Intra unguis mortifer von Kit-X

[Reviews - 1]   Drucker Kapitel oder Geschichte Inhaltsverzeichnis

- Schriftgröße +
eine knappe halbe Stunde später

Mulder setzte den Blinker und verließ den Highway. Der Wagen folgte nun einer schmalen Landstraße in Richtung Minto.
“Stimmt das, was man über Sie erzählt?", fragte Terry, der es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hatte, und blickte auf Mulders Gesicht im Autospiegel. Er sah deutlich, wie sich der Mund des Agenten zu einem belustigten Grinsen verzog.
“Was erzählt man denn so über mich?"
“Na ja, dass Sie Außerirdische und so etwas jagen."
“Wir kümmern uns um ungewöhnliche Fälle, Terry", erwiderte Dana Scully, bevor ihr Partner etwas sagen konnte. Ihre Augen blitzten warnend in Mulders Richtung. “Fälle, die nicht erklärbar erscheinen. Aber der Schein trügt oft, und demnach gibt es fast immer ganz vernünftige Erklärungen, die den Fall zu lösen vermögen."
Mulder neben ihr äffte sie nach, indem er ihren Gesichtsausdruck übernahm und den Mund synchron zu ihren Worten bewegte. Er kannte Scullys Psalm inzwischen auswendig. Sie schaffte es jedes Mal, ihre Arbeit mit den X-Akten für andere Menschen zu normalisieren und ihn, Mulder, weniger verrückt aussehen zu lassen, da sie wusste, dass man seine Ansichten im Allgemeinen nicht teilte. Doch obwohl ihm klar war, dass Scully ihn durch ihr kühles und berechenbares Auftreten in Schutz nahm, ärgerte es ihn mitunter doch sehr, dass sie die Wahrheit vertuschte - so, wie alle anderen auch.
“Aber nicht immer, oder?", fragte Terry derweil. “Ich meine, es gibt doch sicherlich Fälle, die man nicht lösen kann, oder hinter denen vielleicht doch mehr steckt..."
“Manchmal", sagte Scully widerwillig. “Eher sehr, sehr selten."
“Sie glauben also nicht an Außerirdische?"
Mulder trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und pfiff leise vor sich hin. Er tat bewusst unschuldig, und wagte es nicht einmal, zu der Frage des Jungen Stellung zu nehmen. Er würde sich ohnehin nur einen strafenden Blick Scullys einfangen. So erhielt er nur einen warnenden, der etwa so viel bedeutete wie: “Setz dem Jungen bloß keine Flausen in den Kopf!" Laut und deutlich sagte sie “Nein, das tun wir nicht!" Ihre Augen suchten den Kontakt zu seinen, und er verstand sehr wohl, was sie von ihm wollte: “Bestätige, was ich gesagt habe, oder schweige auf ewig!"
“Nein, eigentlich nicht", sagte er daher. Er konnte seine Worte ja jederzeit widerrufen. Außerdem lag seine Betonung auf eigentlich.
Sie fuhren an den ersten Häusern vorbei. Wie es schien, handelte es sich wirklich um ein beinahe winziges Dorf.
“Wo genau wohnst du, Terry?"
Der Junge beugte sich nach vorn und deutete auf eines der Häuser. “Dort, in dem Weißen."
Mulder parkte den Wagen vor dem hübsch anzusehenden Gebäude mit dem großen Vorgarten, in dessen Mitte sich ein großer Apfelbaum befand. In der Einfahrt stand ein grauer Mercedes.
“Deine Mum scheint schon zu Hause zu sein", bemerkte Scully.
“Ja, sieht so aus."
Der Motor verstummte, und sie stiegen aus. Gerade versank die Sonne am Horizont und ließ diesen blutrot erstrahlen. Im Nachbarsgarten sprang ein großer schwarzer Labrador auf und bellte kurz, als er die ihm fremden Leute sah. Terry dagegen begrüßte er mit einem freundlichen Schwanzwedeln.
Sie stiegen die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Terry wollte gerade seinen Schlüssel ins Schloss stecken, als die Tür von innen aufgerissen wurde. Eine dunkelblonde Frau Mitte dreißig, in Jeans und locker sitzender Bluse, sah auf den Jungen hinab.
“Wo bist du gewesen, Terry?", fragte sie scharf. Ihr Blick streifte die beiden Agenten. “Und wer sind diese Leute?"
