Intra unguis mortifer von Kit-X

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auf dem Plateau

Spear ließ seinen Blick über das weite Tal schweifen. Er saß zwischen einigen Büschen, nicht weit vom großen Wasserfall entfernt, wo die schillernden Fluten aus dem Berginneren in die Tiefe schossen. Neben ihm saßen Ivan und die anderen, die Blicke, ebenso wie er selbst, auf das atemberaubende Panorama unter ihnen gerichtet.
„Wer sagt's denn? Da sind sie ja! Ganze Herden von ihnen!", sagte Colin Webb und robbte weiter vor. „Mein Gott, gegen diese Tiere ist ein ausgewachsenes Nashorn ja direkt langweilig für einen Wilderer, der sein Handwerk versteht..."
„Du wirst noch früh genug Trophäen einheimsen können", knurrte Spear. „Und bis ich dir nicht die Erlaubnis dazu gebe, lässt du deinen Bärentöter hübsch auf dem Rücken, klar?"
„Was glauben Sie? Ob dieser Dawson hier irgendwo ist?", fragte Ray Burton.
„Wenn er nicht vorher von einer Herde Raptoren zerrissen wurde", knurrte Webb mürrisch.
„Gebt mir ein Fernglas!", befahl Spear.
Lyle Everard wühlte in seinem Rucksack herum und drückte seinem Boss eins in die ausgestreckte Hand. Spear hielt es nicht für nötig, sich zu bedanken, und startete seine Rundschau.
An einem Ende des Tals erhoben sich riesige Tempalanlagen. Spear sah die drei eingemeißelten Gottheiten am Haupttempel, die sich in den Himmel zu wachsen schienen.
„Was ist das?", fragte Ivan neben ihm.
„Woher soll ich das wissen!", fauchte ihn Spear an. „Bin ich etwa ein Hellseher?"
Er schwenkte das Fernglas und sah nun die riesigen Seen, die aus dem Fluss entwuchsen. Kinder badeten darin. Sie sahen aus wie südamerikanische Waldmenschen. Saurier tummelten sich scheinbar überall. Am und im Wasser, auf den Hügeln, in den Wäldern und bei den Steilwänden, mit denen das Tal von der Außenwelt abgeschlossen wurde.
„Dort unten stapft der Reichtum unserer Zukunft herum", knurrte er und ein breites Grinsen legte sich auf seine schmalen Lippen. „Wir werden reich, Jungs! Stinkreich!"
Er ließ das Fernglas erneut schwenken. Dabei fiel sein Blick auf den großen Sauropoden am Fluss. Neben ihm saß eine kleine Gruppe von Menschen, die sich zu unterhalten schien.
„Everad?"
„Hm?"
„Welche Haarfarbe haben normalerweise alle Ostasiaten?"
„Schwarz, was sonst?"
„Bist du ganz sicher, dass es da keine Ausnahmen gibt?"
„Die einzigen Ausnahmen sind Nichtasiaten", erwiderte Lyle grinsend, während er sich ein Snickers in den Mund schob. Seine ohnehin schon viel zu dicken Backen schienen an Masse zu gewinnen. „Wieso fragen Sie?"
„Weil die Drei da unten nicht gerade wie Eingeborene aussehen. Ein Mädchen mit langen roten Haaren, ein kleiner Braunhaariger und ein Blonder mit breiten Schultern."
„Und?"
„Du Trottelgesicht!", zischte Spear. „Denk doch mal scharf nach! An was erinnern dich diese Bälger?"
Lyle Everard schluckte sein Snickers hinunter und pulte die Erdnussreste aus den Zähnen. „Also, Dawson ist nicht dabei. Der hat dunkelbraune..."
„Vollidiot!", schrie ihn Spear an. „Die Schmarotzer da unten gehören zu Grahm! Na, klingelt's jetzt endlich bei dir? Ist der Groschen gefallen?"
Lyle runzelte die Stirn und ließ in seinem Zähnepulen inne. „Ich dachte, die sind mit der Gondel abgestürzt und tot..."
Spear schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Mann! Langsam kommt er drauf!"
„Sie glauben also, dass die den Absturz in den Dschungel überlebt haben?"
„Es sieht ganz danach aus", murmelte Rob.
„Das ist allerdings nicht gut für sie!", knurrte Colin Webb.
Spear hob beschwichtigend die Hand. „Immer mit der Ruhe, großer Jäger! Wer weiß? Vielleicht können die uns bei unserem Unterfangen noch nützlich werden? Schließlich haben sie und Dawson uns ja auch hierher geführt."
„Sie glauben, dass sich dieser Trottel Grahm und seiner Bande angeschlossen hat?"
„Es sieht ganz danach aus", knurrte Spear. „Und glaube mir, für das wird der Junge noch bitter bezahlen!"

gegen drei Uhr Nachmittags
Akunga

Die Stimmung vor dem großen Haupttempel war fröhlich und ausgelassen. Man hatte lange Tischreihen aufgestellt, auf der allerlei Speisen standen. Es war ein Festtag. Der Tag der Zeba. Und alle Bewohner von Akunga nahmen daran Teil. Es wurde gegessen, getrunken und gelacht, nirgendwo sah man einem Menschen mit traurigem Gesicht.
„Was ist das?" Sarah beäugte misstrauisch den tiefen Holzteller, den man vor ihre Nase gestellt hatte.
„Hidu-Munali", antwortete Dim-Kalir. „Es schmeckt sehr gut. Das Fleisch stammt von den Sauriern, die ihr Chompsognathen nennt. Es ist sehr zart und äußerst delikat. Das dort ist ein Mus, das aus den hiesigen Früchten gekocht wird. Es schmeckt ähnlich wie Preiselbeerkompott. Man isst es zusammen mit dem Matak, dem hiesigen Fladenbrot aus Stärke, das aus Palmenmark gewonnen wird. Das da, was aussieht wie Spinat, ist eine der wohl vitaminreichsten Pflanzen unserer Erde. Sie wächst nur hier und ist bis auf den Eingeborenen jedem unbekannt. Man nennt sie Schuning, was so viel wie gutes Kraut bedeutet. Vom Geschmack her könnte man es mit in Essig eingelegter Sellerie vergleichen. Und das ist Junchitschui, eine weitverbreitete Frucht in Akunga. Sie schmeckt ein wenig wie Aprikose."
Sarah tauchte ihren Finger in das orangefarbene Mus und steckte ihn dann in den Mund.
„Hm, nicht schlecht."
Während sie aßen, beobachteten die Fremden alles ringsum, sogen es in sich auf: Die Tänzerinnen vor dem Tempel, die Männer um den großen Bratspieß, den sie über dem Feuer drehten und auf dem das üppige Fleisch duftend vor sich hin briet. Die Kinder, die lachend mit ihren Saphiren Murmeln spielten. Die kleinen zweibeinigen Saurier, die zwischen den Tischen hin und her huschten und darauf warteten, dass auch für sie etwas abfiel. Eine Handvoll Daktylen hatte sich auf die weitausladenden Äste eines alten von Moos und Flechten bewachsenen Baumes gesetzt und stießen sich hin und wieder ab, breiteten ihre Schwingen aus und suchten von oben nach Beute. Zwei Hunde saßen schwanzwedelnd vor mehreren Männern, die sich lachend und schwatzend über das Essen hermachten, und bettelten um einen Happen Fleisch. Ein weißgelber Kakadu erhob sich laut zeternd von seinem Platz am Bratspieß, als ihn ein Raptor fauchend ansprang. Der Vogel kreischte, zwickte den Raubsaurier im Flug mit seinem kräftigen Schnabel in die Flanke und gesellte sich dann zu den Daktylen im Baum.
Jonas beobachtete nachdenklich die braunbepelzten Flieger mit den weißen Mustern auf der Brust und den gelborangenen Schnäbeln, während er aß.
„Warum verlassen sie dieses Gebiet nicht?", fragte er plötzlich.
Dim-Kalir, der neben ihm saß, hob den Kopf. „Die Flugsaurier?"
„Nicht nur die. Was ist mit dem Mosasaurier, dem wir auf dem Fluss begegnet sind? Ich dachte immer, er würde im Meer leben."
