Intra unguis mortifer von Kit-X

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eine knappe Stunde später

Die Gallimimus-Echsen trotteten gemächlich den ausgetretenen Pfad entlang, der an dem Tempel von Kullab vorbei in den Dschungel führte. Rechts graste eine Herde Anatosaurier im flachen Ufergürtel des Sees, labte sich an Wasserpest, Algen und Schilfhalmen. Die Tiere tauchten ihre großen Köpfe mit den breiten Schnäbeln tief ins Wasser und ästen die bemoosten Steine ab, verschlangen kleine Fische, Insektenlarven und Libellen.
Kurz nachdem der Schatten der ersten Bäume auf sie gefallen war, hielten sie plötzlich an. Jonas bemühte sich, das Gleichgewicht auf seinem Reittier zu halten, das scheu zur Seite wich und wie angewurzelt stehen blieb, den Blick starr auf einen großen Stein gerichtet, der am Wegrand stand und mit zahlreichen Bildzeichen verziert war.
„Was ist los?", fragte er verwundert. „Warum bleiben wir stehen?"
„Darum." Dim-Kalir deutete auf den Stein, der schief im sumpfigen Boden steckte. Er war grau und alt und teilweise mit Moos bedeckt. Die Zeichen jedoch, die sicherlich vor langer Zeit hineingemeißelt worden waren, konnte man noch deutlich erkennen.
„Das ist ein Wegweiser", erklärte Malia und übersetzte die akungaischen Worte in die englische Sprache. „Ihr, die Ihr als Feind hierherkommt, kehrt den gleichen Weg zurück, oder der Wald möge euch verschlingen! Ihr, die Ihr als Freund kommt, betretet diesen Pfad in Frieden, und möget Ihr Euer Ziel finden. Und möget Ihr Euch nicht verirren. Und die Geister des Waldes sollen Euch bewachen..."
„Früher hat es eine Burg gegeben, dort, wo nun dichter Dschungel ist", sagte Dim-Kalir. „Doch diese Burg ist verfallen, als die Zahl der Akunganer zurückging. Es war einfach zu zeitaufwendig, das Gebäude in Schuss zu halten. Ich glaube, dass von ihm nur noch Ruinen übrig sind."
„Und dieser Wegweiser war für die anderen Urvölker dieser Gegend gedacht", fuhr Maila fort. „Nur sind diese in den letzten Jahrhunderten beinahe gänzlich verschwunden."
Mit einem Zungenschnalzen trieb sie ihren Gallimimus an, der sich zögernd in Bewegung setzte und weiter dem Pfad folgte, der in den Dschungel führte. Die anderen schlossen bald auf.
„Es gibt viele Lieder über diesen Teil des Tales", raunte Dim-Kalir. „Das, was ihr um euch herum seht, ist der Wilde Wald, der geweihte Ort der Ahnen."
Noch während er sprach, hatte Malia begonnen, mit leiser weicher Stimme zu singen. Das Lied schien erfüllt von Magie, Zauber und Melancholie:

„Ich hörte von einer rauen Burg,
Erbaut bei Berg und Strom.
Das war dereinst, doch nun nicht mehr,
Denn dort bei Berg und Strome
Stehen nunmehr Bäume - Träume.
Wer kommt des Wegs daher?"
„Indiana Jones featuring Lara Croft", brummelte Mulder.
Malia blinzelte verwirrt. „Wer ist das?"
Der Agent grinste und hob abwertend die Hand. „Das ist nicht so wichtig."
Sie ritten schweigend weiter, bis sie eine von Efeu und Farnen umwucherte Höhle erreichten. Dim-Kalir steuerte zielbewusst darauf zu, und Mulder seufzte resigniert.
„Jesus, nicht schon wieder so 'n dunkles Loch!"
„Es ist aber der kürzere Weg - und vor Allem der sicherere." Der Medizinmann sah ihn beschwörend an. „Hier draußen können wir jederzeit auf eine Herde wild gewordener Dilophosaurier stoßen, denen wir schutzlos ausgeliefert sein würden. Da drin allerdings werden wir unter keinen Umständen auf ein solches Monster treffen!"
„Ja, sicher doch. Nur weil die Biester hässlich sind, sind sie noch lange nicht blöd!", knurrte Mulder, kapitulierte aber, als er sah, dass alle anderen dem Medizinmann ins Innere der Höhle folgten. Widerwillig trieb er seinen Gallimimus an und schloss rasch zu Scully auf.
„Ich hoffe bloß, dass der Bunker noch nicht vermietet ist!", raunte er ihr zu.
In der Höhle war es finster. Die feuchten Wände zogen sich etwa fünf Meter oder mehr in die Höhe und bildeten eine gewaltige Kuppel. Ein langer dunkler Gang führte ins scheinbare Nichts.
„Wir sollen doch nicht etwa da runter?" Mulder deutete auf den Tunnel. „Jesus, ich hoffe, mein Pferdchen hat eine gute Ausbildung zum Blindenhund genossen!"
„Tut mir leid, Agent Mulder", erwiderte Dim-Kalir. „Wir werden zu Fuß gehen müssen. Der Tunnel wird dort hinten flacher, und wir würden uns wahrscheinlich die Köpfe anstoßen. Die Echsen werden wir hier zurücklassen."
„Na super", murmelte nun auch Grahm. „Ich glaube, dass mir diese Gruselgrotte auch nicht mehr so sympathisch ist..."
„Mulder?", fragte Scully in die Dunkelheit.
„Trick siebzehn!", antwortete er, und der Strahl einer Taschenlampe flammte auf. Das helle Halogenlicht streifte Steinwände und Felsvorsprünge, wanderte zu Stalagtiten, die von der Decke herabhingen, und zu Stalgmiten, die wie Lanzen aus dem Boden wuchsen. Der Strahl der Taschenlampe tanzte weiter, bis er urplötzlich innehielt.
„Grundgütiger!", hauchte Mulder, und hätte das kleine Gerät in seiner Hand beinahe fallen lassen, so erschrocken war er.
Ein gewaltiges grünes Gebilde bewegte sich vor ihnen. Der Strahl der Taschenlampe huschte über verknotete Haut. Ein kleiner Kopf wurde sichtbar, träge Augen blickten zu der Gruppe hinüber. Mit einem dumpfen Brummen setzte sich der Koloss in Bewegung und trampelte an ihnen vorbei, dem Höhlenausgang zu. Die gewaltigen Knochenplatten auf dem Rücken des Tieres ließen es wie eine lebende Festung erscheinen.
„Ein Stegosaurus", sagte Grahm, während er dem sich weiter entfernenden Dinosaurier hinterherblickte. „Und was für ein Prachtexemplar!"
„Kommen Sie!", sagte Dim-Kalir ungeduldig. „Wir sollten uns beeilen! Der Weg durch die Höhlen ist lang!"
Sie folgten ihm in den Tunnel. Dieser wurde nach einigen Metern wirklich schmäler. Mulder musste schon nach wenigen Minuten gebückt gehen, dennoch stieß er sich hier und da den Kopf an den tiefhängenden Stalagtiten, wobei er mehr oder weniger laut fluchte. Auch Scully fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut. Bisher hatte sie nie auch nur die Vermutung angestellt, in engen Räumen panisch zu werden, doch nach und nach schienen sich die ersten Anzeichen von Klaustrophobie einzustellen.
Sie passierten unzählige Kreuzungen, wandten sich einmal nach links und einmal nach rechts, kletterten enge Schächte hinauf, um dann wieder schlüpfrigen Pfaden in die Tiefe zu folgen. Es schien beinahe so, als wolle sie Dim-Kalir absichtlich verwirren. Manchmal waren die Gänge so eng, dass sie seitlich hindurchgehen mussten, mit Rücken und Gesicht gleichzeitig an der Wand, die feucht, kalt und modrig war. Scully griff nach Mulders Arm, als ihre Beine unter ihr nachgaben, und ließ sich von ihm mitziehen.
„Ich glaube, dass ich in den letzten zehn Minuten mindestens zwölf neue Religionen entdeckt habe!", knurrte ihr Partner mürrisch, während er ihr half, sich zwischen zwei nahe beieinander stehenden Felsvorsprüngen hindurchzuquetschen. Sie schob sich durch den engen Spalt, stolperte dabei fast über eine kaum sichtbare Erhebung im Boden. Mulder packte gerade noch rechtzeitig ihre Hand und zog sie hoch, bevor sie gegen die kantigen Felsen fallen und sich daran verletzen konnte. Sachte half er ihr auf die Beine und führte sie weiter den Gang entlang.
Nach einer scheinbaren Unendlichkeit verbreiterte sich der Tunnel. Scully traute sich endlich, Mulders Hand wieder loszulassen, auch wenn sie noch immer leicht taumelte.