Mulder räusperte sich und zeigte seinen Ausweis. “Ich bin Special Agent Fox Mulder, und das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully. Wir sind wegen des Todesfalls am gestrigen Vormittag hier, Miss Phils." Mulder stellte mal wieder seine Fähigkeit unter Beweis, eine heikle Situation für alle Parteien zu entschärfen. “Ihr Sohn war so freundlich, uns hierher zu bringen, damit wir uns den Tatort ansehen können. Wir sind aus Washington und kennen uns nicht in Minto aus. Daher war es ein Glücksfall für uns, dass wir Terry auf der Main Street aufgabeln und nach dem Weg fragen konnten."
“Auf der Main Street?", fragte Miss Phils, während ihr Sohn einen dankbaren Blick in Mulders Richtung warf.
“Ja, ich hatte mich mit Don in der Eisdiele getroffen und war gerade auf dem Rückweg nach Hause", sagte Terry.
Miss Phils nickte zögerlich. “Aha." Sie musterte Scully und Mulder eingehend. “Allerdings verstehe ich nicht, warum man das FBI eingeschaltet hat. Webber ist von einem Hund angegriffen worden und hat dabei einen Schock erlitten, den er auf seine alten Tage einfach nicht mehr verkraften konnte. Soweit ich weiß, hat man einen Herzinfakt als Todesursache diagnostziert."
“Man ist sich noch nicht ganz einig", erwiderte Mulder.
“Und nun wollen Sie wohl Inspektor Gilbert befragen, was?"
Danke für das Futter, dachte Mulder und nickte. “Auch das. Doch zuerst möchten wir uns den Tatort ansehen, der ja vor Ihrem Haus liegt."
“Ja, leider." Miss Phils warf ihr Haar zurück. “Der gestrige Tag war nicht besonders schön für uns. Stundenlang wuselte die Polizei hier herum. Und natürlich auch haufenweise Nachbarn." Sie deutete auf eine Stelle der Straße. “Da ist es. Sie können es kaum übersehen, das gelbe Band klebt noch überall auf dem Asphalt. Die Kreidestriche sind auch noch da."
Mulder nickte. “Danke, Ma'am."
Er drehte sich um und ging den schmalen Weg zur Straße zurück. Scully folgte ihm.
Der Platz, an dem Ed Webber von den Tieren, seien es nun Hunde oder Terrys Echsen gewesen, angegriffen worden war, war wirklich nicht zu übersehen. Deutlich markierten weiße Linien die Konturen des Körpers. Auch Fetzen der gelben Zellophanbanderole klebten noch immer auf dem Asphalt. Mulder ging neben der Silhouette in die Hocke und betrachtete die Straßendecke. Ein paar dunkle Blutspuren und Glassplitter, die von der Schüssel stammen mussten, die Terry aus dem Fenster geworfen hatte. Mulder streckte den rechten Arm aus und griff nach einer größeren Scherbe, deren Ränder mit Blut verklebt waren.
“Damit habe ich eines der Tiere getroffen", hörte er Terry hinter sich sagen. “Das Glas hat ihm die Flanke aufgerissen."
Mulder drehte seinen Oberkörper um neunzig Grad, um den Jungen ansehen zu können, und hielt die Scherbe hoch. “Also stammt das Blut hier von dem Angreifer?"
“Ja."
“Ganz sicher? Ich meine, es könnte auch Webbers Blut sein..."
“Nein, ich habe ihn nicht getroffen." Der Junge deutete auf eine Stelle, wo die Scherben besonders häufig herumlagen. Das Glas glänzte im letzten Licht des Tages. “Die Schüssel ist hier runtergegangen, mehr als zwei Meter von Ed entfernt."
“Dann werde ich das Blut untersuchen lassen."
Mulder ließ die blutverschmierte Scherbe in ein kleines Tütchen gleiten und verschloss es gründlich, bevor er es in seine Manteltasche gleiten ließ und aufstand.
“Weißt du noch, wo die Tiere hingelaufen sind, Terry?", fragte Scully derweil, und strich sich eine Strähne ihres nussbraunen Haares aus den Augen.
Der Junge nickte. “Natürlich in den Wald. Wohin sollten sie denn sonst laufen?" Er deutete zu den nahen Bäumen hinüber.
Mulder klopfte den Straßenstaub von seinem Knie. “Und weißt du auch noch, wo genau sie in den Wald gelaufen sind?"
Terry kniff die Augen zusammen und dachte kurz nach. “Ja, ich denke schon."
“Zeig mir die Stelle."
Der Junge ging voran und die beiden Agenten folgten. Er führte sie zu einer windschiefen Birke, deren Wipfel durch einen der letzten Stürme abgeknickt war. Terry deutete darauf.
“Sie sind unter dem Baum da hindurchgelaufen."
