe ich noch nicht gesehen." Er blickte zu der Agentin auf, die mitfühlend über seine Hand strich. „Lassen Sie wenigstens diese Stadt Gerechtigkeit erfahren, Agent Scully. Bringen Sie diesen Zarus hierher, damit er Spear ausmerzt, ebenso die Rotschädel. Das ist mein einziger Wunsch. Werden Sie ihn mir erfüllen?"
Malia, die neben ihn getreten war, nickte. „Das werden wir, Ivan. Auch in Akunga gibt es ein Tor. Wir werden es so schnell wie möglich öffnen."
„Dann beeilen Sie sich, öffnen Sie es, bevor es zu spät ist. Es sind schon genug unschuldige Menschen gestorben. Es wird Zeit, dass das aufhört..." Er hustete, atmete schwer. Er hatte bereits viel zu viel Blut verloren. Vor seinen Augen begann es schwarz zu flimmern. „Passt auf Melvin auf", flüsterte er, bevor er für immer die Augen schloss.
Scully erhob sich langsam, blickte auf den toten Frederikson hinab. „Er hat Recht." Sie sah auffordernd in die Runde. „Es wird Zeit, dass wir dem hier ein endgültiges Ende setzen!"
Malia stand ebenfalls auf. „Ich gehe sofort", sagte sie bestimmt.
„Und ich werde dich begleiten", ließ sich Jonas vernehmen und er klopfte gegen die Pistole in seinem Gürtel. „Zur Sicherheit."

in Akunga

Spear hastete die Stufen zum Haupttempel hinauf und bedeutete seinen beiden Begleitern, sich zu beeilen.
„Los, wir schnappen uns die Statue und verschwinden!", rief er. „Hier wird es mir langsam wirklich zu heiß!"

kurz darauf

Sie liefen über den durchgeweichten Boden, der sich im rauschenden Regen weiter zu verflüssigen schien. Es war bereits dunkel geworden, denn die schwarzen, tiefhängenden Wolken ließen es nicht zu, den Sonnenuntergang zu betrachten.
„In welchem Tempel befindet sich das Tor?", fragte Jonas, während er einige Farnwedel beiseite schob.
„Im Haupttempel", erwiderte Malia. „Der Mechanismus befindet sich aber im Tempel der Hiu, der liegt nebenan. Außer dem Amulett benötigt man noch den Ruf des T-Rex, der heißt Zarus met lehi. Mit diesen Worten lockt man ihn an und signalisiert gleichzeitig, dass Feinde in der Stadt sind."
Sie duckten sich unter den tiefhängenden Ästen einer Konifere und brachen durch das Gebüsch. Sie hatten den freien Platz vor den Tempeln erreicht.
Jonas wusste nicht mehr, von wo der Dilophosaurus gekommen war. Er wurde sich seiner Anwesenheit erst bewusst, als das Tier schon hoch aufgerichtet vor ihnen stand und den Kopf zurückwarf. Die zähflüssige Spucke schoss durch die Luft, und hätte Jonas sicherlich ins Gesicht getroffen, hätte sich Malia nicht dazwischengeworfen. Der Speichel landete mit einem Klatschen auf ihrer Brust und dem linken Oberarm.
Der Dilophosaurus zischte und wippte mit den Kopf. Seinen Schwanz kerzengerade von sich weggestreckt, wartete er darauf, zum Sprung ansetzen zu können.
„Lauf!", schrie Malia, während sie sich die Spucke von der Haut strich, wohlwissend, dass das nichts nützen würde. Die Lähmung und die Schmerzen hatten bereits eingesetzt. Sie verzog das Gesicht und taumelte. Als Jonas sie stützen wollte, schlug sie seine Hand fort.
„Du sollst laufen!", schrie sie ihn an. „Du hast das Amulett, also lauf!"
Sie schien an ihren Worten förmlich zu ersticken. Von höllischen Schmerzen gepeinigt sank sie zu Boden. Der Dilophosaurus sprang, und Jonas konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen. Er rollte sich zur Seite und blieb auf dem vom Regen durchnässten Boden liegen, fassungslos auf das grausige Bild starrend, das sich ihm darbot. Er sah, wie sich die Raubechse herabbeugte und Malia den Bauch aufriss. Blut spritzte, die inneren Gedärme quollen heraus. Der Dilophosaurier beugte sich über die erlegte Beute und riss ihr die Eingeweide aus dem Fleisch.
Jonas spürte Übelkeit und Hass zugleich. Hass auf die widerliche Echse, die so brutal über einen unschuldigen Menschen hergefallen war und ihn nun dermaßen bestialisch zurichtete. Doch er konnte Malia nicht mehr retten, sie war tot. Doch obwohl er das wusste, fiel es ihm schwer, aufzuspringen und weiter zu laufen, die Stufen zum Tempel hinauf, ohne sich dabei umzusehen. Er musste das Tor öffnen, oder sie alle wären verloren. Er musste es tun. Für sich. Für Ivan. Für Malia, die sich geopfert hatte. Für seine Begleiter. Für die Überlebenden Akungas. Er musste es für alle tun.
Er rannte durch die langgestreckte Innenhalle. Ein greller Blitz, der über den Himmel zuckte, ließ gespenstische Schatten zwischen den Steinsäulen tanzen. Alles schien zum Leben erwacht zu sein.
Schwer atmend erreichte er den Altar. Vor sich sah er ein Symbol im Stein, von seiner Gravierung mit denen auf dem Amulett identisch. Das musste er sein, der Tormechanismus. Jonas riss das Amulett von seinem Hals und presste es in das Symbol. Kaum hatte er das getan, als ein dumpfes Grollen durch die Felswand fuhr und die Bäume zu schwanken begannen. Das Tor zum Dschungel öffnete sich...
Jonas stieg die wenigen Stufen hinauf, die zum Portal führten. Durch den Tunnel hindurch konnte er einen weiten Blick über den Dschungel bis hin zum Tambuku erhaschen. Dort regnete es noch nicht, der Himmel war klar. Die Sonne tauchte den Himmel in ein kräftiges Rot, das an die Farbe von Venenblut erinnerte. Jonas spürte den Wind, der durch den Tunnel in den Tempel kam. Im Osten zuckten vermehrt Blitze durch die schwarze Wolkendecke, Donnergrollen schallte über das Land.
Jonas beugte sich vor, soweit er nur konnte und schrie in den undurchdringlichen Dschungel hinaus:
„Zarus met lehi!"
Und von irgendwoher, weit, weit weg, erscholl wie zur Antwort ein heiseres Brüllen. Baumwipfel bebten und schwankten, ein Schwarm rotblauer Papageien flog laut kreischend auf. Die Vögel flogen nach Westen, dem Sonnenuntergang entgegen, der Licht und Schatten trennte und das Bindeglied zwischen Tag und Nacht war. Bald war der Schwarm nur noch ein Gewirr von schwarzen Punkten im leuchtenden Orange der sich zum Schlafen legenden Sonne. Im selben Augenblick erreichte die Wolkenfront den Horizont, und es begann auch außerhalb Akungas zu regnen...

