Intra unguis mortifer von Kit-X

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An einem anderen Ort

Sie waren schon über zwanzig Minuten auf dem Fluss unterwegs, als etwas von unten an ihr Boot stieß und es dabei unwirsch zur Seite warf. Jerry hätte vor Schreck beinahe das Paddel fallengelassen und Vince umfasste das seine fester, um es im Notfall als Waffe benutzen zu können. Mit wahren Adleraugen durchsuchte er das grünliche Flusswasser. Doch es war so dunkel und so tief, dass man nur wenige Zentimeter klar hineinsehen konnte. Das Einzige, was Vince erhaschte, war ein kurzer Blick auf einen Schatten, der unter ihrem Boot hervorglitt und in der Tiefe verschwand.
„Was war das?", fragte Kevin und lehnte sich weit über die Gummiwand des Bootes hinaus. Jonas packte ihn am Kragen seines Shirts und zog ihn zurück.
„Deine Neugier bringt dich noch irgendwann einmal um, Kev."
„Ich will doch nur wissen, was es war!", erwiderte sein jüngerer Bruder trotzig.
„Es war groß und das reicht mir", knurrte Kirochima.
„Ach, Jerry?" Mulder fiel seine Frage wieder ein, die durch die massive Störung des T-Rex unbeantwortet geblieben war.
„Was?"
„Sie sprachen vorhin von einem Rotschädel. Was meinten Sie damit?"
„Ich kenne den Namen dieses Dinosauriers nicht", bedauerte Dawson. „Aber sein Aussehen werde ich nie vergessen."
„Erzählen Sie."
„Es war ein Raubsaurier, etwa fünf Meter lang. Vielleicht auch länger. Er wirkte äußerst schlank und wendig, war auffällig grün gefärbt. Jedenfalls das Männchen. Es hatte noch einen roten Hautlappen am Hals, den es aufblähen konnte. Und es hatte einen Kamm auf dem Kopf, ebenfalls rot. Das Weibchen war mehr graubraun, weniger auffällig halt. Es blieb mehr im Hintergrund, als der Rotschädel die Raptoren angriff."
„Er hat die Raptoren angegriffen?", echote Grahm.
„Ja. Er wollte ihre Beute haben. Als die Raptoren diese verteidigen wollten, hat sie das Viech angespuckt. Es war so'n weißer Schaum. Überall, wo dieses Zeug auf der Haut war, schienen die Raptoren Schmerzen zu haben. Einer hatte das Zeug in die Augen bekommen und schrie entsetzlich. Bei einem dauerte es nicht mal drei Minuten, bis er tot war, dem anderen hat der Rotschädel die Kehle durchgebissen, weil ihm sein Geschrei scheinbar auf den Geist ging."
„Dilophosaurier", murmelte Mulder leise. „Na großartig!"
„Sie kennen diese Viecher?"
„Ich habe mumifizierte Überreste dieses Tieres gesehen. Und der Beschreibung nach müsste es dieser Saurier sein. Es gibt nicht viele Räuber mit Kopfschmuck."
„Und was hat es mit seiner Spucke auf sich?"
„Sie enthält Hämatoxin", antwortete Scully, und Jonas musste unweigerlich an die verletzten Jungen in Jakarta denken. „Das ist ein Gift, dass den Körper mit der Zeit lähmt, wie bei Schlangenbissen, demnach auch zum Tod führt. Das Hämatoxin beeinflusst auch die Nerven, reizt sie, verursacht Panik und Schmerz."
„Gibt es Gegenmittel?"
„Sicherlich gibt es die. Aber ob diese auch auf den Dilophosaurus anwendbar sind, weiß ich nicht. Die Zusammensetzung könnte um geringe..."
„Kevin!"
Jonas schüttelte missbilligend den Kopf, als er sah, dass sich sein Bruder wieder weit über die Bootswand beugte. „Entweder du fällst ins Wasser, oder das Vieh von vorhin taucht auf und zieht dich mit runter!"
„Ach Quatsch!"
In diesem Moment schoss ein riesiger Kopf aus dem Fluss. Wasser spritzte und ergoss sich einer Regendusche gleich über die Bootsinsassen. Kevin prallte von der Bootswand zurück und starrte erschrocken auf das Tier, das nun vor ihm im Wasser lag.
„Mein Gott, was ist das?", hauchte er.
Ben Grahm krabbelte über einige Taschen und lugte über die Bootswand.
„Ach herrje, ein Mosasaurus!", rief er erschrocken aus.
Kirochima runzelte die Stirn und wich so weit wie nur möglich vor dem Tier zurück. „Ist dieser... dieses Mosadingsbums.... ist es gefährlich?"
Grahm starrte auf den knapp zwölf Meter langen Saurier, der ruhig im Wasser dümpelte, den Kopf schief legte und die Menschen im Boot neugierig beäugte. Er sah aus wie ein Krokodil. Nur war seine Haut glatt, wies kaum Schuppen auf. Die kräftigen Paddel lagen fast bewegungslos im Wasser, korrigierten nur gelegentlich den Kurs. Ansonsten war das gesamte Tier völlig ruhig und regungslos.
„Eigentlich ist er gefährlich", stotterte Grahm. „Jedenfalls behaupten das Norman und noch so einige andere Wissenschaftler. Und eigentlich lebte, äh, lebt, dieses Tier im salzigen Meer und nicht im Süßwasser."
„Was den Lebensraum angeht, haben die sich wohl getäuscht", murmelte Mulder. „Ich hoffe, dass sie sich bei seiner Gefährlichkeit auch geirrt haben..."
Als wolle der Mosasaurus seine Meinung dazu kundtun, öffnete er das Maul und gab ein kurzes, keckerndes Schnattern von sich. Er hob den Kopf, stupste leicht die gelbe Gummiwand des Bootes an und schnatterte erneut.
„Na, jedenfalls wirkt es auf mich nicht so, als wolle er uns fressen", murmelte Jonas.
„Ich glaube, die Forscher haben eine Menge falsches Zeug über diese Tiere verbreitet", sagte Sarah. „Jedes, das wir bisher sahen, hat deren Theorien widerlegt."
„Bis auf die Raptoren", knurrte Jerry.
„Das würde ich noch nicht sagen", erwiderte Jonas. „Sie haben sie nur beim Angriff erlebt. Über ihre soziale Struktur aber wissen Sie nichts."
Kevin beugte sich weit über die Bootswand. „Ob sich der Bursche streicheln lässt?"
„Eher beißt er dir die Hand ab", schnaubte Vince.
Der Mosasaurus ließ sich näher an das Boot herantreiben. Er rollte sich auf die Seite und begann wieder zu keckern.
„Irgendwie erinnert mich dieses Vieh ja an Flipper", grinste Mulder. „Auch wenn das eine Beleidigung für den Delphin ist."
Jonas beugte sich vor und streckte seine Hand aus. Der Mosasaurus wich nicht zurück, als er ihn am Hals berührte und er machte auch keinerlei Anstalten, ihn anzugreifen.
„Fühlt sich komisch an", murmelte Jonas. „Ich hätte eine Haut wie bei Schlangen oder Eidechsen erwartet. Aber die hier ist wie Gummi." Er befühlte die Haut des Sauriers, der sich die Streicheleinheiten willig gefallen ließ.
„Statt Whale-Watching gibt's jetzt Dino-Watching, was?", feixte Vince.
„Ist doch auch ganz cool", erwiderte Jonas und strich über den harten, zackigen Knochenkamm auf dem Rücken des Mosasaurus. Das Tier drehte den Kopf und Jonas hatte das Gefühl, dass es ihn direkt anblickte. Es schnaubte leise und gab dann einen merkwürdigen, gurrenden Laut von sich.
„Der Bursche scheint verschmust zu sein", grinste Sarah.