„Richten Sie das Licht bitte nicht an die Decke oder in die oberen Nischen", bat Dim-Kalir. „Sie könnten die Fledermäuse aufschrecken, die hier zu hunderten Zuflucht finden."
„Also sind wir nahe am Ausgang?", fragte Scully hoffnungsvoll.
„Ja. Kommen Sie."
Die Höhle war riesig, fast größer als die erste. Links von ihnen lag ein tiefdunkler See, der so klar war, dass man bis auf den Grund hinabsehen konnte, wo sich einige große Gestalten bewegten. Breite Körper mit kräftigen Paddeln und langen schlanken Hälsen, auf denen kleine Köpfe mit zähnestarrenden Mäulern saßen. Erstaunlich wendig und flink folgten die gewaltigen Tiere den vor ihnen flüchtenden Fischen, machten hier und da erfolgreiche Beute.
„Cryptocleidus", sagte Grahm, und er klang wie ein Fremdenführer der Sorte Neckermann-Reisen. „Fischfresser aus dem späten Jura."
„Solange sie bleiben, wo sie sind, können sie sein, was sie wollen", stellte Mulder nüchtern fest, der inzwischen schon den Ausgang entdeckt hatte, dessen helles Licht so unwahrscheinlich verlockend schien. „Verschwinden wir hier."
Sie hatten sich der breiten Öffnung im Fels bis auf knappe zwanzig Meter genähert, als ihnen ein drohendes Fauchen entgegenscholl. Die Gruppe erstarrte.
Jonas suchte mit Adleraugen den breiten Tunnel vor ihnen ab. Das Fauchen klang nicht wie das der Dilophosaurier oder Raptoren. Im Gegenteil. Es klang so... vertraut.
Dann entdeckte er das gelbe Augenpaar im Schatten des Felsens, das die Gruppe mit starren Blicken fixierte. Ein schlanker und doch muskulöser Körper, bedeckt mit sandbraunem Fell. Auf den ersten Blick hätte Jonas das Wesen für einen Löwen gehalten, doch beim genaueren Hinsehen registrierte er die langen spitzen Zähne, die im gedämpften Licht aufblitzten.
„Ein Säbelzahntiger", murmelte er. „Na großartig! Das hat uns gerade noch gefehlt!"
Die prähistorische Raubkatze löste sich aus dem Schatten der Felsen und schlich in gebückter Haltung auf die Gruppe zu. Das Nackenhaar war gesträubt, die Ohren angelegt. Der Säbelzahntiger zog die Lefzen hoch und bleckte die Zähne. Ein gefährliches Knurren entrann sich seiner Kehle.
Jonas, der an der Spitze der Gruppe gegangen war, wich immer weiter zurück, bis er gegen Dim-Kalir prallte, der die auf sie zukommende Raubkatze mit blicklosen Augen anstarrte.
„Tun Sie doch was!", zischte Grahm. „Das Vieh verspeist uns glatt zum Mittagessen!"
„Sofern man ihm nichts anderes gibt", erwiderte Mulder, der urplötzlich eine große Dose in der Hand hielt. Er bückte sich, stellte die Dose auf den Boden und öffnete sie mit Hilfe seines Taschenmessers.
„Was tun Sie da?", fragte Malia verständnislos.
„Sagten Sie nicht, dass Sie nichts von Dosenfutter halten?" Mulder grinste sie schief an. „Warum also soll ich das schwere Zeug noch weiter mit mir herumschleppen? Außerdem kann man damit unserem netten Freund hier eine kleine Freude bereiten."
Er drehte die Dose um und ließ den Inhalt auf den Boden klatschen. Auffordernd blickte er zu der Raubkatze auf, die sich ihnen weiterhin näherte, jedoch merklich schnupperte. Der Geruch des handwarmen Essens stieg ihr in die Nase und lockte sie näher an die Gruppe heran.
„Miez, miez, miez! Komm, jetzt gibt's Büchsenfutter! Ravioli von Maggie!"
Mulder wich ein, zwei Schritte zurück, als der Säbelzahntiger vor dem Häufchen aus mit Fleisch gefüllten Nudeln in Tomatensauce stehen blieb und erneut schnupperte. Neugierig beugte sich das Tier hinab, leckte an den Ravioli - und begann zu fressen.
Ungläubig starrten die anderen auf die friedlich gewordene Raubkatze, deren Nackenhaar sich gelegt hatten. Beinahe gierig fraß sie die Nudeln.
Mulder zuckte mit einem breiten Grinsen mit den Schultern, als ihm die fassungslosen Blicke seiner Begleiter trafen. „Tja, Säbelzahntiger würden Maggie kaufen. Die wissen wenigstens, was gut schmeckt. Mit Wiskas hätte ich den Burschen sicherlich nicht ködern können..."
Rasch öffnete er eine weitere Dose und schüttete auch deren Inhalt auf den Boden.
„Solange der Kerl was zu futtern hat, wird er uns kaum jagen. Klingt doch logisch, oder?"
Die Katze machte sich über die zweite Portion Ravioli her. Sie war so sehr mit Fressen beschäftigt, dass sie sich nicht einmal umwandte, als die sechsköpfige Gruppe hinter ihr vorbeihuschte und durch die Höhlenöffnung nach draußen trat.
Gewaltiges Getöse empfing sie. Und anstatt eines tiefen Urwalds oder einer weiten Ebene erwartete sie ein weißer Dunst, der weiter vorn zu einer gewaltigen sich bewegenden Wand wurde, die nach unten zu stürzen schien.
Sie standen hinter einem gewaltigen Wasserfall.
„Super!", kommentierte Mulder gewohnt ironisch. „Und wie kommen wir hier runter?"
„Neben dem Wasserfall führt ein Pfad nach unten", sagte Dim-Kalir. „Er führt in zwei Richtungen. Wenden wir uns nach links, so werden wir jenseits von Akunga in der Außenwelt ankommen. Gehen wir aber nach rechts, kommen wir in einem Bogen zurück in das Reich der Dschungelstadt."
In diesem Moment teilte sich der Vorhang aus herabschießendem Nass, und der gewaltige Schädel eines Raubsauriers stieß durch die Wasserwand.
Mulder starrte entsetzt den weit aufgerissenen Rachen an. Scully klammerte sich erschrocken an seinem Arm fest, während sich Grahm kreischend zu Boden warf. Der Kopf schwang hin und her und zog sich dann wieder zurück. Doch der Schatten des Kopfes auf der Wand stürzenden Wassers blieb.
Gerade noch rechtzeitig zog Jonas Malia tiefer in die Nische, denn wieder stieß der Kopf brüllend und mit gierig zuckender Zunge durch das Wasser. Tropfen spritzten in alle Richtungen vom Kopf weg. Dann zog er sich erneut zurück.
Scully drängte sich zitternd an Mulder, der sie an die Felswand zurückgezogen hatte. „Ich hasse diese Viecher langsam!", sagte sie und presste sich an den feuchten Stein. Aber die Nische war nicht tief genug. Keiner von ihnen konnte sich vor dem lauernden Monster verstecken.
Wieder stieß der Kopf durch das Wasser, aber diesmal langsamer, und der Unterkiefer kam auf dem Boden zu liegen. Der Saurier schnaubte, die Nüstern blähten sich, er atmete die Luft ein. Nur die Augen waren noch hinter der Wasserwand. Er kann uns nicht sehen, dachte Mulder. Er weiß, dass wir hier sind, aber er kann uns nicht sehen.
Die gewaltige Echse schnupperte.
„Was macht er denn?", fragte Scully.
„Pscht!"
Mit einem tiefen Knurren öffnete sich das Maul, die Zunge kroch heraus, bläulichschwarz und an der Spitze gespalten. Über einen Meter lang, reichte sie bis zur hintersten Wand der Nische. Mit einem kratzenden Geräusch glitt sie über die kantigen Steine. Die Menschen drängten sich dicht gegen die Wand. Die Zunge bewegte sich langsam nach links, dann nach rechts und tastete feucht klatschend den Boden ab. Mulder sah die Muskelbewegungen der Zunge, die an einen Elefantenrüssel erinnerte. Die Zunge glitt an der rechten Wand der Nische entlang und stieß schließlich gegen Scullys Beine. Die Agentin schnappte nach Luft, schrie jedoch nicht auf, auch wenn in ihrem Gesicht das blanke Entsetzen zu lesen war.
„Vielleicht sollte ich dem auch etwas zu essen anbieten", versuchte Mulder zu scherzen. „Ich habe noch 'ne Portion Lasagne im Rucksack..."
Die Zunge hielt inne und schlängelte sich an Scullys Körper hoch...
„Bewegen Sie sich nicht", flüsterte Mulder.
...an ihrem Gesicht vorbei, auf Mulders Schulter und schließlich um seinen Kopf. Mulder kniff die Augen zusammen, als der schleimige Muskel sein Gesicht bedeckte. Die Zunge war heiß und nass und stank wie Urin.