„Oh, manchmal tun sie es", erwiderte der Medizinmann. „Aber nur sehr selten und nur einige Arten von ihnen, meistens kleine Saurier, wie die Compsognathen. Alle Dinosaurier, die größer sind als Menschen, gibt es nur noch auf einem einzigen Fleckchen Erde, nämlich hier. Die Verhältnisse in Akunga sind folgendermaßen: Die Luft hier enthält mehr Kohlendioxid und dafür weniger Sauerstoff, eine wahrhaft optimale Bedingung für jede Art von Reptil. Vor einigen Millionen Jahren war dieser Unterschied noch viel extremer. Doch diese Luftzustände änderten sich vor knapp achtzig Millionen Jahren langsam, Stück für Stück, bis sie die heutigen Messwerte erreicht hatten. Und diese sind für die meisten Dinosaurier in mehr als zweiundneunzig Prozent der heutigen Erdfläche tödlich. Sie vertragen diese gravierenden Klimaunterschiede absolut nicht. Die Großen sind allesamt Kaltblüter. Sie können nur in Tropengebieten wie diesen hier leben. Und davon gibt es nicht viele."
„Welche können die Insel verlassen?", fragte Mulder, und seine Stimme klang ernst. Als der Medizinmann ihn verständnislos anblickte, fügte der Agent hinzu, dass es viele Todesfälle gegeben habe, die man beispielsweise auf Dilophosaurier zurückführen könne. Die Speichelproben aus Jakarta würden das nur belegen.
„Ja, sie können die Insel verlassen", sagte Dim-Kalir dumpf, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte. „Leider."
„Und? Welche noch?"
„Die Compsognathen, wie bereits erwähnt. Die kleinen warmblütigen Räuber halt."
„Und die Flugsaurier? Die Meeresechsen? Was ist mit denen?"
„Die Flieger sind warme Thermik gewöhnt, ohne viel Wind. Und die Meerechsen, wie ihr sie nennt, vertragen weder den heutigen Salzgehalt noch die Temperatur des Indischen wie Pazifischen Ozeans. Dazu kommt noch die zunehmende Umweltverschmutzung mit Stoffen, die es zur Zeit der Dinosaurier nicht gab und die für sie Gift sind."
Sarah wurde nachdenklich. „Das bedeutet, dass Akunga der letzte Ort auf Erden ist, wo diese Tiere noch vorzufinden sind, weil sie nirgendwo sonst überleben können."
„So ist es", nickte Dim-Kalir. „Sie sind die letzten Vertreter ihrer Art, einer Welt angehörend, die nur noch hier existiert, weitab der Zivilisation."
„Jetzt verstehe ich, was Sie gestern Abend gemeint haben", sagte Sarah leise. „Ich meine, dass wir niemanden davon erzählen, auch nur andeuten dürfen, dass es ein Überbleibsel des Mesozoikums gibt, einer..."
„Vergessenen Welt", vervollständigte Scully den Satz. „Und es ist das Beste, wenn sie unter uns bleibt und niemals an die Öffentlichkeit dringt."
„Dann sollten sie lieber auch ihre Schreiberei lassen, Ben", feixte Kenji mit einem schelmischen Seitenblick auf Grahm.
„Aber diese Dilophosaurier", wandte Mulder ein. „Sie sind eine Gefahr für die Menschen. Das können Sie nicht dementieren, Dim-Kalir. Vier registrierte Menschenleben gehen schon auf das Konto dieser Echsen. Es wird sie bestimmt überall auf den Pazifikinseln geben, vor Allem in Indonesien."
„Was soll ich dagegen tun?" Der Medizinmann hob hilflos die Schultern. „Ich habe diese Wesen nicht unter Kontrolle, so wie die Raptoren..."
In diesem Moment fielen ohrenbetäubende Schüsse und ein entsetztes Geschrei ging durch die Reihen der Akunganer. Jonas ließ vor Schreck den Schenkelknochen fallen, an dem er eben gerade noch genagt hatte, und blickte auf.
Dort, mitten auf dem Festplatz, wenige Schritte vom Tempel entfernt, stand eine Handvoll Männer, bis zu den Zähnen bewaffnet mit schweren Jagdgewehren und Pistolen. Einen von ihnen erkannte Jonas sofort. Es hätte viel bedurft, um dieses babyhafte, doch in jeder Form linkische Gesicht zu vergessen: Das Gesicht Spears...

„Kommen wir auch pünktlich zum Fest?"
Diese Worte, dermaßen zynisch ausgesprochen, ließen Jonas vor Zorn zittern. Auch Jerry neben ihm zitterte. Aber aus Angst vor seinem Boss, der so plötzlich auf der Bildfläche erschienen war.
Spear schritt gemächlich, eher arrogant, dieser Begriff passte einfach besser, auf die kleine Gruppe der Amerikaner zu. Als sich ihm fauchend einer der Raptoren entgegenstellte, hob er seine Maschinenpistole. Die Schüsse hallten im Tal wieder, waren dermaßen ohrenbetäubend, dass sich die Menschen ängstlich die Ohren zuhielten. Die Salve aus Spears Waffe zerriss den Raptoren schier in der Luft. Mit einem heiseren Schrei bäumte sich das Tier auf, knickte dann ein und schlug dumpf auf dem Boden auf. Es zuckte, wimmerte kläglich. Überall war Blut.
Die anderen Raptoren heulten wütend auf, wollten sich auf Doug stürzen, der erneut seine Pistole hob. Dim-Kalir riss entsetzt die Arme hoch. „Havano-Kavo!", rief er panisch. „Havano-Kavo!"
Die Raubsaurier hielten inne, wichen langsam zurück. Doch das mörderische Funkeln in ihren bernsteinfarbenen Augen wollte nicht weichen. Bedrohlich zischend und knurrend traten sie neben den Medizinmann, doch ihre Flanken bebten, die Beinmuskeln spielten. Sie warteten nur darauf, dass ihnen ihr Meister den Befehl zum Töten gab, um ihren Artgenossen zu rächen, der noch immer wimmernd auf der Erde lag, von einer sich weiter ausbreitenden Blutlache umschlossen. Ein Raptor beugte sich über ihn, fiepte traurig und stupste sanft mit der Schnauze gegen die Schulter des Sterbenden. Doch der war zu schwach, um den Kopf zu heben. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge, der Atem erfolgte schnell. Das Tier röchelte von Krämpfen geschüttelt, das Maul öffnete sich zu einem heiseren Schmerzensschrei.
Sarah senkte rasch den Blick. Tränen standen in ihren Augen und sie hielt sich hastig die Ohren zu, als der markerschütternde Schrei des Raptoren über den Festplatz hallte. Jonas nahm sie in die Arme, wiegte sie beruhigend hin und her. Voll entfesselter Wut starrte er Spear an, der beim Anblick des leidenden Sauriers nicht einmal mit der Wimper zuckte.
„Geben Sie dem Tier um Gottes Willen den Gnadenschuss!", schrie ihn Mulder an.
„Warum sollte ich eine weitere Kugel für diese Bestie verschwenden?", entgegnete der Biogenetiker und beobachtete mit widerlichem Wohlgefallen das von höllischen Schmerzen gepeinigte Tier, das schreiend austrat, mit dem Kopf in die schlammige Erde schlug, immer mehr Blut verlor und von einem weiteren Krampf gepackt wurde.
„Sie können ihn doch nicht so leiden lassen!", rief Jonas fassungslos.
„Ich kann machen, was ich will", gab Spear eiskalt zurück. „Und jetzt halten Sie's Maul, sonst enden sie so wie dieses Vieh!"
Spear bemerkte nicht, dass einer seiner Begleiter, ein stämmiger Mann mit blondem Haar und skandinavischem Aussehen, neben den sterbenden Raptoren trat, der erneut schrie. Der Schrei ging in ein klägliches Wimmern über, unterbrochen von stoßweisem Röcheln. Aus seinem Maul floss Blut. Der Mann hob sein Gewehr, zielte auf den Schädel des leidenden Tieres und drückte ab. Der Schuss krachte, unsägliche Stille folgte. Der Raptor war tot.
Spear fuhr herum. „Warum hast du das getan, Ivan?", fauchte er. „Das Vieh hätte auch ohne deine Hilfe verrecken können!"
Frederikson ließ das Gewehr sinken und sah seinem Boss mit einem stechenden Blick an. „Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt. Außerdem war nie die Rede davon, Tiere auf diese Weise umzubringen, Doug. Kein Wesen verdient es, so zu sterben."