Ein lauter Schrei ertönte über ihnen. Jonas blickte auf und sah einen gewaltigen Vogel über sich kreisen. Er hatte einen langen kräftigen Schnabel und einen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf. Seine Flügel hatten eine Spannweite von etwa sieben Metern. Jonas registrierte verwundert, dass der Vogel keine Federn trug.
„Was ist das?"
„Ein Pteranodon", sagte Grahm, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand fragte. „Der größte Flugsaurier, der jemals gelebt hat. Die Wissenschaftler behaupten, er wäre ein Fischfresser gewesen."
„Wenn sie sich da mal wieder nicht geirrt haben!", knurrte Mulder.
Das Pteranodon sauste spiralförmig nach unten, ein huschender dunkler Schatten, der in einem Schwall warmer Luft, einen säuerlichen Geruch hinter sich herziehend, an ihnen vorbeirauschte.
„Wow!", rief Kirochima. „Der ist aber groß. Ben, sind Sie sicher, dass der harmlos ist?"
„Ja, eigentlich schon..."
Das Pteranodon flog zurück. Er kam von hinten und strich knapp über ihre Köpfe hinweg. Grahm sah kurz den zahnbewehrten Schnabel und den pelzigen Körper. Wie eine große Fledermaus, dachte er. Er war überrascht, wie zart und zerbrechlich dieses Tier wirkte. Die riesigen Flügel bestanden nur aus einem feinen, rosafarbenen Membran, das so dünn war, dass das Licht der Sonne hindurch schien.
„Au!", rief Scully plötzlich und fasste hastig nach ihrem Kopf. „Er hat mich gebissen!"
„Er hat was?", fragte Grahm.
„Er hat mich gebissen!", wiederholte die Agentin, und zog die Hand weg. Blut war an ihren Fingern.
Mulder rutschte zu ihr hinüber. Er duckte sich gerade noch rechtzeitig vor einem neuen Angriff des Flugsauriers. Das Tier glitt nur knapp über ihm hinweg und riss im Vorüberfliegen sein Hemd in Fetzen.
„Ah, sie fressen Fische?", knurrte er. „Ich wusste nicht, dass ich wie einer aussehe."
Der Flugsaurier war wieder heran, stürzte erneut auf das Boot zu. Kevin duckte sich, spürte die scharfen Klauen auf seiner Haut. Er hörte das ohrenbetäubende Kreischen des Pteranodon, sah nichts anderes, als die wild schlagenden Flügel.
Vince holte mit dem Paddel aus und schlug dem Flugsaurier auf den Rücken. Das Tier kreischte auf, ließ von Kevin ab und wollte davonfliegen. Doch durch den Schlag war es benommen, gewann nicht genug an Höhe. Als sich Kevin aufrappelte, konnte er gerade noch sehen, wie der Mosasaurus aus dem Wasser schnellte, dabei seinen ganzen gewaltigen Körper nach vorne warf und sich dabei fast vollständig aus dem Wasser hob. Das Tier riss sein Maul auf, das zuschnappte und mit dem rechten Flügel zwischen den Zähnen tauchte der Saurier zurück in die aufklatschenden Fluten. Dabei zog er das Pteranodon, das laut kreischte und mit dem linken Flügel um sich schlug, mit sich in die Tiefe. Gurgelnd schloss sich die Wasseroberfläche über dem schreienden Opfer.
„Alles in Ordnung?", fragte Jonas besorgt.
Kevin nickte atemlos. „Nur ein paar Kratzer, nichts weiter", sagte er. „Danke, Vince."
Sarahs Vater nickte nur und ließ das Paddel zurück ins Wasser gleiten.
„Wo ist der Saurier?", fragte Kevin.
„Unter Wasser", antwortete Grahm. „Er frisst seine Beute."
„Sehr freundlich von ihm, dass er das Biest aus der Luft heraus geschnappt hat", brummte Scully und griff erneut nach ihrem Kopf.
„Das beweist, dass er ein ausgezeichneter Jäger ist", sagte Mulder. „Und wir sollten froh darüber sein..."

etwas später

Es war etwa vier Uhr. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, dachte Jonas. Zweifelnd blinzelte er ins Licht. Vielleicht war es sogar noch später.
„Au!", schrie Kevin, als ihm Scully mit einem mit Desinfektionsmittel getränktem Wattebausch über den Rücken strich. „Herrje, wollen Sie mich umbringen? Was ist denn das für ein Höllenzeug?"
„Reines Jod", erwiderte Scully.
Der Junge stöhnte. „Konnten Sie nichts anderes nehmen? Etwas, was nicht weh tut?"
„Was nicht brennt kann auch nicht helfen." Scully setzte ihre Prozedur fort. Kevin zuckte unter einer erneuten Jodattacke zusammen.
„Mann, wenn ich noch einmal so einen Flugsaurier sehen sollte, knalle ich ihn lieber gleich ab!"
„Mich erstaunt, dass er uns angegriffen hat", sagte Ben Grahm, während er zuschaute, wie Kenji aus einem Holzklotz eine kleine Figur schnitzte. „Schließlich waren wir zehn Leute, noch dazu in einem knallgelben Schlauchboot. Grelle Farben schrecken wilde Tiere doch für gewöhnlich ab..."
„Nun, der Unterschied liegt darin, dass dieses Pteranodon kein normales wildes Tier war!", knurrte Kevin und rappelte sich vom Boden auf, nachdem Scully ihre schmerzhafte Prozedur endlich beendet hatte. „Es ist und bleibt ein Saurier und gehört seit Jahrtausenden ausgestorben!"
„Was mich wundert, ist, dass diese Tiere nur hier auf den Philippinen und in Indonesien vorkommen. Es scheint, als wären die Saurier eine Einzigartigkeit wie die die Reptilien auf Galapagos."
„Nur, dass die nicht beißen, kratzen und bis zu sechs Metern hoch sind", brummte Mulder. „Und dass Leguane Menschen fressen, glaube ich auch nicht."
„Ja, schon", wandte Grahm ein. „Aber warum hatte eben dieses Pteranodon die Insel nicht verlassen? Es konnte schließlich fliegen. Oder der Mosasaurus. Der hätte durch das Meer nach... na ja, meinetwegen Buxtehude schwimmen können."
„Das hat mich auch schon nachdenklich gemacht", stimmte ihm Sarah zu. „Warum bleiben all diese Tiere hier und verlassen die Inseln nicht?"
„Oh, ich glaube, dass einige die Inseln verlassen haben", sagte Mulder. „Ein Mosasaurus zum Beispiel könnte dafür verantwortlich sein, dass die Legende vom Seeungeheuer von Loch Ness entstand. Oder denkt an den Kongo. Seit Jahren gibt es Berichte von Pygmäen über einen großen Sauropoden in den dichten Wäldern des Bokambu. Und im Bergdschungel von Irian Java gibt es angeblich ein Tier von der Größe eines Nashorns, das ein übriggebliebener Ceratopsier sein könnte. Nicht zu vergessen die Legenden aus dem Amazonasbecken. Man berichtet, dass dort ein großes Tier gesehen wurde, das aufrecht lief und einen Pferdekopf hätte. Womöglich ein Hadrosaurier."
„Oha, Spooky Mulder hat neues Futter entdeckt", seufzte Scully.
„Das sind alles nur Legenden", sagte Jonas. „Es gibt keinerlei Beweise für die Existenz dieser Tiere. Man hat nie ein Foto von ihnen gesehen. Und das von Nessie hat sich angeblich als Flopp entpuppt. Soll ein Gummitier oder so was ähnliches gewesen sein."
