Intra unguis mortifer von Kit-X

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am frühen Morgen

Die Millionenstadt Jakarta, Metropole des indonesischen Reiches und Eisenbahnknotenpunkt der Sunda-Insel Java, war der sengenden Hitze, die über den Vierteln brütete, beinahe schutzlos ausgesetzt. Das hinderte die Einwohner jedoch nicht daran, den täglichen Markt zu besuchen, der sich über mehrere Straßen der Altstadt verteilte. Kaufleute und Händler boten Unmengen von Anbauprodukten der Insel an: Reis, Maniok, Zuckerrohr, Mais, Soja, Tee, Kaffee, Tabak, Kopra, Kautschuk, Sisal, Chinin und Indigio. Von den überall anzutreffenden Moscheen erklangen die Rufe der islamischen Religion, die den Buddhismus schon im 14. Jahrhundert vertrieben und durch den moslimischen Glauben ersetzt hatte - aber nur oberflächlich. Zu viele Menschen verschiedener Kulturen lebten in Jakarta, um bloß einen einzigen Glauben zu repräsentieren. In Glodok, dem Chinesenviertel beispielsweise, waren noch nie Gebete des Korans ausgesprochen worden, und man hütete sich, den dem Brahmanismus gegenüber andersartig erscheinenden Glauben in das tägliche Leben einfließen zu lassen.
Am Stadtrand sammelte sich der Schwerverkehr. Stinkende Lastwagen und unzählige Pkws standen im Stau. Die Absperrung machte die Straße zum Hafen unerreichbar. Zwei Polizisten regelten den Verkehr. Jedenfalls versuchten sie es. Das laute Hupkonzert und die qualmenden Abgase machten es den Beamten nicht leicht.
“Sir, wir müssen so schnell wie möglich die Sperre aufheben."
Hauptinspektor Mantjur schüttelte entschieden den Kopf. “Nein, das ist leider unmöglich."
“Aber Sir..."
“Entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun."
Der Inspektor ließ die beiden Beamten stehen und eilte zu den unzähligen Polizeiwagen und Ambulanzfahrzeugen hinüber, die sich allesamt um eine knapp sechs Quadratmeter große Stelle gesammelt hatten. Als Außenseiter war es unmöglich zu erkennen, was dort vor sich ging. Und genau das war Absicht.
Das Rauschen der Funkgeräte und das eifrige Treiben der Sanitäter übertönte das Säuseln des Windes, der durch den kleinen Hain aus Koniferen und Farngewächsen strich. Es übertönte auch die aufgeregten Rufe der Männer vom Red Cross, die gerade zwei Menschen in einen der Ambulanzwagen verluden. Die Körper der Opfer waren mit weißen Tüchern verdeckt, Sanitäter sammelten sich um die Kopfteile. Mantjur war es unmöglich zu erkennen, was dort eigentlich vorging. Er stieß einige Leute zurück und trat dann in die Mitte des Platzes.
“Mantjur?"
Der Inspektor blieb stehen. “Vince? Was ist hier passiert?"
Der stämmige Amerikaner seufzte bloß schwer. “Ich bezweifle, dass Sie das wissen wollen..."
Er nickte zu drei Männern hinüber, die sich über einem scheinbar leblosen Körper beugten. Der Inspektor zögerte nicht lange und ging zielstrebig darauf zu. Vince folgte ihm in einigem Abstand. Er hob mit gemischten Gefühlen die ergrauten Augenbrauen.
“Sind Sie sicher, dass mit Ihrem Magen alles in Ordnung ist?"
“Ich habe schon viele zerstückelte Körper gesehen."
“Aber nicht solche!"
Mantjur drängte einen der Männer zu Seite. Der Beamte wandte sich nur allzu gerne von dem Schaubild ab, das sich dem Inspektor nun darbot: Ein etwa sechzehnjähriger Junge lag dort auf dem feuchten Humusboden. Sein Hemd war blutdurchtränkt, sein Bein war aufgerissen.
“Was ist mit ihm passiert?"
Jonathan Quinn, der sich noch immer über den Schwerverletzten beugte, seufzte schwer. “Das würde ich auch gerne wissen." Er hob das Hemd des Jungen mit einer seiner durch Latexhandschuhe geschützten Hand an. Mantjurs Blick fiel auf einen klaffenden Riss an der Schulter. Der ganze Körper zitterte, das Gesicht des Jungen war blass. Als der Inspektor einen zweiten Blick auf die Schulter warf und Details erkannte, spürte er, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Die Wunde war lang und ausgefranst, das Fleisch an den Wundrändern war zerfetzt, wie aufgerissen. Die Schulter war ausgerenkt, helle Knochen lagen bloß. Mantjur konnte die Adern im offenen Fleisch pulsieren sehen.
“Jesus", murmelte er, während er hastig nach Luft schnappte.
“Ich bin zwar kein Fachmann, aber es sieht so aus, als sei er von einem Tier angefallen worden", sagte Jonas so sachlich wie möglich, doch seine Stimme war dünn und gepresst.
“Das fällt mir schwer zu glauben", erwiderte Mantjur langsam, jedoch bestimmt. “Tierangriffe sehen anders aus. Bis auf Schulter und Bein ist der Körper unversehrt. Keine Kratzspuren, keine Bisswunden..."
Er verstummte, als Jonas die Hände des Jungen anhob und sie ihm zeigte. Bei dem Anblick lief es dem Inspektor kalt den Rücken hinunter. Sie waren übersät mit Schnittwunden und Blutergüssen, nicht nur an den Handinnenflächen, auch an den Gelenken und Unterarmen. Aus einigen Wunden trat noch Blut, an anderen war es schon zu dunkelroten, fast schwarzen Krusten geronnen.
“Sehen Sie? Er hat sich gegen irgend etwas gewehrt. Daher die Wunden. Und riechen Sie das, Mantjur?", fragte Jonas.
Der Javaner rümpfte die Nase.
“Es stinkt."
“Ja. Und zwar ziemlich. Es ist der Gestank von verfaultem Fleisch. Und sehen Sie den weißen Schaum?"
Jonas deutete auf einige Schlieren in der Wunde.
“Ja."
Der junge Amerikaner berührte den zähflüssigen Geifer und verrieb ihn zwischen seinen Fingern. “Es ist Speichel."
“Welches verfluchte Tier sollte einen Menschen derart zurichten?", fragte Mantjur fassungslos.
In diesem Moment schien der Junge zu Bewusstsein zu kommen. Mit einem Ruck setzte er sich kerzengerade auf, und einer der nebenstehenden Beamten kreischte bei diesem Anblick vor Entsetzen auf. Sanitäter eilten herbei, um den Verletzten auf eine Trage zu schaffen.
Jonas stand auf und hob die blutverschmierte Hand, um die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen. Auf Spanisch rief er ihnen zu, das Blut des Jungen und auch den Speichel in seinen Wunden analysieren und die Ergebnisse der örtlichen Polizei zukommen zu lassen. Zugleich warnte er die Sanitäter davor, den schäumenden Geifer ungeschützt zu berühren, da er infektiös sein könnte und gab ihnen weitere Anweisungen, die Mantjur nur häppchenweise verstand. Jonas redete schnell und trotzdem flüssig, seine Spanischkenntnisse übertrafen die des Inspektors um Weites.
Der verletzte Junge begann plötzlich zu stöhnen und warf den Kopf hin und her, seine Augen waren weit aufgerissen. “Los muelas!", japste er. “Los muelas!"
Mantjur sah fragend in die Runde. “Was sagt er?"
“Zähne", gab Jonas die spanischen Worte wieder. “Er spricht von Zähnen."
“Frag ihn, was passiert ist!"
Jonas nickte und wandte sich an den zitternden Jungen. Er versuchte, eindringlich und dennoch beruhigend zu klingen. “Què has hecho? Què le pasa?"
“Me duelen los piernas y los brazos y..." Der Verletzte fing an zu wimmern. “Que me encuentro mal, que me encuentro mal..."
Der Javaner verfiel in eine Art Singsang. Er wiederholte die Worte immer und immer wieder.
“Er sagt, dass seine Beine und Arme schmerzen und dass es ihm sehr, sehr schlecht geht", sagte Jonas langsam.
“Das sehe ich", knurrte Mantjur. “Ich will wissen, was passiert ist!"
Jonas wiederholte seine Frage: “Què le pasa?"
“He visto muelas. Ha sido! Ha sido!"
“Quièn? Contesta!"
Schweißperlen liefen über die Wangen des Jungen. “La voz alta! Alta! Muy alta! Muy rápido. Y muy feo! Verde y marrón! Y muelas! Los muelas!"
Plötzlich spuckte er einen Schwall Blut, hustete, krümmte sich zusammen. Einer der Sanitäter versuchte, dem Jungen ein Stück Holz zwischen die zusammengebissenen Zähne zu schieben, doch Jonas hielt ihn hastig zurück, da der Mann sonst mit dem dem eventuell infektiösen Speichel in unweigerlichen Kontakt kommen würde. Selbst wenn der Sanitäter versucht hätte zu helfen, es hätte keinen Sinn mehr gehabt. Der Junge zuckte noch einmal zusammen, erschlaffte und lag dann still da. Leblos, bleich und blutüberströmt, ein Bild aus einer Schauermär, einem schlechten Horrorfilm.
Mantjur hielt sich die Hand vor den Mund und fuchtelte mit der anderen ungestüm in der Luft herum.
“Bringen Sie ihn weg!", japste er.
“Was hat er noch gesagt?", fragte einer der Beamten langsam. “Wovon hat er gesprochen?"
“Das würde ich auch gerne wissen." Jonas starrte den toten Jungen nachdenklich an. “Er sagte etwas von lauten Schreien und sprach von etwas Schnellem und Hässlichem. Es sei grün und braun gewesen. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne..." Er sprach nicht aus, sondern wandte sich an die Männer der Ambulanz, die den Leichnam anhoben und gestikulierte ihnen, vorsichtig zu sein. “Hey! Ojo! Un poco de ojo!"
Die Sanitäter legten den Leichnam auf die Trage und brachten ihn fort. Ein anderer reichte Jonas ein feuchtes Desinfektionstuch. Nachdenklich starrte der Amerikaner auf die Stelle, wo der Junge zuvor gelegen hatte.
“Er war nicht sehr viel jünger als ich. Vielleicht drei Jahre", sagte er leise. “Was ein grauenhafter Tod..."
“Wer hat die Polizei informiert?", fragte der Inspektor.
“Der alte Fischer in dem Haus dort drüben." Vince deutete nach Westen. “Die Beamten haben ihn schon befragt. Doch alles, was er sagen konnte war, dass er die drei Jungs gesehen hat, die hier entlangliefen. Sie kamen wahrscheinlich gerade von dem Feriencamp unten am Fluss. Und dort drüben bei den hohen Farnen sollen dann zwei grüne Dinger aus dem Gebüsch gesprungen sein..."
“Grüne Dinger?", wiederholte Mantjur stirnrunzelnd.
“Ja. Sie sollen unmenschliche schrille Laute von sich gegeben haben. Spitze Schreie. Und gefaucht hätten sie auch noch, gezischt wie Schlangen. Und sie waren schnell."
“So, wie es der Junge beschrieben hat", sagte Jonas und warf das Desinfektionstuch in einen Mülleimer. Er starrte nachdenklich auf den Boden, der von Spuren übersät war. Eindeutige Spuren des Kampfes, der Verzweiflung und der Gewalt. Überall dieser stinkende weiße Speichel. Aber keinerlei Hinweise auf die Identität der Angreifer. Im nahen Unterholz raschelte und fiepte es. Vermutlich Ratten, die den süßlichen Duft des Blutes rochen. Grüne Dinger. Schreckliche Zähne. Schnell, hässlich... Jonas seufzte und hoffte inständig, dass ihm Fox weiterhelfen konnte.