Scully besah sich den Baum, während Mulder erneut in die Hocke ging und mit den Fingern oberflächlich über das Laub strich, das den feuchten, nach Moos und Humus duftenden Boden bedeckte. Plötzlich spürte er eine Vertiefung unter den Fingerkuppen und strich einige Blätter beiseite.
“Scully, sehen Sie sich das an."
Sie beugte sich hinab und starrte auf die Stelle, auf die ihr Partner deutete. Der weiche Waldboden war eingedrückt worden und zeigte nun eine untrügliche Fußspur. Sie war dreizehig und bot Scullys gespreizter Hand genügend Platz.
“Jesus, von wem oder was stammt denn das?"
“Von diesen Tieren", sagte Terry. “Sie hatten Vogelfüße, die genauso aussahen. Wie die vom Strauß."
“Diese Spur sieht jedenfalls danach aus, als ob ein Strauß hier im Wald spazieren gegangen wäre..."
Mulder schüttelte langsam den Kopf. “Sträuße haben kleinere und zierlichere Füße und nur zwei Zehen. Und auch nicht so extrem spitze Krallen. Außerdem: Haben Sie schon einmal etwas von einem freilaufenden Strauß mitten in Pennsylvania gehört?"
“Nein." Scully klopfte sich die Hände ab und blickte zurück auf die Straße, wo die gelben Klebebänder auch von ihrem Standort aus zu erkennen waren. “Ich würde mir gerne mal die Leiche des Mannes ansehen..."
Mulder derweil kniff die Augen zusammen und griff nach einem kleinen Gegenstand, der unweit der Fußspur auf der Erde lag, und hob ihn hoch. Es war ein Zahn...

eine Stunde später
pathologisches Institut von Philadelphia

Dr. Siegmund Stahl war ein kleiner untersetzter Mann Mitte fünfzig. Er sah aus wie Danny deVito, wie Mulder belustigt feststellte. Selbst die Art sich zu bewegen und auszudrücken ähnelte dem Schauspieler sehr. Der leitende Pathologe des Institutes öffnete die Tür zur Leichenhalle und durchquerte den großen Raum mit schnellen und irgendwie unbehänden Schritten. Vor der Schublade mit der Nummer 24 blieb er stehen und zog kurz und fest an dem Griff. Die Lade fuhr mit einem rumpelnden Geräusch heraus und Mulder spürte die Kühle, die das Fach und die darin befindliche Leiche umgab.
“Wir haben gestern Abend die erste Autopsie vorgenommen. Den jetzigen Ergebnissen nach ist der Bursche nicht an seinen Wunden, sondern an einem Herzinfakt gestorben, eine seines Alters angemessene Art, auf einen unverhofften Angriff eines großen Tieres zu reagieren."
“Sie haben in Ihrem Bericht erwähnt, dass Sie einen Hund, genauer einen Dobermann, für den Angreifer halten, obwohl die Art der Bisse nicht darauf schließen läßt", sagte Scully, während sie die obduzierte Leiche musterte. Sie zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche und streifte sie über. Mit grunzelter Stirn untersuchte sie die ausgefransten Wundränder.
“Ich habe keine besseren Erklärungen finden können, Agent Scully", erwiderte Dr. Stahl. “Jedenfalls war ein Tier mit äußerst scharfen Zähnen am Werk."
“Mit diesen etwa?" Mulder hielt das Fundstück aus Minto in die Höhe. “Das hier haben wir unweit des Tatortes gefunden."
Der Pathologe beugte sich vor, um den Zahn näher in Augenschein zu nehmen.
“Ja, das könnte durchaus sein."
“Wissen Sie, von welchem Tier das stammen könnte?"
Dr. Stahl zuckte mit den Schultern. “Tut mir leid, da werden Sie schon einen Experten zu Rate ziehen müssen. Ich bin kein Zoologe, Agent Mulder."
Scully derweil war der schaumige Speichel an den Wundrändern aufgefallen. Sie verrieb ihn zwischen den Fingern und roch vorsichtig daran. Der Speichel stank scheußlich, äußerst streng und irgendwie verwest.
“Haben Sie den untersuchen lassen?", fragte sie und deutete auf den Speichel.
“Wir haben ihn ins Labor geschickt", antwortete Dr. Stahl. “Allerdings haben wir noch kein Ergebnis erhalten."
Scully nickte bloß, während sich Mulder vernehmlich räusperte.
“Sobald die Ergebnisse da sind, würden Sie so liebenswürdig sein, uns diese zukommen lassen?"
Der Pathologe sah ihn verwirrt an, nickte jedoch. “Wenn Sie das wünschen..."