„Und was ist mit diesen berühmten Seeungeheuern aus den griechischen Sagen? Diese schlangenartigen Tiere mit Pferdeköpfen und roten Mähnen? 1966 zogen US-Marinesoldaten solch ein Riesengeschöpf an Land. Es war ein gewaltiger Riemenfisch, sieben Meter lang und 250 Pfund schwer. Oder Tasmanische Tiger. Sie galten als ausgestorben, doch nun hat man wieder welche gesichtet. Krypto-Zoologen vermuten sogar, dass im Mariannen-Graben Carchardon megalodon und fußballfeldgroße Kraken überlebt haben. Megalodon gilt seit einigen tausend Jahren als ausgestorben, ebenso die Monsterkraken. Man hat vor einigen Jahren aber eine Krake von acht Metern Länge und einem Gewicht von einer knappen Tonne durch Zufall entdeckt. Sie wurde an den Strand von Neufundland gespült. Und es soll noch größere geben. Im Great Barrier Reef hat man sogar einen zwanzig Meter langen Panzerfisch fotografiert, der seit über 20 Millionen Jahren ausgestorben sein soll. Und was ist mit den Manatis, dem Proteus anguinus, dem Vi-Quang-Bovide oder dem Quastenflosser? Sie alle galten als vom Erdball verschwunden, doch man hat sie allesamt wieder entdeckt." Mulder blickte sich nach seiner Partnerin um. „Scully, der Vorfall in Minto! Warum sollten nicht Dinosaurier für den Tod von Webber verantwortlich gewesen sein? Oder die Sache in Jakarta..."
Etwas raschelte im Gebüsch und die Menschen hoben erschrocken die Köpfe - und erstarrten, als sie die Tiere erkannten, die aus den Sträuchern auf sie zukamen.
„Raptoren", hauchte Jerry. Er spürte, wie seine Knie unter ihm nachgaben.
Die mannsgroßen grünen Raubsaurier mit den sandfarbenen bis mittelbraunen Streifen auf Rücken und Schwanz wippten mit den Köpfen und gaben eine Art Fiepen von sich. Sie kamen von allen Seiten, umzingelten die Menschen, die in ihrer Mitte mehr und mehr zusammenschrumpften.
„Es sind zu viele", murmelte Kenji. „Wären es zwei oder drei, okay. Aber es sind zwölf..."
„Nicht mehr lange", knurrte Vince und zog seine Pistole. Auch Jonas, Scully und Mulder hatten bereits ihre Waffen in der Händen. Jonas zielte auf einen großen Raptor mit einer länglichen Narbe quer über dem Gesicht. Er war auf dem rechten Auge blind, über das sich ein breiter roter Einschnitt zog. Irgendwie erinnerte der Saurier an Twoface aus den Batman-Filmen. Und wie dort schien dieses verunstaltete Geschöpf der Anführer der ganzen räudigen Bande zu sein. Jonas entsicherte die Pistole, sein Finger zog sich um den Abzug...
„Nein, nicht schießen!", schrie eine fremde Stimme. „Bitte, nicht schießen!"
Jonas sah auf und erblickte einen Mann in einem merkwürdigen Gewand, der urplötzlich auf der Lichtung stand. Er war von Kopf bis Fuß in helles Leder gehüllt, sein Gesicht war hinter einer bunten Maske verborgen, die an den Kopf eines Dinosauriers erinnerte.
„Huhu, Mister Voodoo", raunte Mulder ironisch, ließ seine Waffe jedoch nicht sinken. „Ich wusste ja gar nicht, dass man auch im Dschungel Fasching feiert..."
„Lassen Sie die Waffen stecken, Gentleman", sagte der Fremde. „Die Raptoren werden Ihnen nichts zu Leide tun. - Havano-Kavo!"
Kaum hatte der Fremde diese merkwürdigen Worte ausgesprochen, als die Raptoren auch schon die Köpfe senkten, ein leises Fiepen von sich gaben, und dann langsam zurückwichen. Sie lösten ihre Umzingelung auf und sammelten sich rechts von dem ganz in Wildleder gekleideten Mann zu einer Gruppe zusammen.
Die Männer und Scully ließen ihre Pistolen sinken und starrten entgeistert auf die schlanken Raubsaurier, die dem Fremden zu gehorchen schienen wie eine Meute Jagdhunde ihrem Herren.
„Wer... wer sind Sie?", fragte Kenji verwirrt.
Der Mann strich einem der Raptoren beinahe zärtlich über den Rücken. „Nun, die Bewohner von Akunga nennen mich Dim-Kalir."
„Und wie kommt es, dass Sie unsere Sprache sprechen?"
„Das ist eine lange Geschichte. Ich komme ursprünglich aus London und heiße James Cartwright. Ich arbeitete als Biologe auf Java und Borneo. Doch vor sechs Jahren stürzte mein Flugzeug wegen einem Triebwerkausfall über diesem Dschungel hier ab. Mein Pilot hat das nicht überlebt. Und mich schnappten die Eingeborenen. Sie hätten mich beinahe ihren Göttern geopfert. Doch diese litten an einer scheinbar unheilbaren Seuche. Ich fand ein wirksames Mittel gegen sie, rettete den Göttern das Leben und gleichzeitig auch mein eigenes. Ich erlangte bei den Eingeborenen großes Ansehen. Man ernannte mich sogar zum Medizinmann. So viel zu meiner bisherigen Laufbahn."
„Götter?" Mulder blinzelte verwirrt. „Was für Götter?"
Dim-Kalir lächelte. „Einige von ihnen stehen gerade direkt vor Ihnen."
„Die Dinosaurier?"
Der Medizinmann nickte. „Ja, die Dinosaurier."
„Wirklich nette Götter", brummte Scully. „Picken dir auf dem Kopf herum oder legen großen Wert darauf, dich zu zerfleischen."
„Das machen sie mit allen Fremden", sagte Dim-Kalir. „Das ist ihre einzige Chance, zu überleben und Akunga vor dem Untergang zu bewahren."
„Was ist Akunga?"
„Unsere Stadt."
Vince schüttelte breit grinsend den Kopf. „Das muss alles ein schlechter Traum sein. Eine Stadt inmitten des Dschungels, bewacht von einer Tierspezies, die schon seit langer Zeit als ausgestorben gilt, und die ihrem Meister aufs Wort gehorcht."
„Das ist kein Traum, sondern reinste Wahrheit", sagte Dim-Kalir. „Unsere Stadt braucht diese Wächter. Doch guten Menschen gegenüber sind sie friedlich."
Mulder beugte sich zu Jonas hinüber und raunte: „Ich weiß, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, bla, bla, bla - aber dieser Typ ist total verrückt."
Jonas lachte, und der Agent fuhr erschrocken zusammen, als ihm Dim-Kalir einen leichten Wink gab. „Kommen Sie her."
„Wer? Ich?"
„Ja. Sie sind ein skeptischer Mensch, und solche wie Sie muss ich immer zuerst überzeugen."
Jonas und Scully prusteten los. Die Agentin deutete vergnügt auf ihren Partner.
„Skeptisch? Der? Niemals!"
Kenji zuckte mit den Schultern. „Tja, verdrehte Welt."
Mulder derweil beäugte misstrauisch die Gruppe der zwölf Raptoren. „Ich weiß nicht so Recht..."
Dim-Kalir lächelte. „Haben Sie keine Angst. Kommen Sie."
„Die beißen mich auch nicht?"
„Sicherlich nicht."
Mulder seufzte, steckte die Pistole zurück in den Gürtel, und trat mit zögerlichen Schritten zu dem Medizinmann, der neben einem der Saurier stand. Es war ein im Gegensatz zu den anderen relativ kleiner Raptor. Er reichte dem Mann gerade mal bis zum Bauchnabel. Es schien ihn nicht zu beunruhigen, dass Mulder näher kam. Er gähnte sogar und ließ sich auf den Boden sinken. Er lag nun dort unten auf der Erde, wirkte wie ein Dackel neben seinem Herren.
„Streicheln Sie ihn", sagte der Medizinmann.
Mulder holte tief Luft und ging dann vor dem Tier in die Hocke. Der Raptor blickte zu ihm auf und fiepte. Als der Agent vorsichtig die Hand ausstreckte und ihn am Kopf berührte, schloss der kleine Saurier die Augen und gurrte.