zwei Tage später
J. Edgar Hoover-Building
Washington, D.C.

Es war ein Arbeitstag wie jeder andere in Washington, D.C. - so schien es jedenfalls. Doch Special Agent Fox Mulder hatte schon immer einen gewissen Instinkt für unvorhersehbare Ereignisse gehabt, ein untrügliches Gespür, das ihn bisher nie betrogen hatte. Er fühlte es ganz genau, nein, er wusste es sogar: Heute würde noch etwas geschehen, was sein Weltbild über den Haufen werfen würde - und nicht nur das seine.
Er warf seine Aktentasche auf seinen Schreibtisch, registrierte die beiden blau ettikierten Schnellhefter darauf, drehte beherzt seinen Stuhl zurecht und ließ sich mit einem Seufzer hinein fallen.
“Sie sehen so aus, als bräuchten Sie einen Kaffee."
Mulder hob den Kopf und blickte in das freundlich lächelnde Gesicht seiner Sekretärin.
“Sie können Gedanken lesen, Bette!", sagte er erleichtert.
“Schwarz?"
“Rabenschwarz."
Bette nickte und verließ den Raum. Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte auf das Schild an der Tür, die die Sekretärin aufgelassen hatte.

Abteilung 78 / X
Fox W. Mulder / Dr. Dana K. Scully

Mulder grinste. Irgendwie war es die Ironie des Schicksals, die da auf dem Schild stand. Noch vor einem halben Jahr hätte sein Vorgesetzter, der Assistant Director Walter Skinner, nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, die Leute, die im J. Edgar Hoover - Building ein und aus gingen, auch noch auf seinen schwierigsten Agenten aufmerksam zu machen, denjenigen, der sich mit Dingen befasste, auf die andere mit einem Naserümpfen zu reagieren pflegten. Erst der Zwischenfall vor wenigen Wochen hatte ihn buchstäblich dazu gezwungen, den beiden Agenten ein Büro im dritten Stockwerk des Gebäudes zu verschaffen. Mulder war schon lange nicht mehr allein mit seinen Ansichten über paranormale Phänomene. Skinner - und noch einige andere - hatten nicht gezögert, dem hochgradig engagierten Agenten Steine in den Weg zu legen, doch irgendwie hatte es Mulder bisher immer geschafft, diese hinter sich zu lassen. Auch Special Agent Dana Scully, die auf Grund ihrer nüchternen Vorgehensweise, die auf rein wissenschaftlich belegten Fakten beruhte, Mulder zugewiesen worden war, um seine Arbeit zu behindern, war zu einer Verbündeten geworden. Sie teilte zwar nicht immer seine Ansichten - Mulder bezweifelte, ob ihm das überhaupt gefallen würde, denn manchmal brauchte er die teils hitzigen Diskussionen mit ihr -, dennoch wusste sie, dass Mulders Arbeit wichtig war, und dass in den X-Akten unzählige Wahrheiten verborgen lagen.
Bette brachte den Kaffee, und Mulder nickte dankend.
“Haben Sie die beiden Akten schon durchgesehen?", erkundigte sie sich und tippte auf die Ordner, während Mulder nach seiner Lesebrille griff, den Kopf schüttelte und an seinem Kaffee nippte. “Nein, ich war in Gedanken." Er stellte die Tasse zurück auf den Tisch und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Fast gleichzeitig hörte er vertraute Schritte im Korridor und blickte erwartungsvoll auf die Tür.
Dana Scully, adrett gekleidet und mit wehendem rotbraunen Haar, schneite ins Zimmer. Die vierunddreißigjährige Agentin hatte ihr Siegeslächeln aufgesetzt und wedelte fröhlich mit einem Blatt Papier.
“Was ist das?" Mulder deute darauf.
Sie warf ihre Tasche neben den Schreibtisch, umrundete ihn und reichte Mulder mit funkelnden Augen das Papier.
“Ad acta!", sagte sie triumphierend. “Der Fall ist gelöst. Sie hatten Recht mit Ihrem Verdacht in Bezug auf Trevers. Das Ding da war keine X-Akte."
“Das habe ich doch schon von Anfang an gesagt!", murrte er und überflog die Zeilen. Was, zum Teufel, sollte der Mord an einem Senator mit ihrer Abteilung zu tun haben?
“Möchten Sie auch einen Kaffee, Miss Scully?", fragte Bette derweil.
“Danke, aber ich habe reichlich gefrühstückt." Dana angelte nach den beiden Ordnern auf Mulders Schreibtisch.
“Wie Sie wünschen." Die Sekretärin schloss die Tür hinter sich. Die beiden Agenten waren unter sich.
“Dann kann ich den Hefter ja abgeben", sagte Mulder und schob das Blatt zurück. Mit der rechten Hand griff er hinter sich in das Wandregal und tastete nach dem Ordner, den er am Vorabend dort abgelegt hatte. Er griff ins Leere. Mulder zog die Augenbrauen zusammen, wandte den Kopf und starrte auf das Brett.
“Wo ist er denn?"
Er vollführte eine 180°-Drehung in seinem Sessel und inspizierte das Regal.
“Ich werde das Ding doch nicht vorschriftsmäßig abgelegt haben..." Er erschauderte. “Welch ein Gedanke!"
Scully amüsierte sich über seine ironische Art, sich über sich selbst lustig zu machen.
“Haben Sie vielleicht schon mal mit dem Gedanken gespielt, dass Bette die Akte schon mitgenommen hat?"
“Möglich." Er blickte noch einmal kurz zum Wandregal, wie um sich zu überzeugen, dass er den Ordner auch nicht übersehen hatte. “Ich werde sie nachher fragen..."
Die Tür schwang auf, und ein hochgewachsener, kräftiger Mann trat ein. Mulder hob die Augenbrauen.
“Oha, der Chef persönlich! Haben wir schon wieder was ausgefressen?"
Assistant Director Walter Skinner, den Mulder des Öfteren als den “Nicht-mit-mir"-Boss bezeichnete, stand vor dem Schreibtisch, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Die steingrauen Augen blitzten streng unter den buschigen Brauen hervor. Der fast kahlköpfige Ex-Marine war etwas kleiner als Mulder, dennoch wusste der Agent, dass ihm sein Vorgesetzter mit einer Hand das Kreuz brechen könnte - wenn er dazu gewillt war. Bei den oftmals lautstarken und überaus turbolenten Unterredungen mit Skinner befürchtete Mulder manchmal ernsthaft, dass Skinner von seiner Kraft Gebrauch machen könnte - doch war der Assistant Director ein viel zu logisch denkender Mensch mit einem wahrhaft brillianten Verstand, sodass er trotz seiner Weißglut, in die ihn Mulder allzuoft trieb, seine Beherrschung nie verlor.
Scully hoffte, dass die heutige Begegnung Skinner - Mulder einigermaßen ruhig verlaufen würde, und dass keiner der Beiden seine Stimme erheben würde, um dem anderen unwirsch über den Mund zu fahren. Scully wusste nur allzu gut, dass beide, ihr Partner sowie ihr Vorgesetzter, über einen wahrhaft imensen Dickschädel verfügten, den so gut wie nichts zum Einlenken brachte. Außerdem gab es unzählige andere Aspekte, die dazu beitrugen, dass sich die beiden Männer selten einig waren. Zum einen waren da Skinners undurchsichtige Beziehungen - sowohl zu den etablierten Militärkreisen als auch zu den grauen Eminezen im Hintergrund -, die den Assistant Director zu einem prädestinierten Ziel von Mulders Paranoia machten, andererseits waren es die unorthodoxen Ermittlungsmethoden und die exotische Sicht der Dinge Mulders, die zu einem ständigen Ärgernis Skinners geworden waren.