QDCI-Gebäude / Baltimore

Mulder zeigte dem Schrankenwart seinen Ausweis und durfte passieren. Der Fallbaum wurde hochgezogen und er ließ den dunklen Ford anfahren. Die breite Straße führte einige Meter weit bis zu einer hohen Steinmauer, die mit Stacheldraht und Videokameras versehen war. Ein zweiter Wächter überprüfte Mulder und seinen Wagen, bevor er ihm die Weiterfahrt gewährte.
“Jesus, dieses Ding ist ja besser abgesichert, als Braddleford!", knurrte Scully auf dem Beifahrersitz, während sie im Rückspiegel beobachtete, wie das eiserne Tor hinter ihnen sofort wieder geschlossen wurde. Ihr Partner musste ihr insgeheim Recht geben. Doch er zuckte bloß mit den Achseln und konzentrierte sich wieder auf das Fahren.
Vor ihnen lag das drei Hektar große Industriegebiet der Quinn Co-perations Dream Images. Der gewaltige Gebäudekomplex nahm allein schon zweieinhalb Hektar dieser Fläche ein. Die riesige Firma war von raffinierter und außergewöhnlicher Architektur, ganz im Stil des alten Griechenlands errichtet. Mehrstöckige Flachdachgebäude, weiß getüncht und mit dunkelroten Säulen versehen, waren vorherrschend. Zahllose Aufgänge und Treppen verirrten sich zwischen den unzähligen Gebäudetrakten. Nichts an dieser Firma ließ darauf schließen, dass modernste Technik in ihr wohnte. Überhaupt sah sie so gar nicht wie eine Industrieanlage aus.
Sie passierten das gewaltige Tor mit dunklen Flügeltüren, und Mulder manövrierte den Wagen durch die etwas schmalere Straße in den großen Innenhof, der als Parkplatz für die Obersten der Quinn Co-operations Dream Images, kurz QCDI, diente. Sie parkten zwischen einem dunklen Mercedes und einem schnittigen Audi TT und stiegen aus.
Die QCDI war ein einziges Labyrinth - für die, die nicht täglich dort arbeiteten. Mulder und Scully hatten Schwierigkeiten, den Aufgang zur Chefetage zu finden. Sie eilten die langen Korridore entlang, sahen unzählige Abteilungen an sich vorbeiziehen. Hier in dieser Firma wurde beinahe jeder Beruf ausgeübt. Es wimmelte nur so vor Physikern, Chemikern und Mathematikern, Ingenieuren, Laboranten und Designern, ebenso gab es unzählige Sekretärinnen, Boten und Arbeitskräfte, die dafür sorgten, dass der Gebäudekomplex immer einen blitzblanken Eindruck machte. Lieferanten polterten mit ihren Gepäckwagen durch die Flure, eine ältere Frau kümmerte sich um die unzähligen Topfpflanzen im Gang. Einige junge Männer in wehenden weißen Kitteln rauschten an den beiden Agenten vorbei, Leute aus der biologischen und medizinischen Abteilung tauschten Daten aus. Ein dicker Anwalt diskutierte ungehalten mit einer störrischen Sekretärin, die sich weigerte, ihm Zugang zur nanotechnischen Sektion zu erteilen.
Mulder seufzte und hastete die nächste Treppe hinauf, Scully auf den Fersen. Hier ging es deutlich ruhiger zu. Das war auch kein Wunder, denn hier lag der Bereich der großen Tiere. Rechtsanwälte, Prokuristen und natürlich die Leiter der Firma hatten hier ihre Büros.
Sie traten in den Vorraum des Junior - Chefs. Eine dunkelhäutige Sekretärin blickte von ihrer Arbeit auf und zog fragend die Augenbrauen hoch.
“Ja bitte?"
“Ich bin Special Agent Fox Mulder, das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully." Er legte seinen Ausweis vor. “Ich suche einen Mann namens Jonathan Quinn."
Die Frau deutete mit der linken Hand hinter sich. “Gehen Sie ruhig hinein, Sir. Er hat zwar gerade eine Besprechung, aber Sie dürfen ihn sicherlich stören." Ihr ausgestreckter Zeigefinger wies auf auf eine rotbraune und mit edlen Mustern verzierte Holztür.
“Danke." Mulder nahm seinen Ausweis wieder an sich, ging zusammen mit Scully zur Tür hinüber, klopfte kurz an und öffnete sie.
Der Raum war hell und geräumig. Eine Tischgruppe, die wie ein Hufeisen angeordnet war, stand mitten im Zimmer. Etwa ein Dutzend Männer waren darum versammelt und verfolgten aufmerksam die Präsentation eines merkwürdigen silbernen Gerätes von knapp zehn Metern Länge, das ein schlaksiger Mann in Jeans und Pullover vorstellte.
