Intra unguis mortifer von Kit-X

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Zwischen Pikit und Parang / Mindanao

Jonas sah sich den Dschungel an, der sie umgab. Er war dicht und undurchdringlich. Der reinste Urwald, von Menschenhand unberührt. Jonas lauschte dem Geräusch des Windes und dem Rascheln der Palmblätter, von denen Wasser tropfte. Und er hörte noch etwas anderes: Etwas, das wie der Ruf eines Vogels klang, jedoch tiefer und dumpfer. Er spitzte die Ohren und hörte es noch einmal.
“Was ist das für ein Vogel?", fragte er.
Grahm lauschte und zuckte mit den Schultern. “Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich noch nie etwas Derartiges gehört", sagte er.
Jonas tastete nach der schwarz eloxierten Lindstradt-Pistole, die er in seinem Gürtel trug. Er zog sie heraus, kontrollierte zweimal den Sicherungsriegel und steckte die Waffe wieder zurück. Ihm war unwohl. Um sich herum sah er nichts anderes als Grün. Grün, grün, grün! Unten, oben, rechts und links. Die Baumkronen über ihm waren so dicht, dass nicht einmal das helle Licht der Sonne bis zum feuchten Waldboden durchdringen konnte. Es herrschte eine bedrückende Dämmerung.
Die neunköpfige Gruppe war erst wenige Minuten unterwegs. Doch ihre Kleider waren bereits durchnässt. Spektakuläre Augenblicke gab es keine, denn sie waren von allen Seiten von dichtem Dschungel umgeben und konnten nur wenige Meter weit sehen. Die Farnwedel waren riesig, so lang und so breit wie ein Männerkörper. Die Pflanzen selbst waren über sechs Meter groß und hatten raue, stachelige Stängel.
“Ich habe das Gefühl, dass hier noch nie eine Menschenseele zuvor war", murmelte Vince, während er mit einer Machete einen schmalen Pfad in das dichte Blattwerk schlug. “So stelle ich mir den Garten Eden vor!"
“Na ja, der Garten Eden wäre gesperrte Zone für diese Leute, die uns den Gondelabsturz beschert haben", sagte Mulder mürrisch.
Vince hob plötzlich die Hand und bedeutete ihnen, stehen zu bleiben. Mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger spähte er auf die Lichtung vor ihnen.
“Was ist los, Vince?" Jonas beugte sich vor und folgte den Blicken des Ex-CIA-Agenten. Die Lichtung war recht groß. Der feuchte Boden war von Fußspuren übersät, verkohlte Äste und Asche lagen herum.
“Sie sind hier gewesen!", murmelte er. Er warf einen abschätzenden Blick zu den Baumwipfeln, durch die gefiltertes Licht fiel, das aber an einer Stelle abrupt aufhörte. Ein gerader Schnitt schien sich durch den Himmel zu ziehen. Hinter ihm herrschte absolute Dunkelheit, durchzogen von einigen braunen Stellen. Das, was Jonas sah, waren steile Berghänge.
“Wir sind direkt unter dem Hochplateau", sagte er leise. “Die Typen müssen von da oben wieder runtergestiegen sein, nachdem sie das Seil der Gondel durchgetrennt haben."
“Sie glauben also nicht, dass sich die Saurier dort oben befinden."
“Scheint so..."
“Das ist auch kein Wunder", erwiderte Kenji. “Das da oben ist kultiviertes Nutzland."
Jonas richtete sich auf. “Dort oben werden wir also nichts finden. Ich glaube kaum, dass sich urzeitliche Reptilien in der Nähe des Menschen aufhalten."
“Sollen wir diesen Typen folgen?" Sarah wies auf die Fußspuren. “Die werden kurzen Prozess mit uns machen, wenn sie uns bemerken. Die wollen alle nur erdenklichen Verfolger abschütteln."
Jonas winkte ab. “Wer auch immer sie sind, sie werden uns nicht bemerken. Wir werden vorsichtig sein. Und wenn wir sie gefunden haben, werden wir sie bewusst in eine Richtung lenken, bei der wir nicht mehr Gefahr laufen, ihnen zu begegnen."

gegen acht Uhr am Abend

Es dämmerte langsam. Die Fußspuren waren nach wie vor gut erkennbar, die Fremden schienen sich wohl in Sicherheit zu wägen. Trotzdem wurde Gregorys Gruppe immer vorsichtiger. Die Männer vor ihnen würden sich sicher bald einen Rastplatz suchen.
Jonas hielt aufmerksam die Augen offen, suchte die Bäume ab, an denen sie vorbeigingen. Als Sarah ihn für kurze Zeit aus den Augen ließ, war er plötzlich verschwunden. Unsicher sah sie sich um.
“Jonas?"
Im nahen Gebüsch raschelte es kurz, sie hörte etwas zischen und urplötzlich verstummen. Kurz darauf trat Jonas zwischen einigen Büschen wieder hervor. Über der Schulter lag ein Leinensack.
“Was ist da drin?" Sarah deutete auf das ihr unbekannte Gepäckstück und Jonas grinste.
“Boiga dendrophila", sagte er.
Scully, die vor ihnen ging, zuckte kurz zusammen und drehte sich um.
“Wie bitte?"
“Das war lateinisch."
“Das habe ich bemerkt, Dummkopf!", entgegnete Sarah ungeduldig. “Ich fragte, was da drin ist!"
“Wie ich sagte, Boiga dendrophila." Er lächelte geheimnisvoll. “Ein in Indochina und den indopazifischen Inseln recht weitverbreitetes und im Augenblick sicherlich recht wütendes Tier."
“Was ist das?" Sarah klang drohend.
“Eine Mangroven-Nachtbaumnatter, wenn ich mich nicht irre", sagte Mulder.
“Wie bitte?"
Jonas grinste. “Also, besser übersetzen kann man's wirklich nicht."
“Du bist bekloppt!", zischte sie. “Wirf den Sack weg!"
“Warum sollte ich? Darf ich denn keine Rachegelüste haben?"
Sie zog die Stirn kraus. “Rachegelüste?"
“Ja. Du erinnerst dich sicherlich: die Gondel, diese schrägen Typen, die jetzt vor uns durch den Dschungel latschen..."
“Du bist doch vollkommen verrückt."
“Keine Sorge, die Natter war schon vom älteren Kaliber. Gegen ihren jüngeren Artgenossen hat sie sich im Kampf nicht behaupten können. Sie hat nämlich keine Giftzähne mehr. Der Jüngere hätte sie totgebissen, wäre ich nicht heran gestampft und hätte sie gestört. Die alte Schlange konnte nicht so schnell abhauen wie die junge, und so habe ich sie mir geschnappt. Als sie in den Stock biss, habe ich mich überzeugen können, dass sie keine Giftzähne mehr hat. Aber woher sollen das die Söldner vor uns wissen? Sie werden 'nen Heidenschrecken bekommen, und mehr will ich ja nicht. Schließlich hatten wir den auch, als die Gondel abstürzte."
Sarah schwieg. Sie gab sich geschlagen. Wenn er sagte, die Schlange sei alt, dann würde das stimmen. Er hatte sich schließlich lange genug mit diesen Viechern beschäftigt, um zu wissen, wie man sie zu beurteilen hatte.
Vince, der noch immer an der Spitze ging, hob die Hand. Sofort blieben sie stehen.
“Da vorne sind sie."
Sie standen auf der Spitze eines Hügels. Unter sich sahen sie einen großen freien Platz in dessen Mitte ein großes Feuer brannte. Mehrere Männer saßen um den Platz herum, der zwar warm war, dafür aber Moskitos fernhielt.
“Es sind vierzehn", murmelte Ben. “Eine gewaltige Truppe!"
“Eine gewaltig dumme Gruppe", erwiderte Mulder. “Sie setzen sich seelenruhig mitten hinein in die Mangroven. Dschungelexperten sind die da nicht. Sonst müssten sie wissen, dass in dem ganzen Brackwasser um sie herum haufenweise hochgiftige Schlangen herumschwimmen. In der Dunkelheit sehen sie sie nicht und treten drauf. Und das mögen Schlangen gar nicht."
“Wenn sie den Dschungel nicht kennen, warum zum Teufel ko,men sie dann hierher? Ich meine, wer ist so blöd und setzt sein Leben aufs Spiel?"
“Leute, die scharf auf Geld sind", murrte Kenji.
Vince nickte. “Das müssen die Typen sein, die die Wanze in Bens Hut eingebaut haben, um uns zu verfolgen und ständig im Auge haben zu können."
“Bist du sicher?"
“Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Jonas richtete sich auf. “Ich werde ein mich wenig auf die Lauer legen."
Sarah sah ihn besorgt an. “Pass auf dich auf, ja?"
“Klar doch."
Er schulterte den Leinensack und schlich los. Von einem Augenblick zum nächsten war er im hohen Gestrüpp verschwunden.
Vince legte seiner Tochter beruhigend die Hand auf die Schulter. “Hab keine Angst um ihn", sagte er. “Ihm wird nichts geschehen. Er kann sich besser anschleichen als Winnetou."
“Und wenn er in ein Sumpfloch tritt?"
“Er wird schon gut aufpassen. Außerdem war er schon öfter im Dschungel als wir alle zusammen. Er kennt ihn besser als die Großstadt."
Mulder grinste. “Und die ist ja auch 'ne Art Dschungel."