„Ja, das mag er", sagte Dim-Kalir und schmunzelte. „Das ist ein ganz verschmuster Bursche, unser Kleiner."
„Auf mich wirken diese Tiere nicht gerade verschmust", knurrte Jerry. „Ich musste mit ansehen, wie sie fünf Männer schier in der Luft zerrissen haben."
„Jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Das Gleiche gilt für den Dschungel und seine Bewohner, auch für die Raptoren", entgegnete der Medizinmann und holte einige kleine Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. Die Beutel waren an geflochtenen Lederschnüren befestigt. Dim-Kalir bückte sich zu Mulder hinunter, der nun weniger scheu den Raptoren streichelte, und hängte ihm einen der Beutel um den Hals.
„Was ist das?", fragte er und musterte die merkwürdige Gabe.
„In dem Säckchen ist eine bestimmte Kräutermischung enthalten. Sie signalisiert den Dinosauriern durch ihren Geruch, dass Sie keine Feinde, sondern Freunde für sie sind. Sie können die Kräuter schon aus großer Entfernung riechen."
„Riecht irgendwie ein bisschen nach Pfefferminz", murmelte Scully und wog den Beutel in der Hand. „Und nach Melisse. Nur intensiver."
Dim-Kalir lachte. „Das dachte ich zuerst auch, als man mir den Beutel gegeben hat. Aber diese Pflanzen wachsen nur hier im Dschungel. Die Blätter in dem Säckchen stammen von grasartigen Pflanzen mit lila Blüten. Die Eingeborenen nennen sie Gahni-Dah. Es gibt sie nur hier und ich bezweifle, dass Sie dieses Gewächs in irgendeinem botanischen Lehrbuch finden werden."
„Nicht das Erste, was man in keinem Buch vorfindet, nicht wahr, Sarah?", fragte Jonas mit einem leichten Schmunzeln.
„Du sagst es", seufzte sie und verstaute den kleinen Lederbeutel unter ihrem T-Shirt.
Dim-Kalir kraulte den Raptoren am Hinterkopf und blickte die Besucher fragend an.
„Warum sind Sie hier?", erkundigte er sich.
„Nun, das ist eine lange Geschichte", murmelte Benjamin Grahm.
„Das macht nichts", erwiderte der Medizinmann. „Wir haben Zeit. Bis zur Stadt sind es knapp anderthalb Stunden Fußmarsch."
Er stieß einen merkwürdigen, gurrenden Laut aus und die Raptoren setzten sich in Bewegung. Acht von ihnen verteilten sich im Dschungel, vier stapften in geschlossener Formation den schmalen Pfad entlang, der zwischen hohen Bäumen und unübersichtlichem Blattwerk in das dahinterliegende und undurchdringliche Grün führte.
„Kommt", sagte Dim-Kalir, während er den Raptoren folgte. „Wir müssen uns beeilen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Akunga sein wollen..."

später

Jonas wusste nicht, wie lange sie bereits durch den Dschungel gewandert waren. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit und er glaubte beinahe, die Zeit wäre zu dem Augenblick, als sie in das alles verschlingende Grün eingetaucht waren, stehengeblieben. Er warf einen kurzen Blick zu Vince hinüber, der zusammen mit Grahm und Dim-Kalir vor ihm ging. Zwei Raptoren bildeten die Spitze, bewegten sich zielstrebig durch das Gewirr von weitausladenden Farnwedeln, hohen Büschen und moosbewachsenen Bäumen nach Norden. Manchmal sahen sie sich um, so als wollten sie sich vergewissern, dass die Menschengruppe ihnen auch noch immer folgte.
Jonas lauschte auf das leise Murmeln von Ben Grahm, verstand aber nichts von dem, was er sagte. Dim-Kalir hörte dem Paläontologen aufmerksam zu, nickte zwischendurch und sprach hier und da ein Wort.
Etwas raschelte, und Jonas sah sich erschrocken um. Der Raptor, der neben ihm ging, spähte misstrauisch in die Wipfel der Bäume hinauf, erblickte den großen Tukan, der sich auf einem der unzähligen Äste niedergelassen hatte, und senkte beruhigt wieder den Kopf. Jonas musterte den Raubsaurier. Es war ein schlankes und wendiges Tier, das sich trotz seiner Größe von knapp zwei Metern so leise und geschmeidig bewegte wie eine Katze. Die sandbraunen Augen huschten aufmerksam hin und her, registrierten jede Bewegung in dem dichten Grün des Dschungels. Jedes Geräusch schien das Tier zu analysieren, jeden Geruch auf mögliche Hinweise von Gefahr zu überprüfen. Manchmal blickte es zu Jonas. Es war meist ein abschätzender Blick, nicht misstrauisch, aber neugierig. Der Wissenschaftler fragte sich, was dieses Tier wohl über ihn dachte. Wenn es überhaupt dachte. Doch es musste diese Fähigkeit besitzen, war zu erstaunlich und komplex in seinem Verhalten, dass es nicht hätte denken können. Dieser Saurier dort war intelligent, Jonas spürte es.
„Sie scheinen Ihre Scheu vor diesen Tieren verloren zu haben, Dr. Quinn."
Jonas wandte den Kopf und bemerkte dem Medizinmann, der nun neben ihm ging.
„Nun, ich fragte mich gerade, ob sie wegen uns so aufmerksam sind, oder ob es für sie auch etwas gibt, was ihnen Angst macht."
„Das gibt es, leider."
„Die Dilophosaurier?"
„Ja. Haben Sie sie schon gesehen?"
„Nicht ich, einer unserer Begleiter."
„Sie sind ein großes Problem für uns", sagte Dim-Kalir. „Sie sind unberechenbar, scheinbar dauernd im Blutrausch. Sie töten mehr Tiere, als sie fressen können. Ich möchte nicht wissen, was passieren würde, wenn sie unsere Stadt finden würden..."
Der Pfad, auf dem sie sich noch immer nach Norden bewegten, wurde schmäler. Sie konnten nun gerade noch so nebeneinander gehen. Nach einer Biegung ging es steil bergauf, Felsbrocken tauchten aus dem Grün des Dschungels auf, wurden zur Wand. Nach wenigen Metern wuchs der Fels in etwa zehn, zwölf Metern Höhe über der Gruppe zusammen, vor der nun der Eingang einer dunklen Höhle klaffte.
„Was ist das?", fragte Kirochima beklommen.
„Das Schattenreich", antwortete Dim-Kalir. „Die Verbindung von Urwald und Götterstadt."
Es war nicht völlig dunkel in dem Höhlengang. Das Gestein wies an vielen Stellen Risse auf, durch die Licht von oben fiel. Wie dünne Nadeln und Messerklingen stachen diese Fäden und Balken aus Licht durch den Fels und hellten die Dunkelheit ein wenig auf. Die Wände waren zerklüftet und mächtige Gesteinsbrocken und Platten ragten immer wieder wie die scharfen Zähne eines versteinerten Raubtiermauls in den Gang, der gewiss nicht von Menschenhand geschaffen war. Jedoch hatten sich Menschen dieser Felsverwerfung bedient, die einen bequemen Durchgang von mehreren Metern Breite und Höhe geschaffen hatte.
Der Gang machte einen scharfen Knick nach links und helles Sonnenlicht flutete ihnen entgegen. Die Raptoren begannen zu zirpen und nickten mit den Köpfen. Das grelle Licht blendete ihre empfindlichen Augen und auch Jonas musste für einen Moment die Augen schließen. Als sie aus dem Halbdunkel der Höhlenpassage traten, empfing sie ein kühler, angenehmer Wind, der ihre Kleidung blähte und durch ihre Haare strich. Gleißendes Sonnenlicht schien vom wolkenlosen Himmel und fiel hinab in das vor ihnen liegende Tal.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war überwältigend.