“Der Dark Star ist das erste für Radar unsichtbare Spionageflugzeug, verehrte Herren. Dieses kleine Baby hier wird ferngesteuert und eignet sich für die gefährlichsten Missionen."
“Für das Radar unsichtbar, Mister Corney?"
“Natürlich. Ein Teil der Strahlung wird von einer speziellen Oberflächenbeschichtung geschluckt, die Reststrahlen in alle Richtungen gestreut. Das liegt daran, dass die Maschine nur wenige scharfe Kanten hat. Der kleine Spion hier ist 500 km/h schnell und fotografiert aus einer Höhe von neun Kilometern mit einer Bildauflösung von 30 Zentimetern."
“Ach ja? Und das soll ich Ihnen glauben?", grinste einer der Männer, ein alter seriöser Herr der durch sein selbstbewusstes Auftreten den Eindruck vermittelte, recht viel Einfluss zu haben.
“Das können Sie ruhig tun, Mister Duncan", erwiderte ein anderer, der weitaus jünger erschien. Der Mann hatte hellblondes Haar und strahlend blaue Augen, sein Anzug saß perfekt und seine Stimme wies auf Autorität hin. Mulder grinste. Das war Jonathan - kurz: Jonas - in seiner Starrolle.
Der junge Wissenschaftler zog ein großes Foto aus seiner Aktentasche und legte es dem Mann mit Namen Duncan vor die Nase. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen und seine Augen blitzten. Mulder wusste, dass Jonas sich sicher war, den Fisch im Netz zu haben. Jonathan Quinn war eigentlich seines Amtes Paläoarchäologe, vertrat aber auch nebenbei die Firma seines Vaters, deren Ruf selbst über die Grenzen der USA hinaus reichte.
“Man sagt zwar, dass man sich nicht in die Privatsphäre anderer einmischen soll, doch habe ich dieses Gebot zwecks eines kleinen Versuchs gebrochen. Außerdem hat es mich schon immer interessiert, wie Sie so wohnen." Er lachte kurz. “Man kann sogar deutlich Ihren Gärtner Paul erkennen, der gerade die Blätter aus dem Pool fischt."
Duncan starrte auf die Fotografie und schüttelte überrascht den Kopf. “Das haben Sie mit diesem Spion aufgenommen?"
“Exakt."
“Unglaublich..."
“Und das hier ist einer der Paläste unseres geschätzten Saddam Husseins. Ich glaube, den kennen noch nicht so viele. Er wurde erst vor drei Monaten fertiggestellt."
Jonas erntete wahres Erstaunen.
“Dieses Ding..." Duncan räusperte sich. “Was wollen Sie dafür?"
“Wir haben noch keine Preise festgelegt."
“Ich will nicht die Flugzeuge kaufen, Mister Quinn. Ich will ihre Pläne."
Jonas lachte auf. “Wie bitte? Glauben Sie etwa, ich wäre so blöd und würde diese Entwicklung, dieses revolutionäre Programm, an dem ich und meine Firma lange und intensiv gearbeitet haben, so einfach mir-nichts-dir-nichts verkaufen? Vergessen Sie es. Sie sind hier, um sich den Dark Star anzusehen und der CIA schmackhaft zu machen. Hergestellt wird er hier bei uns. Und ich sage Ihnen gleich, dass dieses Flugzeug keiner Massenproduktion unterliegt. Die Spione werden allesamt getestet und äußerst streng bewertet. Die QCDI ist für ihre Präzision und Perfektion bekannt." Er lächelte Duncan freundlich an. “Kommen Sie wieder, wenn Sie die Modelle für einen akzeptablen Preis kaufen möchten. Dann reden wir weiter."
“Nur eines der Modelle wird mir reichen, um die Pläne dazu anfertigen zu lassen!", brauste der Alte auf.
“Wenn Sie meinen. Sie werden allerdings bloß die Pläne für ein Modellflugzeug herausbekommen, aber nicht die unseres Dark Star, denn die Materialien, die wir verwenden, sind weder Ihnen noch sonst irgendeinem Schlaumeier Ihrer Bande geläufig. Sie unterliegen größter Geheimhaltung und ich werde mich hüten, auch nur andeutungsweise zu erwähnen, aus welchen Materialien wir den Spion hergestellt haben. Ich sage Ihnen nur so viel: Jedes andere Material würde dafür sorgen, dass der Dark Star entweder bei seinem ersten Probestart verglüht oder Ihnen, sobald Sie den Hebel umlegen, um die Ohren fliegt. Sie haben die Wahl. Wie Sie sich entscheiden, kann mir egal sein. Die Dinger hier werde ich so und so los. Ich brauche Sie nicht, aber Sie brauchen mich. Vergessen Sie das nicht. Und nun muss ich Sie bitten, den Raum zu verlassen, ich habe nämlich noch weitere Termine. Das wäre ja was, wenn ich mir von Ihnen meinen Arbeitstag durcheinander bringen lassen würde. - Agent Mulder, Agent Scully, machen Sie es sich doch bitte schon einmal bequem."