Die Zunge umklammerte Mulders Kopf und zog ihn sehr, sehr langsam auf den geöffneten Rachen zu.
„Mulder..."
Er konnte Scully nicht antworten, denn sein Mund war von der flachen schwarzen Zunge bedeckt. Er konnte sehen, aber nicht reden. Scully zerrte an seiner Hand.
Die Zunge zog Mulder auf das schnaubende Maul zu. Er spürte den heißen keuchenden Atem auf seinen Beinen. Scully hielt ihn weiterhin fest, kam aber nicht gegen die Muskelkraft des Sauriers an. Schließlich ließ Mulder Scully los und drückte mit beiden Händen gegen die Zunge. Er versuchte, sie sich über den Kopf zu schieben, konnte sie jedoch keinen Zentimeter bewegen. Selbst als er die Hacken mit seiner ganzen Kraft in den schlammigen Boden grub, zerrte ihn die Zunge Zentimeter um Zentimeter weiter.
Scully umschlang seine Taille und hängte sich an ihn, schrie auf ihn ein, aber Mulder war hilflos. Er sah Sterne, und allmählich überkam ihn eine eigentümliche Ruhe, ein friedliches Gefühl der Unausweichlichkeit, während er Stück für Stück weitergezerrt wurde...
Ein lauter Knall riss ihn zurück in die Wirklichkeit. Plötzlich erschlaffte die Zunge und löste sich. Mulder spürte sie von seinem Gesicht gleiten. Ein ekliger weißer Schaum überzog seinen Körper, die Zunge fiel schlapp zu Boden. Die Kiefer klappten zu, Zähne gruben sich in die Zunge. Dunkles Blut spritzte heraus und vermischte sich mit dem Schlamm. Aus den Nüstern kam stoßweises Schnauben.
„Was ist denn jetzt los?", fragte Mulder irritiert.
Langsam, sehr langsam glitt der Kopf aus der Nische, im Schlamm eine lange tiefe Spur hinterlassend. Schließlich war er ganz verschwunden, und sie sahen nur noch die silbrige Wand fallenden Wassers. Und als sich Mulder umwandte, sah er Scully mit noch immer weit von sich gestreckter Pistole einen knappen halben Meter entfernt stehen.
„Danke, Scully", sagte er matt. „Sie haben was gut bei mir."
Sie nickte kaum merklich und ließ die Waffe wieder in ihrem Holster verschwinden. „Lasst uns schnellstens abhauen!", sagte sie grimmig. „Wer weiß, wann das Vieh wieder Hunger bekommt!"

zwei Stunden später

Sie hatten das Reich Akungas unversehrt und ohne spektakuläre Zwischenfälle wieder erreicht. Auch Mulder hatte sich wieder gefasst. Er war ziemlich erleichtert, als er in der Ferne das Dach eines Tempels zwischen den Baumkronen entdeckte.
„Ist das da vorne schon Akunga?", fragte er hoffnungsvoll.
Dim-Kalir schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Agent Mulder, aber das ist bloß ein kleiner Tempel, der zu den Burgruinen der Vorfahren gehört. Hier lebt nur Piak, der Wächter des Westens."
Mulder seufzte resigniert. Er war totmüde, nach all den Strapazen der letzten Stunden konnte er ein paar Stunden Schlaf mehr als gebrauchen. Aber die würde er höchstwahrscheinlich noch nicht bekommen.
Der Wald wurde lichter, bis er sich schließlich teilte und eine große Lichtung preisgab. Darauf standen viele Gebäude. Es war eine ganze Stadt mit Häusern, Mauern, Türmen und Treppen. Im Schatten der umliegenden Bäume wirkte sie beinahe gespenstisch, diese Stadt, alt und verkommen, halb zerfallen mit unzähligen schwarzen huschenden Schatten. Es war eine tote Stadt, arg zugerichtet und verlassen, mit bröckelnden Mauern, die Häuser waren nichts weiter als Ruinen. Und doch wirkte sie mächtig und schön.
„Dieser Ort war einmal voller Leben", sagte Dim-Kalir wehmütig. „Hunderte von Jahren ist das her. Nur das Zentrum der Stadt steht hier noch. Sie war einst sehr viel größer, doch ist das meiste von ihr vom Dschungel geschluckt worden."
„Die Natur holt sich zurück, was ihr einst gehörte", bemerkte Mulder mit leiser Stimme und betrachtete andächtig die Ruinen vor sich.
Dim-Kalir führte die Gruppe an den zerfallenen Häusern vorbei, ins Innere der Stadt. Sie passierten Altare und andere Opferstätten, Brunnen und Tränken, noch immer erkennbare Feuerstellen und finster dreinblickende Statuen, die, teils von Efeu umrankt, auf sie hinabzustarren schienen. Sie stiegen die abgetretenen Stufen zum Tempel, dem noch am Besten erhaltenen Gebäude, hinauf und betraten die im Dämmerlicht liegende Innenhalle. Ein ihnen wohlbekannter Geruch kam ihnen entgegen, und Mulder blieb beinahe augenblicklich stehen, die Augen aufmerksam auf das Durcheinander von Holzbänken, umgefallenen Statuen und Stofffetzen vor ihnen gerichtet.
„Hier stimmt etwas nicht", murmelte er, während er Scully zurückhielt, die schon vorausgehen wollte. „Hier riecht es nach Tod und Verwesung... - Sagten Sie nicht, dass Piak einen kleinen Teil des Tempels bewohnt?"
„Ja..." Dim-Kalir war sichtlich unwohl zumute. Sein Gesicht wurde blass. „Er wird doch nicht... - so wie Enak..."
Mulder stürzte voran, stieg über eine umgefallene Steinsäule und blickte sich suchend um. Als er entdeckt hatte, was er suchte, presste er seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
„Jesus, was, zum Teufel, ist das?"
„Das müssten Sie doch am Besten wissen!", schnappte Grahm spöttisch. Und mit einem herablassenden Tonfall fügte er hinzu: „Spooky!"
„Ja, natürlich!" Mulder verbeugte sich mit einem ironischen Gesichtsausdruck vor dem Paläontologen. „Darf ich mich vorstellen? Sprengler, Gespensterjäger. Ich habe bloß meine Detektoren für paranormale Aktivitäten vergessen! Und Slimer ist mit irgendeiner Monsterbraut durchgebrannt!"
„Mulder!" Scully boxte ihm sanft, aber warnend in die Seite.
Er hob die Hände zur Kapitulation. „Okay, okay, ich höre ja schon auf. Dennoch bleibt meine Frage unbeantwortet: Was ist das?"
Die Leiche, die halb verborgen unter einer Bank lag, war von Fliegen und Maden übersät. Die Kleidung war zerfetzt, das Haar lang und grau, das Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzogen, hohlwangig, leer, beinahe geisterhaft. Ohne Zweifel, der Kadaver war nicht der eines Dinosauriers oder der eines anderen Tieres, aber auch nicht der eines Menschen. Die Proportionen stimmten nicht, die Hände ähnelten krallenbewehrten Klauen, die aus je drei Fingern bestanden. Die Haut war ledrig und glänzte schleimig. Das Kopfhaar war dünn und stand in scheinbar alle Richtungen ab.
„Ein Ghoul!", hauchte Dim-Kalir.
Mulder riss entsetzt die Augen auf und trat hastig zwei Schritte zurück. „Was sagen sie da?", flüsterte er.
„Die Aasfresser", sagte Malia mit tonloser Stimme. „Die Ghouls. Sie sind die Geschöpfe aus dem Untergrund und gelten seit mehreren Jahrzehnten als ausgestorben. Ich dachte, unser Volk hätte sie alle vernichtet..."
„Anscheinend nicht. Das da ist höchsten fünf oder vier Tage tot", sagte Scully, während sie sich die Nase zuhielt. Der Gestank, den die Leiche ausströmte, war wirklich unerträglich.
„Es trägt Piaks Kleidung", sagte Dim-Kalir blass. „Es hat ihn umgebracht, gefressen und seine Kleider angelegt!"„Und wer hat es getötet?", fragte Mulder.
„Sie gehen mir auf den Geist mit Ihrer Fragerei!", blaffte Grahm.
„Wir müssen hier verschwinden", sagte Malia. „So schnell wie möglich. Dieser Ort ist verflucht!"
Sie verließen eilig den Tempel und rannten durch die Stadt, sich bei jedem Schritt panisch nach allen Seiten umsehend. Wer konnte auch nur ahnen, ob nicht hinter dem einen oder anderen Haus ein grausiges Monster lauerte, ob nicht ein Ghoul hinter den Statuen versteckt stand oder im Brunnen ausharrte. Die alte Legende war wieder zum Leben erwacht...