„O mein Gott", murmelte Sarah fassungslos.
„Einfach unglaublich", stimmte ihr Kenji mit belegter Stimme zu.
Das Tal, ein tiefer Kessel mit ovaler Form, erstreckte sich über eine Länge von etwa acht Kilometern und maß an seiner breitesten Stelle knapp zwei Kilometer. Inmitten von paradiesischen Seen und saftigem Grün lagen Tempelanlagen, deren Hauptgebäude sich unmittelbar vor einer Felswand befand. Der Tempel hatte gewaltige Ausmaße, schien über zwanzig Meter in den Himmel zu ragen. Über der monumentalen Säulenhalle waren die Konturen von drei riesigen Gottheiten aus dem Fels gemeißelt, die dem Betrachter ihr Profil darboten und halb Mensch, halb Tier waren. Tiefe symmetrische Ausbuchtungen und Einschnitte im Fels auf der Westseite des Tales wiesen darauf hin, dass die Tempelanlagen aus dem Fels errichtet worden waren, den man gleich aus diesen Steinbrüchen vor Ort gewonnen hatte.
„Was sind das für Statuen?", fragte Mulder und zeigte auf den Haupttempel.
„Die drei mächtigsten Gottheiten der Bewohner Akungas", sagte der Medizinmann. „Die erste Statue, die mit dem schuppigen Körper und dem Menschenkopf, ist Kana-Tem, der Herr über die Saurier und der Götterstadt. Die Figur des Mädchens mit dem Fischschwanz und den großen Drachenflügeln ist die Göttin der Elemente, also Luft, Wasser, Himmel und Erde. Man nennt sie Alina-Mai. Und die kleine Statue ganz links, das Kind mit der Kugel in den Händen heißt Hanii und ist die Hoffnung."
Sie standen noch eine ganze Weile dort oben, sahen auf das farbenprächtige Panorama hinab, das sich unter ihnen erstreckte. Sie bewunderten die idyllischen Seen, die riesige Tempelanlage und die Vielzahl an Sauriern, die sich dort unten zwischen den Bäumen und auf den Wiesen bewegten. Das schillernde Abendrot warf einen tieforangenen Schimmer auf das Tal und ließ es sanft leuchten.
Dim-Kalir stieg, angeführt von den Raptoren, den sandigen Pfad in das Tal hinab. Der Rest folgte ihm. Bereits nach wenigen Minuten erreichten sie den Fluss, der als Wasserfall aus zwanzig Metern Höhe durch das Felsgestein ins Tal schoss und folgten ihm nach Süden, wo sich große Palmengewächse zu weiten Haien ausdehnten. Als sie sich diesem Gebiet näherten, entdeckten sie kleine, aus solidem Stein gemauerte Häuser, die den Pfad zur linken und rechten Seite säumten.
„Die Menschen hier leben in Harmonie mit der Natur", sagte der Medizinmann. „Ich habe nie zuvor ein Volk erlebt, das den Wurzeln seiner Vorfahren derart treu geblieben ist."
Sie kamen an einem etwas größeren Steinhaus vorbei. Eine dunkelhäutige Frau, nur mit Leder bekleidet, hockte neben einem großen Dinosaurier im Gras. Sie hatte eine Art Schüssel unter den Bauch des Tieres geschoben. Ihre Hände kneteten geduldig und mit geübten Griff die Bauchunterseite des Dinosauriers. Es war ein stattliches Tier, ein wenig kleiner als der indische Elefant. Sein Schädel lief in ein gewaltiges Nackenschild über, ein spitzes Horn zierte seine papageienähnliche Schnauze.
„Ein Styracosaurus", sagte Grahm wie aus der Pistole geschossen. „Wahnsinn, was ein Prachtkerl!"
„Ihr Kerl ist ein Weibchen", lächelte Dim-Kalir.
Kevin runzelte die Stirn. „Was tut die Frau da?", fragte er verwirrt.
„Sie melkt die Dana. Dana ist das akungaische Wort für Weibchen."
„Ach ja?", echote Scully, und Mulder grinste.
„Ich wusste gar nicht, dass Ihr Name Akungaisch ist", feixte er. „Und vor Allem, dass er so passend ist. Stellen Sie sich vor, es würde Männchen heißen..."
„Sie melkt sie?", wiederholte der Paläontologe ungläubig. „Sie melkt einen Dinosaurier? Ein Reptil?"
Dim-Kalir lächelte. „Der Styracosaurus gehört zu den wenigen Arten von Dinosauriern, die Milch geben und damit ihre Jungen säugen. Sie bringen diese auch lebend zur Welt, legen also keine Eier, wie die meisten anderen."
„Sie wollen mir also sagen, dass das da ein...", Scully zögerte, „ein Säugetier ist?"
„Genau das", bestätigte der Medizinmann. „Ich konnte es zuerst auch nicht glauben. Auch ich war davon überzeugt, dass alle Dinosaurier Reptilien sind. Nun, da habe ich mich wohl geirrt."
Sarah musterte zweifelnd den massigen Kopf des Tieres. „Na, ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese Spezies ihre Jungen lebend auf die Welt bringt."
„Doch, doch." Der Medizinmann strich der Dana über die spitze Schnauze. „Das Junge steht mit ihr von Proportion und Eigenschaften im Verhältnis wie das Kalb mit der Kuh. Die Jungen werden natürlich ohne Horn und Nackenschild geboren. Das wächst ihnen erst nach und nach wie den Hirschen das Geweih."
Die Frau im Ledergewand erhob sich mit der großen Schüssel in der Hand vom Boden. Sie war zu Dreivierteln mit weißlicher, dickflüssiger Milch gefüllt. Die Frau begrüßte den Medizinmann mit einem freundlichen Nicken, blickte dann neugierig zu den ihr fremden Besuchern hinüber und neigte den Kopf.
„Sah-ni mala?", fragte sie.
„Gina di fenani", erwiderte Dim-Kalir lächelnd.
Kevin neigte sich zu seinem Bruder hinüber.
„Was hat die Frau gesagt?"
„Woher soll ich das wissen?", erwiderte Jonas leise. „Ich spreche kein Akungaisch."
„Ich schätze, sie hat gefragt, wer wir sind", vermutete Kirochima.
„Folgt mir", sagte Dim-Kalir. „Ich zeige euch nun eine freie Hütte, in der ihr die Nacht verbringen könnt. Danach müsst ihr mich leider entschuldigen, denn ich habe heute Abend sehr viel zu tun. Ich werde euch dann Morgen die Stadt und die Tempel zeigen. Bis dahin wird sie Julin um euer Wohlergehen kümmern." Er wies auf die Frau, sagte etwas auf Akungaisch zu ihr, und sie nickte zustimmend. Dann wandte er sich wieder an seine Besucher.
„Kommt nun. Die Hütte ist nicht fern..."

kurz nach Mitternacht
Akunga / Mindanao

Jonas schien nicht gerade sehr tief geschlafen zu haben, denn er schien der Einzige zu sein, der durch das entfernte Pochen einer Trommel geweckt wurde, das von irgendwoher in die von Mondlicht nur schwach erhellte Hütte hallte. Er schlug zögerlich die Augen auf und starrte in die Dunkelheit. Die Trommeln stoppten nicht, fuhren stetig fort. Jonas streckte sich, gähnte kurz und erhob sich dann von dem Schlaflager, das von Julin errichtet worden war. Neugierde hatte ihn gepackt. Er trat an das Fenster, durch das angenehm kühle Luft ins Innere der Hütte strömte, atmete tief durch und spähte in die Nacht hinaus. Von den Seen kam ein flackernder Feuerschein herüber, und von dort kam auch die Trommel, die ihre Melodie beständig einhielt und immerfort wiederholte. Es war kein hektisches Trommeln, eher melancholisch und schleppend. Wie das Trommeln zu einer Zeremonie.