Die Beiden folgten der Aufforderung und ließ sich auf einem freien Stuhl sinken. Interessiert beobachteten sie das Geschehen um sich herum. Murmelnd packten die Männer zusammen, nur Duncan kochte. Man sah ihm seine Wut in jeder Bewegung an. Beinahe widerwillig verließ er mit den anderen den Raum.
Die Tür fiel zu und Jonas schickte einen hilfesuchenden Blick nach oben.
“Es ist jedesmal das Gleiche! Die glauben ständig, einen übers Ohr hauen zu können!" Er ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und sah zu den beiden Agenten auf. “Und ihr zwei, was treibt euch zu mir?"
“Das hier."
Scully reichte ihm eine durchsichtige und an dem Verschluss beschriftete Plastiktüte, die ein kleines Objekt enthielt. “Wir sind gerade auf dem Rückweg nach Washington, und weil Mulder mal wieder nicht mit dem Ausfeilen seiner Theorien warten will, dachten wir, dass wir auf einen Sprung vorbeikommen, und du dir das Ding mal anschaust."
Jonas hatte die Tüte schon unter die Lupe genommen, bevor sie überhaupt ausgesprochen hatte. Sie enthielt einen Zahn. Er war knapp zwei Zentimeter lang und spitz zulaufend. Eindeutig der Zahn eines Raubtieres. Eines recht großen sogar. Die Spitze war leicht bräunlich gefärbt. Je breiter der Zahn wurde, um so heller wurden die Schattierungen. An der nach innen gekrümmten Seite war die Kante äußerst scharf und leicht abgeflacht. Jonas fuhr sie mit der Fingerkuppe nach und spürte, wie der Zahn in seine Haut einschnitt.
“Wo habt ihr das Ding her?"
“Aus Minto."
“Bei Annapolis?"
Scully nickte.
Jonas besah sich den Zahn genauer. Für Luchs und Wolf zu breit, für einen Bären zu spitz zulaufend. Außerdem war der Schmelz viel zu dick. Äußerst ungewöhnlich.
“Ich kann das Ding keinem lebenden und mir bekannten Tier zuordnen..."
“Einem ausgestorbenen Wesen vielleicht?", fragte Mulder.
Jonas zuckte mit den Schultern. “Der Form, der atypischen Abflachung an der Innenkrümmung und der Beschaffenheit des Zahnschmelzes nach..." Er zögerte kurz. “Na ja, Dilophosaurus, wenn mich nicht alles täuscht. Aber diese Raubechse ist seit etwa 65 Millionen Jahren ein als ausgestorben zu klassifizierendes Reptil..."
“Ein Dinosaurier also?", fragte Mulder.
“Ja."
“Und es gibt wirklich kein dir bekanntes Raubtier mit solchen Zähnen?"
Jonas überlegte kurz. “Entweder ein zu groß geratener Wolf oder ein Tigerhai mit Lungen und Beinen."
Er gab den Zahn zurück, und Scully nickte dankend, bevor sie ihn wieder in ihrer Handtasche verschwinden ließ.
“Zu welchem Fall gehört das Ding?", erkundigte sich Jonas.
Mulder faltete die Hände unter dem Kinn. “Nun, um ehrlich zu sein, zu keinen uns zugeteilten Fall. Ich hatte heute lediglich eine Begegnung mit einem Jungen namens Terry Phils, der in Minto wohnt und Zeuge wurde, wie ein alter Mann von zweibeinigen Echsen angegriffen und zu Tode gebissen wurde. Dem Polizeibericht zufolge wurde der Mann allerdings von einem großen Hund oder Wolf angegriffen und zerfetzt."
Jonas nickte. “Nun ja, einen Wolf lasse ich unter Umständen auch noch durchgehen", räumte er ein, ohne allerdings sehr davon überzeugt zu sein. Er seufzte und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. “Oh verdammt!"
“Musst du weg?"