Der Assistent Director warf wortlos einen prall gefüllten Briefumschlag auf den Schreibtisch.
Mulder grinste. “Was ist das? Die Stromrechnung für mein Büro?"
“Nein, ein neuer Fall." Skinner ließ sich in einen freien Stuhl fallen.
Misstrauisch beäugte Mulder den Umschlag. “Ich werde das verfluchte Gefühl nicht los, dass mir das da drin nicht gefallen wird..."
“Ich bin vom genauen Gegenteil überzeugt", erwiderte der Assistant Director, und ihm gelang sogar ein leichtes Lächeln.
Mulder ließ den Inhalt des Umschlages auf seinen Schreibtisch klatschen. Das Meiste waren Fotos und Berichte.
“Was, in drei Teufels Namen, ist das?", fragte er unwillig.
Skinner tat amüsiert. “Kaum haben Sie ein neues Büro, werden Sie anspruchsvoll." Er deutete auf den ehemaligen Inhalt des Umschlages. “Da sind schon die beiden Flugtickets nach New York mit drin. Sie werden am Montag fliegen, gleich nach dem Ablauf Ihrer Urlaubszeit. Zuvor jedoch möchte ich Sie beide noch einmal hier in diesem Raum sehen."
Mit diesen Worten erhob sich der Assistant Director, nickte dem verblüfft dreinschauenden Mulder kurz zu und verließ anschließend das Büro.
“Haben Sie das gesehen?", raunte er, kaum, dass Skinner verschwunden war.
“Was denn?" Scully sah von dem Bericht auf.
“Er hat gelächelt!"
Sie schmunzelte. “Haben Sie etwa geglaubt, er sei dazu nicht fähig?"
“Genau das!"
Scully angelte sich den Schlüsselbund auf Mulders Schreibtisch. “Ich werde mal kurz ins Labor runtergehen. Ich muss die Ergebnisse vom Brain Powder - Fall noch abholen..."
Er legte den Kopf schief. “Kommen Sie dabei zufällig am Sandwichautomaten vorbei? Ich komme mir vor, wie ein ausgehungerter Wolf..."
“Rotkäppchen ist aus", sagte sie lächelnd, schon im Türrahmen stehend. “Das gleiche wie immer?"
“Yeap."
Sie nickte. “Gut, ich bin in etwa zehn Minuten wieder da."
Mulder blickte ihr kurz nach, bevor er sich über den Inhalt des von Skinner gebrachten Briefumschlages beugte. Interessiert studierte er die Fotos. Ja, das könnte wirklich...
Jemand klopfte an, und der Agent hob blinzelnd den Kopf, als der Besucher in den Raum trat. Mulder musste unwillkürlich lächeln, als er Quinns überraschtes Gesicht sah.
“Willkommen in meinem privaten Königreich", grinste er.
In Mulders Büro hatte sich seit seinem letzten Besuch einiges verändert, stellte Jonas fest, als er sich umsah. In dem Raum sah es zwar genauso chaotisch aus, wie es in Büros, die unter Mulder Obhut gerieten, eben aussah, doch war einiges anders. Das fing schon mit dem Raum selbst an. Es war ein geräumiges Zimmer, das durch eine Fensterfront in helles Licht getaucht wurde und im dritten Stock der FBI-Zentrale lag. Mulders altes Büro war im Keller gewesen, klein und dunkel, vollgestopft mit Akten. Jonas konnte sich nur allzu lebhaft daran erinnern. Er wusste zwar, dass das Büro im Keller ausgebrannt war - mit ihm auch die X-Akten. Skinner hatte die Abteilung kurzerhand geschlossen - zum inzwischen zweiten Mal, wie Jonas wusste. Mulder und Scully hatten daraufhin normale Fälle bearbeiten müssen, Fälle, denen sich das FBI täglich annahm.
Und nach normalen Fällen, die ein normaler FBI-Agent bearbeitete, und für die es ganz natürliche Erklärungen gab, sah das Büro auch aus. Ein paar gerahmte Poster an der Wand, davon eines mit einer Karikatur eines pinken Außerirdischen, aber das war auch schon alles, was entfernt auf Paranormales hinwies. Keine Zeitungsausschnitte mehr, die Mulder an die Wände zu pinnen pflegte. Eher gesagt war es seine Angewohnheit, die Wände mit eben diesen Ausschnitten zu tapezieren, bis man kein Weiß mehr entdecken konnte. Hier war das ganz anders. Das Einzige, was noch an das alte Büro erinnerte, waren die Stapel von Aktenordnern, Büchern, Mappen und Papierstößen, die den Schreibtisch wie gewöhnlich überluden.
“Schön, dass Sie mich mal wieder beehren, Dr. Perturbatio", grinste Mulder, als er seinen Besucher erkannte, und stellte das Radio leiser, in dem Mark Morrison gerade den “Return of the Mack" besang.
“Auch erfreut Sie zu sehen, Spooky Mulder", erwiderte Jonas vergnügt und schüttelte seinem alten Freund nur allzu gerne die Hand. Fox Mulder lachte. Der verschmitzt dreinschauende, knapp siebenunddreißigjährige Mann, der jedoch dank seines faltenlosen und durch die weichen Züge beinahe jugendlichen Gesichtes um die zehn Jahre jünger aussah, hatte das braune Haar, dessen Widerspenstigkeit er mal wieder nicht hatte bändigen können, mit einer raschen Bewegung der rechten Hand aus der Stirn gestrichen. Er hatte an der Universität Oxford Verhaltenspsychologie studiert und eine Abhandlung über Serienkiller und Okkultismus geschrieben, woraufhin das FBI auf ihn aufmerksam geworden war und ihn angeworben hatte. Mulder hatte zuerst als Profiler beim Bundeskriminalamt gearbeitet, als Agent also, der darauf spezialisiert war, Serienkiller zu jagen. Seit acht Jahren jedoch hatte er sich fest den X-Akten verschrieben, die das FBI mit einem Nasenrümpfen zu betrachten pflegte - und die, so wie es aussah, nicht mehr existierten.
“Was, zum Teufel, ist das hier?" Jonas vollführte eine Bewegung, die das gesamte Büro umfasste. “Hier sieht es ja so... normal aus."
Mulder grinste. “Gewöhnungsbedürftig, nicht wahr?" Er zwinkerte vergnügt. “Aber lass dich nicht täuschen. Dieses Büro erfüllt den gleichen Zweck, wie mein altes. Nur ist das hier etwas größer."
“Und heller."
“Das stimmt." Mulder griff in eine Tüte Sonnenblumenkerne auf dem Tisch, steckte sich einen Kern in den Mund und knackte die Schale, woraufhin er fortfuhr: “Die erste Woche konnte ich nicht ohne Sonnenbrille hier rein." Er grinste und warf die Schale in einen Aschenbecher, der als Mülleimer für Kleinstabfall - eben Schalen - diente. Rauchen und Zigaretten selbst waren Mulder zuwider - vor Allem Morleys. Aber man konnte die Ascher ja auch für andere, weniger gesundheitsschädliche Zwecke verwenden. Der Agent griff nach einen neuen Sonnenblumenkern und lächelte. “Außerdem ist dieses Ding nicht mehr so intim, wie das andere, wenn du verstehst, was ich meine. Im Keller hatte ich meistens meine Ruhe, hier oben ist tagtäglich die Hölle los. Auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Einlebephase habe ich aber inzwischen hinter mir, glaube ich. Es ist schon ein anderes Feeling, nicht mehr zu den grauen Mäusen zu gehören, die irgendwo im Keller ihr unbeachtetes Leben fristen, sondern zur oberen Schicht..."