Jonas ließ vom Fenster ab und schlüpfte in seine Jeans. Seinen Oberkörper ließ er unbedeckt. Die Nacht war mild und relativ windstill. Also würde er sicherlich nicht frieren.
Jonas blickte sich noch einmal kurz in der Hütte um, vergewisserte sich, dass auch wirklich alle schliefen, und schlich sich dann geräuschlos in die laue Nacht hinaus.
Ein leichter Windstoß umstrich ihn, als er lautlos durch die scheinbar schlafende Stadt lief. In keinem der Häuser brannte Feuer. Sie schienen alle leer zu stehen. Jonas hob den Blick, sah den großen Haupttempel, der sich nur unweit von ihm erhob. Das Feuer an den Seen erhellte die drei aus Stein gehauenen Gottheiten, ließen sie wie geisterhafte Wesen in der Dunkelheit erscheinen, auf deren Haut das Licht unruhig hin und her zuckte.
Jonas ging durch einen kleinen Palmenhain und stand plötzlich auf einem großen, freien Platz, der sich zwischen dem Tempel und den Seen erstreckte. In seiner Mitte brannte ein riesiges Feuer. Und an den Rändern waren etwa alle zehn Meter Fackeln in den Boden gesteckt worden, die die Grenzen des Platzes markierten.
Auf den Stufen des Tempels, die fünf Meter in die Höhe führten und etwa zwanzig Meter lang waren, saßen unzählige Menschen. Ihre Gesichter, in denen Anspannung und Erwartung lag, wurden von dem großen Feuer schwach erhellt. Auf der anderen Seite des Platzes stand ein kleiner Tempel, auf dessen Stufen ebenfalls Menschen saßen. Weniger als beim Haupttempel. Jonas erkannte Dim-Kalir, der auf der obersten Stufe saß und ihn entdeckt zu haben schien. Er winkte ihm zu, forderte ihn auf, zu ihm zu kommen.
Zögernd näherte sich Jonas dem Tempel, ging langsam, nicht übereilt. Er wollte die Ruhe, die auf dem gesamten Platz herrschte und nur vom stetigen Pochen der Trommeln unterbrochen wurde, nicht stören. Als er die Treppe erreichte, rückte einer der Männer zur Seite, um ihn durchzulassen. Jonas dankte mit einem freundlichen Lächeln, wusste nicht, was er sonst tun sollte, um nicht unhöflich zu erscheinen. Er kannte die Sprache der Akunganer nicht, wusste nicht, mit welchen Worten man hier seinen Dank ausdrückte.
Doch das schien den Mann nicht zu stören. Im Gegenteil. Er lächelte zurück, die Augen unter seinen buschigen Brauen blitzten dabei fröhlich auf. Er tippte seinem Hintermann auf die Schulter und sagte etwas zu ihm. Sofort rutschte auch dieser zur Seite und machte Jonas den Platz frei, so dass er die obere Stufe erreichen konnte, auf der Dim-Kalir saß und ihm lächelnd entgegenblickte.
„Setzen Sie sich zu mir", sagte er, als Jonas schließlich neben ihm stand. Dieser leistete der Aufforderung des Medizinmanns gehorsam Folge, blickte neugierig auf all die Menschen, die sich auf dem Platz versammelt hatten.
„Ganz unbewusst haben Sie diesem Mann dort unten eine große Freude bereitet", sagte Dim-Kalir und wies auf den, der Jonas den Weg zu ihm freigemacht hatte.
„Wieso?", fragte Jonas. „Was habe ich denn gemacht?"
„Ein freundliches Lächeln verbunden mit einem Kopfnicken bedeutet hier die größte Ausdrucksweise von Dank im freundschaftlichen Sinne", erklärte der Medizinmann. „Und der Mann hat sich darüber sehr gefreut. Die Akunganer sind ein sehr gefühlsbetontes Volk. Sie haben beispielsweise keine Worte für Dinge wie Liebe, Freundschaft, Freude und Dank. Dafür gibt es nur Gesten, da die Leute hier glauben, dass diese mehr zählen, als Worte. Gesten werden daher immer ernst genommen."
Jonas hörte dem Medizinmann fasziniert zu. „Das heißt, dass Worte nicht genug Bedeutung haben, um für derartige Gefühle gebraucht zu werden?"
Dim-Kalir nickte anerkennend. „Sie sind ein kluger und einfühlsamer junger Mann, Dr. Quinn. Die Akunganer werden Ihnen viel Respekt entgegenbringen."
Jonas blickte wieder auf den Platz hinunter.
„Was passiert hier gerade? Ist das ein Fest?"
Der Medizinmann nickte. „Ja, das ist es. Es wird einmal im Jahr am neunten Vollmond gefeiert. Dies ist der Tag, an dem die Akunganer dem größten aller Götter huldigen, Kana-Tem."
„Dem Gott, den man an dem großen Tempel dargestellt hat?"
„Ja." Der Medizinmann wies auf eine kleine matt glänzende Statue, die in der Mitte des Platzes stand. „In dieser Darstellung von ihm ist seine Kraft gefangen. Das jedenfalls behaupten die Leute hier. Als Kana-Tem starb, hat ein tapferer Mann dessen Herz aus dem Leib geschnitten, in große Bananenblätter eingewickelt und dann in die Statue, die innen hohl ist, gelegt. So jedenfalls berichtet es die Legende. Und in dem Herzen Kana-Tems ruhen die Kräfte des Gottes und leben innerhalb der Statue weiter. Sie steht eigentlich immer im großen Tempel, aber zur Zeba holen wir sie für einen Abend nach draußen, um ihr Opfer darzubringen."
„Zur Zeba?", fragte Jonas stirnrunzelnd. „Heißt so dieses Fest?"
„Ja." Dim-Kalir nickte. „So ist es. Diese Menschen glauben normalerweise nicht an die Unsterblichkeit der Seele, müssen sie wissen. Die gehört für sie fest zum Körper, wie das Blut, das durch ihre Adern fließt. Daher ist es bei ihnen die oberste Priorität, jeden Tag ihres Lebens zu genießen und die Erfahrungen, die sie sammeln, an die Nachkommen weiterzugeben. Lediglich bei ihren Göttern machen sie eine Ausnahme. Die sind unvergänglich."
Jonas nickte. Er musste an Kenji denken, und ein schelmisches Lächeln glitt über seine Lippen. Der Inder würde der Auffassung der Akunganer verwirrt entgegentreten. Mit derartigen Lebenseinstellungen war sein Freund noch nie zuvor berührt worden. Jonas war froh, dass Kenji ihn nicht begleitet hatte. Die Worte von Dim-Kalir hätten ihn nicht nur durcheinandergebracht, sondern auch den Glauben an seine Religion angezweifelt.
„Sobald die Sonne im Zenit steht, wird hier auf dem Platz ein Festessen aufgetragen, ebenfalls um dem Gott zu huldigen. Das Herz eines erlegten Beutetieres wird dabei von zwei Kindern vor der Statue verbrannt, damit Kana-Tem daraus neue Kraft für das nächste Jahr schöpfen kann."
„Die Kinder spielen in Akunga auch eine große Rolle, nicht?", fragte Jonas.
„Ja", antwortete Dim-Kalir. „Sehen Sie nicht die dritte Statue am Haupttempel? Das ist auch ein Kind. Die Hanii. Sie hält die Welt in ihren Händen."
„Also sind die Kinder die Vertreter der Hoffnung?"
„So ist es. Durch sie ist die Zukunft der Stadt gesichert. Es mag vielleicht unbegreiflich klingen, aber hier in Akunga gilt das Wort eines Kindes genauso wie das Wort eines Erwachsenen. Mitunter auch mehr. Denn Kinder, so sagt man, haben einen reinen unverdorbenen Geist und lassen sich nicht so leicht beeinflussen." Der Medizinmann streckte seine auf dem harten Stein steif gewordenen Glieder und gähnte ausgiebig. „Sie können an dem morgigen Festessen teilnehmen, wenn Sie wollen. Aber zuvor werde ich Ihnen allen noch die Stadt zeigen. Das ist notwendig, damit Sie verstehen, warum Sie die Existenz von Akunga in keinem einzigen Wort erwähnen dürfen, wenn Sie wieder in die Zivilisation zurückkehren."