im Haupttempel

Spear zuckte erschrocken zusammen, als sich die gesamte Westwand des Tempels wie von Geisterhand in Bewegung setzte. Loser Stein fiel von der Decke, Staub hüllte die sich bewegende Wand ein, die ein mittleres Erdbeben schuf, während sie grollend und knirschend zur Seite rollte. Er starrte auf den hohen Gang, der freigelegt worden war. Er war knapp zwanzig Meter hoch und einige hundert Meter lang. Weit hinten in der Dunkelheit ein helles Licht und saftiges Grün, deutlich erkennbares Blattwerk tropischer Bäume.
„Was, zum Teufel, ist das?", fragte Everad und vergaß sogar, das letzte Stück seines Snickers in den Mund zu schieben.
„Ich habe keine Ahnung", murmelte Webber. „Sieht mir so aus wie ein Notausgang..."
Spear schnaubte unwirsch. „Hört auf mit dem Geschwätz! Los, schnappt euch die Statue und dann nichts wie weg!"
In diesem Moment scholl eine Stimme durch den Tempel. Sie schien von überall her zu kommen, aus allen Ritzen und Winkeln des steinernen Gebäudes. Sie prallte an den Wänden ab, ihr Echo schallte tausendfach aus allen Richtungen.
„Zarus met lehi!"
Spear suchte die Wände ab, als ob er dort den Verursacher der Stimme vermutete, als ihm Webber zaghaft auf die Schulter tippte.
„Hören Sie das?", fragte er mit zitternder Stimme.
„Was zum Teufel soll ich hören?", fauchte der Biogenetiker.
Webber legte lediglich den Zeigefinger auf die Lippen.
Und dann hörten es alle: Dumpfes Stampfen, das den Boden erzittern ließ. Geräuschvolles Schnaufen und Schnauben das mit jeder Sekunde anschwoll. Ein heiseres Fauchen, das aus dem Gang in den Tempel drang. Und noch immer dieses Stampfen, lauter mit jedem Atemzug. Bedrohlicher mit jedem Herzschlag.
„Was ist das?", flüsterte Everad.
Sie starrten in die Dunkelheit des Tunnels. Eine dunkle Gestalt bewegte sich dort drinnen, verharrte dann an der Grenze zwischen Licht und Schatten. Spear sah einen massigen Körper mit knotiger, furchiger Oberfläche wie die Rinde eines Baumes. Aber es war kein Baum...
Er blickte noch höher hinauf - und sah plötzlich den Kopf des Tyrannosaurus Rex. Das Tier stand einfach da und sah zu den Männern hinunter. Donnergrollen erscholl, ein Blitz zuckte am schwarzen Himmel. Der Dinosaurier warf den Kopf zurück und brüllte das grelle Licht an.
DAS MÄCHTIGSTE RAUBTIER, DAS DIE WELT JE SAH. DER FÜRCHTERLICHSTE ANGRIFF IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT.
Lyle Everad spürte, dass seine Knie unkontrolliert zitterten und seine Hosenbeine flatterten wie Fahnen. Gott, hatte er Angst! Und er wollte nicht hier sein. Nicht hier in diesem verfluchten Tempel mit diesem monströsen Raubtier vor sich. Er wusste, wie so ein Dinosaurierangriff aussah. Er wusste, was mit den Leuten passierte, die angegriffen wurden. Er hatte die verstümmelten Körper seiner Begleiter gesehen, die die Raptoren zurückgelassen hatten. Es stand ihm noch deutlich vor Augen. Und das hier war ein Rex. So viel größer. Der mächtigste Fleischfresser, der je auf Erden gewandelt war!
„O mein Gott", murmelte Webber leise.
Der Tyrannosaurus brüllte. Es war entsetzlich, ein Schrei aus einer anderen Welt. Lyle Everad spürte, wie sich Wärme in seiner Hose ausbreitete. Er hatte sich in die Hose gepinkelt. Es war ihm peinlich und gleichzeitig hatte er Todesangst. Aber er musste etwas tun. Irgend etwas. Verdammte Scheiße!