“Und die X-Akten?"
Mulder tippte mit der Schuhspitze gegen einen Aktenschrank. “Die beiden untersten Schubladen. Dank meiner penetranten Gewohnheit, alles doppelt und dreifach zu machen, habe ich noch einige Kopien der Akten, die beim Brand verlorengegangen sind. Sonst würde ich mich nun fühlen wie Königin Kleopatra nach dem Brand der Bibliothek in Alexandria." Er grinste.
“Sie sind wieder geöffnet?"
Mulder nickte, während er erneut in die Tüte mit Sonnenblumenkernen griff. “Seit dem 6. September."
“Wie das?"
Sein Freund hob bloß kurz die Hand, um sie sofort wieder fallen zu lassen. Ausweichend blickte er aus dem Gardinenschlitz nach draußen.
“Die Verschwörung?"
Mulder zögerte kurz, zuckte dann mit den Schultern. “Skinner ist wohl mal wieder der Wankelmütigkeit seines Willens zum Opfer gefallen."
Er machte eine abwertende Handbewegung, und Jonas wusste, dass Mulder nicht darüber reden wollte - noch nicht.
Ein kurzes Schweigen kehrte ein, in dem niemand den an Sommer, Sonne, Meer und Jamaika erinnernden Reggae-Song von Aswad störte. “It must be an invisible sun", trällerte der Lead-Sänger Brinsley Forde, und bei dem Wort 'invisible' musste Jonas sofort an die mysteriösen Tiere in Jakarta denken.
“Na spuck's schon aus, Jonas", sagte Mulder endlich. “Du bist doch nie und nimmer grundlos hier."
“Leider hast du Recht", erwiderte sein Freund seufzend. “Ich brauche deine Hilfe. Und wenn möglich auch eine kurze Stellungnahme von Scully."
Mulder wurde schlagartig ernst. “Was ist passiert?"
“Etwas, was eventuell in euer Aufgabenfeld fallen könnte..."
“Na dann schieß los", erscholl eine Stimme hinter ihnen, und die beiden Männer drehten sich um. Dana Scully stand im Türrahmen und hatte sich mit der linken Schulter gegen die Wand gelehnt. Auffordernd sah sie ihren Partner und dessen Besucher an, während sie Mulder das in Frischhaltefolie eingewickelte Sandwich zuwarf.
“Guten Morgen, Dana." Jonas reichte ihr die Hand. “Tut mir leid, falls ich euch mit dieser Sache aufhalten sollte, aber ich brauche wirklich euren Rat."
Scully zog sich den letzten freien Stuhl heran und setzte sich. “Ich bin ganz Ohr."
Jonas legte einen Packen Fotos auf den Tisch.
“Diese Fotos hat man am achten dieses Monats in Jakarta aufgenommen. Es handelt sich dabei um die Leichen drei Jugendlicher, die allesamt auf die gleiche Weise zu Tode kamen. Durch den Angriff von... von irgend etwas." Er tippte auf die Bilder. “Diese Wunden sind an allen Körpern vorzufinden. Klaffende Risse in der Haut, ausgefranste Wunden, zerfetztes Fleisch, wie nach einem Angriff großer Tiere. Das Problem dabei ist, dass kein Raubtier der Körpergröße, das den Verletzungen zuzuordnen wäre, mitten in der Großstadt lebt."
“Vielleicht ist ja ein Tiger aus dem Zoo ausgebrochen", murmelte Mulder und knackte einen weiteren Sonnenblumenkern. Allerdings dachte er etwas ganz anderes, als das was er sagte. Er begann schon, Parallelen zu dem Vorfall in Minto zu ziehen.
“Dem war aber nicht so. Und selbst wenn, ein einziges Tier hätte niemals drei junge Männer an ein und derselben Stelle töten können. Außerdem bezweifle ich, dass der Tiger seine Beute so achtlos hätte liegenlassen. Er hätte sie teilweise aufgefressen."
“Und, weiter?"
“Einer der Jungen war noch am Leben, als wir am Tatort ankamen. Doch sehr viel sagen konnte er nicht mehr. Er sprach lediglich von furchtbaren Zähnen und einem Ding, dass er als schnell und äußerst hässlich beschrieb. Und grün sei es gewesen. Etwas Ähnliches berichtete zuvor ein Fischer, der behauptete, die Wesen im Unterholz verschwinden gesehen zu haben."
“Es handelte sich also um mehrere Angreifer?", hakte Scully nach.
“Ja." Er zog einen kleinen Glaszylinder aus der Jackentasche. “Und bei der Analyse einer Probe des Speichels, die ich der Wunde eines Jungen entnommen hatte, kam heraus, dass dieser Hämatoxin enthält."
Mulder und Scully tauschten einen kurzen Blick aus. Das Gleiche hatte die Analyse des Speichels ergeben, den man an den ausgefransten Wundrändern von Webbers Leiche entdeckt hatte.
“Meines Wissens nach findet man dieses Gift nur in Sekreten von Reptilien", sagte Scully zögernd.
“Reptilien, ja?"
“Ich denke schon."
“Und welches ist groß genug, um das da tun zu können?"
Jonas deutete auf die Fotos.
Sie zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung, um ehrlich zu sein."
Mulder grinste. “Ein Dinosaurier vielleicht?" Seine Äußerung hätte in den Ohren eines Fremden wie ein Scherz geklungen, doch Jonas und Scully wussten, dass man bei Mulder lieber vorsichtig sein sollte. Was als Ulk erschien, meinte der Agent allzu oft ziemlich ernst.
Dennoch schürzte sie spöttisch die Lippen. “Wissen Sie denn nichts Naheliegenderes, etwas, was nicht verrückt ist?"
Er hob beide Hände. “Wenn Sie etwas Besseres wissen, dann sagen Sie es mir. Ich habe für jede Theorie ein offenes Ohr."
Doch Scully schwieg.
“Und noch etwas." Jonas hob die Hand, um die Aufmerksamkeit der Beiden wieder auf sich zu lenken. “Als ich in Jakarta den Autopsiebericht der drei Opfer angefordert habe, teilte man mir durch die sprichwörtliche Blume mit, dass diese nie existiert hätten. Es seien niemals die Leichen von drei Jugendlichen eingewiesen worden, und der angebliche Vorfall soll niemals stattgefunden haben. Die Zuständigen dementierten jedes einzelne Wort. Demnach fand man in den Tageszeitungen keinen einzigen wahren Bericht über den Todesfall."
Mulder hatte bei dem Wort niemals ruckartig den Kopf gehoben und lauschte interessiert. Als Jonas schwieg, nickte er langsam und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück.
“Okay, Jonas. Ich habe begriffen." Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr. “In einer halben Stunde werde ich Olson im Pentagon anrufen und ihn auf den Fall ansetzen. Wäre ja gelacht, wenn die CIA nichts herausbekommen sollte. Ich werde den Typen das Thema mal richtig schön schmackhaft machen und ihnen von einem - sagen wir mal - neuen Virus erzählen, das durch den Tourismus auch in die USA gelangen könnte. Und mit unserem Verbindungsmann Furlong in Jakarta werde ich auch einmal ein ausführliches Gespräch führen. Und was dieses Hämatoxin angeht... na ja, das überlasse ich Ihnen, Scully. Ich soll ja schließlich nicht der Einzige sein, der etwas schafft."
Sie warf ihm ein ironisches Lächeln zu. “Vielen Dank, Mulder!"
Er ließ seinen Stuhl zurückrollen und schnellte aus dem Sitz. “Okay, dann mal kräftig in die Hände gespuckt!"