„Werde mir bloß nicht sentimental, du Schwachkopf!" Spear schnaubte abfällig. Dann wandte er sich wieder um. Seine widerwärtig eisblauen Augen musterten die Amerikaner.
„Schön Sie einmal persönlich kennen zu lernen, Grahm", sagte er höhnisch. „Und Sie, Dr. Quinn. Oder Sie, Agent Mulder. Wie verrückt! Ein Treffen inmitten der Undurchdringlichkeit des Dschungels, ist das nicht verrückt? Und noch dazu ein Wiedersehen! Ein Wiedersehen mit unserem alten Freund Jerry! Welcher Trottel hat dir geholfen, bis jetzt am Leben zu bleiben?"
Dawson schwieg, zitterte unter den Blicken Spears. Er schloss die Augen und wünschte sich, das alles wäre nur ein böser Traum und er würde jeden Moment aufwachen. Schweißgebadet und verängstigt, aber in Sicherheit. Doch er träumte nicht.
Spear trat näher an ihn heran, so nahe, dass Dawson seinen schlechten Atem nach billigem Whisky riechen konnte.
„Weißt du, was Exekution ist?", zischte Doug. „Weißt du es?"
Dawson schwieg.
„Weißt du, was man im Mittelalter mit Ketzern gemacht hat?", raunte Spears Stimme wie aus den Tiefen der Gruften der Hölle. „Mit den Zauberern und Hexen?"
Dawson schwieg.
„Weißt du, was man mit den Juden gemacht hat, im Zweiten Weltkrieg unter Hitler? Na, weißt du es?" Spear trat noch näher, seine Augen wirkten wie zwei messerscharfe Dolche. Ganz nah kam er, feuerte diese Dolche auf den zitternden Dawson und zischte boshaft, zischte voller Mordlust, doch laut genug, dass es jeder vernehmen konnte: „Das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was ich mit dir machen werde! Was ich mit euch allen machen werde!"
„Boss, das war nicht..."
„Schweig, Ivan!", brüllte Doug. „Hier bestimme ich! Und wenn dir das nicht passt, dann stell dich zu denen dazu und lass dich niedermetzeln, so wie es sich für Verräter gehört!"
Der Schwede schwieg und auch Melvin, der neben ihm stand, war unwohl.
„Sperrt diese Bastarde in den Tempel!", befahl er und zeigte auf die Akunganer. „Wenn einer muckst, wird er sofort erschossen! Mach das deinen verblödeten Waldaffen klar, Medizinmann! Und der Rest kommt in die Hütte dort hinten! Bewacht sie gut, die hebe ich mir zum Schluss auf! Los, dallidalli!"

etwas später

Ivan Frederikson war tief aufgewühlt. Was Spear da vorhatte, hatte nichts mehr mit der Sache zu tun, wegen der sie nach Mindanao gereist waren. Kein bisschen, um genau zu sein. Was brachte diesen Verrückten dazu, unschuldige Menschen umzubringen, die nicht einmal wussten, aus welchem Grund sie sterben sollten? Wenn Ivan ehrlich sein sollte, wusste er es auch nicht. Sein Groll gegen Doug wuchs mit jeder weiteren Minute, in der er dem Biogenetiker ausgesetzt war. Und er fasste einen Entschluss.
Während Spear, Everad und Burton die Eingeborenen in den Tempel trieben und Webb alle Raptoren abknallte, die es wagten, sich ins Geschehen einzumischen, brachte Ivan zusammen mit Melvin die Amerikaner und den Medizinmann zur angewiesenen Steinhütte. Dabei beobachtete der Schwede die Gruppe genau. Da wäre zuerst Ben Grahm, der Mann, der Spear so verhasst war - aus welchen Gründen auch immer. Neben ihm gingen Dawson und dieser ehemalige Geheimdienstagent Barrett. Eine etwa fünfundzwanzigjährige Asiatin folgte mit gesenkten Blicken. Sie hatte dem braunhaarigen Jungen, der, soweit Ivan wusste, Kevin hieß, den Arm tröstend um die Schulter gelegt. Dann kam der Inder, ein gutaussehender junger Mann mit grobknochigem Gesicht und schulterlangen, im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden Haaren. Nach ihm folgten die beiden FBI-Agenten. Den Abschluss bildete der Medizinmann mit Jonathan Quinn und dem Mädchen.
Als sie die Hütte erreichten, ließ Ivan die Gefangen eintreten und wies Melvin an, an der Tür stehen zu bleiben und sofort zu melden, wenn sich Spear oder einer der anderen auch nur entfernt blicken ließ. Dann trat er ebenfalls in die Hütte, schob die Tür hinter sich bis auf einen Spaltbreit zu, so dass Melvin alles hören konnte, was im Inneren der Hütte geschah und zündete eine Fackel an. Was er sah, waren zehn Gesichter, teils wütend, teils erschüttert, teils beinahe mordlustig. Ivan stellte das Gewehr an die kalte Steinwand und trat dann einige Schritte davon weg.
„Hört zu, ich habe nicht vor, euch zu erschießen. Ich werde euch überhaupt nichts antun. Was Spear vorhat, schlägt bei mir keine Wurzeln. Und bei Melvin auch nicht." Er wies auf den Jungen vor der Tür. „Aber die anderen drei halten fest zu diesen Biopfuscher. Vor allem Colin Webb."
Vince beäugte Ivan voller Misstrauen. „Wenn Sie mit Spears Machenschaften nichts zu tun haben wollen, warum halten Sie uns dann dieser Hütte fest?"
„Ich möchte nicht nur, dass Ihnen nichts geschieht. Ich habe auch Angst um mich und Melvin. Spear ist zu allem fähig. Wir werden nicht alleine mit ihm fertig..."
„Und was ist mit all den Menschen, die außer uns sterben müssen? Vielleicht jetzt im Moment, irgendwo im Tempel?", fragte Mulder mit einem wütenden Funkeln in den haselnussbraunen Augen.
„Er wird sie wahrscheinlich nicht töten. Aber auch sie können wir nur befreien, wenn wir zusammenhalten", sagte Ivan eindringlich.
„Woher sollen wir denn wissen, dass wir ihm trauen können?", zischte Grahm. „Wer weiß, ob das nicht alles eine Falle ist?"
Vince trat näher an Ivan heran. Seine Blicke schienen den Schweden zu durchleuchten wie Röntgenstrahlen.
„Wie heißen Sie?"
„Ivan Frederikson. Der Junge dort draußen heißt Melvin Turner. Er ist eigentlich nur auf Wunsch seines Vaters mitgekommen. Doch der ist von den Raptoren getötet worden. Genauso wie sieben weitere Männer. Zum Glück war auch Pount unter ihnen. Würde dieser Drecksack noch leben, sähe die Sache noch schlimmer aus."
Jerry Dawson tippte Vince auf die Schulter. „Ich glaube, dass wir Ivan trauen können. Ich kenne ihn schon länger und bezweifle, dass er dazu fähig wäre, uns umzubringen. Und Melvins Vater war ein loyaler Mann, ein guter Paläontologe..."
„Ja, ich kannte ihn auch", stimmte Grahm zögerlich zu. „Er war zwar ein wenig still und zurückgezogen, doch wahrlich nicht auf den Kopf gefallen..."
Vince warf noch einmal einen kurzen Blick auf Frederikson und nickte dann. „Gut. Wir vertrauen Ihnen."
„Ich danke Ihnen. Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, unversehrt wieder aus diesem Dschungel herauszukommen."
„Tja, die Frage ist nur, wie", murmelte Grahm. „Wir sind zwölf Leute gegen vier schwerbewaffnete und zudem skrupellose Männer, die vor nichts zurückschrecken..."
„Eigentlich sind wir nur acht", sagte Vince. „Kevin ist noch ein Kind und Sarah und Miss Pacal..."
„Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Dad", schritt seine Tochter beinahe ärgerlich ein. „Ich habe schon ganz andere Dinge durchgestanden!"
„Und ich will auch dabei sein!", rief Kevin dazwischen.
„Du bleibst hübsch da, wo es sicher ist!", brummte Jonas.
„Warum sollte ich? Das hast du auch nie gemacht! Du warst überall dabei! Und da warst du noch sehr viel jünger als ich!"
„Du musst mir das ja nicht alles nachmachen, oder?"
„Aber..."
„Jonas hat Recht, Kevin", sagte Vince bestimmt. „Du, Sarah und Miss Pacal, ihr werdet euch so gut wie möglich aus dem ganzen Geschehen hier heraushalten. Und Dim-Kalir sollte lieber auch eine ruhige Kugel schieben."