um die Mittagszeit
Mindanao

Doug Spear schob wütend einige Farnwedel zur Seite, wobei er sich an einem Dornenbusch das ohnehin schon recht zerschlissene Hemd aufriss. Er fluchte ein wenig, ließ jedoch nicht mit den Augen von den Fußspuren ab, die sich deutlich vom weichen Boden abhoben. Es waren dreizehige Klauenabdrücke von mindestens drei Tieren, begleitet von Menschenspuren. Einige von ihnen stammten von Nikes. Und es gab im ganzen verdammten philippinischen Dschungel nur einen einzigen, der diese Schuhe trug: Dawson.
Ivan Frederikson, ein strohblonder Schwede, der als Biochemiker bei der Biogenetics Co-operation in New York arbeitete, schüttelte missmutig den Kopf.
„Warum, zum Teufel, rennen Sie diesem bekloppten Typen hinterher, Doug?", fragte er mürrisch. „Wollen Sie etwa, dass wir diesen Raptoren auch noch zum Opfer fallen?" Er blickte kurz in die Runde. Viele waren nicht übriggeblieben. Da wäre zuerst Colin Webb, ein Großwildjäger und Ex-Söldner, ein gedrungener, stämmiger Mann von 42 Jahren, barsch und stets missmutig in seiner Art. Lyle Everad, ausgebildeter Zoologe und wohl der verfressenste Mensch auf Erden, schob gerade den bereits hundertsten Schokoriegel in sich hinein. Sein Gewicht schien eine halbe Tonne zu betragen, sein fettes Mondgesicht mit den winzigen Schweinsaugen und der dicken Kartoffelnase glänzte stets von Schweiß. Ray Burton, Paläobiologe und begeisterter Anhänger der Scientologie, hatte ein merkwürdiges Gewächs in den Händen, das er interessiert untersuchte. Und Melvin Turner, gerade mal sechzehn Jahre alt, machte einen relativ geknickten Eindruck. Sein Vater, Dr. Vance Turner, gefeierter Paläontologe in ganz Amerika, war bei dem Angriff der Raptoren zu Tode gekommen. Sein Verlust war ein tiefer Einschnitt in Melvins Leben, doch weder Doug Spear noch einer der anderen Männer nahmen Rücksicht auf sein trauerndes Herz. Der Junge war von Anfang an bloß Ballast für sie gewesen, sie hatten ihn nur mitgenommen, weil Vance darauf bestanden hatte. Doch der war nun tot und keiner musste nun mehr seinen Ansprüchen gerecht werden. Auch nicht denen seines Sohnes.
Sechs Leute, dachte Frederikson bei sich. Noch dazu ohne irgendwelche Verpflegung und Ausrüstung. Das Einzige, was sie alle bei sich trugen, waren Waffen. Messer, Pistolen und Gewehre. Frederikson hätte seine gerne gegen einen Big-Mäc getauscht. Doch hier im Dschungel auf einen McDonald zu stoßen, wäre mehr als märchenhaft gewesen.
„Hey, Doug!", rief er unwirsch. „Ich habe Sie etwas gefragt!"
Spear hielt inne, drehte sich und starrte den Schweden wütend an. „Warum ich diesem Dawson hinterherlaufe? Weil ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen werde, darum! Außerdem hast du wohl vergessen, warum wir hergekommen sind! Ohne Dinosaurier gehe ich nicht aus diesem Dschungel heraus, klar?"
Ivan und Melvin wechselten vielsagende Blicke. Der Schwede hatte das Gefühl, er und der Junge wären die einzig Vernünftigen in dieser Gruppe. Fettbacke und dem Scientologen war es egal, was Spear wollte. Und Webb dürstete nach Blut.
„Aber Doug..."
„Keine Widerrede!", fuhr ihn Spear an. „Es bleibt wie zu Anfang beschlossen!"

derweil nicht weit entfernt

Die Sonne stand im Zenit und ließ das sanft dahinströmende Wasser des Flusses glänzen. Ein knapp zwanzig Meter langer Sauropode beugte seinen langen Hals zum Trinken herab, beobachtete dabei neugierig die Gruppe von Kindern, die lachend im Fluss schwamm. Sie jagten einander, spritzten sich gegenseitig nass und kletterten auf dem platten Rücken eines gutmütigen Ankylosaurus herum, der behäbig im Wasser trieb und eine ideale Insel bildete.
Jonas deutete zu dem merkwürdig anmutenden Dinosaurier hinüber.
„Sieh dir diese lebende Festung an!", sagte er, während er das etwa zehn Meter lange Tier betrachtete, das bis zur Hälfte im Wasser stand. Man konnte lediglich seinen massigen Schädel mit den dicken, stumpfen Hornfortsätzen sehen, der über das Wasser ragte. Die runde abgeflachte Schnauze durchpflügte den Fluss nach Algen und Tang. Der Rücken des Ankylosaurus war breit und relativ flach. Knochenplatten, hier und da mit Dornen gespickt, bedeckten ihn beinahe vollständig. Der lange Schwanz mit der schweren Knochenkeule pendelte durchs Wasser, trieb den Saurier vorwärts wie ein Motorboot.
„Ein wahres Monstrum", murmelte Sarah. „Aber es scheint gutmütig zu sein. Jedenfalls macht es ihm nichts aus, dass die Kinder auf ihm herumtoben und ihn als Sprungbrett benutzen."
„In keinem wissenschaftlichen Buch stand etwas darüber, dass sich Panzerdinosaurier gerne im Wasser aufhalten und dort ihre Nahrung suchen", sagte Jonas, während er Ramienfasern zu einem Seil zusammenflocht. Ramien, kleine ostasiatische Nesselgewächse, wuchsen fast überall im Tal. Aus deren Rinde wurden reißfeste, seidig glänzende Fasern gewonnen, die man bevorzugt zur Herstellung von Textilien und Seilwaren benutzte. Auch die Bewohner Akungas hatten sich die guten Eigenschaften des malaiischen Gewächses zu Nutze gemacht und stellten allerlei lebenswichtige Dinge daraus her.
Jonas hatte einen dicken Büschel der Fasern über das rechte Bein gelegt, das er von sich ausgestreckt hatte, und flocht schmale Seile, die später zu einem dicken, strapazierfähigen Strick zusammengeknüpft werden sollten. Sie würden eines brauchen, um das Hochplateau zu erklimmen, auf dem sich der kleine Flugplatz befand. Denn das sie Akunga bald verlassen mussten, wussten sie. Jonas arbeitete schon eine knappe Stunde an dem Seil und schien nicht zu ermüden. Und trotz der flimmernden Hitze zeigte sich nicht ein Schweißtröpfchen auf seinem Körper. Er sah aus, als wäre er gerade erst nach draußen gekommen. Nur der goldene Bronzeton auf seiner Haut verriet, dass er schon entschieden länger in der Sonne saß. Er reckte kurz seinen Oberkörper, um die steif gewordenen Halsmuskeln zu entspannen, und fuhr dann mit seiner Arbeit fort.
„Du hast wohl vergessen, dass außer uns noch keiner auf dieser Welt leibhaftige Dinosaurier gesehen hat", erwiderte Sarah. „Erst recht kein Wissenschaftler."
„Grahm wird viel zu schreiben haben", grinste Jonas. „Er brennt schon richtig darauf, seinen Kolle... - Hey! Was soll das?"