Der Tyrannosaurus trat nun vollständig ins Licht. Er war ein Gigant von knapp dreizehn Metern Länge und neun Metern Höhe. Seine Haut war von grüner Färbung, die Bauchseite heller als der Rücken. Seine scharfen Zähne blitzten im schwachen Abendlicht auf, als schaurige Untermalung setzte draußen der Regen ein, und Donnergrollen begleitete den raschen Schritt nach vorn, näher an Spear und seine Männer heran. Sie hörten, wie die riesigen Nüstern des Tieres die Luft einsogen, sie geruchlich erfassten. Mit einem lauten Schnauben stieß der Rex die Luft wieder aus, legte den Kopf schief und fauchte leise.
„Ich will hier raus!", stammelte Everad. „Verdammt noch mal, ich will hier raus!"
Im nächsten Moment schoss der T-Rex brüllend vor. Sein Kiefer schloss sich um Lyles Bein, der versuchte, zur Seite zu springen und sich so vor der Tyrannenechse zu retten. Doch Zarus war schneller als erwartet. Er biss erbarmungslos zu. Knochen splitterten, und Everad schrie vor Schmerz. Er konnte sich nicht mehr bewegen, war wie gelähmt. Er konnte nur noch schreien. Der Raubsaurier hob ihn hoch, schüttelte ihn in der Luft, klatschte ihn voller Wucht auf den Steinboden auf, wie eine Ente einen erbeuteten Fisch erschlägt. Lyle war schon vorher benommen, spürte den Aufprall nicht mehr, der ihm die Halswirbel brach und die Rippen zerschmetterte.
Spear und Webber starrten wie versteinert auf den toten Lyle, starrten auf den mächtigen Rex, der brüllend den Kopf zurückwarf. Dann, wie vom Blitz getroffen, erwachte Doug aus seiner Starre. Er riss die Maschinenpistole hoch und schoss. Er schoss wie ein Bekloppter. Der Raubsaurier wandte ihm seinen massigen Kopf zu, blinzelte und duckte sich. Spear glaubte, dass es das Tier aus Furcht und Schmerz tat. Doch damit hatte er sich getäuscht. Es duckte sich zum Sprung. Und ehe sich Spear versah, landete der Saurier vor ihm. Die Erde erbebte unter seinem Gewicht, Spear verlor den Halt und stürzte. Er spürte den kalten Boden unter sich, rollte sich hastig zur Seite. Er hörte wie Webber schoss und der Tyrannosaurus sich nach ihm umwandte. Ein Schritt nach rechts, ein Vorschnellen des großen Schädels. Colin Webber brüllte, schlimmer und markerschütternder noch, als es Everad getan hatte. Spear sah, wie der Rex den Kopf hob. Ein blutüberströmter Arm baumelte aus seinem Maul. Doug blieb fast das Herz stehen. Der Saurier beugte sich wieder zu dem schreienden Webber hinunter, das widerliche Geräusch von zerbrechenden Knochen hallte durch den Tempel. Spear sprang auf, riss das ihm entglittene Maschinengewehr an sich und rannte los. Er rannte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war. Er hörte, wie sich der T-Rex schnaubend von Webber abwandte und ihm fauchend nachsetzte. Vier, fünf ausgreifende Schritte und er hatte Spear eingeholt. Der Saurier riss sein riesiges Maul auf, die messerscharfen Zähne glänzten im gleißenden Licht des Blitzes, schäumender Geifer tropfte auf den Boden. Der T-Rex brüllte. Spear warf sich nach vorn, schoss durch das Eingangsportal des Tempels nach draußen, wo er in einer Schlammlache landete. Sein gewaltiger Verfolger schnellte mit dem Kopf nach vorn, verfehlte seine Beute knapp. Das Tier duckte sich, um durch das Portal nach außen treten zu können. Derweil hatte sich Spear schon wieder aufgerafft. Mit fliegendem Atem eilte er weiter, Zweige schlugen gegen seinen Körper, als er durch das Gebüsch hastete, dem Wasserfall zu, von dem aus der Weg aus dem Tal heraus führte. Er hörte das dumpfe Schnauben des Raubtieres hinter sich, spürte den Boden unter den schweren Schritten erbeben. Er rannte, rannte, so schnell er konnte. Er wusste nicht, wie lange er gelaufen war, als er bemerkte, dass es still um ihn geworden war. Im Schutz hoher Farnwedel blieb er stehen und lauschte. Kein Schnauben, kein Brüllen, nicht einmal ein sanftes Schwanken des Bodens. Der T-Rex war weg...