einen Tag später
University of Maine / Orono

“Mir wurde gesagt, dass ich einen Raum betrete, in dem ausschließlich Leute sitzen, die nicht erst seit Kurzem in der Paläontologie und Geologie tätig sind. Ich finde mich nun also einem Haufen alter Hasen gegenüber, die ganz sicher nicht sonderlich begeistert von dem sein werden, was ich nun Ihnen allen vor die Füße werfen werde. Vielleicht hat man Sie vor mir gewarnt, oder Sie haben eventuell noch nichts von mir gehört und sind völlig unwissend, was Sie hier und heute erwartet. Denn meine Aufgabe ist es, Ihr Weltbild von Grund auf über den Haufen zu werfen."
Ein unüberhörbares Raunen ging durch den Saal. Der junge Mann am Podest konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Er hob die Hand, um seine Zuhörer zur Ruhe zu bringen.
“Aber bevor wir beginnen, sollte ich mich wohl erst einmal vorstellen. Mein Name ist Jonathan Quinn, und dass ich diese Aufgabe zu bewältigen habe, ist allein der Wille meines Professoren. Er behauptet, ich sei ein guter Aufschwätzer und hätte lieber Anwalt oder Moderator werden sollen. Und da sich jener genannter Professor nicht traut, das mir vorliegende recht brisante Thema zu präsentieren, habe ich nun die Aufgabe, mein besagtes Talent als Aufschwätzer zu nutzen, um Sie von der sogenannten Doctrina Lacuna zu überzeugen, ein Thema, mit dem ich mich die letzten fünf Monate recht intensiv beschäftigt und einige Arbeiten dazu abgelegt habe, die mir den Spitznamen Dr. Perturbatio eingebracht haben, was wie Sie vielleicht wissen, Verwirrung bedeutet. Verwirren werde ich auch Sie, denn das habe ich in der Universität bereits immer fertiggebracht. Selbst die Professoren leiden unter meinen Theorien, die sie kategorisch ablehnen, weil ich darin Ergebnisse verschiedener Wissenschaftler aufführte, die in die Sparte der sogenannten Verbotenen Archäologie fallen. Verboten ist sie aus dem Grund, weil ihre Thesen, Artefakte und Beweise nicht in das Bild passen, das seit Jahrzehnten oder länger besteht und in das sich recht viele Altertumsforscher regelrecht verbissen haben und es unter keinen Umständen wankend machen lassen wollen. In diesem Fall kann ich mir den Vergleich mit der Kirche nicht verkneifen, denn jahrhundertelang behauptete eben diese, die Erde sei rund. Selbst stichhaltige Beweise konnten diese Auffassung nicht ändern. Doch irgendwann hat auch die älteste und für unvorstellbare Zeit mächtigste Instutition der Welt nachgeben müssen. Und eine solche Verwerfung des alten Weltbildes steht nun auch Ihnen bevor. Stellen Sie sich vor, Sie seien die Kirche, und ich sei Galilei. Sie halten am Althergebrachten fest, und ich schleudere Ihnen nun entgegen, dass das, was Sie glauben zu wissen, falsch oder zumindest unvollständig ist. Sie werden sich vielleicht schon fragen: Was will dieser Spinner da vorne überhaupt? Nun, ich will es Ihnen frei heraus und ohne große Umschweife sagen: Die von Ihnen verfechtete Geschichte der Evulotion ist in Wirklichkeit ganz anders geschrieben worden."
Jonas machte eine kurze Pause, um nicht gegen das Murmeln der Anwesenden ansprechen zu müssen. Einige etwas ältere Männer zogen teils spöttische teils säuerliche Grimassen. Erst als einer der anwesenden Studenten, der der Vorlesung beiwohnte, aufstand und sich beschwerte, dass er den Vortrag äußerst gerne zu Ende hören würde, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Jonas räusperte sich kurz und nahm anschließend den gefährlich dünnen Faden des von unzähligen Wissenschaften verpöhnten Theorienstrickmusters wieder auf.
“Diese Andersartigkeit der Evulotion, verehrte Damen und Herren", fuhr er fort, “nimmt der Paläontologie das hart erarbeitete Licht und lässt sie wieder dort stehen, wo sie an ihren Anfängen stand: Im Dunklen. So zum Beispiel glaubten Sie bisher, der Neandertaler sei in den Irrpfaden der Evulotion in eine Sackgasse geraten und der Cro-Magnon-Mensch sei ein direkter Vorfahre des modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens. Ich behaupte, das ist falsch."
Wieder Raunen, diesmal lauter als zuvor. Ein vollbärtiger Wissenschaftler aus der ersten Reihe erhob sich empört.
“Wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?"
“Sagte ich nicht, dass ich Ihr Weltbild zerstören würde?", fragte Jonas mit einem belustigten Lächeln. Der Neunzehnjährige setzte seinen jugendlichen Charme gekonnt ein. Er wirkte amüsiert über den aufbrausenden Zuhörer. Jonas hatte nichts anderes erwartet. Mit seinen Reden war er schon immer auf massive Zweifler gestoßen - so wie Mulder, wie er sich insgeheim eingestehen musste. Doch ebenso wie er gab er deswegen nicht auf. Er lächelte den Wissenschaftler freundlich an und wies auf dessen Stuhl. “Setzen Sie sich ruhig wieder, Mister Waterville, ich werde Ihnen erklären, auf was genau diese Behauptung, die ich eben gerade ausgesprochen habe, beruht."
“Na, da bin ich aber gespannt!", knurrte der Vollbärtige.
“Bis heute ist die Unvollständigkeit des fossilen Befundes in der Paläontologie ein kritischer Faktor geblieben", erklärte Jonas ruhig. “In den meisten populären Darstellungen der Evulotion wird die Vorstellung vermittelt, dass Sedimentschichten einen kompletten Befund der fortschreitenden Entwicklung irdischen Lebens aufbewahren. Doch konnten Geologen, die sich mit der Sache befasst haben, mit mancher erstaunlichen Entdeckung aufwarten. Tjeerd H. von Andel beispielsweise untersuchte eine Schichtfolge von Sandstein- und Schiefertonablagerungen in Wyoming, die offenbar zumindest teilweise einmal unter einer größeren Wassermasse gelegen hatten, die etwa dem heutigen Golf von Mexiko entsprach. Die Ablagerungsgeschwindigkeit von Sedimenten im Golf von Mexiko ist bekannt. Als van Andel diese Geschwindigkeitsraten auf die Wyoming-Schichten anwandte, kam er zu dem Ergebnis, dass die Ablagerung dieser Schichten innerhalb von 100.000 Jahren erfolgt sein müsse. Und doch waren sich die Geologen und Paläontologen darin einig, dass die Schichtfolge einen Zeitraum von 6 Millionen Jahren umfasste. Das heißt, es fehlen 5,9 Millionen Jahre, die sich in geologischen Schichten hätten niederschlagen müssen. Van Andel kam zu dem Schluss, dass die vorgefundene Felsschicht nur einen kleinen Bruchteil der vorhandenen Zeit zu ihrer Formation gebraucht hat. Und so ist es wohl offensichtlich, dass der geologische Befund überaus unvollständig ist."
“Entschuldigen Sie, aber was hat das mit Ihrer Behauptung vorhin zu tun?", fragte eine dunkelhaarige junge Frau. Die Frage war nicht in dem ungehaltenen und direkt wütenden Tonfall gestellt worden, den der Vollbärtige an den Tag gelegt hatte, nein, sie klang direkt interessiert. Jonas war zufrieden. Die Ersten schienen es ihren Ohren erlaubt zu haben, sich seine Anführungen anzuhören. Das war doch schon einmal ein Anfang.
“Auf diese Frage werde ich gleich eingehen, Miss..."
“Pacal. Kirochima Pacal."
“Danke. Also, ich werde Ihre Frage, die Sie mit gutem Recht gestellt haben, so ausführlich wie möglich beantworten. Wenn Sie mir die letzten ein, zwei Minuten aufmerksam zugehört haben, werden Sie wohl über das Ergebnis des Herren van Andeln gestoßen sein. Stellen Sie sich das doch einmal vor: Von 6 Millionen Jahren fehlen 5,9 Millionen Jahre, deren Spuren man im Sedimentgestein hätte finden müssen. Das bedeutet, dass sogenannte Schlüsselelemente der Evulotion vielleicht für alle Zeit außer Reichweite bleiben. Ein gutes Beispiel hierfür wäre, dass seit dem Kambrium vor etwa 600 Millionen Jahren theoretisch an die 4,1 Millionen Arten von Meereslebewesen existiert haben müssten. Gefunden wurden allerdings nur knapp 93.000 fossil erhaltene Arten. Die Erde hat nicht die Aufgabe, Vergangenes für alle Zeit haltbar und für Nachfolgendes nachweisbar zu machen. Was das alles mit der menschlichen Evulotion zu tun hat, hat mich Miss Kirochima Pacal gefragt. Nun, van Andels Ergebnisse besagen nicht mehr und nicht weniger, als dass aus einem Zeitraum von 6 Millionen Jahren in den erhaltenen Schichten vielleicht nur 100.000 Jahre repräsentant sind. In den nichtregistrierten 5,9 Millionen Jahren hätten selbst fortgeschrittene Zivilisationen genügend Zeit gehabt, nahezu spurlos zu kommen und zu gehen..."

zur gleichen Zeit in Washington

Special Agent Fox Mulder griff zielbewusst in die offene Lade seines Aktenschrankes und holte eine blau etiketierte Mappe heraus. Mit gemischten Gefühlen überprüfte er die Nummer. Ja, das musste er sein: der Anhaltspunkt, den er brauchte. Er schlug das Deckblatt um und überflog die einst von ihm verfassten Zeilen:

Akten-Nummer: X545184 angelegt am: 30.06.1996

Betr.: Tod eines Paläontologen nach Kontakt mit mumifizierter Echse (Borneo)

Nach Bericht eines Augenzeugen starb der US-amerikanische Paläontologe Dr. Daniel Chain kurz nachdem er eine mumifizierte Echse, ein Überbleibsel aus der späten Kreidezeit, berührt hatte. Urplötzlich habe Chain Schwindelanfälle bekommen, kurz darauf habe sich ein Schwarzer Schleier eingestellt. Innerhalb von knapp dreißig Sekunden kamen Schmerzen im rechten Arm und dem rechten Schulterbereich dazu, die ihn anschließend lähmten und bewegungsunfähig machten. Nach ca. sechs Minuten setzten alle Steuerapparate des Körpers aus (Aussage des Zeugen, eines Mediziners namens Dr. med. Pete Pendrell), nach neun Minuten wurde Chain als physisch tot diagnostiziert. Der Leiche entnommenen Proben haben ergeben, dass in Chains Blut eine große Menge von starken Toxinen (genauer: Hämatoxinen) enthalten war...