im Lager von Spear

Pount lehnte sich zurück und starrte in die Dunkelheit, die sie umgab. Von überall her drangen Geräusche zu ihnen, Geräusche, die er nie zuvor in seinem Leben gehört hatte. Und sie machten ihm Angst. Dieser verfluchte Urwald war so gewaltig, scheinbar ohne Ende. Es war, als würde er niemanden loslassen, der sich einmal in ihn hineingewagt hatte. Er zuckte bei jedem Geräusch zusammen, das er vernahm, als fürchte er sich davor, der Teufel könne persönlich erscheinen und ihn in die Hölle reißen.
Die Gestalt, die sich über ihm im Baum bewegte, auf einen starken Ast robbte, dessen großflächige Blätter sie verbargen und außerhalb des Feuerscheins hielten, bemerkte er jedoch nicht.
Jonas war in eine einigermaßen bequeme Position gerutscht und blickte nun gespannt nach unten. Er studierte die Gesichter der Männer, die unter ihm am Feuer saßen und sich beständig umblickten. Nur einen schien alles kalt zu lassen. Er saß nicht weit vom Baum entfernt und aß seelenruhig eine Portion Gulasch. Er hatte ein babyhaftes Gesicht mit kalten Augen. Jonas kannte dieses Gesicht. Er hatte es oft in der Zeitung gesehen. So weit er wusste, hieß dieser Kerl Doug Spear und war ständig in krumme Geschäfte der Pharmaindustrie verwickelt. Was, zum Teufel, wollte der hier?
Pharmaindustrie. Jonas' Gehirn begann zu kombinieren. Herstellung neuer Produkte, die aus teils exotischen Pflanzen gewonnen wurden. Suchten diese Männer nach solchen Pflanzen? Nein, das konnte nicht sein. Wer nach Pflanzen sucht, muss Ahnung von ihnen haben, sich demnach auch im Dschungel auskennen. Nein, Pflanzen waren es nicht, die sie suchten. Warum hätten sie denn sonst Ben mit Wanzen abgehört?
Jonas wusste, was sie suchten. Sie suchten Dinosaurier. Aber wofür? Für die Pharmaindustrie? Wozu brauchte die Pharmaindustrie Dinosaurier?
Jonas sponn den angefangenen Faden weiter. Produkte herstellen. Produkte, die getestet werden mussten. Getestet von Tieren.
Wollten sie Dinosaurier benutzen, um neue Medikamente zu testen? Wozu das?
Er horchte auf, als er einen der Männer unter sich sprechen hörte:
“Was ist, wenn wir keine Dinosaurier finden?"
“Wir werden welche finden." Das war Spear.
“Ich halte das für ein Hirngespinst. Die Dinger sind ausgestorben."
“Komisch, warum habe ich dann drei von ihnen vor mir auf dem Seziertisch gesehen? Es waren Dinosaurier, Thomas, und sie sind hier."
Eine andere Stimme mischte sich ein: “Aber warum sollen wir die aufstöbern? Ich meine, warum tun wir das für Sie? Sie arbeiten für Biogenetics, in der Pharmabranche. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wofür brauchen Medikamentenmixer Dinosaurier?"
“Wir stellen nicht nur Medikamente her", sagte ein anderer.
Spear räusperte sich und warf dem Voreiligen einen vernichtenden Blick zu. Die Frage war an ihn gerichtet gewesen, und er wollte sie beantworten, nicht irgend jemand anderes.
“Wir brauchen sie für unsere Experimente", sagte er betont ruhig. “Wir haben herausgefunden, dass der Stoffwechsel der Saurier dem unseren sehr ähnlich ist. Daher könnten diese Tiere zur Erprobung vieler neuer Produkte verwendet werden."
“Aber warum brauchen sie dazu Dinosaurier? Ich meine, sie haben doch genug Hunde und Ratten und so."
“Das schon."
“Und?"
“Denken Sie an Greenpeace."
“An Greenpeace?"
“Ja."
“Warum?"
“Denken Sie darüber nach, was die zu Tierversuchen mit Hunden und Ratten und so weiter sagen."
“Sie protestieren dagegen."
“Genau."
“Und Sie glauben, dass sie nicht protestieren würden, wenn Sie dazu Dinosaurier verwenden?"
“So ist es."
“Ich verstehe nicht ganz..."
“Dinosaurier, Mike, sind abstoßende, zu groß gewordene Eidechsen mit widerlichem Maulgeruch und verkorksten Proportionen. Sie sind die Missgeburten der Erde. Niemand würde sich darum kümmern, wenn wir mit denen experimentieren würden."
“Na ja, da bin ich mir nicht so sicher. Forscher werden sich auf diese Viecher stürzen."
“Sie werden nie etwas von diesen Tieren erfahren", sagte Spear barsch. “Wir werden jeden in dem Glauben lassen, mit einfachen Echsen zu experimentieren, die wir selber züchten, was auch stimmen wird. Und dann werden auch die Medien endlich ihre vorlaute Klappe halten und sich auf andere Konzerne stürzen."
Jonas auf seinem Ast hätte Spear am Liebsten auf den Kopf gespuckt. Nahe genug saß er ja.
“Was ist mit diesem Quinn und Grahm?", hörte er Spears Nachbarn fragen.
“Was soll mit denen sein?"
“Na ja, wofür wollten die die Viecher?"
“Weiß ich doch nicht. Wahrscheinlich der Welt davon erzählen. Der Messias kehrt nicht zurück, doch die Saurier tun es. Irgend so was in dem Stil."
“Was glauben Sie, was mit ihnen passiert ist?"
“Was soll schon mit denen passiert sein? Ihre Gondel ist abgestürzt. Sie sind tot und werden uns nie wieder stören."
Bleib nur bei deinem Glauben!, dachte Jonas bei sich, während er den Knoten der Schnur löste und vom Leinensack zog. Er hörte das leise Zischen, und spürte, wie sich die Schlange im Beutel wand.
“Sei eine liebe Natter und sorg' für ein wenig Wirbel auf deine alten Tage", flüsterte Jonas der ungeduldigen Schlange zu, die mit ihrem Kopf gegen den Stoff drückte, der von Jonas' Hand zugedrückt den Ausgang versperrte. Sie spürte, dass sie bald herausgelassen werden würde und wartete darauf, sich an diesem zweibeinigen Wesen zu rächen, das sie so einfach gepackt und in diesen dunklen Sack gesteckt hatte.
“Na, na, nicht so ungeduldig", tadelte Jonas, während er den Sack langsam umdrehte, so dass die Öffnung nach unten wies. Er zog die Hand fort, und die Schlange fiel aus dem Beutel. Dumpf klatschte sie auf Pounts Schoß, der mit einem gellenden Schrei aufsprang und sich an den Baum drückte.
Die Mangrovennatter, vom Fall etwas benommen, richtete sich wie eine Kobra auf dem Boden auf, züngelte gefährlich und starrte Pount aus giftgelben Augen an.
“O mein Gott, eine Giftschlange!", rief einer der Männer entsetzt. “Das ist eine Natter! Eine Mangrovennatter!"
“Ganz recht, eine wütende kleine Mangrovennatter, deren Selbstbewusstsein im Gegensatz zu ihren Zähnen nicht verlorengegangen ist", grinste Jonas in seinem Baum.
Unter ihm gab es einen allgemeinen Tumult, der Jonas Gelegenheit gab, sich unbemerkt zu verdrücken. Schüsse fielen, doch keiner schien das Ziel zu treffen. Schließlich kehrte Ruhe ein und Jonas hörte einen lauten Ruf:
“Die Schlange ist weg!"
Inzwischen war der Lauscher schon fast wieder auf dem Hügel angelangt.