unweit der Ruinenstadt

„Wenn die Ghouls überlebt haben, dann sollten wir uns beeilen, diesen Teil des Tals schnellstmöglich hinter uns zu lassen", sagte Dim-Kalir. „Ich möchte gar nicht daran denken, was passieren könnte, wenn wir einigen von ihnen begegnen..."
„Sagt die Legende denn nicht, dass man diesen Wesen mit geweihtem Silber beikommen könnte?", erkundigte sich Mulder, der direkt hinter dem Medizinmann dem schmalen Dschungelpfad folgte.
„Ja, das stimmt. Aber auch das hier ist wirkungsvoll." Der Alte zog ein goldenes Amulett hervor, in das einige Zeichen eingeritzt worden waren. „Jedoch ist das die einzige Waffe gegen die Aasfresser, die ich besitze. Wir bräuchten mehr. Für den Extremfall..."
Jonas zog eine Kette unter seinem T-Shirt hervor. Es war ein silberner Stierkopf an einem schwarzen Stoffband.
„Wie wäre es damit?", fragte er.
Dim-Kalir nahm die Gabe mit einem leichten Nicken entgegen. „Besser als nichts."
„Scully hat Silberknöpfe." Mulder deutete auf die Bluse seiner Partnerin. „Die könnten wir doch auch nehmen..."
„Wenn Sie mir ein Shirt auftreiben können, gern", erwiderte sie. „Außer dieser Bluse habe ich nämlich nichts dabei. Der Rest liegt noch in der Hütte in Akunga."
„Wir nehmen einfach die unteren Knöpfe und Sie verknoten die Bluse. Das ist der letzte Schrei, Scully."
Sie seufzte ergeben. „Na schön. Hat jemand eine Schere oder ein Taschenmesser für mich?"
Mulder grinste, während er dabei zusah, wie sie die unteren Knöpfe entfernte und die Bluse unter der Brust verknotete. Nun sah sie endgültig aus, wie eine Dschungelabenteurerin, outfitmäßig eine gewisse Ähnlichkeit mit Lara Croft aufweisend.
„Hey, so sollten Sie mal bei Skinner auftauchen! Dem Burschen würden Sie glatt das verkalkte Gehirn verdrehen, in diesem Aufzug!", feixte Mulder.
„Ach, schaffe ich das bei Ihnen noch nicht?", gab sie schlagfertig zurück, während sie Jonas wieder sein Taschenmesser gab, mit dessen Hilfe sie die Knöpfe abgetrennt hatte.
„Kommen Sie, lassen Sie uns weitergehen!", drängte Dim-Kalir. „Um so schneller wir diesen Teil des Tals verlassen, umso besser!"

eine knappe Viertelstunde später

Sie waren nicht weit gegangen, als sich ihnen eine Gruppe von Männern in den Weg stellte. Es waren sieben an der Zahl, allesamt mit Speeren und langen Buschmessern, die sie in ihren Gürteln trugen, bewaffnet. Von ihrem Aussehen ähnelten sie den Menschen aus Akunga, doch war ihre Ausstrahlung eine andere. Sie war kriegerisch und misstrauisch, nicht freundlich und offen.
„Uruks!", entfuhr es Dim-Kalir, und er wich erschrocken einen Schritt zurück.
Mulder beobachtete, wie einer der Fremden seine rechte Hand hob und auf das Waldstück hinter sich deutete. Dazu sprach er in einer für Mulder unverständlichen Sprache. Er wusste nicht, ob es Akungaisch war, doch er hatte das untrügliche Gefühl, dass dieser von Dim-Kalir als Uruks bezeichnte Stamm sehr viel mit der Dschungelstadt zu tun hatte.
„Was wollen die?", fragte Jonas leise.
„Wir sollen ihnen folgen", sagte Malia leise.
„Das können wir nicht!", protestierte Grahm. „Wir müssen zurück in die Stadt!"
„Wenn wir ihnen nicht aus freien Stücken folgen, werden sie uns mit Waffengewalt dazu zwingen", erwiderte Dim-Kalir düstern.
Kaum hatte er ausgesprochen, als sich auch schon sieben Speerspitzen auf sie richteten.
„Geht!", befahl der Medizinmann. „Leistet ihnen keinen Widerstand! Tut einfach, was sie verlangen!"
Die Uruks umzingelten sie und trieben sie vor sich her in den Wald. Jeweils drei Männer gingen links und rechts von ihnen, ein einzelner bildete das Schlusslicht. Sie bedachten ihre Beute mit drohenden Blicken, die so eisig waren, dass Jonas glaubte, jeden Moment festfrieren zu müssen.
„Wohin bringen sie uns?", fragte er an Dim-Kalir gewandt.
„In ihr Dorf", raunte der Medizinmann. „Sie wollen meinen Rat."
„Können sie denn nicht etwas freundlicher darum bitten?", knurrte Mulder, der hinter ihnen ging.
Der Wald lichtete sich, und sie folgten nun dem Uferstreifen eines Sees. Weiter vorn ging es leicht bergauf.
„Haben Sie noch die Silberknöpfe, Agent Mulder?", fragte Malia.
„Ja, wieso?"
„Weil wir sie vielleicht brauchen werden, denn seit jeher haben Ghouls bei den Uruks gelebt."
„Na großartig!", kommentierte Scully.
„Der Stamm und die Ghouls führen so eine Art Zweckgemeinschaft", erklärte die Akunganerin leise. „Die Untoten beschützen die Uruks, dafür verlangen sie frisches Fleisch als Gegenleistung."
„Na hoffentlich steht heute nicht Paläontologenfilet und Agentenfutter auf den Speiseplan", murmelte Mulder.
Scully bedachte ihn mit einem wütenden Blick. „Wäre es nach mir gegangen, wären wir gar nicht hier und wären andauernd in Gefahr, von irgendwelchen Raubechsen oder Dämonen aufgefressen zu werden!"
Sie kamen zu dem Baumstück über dem See. Für einen Moment sah Mulder weder die finsteren Gestalten, die sie mit ihren Speeren weiter vorantrieben, noch Scullys mürrisches Gesicht. Ihm schwindelte. Diese Bäume! Riesige Robinien, Koniferen, Ginkos und Zypressen. Äste, Wurzeln und Stämme waren mit Moos und vielfarbigen Pilzen besetzt. Von Baum zu Baum verliefen Hängebrücken und Bohlenstege. Wohnnester und Waben hingen bis in den Kronenraum. Kletternetze schaukelten auf den Boden, Schilfbedachungen, Sonnensegel und Grasmatten überdachten gegeneinander versetzte Plattformen. Mooswände standen dazwischen, bunte Perlvorhänge schaukelten über Hängematten. Efeugewächse durchflochten die Plattformen. Nirgends ein rechter Winkel. Die ganze Struktur wuchs vom Waldboden bis in die Wolken, fiel und stieg an und setzte sich unübersehbar durch das Waldstück fort. Ein Hausboot, stellte sich Mulder vor. Nein, ein Riesenschiff unter gebauschten Segeln, das der Wind über die Berge in ferne Welten entführte. Ein grünes Raumschiff.
„Das Dorf der Uruks", sagte Malia leise.
Die bewaffneten Männer trieben sie die Kletternetze hinauf auf die unterste Plattform. Aus den Wohnnestern und Waben starrten ihnen unzählige Augenpaare entgegen. Ein finster dreinblickender Mann kam ihnen entgegen, begleitet von einem knapp zehnjährigen Jungen
„Das ist der Häuptling", sagte Dim-Kalir. „Kabip. Das bedeutet der Schreckliche."
„Es wird immer besser", murmelte Mulder leise vor sich hin.
Kabip trat vor Dim-Kalir, begrüßte ihn knapp, und begann auf ihn einzureden. Der Medizinmann nickte einige Male, erwiderte hier und da etwas. Dann deutete er auf Scully.
„Lai b'ana", sagte er.
„Was sagen Sie ihm da?", fragte die Agentin, und ihrer Stimme war zu entnehmen, dass ihr mehr als bloß unwohl war.
„Eine Frau liegt in den Wehen. Es gibt Komplikationen bei der Geburt, und der ansässige Schamane kann mit seinen Liedern und Tänzen nicht helfen", erklärte Dim-Kalir. „Ich habe ihm gesagt, dass Sie Ärztin, also eine Weise, sind und dass Sie helfen können."
„Aber..."
Der Medizinmann unterbrach ihren Protest. „Der Junge wird Sie zu der Hütte führen. Er heißt Oci."
Oci trat auf Scully zu, griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her, zu einer kleinen Holzhütte, die weiter hinten auf der Plattform stand. Die anderen folgten automatisch, während Dim-Kalir zurückblieb, um weiter mit Kabip zu reden.