Mulder hielt inne, las den Absatz erneut. Bei dem Begriff “Hämatoxin" blieb er hängen. Dann wanderte sein Blick weiter nach unten, wo der Name der mumifizierten Echse vermerkt war. Er starrte einen Moment lang darauf, teils ungläubig, teils beinahe zufrieden. Dann griff er nach dem Telefon und wählte. Schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende.
“Vermittlung, was kann ich für Sie tun, Sir oder Madam?"
Mulder zog sein Adressbuch heran. “Verbinden Sie mich mit Indonesien, Java, bitte. Nummer 73-185..."

eine halbe Stunde später

Jonas warf seine Unterlagen auf den Beifahrersitz und wollte gerade in seinen Wagen steigen, als Kirochima Pacal über den Parkplatz der Staatsuniversität auf ihn zugelaufen kam. Sie hatte den energischen Schritt einer höchst selbstbewussten Frau, ihr tiefschwarzes Haar trug sie offen. Wie ein Fetzen der Nacht wehte es im auffrischenden Wind, der über die auslaufenden Uplands strich, die bis zu den White Mountains hinaufreichten, der höchsten und längsten Bergkette von Maine. Der nordöstlichste Bundesstaat der USA zeigte jederorts seine Vielfältigkeit. Die azurblauen ausgedehnten Seen inmitten unberührter Landschaftsstriche ließen den Flair Kanadas einfließen, an der Atlantikküste wiederum sorgten Fjorde und skandinavische Bauten dafür, dass Norwegen seinen Schwesterstaat in Amerika fand. Im Winter verwandelte sich Maine in eine atemberaubende Schneelandschaft, im Frühjahr in ein blühendes Paradies, um ab September in allen nur erdenklichen Farben des Indian Summers zu erstrahlen. Im Moment war es Sommer, mediterane Temperaturen prägten die Mode. Maine war kein Staat voller Großstädte und Vergnügungsparks, Highways und Touristen, nein, es war ein Staat mit Privilegien. Nirgendwo sonst in Amerika war der Lebensstandard der Menschen höher als hier. Wer in Maine wohnte, galt als wohlhabend. Schließlich verdiente man hier im Durchschnitt 8000$ monatlich, mehr als doppelt so viel wie im mittleren Westen. Kirochima Pacal schien zu dieser Verdienstklasse zu gehören, denn sie war recht exklusiv gekleidet. Das schwarze Kostüm hob ihre schlanke Gestalt hervor, der kurze eng anliegende Rock betonte diesen Eindruck noch. Die junge Frau bewegte sich wie eine Gazelle, schnell und anmutig. Sie beschleunigte ihren Schritt - Jonas fragte sich, wie das bei diesen hohen Schuhen, die sie trug, überhaupt noch möglich war - und winkte ihm mit der rechten Hand hastig zu.
“Warten Sie mal bitte kurz?"
Jonas schlug die Fahrertür wieder zu und wartete neben seinem Wagen auf sie. Sie war nicht einmal sonderlich außer Atem, als sie ihn erreichte. Lächelnd reichte sie ihm die Hand.
“Miss Pacal?"
“Ach, Sie kennen mich noch?"
Er grinste. “Ich habe ein recht gutes Gedächtnis mit allen Vor- und Nachteilen."“Ich bin hoffentlich nicht Letzteres."
“Nein, da kann ich Sie beruhigen."
Sie strich sich eine Haarsträhne zurück. “Was ich sagen wollte, ähm... - Wie soll ich Sie eigentlich anreden?"
“Das wollten Sie sagen?" Jonas' Grinsen wurde breiter.
“Nein, natürlich nicht, ich wollte bloß..."
“Ja, ja, das habe ich schon verstanden. Mir ist es eigentlich egal, wie Sie mich nennen."
“Ich dachte, Sie bestünden auf einen Doktortitel oder so. Man weiß ja nie. Diese Leute werden nämlich immer jünger." Sie zeigte ihre blendendweißen Zähne. “Gehören Sie zu denen?"
“Zu denen, die einen haben, oder zu denen, die so angesprochen werden wollen?"
“Beides."
“Ich habe zwar einen, aber der ist noch so frisch, dass es mir schwerfällt, mich an ihn zu gewöhnen. Das ist fast wie Heiraten. Man bekommt einfach noch einen Namen dazu." Er zog belustigt die Augenbrauen hoch.
“So ähnlich ist es mir auch ergangen. Aber das mit dem Gewöhnen geht ganz schnell."
“War das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich Sie mit Ihrem Titel ansprechen soll?"
“Nein. Nennen Sie mich ruhig Kirochima. Sie sind einer der wenigen, die sich diesen Namen auf Anhieb merken konnten. Das sollte ich würdigen."
“Sie kommen aus Thailand?"
“Ich dachte, Sie haben Archäologie studiert?"
“Und Paläontologie. Diese beiden Bereiche liegen dermaßen dicht beieinander, dass das Sinn ergibt."
“Wie lange haben Sie studiert? Acht Semester?"
“Nein, nur drei."
“Wie bitte?"
Jonas grinste. “Mein Professor hielt mich für oberschlau und hat mich gleich nach dem ersten Jahr in die Doktorarbeit reingesteckt. Bei Vorlesungen habe ich die Herrschaften immer recht passabel auf Trab gehalten, weil ich ihnen ihre Theorien und ihre Konzepte völlig zerworfen habe."
“Ein kleiner Querulant, was?"
“Nein, nicht direkt. Es ist einfach so, dass sie einem immer noch den Wissenstand der siebziger Jahre vermitteln. Das betrifft nicht die Technik, sondern die Wissenschaft selbst. Der Apatosaurus heißt noch Brontosaurus, verbringt die meiste Zeit im Wasser und ernährt sich von Algen. Affen sind direkte Verwandten des Menschen, Quastenflosser ausgestorben und so weiter. Sie kennen das sicher."
“Ja, sehr gut sogar."
“Tja, und so konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, den Leuten den sprichwörtlichen Stock zwischen die Füße zu stecken."
Kirochima lachte. “Die dachten wohl, dass Sie die Doktorarbeit nicht schaffen und die Uni verlassen würden."
“Das glaube ich nicht. Schließlich wussten sie, dass ich mit dieser Wissenschaft sozusagen aufgewachsen bin. Durch die Arbeiten meines Vaters habe ich ziemlich viel mitgelernt. Und das hat sich positiv auf meine Ausbildung ausgewirkt."
“Waren Sie vorher auf dem Collage, oder sind Sie gleich zur Universität gekommen?"
“Ich habe Umwege stets gehasst."
“Verstehe." Sie legte den Kopf schief. “Würden Sie auch einen Umweg nach Hause ablehnen?" Als sie seinen verwirrten Blick bemerkte, musste sie schmunzeln. “Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen, was Ihre Theorie eventuell bestätigen könnte."
“Wovon sprechen Sie?"
“Wäre Frankfort ein Umweg für Sie?"
“Weniger. Wieso?"
“Ich wohne da."
“Aha. Ich soll Sie also mitnehmen, weil Sie keine andere Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen?"
Sie grinste. “Das auch. Aber was ich eigentlich will ist, dass Sie sich meinen Fund ansehen."

auf dem Weg nach Frankfort

“Mein Vater ist viel in den Bergen unterwegs. Kletterexpeditionen waren schon immer seine Leidenschaft." Kirochima lehnte sich im Beifahrersitz des Alfa 156 zurück. Leise Musik von Garth Brooks drang aus den Lautsprechern. “Am Liebsten war er in Utha in den Wasatch-Gebirgen, westlich der Rockys. Er wusste, dass ich Fossilien aus aller Welt sammle, bevorzugt Fossilien der letzten sechzig bis siebzig Millionen Jahre. Und so brachte er mir als Geschenk eine knapp sechs Zentimeter dicke Schieferplatte mit, in der ein Skelett eines kleinen Velociraptors eingeschlossen war, ein junges Tier, beinahe noch ein Baby. Doch der Stein enthält noch weitaus mehr."
“Und das wäre?"
“Knochenüberreste eines Orohippus bumilus."
“Eines Urpferdchens?"
“So ist es. Der junge Velociraptor hatte sich in dessen Genick verbissen, der Oberkiefer liegt eindeutig über den Halswirbeln des Pferdchens."
“Versuchen Sie mir gerade auf die sanfte Tour zu erklären, dass beide, Velociraptor und Orohippus bumilus, zur selben Zeit gelebt haben?"
“So ungefähr." Kirochima lehnte sich nach vorn. “Die nächste Abfahrt links bitte."
Jonas bog in die schmale Landstraße ein. Nach wenigen Metern sahen sie das Schild mit dem Schriftzug 'Frankfort - 4 miles' am Straßenrand auftauchen.
“Und Sie sind noch im Besitz dieses... dieses Fossils?"
“Natürlich, oder glauben Sie, ich gebe ein solch faszinierendes und wertvolles Stück einfach her?"
“Seit wann haben Sie es?"
“Knapp zwei Wochen. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich Sie getroffen habe."
“So?"
“Ja. Ich vertraue Ihnen. Sie würden mir nicht sofort einreden, ich würde spinnen, mir das Fundstück wegnehmen und dann in irgendeinem Lager vergraben, wo es niemals an die Öffentlichkeit kommt und die Wissenschaft wandelt." Sie blickte ihn an. “Das würden Sie doch nicht, oder?"
“Dem Gesetz nach sind größere Fossilien, und besonders die, die für die Wissenschaft wichtig sind, an Museen abzugeben", sagte Jonas langsam.
Kirochima blickte ihn mit gemischten Gefühlen an.
“Andererseits", fuhr er fort und lächelte spitzbübisch, “habe ich mich selbst auch nicht immer an das Gesetz gehalten. Und mit dem, was Sie eben gesagt haben, haben Sie Recht. Wissenschaftler lassen sich nicht gerne ihr Weltbild durcheinanderwerfen. Die sind da sturer als jede andere Art von Mensch. Ich bin froh, dass Sie das Ding behalten haben."