am nächsten Tag

Am Morgen gingen sie gegen acht Uhr los. Spears Gruppe war schon bei Dämmerung aufgebrochen. Die nächtliche Begegnung mit der Giftschlange hatte ihnen wohl nicht sonderlich behagt, und es schien, als hätten sie Angst, sie könne zurückkommen.
Gregorys Gruppe untersuchte genau, in welche Richtung Spear gegangen war. Die Fußabdrücke der Männer führten nach Nordwest, also schlugen sie den östlichen Weg ein. Langsam marschierten sie einen sanft abfallenden Hügel hinab.
“Ich habe das Gefühl, dass hier noch nie eine Menschenseele zuvor war", murmelte Vince, während er mit einer Machete einen schmalen Pfad in das dichte Blattwerk schlug. “So stelle ich mir den Garten Eden vor!"
In diesem Augenblick hörten sie ein tiefes, grollendes Geräusch, einen unirdischen Schrei von irgendwo aus dem Wald vor ihnen. Nur Sekunden später kam ein Antwortschrei aus einem anderen Teil des Waldes.
Vince riss die Augen auf.
“Das war doch kein Vogel!", murmelte Kenji.
Jonas schwieg und starrte in das undurchdringliche Grün. Hatte sich da nicht gerade etwas bewegt?
Mulder ging neben ihm in die Knie und untersuchte den Boden.
“Sieh dir das an!"
Er bückte sich. Im weichen Waldboden waren deutlich dreizehige Fußabdrücke zu sehen. Einige von ihnen waren sehr groß. Jonas' gespreizte Hand passte locker hinein. Es blieb sogar noch Platz frei.
“O mein Gott!", murmelte er und sah zu Vince auf, der neben ihm zum Stehen gekommen war.
“Sie sind hier." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und eine ausschweifende Geste. “Hier im Tiefland."
Wie zur Bestätigung hörten sie wieder den dumpfen Schrei und sie blickten auf, suchten in dem undurchdringlichen Grün nach dem Tier, zu dem dieser Schrei gehörte.
Jonas' Hand lag auf seinem Gürtel, bereit, sofort die Pistole zu ziehen und zu schießen. Die Bilder aus Jakarta schwirrten in seinem Kopf herum. Was würde ihnen begegnen? Die mysteriösen Monster, denen vier Jungen der javanischen Hauptstadt den Tod verdankten? Die Monster, die auf Mindanao Jagd auf Kinder machten? Die Monster, deren Gift so stark war, wie das der gefürchteten Klapperschlange?
Die Farne neben ihnen begannen zu rascheln, etwas strich an ihnen vorbei. Es war groß, mit schuppiger Haut und einem Muster aus Knoten auf dem Rücken. Längliche schwarze Streifen zogen sich über die erdbraune Haut. Ein riesiger Schädel mit länglichem Hornvorsatz am Hinterkopf hob sich aus dem dichten Blattwerk. Dunkelbraune Augen blinzelten auf. Sie wirkten wie die Augen einer Kuh. Ruhig und gleichgültig. Das Tier blinzelte erneut und stieß ein dumpfes Dröhnen aus, das wie der Ton eines Nebelhornes klang. Sofort kamen die Antwortschreie von scheinbar überall her.
“Ein Dinosaurier", flüsterte Grahm. “Ein echter gottverdammter Dinosaurier!"