„Mir bleibt gar nichts anderes übrig", erwiderte der Medizinmann. „Mein Körper macht nicht mehr allzu viel mit. Schließlich wird jeder mit der Zeit älter..."
„Anstatt darüber zu diskutieren, wer sich an unserer Aktion beteiligt, sollten wir diese erst einmal planen!", ergriff Mulder das Wort.
„Es gibt nur eine Möglichkeit", erwiderte Dim-Kalir. „Zarus, der Vollstrecker."
Jonas runzelte die Stirn. „Zarus? Sie wollen jetzt allen Ernstes auf einen Gott vertrauen?"
Der Medizinmann lächelte. „O ja. Zarus ist ein existierender Gott, der Sohn des Kana-Tem. So erzählt man wenigstens in Akunga. Zarus lebt aber nicht hier im Tal, sondern draußen im Dschungel. Wäre er hier, würde er Akunga zerstören mit seiner Wucht und Gewalt. Sein Zerstörungseifer würde ihn dazu verleiten."
„Könnten Sie endlich mal Klartext reden?", murmelte Grahm. „Ich verstehe absolut nicht, wovon Sie sprechen. Wer ist Zarus?"
„Das Tier, das ihr die Tyrannenechse nennt."
„Der T-Rex?"
Dim-Kalir nickte. „Ja. Nur er kann mit Spear unbeschadet abrechnen. Schüsse aus Maschinenpistolen sind für ihn nur Mückenstiche, solang nicht seine Augen getroffen werden. Das ist seine einzige empfindliche Stelle. Sobald er im Tal ist, wird er alles vernichten, was nicht hierher gehört. Und zwar alle Menschen ohne das Gahni-Dah..."
„Was ist das?", fragte Ivan.
Der Medizinmann holte zwei Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. „Das hier ist es. Es ist ein Kraut, das von den Dinosauriern als Freund angesehen wird. Der, der einen Beutel davon um den Hals trägt und nach Gahni-Dah riecht, ist in den Augen jedes Sauriers jemand, der beschützt werden muss. Jeder andere muss getötet werden. Das ist das Gesetz von Akunga."
Dim-Kalir hängte Ivan den einen Beutel um den Hals, den anderen ließ er von Kevin zu Melvin bringen, der noch immer vor der Tür stand und Wache hielt.
„Sie haben noch nicht gesagt, wie wir diesen Zarus in das Tal bekommen", sagte Jonas. „Wenn er draußen im Dschungel lebt, außerhalb der steilen Felswände, wie kann er denn zu Akunga gelangen?"
„Durch den Tempel. Die Rückwand dieses Gebäudes ist mit einem Mechanismus versehen. Wenn dieser betätigt wird, öffnet sich das Tor zwischen der Inneren Welt und dem Dschungel. Es ist extra für die großen Saurier geschaffen worden, die nicht durch das Schattenreich zwischen hier und dort hin und her gehen können."
„Wo verbirgt sich dieser Mechanismus?", fragte Scully. „Wenn er im Tempel selbst ist, haben wir kaum eine Chance, ihn zu betätigen."
„O nein, er ist nicht in diesem Tempel dort draußen", sagte Dim-Kalir. „Der Tempel Hin, das Tor, liegt etwa sechs Kilometer von hier entfernt, am anderen Ende des Tales."
„Sechs Kilometer durch den Dschungel?" Grahm schüttelte entmutigt den Kopf. „Wie, zum Teufel, sollen wir da bloß so schnell wie möglich hinkommen?"
„Das ist kein großes Problem", erwiderte Dim-Kalir und lächelte. „Kommen Sie mit mir!"
Sie verließen die Hütte, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass weder Spear noch die Söldner sie sehen konnten. In gebückter Haltung huschten sie unter den mannshohen Farnsträuchern hindurch. Dim-Kalir führte sie verschlungene Pfade entlang, über mit Felsbrocken durchsetzte Bäche und unter dem Blätterdach gewaltiger Koniferen hindurch. Die Dschungelstadt musste bereits einige hundert Meter hinter ihnen liegen.
„Wohin führen Sie uns?", raunte Grahm, als sie sich durch dichte Zykadophytenwedel kämpften.
„Zu einem geheimen Ort", antwortete der Medizinmann gedämpft. „Zu der Lura."
„Was ist denn das schon wieder?", grummelte Mulder.
„Das unterirdische Labyrinth von Akunga", erwiderte Dim-Kalir. „Der geweihte Ort, den nur sehr wenige Menschen betreten dürfen."
Sie huschten weiter, vorbei an unzähligen urigen Pflanzen, die auf der restlichen Welt schon teilweise ausgestorben waren, vorbei an Koniferen, Ginkobäumen, Schachtelhalmen, Bennettitaceen und Araukarien, bis der Medizinmann endlich stehen blieb und auf eine massige Sumpfzypresse deutete.
„Wir sind jetzt da."
Er ging um den gewaltigen Baum herum, dessen kräftige Wurzeln teils überirdisch lagen und an einigen Stellen einen Durchmesser von einem halben Meter haben mussten. Dünnes, ausgefranstes Wurzelwerk hing wie ein gewaltiger Vorhang über dem Boden. Dim-Kalir schob es zur Seite und trat in einen dahinter liegenden Hohlraum. Seine Begleiter folgten ihm.
Der Hohlraum war gewaltig. Menschen mussten ihn unter größter Anstrengung ausgehoben haben. Stufen aus hartem Lehm führten von der Oberfläche in ihn hinab. Der Hohlraum war etwa zehn Meter hoch und etwa dreimal so lang. An der gegenüberliegenden Längsseite führten unzählige Tunnel tiefer in das Erdreich hinein.
„Das ist die Lura", sagte Dim-Kalir und strich beinahe andächtig über die erstaunlich glatten Lehmwände. „Sie ist so alt wie die Stadt selbst, aber noch immer nicht vollkommen. Seit Jahrhunderten baut man hier unten, legt weitere Tunnel an, die überall in das Tal führen sollen."
„Gibt es auch schon einen, der zum Tor führt?", erkundigte sich Sarah, während sie die gewaltige Kuppel über sich bestaunte. Mit bunten Farben aus Lehm waren Figuren an die Wände gemalt wurden, die den Höhlenmalereien aus der Steinzeit ähnelten. Sie unterschieden sich jedoch in der Qualität. Man konnte genau erkennen, wieviel Mühe sich die Künstler mit ihren Bildern gegeben hatten.
„Nein, leider nicht. Der Tunnel ist noch in Arbeit. Aber wir können einen Gang benutzen, der uns unter dem größten Teil des Urwaldes hindurchführt und uns somit einen äußerst beschwerlichen Weg erspart."
Er ging auf einen der Korridore, die ins scheinbare Nichts zu führen schienen, zu. Vor dem Durchgang nahm er eine lodernde Fackel von einem Halter in der Wand und ging voran, hinein in den Tunnel.
Jonas' Augen weiteten sich vor Erstaunen, als das unruhig flackernde Licht der Fackel auf die Höhlenzeichnungen fiel, die den gesamten Gang zu zieren schienen. Er sah wundervolle Bilder von den Tempeln und Darstellungen der Feste Riten. Ganze Geschichten wurden dort in Bildern erzählt, Legenden von tapferen Helden und Mythen von den Göttern, Kämpfe zwischen Mensch und Saurier, Triumphzüge durch die Straßen von Akunga und sportliche Spiele. Über welch Kulturgut diese Dschungelstadt verfügte, dachte er bei sich. Unglaublich!
„Diese Gewölbe sind wie eine riesige Bibliothek", sagte Dim-Kalir vor ihm. „Alle Ereignisse werden hier an den Wänden festgehalten, auf dass sie die Ewigkeit überdauern und den Nachkommen von dem Leben der Ahnen erzählen. Wer weiß, vielleicht wird man auch von Ihnen berichten..."
Der Gang teilte sich und sie hielten sich nach rechts. Der folgende Tunnel war nur kurz und sie erreichten einen zweiten Kuppelraum, der zwar kleiner als der unter der Sumpfzypresse war, aber über ebenso schöne Bilder verfügte. In der Mitte dieses Raumes stand eine Art Tisch mit Bank, auf der eine junge Frau saß und ihnen überrascht entgegenblickte.