zur gleichen Zeit im Moro Gulf
Mindanao / Philippinen

Im milden Nachmittagslicht ratterte der Hubschrauber im Tiefflug den Strand entlang, genau über dem Rand des dichten Dschungels. Das letzte Fischerdorf war vor zehn Minuten unter ihnen vorbeigehuscht. Jetzt gab es nur noch den tiefen, undurchdringlichen philippinischen Dschungel, Mangrovensümpfe und Meile um Meile verblassenden Sandstrand. Jerome Furlong saß neben dem Piloten und starrte durch das Fenster auf die vorbeiziehende Küstenlinie hinunter. Straßen gab es keine in dieser Gegend, zumindest keine, die Furlong sehen konnte.
Furlong war ein stiller, bärtiger Amerikaner von 42 Jahren, ein Freilandbiologe, der bereits ein Viertel seines Lebens auf Mindanao verbracht hatte. Ursprünglich war er auf die Philippinen gekommen, um die Artenbildung des Budengs zu studieren, doch dann war er auf den Philippinen geblieben und arbeitete jetzt als Berater des Nationalparks Berg Apo, im Südosten Mindanaos.
“Wie lange noch?", fragte er den Piloten.
“Fünf Minuten, Señor Furlong."
Furlong drehte sich um.
“Jetzt sind wir gleich da", sagte er.
Aber der Mann auf dem Rücksitz antwortete nicht und zeigte auch sonst keine Reaktion. Er saß nur da, die Hand am Kinn und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster.
Benjamin Grahm trug einen ausgebleichten Khaki-Anzug, auf dem Kopf einen australischen Buschhut und um den Hals ein abgenutztes Fernglas. Doch trotz seines saloppen Aussehens wirkte er ernsthaft und versunken wie ein Gelehrter.
“Wo sind wir hier?"
“Mindanao."
Grahm starrte in den Dschungel hinab. “Ich sehe keine Straßen", stellte er fest. “Wie wurde das Ding denn gefunden?"
“Ein paar Camper", sagte Furlong. “Sind mit dem Boot gekommen und am Strand gelandet."
“Wann war das?"
“Gestern. Die haben das Ding nur einmal angesehen und sind gerannt wie der Teufel."
Grahm nickte. Mit angezogenen Beinen, die Hände unter dem Kinn, sah er aus wie eine Gottesanbeterin. Das war auch sein Spitzname an der Universität gewesen. Zum Teil wegen seines Aussehens, zum Teil aber auch wegen seiner Neigung, jedem, der nicht seiner Meinung war, den Kopf abzureißen.
“Warst du schon einmal auf den Philippinen?", fragte Furlong.
“Ja. Schon einige Male", erwiderte Grahm. Und dann schwenkte er unwirsch die Hand, als wollte er sich nicht länger mit Small talk belästigen lassen.
Furlong lächelte. In all den Jahren hatte sich Grahm überhaupt nicht verändert. Er war noch immer einer der brillantesten und zugleich unbequemsten Männer der Wissenschaft. Die Beiden waren in New York Kommilitonen gewesen, doch dann hatte Grahm den Doktorantenkurs verlassen, um seinen Abschluss in Vergleichender Zoologie zu machen. Grahm meinte damals, er habe kein Interesse an der Art zeitgenössischer Freilandforschung, die Furlong so faszinierte. Mit für ihn typischer Verächtlichkeit hatte er dessen Arbeit einmal als weltweites Affenscheißesammeln tituliert.
Im Gegensatz zu seinen Mitstudierenden fühlte sich Grahm zur Vergangenheit hingezogen, zu der Welt, die es nicht mehr gab. Und diese Welt studierte er mit äußerster Intensivität. Er war berühmt für sein fotographisches Gedächtnis, seine Arroganz, seine scharfe Zunge und die unverhüllte Freude, mit der er Fehler seiner Kollegen herausstellte. Wie ein alter Freund Furlong einmal bemerkte: “Grahm vergisst nie einen Ausrutscher und er sorgt dafür, dass man selbst ihn auch nicht vergisst."
“Señores", meldete sich der Pilot. “Die Illana Bay liegt vor uns."
“Dort ist es", sagte Furlong und deutete nach unten.
Der Strand war eine saubere weiße Sichel, die vollkommen verlassen im Nachmittagslicht lag. Am Südende sahen sie eine einzelne, dunkle Masse im Sand. Aus der Luft wirkte sie wie ein Felsen oder vielleicht ein großer Haufen Tang. Die Masse war formlos und hatte einen Durchmesser von etwa anderthalb Metern. Im Umkreis waren viele Fußabdrücke zu sehen.
“Wer war hier?", fragte Grahm seufzend.
“Die Leute vom Gesundheitsdienst haben es heute besichtigt."
“Was haben sie gemacht? Es angerührt? Irgendwas verändert?"
“Das weiß ich nicht", erwiderte Furlong.
“Der Gesundheitsdienst!", wiederholte Grahm kopfschüttelnd. “Was wissen die denn schon? Du hättest sie gar nicht in die Nähe lassen dürfen, Jerome!"
“Hey", entgegnete Furlong. “Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Sie wollten es zerstören, ohne auf dich zu warten. Wenigstens habe ich es geschafft, dass es bis zu deiner Ankunft intakt geblieben ist. Aber ich weiß nicht, wie lange sie noch warten werden."
“Dann machen wir uns mal an die Arbeit", sagte Grahm. Er schaltete sein Mikro ein. “Warum kreisen wir noch? Es wird schon dunkel! Landen Sie sofort! Ich will mir das Ding aus der Nähe ansehen!"

Frankfort

Also, wenn Sie mich fragen, sollten Sie das Ding gut verstecken."
Jonas legte Feinhaarpinsel und Taschenlampe beiseite. “Der Raptor hat sich wirklich in dieses Urpferd verbissen. Es ist einfach unglaublich! Zwischen diesen beiden Kreaturen liegen mehrere Millionen Jahre!"
“Ja, ich weiß."
“Wo genau hat Ihr Vater das noch mal gefunden?"
“Das weiß ich eben nicht. Es war irgendwo zwischen Watsach und Salt Lake City. Die Gebirge dort sind recht ausgedehnt und zerklüftet, ein Plateau gleicht dem nächsten. Ich habe meinen Vater auch schon gefragt, doch er kann sich nicht an einem exakten Punkt auf der Karte festlegen. Selbst der Radius, den er geschätzt hat, ist zu ungenau."
Jonas warf einen Blick auf sein Messgerät. “Der Kalium-Argon Datierung nach ist diese Versteinerung 3,9 Millionen Jahre alt, stammt somit aus dem Miozän, eventuell auch aus dem Pliozän der Tertiärformation. Wissenschaftlichen Analysen zufolge ist dieses Zeitalter der mögliche Beginn der Menschheitsentwicklung."
“Funktioniert dieses Gerät auch richtig?"
“Natürlich. Das ist das modernste tragbare Messgerät, dass man in der Geochronologie finden kann. Es stellt mit Hilfe des Kalium-40-Zerfalls fest, aus welcher Zeitepoche das Fossil stammt. Ist 'ne komplizierte Sache, die eigentlich nur chemisch zu erklären ist."
“Das würde bedeuten, dass die Dinosaurier gar nicht vor fünfundsechzig Millionen Jahren ausgestorben sind. Jedenfalls nicht vollständig. In unseren Sedimentschichten fehlen so viele Überreste verschiedener Epochen, dass wir gar nicht mit Sicherheit sagen können, welche Wesen bereits auf Erden gelebt haben, schon gar nicht für wie lange, so, wie Sie es in Ihren Vortrag angesprochen haben."
Jonas nickte langsam. “Ja. Vielleicht sind sie doch nicht mit einem Schlag ausgelöscht worden, sondern sind schrittweise ausgestorben, über Jahrmillionen hinweg..."
“Oder sie leben noch immer."
Jonas musste an den Vorfall von letzter Woche denken. Er sah noch immer die schrecklichen Wunden des Jungen vor sich, hörte seine verzweifelten Schreie, sah seine Panik in den glänzenden dunklen Augen. Laute Schreie, etwas Schnelles und Hässliches. Es war braun und grün. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne... Zwei grüne Dinger sprangen aus dem Gebüsch... Sie fauchten und waren schnell... Verdammt, dachte Jonas bei sich. Mulder hatte ja gar keine Ahnung, welche Wahrheit sich hinter seiner spontanen Vermutung verbarg!