derweil nicht weit entfernt

Spear wischte sich mürrisch den Schweiß von der Stirn und ging am Flussufer in die Hocke, um sein Gesicht mit dem kühlen Nass zu benetzen. Seine Begleiter taten es ihm gleich, denn die drückend schwüle Feuchtigkeit des Dschungels bereitete ihnen Kopfschmerzen.
“Jetzt latschen wir schon Ewigkeiten durch dieses beknackte Gewächshaus, und trotzdem haben wir noch keines von diesen Viechern gefunden!", knurrte Pount und tauchte sein grünes Taschentuch ins Wasser. “Die ganze Zeit, wo sie niemand will, kommen sie aus ihren Löchern. Sobald sich einer für sie interessiert, sind sie weg!"
Jerry Dawson, der neben ihm auf dem kiesigen Boden saß, der das Ufer säumte, seufzte nur und wagte es erst gar nicht, etwas dazu zu sagen. Er wusste, das weder Spear noch Pount ihn ausstehen konnten. Und er wusste auch von dem schlechten Ruf der beiden Männer. Warum nur bist du mit ihnen ins Geschäft gekommen, du Vollidiot!, warf er sich selbst vor und blickte schweigend in das undurchdringliche Blätterdach.
Plötzlich stutzte er. Er roch einen fauligen Gestank und hörte lautes Rascheln in den Büschen auf der anderen Seite des Flusses. Dann ein leises Grunzen. Und wieder Rascheln.
In diesem Moment fiel Jerry ein, dass Fleischfresser in freier Wildbahn bevorzugt an Bach- und Flussläufen jagten und ihre Beutetiere angriffen, wenn diese sich zum Trinken hinab beugten und dadurch abgelenkt und verletzlich waren.
"Doug!", zischte er, und Angstschweiß brach ihm aus. “Doug!"
“Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie Ihr verdammtes Maul halten sollen!"
“Aber..."
“Schnauze, verdammt!", fuhr ihn Spear an.
In diesem Moment hörten sie ein schrilles Kreischen, und als sie sich umdrehten, sahen sie, wie einer ihrer Männer in die Büsche gezerrt wurde. Er schrie laut und versuchte, sich zu wehren. Dawson sah kurz einen großen Fuß mit einer gekrümmten Klaue auf der Mittelzehe. Dann verschwand der Fuß. Die Büsche schwankten weiter.
Plötzlich drang von allen Seiten furchterregendes tierisches Geschrei aus dem Wald. Dawson sah ein großes Tier, das direkt auf ihn zustürmte, und erstarrte. Das Tier flog über ihn hinweg, er spürte den Luftzug, den es mit sich zog, roch den bestialischen Gestank, den es ausströmte. Einen süßlichen, verdorbenen Gestank nach Fleisch.
Dawson duckte sich und die scharfen Klauen des Tieres verfehlten ihn nur knapp. Doch das Vieh kümmerte sich nicht darum, griff sofort den Nächsten an, der sich ihm bot.
Dawson lag zusammengerollt auf dem Boden, zitterte wie Espenlaub, spürte, wie sein Herz wild hämmerte, ihm beinahe den Brustkorb sprengte. Er hörte schreckliche Schreie um sich herum, hastende Schritte, aggressives Brüllen. Neben seinem Ohr fauchte etwas laut und er erstarrte von Neuem. Er sah einen grünbraunen Kopf über sich, spürte, wie übelriechender Atem sein Gesicht streifte, hörte wieder dieses Fauchen, dieses boshafte Zischen. Doch er rührte sich nicht, wagte nicht einmal, mit der Wimper zu zucken.
Der Kopf fuhr zurück, das Tier machte einen behenden Satz zur Seite und schnappte nach Hannope, einem Freilandbiologen, der mit nach Mindanao gekommen war. Dawson sah, wie das Tier zum Sprung ansetzte, den Fuß mit der Sichelkralle hob und sie anschließend auf den Mann hinabsausen ließ, der schreiend zu Boden stürzte. Das Tier stieß wieder zu. Blut spritzte, und Dawson glaubte, vor lauter Angst sterben zu müssen. Es drehte sich ihm der Magen um, als sich das Tier bückte und einen großen Brocken Fleisch aus Hannopes Leib riss, an dem noch ein blutdurchtränkter Stofffetzen baumelte. Ein zweites Tier kam fauchend dazu und begann, sich mit dem ersten um die Beute zu streiten.
Dawson spürte die Kühle des schlammigen Flusswassers, das gegen seinen Körper schwappte. Mit einer raschen Bewegung war er im Fluss, fühlte, wie ihn das Wasser gänzlich umschloss. Es musste einen gewaltigen Platsch gegeben haben, als er sich in den Fluss hatte fallen lassen und es war mehr als wahrscheinlich, dass die Fleischfresser auf ihn aufmerksam geworden waren und nun am Ufer darauf warteten, dass er wieder auftauchte. Oder würden sie ihm gar folgen? Die Angst schnürte ihm die Kehle zu und mit einem kraftvollen Stoß schnellte er nach vorn, dem entgegengesetzten Ufer zu.
Prustend stieß er durch die Wasseroberfläche und blickte sich um. Er sah drei der Tiere am Ufer stehen. Sie betrachteten ihn, legten die Köpfe schief und quiekten. Das Quieken wurde zu einem schrillen Gebrüll und sie begannen mit den Köpfen zu nicken und auf und ab zu springen.
Jerry Dawson zog sich aus dem Wasser. Auf der anderen Flussseite sah er etwa ein Dutzend Tiere, die insgesamt fünf von Dawsons Begleitern gerissen hatten. In einer der blutigen Massen, über die sich die schuppigen und haarlosen Tiere beugten, glaubte er, Pount zu erkennen. Ein grünes Taschentuch lag in der verkrampften Hand des Kadavers.
Lautes Gebrüll scholl durch den Dschungel, die Räuber hoben die blutüberströmten Schnauzen und sahen zum Gebüsch hinüber, aus dem sie gekommen waren. Die Zweige teilten sich und zwei grüne Tiere traten ans Ufer, ebenfalls auf zwei Beinen laufend. Sie waren größer als die anderen, auf ihren Köpfen erhoben sich Schädelauswüchse. Das eine Tier war grasgrün, der Schädelkamm ausgeprägt und leuchtend rot, das andere Tier war schlicht gefärbt, eine Mischung aus braungrün und grau. Kalte gelbe Augen blitzten, hörbar stießen die Wesen ihren Atem aus. Die kleinen flinken Räuber am Flussufer senkten die Köpfe und zischten die Fremden an, ihre Schwänze standen kerzengerade in der Luft, die Flanken bebten vor Aufregung.
Dawson stand starr auf der anderen Seite des Flusses und blickte auf das Schauspiel, dass sich ihm darbot. Der Rotschädel erhob sich zu seiner vollen Größe, der lachsfarbene Halslappen blähte sich auf. Es war eindeutig ein männliches Tier, worauf Färbung und Imponiergehabe hinwiesen. Es öffnete das Maul und fauchte, kleine spitze Zähne glänzten im Sonnenlicht.