An der Hütte angekommen, öffnte Oci die Tür und führte Scully ins Innere. Auf dem Boden hatte man einen Erdhaufen aufgehäuft, auf dem ein kleines Feuer brannte und etwas Licht in den Raum brachte. Ebenfalls erhellten einige Fenster das Innere. Auf einem Felllager, im rückwärtigen Teil der Hütte, lag eine hochschwangere junge Frau, vielleicht nicht älter als achtzehn. Ihr Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Oci deutete auf sie, dann drehte er sich um und verließ die Hütte.
Sully kniete sich neben der Frau nieder, tastete langsam den prallen, nackten Bauch ab.
„Das Kind liegt falsch herum", stellte sie nüchtern fest. „Wir müssen einen Kaiserschnitt vornehmen."
„Hier? Mitten im Dschungel?" Grahm sah sich beinahe panisch um. „Agent Scully, die Frau hier wird das nicht überleben!"
„Vertrauen Sie ihr einfach, okay?", sagte Mulder eindringlich, während er den Wissenschaftler aus der Hütte schob. „Passen Sie einfach auf, dass niemand in dieses Haus kommt, und alles ist in Ordnung! Lassen Sie Dim-Kalir die ganze Sache erklären! Wir werden uns darum kümmern."
Grahm sah ihn finster an. „Wenn es Ihnen nicht gelingt, diese Frau dort zu retten, werden diese Voodoo-Priester Sie für Teufel halten und bei lebendigem Leibe rösten!", zischte er. „Und ich lege nur ungern mein Leben auf die Waageschale!"
„Verschwinde jetzt, Ben!", fuhr ihn Jonas ungestüm an. „Pessimisten können wir hier nicht gebrauchen!" Er packte ihn am Arm und beförderte ihn mehr oder weniger sanft vor die Tür und zog sie anschließend hinter sich zu.
„Sie müssen mir helfen, Mulder." Scully hatte sich über die wimmernde Frau gebeugt und befühlte ihre Stirn, strich anschließend über den prallen Bauch. „Ich brauche heißes Wasser zum Desinfizieren, Nadel und Faden, wenn es geht, auch Tücher..."
Ihr Partner hatte bereits den Rucksack abgesetzt und durchwühlte die Taschen. Schere, Nadel und Garn fand er recht schnell. Er fand auch einen Topf, füllte ihn mit dem Wasser, das er in der Trinkflasche mitgeführt hatte, und hängte ihn über das Feuer.
„Haben Sie so etwas schon mal gemacht?", erkundigte er sich, während er die Schere in das dampfende Wasser hielt, um sie zu desinfizieren.
„Um die Wahrheit zu sagen, nein", gab sie zu. Jedoch klang ihre Stimme dermaßen ruhig und konzentriert, dass ihre Antwort Mulder nicht beunruhigte. Er vertraute ihren Fähigkeiten als Ärztin. Sie würde schon wissen, was zu tun war. Er zog ein großes Badetuch aus dem Rucksack und reichte es Scully, die es der Frau unterschob, um wenigstens ein einigermaßen hygienisches Umfeld zu schaffen.
„Wir haben nicht einmal ein Narkosemittel", murmelte Scully. „Sie wird höllische Schmerzen haben..."
„Warten Sie." Mulder inspizierte den Verbandskasten und die kleine Hausapotheke, die sie vorsichtshalber mitgenommen hatten. „Wir haben Morphin da... Für alle anderen Mittel würden wir einen Beatmungsapparat brauchen, Morphin würde lediglich die Schmerzausschaltung und Entspannung hervorrufen..."
„Besser als nichts." Scully zog sich Latexhandschuhe über und nahm anschließend das kleine Fläschchen und eine Kanüle entgegen. „Würden Sie sie bitte auf die Seite drehen, Mulder? Ich muss die Epiduralanästhesie durch Injektion des Lokalanästhetikums in den Periduralraum des Wirbelkanals einleiten..."
„Müssen Sie ausgerechnet hier mit Fachchinesisch anfangen?", beschwerte er sich, griff aber unverzüglich nach der wimmernden Frau, um sie sanft auf die Seite zu drehen.
„Das heißt, dass der Bauchraum durch vorrübergehende Unterbrechung der Erregungsleitung der Nerven betäubt wird. Der Periduralraum umgibt das Rückenmark." Scully bereitete die Injektion vor und betrachtete die Frau. „Ich werde einen horizontalen Schnitt knapp oberhalb des Schambeins machen. Diese Art von Schnitt heilt am Besten..." Sie blickte auf. „Und Sie werden mir wohl oder übel zur Hand gehen müssen, denn allein schaffe ich das nicht."
Er lächelte matt. „Zum Glück gehöre ich nicht zu denen, die bei dem Anblick von Blut in Ohnmacht fallen..."
Scully verabreichte die Spritze, und Mulder drehte die Frau daraufhin wieder auf den Rücken. Er schob ein Fell unter ihren Kopf und redete beruhigend auf sie ein. Scully blickte kurz zu ihm, während sie die desinfizierte Schere aus dem brodelnden Wassertopf fischte. Die Frau konnte ihn zwar nicht verstehen, aber vielleicht bewirkte der sanfte, ruhige Ton seiner gedämpften Stimme irgend etwas. Jedenfalls griff sie mit flehendem Blick nach seiner Hand. Mulder drückte sie leicht.
„Es wird alles gut", versprach er. „Wir kriegen das schon hin..."
Die Tür der Hütte öffnete sich, und Malia schlüpfte hinein. Sie kniete neben der Frau nieder, betrachtete kurz das Tun der beiden Agenten.
„Sie ist die Frau des Häuptlings", sagte sie leise. „Sari."
„Na super!", murmelte Mulder. „Scully, Sie wissen auch ganz sicher, was Sie da tun?"
Sie sah ihn nur kurz an.
„Beruhigen Sie sie", sagte Mulder an Malia gewandt. „Sagen Sie ihr, dass wir versuchen, sie und ihr Kind zu retten, und dass wir sie nicht im Stich lassen werden. Sagen Sie ihr, dass Scully eine Heilerin ist, und dass sie weiß, was zu tun ist."
Malia nickte und begann, leise auf Sari einzureden.
Mulder streifte sich ebenfalls Latexhandschuhe über und rutschte zu Scully hinüber, die bereits den Schnitt gemacht hatte. Sari hatte kaum gezuckt, das Morphin schien zu wirken. Fruchtwasser quoll aus der Öffnung im Unterleib, vermischt mit etwas Blut.
Scully dehnte vorsichtig die Haut, das Licht, das durch die Fenster in die Hütte gelang, fiel auf das Segment unterhalb des Uterus.
„Nehmen Sie das Kind vorsichtig heraus, Mulder, ganz langsam, damit der Schnitt nicht noch weiter aufreißt. Schieben sie ihre Hand unter sein Becken und heben Sie es ganz vorsichtig an. Bloß keine Eile..."
Sie blickte kurz zu Sari, die vertrauensvoll zu Malia aufblickte, die ihr die Hand hielt und beruhigend auf sie einredete. Als Scully wieder den Blick wandte, sah sie, dass Mulder bereits das Kind herausgehoben hatte, so wie sie es ihm gesagt hatte. Mit der rechten Hand hielt er seinen Rücken, mit der linken stützte er das Köpfchen.
„Ganz schön glitschig, der Bursche", kommentierte er.
„Halten Sie den Kleinen an den Beinen fest, mit dem Kopf nach unten, damit der Schleim aus dem Mund laufen kann", wies ihn Scully an, während sie in den Einschnitt griff, um auch die Plazenta zu entfernen.
„Barbarische Sitten!", knurrte er, tat aber, was von ihm verlangt wurde.
Scully überprüfte die bereits herausgenommene Plazenta, ob sie auch komplett abgegangen war, und nickte zufrieden.
Mulder angelte mit der freien Hand nach der Schere, die Scully wieder in den Topf mit heißem Wasser hatte gleiten lassen. Mit der linken Hand presste er nahe am Bauch des Neugeborenen die Nabelschnur ab, bevor er sie durchtrennte. Das Baby schnappte zum ersten Mal in seinem Leben nach Luft und schrie.
„Sie sind ja richtig begabt, Mulder", bemerkte Scully mit einem merklichen Lächeln. „Säubern Sie den Kleinen, während ich den Schnitt wieder vernähe."
Sie machte sich an die Arbeit, konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, nach dem Kind nun auch noch die Mutter zu retten. Der Faden war glücklicherweise reißfest, würde aber dennoch leicht zu entfernen sein, sobald die Wunde verheilt war.
Als sie endlich fertig war und vor Erleichterung seufzend aufblickte, sah sie, wie Mulder Sari das Neugeborene reichte, das er mit warmen Wasser gewaschen und anschließend in ein weiteres Badetuch eingewickelt hatte. Der Kleine hatte schon lange aufgehört zu schreien, wirkte gesund und kräftig. Alle Gliedmaßen waren korrekt ausgebildet und die Augen nicht getrübt.
„Alles dran!", grinste Mulder, so als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Gute Arbeit, Frau Doktor."