„Das ist Malia." Dim-Kalir deutete auf die junge Frau. „Sie bewacht diesen Teil des Tunnelsystems an jedem neunten Mond. Sie spricht auch Ihre Sprache, denn ich habe sie ihr gelehrt, als ich hierher kam, da sie sich sehr an meine Herkunft interessierte und mich verstehen wollte. Sie wiederum hat mir geholfen, die Sprache Akungas zu lernen. - Malia, mein Kind, komm zu uns."
Sie folgte der Aufforderung des Medizinmannes und stand auf. Mit behenden Schritten kam sie zu der Gruppe hinüber. Im gedämpften Licht konnte Jonas ihr ebenmäßiges Gesicht und die großen dunklen Augen erkennen, die sie neugierig musterten. Malia war eine wahre Schönheit, ihre langen Haare umspielten ihr hübsches Gesicht, ihr Körper war schlank und behende und ihre Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Raubkatze.
„Begrüße unsere Gäste, Malia", sagte der Medizinmann lächelnd. „Sie kommen von weit her, noch sehr viel weiter als ich, doch sprechen sie meine Sprache. Sie sind Freunde und werden Akunga nichts zu Leide tun. Sie sind hier, um uns zu beschützen."
„Dek hat mir bereits erzählt, was geschehen ist. Weiße Männer mit schwarzen todbringenden Stöcken sind gekommen und haben unser Volk gefangengenommen. Wir sind ratlos, großer Schamane."
„Wir werden zum Tempel des Tores gehen und Zarus rufen. Er muss kommen und uns helfen, bevor die Menschen in der Hand des bösen weißen Mannes sterben", erwiderte Dim-Kalir. Jonas bemerkte, dass sich die Beiden ähnlich unterhielten, wie es die Indianer in den berühmten Karl May - Filmen taten. Mulder neben ihm schien das Gleiche zu denken, denn er beugte sich zu ihn und raunte ihm unter vorgehaltener Hand zu:
„Ja, und dann, mein Bruder, wird die Kavallerie in Form einer Raptorherde erscheinen und uns alle erretten. Und wir werden ein Fest feiern, zu Ehren des großen Dino-Maitu!"
Jonas grinste, stieß dem Agenten jedoch trotzdem warnend in die Seite. Mulder hatte nun einmal die Eigenschaft, überall mehr oder weniger unangenehm aufzufallen, denn nicht jeder verstand seine Art von Humor.
„Ich möchte, dass Kevin, Marvin und die Frauen hier bleiben", sagte Dim-Kalir. „Bis auf Sie, Agent Scully. Und ein oder zwei Männer sollten auch bleiben und auf die Zurückgebliebenen aufpassen, damit ihnen nichts geschieht. Währenddessen werde ich den Rest zum Tempel führen."
„Ich bleibe bei Marvin", sagte Ivan bestimmt.
„Und ich werde auch bleiben", sagte Vince.
Jonas nickte zustimmend. Vince Barrett war ein Bär von einem Mann und er würde die ihm Anvertrauten bis zum bitteren Ende verteidigen, falls Spear sie entdecken und ihnen etwas antun wollen würde.
„Kann ich auch hier bleiben?", fragte Jerry vorsichtig. „Ich wäre Ihnen allen sicherlich keine große Hilfe, denn ich bin ein miserabler Schütze. Außerdem fürchte ich mich vor Dinosauriern."
„Wie Sie wünschen, Jerry", erwiderte Grahm. „Dann ziehen wir eben zu fünft los."
„Zu sechst", verbesserte Dim-Kalir. „Malia wird uns begleiten." Mit diesen Worten wandte er sich an Vince: „Ich bitte Sie, in keinen der Tunnel zu gehen, solange wir fort sind. Die meisten von ihnen sind für die, die sich hier nicht auskennen, mehr als unübersichtlich und könnten auch zur tödlichen Falle werden."
Der ehemalige CIA - Agent nickte. „Ich werde darauf achten, dass sich niemand entfernt."
Dim-Kalir nickte zufrieden. Dann gab er seiner Truppe einen kurzen Wink und führte sie in eine der Gänge hinein.
„Wir werden den Tempel vor Anbruch der Dämmerung sicherlich nicht mehr erreichen", sagte Malia. „Es könnte sein, dass wir irgendwo im Dschungel unser Nachtlager aufschlagen müssen."
„Na toll!", murrte Mulder. „Scully, haben Sie Ihr Moskitonetz dabei?"
„Sie waren es doch, der gesagt hat, ich soll nichts Unnötiges einpacken", erwiderte sie, während sie trockenes dünnes Wurzelwerk, das von der Decke herabhing, zur Seite schob, um darunter hindurchgehen zu können.
„Unter unnötig verstehe ich etwas anderes!", murrte er. „Ihren Kleiderschrank, zum Beispiel."
Sie gingen schweigend weiter, bis sie nach einer knappen Viertelstunde scheinbar vor dem Ende des Tunnels standen. Mulder sah nichts als Wand und runzelte die Stirn.
„Hat hier der Zimmermann vergessen, ein Loch zu lassen?"
„Nicht doch", lächelte Dim-Kalir und schob einen weiteren Wurzelvorhang zur Seite. Angenehmes Abendlicht strahlte ihnen entgegen. Sie stiegen einige Lehmstufen hinauf und standen schließlich auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, der weit über den Dschungel reichte.
„Der Tempel liegt in dieser Richtung" Dim-Kalir deutete den Hügel hinab, wo nach einem halben Kilometer Wiesenfläche dichter Urwald begann. In der Ferne konnten sie vernebelte Berghänge erkennen.
„Sollen wir etwa bis dorthin laufen?", fragte Scully. „O Gott!"
„Nein, dass müssen wir nicht", erwiderte der Medizinmann. „Sofern Sie Erfahrungen mit dem Reiten von Sträußen haben..."
„Sträußen?", echote Grahm.
„Vielleicht sollte ich lieber Gallimimus sagen, so nennen Paläontologen dieses Tier." Ohne auf die irritierten Gesichter seiner Begleiter zu achten, zog Dim-Kalir eine kleine Flöte hervor und blies hinein. Er entlockte dem winzigen Instrument einen langezogenen hellen Ton, der bis zu den links von ihnen liegenden Steilhängen hallte und dort als Echo zu ihnen zurückgeworfen wurde.
Mulder verzog spöttisch die Lippen. „Was ist das? Eine Hundepfeife?"
Er hatte kaum ausgesprochen, als sich eine Gruppe zweibeiniger Tiere aus dem Schatten der Bäume eines unweit gelegenen Palmenhaines löste und sich zu ihnen hinüberlief. Jonas legte die Hand über die Augen, um das helle Sonnenlicht abzuschirmen, und betrachtete die flinken Wesen, die sich rasch näherten. Sie waren etwa vier Meter lang, hatten kräftige Hinterläufe, die darauf schließen ließen, dass sie schnelle Sprinter waren. Sie hatten schlanke lange Hälse mit kleinen Köpfen, die in breiten und flachen Schnäbeln endeten. Die langen Kiefer trugen keine Zähne. Mit den relativ kurzen Armen konnten diese Tiere wohl kaum Beute ergreifen. Jonas vermutete, dass sie zu der Gattung der vogelähnlichen Dinosauriern gehörten.
„Gallimimus, dressierte Reittiere", sagte Dim-Kalir. Er gab den Echsen einen Befehl auf Akungaisch. Die Vogelfußdinosaurier ließen ihre Hinterläufe einknicken und legten sich auf den Boden. Sie bogen ihre Hälse wie überdimensionale Schwäne, überhaupt sahen sie diesen Vögeln sehr ähnlich, auch wenn sie keine Federn trugen.
„Wir werden auf ihnen zum Tempel reiten", erklärte der Medizinmann. „Es sind genau sechs Tiere, genau so viele, wie wir brauchen."
Jonas nickte. „Gut. Dann machen wir uns mal auf zu dem Tempel."
„Was heißt hier wir?", fragte Mulder. „Du wirst doch nicht etwa von mir erwarten, auf eine dieser wilden Bestien zu steigen?"
„O doch!"
„Niemals!"
Jonas lehnte sich zu ihm hinüber und sah ihn beschwörend an. „Ich werde dich dort brauchen, Fox! Wir brauchen jeden, der mit Waffen umgehen kann! Wer weiß, welche Viecher da im Dschungel lauern!"