Die kleinen Jäger am Ufer hörten auf zu hüpfen. Sie gurrten und wackelten mit ihren relativ schmalen Vordergliedmaßen, die sie wie Arme gebrauchten. Sie begannen aufgeregt zu quieken, als der Rotschädel zwischen sie trat und einen der Kadaver an sich riss. Wütend schnellten die kleineren Raubsaurier vor, zwei schafften sogar den Sprung auf den Rücken des größeren Gegners. Sie krallten sich an den Seiten fest, während sie erzürnt in den Rücken des Futterräubers bissen. Der wandte sich um, schnappte nach einem der kleinen Plagegeister und riss ihn von seinem Leib herunter. Die kräftigen Kiefer schlossen sich um den schlanken Hals und bissen zu. Leblos fiel der kleine Saurier zu Boden, sofort stürzten sich weitere seiner Artgenossen auf den Rotschädel, der den Kopf nach hinten bog und dann ruckartig nach vorne warf. Dawson hörte ein kurzes Klatschen, sah die großen Schaumkleckse auf dem Körper eines kleinen Räubers, der zischte, kurz darauf jedoch begann, aufgeregt hin und her zu laufen und sich zu Boden zu werfen. Verzweifelt versuchte das Tier, den Schaum auf seiner Haut loszuwerden. Der Rotschädel warf erneut den Kopf nach vorn, Schaumkleckse landeten auf dem Kopf eines weiteren Gegners, gelang in dessen Augen. Das Tier begann panisch zu schreien, strich hektisch mit seinen Vorderläufen über die Augen, taumelte. Sein Artgenosse, der sich auf dem Boden wand, wurde immer ruhiger, röchelte nur noch. Die anderen quietschten furchtsam, fiepten, legten die Köpfe schief und wichen zurück. Der Rotschädel blähte erneut seinen Kehlsack auf, ein rasselndes Geräusch, das einer Klapperschlange glich, drang aus seinem Maul. Die Gegner duckten sich, pfiffen aufgeregt und sprangen dann panisch davon, um kurz darauf im Gebüsch zu verschwinden. Der Rotschädel blähte kurz die Nüstern, beugte sich dann zu seinem erbeuteten Kadaver hinab und begann zu fressen. Nun kam auch das Weibchen heran, das sich die ganze Zeit über zurückgehalten hatte. Es riss mit ruckartigen Bewegungen Fleisch aus der Flanke eines erlegten Gegners, der andere war inzwischen auch zu Boden gegangen und schrie jämmerlich. Er blieb unbeachtet, bis seine Schmerzenslaute dem Rotschädel überdrüssig würden. Mit einem kräftigen Biss in die Kehle brachte er den Sterbenden zum endgültigen Schweigen.
Dawson spürte erneute Übelkeit. Diese spuckenden Zweibeiner auf der anderen Seite des Flusses waren noch furchteinflößender als die kleinen Jäger. Sie mussten giftig sein, anders konnte sich Dawson die Schmerzen der mit Schaum bedeckten Tiere nicht erklären.
Er wollte nur noch fort, weit weg von diesem schrecklichen Schauplatz eines beispiellosen Massakers. Er wandte sich um. Dabei trat er versehentlich auf einen morschen Ast, der laut unter seinen Füßen knackte. Der Rotschädel riss den Kopf hoch und starrte Dawson an. Seine Augen waren eisig. Der Saurier ließ von seinem Mahl ab und trat ans Ufer, setzte den rechten Fuß ins Wasser. Immer weiter watete er ins Wasser hinein, hielt dabei zielstrebig auf Dawson zu. Und der sah zu seinem größten Entsetzen, wie das Tier zu schwimmen begann.
Jerry wurde bleich. Dann nahm er die Beine in die Hand und lief Hals über Kopf in den Dschungel, ohne zu wissen, welche Richtung er einschlug. Zweige peitschten seine Arme, seine Schultern und seinen Rücken. Doch er spürte es nicht. Alles, was er wahrnahm, war das stetige Zischen und die hastenden Schritte hinter ihm...

derweil

Jonas war wie elektrisiert. Fassungslos starrte er auf die riesige Echse, die den Kopf nach ihm umdrehte und erneut ihren nebelhornartigen Schrei von sich gab. Er sah den langen, hornartigen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf des Tieres und erinnerte sich an die Hohlraum-Theorie, die Dr. David Norman vor einigen Jahren über den Parasaurolophus und seinen merkwürdigen Schmuck aufgestellt hatte. Demnach war dieser Schädelauswuchs hohl und fungierte als Resonator für jenes dumpfe Brüllen, welches das Tier im Moment gerade von sich gab.
“Er hatte Recht", murmelte er und griff sich wie zur überraschenden Erkenntnis an den Kopf.
Scully sah ihn verständnislos an. “Wer hatte Recht?"
“Norman!", antwortete Jonas. “Er vermutete, dass der Knochenfortsatz des Parasaurolophus nicht nur hohl war, sondern zur Kommunikation untereinander diente. Diese Tiere haben keine Stimmbänder! Wie die Meerschweinchen, die in der Nase Geräusche erzeugen. Genau das tun diese Tiere: Sie nehmen die Atemluft auf und leiten sie weiter in den hohlen Schädelkamm, der dort die Töne produziert."
Sie blickten wieder zu dem Saurier hinüber, der sich wie ein wahrer Koloss zwischen den dichten Farnwedeln emporhob. Dann drehte sich das gesamte Tier, die trockenen Blätter raschelten. Dumpfe Schritte erschütterten den Boden, als der Parasaurolophus durch das Dickicht stampfte und schließlich auf der Lichtung stand. Nun konnte ihn Jonas genau sehen. Der massige, braunschwaze Körper wurde von den kräftigen Hinterbeinen getragen, ein dicker jedoch relativ platter Schwanz diente als Stütze. Die Vorderläufe waren schmal und endeten in fünfzehigen Fingern mit hornartigen Zehen. Der Hals war lang und im Vergleich zum restlichen Körper sehr zierlich. Der längliche Schädel mit dem kleinen Entenschnabel und den hochgesetzten Nüstern wirkte wie der eines Pferdes. Die lange, gekrümmte Schädelwucherung wies einen segelähnlichen Hautlappen auf, der am Hals hinunterwuchs und die wohl sehr eigenartigen Proportionen des Kopfes unauffälliger erscheinen ließ.
Das Tier stand wie einem Maler zum Modell, und die neun Menschen, die gegen es wie Zwerge erschienen, konnten sich nicht an ihm satt sehen.
“Ich würde das niemals glauben", murmelte Scully. “Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen sehen würde..."