im kleinen Tempel

Jonas wirbelte herum, als er Schritte hinter sich hörte. Erleichtert atmete er auf, als er Mulder erkannte.
„Der T-Rex ist da", sagte der Agent knapp.
„Ich weiß." Jonas blickte auf das Amulett in seiner Hand. „Ich habe Spears Männer schreien hören. Sie waren im Haupttempel, als das Tor geöffnet wurde."
„Und Spear?"
Der Wissenschaftler seufzte. „Er konnte entkommen, doch Zarus setzte ihm nach. Ich weiß nicht, ob er ihn erwischt hat."
„Ich bezweifle es", sagte Mulder düster. „Der Rex ist nämlich auf der Jagd nach Dilophosauriern."
Sie traten durch das Portal nach draußen. Es nieselte noch ein wenig, doch die Wolkendecke begann sich bereits aufzulösen. Blutroter Himmel war hier und da zwischen den Wolkenfetzen zu erkennen.
Mulder streckte die Hand aus.
„Da ist er!"
Jonas folgte seinem Blick und entdeckte Zarus, der regungslos inmitten eines nahen Palmenhaines stand.
„Was macht der da?" Jonas kniff die Augen zusammen. „Warum bewegt der sich nicht?"
„Ich habe keine Ahnung..."
Sie näherten sich der Echse, bis sie etwa hundert Meter von ihr entfernt zwischen einigen Cycadeen stehenblieben. Sie blickten zu Zarus hinüber. Der Riese duckte sich unter dem Blattwerk der Baumkronen und starrte zum nahen Wasserfall hinüber, auf eine Gruppe von Dinosauriern. Jonas kniff die Augen zusammen.
„Das sind Dilophosaurier", murmelte er. „Vier Männchen."
„Na großartig", entgegnete Mulder.
Sie beobachteten schweigend die Echsen, die sich über etwas gebeugt hatten, mit ihren Köpfen hinab stießen, um sich kurz darauf wieder mit rötlichen Brocken in den Mäulern zu erheben, die sie wie Vögel und Krokodile ungekaut hinunterschlangen. Sie hatten Beute gemacht.
Zarus öffnete sein gewaltiges Maul und brüllte. Die Dilophosaurier rissen abrupt die Köpfe hoch, ihre Zungen fuhren über ihre blutverschmierten Schnauzen. Sie blähten ihre Hautlappen auf, als der Rex auf sie zukam. Zarus war nicht so intelligent wie die Raptoren, trotzdem wusste er, dass die Dilophosaurier nicht in das Tal der Götterstadt gehörten. Sie gehörten überhaupt nicht in sein Revier. Sie waren Feinde. Und Feinde musste man angreifen.
Die kleineren Räuber duckten sich, ihre Augen funkelten boshaft. Zwei von ihnen warfen bereits die Köpfe nach vorn, die hämatoxinhaltige Spucke landete auf dem Bauch des Königs der Raubechsen. Zarus fauchte, schnappte nach dem vorderen Dilophosaurus. Jonas und Mulder hörten merkwürdige Eulenrufe, die scheinbar von den giftigen Raubsauriern kam. Fast zeitgleich hoben sich unzählige Köpfe aus den nahen Farnfeldern. Jonas biss sich auf die Unterlippe und wich seitlich zum Flussufer hin aus, um im Notfall schnell flüchten zu können. Denn die Tiere in den Farnen waren allesamt Dilophosaurier, die ihren Artgenossen nun zur Hilfe kamen. Mulder folgte ihm in gebückte Haltung.
„Mann, dass sind ja an die zwanzig Giftkanonen", knurrte er.
Die merkwürdigen Eulenrufe ausstoßend, umzingelten sie den Tyrannosaurus, sprangen ihn an und verbissen sich an seinen Flanken. Jonas wusste, dass die Tiere das Hämatoxin auch durch Bisse übertrugen. Zarus war groß, kleine Dosen, die ausreichten, um Menschen und Säugetiere zu töten, machten ihm nichts aus. Aber dieser Fülle von Angreifern konnte er unmöglich gewachsen sein. Die Raubechse brüllte, versuchte vergeblich, die vielen Dilophosaurier von sich abzuschütteln. Doch vergeblich. Die kleineren Jäger waren dem König ohne Zweifel überlegen.
Die beiden Männer duckten sich am Ufer. Würden die Rotschädel den Kampf gewinnen und Zarus töten, würde Akunga seinen größten Schutz verlieren. Die Stadt wäre dem Untergang geweiht...
Plötzlich spürten sie, wie die Erde unter ihnen zu beben begann. Sie blickten den Flusslauf hinab und registrierten überrascht zwei große Tiere, die in ihre Richtung stürmten. Das erste war etwa zwölf Meter lang und olivgrün gefärbt. Den mit drei Klauen versehenden Vordergliedmaßen entnahm Jonas, dass es sich um einen Allosaurus handeln musste. Das Tier bewegte sich schneller, als es sich Jonas jemals hätte vorstellen können. Den Schwanz steif in die Höhe gestreckt sprintete der Allosaurus durch das flache Flussbett, gefolgt von einem zweiten Tier, das wesentlich größer war, beinahe von gigantischen Ausmaßen. Selbst Zarus wirkte merklich kleiner neben ihm, obwohl das Tier ihm beinahe identisch war. Also musste es ein naher Verwandter des Tyrannosaurus Rex sein, und das war der Größe nach zu urteilen der Tarbosaurus. Er trug eine auffällige Zeichnung am Kopf und einige Höcker auf der Schnauze.
„Die Kavallerie kommt", murmelte Mulder neben ihm.
Jonas bemerkte, dass die beiden großen Raubechsen noch immer direkt auf ihren Standort zuhielten.
„Lauf, Fox!", zischte er. „Los!"
Sie rannten los. Mit raschen Sprüngen durchquerten sie den Fluss, der an dieser Stelle eine flache Furt bildete, knapp acht Meter hinter ihnen schoss der Allosaurus vorbei, gefolgt von seinem größeren Verwandten. Beide hielten auf den Kampfplatz zu, wo sich Zarus noch immer vergeblich gegen die Übermacht der Dilophosaurier wehrte und langsam aber sicher an Kraft verlor. Wie ein Komet schoss der Allosaurus dazwischen, völlig unerwartet von den Rotschädeln. Mit einem lauten Brüllen schnappte er nach einem der kleinen Räuber, der dem unverhofften Angreifer nicht mehr ausweichen konnte. Der Tarbosaurus brachte Panik in die Randformation der Dilophosaurier. Mit kräftigen Tritten brachte er gleich zwei der Rotschädel zur Strecke, sein gewaltiger Kiefer schloss sich um einen dritten. Von einer Sekunde auf die nächste änderte sich die Situation. Noch waren die Carnosaurier den kleineren Dilophosauriern zahlenmäßig unterlegen, doch erlaubte es ihre Kraft und Größe, sich erfolgreich gegen die Rotschädel aufzulehnen, die sich jedoch nicht ergeben wollten. Verbissen griffen sie wieder und wieder an, gebärdeten sich wie ein Schwarm Killerhaie, der Blut gerochen hatte. Erst als der letzte Rotschädel tot zu Boden fiel, kehrte Ruhe ein.
Der Platz war übersät von toten Dilophosauriern. Überall war Blut. Ein Blick allein genügte, um die Lichtung als Ort eines gewaltigen Massakers anzusehen - eines ähnlichen Massakers, das die Rotschädel am Tag zuvor in Akunga angerichtet hatten. Jonas spürte, wie es ihn innerlich vor Abscheu schüttelte, dennoch hoffte er inständig, dass bei dem blutigen Kampf wirklich alle Dilophosaurier umgekommen waren.
Die Schlacht war vorbei. Zarus hatte einige Wunden davongetragen, doch ansonsten ging es ihm gut. Zusammen mit seinen beiden Helfern trabte er gemächlich durch das Flussbett, den Tempeln zu, durch dessen Tor sie wieder in ihr eigentliches Revier zurückkehren würden...