„Das ist es ja gerade, was mir nicht passt!", entgegnete Mulder grimmig. „Ich habe kein Interesse, an der Spitze des Speiseplans eines Dilophosaurus zu stehen."
„Willst du etwa alleine durch den Tunnel zurückgehen?", erwiderte Jonas. „Du wirst dich verirren!"
„Sie können den Tieren vertrauen, Agent Mulder", schritt Dim-Kalir ein. „Es sind keine gefährlichen Räuber wie die Dilophosaurier. Sie ernähren sich von Eiern, Insekten und Kleintieren, würden aber niemals Wesen von unserer Größe angreifen. Außerdem sind sie gut abgerichtet."
„Na schön", murmelte Mulder, allerdings weniger begeistert. „Wenn es unbedingt sein muss..."
„Dann lasst uns keine Zeit verlieren!" Jonas schwang sich auf den Rücken des nächsten Gallimimus. Er schien sich trotz der scharfen Schnäbel der großen Tiere nicht vor ihnen zu fürchten. Grahm, Malia und Dim-Kalir taten es ihm gleich, und sogar Scully traute sich auf den Rücken eines Tieres. Und Mulder war zu stolz, um sich eine Blöße zu geben. So stieg auch er auf einen Gallimimus, auch wenn ihm dabei mehr als unwohl war.
Kaum saßen alle auf den Rücken der Tiere, als Dim-Kalir einen erneuten Befehl gab und sich die Saurier beinahe zeitgleich erhoben. Mulder glaubte, der Boden unter ihm würde schwanken, als sich sein Reittier in Gang setzte. Er spürte jede Bewegung des Gallimimus, die muskulösen Hinterläufe griffen weit aus. Die Tiere streckten ihre langen Schwänze gerade aus, um mit deren Hilfe das Gleichgewicht besser halten zu können. Ihre stromlinienförmigen Körper waren optimal für den schnellen Lauf ausgestattet. Behände liefen die Vogelfußdinosaurier den Hügel hinab und über die angrenzende Wiesenfläche, dem Dschungel zu, der sich rasch näherte.
„Der Gallimimus ist das prähistorische Gegenstück zum Geparden", rief Dim-Kalir von seinem Tier herüber. „Seine Spitzengeschwindigkeit liegt bei knapp hundertzehn Stundenkilometern."
„Jesus!", stöhnte Mulder, der sich mehr oder weniger am Hals seines Reittieres festzuklammern versuchte. „Aber hoffentlich wird der Bursche nicht mit mir auf dem Rücken zu Schumi! Der ist mir jetzt schon zu schnell!"
„Wir verstoßen aber noch nicht gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung", scherzte Jonas, dem der Ritt auf den Vogelfußdinosauriern offenbar gefiel, denn sein Lächeln wirkte keinesfalls aufgesetzt. „Wir bewegen uns gerade mit etwa fünfzig Kilometern pro Stunde."
„Alles, was über ein Moped hinausgeht, ist mir auf dem Rücken eines solchen Dings zu schnell!", erwiderte Mulder. Er hätte sich nie träumen lassen, einmal auf einer Art übergroßem Strauß zu reiten. Er hatte ja noch nicht einmal auf einem Pferd gesessen. Das war ihm als Stadtkind bisher erspart geblieben.
„Immer lächeln", sagte Jonas und grinste beinahe unverschämt - jedenfalls kam es Mulder so vor. „Und ein bisschen schneller!"
„Noch schneller? Das Vieh galoppiert ja schon wie toll!"
„Das nennst du Galopp?", erwiderte der junge Wissenschaftler und lachte. „Wo bleibt dein Mut, Fox? Wer sich auf den Rücken eines schnellen Sprinters schwingt, soll nicht nach dem Trampelpfad des Esels Ausschau halten!"
„Wo hast du denn diesen bescheuerten Spruch her?", entgegnete Mulder und duckte sich, als sein Gallimimus unter den Ästen der ersten Bäume hindurchschoss. Das Tier wich behende jedem Hindernis aus oder setzte mit einem eleganten Sprung darüber hinweg - auch wenn es Mulder dabei den Magen umdrehte.
Die Vogelfußdinosaurier bewegten sich dermaßen sicher durch das Gewirr des Dschungels, dass selbst Mulder nach einiger Zeit Vertrauen zu den flinken Tieren fasste. Doch dass er die Angst vor den Tieren abstreifen konnte, bedeutete noch lange nicht, dass er auch die ihn befallende Übelkeit verlor. Er wurde nach wie vor mächtig auf den Saurierrücken durchgeschüttelt, und er bezweifelte, dass ihm jemals zuvor in seinem Leben schon einmal so schlecht gewesen war. Doch er biss tapfer die Zähne zusammen und versuchte sich von seinem rebellierenden Magen wegzukonzentrieren, heftete den Blick auf den wippenden Kopf seines Reittieres und die vor ihm liegende Fülle von exotischen Pflanzen und Bäumen. Große Aras flatterten laut schreiend über sie hinweg, kleine Affen - Mulder glaubte, dass man sie in Fachkreisen als Kobolde bezeichnete - sprangen über ihren Köpfen von Ast zu Ast und machten es sich zum Spiel, die merkwürdige Gruppierung zu verfolgen. Eine Raubkatze wurde durch die stampfenden Füße der Saurier aufgeschreckt und flüchtete mit einem heiseren Fauchen ins nahe Dickicht. Schillernde Schmetterlinge von unglaublicher Größe schwirrten an ihnen vorbei, ließen sich auf gigantische Blüten nieder, die - wie Mulder fand - schrecklich nach Aas stanken.
„Das ist die größte Blume der Welt!", rief Grahm entzückt. „Die Titanwurzelblüte! In der freien Natur wächst sie normalerweise nur auf der indonesischen Insel Sumatra. Sie ist eine der allerseltensten Pflanzen der Welt! Diese Blüte ist ein Wunderwerk der Natur. Sie ist 2,3 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 1,3 Meter! Das sind gigantische Ausmaße!"
„Mit einem wahrlich gigantischen Gestank!", gab Mulder zurück und hätte sich am Liebsten die Nase zugehalten, traute sich jedoch nicht, den Hals seines Gallimimus loszulassen und beim nächsten Sprung des Tieres einen Freiflug in den feuchten Waldboden zu riskieren.
Nur Minuten später durchbrachen die Tiere die mannshohe Farne, die sich vor ihnen auftaten und standen urplötzlich vor einem träge dahinfließenden Strom. Sie verlangsamten ihr Tempo und stiegen nacheinander in die Fluten.
„Hey, mir ist nicht nach Freibad!", protestierte Mulder, als er spürte, wie das Wasser seine Beine hinaufkroch, als seine Echse immer weiter in den Fluss hineinwatete.
„Der Zewe wird uns schneller zum Tempel bringen", erwiderte Malia. „Er fließt nur einen halben Kilometer von ihm entfernt durch den Dschungel."
„Soll das heißen, dass wir uns einfach von dem Fluss treiben lassen sollen?", fragte Grahm.
Die junge Akunganerin nickte. „Ja. So kommen wir vielleicht doch noch heute nach Kullab."
„Was ist denn das schon wieder?", fragte Scully müde. Sie hatte die Beine angezogen und auf dem Rücken ihres Gallimimus über Kreuz gelegt.
„Das ist der Name des Dorfes, das den Tempel umschließt", sagte Dim-Kalir, der nur wenige Meter von ihr entfernt war.
Das Wasser schwappte leicht gegen die Flanken der zügig dahinschwimmenden Tiere. Es war so klar, dass man bis auf den Grund des Flusses hinabschauen konnte, der in etwa fünf Metern Tiefe lag. Schillernde Fischschwärme schossen an ihnen vorbei. Manchmal tauchte einer der Saurier den Kopf ruckartig ins Wasser, um einen Fisch zu erhaschen. Die Tiere versorgten sich selbst mit dem nötigen Wegproviant, um nach dem Dauerlauf wieder zu Kräften zu kommen.
Nach einer scharfen Biegung ragten vor ihnen urplötzlich hohe Felsen auf. Der Fluss hatte sich seinen Weg durch das Steinmassiv gefressen und eine breite Höhle in den Fels gespült, in den die Saurier nun ohne Scheu eintauchten. Die Höhle entpuppte sich als langgestreckter Tunnel, der quer durch das Felsgestein führte. Die feuchten Wände glänzten im schwachen Licht des breiten Eingangs, durch den sie hereingekommen waren. Von irgendwoher tropfte Wasser von der Decke, ein beständiges Blub durchbrach die angenehme Stille, die innerhalb des Tunnels herrschte. Schatten huschten ab und zu über die Wände, leises Gezeter drang von den oberen Winkeln zu der kleinen Gruppe hinab.