an einem anderen Ort

Jerry Dawson war allein. Allein in der Undurchdringlichkeit des gewaltigen Dschungels. Er hörte nur seinen eigenen Atem und das leichte Rauschen der dichtstehenden Farnwedel. Die dröhnenden Schritte, die ihm noch bis vor Kurzem gefolgt waren, waren verstummt.
Dawson sah sich um. Das stechende Grün, das ihn umgab, bereitete ihm Kopfschmerzen. Er schloss die Augen und lehnte sich müde zurück, spürte die angenehme Kühle des dicken, feuchten Baumstammes an seinem schmerzenden Rücken. Er wusste nicht, wie lange und wie weit er gelaufen war. Er besaß zwar Karten, sowie einen Kompass, doch er hatte trotz allem Schwierigkeiten, seine derzeitige Position zu bestimmen. Er war gerannt wie der Teufel, hatte sich weder um Bachläufe, Abhänge oder sich im Dschungel verlierende Pfade gekümmert. Das Einzige, was er wusste, war, dass er bergab gelaufen war. Und eins konnte er mit Sicherheit sagen: Egal, wo er sich nun befand, das Hochplateau war es sicherlich nicht.
Jerry zog eine Karte hervor und suchte den Flusslauf, an dem er und seine Begleiter von den Sauriern angegriffen worden waren. Dass es sich bei diesen fleischfressenden Tieren um Saurier gehandelt hatte, wusste Dawson genau. Es waren Velociraptoren gewesen, in großen Gruppen jagende Raubtiere, Wesen, mit für Dinosaurier höchst erstaunlicher Intelligenz. Boshaft intelligent! dachte Dawson. Ihm wurde noch immer schlecht, wenn er daran dachte, wie die Raptoren fünf seiner Gefährten wahrlich in Stücke zerrissen hatten. Doch welches Wesen der Rotschädel gewesen war, wusste Dawson nicht.
O nein, er hielt wahrhaftig nicht viel von Dinosauriern. Die Großen stanken und sabberten und hatten zudem gerade mal ein Gehirn von der Größe eines Pingpongballs. Und die Kleineren bissen einem lieber den Arm ab, anstatt einen anzugrinsen. Dawson hatte noch nie einen Saurier grinsen sehen. Noch nicht. Er konzentrierte sich wieder auf die Karte.
Schließlich fand er den Fluss, nahe am Rand des Hochplateaus. Dawson fuhr ihn mit den Zeigefinger entlang, bis er die Stelle fand, an der sie Rast gemacht hatten, bevor die Raptoren aufgetaucht waren. Dawson hatte den Fluss überquert und war in den Dschungel gelaufen, also nach Westen, den abschüssigen Grad des Plateaus hinab. Er konnte sich nicht daran erinnern, auf eine Straße oder gar eine Siedlung gestoßen zu sein und versuchte, seinen Weg durch den dichten Urwald nachzuvollziehen. Schließlich glaubte er, seinen jetzigen Standpunkt geortet zu haben. Er befand sich zwischen den Hochplateau und Pikit. Im Westen wurde der Regenwald langsam lichter und zwischen den hohen Baumkronen konnte Dawson die Spitze des Parang sehen, eines knapp dreitausend Meter hohen Berges.
Jerry faltete die Karte wieder zusammen und stand auf. Er musste nach Gregorys Gruppe suchen. Nur hatte er keinen Schimmer, ob sie den Gondelabsturz überlebt hatte. Er konnte es nur hoffen.
Nur mit dem Kompass in der Hand machte er sich auf den Weg. Er schlug nordöstliche Richtung ein und marschierte los...

an einem anderen Ort

Doug Spear wischte sich das Blut, das ihm ins Gesicht gespritzt war, mit dem Hemdsärmel ab und blickte sich um. Bei seiner Flucht vor den Raptoren hatte er kaum darauf geachtet, wohin er getreten war. Die Folge war ein recht unsanfter Sturz von einer Felsenklippe gewesen. Doch sein Fall war nach fünf Metern von weichem Moss gebremst worden. Die Pflanzen bedeckten den Fels in derartiger Fülle, dass sie weicher waren, als tausend übereinandergestapelte Decken. Ihnen war es zu verdanken, dass Spear noch lebte. Er rappelte sich auf und untersuchte seine Beine, um festzustellen, ob sie gebrochen waren. Doch ihm schien nicht passiert zu sein. Er hatte nur einige kleine Verletzungen in Form von Schürfwunden und Kratzern davongetragen.
Spear stellte zufrieden fest, dass er ohne Schwindelgefühl stehen konnte. Er trat an den Rand des Felsvorsprungs, auf dem er gelandet war, und blickte in die Tiefe. Etwa fünfzehn Meter unter ihm konnte er Wiesen, Wälder und einen großen See ausmachen. Versteckt zwischen einigen Bäumen erkannte er eine Handvoll Häuser. Nahe der Felswand erhob sich ein recht großes Gebäude, das unverkennbar einen Tempel darstellen sollte. Lebten hier inmitten des Dschungels tatsächlich Menschen? Oder war Spear während seiner Flucht vor den Raubsauriern etwa wieder so nahe an die bewohnten Gebiete der Insel herangekommen? Neugierig geworden suchte er nach einem Weg, den Fels hinabzusteigen. Er fand einen schmalen Pfad, der rechts von ihm bergab führte und folgte ihm mit sicheren Schritten. Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, bis er den Fuß des Felsens erreicht und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Nur wenige Meter von ihm entfernt erhob sich der Tempel in majestätischem Stillschweigen. Auch von der Siedlung in der Nähe des Sees drang kein Laut zu Spear hinüber.
Er zuckte mit den Schultern. Wenn er schon mal hier war, konnte er sich ja auch gleich einmal umschauen. Er hatte während der Flucht seine Waffe verloren und kam sich demnach etwas schutzlos vor. Vielleicht konnte er hier etwas Brauchbares finden. Er ging auf den Tempel zu, passierte das mächtige Portal und trat ins Innere, das Allerheiligste.
Der Saal war von gigantischer Größe. Links und rechts trugen massive Säulen das kunstvoll verzierte Dach des Bauwerks. Am hintersten Ende entdeckte Spear eine Art Altar, über dem eine hell glänzende Statue stand.
Er kniff die Augen zusammen, als er das goldene Schimmern wahrnahm. Sollte dieses Götzenbild etwa wirklich aus dem Material bestehen, dass er spontan vermutete?
Von Gierde erfasst näherte sich Spear dem Altar. Einen halben Meter davon entfernt blieb er stehen und besah sich die Statue erneut. Ja, es war durchaus möglich...
Er streckte die Hand aus und berührte die kühle Oberfläche. Dann packte er die Statue - schließlich war sie nicht so groß - und hob sie von ihrem Podest herab. Dabei stellte Spear überrascht fest, wie leicht das Götzenbildnis war. Es schien hohl zu sein. Misstrauisch schüttelte er es heftig mit beiden Händen. Ein metallisches Klopfen drang aus Inneren des Gebildes und wuchs in dem gewaltigen Saal zu einem ohrenbetäubenden Klopfen an. Spear stellte die Statue hastig ab. Noch immer neugierig untersuchte er die Oberfläche. Dabei erfühlten seine Finger einen winzigen Hebel. Als Spear diesen herunterdrückte, klappte der Bauch der Statue auf. Ein gleißender Gegenstand fiel heraus. Spears Augen wurden groß. Was er vor sich auf dem Boden sah, war ein Medaillon aus reinstem Diamant!
Er riss das Schmuckstück an sich und ließ es hastig in seiner Tasche verschwinden. Nervös sah er sich im Saal um, konnte jedoch keine verdächtige Bewegung erkennen. Er stellte die Statue auf den Podest zurück. Sie mochte zwar nicht allzu schwer sein, doch den Steilhang wollte sie Spear dennoch nicht hinaufschleppen. Noch einmal überzeugte er sich davon, dass er allein war, dann verließ er mit eiligen Schritten den Tempel, hastete zu dem Pfad, den er im Fels entdeckt hatte, und begann den Aufstieg. Er musste seine Männer finden und hierher zurückkehren, um die Statue zu holen. Aber zuerst musste er die Dinosaurier finden. Davon hing sein Auftrag - und der damit verbundene Preis - ab. Und Geld war Geld. Man konnte nicht genug davon haben...