Verdutzt starrte er auf den Saurier, der vor Kurzem noch aus dem Fluss gesoffen hatte, und sich nun über den Ramienhaufen beugte. Ein halbes Kilo Fasern hing aus seinem Maul. Der Saurier kaute zufrieden, gab ein dumpfes Brummen von sich.
„Der scheint das Zeug zu mögen", feixte Sarah. „Jetzt erklärt sich auch, warum die Akunganer ihre Häuser nah bei den Felsen gebaut haben, wo der Baumwuchs besonders dicht ist. Die Langhälse würden ihnen sonst das Dach vom Kopf fressen."
„Im Moment frisst das Vieh mein Seil", knurrte Jonas und beeilte sich, einen Teil der Ramienfasern vor dem hungrigen Riesen in Sicherheit zu bringen, der sich bereits mit der Zunge die zweite Portion in das große Maul gebaggert hatte. „Lass das liegen!", fuhr Jonas den Saurier an, als sich dieser erneut herabbeugte, und gab ihm einen Klaps auf die prustenden Nüstern. „Das glaubt mir doch kein Mensch! Ein Apatosaurus frisst mir doch tatsächlich... - Hey, lass das endlich!"
Der Sauropode kassierte einen weiteren Klaps, blinzelte verwirrt und trötete. Dabei stieß sein Kopf nach vorn und puffte Jonas in die Seite.
„Das soll wohl bedeuten, dass er sich von dir nichts sagen lässt", grinste Sarah.
Jonas brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schob den Kopf des Sauriers von sich, der ihn prustend beschnüffelte. Das Tier gurrte, hob den Kopf zurück in schwindelerregende Höhen und blickte einem Schwarm Flugsaurier hinterher, der über ihm kreiste. Es waren Pterodactylen, kleine Segler mit spitzen, leicht gebogenen Schnäbeln. Sie stießen laute Schreie aus, die entfernt an die Laute von Raben erinnerten. Doch waren die Daktylen schön. Die Unterseite ihrer Körper trugen leuchtende braune und weiße Schattierungen. In der Mittagssonne glitzerten feine haarähnliche Schuppen. Ein schillerndes Grün kennzeichnete die Schnäbel der Männchen, die Farbe der Weibchen war blau. Ihre schmalen gebogenen Flügel wurden von einem ausgeklügelten System aus Sehnen, Bändern, Haut und Muskeln gesteuert. Ein leichtes Zucken in Oberschenkel und Knie korrigierte die Spannung der Flügelmembran zwischen Vorder- und Hinterbein. Hautlappen an der Leitkante wurden von einem besonderen, zinkenähnlichen Knochen bewegt, der am Handgelenk ausgewachsen war. Sie spannten und lösten sich ständig, um die Effizienz des Luftstroms auf den Flügeln optimal zu nutzen. Selbst wenn die Daktylen so niedrig flogen, dass sie sich kaum in der Luft zu halten schienen, arbeitete die Flügelmaschinerie absolut fehlerfrei. Verringerte sich die Fluggeschwindigkeit beim langsamen Aufstieg, öffneten die Handgelenkknochen einen Schlitz in der Leitkante, ließen einen Teil des Luftstroms hindurch und verhinderten so, dass der Flügel an Auftrieb verlor.
„Was für merkwürdige Wesen", murmelte Sarah und fuhr sich durch das glänzende Haar. „Irgendwie ist hier alles merkwürdig... aber trotzdem schön... - Weißt du, an was mich dieses Tal hier erinnert?"
Jonas blickte von seiner Arbeit auf. „Hm?"
„An den Garten Eden."
Ihr Freund grinste breit. „Klingt nicht schlecht... - Wenn du meine Eva bist..."
Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß und sah zu ihm auf. „Reicht es auch, wenn ich ganz einfach nur deine Sarah bin?"
„Vollkommen!", lächelte er, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich. Sie lächelte, legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich hinunter. Er ließ das Geflecht aus Ramienfasern sinken, beugte sich zu ihr und küsste sie. Sanft strich er über ihr Gesicht und durch ihr Haar. Sie griff nach seinem Kopf, schob ihn leicht abwärts, so dass seine Lippen ihren Hals berührten, lehnte sich zurück und ließ sich liebkosen. Seine Arme schlossen sich um ihre Taille, er spürte ihre Hände, die sanft durch sein Haar strichen.
„Erwischt!", rief jemand hinter ihnen, und Jonas stöhnte gequält. Mit leicht mürrischen Gesichtszügen tauchte er wieder aus Sarahs Halsbeuge auf.
„Kevin! Dieses Tal ist drei Quadratkilometer groß und du bist ausgerechnet hier!"
Sein jüngerer Bruder grinste breit. „Was ist schlimm daran? Störe ich euch bei irgend etwas?"
„Wenn ich ja sage, verschwindest du dann?"
„Nö."
„Nerv' jemand anderen."
„Das geht leider nicht", bedauerte Kevin. „Ben, Jerry und Kirochima ziehen mit dem Medizinmann durch das Dorf und lassen sich dort alles erklären und Kenji hockt mit den beiden Fibbis am Computer."
Kevin setzte sich ans Flussufer und ließ die Beine im Wasser baumeln. Er zog eine Kette hervor und ließ sie vor Sarah baumeln.
„Die hat mit ein Junge aus dem Dorf geschenkt. Dim-Kalir hat mir erklärt, dass sie von den Leuten hier als Glücksbringer angesehen wird. Sie wird aus Leder, Raptorzähnen und so merkwürdigen dunkelgrünen Steinen hergestellt."
Jonas nahm ihm die Kette aus der Hand und hielt sie ins Licht.
„Das sind Malachiten", sagte er. „Ich wusste ja gar nicht, dass es in Akunga Kupfererzlagerstätten gibt."
„Bist du sicher, dass das da Kupfercarbonat ist?", fragte Sarah zweifelnd. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier Kupfererz gibt. Das wird vorwiegend in Amerika, Australien und jenseits des Uralgebirges gefunden."
Jonas betrachtete die Steine genauer. Sie waren alle smaragd- bis schwarzgrün, mit hellgrünem Strich. Sie waren nur oberflächlich geschliffen worden, der splitterige, schalige Bruch war noch deutlich zu sehen. „Achaten können es nicht sein. Denn in der Natur können diese Steine nicht derart leuchtende Farben hervorbringen. Und für einen Chrysopras ist die Farbe zu dunkel und die Stücke zu glatt und dicht. Die vom Chrysopras sind sehr rissig, und außerdem sind die grünen, von Nickelsilicaten hervorgerufenen Farbschattierungen auf diesen Steinen viel zu unregelmäßig verteilt, als dass man sie für derart große Schmuckstücke verwerten könnte. Und für Smaragden sind die Dinger hier zu dunkel."
„Alles klar, Herr Professor!", grinste Sarah. „Du bist ja besser als Scully!"
„Das hier habe ich auch noch bekommen." Kevin holte einen Beutel hervor, der mit kleinen, rundgeschliffenen Steinen gefüllt war. Sie waren kornblumenblau und glänzten in der hellen Mittagssonne.
„Saphire", sagte Jonas. „Ganz zweifellos. Und noch dazu so viele auf einmal."
„Sie sehen aus wie Murmeln", sagte Sarah und drehte die Steine in den Fingern.
„Die Kinder hier benutzen sie auch als Murmeln", erwiderte Kevin. „Im Dorf spielen viele von ihnen damit."
„Auch kein für die Philippinen typisches Mineral. Na ja, in Thailand wurden mal ein paar Saphire gefunden, aber das liegt viel weiter im Nordwesten."
Sarah grinste. „Ist das nicht wie ein Traum? Kinder spielen mit Edelsteinen Murmeln, die Menschen machen sich nichts aus Geld und Gut, und noch dazu wohnen sie in einem perfekten von einer atemberaubenden Schönheit geprägtem Ökosystem."
„Vielleicht war dein Vergleich mit dem Garten Eden gar nicht so falsch", grinste Jonas.
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