Auch Sari wirkte - trotz Erschöpfung und Narkosemittel - sehr glücklich. Sie wiegte den Kleinen im Arm hin und her, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf das Näschen und sagte: „Pat."
„Was heißt das?", erkundigte sich Scully.
Malia lächelte. „Sie hat ihm gerade seinen Namen gegeben, Pat. Das bedeutet Wunderkind."
In diesem Moment schwang die Tür auf und Kabip trat herein. Er sah sich nur kurz um, erblickte den gesunden Knaben in Saris Armen und nickte zufrieden.
„Oni", sagte er.
„Das bedeutet gut", übersetzte Malia leise.
Sari derweil begann aufgeregt auf ihren Mann einzureden, ihre Augen glänzten und ihre Stimme klang direkt aufgeregt.
„Sie erzählt von Ihnen", sagte Malia und deutete auf Scully. „Und davon, dass Sie sie gerettet haben. Sie seien eine Zauberin."
Scully lächelte. Doch erstarb ihr Lächeln im selben Augenblick, als ihr Blick den des Häuptlings traf - denn der war finster.
„Was ist denn dem über die Leber gelaufen?", murmelte Mulder neben ihr.
„Lai oilo chana kiro", donnerte der Häuptling und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Scully.
„Was hat er gesagt?", fragte Mulder an Malia gewandt, die totenbleich war.
„Er sagte, sie beherrsche die schwarze Magie, sie sei eine böse Frau...", übersetzte sie zögernd.
„Der hat sie ja wohl nicht alle!" Mulder packte Scully am Arm und zog sie auf die Füße. „Kommen Sie, wir gehen! Bei so viel Dankbarkeit fällt mir wahrlich nichts mehr ein!"
Doch bevor sie die Hütte verlassen konnten, stellten sich ihnen vier bewaffnete Männer entgegen. Der erste von ihnen packte Scully und wollte sie von Mulder fortreißen. Als er protestieren wollte, wurde er von einem anderen brutal in die Magengrube geschlagen. Mulder schnappte nach Luft und beugte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorn.
„Mulder!"
Scullys Ruf ließ ihn den Blick heben. Er sah, wie sie sich vergeblich gegen die vier Männer wehrte, die sie über einen langen Steg nach unten brachten, auf einen großen Platz, in dessen Mitte eine große Statue stand, umgeben von zwei steinernen Altaren. Mulder versuchte, den stechenden Schmerz zu ignorieren, und richtete sich auf. Er sah, wie Scully an die Statue gefesselt wurde.
„Was machen sie da?", fragte Jonas, der hinzugekommen war, doch er bekam keine Antwort.
Mulder packte Dim-Kalir grob an Kragen seines Ledergewandes und rüttelte ihn heftig. „Was machen sie mit ihr?", donnerte er, und der Medizinmann duckte sich beinahe erschrocken, von der Wut des sonst so friedfertigen Mannes überrascht. „Na los, spucken Sie's aus!"
„Sie wollen sie Shaim, dem großen Feuergott, opfern", antwortete Malia, während Dim-Kalir weiterhin beharrlich schwieg. „Zu diesem Zweck werden sie Agent Scully dem übergeben, was Shaims Element ist: dem Feuer..."
Sie hatte kaum ausgesprochen, als Mulder den Medizinmann abrupt los- und zu Boden fallen ließ. Er wandte sich um und wollte loslaufen, doch packte ihn Dim-Kalir am Arm und zog ihn grob zurück.
„Wenn Sie die Zeremonie stören, wird man auch Sie töten!", zischte er. „Sie haben ja gar keine Ahnung, welche Macht dieses Volk besitzt! Wir könnten uns nie gegen es wehren! Wenn Sie Ihre Partnerin jetzt zu befreien versuchen, setzen Sie unser aller Leben aufs Spiel!"
„Hören Sie, ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sie Scully bei lebendigem Leib rösten, bloß weil sie einer Frau frevelhafterweise das Leben gerettet hat, klar? Dieses Dschungelvolk sollte ihr dankbar für das sein, was sie getan hat, statt dessen sieht der Häuptling eine Bedrohung in ihr. Und der paranoiden Ansichten eines Verrückten willen werde ich Scully nicht einfach sterben lassen! Ich hoffe, wir haben uns verstanden!"
„Sie werden sich für unseren Tod verantworten müssen, Agent Mulder!", zischte Dim-Kalir. „Niemand hier wird Sie bei Ihrem wahnwitzigen Vorhaben unterstützen!"
„Ich werde es auf jeden Fall tun", sagte Jonas mit fester Stimme. „Es ist nicht unsere Art, einen Freund im Stich zu lassen, auch wenn wir dabei Schaden tragen könnten!"
Der Medizinmann funkelte die beiden Männer an, zu denen sich nun auch noch Grahm und Malia gesellten. Unwirsch deutete er auf den Platz, auf dem man inzwischen ein großes Feuer entfacht hatte, um das eine große Anzahl von jungen Mädchen in Baströcken tanzte.
„Dann rennt doch in Euer Verderben! Ich werde überleben, egal, was geschieht, aber Sie sind allesamt dem Tod geweiht, wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen!"
Die letzten Worte schrie er, denn die Wut packte ihn, als sich die Vier von ihm abwandten und die Anhöhe hinunterliefen, zu der Stelle, wo Scully an die Statue gefesselt stand. Um sie herum tanzten die Mädchen, ihre langen Baströcke flogen bei jeder Drehung. Ihr rhythmisches Lied schien mit jedem Wort anzuschwellen, die Schritte wurden schneller, Füße stampften auf dem Boden und wirbelten Staub auf. Der Reisighaufen, den man um Scully herum angehäuft hatte, fing Feuer, als eines der Mädchen einen brennenden Ast hineinwarf. Mulder erstarrte nur kurz in seiner Bewegung. Er konnte einfach nicht glauben, was er sah. Doch die vor Angst und Entsetzen weit aufgerissenen Augen Scullys trieben ihn weiter voran. Wut und Angst vermischten sich in ihm, er glaubte beinahe zu spüren, wie Adrenalin durch seinen Körper schoss, es ihm ermöglichte, sich todesmutig in die Meute von Uruks zu werfen und sich einen Weg in die Mitte des Platzes freizuboxen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Einige der Männer versuchten, sich ihm in den Weg zu stellen, doch Mulder stieß sie grob beiseite.
Ein merkwürdig süßer Geruch hing in der Luft, der sich mit dem Rauch vermischte.
Endlich trat er auf den freien Platz. Die Mädchen hatten aufgehört zu tanzen und zu singen, satt dessen starrten sie den Störenfried mit kalten - beinahe hasserfüllten - Blicken an.
Mulder kümmerte sich nicht darum. Er rannte auf Scully zu, um die bereits hohe Flammen schlugen. Er sah sie husten und vergeblich nach Atem ringen. Er hatte sie fast erreicht, als eines der Mädchen vor ihn trat - jedenfalls schien es einmal ein Mädchen gewesen zu sein. Das hübsche Gesicht war zu einer hässlichen Fratze geworden, die Hände zu krallenbewehrten Klauen, die zarte Haut zu einer fast durchsichtigen und verknoteten Membran. Das Wesen sah aus, wie halbtot.
Ein Ghoul, schoss es Mulder durch den Kopf. Also war die Legende wahr. Er sah sich gehetzt um. Er erblickte Jonas, Ben und Malia, die unweit von ihm auf dem Platz standen und schockiert die Schreckensgestalten anstarrten, die sie umzingelten. Mulder sah, wie Jonas' Augen wütend aufblitzten und er eine Faust ballte, und er wusste, dass er nicht fliehen würde. Er würde kämpfen. Ebenfalls Grahm. Und auch Malias Angst schien wilder Entschlossenheit zu weichen. Kampfbereit standen sie da, Rücken an Rücken, auf die Attacke der Ghouls wartend.