eine halbe Stunde später

Rumpelnd fuhr die Wand wieder vor, nachdem die drei Carnosaurier in den Dschungel zurückgekehrt waren. Sie waren nun verschwunden, und mit ihnen die Gefahr, die ganz Akunga bedroht hatte - Saurier wie Menschen.
Piak strich mit einem leisen Seufzen sein Gewand glatt, nachdem die Steinwand mit einem dumpfen Grollen das Tor vollständig verschlossen hatte. Er hatte die Nachfolge Dim-Kalirs angetreten und war nun der Medizinmann Akungas, dessen Bewohner kaum mehr zählten, als die Finger an zwei Händen.
„Mir scheint, die alte Ordnung ist wieder einigermaßen hergestellt", sagte er. „Jedenfalls vorübergehend."
„Wieso nur vorübergehend?", fragte Sarah.
„Ist das denn nicht offensichtlich?", erwiderte der neue Medizinmann, während sie durch das Portal nach draußen traten. „Glauben Sie denn allen Ernstes, dieses Tal hier hätte eine Zukunft?" Er machte eine ausschweifende Geste. „Die Dilophosaurier sind nun zwar ausgelöscht, doch es gibt noch andere Gefahren für Akunga. Sie wissen es vielleicht nicht, aber früher war das Land von Akunga viel größer. Ganz Mindanao und auch die restlichen Philippinen waren das Reich der Saurier. Doch die Klimaveränderungen während der letzten viertausend Jahre trieben sie alle von den Philippinen fort. Die Inseln gewannen immer mehr und mehr an Gebirgen, die Vegetation dagegen wurde karger. Die Luftströme wurden kälter und die Stürme und Unwetter häufiger. Die Dinosaurier mussten sich nach Mindanao zurückziehen. Wegen des mangelnden Lebensraumes wurden es immer weniger. Viele Arten starben aus. Meistens Großtiere. Von den ehemals dreizehn Sauropodenarten sind lediglich zwei geblieben, die Familie der Hadrosaurier ist auf einen winzigen Rest von vier, fünf Arten zusammengeschrumpft. Die einstmals weitverbreiteten Raubech. sen verschwanden nach und nach, da auch ihre Nahrung verschwand. Nur wenige von ihnen überlebten. Auch Zarus ist dem Tode geweiht. Er ist der letzte Tyrannosaurier auf Mindanao. Von dem etwas kleineren Carnotaurus sind lediglich sieben Exemplare geblieben. Die einzigen aktiven Räuber mit Zukunft sind die Raptoren und die Promsognathen. Keiner von ihnen geht über zwei Meter hinaus, sie sind also relativ klein im Vergleich zu Zarus. Um so größer die Tiere sind, desto geringer ist ihre Chance, noch einige Jahrhunderte zu leben. In aller spätestens zwei- bis dreihundert Jahren wird es weder den Diploducus, noch den Carnotaurus, den Parasaurolophus oder den Styracosaurus geben. Und wenn die Bevölkerung der Erde weiterhin zunimmt, wird das Ende Akungas schon viel früher bevorstehen. Die Philippinen sind inzwischen vollständig besiedelt, in Mindanao fängt man langsam damit an. In weniger als zwanzig Jahren wird der Dschungel um uns herum gerodet, die Steinbrüche ausgebeutet und die Tempel plattgewalzt sein. Und mit dem Tal werden auch die Dinosaurier untergehen..."
Die dunklen Wolken hatten sich ausgeregnet, waren zu weißen, bauchigen Kumuluswolken geworden. Ein sanfter Wind strich durch die Bäume, ließ die feuchten Blätter rascheln und einen kleinen Schauer auf die Erde niederprasseln. Ein gepanzerter Ankylosaurus kroch aus dem Unterholz, sein breiter Keulenschwanz fegte einige halbverfaulten Äste zur Seite. Laut zeternd hüpfte ein Compsognathus zwischen den Zweigen hervor, sprang den gepanzerten Riesen fauchend an, der völlig gleichgültig blieb, und verschwand dann mit einigen kleinen Sätzen zwischen den weitausladenden Farnwedeln.