am späten Abend

Die kleine Gruppe hatte auf der Lichtung ihr Lager aufgeschlagen, nachdem der Parasaurolophus weitergezogen war. Das Einzige, was noch an das riesenhafte Tier erinnerte, waren seine gigantischen Fußabdrücke.
Jonas hatte sich an einen Baumstamm angelehnt und das Reisetagebuch aufgeschlagen. Dort wollte die Gruppe jeden Dinosaurier, dem sie begegnete, eintragen. Jonas versuchte, den Parasaurolophus zu skizzieren. Er starrte auf das Blatt, auf dem nun das merkwürdige Tier mit dem länglichen Hornfortsatz am Hinterkopf zu sehen war.
“Irgendwie hat er ja komische Proportionen", sagte er an Mulder gewandt, der neben ihm saß. Der FBI-Agent blickte kurz von dem Buch auf, in dem er gerade las und betrachtete Jonas' Zeichnung.
“Meinst du dein Bild oder den Saurier?"
“Den Saurier natürlich, du Stoffel", knurrte Jonas, leicht beleidigt über Mulders Bemerkung. Er betrachtete sein Bild. “Ich finde, er sah irgendwie aus wie Frankensteins Monster. Der Para wirkte, als hätte man ihn aus den Körperteilen verschiedener Tiere zusammengeflickt. Dieser dicke, stämmige Körper, die relativ kurzen, schmalen Vordergliedmaßen und dann dieser im Vergleich zum Rest so zierliche Kopf."
“Komisch sah er wirklich aus", grinste Mulder. “So 'ne Mischung aus Kuh und Kamel. So gelangweilt. Ich bezweifle, dass der Bursche besonders intelligent ist."
In diesem Augenblick raschelte es im Gebüsch und die Männer rissen den Kopf hoch. Jonas tastete instinktiv nach seiner Lindstradt-Pistole, die er seit dem Morgen nicht mehr abgelegt hatte. Die Sträuchergruppe vor ihm ließ er dabei nicht aus den Augen. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine Hand zu sehen, die einige Zweige losließ, die raschelnd nach oben schwangen.
“Hey, Sie! Kommen Sie sofort heraus, oder ich schieße!", rief Mulder laut, während er seine Waffe auf das Gebüsch richtete.
Es verstrich nicht einmal der Bruchteil einer Sekunde, bis der Mann mit hocherhobenen Händen aus den Büschen trat. Er war etwa mittelgroß und hatte dunkelbraunes, kurzgeschnittenes Haar. Seine Kleidung war an einigen Stellen zerfetzt und der Mann trug einige Schürfwunden im Gesicht und an den Armen.
“Bitte, Agent Mulder, schießen Sie nicht."
Jonas und der Agent ließen die Pistolen sinken und steckten sie wieder in die Gürtel.
“Sie sind dich einer von Spears Leuten."
“Woher wissen Sie das?"
“Ich habe Sie gestern Nacht zusammen mit den anderen Typen gesehen", antworte Jonas knapp.
“Gestern Nacht? Wann denn?"
“Als ihr euer Lager, so beknackt wie ihr wart, mitten in den Sümpfen aufgeschlagen und euch über Dinosaurier und Biogenetics unterhalten habt und eine nette Schlange vom Baum gefallen ist."
“Woher..." Der Mann schüttelte den Kopf.
“Die Schlange war ein kleines Geschenk von mir", erklärte Jonas ruhig. “Als Dank für die nette Unterbrechung während der Gondelfahrt."
“Das war Spears Plan, ich hatte damit nichts zu tun. Er hat mich lediglich mitgenommen, dass ich in den Staaten nichts ausplaudere, was die Dinosaurier betrifft."
“Aha. Nett, das zu hören. Trotzdem wüsste ich zu allererst gerne Ihren Namen, Mister."
“Jerry Dawson."
Jonas kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. “Aha. Und woher kennen Sie Fox' Namen?"
“Das ist eine verdammt lange Geschichte", sagte der Fremde mit müder Stimme. “Ich laufe schon stundenlang durch diesen Dschungel, auf der Suche nach Menschen, die mich aus dieser Hölle hier herausbringen können. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, euch zu finden. Fünf der Leute von Spears Gruppe sind tot, die anderen spurlos verschwunden. Oben am Fluss wurden wir von Raptoren überfallen..."
Mulder hob die linke Augenbraue. “Sagten Sie gerade Raptoren? Velociraptoren?"
Dawson nickte. “Ja. Sie kamen so schnell und lautlos, dass wir sie erst bemerkten, als es schon zu spät war. Dass ich entkam, war reines Glück. Ich weiß nicht, wie viele außer mir überlebt haben. Und ich weiß auch nicht, wo sie sind. Ich will es gar nicht wissen... Ich bin froh, wenn ich Spear niemals wieder begegne."
Jonas und Mulder tauschten verwirrte Blicke.
Jerry Dawson ließ sich müde auf den Boden sinken. “Ich glaube, ich bin Ihnen eine ausführliche Erklärung schuldig. Was bleibt mir anderes übrig, um Sie vor diesem Mistkerl zu warnen. Denn da bin ich mir sicher: Wenn auch alle Männer umgekommen sind, Spear lebt!" Dawson atmete tief durch. “Doug Spear ist einer der skrupellosesten Menschen, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Er arbeitet für die Biogenetics Co-operation, einem Großkonzern der Pharmaindustrie in New Jersey. Ein ganz übles Unternehmen mit haufenweise Dreck am Stecken, wie Spear selbst. Tierversuche gehören dort zum Alltag, und keiner der dort arbeitenden Leute scheint das zu stören. Nur die Greenpeace. Die hat Protest gemeldet, als sie herausbekommen hat, was hinter den Mauern der Biogenetics passiert. Jedenfalls haben die dem Konzern gewaltig Feuer unter dem Hintern gemacht. Und Spear begann, sich nach Ersatz für seine Hunde und Ratten umzusehen. Er suchte nach Tieren, die keine Menschenseele mehr für Tiere halten würde, Wesen, die er für sich patentieren lassen könnte. Ganz einfach Tiere, die nur ihm alleine gehören, und denen er machen kann, was er will."
“Und dann hat er von den merkwürdigen Vorfällen auf Mindanao gehört", murmelte Mulder.
“So ist es", bestätigte Dawson. “Spear hat gleich Lunte gerochen und ist mit einem wissenschaftlichen Team nach Cotabato gereist, wo ein Exemplar dieser anomalen Formen zu Untersuchungszwecken aufbewahrt wurde. Man befürchtete nämlich, dass die urplötzlich auftauchende Hirnhautentzündungsepedemie von eben diesen merkwürdigen Tieren herrührte. Spear warf alle Wissenschaftler aus dem Raum heraus, untersuchte das Tier, stellte fest, dass es ein Dinosaurier war, und wusste sofort, dass seine Suche nach dem richtigen Tier ein Ende gefunden hatte. Den Bewohnern von Mindanao tischte er auf, dass das von ihnen gefundene Tier nicht nur Hirnhautentzündungen hervorrufen würde, sondern noch weitaus bösartigere Beschwerden und Krankheiten. Er befahl ihnen, jedes tote Tier, das sie finden, zu verbrennen und Spear bot ihnen an, sich auf der Insel auf die Suche nach den Tieren zu machen und sie auszurotten. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, denn die Inselbewohner fürchteten um die negative Auswirkung auf den Tourismus, die diese Tiere und die mit ihnen verbundene Krankheit auslöste."
“So bekam Spear sozusagen die Lizenz zum Jagen", knurrte Jonas.
Jerry nickte. “Die bekam er. Doch er jagte nicht nur die Dinosaurier. Er jagte auch jeden Menschen, der sich in sein Geschäft einzumischen drohte. So auch Grahm. Und schließlich auch Sie."
Jonas legte die Stirn in Falten. “Aha! Er war das mit der Gondel!"
“Ja. Das war er. Er wollte verhindern, dass Sie das Hochplateau erreichen, und am Liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Sie bei diesem Unfall allesamt gestorben wären. Doch ich hoffe, dem ist nicht so..."
“Nein. Wir sind noch alle am Leben und ohne schwerwiegende Verletzungen davongekommen", sagte Jonas ruhig. “Aber wie hat Spear von uns erfahren?"
“Nun, durch die Aufgaben, die er mir aufgebürdet hat. Er setzte mich sozusagen als seinen privaten kleinen Spion ein. Ich habe Grahm auf Schritt und Tritt verfolgt. Durch eine Wanze in seinem Buschhut, die ich dort angebracht hatte, habe ich ihn niemals verloren. Und durch ihn bin ich schließlich auch über Sie gestolpert."
In diesem Moment scholl ein dumpfer, dröhnender Laut zu ihnen hinüber. Die drei Menschen sahen überrascht auf. Es war ein nebelhornartiger Ton, wie der der Parasaurolophen. Doch höher, weicher. Beinahe dem Gesang der Buckelwale ähnlich.
Jerry Dawson wollte aufspringen, um besser sehen zu können, doch Mulder packte seinen Arm und zog ihn zurück.
“Sie können ruhig sitzen bleiben, Jerry. Diese Tiere sind nicht zu übersehen."
Der Mann sah Jonas verwirrt an und folgte dann mit den Blicken in die Richtung, in die der FBI-Agent wies.
Und dann sah er sie.
Die kleinen Köpfe auf den langen, schlanken Hälsen befanden sich in über elf Metern Höhe. Aufmerksam schwenkten sie hin und her, betrachteten die Welt unter ihnen merklich gelassen. Die Köpfe und Hälse gehörten zu großen, stämmigen Körpern mit kräftigen Beinen und langen, dicken Schwänzen, die gerade ausgestreckt über dem Boden hin und her pendelten. Die Haut der insgesamt drei Tiere war grau, die Bauchseite fast weiß. Über die breiten Rücken zog sich eine dunkle Schattierung, die in feine Sprenkelung überging und schließlich im mittelhellem Grau verschwand. Die Tiere bewegten sich langsam, doch keinesfalls träge.
“Was... was sind das für Viecher?", fragte Jerry.
“Nun, der Größe und den typischen Merkmalen nach sind das Diploducus", sagte Jonas. “Sie sind die schlanksten Sauropoden. Ihre Gesamtlänge beträgt mitunter siebenundzwanzig Meter. Allein vierzehn Meter dieser Länge betragen die peitschenartigen Schwänze, sieben Meter die Hälse. Bleiben also gerade noch sechs Meter für den Körper."
“Wirklich komische Maße", murmelte Jerry.
Mulder nickte. “Das stimmt. Aber trotz allem wirken diese Tiere in keinem Fall unvollkommen. Auch wenn sie wie die verrückte Mischung aus Elefant und Giraffe aussehen."
Die drei Menschen schwiegen und blickten zu den sanften Riesen hinauf, die in gerade mal zehn Metern Abstand an ihnen vorbeizogen. Jonas spürte wie der Boden unter ihm bei jedem Schritt der Tiere erzitterte, hörte, wie die Zweige über ihm schwankten und raschelten. Und doch hatte er keine Angst.
Die Riesen zogen gemächlich an der Menschengruppe vorbei. Einer von ihnen reckte den Hals in die Höhe, so hoch, wie es dem Tier möglich war. Es konnte von dort oben den gesamten Umkreis überblicken. Der Kopf schwenkte kurz suchend hin und her. Dann stieß der gewaltige Sauropode wieder diesen nebelhornartigen Ruf aus. Und von irgendwoher aus dem Dschungel kam die Antwort. Zwischen den Baumkronen tauchten mehrere schlanke Köpfe auf, wiederholten ihren Ruf und bewegten sich auf die drei Sauropoden auf der Lichtung zu. Es waren neun Tiere von unterschiedlicher Größe, zwei von ihnen nicht höher als ein Elefant. Vermutlich zwei nur wenige Monate alte Jungtiere. Die Diploducus trafen auf der Lichtung zusammen, schienen miteinander zu verschmelzen. Und die drei Menschen schauten schweigend zu, wie die gewaltigen Wesen in einträchtiger Ruhe und geordneter Herdenformation nach Westen zogen, der untergehenden Sonne entgegen...