“Ja." Jonas zuckte hilflos mit den Schultern. “Entschuldigt, dass ich euch abwürgen muss, aber mein Flug geht gleich. Auf Java haben wir einen Abnehmer eines neuen Computerchips für Architektur-Simulationen. Wir haben einen mächtigen Stress in letzter Zeit, und ich bin echt viel unterwegs..."
Mulder nickte. “Wir wollten auch nicht lange stören. Trotzdem, danke für deine Hilfe." Er und Scully erhoben sich und gingen in Richtung Tür. Im Rahmen blieb der Agent noch einmal kurz stehen und drehte sich um. “Wenn du mal wieder Zeit hast, komm mich doch einmal in Washington besuchen. Ich muss dir mein neues Büro zeigen." Er zwinkerte kurz, hob die Hand zum Abschied und verließ anschließend den Raum.

etwa eine Stunde später

Kurz vor Washington war der Verkehr vollkommen zusammengebrochen. Mulder konnte nicht einmal ahnen, wie lange die Schlange vor ihm noch war. Scully war auf dem Beifahrersitz eingenickt. Jedenfalls erschien es ihm so, als ob sie schliefe. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter.
“Schalten Sie in Gottes Namen den Motor ab, Mulder", murmelte sie, wie um seine Theorie zu widerlegen. “In den nächsten zwanzig Minuten werden wir ohnehin keinen Zentimeter vorwärts kommen."
“Vielleicht haben Sie Recht", gab er nach und ließ den Motor des Wagens verstummen. Seufzend lehnte er sich in seinem Sitz zurück und gähnte.
“Haben Sie vor, mitten auf dem Highway ein Nickerchen zu halten?", fragte er mit einem leichten Lächeln.
“Wie soll ich denn sonst die Zeit totschlagen? Ich habe ohnehin in den letzten Stunden kaum die Augen zugetan."
Hinter ihnen hupte ein verärgerter Fahrer mit voller Kraft. Der Krach begann Mulder auf die Nerven zu fallen. Er kurbelte das Fenster herunter und fixierte den Ungeduldigen mit grimmiger Miene.
“Wenn man mit Krach machen die Straße freiräumen könnte, wäre ich schon längst in Miami!", rief er ärgerlich.
Der Mann hinter ihnen starrte mit wutverzerrtem Gesicht zurück und zeigte den Stinkefinger. “Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß! Hauptsache, Sie machen, dass Sie endlich Ihre lahme Kiste in Gang kriegen!"
Mulder hätte ihm am Liebsten eine passende Antwort auf diese Frechheit gegeben, doch Scully zupfte ihm hastig am Arm, bevor er die Tür aufstoßen und zu dem Mann laufen konnte, um sich für dessen Beleidigung zu revancieren.
“Hey, Sie müssen die Statistiken über Streit im Stau nicht beweisen!"
Er ließ sich nur widerwillig in seinen Sitz zurücksinken. “Jedenfalls kann ich diese Statistik nun vollkommen nachvollziehen", knurrte er.
Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war viertel vor sieben.
“Also, unser Flugzeug nach New York werden wir nicht mehr kriegen. Dazu wäre schon ein Wunder nötig. - Was ist, Mulder? Haben Sie eines auf Lager?"
“Natürlich. Jeden Moment wird eine Baukolonne eintreffen und extra für uns eine Ausfahrt anlegen. Aber vielleicht sind die grünen kleinen Männchen vom Mars schneller und sorgen dafür, dass dieser widerliche Stau endlich sein Ende findet!"
Der Wagen kämpfte sich knappe zehn Meter weiter, bevor sie erneut stehen bleiben mussten. Scully seufzte tief.
“Vergessen Sie's, Mulder, wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen."
“Na, wenn das so ist", sagte er schulterzuckend, bevor er den Wagen nach rechts lenkte, wo ein kleines Lokal am Straßenrand stand. “Dann könnten wir uns theoretisch auch eine nervliche Pause gönnen und einen Kaffee trinken. Was halten Sie davon?"
Sie hob die Augenbrauen, während der Motor verstummte. “Das würde Ihren Entschluss, hier für einige Zeit Wurzeln zu schlagen, auch nicht ändern. Schließlich stehen wir ja schon auf dem Parkplatz."
Er grinste und stieg aus. Sie verdrehte die Augen zum Himmel. Er war einfach unverbesserlich.
“Na los, kommen Sie schon!", sagte er lachend, nachdem er die Beifahrertür aufgerissen hatte, und versuchte Scully vom Sitz zu scheuchen. “Wünschen Madame getragen zu werden, oder kann sie selbst aufstehen?"