„Und wenn die Dinosaurier hier sterben, dann stirbt das letzte Überbleibsel des Mesozoikums", nickte Mulder, und wirkte beinahe versonnen. „Erst dann werden sie nur noch in den Märchen der Kinder existieren und in ihrer Phantasie. Als riesige Monster und Drachen, die Feuer speien und die Welt terrorisieren, oder als die sanften Riesen, die mit ihren kleinen Menschenfreunden weit weg fliegen, in das Reich der Träume, wo nichts unmöglich ist... Sie waren immer Mythen, und sie werden es immer bleiben, auch wenn sie nun wirklich endgültig vom Erdboden verschwinden, ohne dass die Menschen wissen, dass es sie überhaupt bis zum heutigen Tage gab. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht soll es gar nicht anders sein. Sollen sich die abertausend Wissenschaftler doch weiterhin in der Luft zerreißen und streiten, ob der T-Rex nun ein Räuber oder ein Aasfresser war und wie diese rätselhaften Wesen vom Erdball verschwunden sind. Sie werden es nie erfahren. Und während sie sich streiten, werden sich die Kinder mit ihrem einfachen unverdorbenen Verstand ihre eigene Vorstellung von Dinosauriern schaffen. Und mit dieser kommen sie der Wahrheit näher, als der intelligenteste Paläontologe der Welt. Denn nur Kinder sind dazu fähig, diese Tiere wieder zum Leben zu erwecken. Sie sehen sie in ihren Träumen, wie sie über die Steppen und durch die Wälder ziehen, sehen ihr Leben wie einen Film, nehmen Teil an dem, was ihnen geschieht. Erwachsene dagegen bauen meist nur auf Fakten. Sie sehen Knochen, können zurückvollziehen, wie die Gestalt des Tieres zu Lebzeiten war und können feststellen, wann und wo sie gelebt haben. Aber sie sehen sie nicht laufen, nicht schwimmen, nicht fliegen, nicht leben. In der Welt dort draußen herrscht zuviel Verwirrung durch zuviel Wissen. Wissen, was im Grunde eigentlich kein Wissen ist. Und davon gibt es so viel Widersprüchliches und Verwirrendes, dass sich der Mensch in der Masse verliert, alles, was er hört, in sich aufsaugt, sich selbst aber nur noch wenig Platz zum Träumen lässt..."
Inzwischen hatten sie das Schattenreich erreicht, die Höhle, die Akunga mit dem umliegenden Regenwald verband. Dem einzigen stets offenen Weg in die Vergangenheit, einem Pfad, der sich in einer Welt verlor, die teilweise mehr als 60 Millionen Jahre alt war.
Jonas schüttelte Piak die Hand. „Sie können sich darauf verlassen, dass die Außenwelt durch uns von diesem Paradies niemals auch nur ein einziges Wort erfährt. In welcher Hinsicht auch immer."
„Ich vertraue Ihnen, Dr. Quinn", sagte der Medizinmann. „Und nun müssen Sie den Raptoren vertrauen. Sie werden Sie bis zum Hochplateau bringen, von wo aus ihr zurück nach Pikit fahren könnt. Ich bitte euch, die Lederbeutel, die ihr um den Hals tragt, auf dem Hochplateau zu verbrennen, damit das Gahni-Dah keinem Unbefugten in die Hände fällt."
Die Menschen nickten.
„Dann bleibt mir nicht mehr, als Ihnen allen noch eine gute Reise zu wünschen", sagte der Medizinmann. „Sie werdet uns in guter Erinnerung bleiben."
„Sie auch", erwiderte Jonas mit einem leichten Lächeln. „Und... danke."
„Für was denn?", fragte Piak, doch er kannte die Antwort. Er blickte auf die Raptoren. „Jenji salai."
Die Tiere hoben die Köpfe, streckten sich und traten zum Höhleneingang. Sie warteten, bis sich auch die Gruppe in Bewegung setzte, und führten sie dann in das Schattenreich. Nach und nach verschwand jeder der Menschen im Dunkel der Höhle. Ein letzter Gruß, ein freundschaftlicher Händedruck, ein ehrlicher Dank. Dann tauchte auch schon der Letzte in die Höhle ein, die ihn umschloss wie einen schützenden Mantel. Piak stand noch lange am Eingang und horchte auf ihre Schritte. Als die Sonne mit ihrem gleißenden Schein das Tal erleuchtete und es in aller Schönheit erstrahlen ließ, von irgendwoher der dumpfe Laut eines Hadrosaurier erklang und der Schatten eines Daktylus rasch über die Steilwände nach oben glitt, begann der Medizinmann seinen Abstieg. Vor ihm lag Akunga wie die Stadt Atlantis: Schön, atemberaubend und zum Untergang geweiht. Er zupfte eine Blüte von einem der Cycadeengewächse und drehte sie in den Fingern. Sie war purpurrot, ihre Pollen von einem strahlenden Gelb. Sie ist schön, dachte er, aber das Zeichen für das Ende der Dinosaurier. Er zupfte die Blütenblätter ab, roch an ihnen, saugte ihren lieblichen Duft ein. Dann ließ er sie sich von einer sanften Windböe aus der flachen Hand reißen, die sie weit in den Himmel hinauftrugen, hinein in das wärmende Licht der Sonne...