derweil auf den Philippinen

Ben Grahm lief über den Strand auf die dunkle Masse zu. Schon aus der Entfernung konnte er den Verwesungsgestank riechen. Der Kadaver war fast bis zur Hälfte im Sand eingesunken, eine dichte Fliegenwolke umschwirrte ihn. Die Haut war vom Faulgas aufgebläht, was die Identifikation erschwerte.
Ein paar Meter vor dem Tier blieb er stehen und holte seine Kamera hervor. Sofort kam der Pilot zu ihm gelaufen und drückte ihm den Arm nach unten.
“No permitido!"
“Was?"
“Es tut mir leid, Señor. Fotografieren ist nicht gestattet."
“Warum denn nicht?", fragte Grahm. Er wandte sich an Furlong, der über den Strand auf sie zugetrabt kam. “Jerome, warum keine Fotos? Das könnte ein wichtiger..."
“Keine Fotos!", wiederholte der Pilot und nahm Grahm die Kamera aus der Hand. Er betrachtete Grahm mit einem merkwürdigen Blick, vermischt aus Wut und Angst.
“Jerome, das ist doch absurd!"
“Fang erst einmal mit deiner Untersuchung an", sagte Furlong und unterhielt sich dann auf spanisch mit dem Piloten, der scharf und wütend antwortete und heftig gestikulierte.
Grahm sah einen Moment lang zu und wandte sich dann ab. Zum Teufel damit, dachte er. Die können sich noch ewig streiten. Bewusst durch den Mund atmend, eilte er weiter. Der Gestank wurde stärker, je näher er dem Tier kam. Ihm fiel auf, dass trotz der Größe des Kadavers keine Vögel, Ratten oder andere Aasfresser an ihm nagten. Es gab nur Fliegen. Und zwar in solchen Schwaden, dass sie die ganze Haut bedeckten und den Umriss des toten Tieres verhüllten. Trotzdem war deutlich zu sehen, dass es ein Tier von beachtlicher Größe gewesen war, etwa wie eine Kuh oder ein Pferd. Die von der Sonne ausgetrocknete Haut war aufgeplatzt und schälte sich ab, eine Schicht schmieriges gelbes Unterhautfett war darunter zu erkennen. Und wie das stank! Grahm verzog das Gesicht. Er zwang sich, näher zu treten und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf das Tier. Obwohl es die Größe einer Kuh hatte, war es eindeutig kein Säugetier. Die Haut war haarlos. Sie schien ursprünglich grün gewesen zu sein, mit dunkleren Streifen dazwischen. Die Epidermis wies vieleckige Knötchen unterschiedlicher Größe auf, das Muster erinnerte entfernt an das einer Echse.
Aber für eine Echse war der Kadaver geradezu riesig. Grahm schätzte das Lebendgewicht des Tieres auf etwa hundert Kilogramm. Nirgendwo auf der Welt gab es Echsen, die so groß wurden, höchstens die Komodo-Warane, die in Indonesien lebten.
Grahm ging langsam um den Kadaver herum zum Kopfende des Tieres. Nein, dachte er. Das ist keine Echse. Der Kadaver lag auf der Seite, die linke Brustkorbhälfte ragte in die Luft. Die Hälfte des Tieres war eingegraben. Die Reihe der Höcker, die die stacheligen Auswüchse des Rückrades markierten, befand sich nur wenige Zentimeter über dem Sand. Der lange Hals war gebogen, der Kopf unter dem Rumpf versteckt wie der Kopf einer Ente unter dem Flügel. Grahm sah ein Vorderglied, das klein und schwach wirkte. Er würde es später ausgraben und untersuchen, aber bevor er irgend etwas an dem Fund veränderte, wollte er ihn fotografieren. Er sah sich nach Furlong und dem Piloten um, die sich noch immer stritten. Keiner von ihnen sah zu Grahm hinüber.
Rasch zog er eine zweite Kamera hervor, die er in der Brusttasche getragen hatte. Sie war sehr klein, lieferte aber Bilder von guter Qualität. Grahm trug immer mehrere Fotoapparate mit sich herum, denn langsam kannte er das ewige Spiel, das die Leute bei jedem neuen spektakulären und unerklärlichen Fund abzogen. Er trat einen Schritt zurück und knipste nacheinander Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Auch Nahaufnahmen von der Hautstruktur hielt er fest. Die letzten drei Bilder des Filmes nutzte er für eine Gesamtdarstellung des Tieres.
Etwas weiter oben am Strand schrie Furlong noch immer den Piloten an, der weiterhin beharrlich den Kopf schüttelte. Diese Bananenrepublikbürokraten, dachte Grahm und grinste. Wenn die wüssten!
Er hörte ein Knattern und als er den Kopf hob, sah er einen zweiten Hubschrauber, der über der Bucht kreiste und einen dunklen Schatten auf den Sand warf. Der Hubschrauber war weiß wie eine Ambulanz, mit roter Beschriftung auf der Seite. Im grellen Schein der untergehenden Sonne konnte Grahm sie jedoch nicht entziffern. Er wandte sich wieder dem Kadaver zu und stellte fest, dass das Hinterbein des Tieres, im Gegensatz zu Vorderlauf, sehr muskulös war. Das deutete darauf hin, dass dieses Tier aufrecht ging. Und um so länger Grahm den Kadaver musterte, um so mehr wuchs seine Überzeugung, es hier auf keinen Fall mit einer Echse zu tun zu haben.
“Es tut mir leid", sagte Furlong, der zu ihm getreten war. “Der Pilot bleibt bei seinem Verbot."
“Dann soll er sich zum Teufel scheren!", knurrte Grahm.
Weiter unten am Strand landete der weiße Hubschrauber. Das Knattern der Rotoren wurde schwächer. Männer in Uniformen sprangen heraus.
“Jerome? Was glaubst du, was das für ein Tier ist?"
“Na ja, ich kann nur raten", sagte Furlong. “Ich würde sagen, es ist ein bis jetzt noch unbekannter Leguan. Es ist natürlich sehr groß und offensichtlich nicht auf den Philippinen heimisch. Meine Vermutung ist, dass das Tier aus Indonesien stammt oder von einer..."
“Nein, Jerome", sagte Grahm. “Es ist kein Leguan."
“Bevor du weiterredest, solltest du wissen, dass in dieser Gegend verschiedene bis dahin unbekannte Echsenarten aufgetaucht sind. Niemand weiß so recht, warum. Vielleicht hängt es mit der Rodung des Regenwaldes zusammen, oder es hat andere Gründe. Aber neue Arten tauchen auf. Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal eine nicht identifizierte..."
“Jerome, das ist keine verdammte Eidechse!", zischte Grahm.
“Du lässt dich wahrscheinlich von der Größe täuschen", sagte Furlong. “Aber Tatsache ist, dass wir hier auf Mindanao gelegentlich auf anomale Formen stoßen..."
“Jerome", entgegnete Grahm kalt. “Ich lasse mich nie und von nichts täuschen!"
Vor dem weißen Hubschrauber standen die Männer in einer Gruppe zusammen und legten sich weiße Operationsmasken an.
Ben Grahm wandte sich wieder dem Kadaver zu. “Die Diagnose ist leicht gestellt, wir brauchen nur den Kopf freizulegen oder eines der Glieder. Zum Beispiel diesen Schenkel hier, der, wie ich glaube... Ach was, gib mir dein Messer!"
“Warum?"
“Gib es mir einfach!"
Furlong zog sein Taschenmesser heraus und legte den Griff in Gregorys ausgestreckte Hand.
Plötzlich hörten sie Geschrei und als sie aufblickten, sahen sie, das die Männer aus dem Hubschrauber über den Strand auf sie zugelaufen kamen. Sie trugen Behälter auf den Rücken und schrien etwas auf spanisch.
“Was wollen die denn?", fragte Grahm stirnrunzelnd.
“Sie wollen, dass wir zurücktreten", sagte Furlong seufzend.
“Sag ihnen, wir sind beschäftigt", knurrte Grahm und wandte sich wieder dem Kadaver zu.
Aber die Männer schrien weiter, und plötzlich war lautes Fauchen zu hören. Grahm drehte sich um und sah wie die Flammenwerfer angezündet wurden, die große rote Feuerstrahlen ins Abendlicht stießen. Er rannte um den Kadaver herum.
“Nein!", schrie er. “Das ist ein unschätzbares..."
Der Erste der Uniformierten packte Grahm am Arm und zog ihn von dem Tier fort.
“Machen Sie, dass Sie von diesem Ding wegkommen!", fuhr er ihn an.
“Was zum Teufel soll denn das?", schrie Grahm und riss sich los. Doch im selben Augenblick sah er, dass es zu spät war. Die Flammen hatten den Kadaver bereits erfasst. Die Haut färbte sich schwarz, das Methan, das sich unter der Haut gesammelt hatte, entzündete sich in knallenden, blauen Stichflammen. Rauch stieg in dichten Schwaden in den Himmel.
“Aufhören!", schrie Grahm. Er wandte sich an Furlong. “Mach, dass sie aufhören!"
Aber Furlong rührte sich nicht, starrte nur den Kadaver an. Der Rumpf knisterte in den Flammen, das Fett brutzelte. Unter der verbrennenden Haut kamen die flachen Rippen des Skelettes zum Vorschein. Plötzlich drehte sich der gesamte Rumpf, der Hals reckte sich in die Flammen, in Bewegung versetzt von der schrumpfenden Haut. Und in den Flammen sah Grahm eine lange, spitze Schnauze, Reihen scharfer Raubtierzähne und leere Augenhöhlen. Und das Ding brannte wie ein mittelalterlicher Drache, der sich lodernd in die Lüfte schwingt...
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