Mulder wurde bereits von einer dieser Kreaturen angegriffen. Der heimtückische Tritt des Wesens traf ihn in die Kniekehle. Während ein fürchterlicher Schmerz sein Bein durchzuckte, bemühte sich Mulder verzweifelt, auf den Füßen zu bleiben. Durch einen kräftigen Stoß des Ghouls verlor er jedoch das Gleichgewicht und krachte gegen einen der Altare. Dann schlug er mit dem Rücken auf den Boden. Doch war er während des Falls aufmerksam genug gewesen, um den erneuten Angriff des Monsters zu registrieren. Mit einer schier ungeahnten Kraft schoss er vom Boden auf und versetzte dem Körper des Ghouls einen kräftigen Stoß. Das Wesen fasste sich jedoch schnell und begann, mit Mulder zu ringen. Sie taumelten über dem Platz, ineinander verkrallt wie wütende Tiere. Während des Kampfes konnte Mulder einen kurzen Blick in Scullys Richtung erhaschen. Die Flammen verbargen seine Partnerin beinahe vollständig. Mulders Panik wuchs ins Unermessliche. Er wusste im Nachhinein nicht mehr wie, aber es gelang ihm, den Ghoul in die Knie zu zwingen. Mit der freien Hand tastete er in seiner Hosentasche nach Scullys Silberknöpfen, die Dim-Kalir geweiht hatte, kurz bevor die Uruks aufgetaucht waren und sie in dieses Dorf verschleppt hatten. Mulder nahm den Knopf zwischen Daumen und Zeigefinger und presste ihn gegen die Stirn des Ghouls, der daraufhin ein merkwürdiges gluckerndes Geräusch von sich gab. Jede Bewegung des Untiers erstarb. Grünbraune Flüssigkeit rann in breiten Strömen aus der Stelle, in die sich der Silberknopf schier hineingefressen hatte, gleich einer ätzenden Säure, die den Untoten Stück für Stück zerfraß. Man konnte beinahe dabei zusehen, wie sich der Ghoul Stück für Stück auflöste. Kein Hautfetzen wurde verschont, nicht einmal Staub blieb zurück. Die Kreatur hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst.
Inzwischen hatten auch Jonas, Grahm und Malia mit ihren Gegnern zu kämpfen, die ihnen zahlenmäßig eindeutig überlegen waren. Und sie griffen an.
Jonas beherrschte Pangamot, eine philippinische Kampfsportart, und in diesem Moment war er froh darüber. Pangamot war der härteste Kampfsport der Welt. In ihm steckte die pure Kraft, der Schlüssel zur Gewalt und zum Tod. Jonas hatte sich dem Pangamot zugewandt, nachdem seine Tante und seine damals vierjährige Cousine von Söldnern auf brutalste Weise ermordet worden waren. Seine ganze Wut und Ohnmacht hatte er in seine Ausbildung gesteckt, und er war einer der Besten im Gebiet des Kampfsportes - bloß hatte er es zuvor nie gewagt, gegen einen Menschen zu kämpfen, aus Angst, diesen beim Wettkampf zu töten - was beim Pangamot nicht ungewöhnlich war.
Jonas sah sich suchend um. Irgendwo musste doch etwas sein, was er als Waffe gebrauchen konnte...
Einer der Ghouls war plötzlich über ihm. Jonas sah nur die scharfen Krallen, die nach ihm griffen, und warf sich instinktiv zur Seite. Die Klauen zerfetzten die Luft neben ihm.
Mit einer raschen Bewegung zog Jonas dem Wesen die Füße unter dem Körper weg, so dass es der Länge nach hinschlug. Gleichzeitig sprang Jonas auf und warf sich auf den Angreifer. Der bäumte sich auf und warf seinen Gegner zurück. Die Beiden rollten über den harten Boden, das Kampfgetümmel und die lauten Schreie ringsherum ignorierend. Schließlich gelang es dem Ghoul, Jonas am Boden festzu nageln, und er presste ihn brutal zu Boden. Jonas stöhnte, schmeckte Blut im Mund. Höllische Schmerzen durchzuckten ihn. Er schnappte unter dem schweren Gewicht des mutierten Ungeheuers nach Luft, tastete verzweifelt mit dem noch freien linken Arm um sich und bekam etwas Hartes zu fassen. Es war ein schweres Stück Holz. Er umklammerte es mit den Fingern und zog es dem Ghoul über den Kopf. Das Untier taumelte zurück und Jonas vergaß den stechenden Schmerz, nutzte die Chance, um schnell aufspringen zu können. Aber auch der Ghoul hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Mit einem wütenden Kreischen stürzte er sich auf seinen Gegner. Doch nun kam ihm Jonas zuvor. Blinde Wut war in ihm aufgewallt, hatte sich in ihm gesammelt. Mit ihr kam die Kraft und die Geschicklichkeit. Jonas packte das Wesen, funkelte es mit einem wilden, fast mordlustigen Blick an. Der Ghoul starrte zurück.
Derweil wich Grahm dem wütenden Schlag eines weiteren Ghouls aus. Gleichzeitig holte er aus und streckte das Wesen mit einem kräftigen Faustschlag zu Boden. Der Ghoul stöhnte, rappelte sich aber sofort wieder auf. Mit einem schrillen Kampfschrei wirbelte er herum, ein zerborstenes Stück Holz in den Händen, mit dem er weit ausholte...
Malia schlug einen schwungvollen Salto rückwärts, ihr rechter Fuß traf das Wesen, das sie angreifen wollte, hart unter dem Kinn. Es jaulte auf, taumelte zurück. Doch schnell hatte es sich wieder gefasst und packte seine Gegnerin voller Zorn und entfesselter Wut. Malia stöhnte vor Schmerz, als ihr die Kreatur den Ellenbogen brutal in den Bauch stieß. Sie glaubte, ihr würde sich der Magen umdrehen. Sie sah den Ghoul über sich, der zu einem weiteren Stoß ausholte. In diesem Moment packte ihn jemand an der Kehle. Das Wesen röchelte, versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien. Malia kam wieder auf die Füße, sah, dass Jonas den Mutanten erbarmungslos gegen den Altar drückte. Er funkelte das grässliche Ding an. Seine Kleidung war zerfetzt und teilweise blutdurchtränkt, sein Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Er atmete nur stoßweise, doch seine Augen brannten wie Feuer.
Mulder derweil hatte sich von dem klammernden Griff eines weiteren Ghouls befreit und eilte auf die Statue zu, wo Scully noch immer festgebunden inmitten des knisternden Feuers stand, das gierig nach ihr leckte. Er hörte sie erneut husten und rannte los, die wütenden Monster rings um sich kaum wahrnehmend.
Mulder durchbrach die Feuerwand, ignorierte die segende Hitze, zog sein Taschenmesser hervor und ließ die Klinge durch den festen Bast von Scullys Fesseln fahren, die in die alles verschlingenden Flammen fielen. Scully, inzwischen ohnmächtig geworden, fiel vornüber. Mulder fing sie gerade noch rechtzeitig auf, schob seine Arme unter sie und hob sie empor. Der Qualm und die Hitze ließen seine Augen brennen und tränen, und er musste den sich bildenden Schleier hinfortblinzeln, um wieder einigermaßen klar sehen zu können. Hustend hastete er vorwärts und durchbrach mit gesenktem Kopf die Wand aus schwarzem Ruß, glimmenden Funken und züngelnden Flammen. Nach Atem ringend stand er auf dem Platz, wo der Kampf noch immer anhielt.
Während sich Mulder in die Flammen gestürzt hatte, hatte sich Jonas einen Speer erkämpfen können, den er über dem Knie in zwei gleich große Teile gebrochen hatte. Die metallene Spitze hatte er entfernt, dafür den silbernen Stierkopf, den er zuvor als Kette um den Hals getragen hatte, an ihre Stelle gesetzt. Die aus dem Speer entstandenen Stöcke benutzte er nun als Waffe - und wie er sie benutzte!
Mulder starrte den jungen Wissenschaftler verblüfft an, der inmitten der Horde von Ghouls zu tanzen schien, so leichtfüßig und geschmeidig bewegte er sich. Es schien, als hätte er jeden einzelnen Muskel seines Körpers unter Kontrolle. Dabei wirbelte er die beiden Stöcke in wahnwitziger Geschwindigkeit herum; sie glitten unglaublich schnell und mit komplizierten Bewegungen durch die Luft. Jonas benutzte die Stöcke zuerst wie Keulen, dann wie Messer oder Schwerter. Seine Bewegungen waren schnell, kraftvoll und zornig. Mulder konnte deutlich hören, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten, um kurz darauf einen angreifen Ghoul zu treffen, der von der Silberspitze getroffen zu Boden sank, um sich dort Schritt für Schritt aufzulösen.
Jonas bedrängte zwei weitere Angreifer mit den Stöcken, die in seinen Händen zu einer ungeheuerlichen Waffe geworden zu sein schienen. Sein Atem ging rau und stoßweise, während er blitzschnelle tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing den Hieb eines der Ghouls ab, sank auf die Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Das Wesen fiel jaulend vornüber. Jonas sprang fort, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Die Luft schien von seiner Kampfeswut erfüllt zu sein. Und trotz seiner unglaublichen Technik, mit der er sich der Ghouls erwehrte, schien er nicht siegen zu können - denn der Feind war ihm zahlenmäßig um das zwanzigfache überlegen...
In diesem Moment durchbrachen unzählige, sich flink bewegende Gestalten das Unterholz. Mulder sah bloß ihre Schatten in der Dunkelheit, hörte das vertraute Fauchen. Er sah die waagerecht vom Körper weggestreckten Schwänze, die schmalen Köpfe mit den weit aufgesperrten Mäulern und die gefährlichen Sichelkrallen auf der Mittelzehe der kräftigen Hinterbeine.
Velociraptoren.