„Der Liebestunnel!", kommentierte Mulder und duckte sich, als eine Fledermaus nur knapp über seinem Kopf hinwegstrich. „Und der kostet nicht mal Eintritt!"
Der Ausgang vor ihnen verbreitete sich, je näher sie ihm kamen. Jonas fiel auf, dass die Dinosaurier wirklich wie überdimensionale Enten oder Schwäne aussahen, so wie sie inmitten des Flusses dahintrieben. Jetzt hätten sie bloß noch schnattern müssen.
Sie passierten den Ausgang. Vor ihnen lag ein weiter und doch verwinkelter See, in dem gerade die Sonne einem sinkenden Schiff gleich unterzugehen schien und das Wasser blutrot färbte. Links von ihnen schloss dichtester Dschungel bis ans Flussufer auf, rechts erhoben sich Schilfwälder von etwa acht Metern Höhe. Binsengräser, Schwimmfarn, Knöterich, Sumpfrosen und Hahnenfußgewächse überwucherten die moorigen Inseln, die quer über den See verteilt waren. Vereinzelt fanden auch Bäume, Pappeln, Tamarisken und Weiden festen Wurzelgrund. Immer wieder öffneten sich fischreiche Lagunen, in denen Millionen und Abermillionen von Wasservögeln ihre Nahrung fanden. Adler kreisten im Aufwind, ganze Herden von riesenwüchsigen Wildschweinen wühlten im Schilf, das nur grob die Umrisse mehrerer Hütten verbarg. Sie hatten Kullab erreicht.
Die Dinosaurier schwammen an das seichte Ufer und trugen ihre Reiter durch die morastigen Schilfgürtel. Mulder war froh, weit genug vom schlüpfrigen Boden entfernt zu sein, denn er hatte die inzwischen vierte Schlange entdeckt, die sich leise zischelnd durch das Brackwasser und durch die Schilfstauden hindurchwand. Es waren Mangrovennattern, und dass diese Schlangen giftig waren, wusste Mulder wahrlich gut - und das hatte nicht einmal etwas mit Jonas' spektakulären Fang vor zwei Tagen zu tun, als dieser ein älteres Exemplar dieser Schlange auf den Schoß von Jake Pount hatte purzeln lassen.
Die Vogelfußdinosaurier trugen ihre Reiter zum Dorf hinüber, das noch etwa hundert Meter entfernt war. Jonas kniff die Augen zusammen. Er sah Häuser, aber keine Menschen. Akunga war eine lebendige Stadt, hier herrschte das Schweigen eines mittelalterlichen Friedhofes.
„Wohnt hier denn keiner?", fragte er daher an Dim-Kalir gewandt.
„Doch", erwiderte der Medizinmann. „Enak, der Wächter, wohnt zusammen mit seinem Vieh hier, zu dem auch die Schweine im Schilfgürtel gehören. Allerdings ist es heute wirklich sehr still in Kullab."
Die Saurier stoppten vor der Ansammlung kleinerer Hütten und legten sich nieder, um ihre Reiter absteigen zu lassen. Mulder war heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und ein flüchtiger Blick in Scullys Richtung sagte ihm, dass es ihr ähnlich erging.
Dim-Kalir steuerte eine der Hütten an und trat ein.
„Enak?", hallte seine fragende Stimme durch den Raum. „Enak, wo bist du?"
Doch so sehr er auch rief, er erhielt keine Antwort.
„Das verstehe ich nicht", sagte Malia, und die Sorge stand ihr deutlich im Gesicht geschrieben. Ihre Blicke streiften die karg eingerichtete Hütte. Ein Lager aus Heu und Moos auf der rechten Seite, eine Art Tisch mit Bank in der Mitte, links rituelle Kultgegenstände wie Masken und Götzen.
Dim-Kalir trat an den Tisch, auf dem eine mit Hirsebrei gefüllte Holzschale stand. Er steckte prüfend den Finger hinein. Der Brei war kalt und klebrig, so als würde er schon sehr lange hier stehen.
„Irgend etwas stimmt hier nicht", murmelte er.
„Dim-Kalir!" Der Ruf erscholl von draußen. Der Medizinmann hob den Blick und eilte vor die Tür der kleinen Hütte. Suchend blickte er sich um. Er sah Jonas und Mulder auf den Stufen des Tempels stehen. Zu ihren Füßen lag eine regungslose Gestalt.
„Bei allen Göttern!", hauchte er. Er rannte los, Malia war ihm dicht auf den Fersen. Erst am Tempel angelangt verlangsamten sie ihre Schritte. Langsam stiegen sie die wenigen Stufen bis zu den beiden Männern hinauf, die sich über die Leiche eines Akunganers beugten.
„Enak, der Wächter", sagte Dim-Kalir leise. Fassungslos starrte er auf den verrenkten Körper, der vor ihm auf den Stufen lag. Um ihn herum waren überall Blutspritzer verteilt. Ein Messer, mit dem sich der Mann wahrscheinlich zur Wehr hatte setzen wollen, war ihm aus der Hand geglitten.
„Er ist schon mindestens vierundzwanzig Stunden tot", stellte Scully fest, die sich über den Mann gebeugt hatte und ihn nun untersuchte. „Man hat ihm in die Schulter geschossen. Eigentlich zu weit vom Herzen entfernt, als dass er daran hätte sterben können. Er muss die Treppe hinabgefallen sein und sich dabei das Genick gebrochen haben." Sie tastete die entsprechenden Bereiche ab und nickte dann. „Ja, die Halswirbelsäule ist mehrfach gebrochen."
Der Blick des Medizinmannes verfinsterte sich.
„Doug Spear", murmelte Grahm. „Jerry hatte Recht. Er muss noch leben..."
„Er oder einer seiner vielen Söldner", nickte Jonas. „Oder vielleicht mehrere..."
„Aber was sollen diese Typen hier gesucht haben?", fragte Dr. Grahm fassungslos. „Was könnte diese Männer dazu bewegt haben, einen Menschen zu töten?"
„Mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst", erwiderte sein jüngerer Kollege.
„Relikien beispielsweise." Mulder deutete zum großen Portal. „Da drinnen gibt es bestimmt einiges, was sich zu klauen lohnt..."
Dim-Kalir erbleichte. „Die Statue!"
Er hastete an seinen verdutzt dreinschauenden Begleitern vorbei. Scully sah ihm verwirrt hinterher.
„Was für eine Statue?"
Doch sie bekam keine Antwort.
Mulder war dem Medizinmann bereits gefolgt und trat nun hinter ihm in das Innere des Tempels. Er sah, wie Dim-Kalir erstarrte, seine Schultern schienen einzufallen und seine Haltung erinnerte an die eines alten Mannes - eines Mannes, der der aus England Stammende eigentlich auch war.
„Sie ist weg."
Mulder folgte den Blicken Dim-Kalirs und entdeckte einen Altar, über den sich ein reichlich verzierter Podest erhob. Auf dem musste das Heiligtum gestanden haben.
„War sie aus einem Edelmetall oder so etwas?", erkundigte sich der Agent, während er den Podest näher besah.
„Sie war aus reinem Gold", erwiderte der Medizinmann tonlos und mit leerem Blick.
„Kann man sie denn nicht ersetzen?"
Dim-Kalir hob den Kopf. Sein Blick war beinahe zornig. „Ich trauere nicht um das Stück Metall, Agent Mulder. Vielmehr macht mir der Verlust dessen zu schaffen, was in dieser Statue enthalten war! Nämlich der Schlüssel zur Außenwelt!"
Mulder blinzelte. „Ich verstehe nicht..."
„Die Statue ist hohl", fiel ihm der Medizinmann ins Wort. „Sie enthält ein Amulett aus Diamanten. Es ist extra so geschliffen worden, dass es genau in den Mechanismus des Tores passt. Ohne dieses Amulett können wir Zarus nicht in die Dschungelstadt holen..."