am nächsten Tag

Vince schob das riesige gelbe Gummiboot ans Flussufer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. “Sagt mal, konnte es euch nicht etwas früher einfallen, den Fluss zu nehmen? Dieses Mistding hier bei dieser Affenhitze in der Gegend rumzuwuchten ist nicht gerade ein Kinderspiel!"
“Komm schon, Vince! Du bist nicht der Einzige, der schwitzt!", knurrte Jonas, während er einen Teil der Ausrüstung im Boot verstaute.
Mulder grinste. “Ich möchte sowieso wissen, wer auf die verrückte Idee kam, das Gummimonster mitzuschleppen! Derjenige hätte auch an die Elefanten denken müssen, die das Zeug hätten tragen sollen."
Scully derweil blickte mehr als argwöhnisch drein. “Ich bezweifle, dass wir da alle reinpassen. Wir sind zehn Personen plus Ausrüstung..."
“Auf dem Karton stand zwölf Personen", knurrte Vince. “Also passen wir da auch rein. Klar?"
Mulder zog die Brauen hoch. “Ich frage mich nur, ob diese zwölf Personen alle gestanden haben, oder ob man sie übereinander gestapelt hat!"
Jerry Dawson, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, legte den Zeigefinger auf die Lippen. “Pst", zischte er und sein Gesicht wurde bleich.
Die anderen wechselten verwirrte Blicke.
“Was ist los, Jerry?", fragte Jonas verständnislos.
Der Mann blickte sich hastig um, jede Farbe schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein.
“Riecht ihr denn nichts? Diesen fauligen, widerlichen Geruch?"
“Das kommt vom Fluss", erwiderte Kenji. “Verrottende Baumstümpfe oder so was."
“Nein", murmelte Dawson. “Ich kenne diesen Geruch..." Er blickte sich erneut um, schien wie ein scheues Reh im Wald. “Wir werden gejagt", raunte er. “Sie sind hier!"
Plötzlich verstand Jonas. “Sie meinen die Raptoren?"
Der Mann nickte. “Sie müssen es sein. Sie oder der Rotschädel... Und hört ihr nicht die Vögel?"
Sie hörten gar nichts. Der Wald schien wie ausgestorben. Kein Laut durchbrach die gespenstische Stille, außer das leise Rauschen des Flusses. Kein Vogel war zu hören, kein munteres Geschwätz, das die Gruppe bisher ununterbrochen begleitet hatte. Es schien, als hätte man die Zeit angehalten...
“Was für Rotschädel?", fragte Mulder irritiert. Bisher hatte Jerry noch nicht von ihnen gesprochen.
“Schnell, schiebt das Boot in den Fluss!", befahl Vince. “Holt die Beutel mit dem Proviant! Wir müssen so schnell wie nur möglich von hier fort! Sarah, Kirochima, Dana, ab ins Boot!"
Und dann ging alles ganz schnell. Das Boot war bereits im Wasser, und Jonas und Mulder nahmen gerade die drei schweren Taschen mit den Essensvorräten an sich, als die Bäume barsten und ein Vogelschwarm laut kreischend aufflog. Und dann brach die gewaltige Echse aus der Dschungelwand heraus.
Jonas hörte, wie Mulder aufschrie und ließ den Proviantsack fallen. Das riesige Tier brüllte und kam rasch auf sie zu. Es jagte sie.
“Ins Boot!", schrie er, obwohl diese Worte überflüssig waren.
Sie hatten gerade das Flussufer erreicht, als das Monster bis auf zehn Meter an sie herankam. Sie warfen sich in die blaugrünen Fluten und schwammen eilig dem Schlauchboot zu, das schon fast die Mitte des Flusses erreicht hatte.
Das Raubtier trat ans Ufer. Seine gewaltigen, dreizehigen Füße gruben sich tief in den weichen Schlamm ein, wühlten die weiche Erde auf. Das Monster beugte sich nach vorn, konnte die beiden Flüchtenden jedoch nicht mehr mit seinem riesigen, weit aufgerissenem Maul erreichen. Ärgerlich warf die Echse den Kopf zurück und brüllte.
“Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Raptoren wesentlich kleiner vorgestellt!", rief Mulder seinem Freund zu, als sie die Ringe an der Bootswand packten.
“Das ist ja auch ein T-Rex", antwortete Jonas atemlos.
Mulder blickte zu dem Saurier hinüber, der wütend am Flussufer stand und brüllte. Ein ohrenbetäubendes Brüllen, ein Laut aus einer anderen Welt.
“Ein Rex!", murmelte er. “Ein gottverdammter T-Rex!" Er griff nach Phil' Hand, die die seine packte und ihn in das Boot zog.
“Mein Gott, was würde ich darum geben, wenn dieses Mistvieh wie vermutet ausgestorben wäre!", knurrte Sarahs Vater, während er auch Jonas aus dem Wasser zerrte. “Ich hoffe nur, dass der Bursche nicht schwimmen kann!"
“Natürlich kann er schwimmen!", knurrte Grahm.
Der Tyrannosaurier sprang mit einem gewaltigen Satz ins Wasser, das hohe Wellen schlug. Die sich auftürmende Gischt spritzte bis zum Boot hinüber. Die Echse stand bis zum Bauch im Fluss und watete eilig vorwärts. Knappe zwanzig Meter trennten ihn nun vom Boot.
Vince griff nach den Paddeln und ließ sie ins Wasser. Jerry ging ihm sofort zur Hand und schon bewegte sich das Schlauchboot flussabwärts.
“Noch muss er nicht schwimmen", sagte Sarah, während sie den Dinosaurier beobachtete. “Vielleicht folgt er uns nur, soweit er kann und kehrt dann ans Ufer zurück, wenn es ihm zu tief wird."
“Vergiss es!", knurrte Jonas. “Alle Reptilien können schwimmen. Da, siehst du?" Er deutete auf den T-Rex, der nun bis zur Brust im Wasser lag. Nur den Kopf hielt er hoch über der Oberfläche. Plötzlich ragte nur noch der obere Teil des Kopfes - nämlich Augen und Nüstern - aus dem Wasser.
“Er sieht aus wie ein Krokodil", murmelte Scully.
“Er sieht nicht nur so aus, Dana. Er schwimmt auch wie eines", sagte Jonas und beobachtete die schlenkernden Bewegungen des kräftigen Schwanzes, die das Wasser hinter dem Dinosaurier aufrührten. Hinter dem massigen Kopf sah er die Krümmung des Rückens und die Zacken am Schwanz, der immer wieder die Wasseroberfläche durchbrach. “Genau wie ein Krokodil", sagte er leise. “Das größte Krokodil der Welt..."
Der Tyrannosaurus war nun nahe heran. Die Menschen im Boot konnten seinen schnaufenden Atem hören. Das Tier warf den Kopf zurück, riss das riesige Maul weit auf, schnappte in einem unverhofften Vorschnellen nach dem Boot und verfehlte den Gummiwulst nur knapp. Der gewaltige Schädel klatschte zurück ins Wasser und das Schlauchboot tanzte auf den aufgeworfenen Wellen. Der Raubsaurier tauchte unter, bis nur noch blubbernde Luftblasen zu sehen waren. Dann war der Fluss plötzlich ganz still.
Kevin hielt sich an den Handgriffen am Gummiwulst fest und sah nach unten.
“Ist er ertrunken?"
“Nein. So ein Biest ersäuft nicht einfach", erwiderte sein Bruder und blickte auf die Luftblasen, die schwache Kräuselung auf der Wasseroberfläche. Und die kam direkt auf sie zu...
“Haltet euch fest!", rief Vince, als der Kopf unter dem Gummiboden aus dem Wasser auftauchte, das Boot durchbog, in die Luft hob und herumwirbelte. Ein Teil der Ausrüstung kippte über die flache Gummiwand und klatschte in das aufwirbelnde Wasser. Das Boot glitt zurück und schlug hart in die sich auftürmenden Fluten.
“Tut was!", jammerte Kirochima. “Tut doch was!"
Mulder zog seine Pistole aus dem Gürtel. Die Waffe sah erbärmlich klein aus in seiner Hand, aber wenn er das Tier an einer empfindlichen Stelle traf, ins Auge oder in die Schnauze...
Der Tyrannosaurier tauchte neben dem Boot auf, öffnete den Rachen und brüllte. Mulder zielte und schoss. Die Kugel blitzte im Sonnenlicht auf und traf den Saurier in die Wange. Er schüttelte den Kopf, so als wolle er eine Stechmücke verscheuchen, und brüllte erneut.
Jerry und Vince legten sich in die Riemen und das Boot kam schnell voran. Der Tyrannosaurier schnaubte, schüttelte einige Male kräftig seinen massigen Schädel und starrte das gelbe Schlauchboot an, das sich rasch von ihm entfernte. Er ließ sich ins Wasser zurückfallen und einen Moment lang fürchtete die Gruppe im Boot schon, er würde erneut die Verfolgung aufnehmen. Doch zu ihrer Erleichterung machte das gewaltige Raubtier kehrt und schwamm zurück zum Ufer.
“Was ein Monstrum", murmelte Kevin. “Der war doch mindestens fünf Meter hoch!"
“Sechs", verbesserte Grahm. “Es soll sogar noch größere Exemplare gegeben haben."
“Was wissen Sie über dieses Tier?", fragte Scully und starrte zu dem Tyrannosaurus hinüber, der ans Ufer gestiegen war. Wasser tropfte von seinem massigen Körper und aus dem riesigen Maul.
“Nun, dieser Raubsaurier konnte eine Länge von über vierzehn Metern erreichen..."
“Sprechen Sie doch bitte in der Gegenwart, Grahm", sagte Mulder und deutete zu der Echse hinüber, die den Kopf zurückwarf und wütend auf den Fluss hinaus brüllte.
Der Paläontologe nickte. “Sie haben Recht. Nun, der Rex ist das größte Landraubtier, das jemals auf Erden gewandelt ist. Er wiegt etwa sieben Tonnen. Seine Zähne haben mitunter die Länge von achtzehn Zentimetern. Jahre spekulierte die Wissenschaft darüber, ob der Rex ein gewandter gefährlicher Jäger, oder eher ein schwerfälliger Aasfresser gewesen ist..."
“Diese Frage hat sich wohl jetzt erübrigt", knurrte Mulder.
“Ich schätze, dass Sie damit Recht haben", erwiderte der Paläontologe. “Ich hoffe nur, dass wir dem Rex so schnell nicht wieder begegnen..."

derweil an einem anderen Ort

Enak hob heftig blinzelnd den Kopf, als er lautes Poltern im Tempel vernahm. Mit gerunzelter Stirn starrte er zu dem Bauwerk hinüber. Sanft schob er eines seiner Hausschweine, das gerade um eine Wurzel bettelte, beiseite, und eilte durch das Feld von Binsengräsern hindurch, überquerte die daran angrenzende Wiese und sprang die Stufen zum Hauptportal hinauf, das sperrangelweit offen stand. Jemand musste im Gebäude sein.
Vorsichtig spähte Enak ins Innere des Tempels. Was er sah, ließ ihn vor Schreck totenbleich werden. Er sah zwei kräftige Männer, die gerade die Statue vom Podest genommen hatten und diese nun aus dem Tempel heraustrugen. Neben ihnen her ging ein dritter Mann mit einem schwarzen Stock in den Händen.
Enak vergaß jede Vorsicht. Er war der Wächter, er hatte auf das Heiligtum Acht zu geben. Wild entschlossen stellte er sich den Männern in den Weg und hob beide Hände in die Höhe.
Er wollte den Eindringlingen gerade befehlen, anzuhalten, als der Mann, der neben den Trägern lief, den merkwürdigen Stock auf ihn richtete. Enak sah es darin aufblitzen, fast gleichzeitig spürte er einen stechenden Schmerz in der Schulter. Instinktiv presste er seine Hand darauf. Als er eine merkwürdig warme Flüssigkeit zwischen den Fingern spürte und die Hand hob, sah er, dass sie blutüberströmt war. Kreidebleich hob er den Kopf. Der Mann mit dem bösen Stock war bereits heran. Enak starrte in eiskalte Augen in einem merkwürdig glatten Gesicht. Der Mann schlug so schnell zu, dass Enak keine Chance hatte, auszuweichen. Der Wächter taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel rittlings die Treppe hinunter. Hart prallte sein Körper auf die steinernen Stufen, immer und immer wieder. Enak wurde schwarz vor Augen. Ein lautes Knacken in der Halswirbelsäule war zu hören, fast zeitgleich verlor der Wächter das Bewusstsein und starb. Ohne ihn zu beachten eilten die drei Männer zusammen mit der Statue an ihm vorbei, ohne auch nur das geringste Schuldgefühl zu verspüren...
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