sechzehn Stunden später
Cape Canaveral / Florida

Das Institut für Mikro- und Weltraumtechnik befand sich in einer Ansammlung von Gebäuden, die westlich des Raumbahnhofes lagen und früher als Lagerhallen gedient hatten. In einer der großen Hallen, die nichts weiter war, als ein Raum voller Stühle, wurden beinahe jeden zweiten Tag Seminare abgehalten. Vorne am Rednerpult machte Professor Shimoyama, eine dramatische Pause, bevor er seine Vorlesung fortsetzte.
„Immer mehr Wissenschaftler nehmen sich nicht mehr den Menschen zum Vorbild für ihre Automaten, sondern Insekten. Der Grund dafür ist der: Gerade die einfachen menschlichen Fähigkeiten erwiesen sich als zu kompliziert für Roboter. Spezialfähigkeiten hingegen wie exzellentes Schachspiel oder präzise Werkzeugführung beim Schweißen werden von Robotern leicht übertroffen: Der Weltmeister wurde kürzlich von einer Maschine im Schachspiel geschlagen, und Schweißroboter haben in der Autoproduktion viele Facharbeiter ersetzt. Kaum nachzuahmen sind jedoch die Grundfähigkeiten des Menschen: Gleichgewicht halten, über unebenen Grund laufen, einen Gegenstand auf dem Tisch erkennen, ein Wurstbrot schmieren. Das alles erscheint uns mehr als trivial - aber nur, weil wir mit einem ungeheuer leistungsfähigen Wahrnehmungs- und Steuerungsapparat ausgestattet sind, der diese Aufgaben mühelos erledigt. Beim Versuch, solche Fähigkeiten auch den Maschinen beizubringen, mussten sich die Wissenschaftler immer weiter ins Detail vertiefen, und so finden heute weltweit unzählige Konferenzen statt, in denen die Forscher über kleine und kleinste Spezialgebiete berichten: Sprachverständnis, Denkmodelle, Stereosehen, Pfadplanung, Positionsbestimmung, Sensortechnik, Kollisionsvermeidung, neuronale Netzwerke, Kraftkontrolle, maschinelles Lernen und so weiter. Die Forscher sind wie ein Schwarm von Pfadfindern, die einen Weg durch den Dschungel suchen, wie schon der Roboterforscher Uwe Zimmer sagte. Ob einer der Dschungelpfade zum Ziel führt, ist ungewiss. Vorerst sind vielen der Pfadfinder die menschlichen Fähigkeiten zu undurchdringlich. Sie üben sich daher erstmal an Insekten. Die besitzen nur 10.000 bis eine Million Nervenzellen - weniger, als bei uns allen allein in der Netzhaut eines einzigen Auges tätig sind. Außerdem laufen Insekten auf sechs Beinen, was ihren Gang sehr stabil macht. Drei davon berühren immer den Boden, das Tier kann also nicht umfallen. Jedenfalls nicht so leicht. Ihre Steuerungsmechanismen sind einfach, robust - und milliardenfach bewährt. Doch bei ihren Versuchen, Insekten nachzubauen, lernten die Forscher vor allem eines: Ehrfurcht vor den Fähigkeiten der kleinen Wesen. Denn die Insektenkonstruktion ist extrem tragfähig. Eine Ameise kann das 20fache ihres Eigengewichts transportieren, eine Kakerlake immerhin das Zwei- bis Dreifache. Herkömmliche Industrieroboter hingegen heben nur etwa 20 Prozent ihres Eigengewichts. Das zeigt, wie weit der Entwicklungsweg ist. Zweitens: Die Koordination der Beine ist komplizierter als erwartet. Sechsbeinige Insekten sind wahre Meister im Laufen und Klettern in unwegsamen Gelände. Achthundert Nervenzellen steuern jedes einzelne Bein der Stabheuschrecke. Das hört sich übersichtlich an, ist es aber nicht. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich nämlich heraus, dass die Nervenzellen der Insekten wesentlich komplizierter sind als menschliche: Sie können in ihren verzweigten Fortsätzen verschiedene lokale Regelungsaufgaben gleichzeitig erledigen. Jede Nervenzelle ist quasi ein eigenes Lebewesen, jede einzelne müsste durch einen eigenen Computer nachgeahmt werden. Die Beinsteuerung einer Stabheuschrecke in jedem Detail zu kopieren schied deshalb schlichtweg aus..."
Shimoyama sah auf, als die Tür aufging, und automatisch folgten die meisten seiner Zuhörer seinen Blicken. Ein hochgewachsener braunhaariger Mann trat ein, gefolgt von einer rothaarigen Frau mit kinnlangem Haar. Shimoyama blinzelte verwirrt und ihm wurde unwohl. Er fragte sich, was der Mann hier wollte. Er kannte ihn. Und er wusste, dass überall, wo er auftauchte, etwas lief. Seine Zuhörer wussten das wohl nicht, doch das war nur gut so. Lee räusperte sich, sammelte seine Papiere ein und klopfte sie auf dem Pult zu einem ordentlichen Stoß zusammen. „Es tut mir sehr leid, aber ich muss dieses Seminar leider beenden. Wir machen Morgen an der gleichen Stelle weiter."
Ein Gemurmel ging durch die Menge. Nach und nach standen die Leute auf, griffen nach ihren Notizblöcken und Jacken, und verließen nach und nach den Saal.
Shimoyama sah seinem Besuchern entgegen, die sich dem Pult näherten.
„Warum bist du hier, Fox?", fragte er und man merkte ihm an, dass ihm nicht ganz wohl zumute war.
Mulder und seine Begleiterin blieben vor dem Pult stehen.
„Ich brauche deine Hilfe, Yama."
„Meine Hilfe?" Lee ließ seine Unterlagen in einem Schnellhefter verschwinden und schlug das Deckblatt zu. „Doch hoffentlich nicht für derartig ausgefallene Dinge wie letztes Jahr?"
„Nein", sagte Mulder ruhig. „Ich brauche lediglich eine... - Ja, nennen wir es mal Auskunft."
„So, so. Eine Auskunft. Doch nicht etwa über irgendwelche Personen, hinter denen du mal wieder her bist, oder?"
Mulder ersparte sich eine Antwort auf diese Frage.
„Was weißt du über Biogenetics?"
Lee Shimoyama stieg die kleine Treppe hinab, die zum Pult hinaufführte, und blieb vor den beiden Besuchern stehen. „Darf ich fragen, warum du Informationen darüber haben willst?"
„Fragen darfst du, aber ich darf nicht darauf antworten."
Shimoyama nickte. „Das habe ich mir schon fast gedacht. Ihr Typen vom FBI seid doch alle gleich. Ihr könnt einem einen wahren Krater in den Bauch fragen, aber sagen, worum es geht, das könnt ihr nicht. - Wer ist das da eigentlich?" Er wies auf Mulders Begleitung.
„Das ist meine Partnerin, Special Agent Dana Scully", stellte sie Mulder vor.
Sie reichte dem Professoren mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Schön, Sie kennen zu lernen, Dr. Shimoyama..."
„Bitte, sag' Yama zu mir. Ich sieze nur Leute, die ich nicht leiden kann - also meine Schwiegermutter und den Gerichtsvollzieher. Aber wenn der noch öfter zu uns kommt, werden wir vielleicht noch Freunde." Shimoyama nickte den beiden Agenten zu. „Na los, kommt mit!"
Er ging auf die Tür zu und Mulder und Scully folgten. Sie sah ihn fragend an.
„Ist der immer so?"
Ihr Partner grinste. „Er ist eigentlich schwer in Ordnung. Das merkt man aber meist erst, wenn man ihn näher kennt."
Sie gelangten über eine schwarze Freitreppe in den ersten Stock des Gebäudes. Shimoyama öffnete eine Tür mit der Aufschrift Sperrbereich - Ab hier für Unbefugte kein Zutritt. Sie folgten dem Korridor, der sich irgendwo in der Ebene verlief, in der Dämmerung liegend, die über der ganzen ersten Etage lag. Eine Wand war ganz aus Glas, man sah auf einen Balkon hinaus, auf dem, von feinen Nebelschwaden umweht, Palmen standen. Etwa nach fünfundsiebzig Metern kamen sie zu einer Glastrennung mit weiteren Schildern:

Biogefahr! Vorsicht!
Dieses Labor entspricht USG P4/EX3 der Genetikprotokolle.

VORSICHT!
Teratogene Stoffe

GEFAHR
Anwendung von radioaktiven Isotopen
Karzinogenes Potential

„Achtet nicht auf die Schilder. Die haben wir nur aus rechtlichen Gründen angebracht. Ich kann euch versichern, dass hier absolut nichts passieren wird."
Er führte sie durch die Tür, nickte dem Wachposten auf der anderen Seite zu, und bog in einen schmäleren Seitengang ab.
„Natürlich werden auf dieser Ebene auch noch andere Experimente als die mit unseren Robotern gemacht. Aber das brauche ich euch wohl nicht zu erklären. Auf einem Raketenversuchsgelände wie Cape Canaveral läuft so einiges ab. Im Moment untersuchen sie das Gestein von den beiden Marsmonden Phobos und Deimos und der Venus. Und das nur, weil so ein Spinner ankam und behauptete, es hätte einen zehnten Planeten in unserem Sonnensystem gegeben, der Phaeton hieß..."
Scully schenkte Mulder ein schelmisches Lächeln. Er grinste bloß.
„Das Ding ist angeblich vor 175 Millionen Jahren bei der Kollision mit einem Planetoiden explodiert", fuhr Shimoyama fort. „Seine Bruchstücke haben sich überall im Sonnensystem verteilt. Und da diese Spinner von Wissenschaftlern, allen voran dieser Quatschkopf von Däniken, bei ihrer Behauptung von wegen Außerirdischen bleiben wollen, sagen sie, auf diesem Phaeton hätte eine hohe Zivilisation gelebt, die daran Schuld ist, dass die Karte der Sumerer vor 4000 Jahren statt neun zehn Planeten aufweist, ägyptische Karten die Erde vom All aus zeigen und dass diese rätselhafte Felsmarkierung in Nazca entstand, die ja angeblich eine Navigationshilfe für landende Raumschiffe gewesen sein soll. Alles Papperlapapp! Alles Unsinn! Diese Leute verschwenden nur Zeit, Nerven und vor allem Geld. Geld, das man für weitaus wichtigere Dinge als diesen Schnickschnack braucht. Außerirdische vom zehnten Planeten! Also wirklich!"
Sie erreichten eine Tür mit der Aufschrift Mikrotechnik. Shimoyama steckte seine Codekarte in den Schlitz, das Licht blinkte auf und die Tür öffnete sich.
Mulder sah einen kleinen, in grünes Licht getauchten Raum. Vier Techniker in Laborkitteln spähten in doppelläufige Stereomikroskope oder betrachteten Bilder auf hochauflösenden Videobildschirmen. Überall lagen kleine Geräte herum, Kästen waren vollgestopft mit winzigen metallenen Bauteilen und Schrauben.
Shimoyama trat an einen der Kästen heran. Zur Verwunderung von Scully enthielt dieser Kakerlaken und Heuschrecken.
„Was machst du denn damit?", fragte sie.
„Nun, vorhin in meinem Seminar sprach ich über die Möglichkeit, Roboter nach dem Insektenprinzip zu bauen, das ja sehr vorteilhaft ist. Aber auch sehr schwer. Doch viel interessanter als ein Roboter mit Insektenintelligenz ist doch eigentlich ein Insektenkörper mit Menschenintelligenz. Diese Tiere hier können durch eine Fernsteuerung dirigiert werden. Sie tun alles, was man ihnen befiehlt." Er deutete auf eine der Kakerlaken, die eine Art Rucksack auf dem Rücken trug. „An den Enden dieses Elektrogepäcks befinden sich in der Nähe der Fühler winzige Nickel-Chrom-Heizstäbe. Kakerlaken reagieren stark auf Wärme, wenden sich davon ab. Dieser Bursche hier kann durch Variierung von Wärme gesteuert werden. Wir haben es sogar geschafft, eine Kakerlake durch eine Röhre von gerade mal 40 Millimetern zu dirigieren." Der Wissenschaftler war an einen verwaisten Schreibtisch getreten und zog einen Ordner aus der untersten Schublade. Kopfschüttelnd reichte er ihn dem Agenten. „Was auch immer du wieder im Schilde führst, Fox, erlaub dir in Bezug auf diesen Konzern hier keine Späße, denn die haben keinen Humor."
„Das weiß ich inzwischen", sagte Mulder ironisch und schlug das Deckblatt zurück. Er zog die Augenbrauen hoch.
„Was ist GenSys?"
„Die Tochterfirma der Biogenetics", antwortete Shimoyama. „Sie ist noch recht neu. Die haben das Ding für neue Tests aufgebaut. Irgendwelche Produkte, die sie an Eidechsen testen wollen..."
Mulder sah Scully bedeutungsvoll an. „Sieht so aus, als müssten wir schon wieder verreisen..." Dabei deutete er auf die Adresse von GenSys...
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