Die kleinen Raubsaurier schossen auf den Platz, sprangen mit einer erstaunlichen Zielsicherheit die nächstbesten Ghouls an und rissen deren unmenschliche Körper in Fetzen. Die Luft war erfüllt von Schreien und Kreischen, Fauchen und dem untrüglichen Krachen und Knacken von durchgebissenen Knochen. Der Geruch von Verwesung, Blut und verbrannter Haut breitete sich aus.
Jonas und Malia nutzten die Gunst der Stunde, um sich unbemerkt vom Kampfgetümmel, das zu eskalieren drohte, zu entfernen.
Scully derweil war aus ihrer Ohnmacht erwacht, hustete, rang gierig nach rettendem Sauerstoff. Zögernd schlug sie die Augen auf, sah in Mulders rußgeschwärztes Gesicht.
„Bin ich schon tot?", fragte sie beinahe flüsternd.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber wenn wir hier nicht schnellstens verschwinden, könnten wir es bald sein..."
Die Zwei anderen waren endlich heran. Sie alle hatten Verletzungen davongetragen, doch noch immer waren sie kräftig genug, um sich auf den Beinen halten zu können.
„Wo ist Grahm?", schrie ihnen Mulder entgegen, als er sah, wie auch Dim-Kalir auf sie zukam.
Malia wies stumm auf eine Gruppe von Ghouls, die sich über einen zerfetzten Körper beugten.
„Ich konnte ihn nicht retten", stammelte Jonas neben ihr. „Es ging so schnell, auf einmal waren drei von ihnen über ihm..."
Mulder ließ Scully vorsichtig auf den Boden gleiten. Sie schien einen Moment unsicher auf den Beinen zu sein, fand schließlich dennoch ihr Gleichgewicht. Mulder wollte sie stützen, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
„Danke, aber ich schaffe das schon!"
Jonas hatte sie bereits erreicht. Hastig deutete er in die Richtung des nahen Waldes. „Los! Lasst uns abhauen!"
Sie rannten los.

zur gleichen Zeit in Akunga

Vince lief nervös in dem unterirdischen Kuppelraum auf und ab, den Blick auf seine Armbanduhr geheftet.
„Ich verstehe das nicht", murmelte er. „Sie müssten schon längst wieder hier sein..."
„Vielleicht haben sie Umwege machen müssen", versuchte ihn Kenji zu beruhigen. „Wer weiß, was da alles durch den Dschungel turnt..."
Vince blieb kurz stehen und sah den Inder an.
„Bald wird es anfangen zu dämmern", sagte er langsam. „Wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht zurück sind, werde ich losgehen und sie suchen!"

derweil am anderen Ende des Tales

Jonas wusste nicht, wie lange und wie weit sie gelaufen waren, als die Beine unter ihm nachgaben. Er konnte einfach nicht mehr. Er hatte schreckliches Seitenstechen, außerdem machte ihm die Wunde am rechten Oberschenkel zu schaffen, die ihm einer der Ghouls mit seinen widerlichen klauenbewehrten Fingern aufgerissen hatte.
„Stopp!", keuchte er. „Ich muss mich ausruhen..."
Die anderen blieben mit beinahe dankbaren Gesichtsausdrücken stehen, Auch sie waren müde und ausgelaugt von den Ereignissen des Tages, aber auch die Angst saß ihnen noch tief in den Knochen.
„Wir sind weit genug vom Lager der Uruks entfernt", sagte Dim-Kalir schweratmend. „Gönnen wir uns ein paar Minuten Rast, bevor wir weiterziehen..."
Mit einem erleichterten Seufzer ließen sie sich nieder. Mulder hatte noch eine Flasche Wasser in seinem Rucksack und ließ sie herumreichen.
„Der arme Ben", murmelte Jonas leise. „Wenn ich diese Mistviecher in die Finger bekomme, werde ich sie allesamt in ein Silberbad tauchen!"
„Wir müssen unbedingt zurück nach Akunga", sagte Dim-Kalir matt. „Hier draußen ist es viel zu gefährlich, schon allein durch die Anwesenheit der Uruks und der Ghouls..."
„Aber auch Spear ist nicht zu verachten", hielt ihm Jonas entgegen, während er mit Kieselsteinen in einen nahen Baum zielte. „Und der lauert in Akunga, zusammen mit einer Handvoll bis zu den Zähnen bewaffneten Männern..."
„Er kann nicht für alle Ewigkeiten dort bleiben", erwiderte Scully. „Irgendwann wird er die Stadt verlassen, spätestens dann, bis er gefunden hat, wonach er sucht..."
Jonas seufzte und feuerte einen weiteren Kieselstein in das Blattwerk des Baumes. Es gab einen dumpfen Knall, und Jonas befürchtete schon, irgendein Tier getroffen zu haben, doch fast gleichzeitig brach ein Ding, das etwa kürbisgroß war, durch das untere Geäst und landete kaum hörbar auf dem weichen Waldboden.
Malia sprang erschrocken auf. „Jens!", schrie sie.
Die anderen hoben ruckartig die Köpfe.
„Sie haben ein Nest von ihnen vom Baum geholt", knurrte Dim-Kalir, während er beobachtete, wie Insekten von der Größe mitteleuropäischer Hornissen aus dem Bau krochen und ihn brummend umrundeten. „Diese Insekten gehören zu den giftigsten der Welt. Ein Stich allein reicht aus, um einen Menschen zu töten."
Jonas wurde bleich. „Verdammt! Ich wusste doch nicht, dass..."
Er kam nicht weiter. Die Insekten hatten aufgehört, um ihr Nest zu fliegen. Sie änderten den Kurs und kamen zielbewusst auf sie zu.
„Lauft!", schrie Malia. „Lauft!"
Und wieder rannten sie. Sie brachen durch hüfthohes Flattergras und Farne, hasteten durch Nesselgewächse und Büsche.
Dim-Kalir deutete geradeaus. „Los, da vorne ist ein Fluss!"
Sie hörten das unheilverkündende Surren und Brummen der Rieseninsekten hinter sich, und sie beschleunigten noch ihre Schritte. Endlich lichtete sich der Wald vor ihnen, wich einem kiesigen Flussufer. Jonas, der mit Malia an der Spitze lief, zögerte keinen Moment. Er warf sich in die Fluten, die eisige Kälte des Wassers ignorierend. Mit kräftigen Schwimmbewegungen schnellte er vorwärts, die Luft anhaltend und den Blick auf die Wasseroberfläche über sich gerichtet, über der der Schwarm von Jens schwirrte.
Würden sie sich überhaupt noch irgendwo in diesem verfluchten Tal aufhalten zu können, ohne von irgendwelchen Wesen bedroht zu werden?
Langsam ging Jonas die Luft aus, und er war froh, dass sie bereits das andere Ufer erreicht hatten. Im Schutz von Schilf und vereinzelten Seerosenblättern tauchte er auf und blickte sich aufmerksam um.
Die Jens schwirrten knapp zehn Meter entfernt über der Stelle, wo sie in den Fluss gesprungen waren.
„Los, raus hier!", kommandierte er, während er sich langsam aufrichtete. „Lasst uns verschwinden, bevor sie merken, dass wir nicht mehr da sind, wo sie uns vermuten."
Sie stiegen die Böschung hinauf und huschten in die nahen Büsche. So leise wie möglich entfernten sie sich vom Ufer.
„Ich möchte nicht wissen, das wievielte unfreiwillige Bad das hier inzwischen war", murrte Mulder, während er versuchte, die größte Nässe aus seinem T-Shirt zu wringen.
Scully seufzte. „Das ist doch... - Autsch!" Erschrocken tastete sie mit ihrer rechten Hand nach ihrem Oberarm. Mulder gab dem Insekt geistesgegenwärtig einen heftigen Klaps, und das Tier fiel tot zu Boden. Es war ein Jen.
„Nein, nicht schon wieder!" Scully starrte auf den deutlich zu erkennenden Einstich auf ihrem Arm, der bereits rot zu werden begann. „Warum immer ich?"
„Bei allen Göttern!" Malia betrachtete erst den Arm, dann das tote Insekt auf dem Boden. „Ihre Stiche sind tödlich! Wenn wir binnen achtzehn Stunden kein Gegenmittel finden, werden Sie an dem Gift sterben!"
Scully wurde blass.
„Es gibt ein Gegenmittel", beeilte sich Dim-Kalir zu sagen, als er ihr schockiertes Gesicht sah. „Den grünen Teufel, eine Quallenart, die in Küstennähe lebt. Dessen Eiweiße sind äußerst wirkungsvoll gegen das Insektengift."
„Und wo kriegen wir diesen grünen Teufel her?", erkundigte sich Mulder.
„Vom Strand." Malia deutete nach Osten. „Er ist nicht weit von hier. In zwei Meilen Entfernung beginnt das Meer..."
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