eine knappe Stunde später

Als die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden war und der Mond bereits den Himmel regierte, strich eine würzige Brise über Kullab hinweg. Der Geruch nach Regen hing schwer in der Luft. Prall gefüllte Wolken zogen über das Firmament und sorgten für ein Schattenspiel auf dem Boden. Schwarze Gestalten und Umrisse fegten dort wie Geister über die Erde, in den Binsengräsern raschelte es. Manchmal war der Wind sogar im Stande, den hohen Schilfrohren flötenartige Töne zu entlocken, deren melancholischer Klang bis zu der Ansammlung kleiner Hütten vordrang.
Die Stimmung in der ehemaligen Behausung des toten Enaks war getrübt. Die Gruppe hatte den Wächter nahe dem Tempel begraben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und zu vermeiden, dass Raubtiere durch den Blutgeruch angelockt wurden.
Ein Ferkel, das Malia geschlachtet hatte, hing über dem offenen Feuer und verbreitete einen angenehmen Duft. Jonas spürte, wie sein Magen knurrte. Schon seit Stunden hatten weder er noch die anderen etwas gegessen. Und als ihm die junge Akunganerin ein etwa steakgroßes Stück des Fleisches reichte, spürte er auch, wie er Appetit bekam. Beinahe gierig machte er sich über das Essen her.
„Nun stehen wir vor einem großen Problem", sagte Dim-Kalir leise. „Dass die Statue verschwunden sein könnte, hatte ich nicht einkalkuliert..."
„Soll das bedeuten, dass wir nun nichts mehr für die Menschen von Akunga tun können?" Grahm sah ihn beinahe erschrocken an.
„Nicht, ohne ein sehr, sehr großes Risiko einzugehen..."
Ein tiefes Rumpeln ließ die Hütte erzittern, das sich krachend irgendwo an den Felswänden entlud. Der Regen, der sich schon lange zuvor angekündigt hatte, setzte ein. Als Jonas kurz den Vorhang aus gegerbtem Leder anhob, um durch eines der Fenster nach draußen blicken zu können, sah er kaum mehr als eine Wand aus Wasser, hinter der jeder Gegenstand zu verschwimmen schien.
Sie beendeten schweigend ihr Mahl. Unzählige Male hörten sie das bedrohliche Donnergrollen, und mit jeder Minute schien der Regen stärker zu werden. Aber auch wenn das Dach nur aus Schilfteppichen und vereinzelten Holzelementen bestand, es hielt dicht.
Dim-Kalir saß schweigend neben dem noch sanft kokelnden Feuer, in dem Malia herumstocherte, um die loi, eine Früchtesorte, zu wenden, die sie in die heiße Glut geworfen hatte. Dr. Grahm betrachtete gedankenverloren eine Holzschnitzerei, die er in den Händen hielt. Mulder hatte in seiner Tasche noch eine Handvoll Sonnenblumenkerne gefunden und war gerade dabei, diesen spärlichen Vorrat zu vertilgen. Scully hatte sich neben ihm auf seiner Jacke zusammengerollt, wo sie tief und fest schlief. Auch Jonas schien sehr müde zu sein. Dösend lehnte er mit dem Rücken an der Wand, die Augen geschlossen. Nur ein zeitweises Flackern der Lider verriet, dass er noch halbwegs wach war.
Malia angelte die Früchte aus der Asche. Sie waren etwa so groß wie Kiwis und hatten eine recht harte Schale, die mit der von Nüssen vergleichbar war. Mit der Machete schlug die Akunganerin die Gebilde auf und löste das saftige Fruchtfleisch aus dem Inneren. Sie kostete kurz, nickte anerkennend, und reichte dann auch den anderen von der loi.
Nach dem - mit Verlaub - wohlschmeckenden Nachtisch spürte auch Mulder, wie ihn die Müdigkeit ergriff. Er gähnte ausgiebig, bevor er sich neben Scully auf den Boden sinken ließ, einen Rucksack als Kissen gebrauchend. Und es dauerte nicht lange, bis sich auch die anderen schlafen gelegt hatten.

am nächsten Morgen

Mulder blinzelte in das grelle Licht, das durch das Fenster ins Innere der Hütte fiel. Jemand hatte die Vorhänge zur Seite gezogen. Es musste schon recht spät sein. Die Sonne stand bereits am Himmel und brach durch das grüne Blätterdach der Zykaden, die die Hütte säumten.
Mulder setzte sich schwerfällig auf und blickte in die Runde. Scully schlief noch immer neben ihm, und nur anderthalb Meter weiter lag Jonas auf dem Boden. Aber bis auf sie war die Hütte leer.
„Dr. Grahm?" Mulder war ans Fenster getreten und spähte angestrengt nach draußen. „Dim-Kalir? Sind Sie da irgendwo?"
„Pst!"
Malia war so rasch vor ihm aufgetaucht, dass Mulder erschrocken einen Schritt zurückwich und dabei beinahe das Gleichgewicht verlor.
„Jesus, haben Sie mich erschreckt!", stammelte er.
Malia legte die Stirn in Falten. „Wer ist Jesus?"
„Och, nicht so wichtig." Mulder grinste. „Wissen Sie, wir sagen das oft, wenn wir uns erschrecken oder wir sehr erstaunt sind."
„Ach so." Sie lächelte und reichte ihm ein Packet aus Baumblättern durch das Fenster. „Darin sind Nüsse. Die können Sie in die heiße Asche legen, Nach einer knappen Viertelstunde sind sie gut. Dann können Sie sie essen. Außerdem habe ich hier noch Beeren, und in der Hütte liegen noch Fleischreste von gestern. Die würde ich allerdings lieber aufheben für unseren Heimritt. Der wird auf jeden Fall länger sein, als der nach Kullab."
„Na prima." Mulder klang wenig begeistert. „Wo sind Dim-Kalir und Dr. Grahm?"
„Unten am See, Wasser holen. Wir werden welches brauchen. Es wird Zeit, dass wir unseren Reiseproviant zusammenstellen." Sie hob den Bogen in ihrer rechten Hand. „Darum werde ich mich jetzt auch mal aufmachen, um noch ein Ferkel zu schießen. Es wird nicht lange dauern."
„Aber wir haben noch Dosen in den Rucksäcken", sagte er.
Sie schüttelte unwillig den Kopf. „Ich bitte Sie! Das ist doch kein richtiges Essen!"
Und schon war sie verschwunden.
Mulder blinzelte, zuckte dann aber mit den Schultern. Wenn Malia unbedingt jagen wollte, dann sollte sie. Er ging zur Feuerstelle hinüber, legte einen kleinen Haufen Reisig und trockenes Schilf darauf, schob einige Äste dazwischen und zündete das ganze Gebilde schließlich an. Als die Flammen knisterten und prasselten, warf er das Päckchen hinein und schob mit einem Stock heiße Asche darüber. Er bohrte gelangweilt in den Flammen, rührte in verkohlten Holzstückchen herum. Plötzlich blinzelte er. Das Geräusch war sehr leise gewesen, dennoch hatte er es vernommen. Er und Scully kannten sich mehr als fünf Jahre, und innerhalb dieser Zeit hatten sie gelernt, nicht nur auf den anderen einzugehen und ihn zu respektieren, sondern ihn und seine Geräusche aus allem anderen herauszuhören. Und so erstaunte es ihn gar nicht, dass ihn seine Intuition mal wieder nicht getäuscht hatte. Sein Blick traf den seiner Partnerin, die verschlafen in die Sonne blinzelte und sich langsam von ihrem Lager aufrichtete.
„Guten Morgen", sagte er lächelnd.
Sie gähnte ausgiebig. „Morgen... - wenn es überhaupt noch Morgen ist, nach dem Stand der Sonne zu urteilen. - Wie lange sind Sie schon wach?"
„Ein paar Minuten oder so." Er wendete mit dem Stock das mit Nüssen gefüllte Päckchen in der glimmenden Asche. Kleine Funken sprühten in alle Richtungen.
In diesem Moment kehrte Malia mit der versprochenen Jagdbeute zurück. Sie legte das wohlgenährte Ferkel neben die Feuerstelle und begann, es auszunehmen.
„Dim-Kalir und Dr. Grahm werden auch gleich hier sein", sagte sie, während die die Keulen über das Feuer hielt. „Sobald wir gefrühstückt haben und unser Proviant zusammengestellt ist, werden wir weiterreiten."
Mulder verzog das Gesicht. „Na super, mir tut ja noch von gestern der Hintern weh!"
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