“Meinen verspannten Gliedern nach sollte ich mich lieber gar nicht bewegen", murrte sie, stieg jedoch gehorsam aus dem Wagen. Gemeinsam mit Mulder schlenderte sie zu dem kleinen Lokal hinüber.
“Gratulation, Mulder. Sie haben mal wieder ein Vier-Sterne-Restaurant ausgesucht", bemerkte sie trocken.
“Tja, ich habe einen Blick für so etwas." Er hielt ihr die Tür auf und trat nach ihr ins Innere des Gebäudes.
Das Lokal schien auf den ersten Blick hell und sauber zu sein. Scullys Miene entspannte sich. Keine dunkle Highway-Spelunke, sondern ein direkt gemütliches Restaurant.
Mulder wählte für sie den hintersten Tisch - wie meistens - und streckte sich genüsslich auf der Eckbank aus. Scully setzte sich ihm gegenüber und musterte die Umgebung. An der Längsseite des Lokales befand sich die von einigen kleinen Lampen beleuchtete Bar, die Tischgruppen, die sich im Raum verteilten, waren von blumengeschmückten Mauern voneinander getrennt. Einige gerahmte Kunstdrucke und Schwarzweißaufnahmen hingen an den Wänden, Topfpflanzen verliehen den Räumlichkeiten eine erheiternde Note. Eine Kellnerin wischte die Tische links von ihnen, nickte ihnen kurz zu, um ihnen Bescheid zu geben, dass sie sich gleich um sie kümmern würde, und eilte zur Bar hinüber.
Inzwischen hatte Mulder die Speisekarte herangezogen und studierte sie eingehend. Anerkennend hob er die Augenbrauen. “Hier gibt es auch frischen Fisch aus eigener Zucht. Was ist, Scully? Hätten Sie Lust auf Forelle?"
Sie zögerte kurz, nickte dann aber. “Ja, eigentlich schon."
Die Bedienung kam zu ihnen, begrüßte sie freundlich und fragte nach der Bestellung.
“Zweimal das Menü Nummer 8", sagte Mulder, nachdem er sich noch einmal von Scully durch einen stummen Blick hatte bestätigen lassen, dass sie das von ihm gewählte Essen auch wirklich wollte.
“In Ordnung, Sir." Sie notierte die Ziffern. “Und was wünschen Sie zu trinken?"
“Zitronenlimonade, kalt."
Scully nickte zustimmend. “Für mich auch, bitte."
“Kommt sofort", lächelte die Kellnerin. “Selten sind sich Gäste so einig." Sie grinste und entschwand.
“Verkehrte Welt", kommentierte Mulder die Worte der jungen Frau, kaum dass sie verschwunden war. “Wo wir uns doch sonst nie einig sind..."
Sie blinzelte kurz. Er nahm sich mal wieder selbst auf die Schippe.
“Wir können uns Zeit lassen", sagte sie sachlich, während sie auf ihre Uhr blickte. “Die nächste Maschine geht erst in anderthalb Stunden."
“Hoffentlich hat sich bis dahin der Stau aufgelöst", erwiderte Mulder.
Einer der Stammgäste an der Bar war an die Jukebox gegangen und hatte sich einen Titel von Styx ausgesucht. Die sanften Klänge von Babe erfüllten das Lokal.
Die Getränke kamen, und Mulder konnte wie immer nicht bis zum Essen warten. Auf einen Zug leerte er beinahe das halbe Glas.
“Sie scheinen kurz vor dem Verdursten zu sein", bemerkte Scully trocken.
“Kein Wunder", brummte er.
Sie seufzte. “Meine Güte, ich freue mich schon tierisch auf den Papierkram, der uns in Washington erwartet..."
Er grinste säuerlich. “Oh ja, Skinner wird uns sicherlich wieder wie Zitronen ausquetschen, nur um ja zu erfahren, wie wir die Frechheit besitzen konnten, uns einfach in die Angelegenheiten einer benachbarten Polizeibehörde einzumischen und auf Grund dessen unseren Flug nach New York zu verpassen, wo wir einen Fall zu bearbeiten hätten."
“Skinner glaubt sicherlich wieder, dass Sie mich zu dieser Aktion überredet und somit einen schlechten Einfluss auf mich haben", sagte sie mokant.
“Habe ich den?", fragte er unschuldig.
Die Kellnerin brachte den Fisch und die beiden Agenten machten sich hungrig darüber her. Es schmeckte vorzüglich, darin waren sie sich - welch Wunder - einmal einig.
Mulder spießte einen Happen zartes Fischfilet auf die Gabel und blickte seine Partnerin bedeutungsvoll an. Sie drückte ein Zitronenscheibchen über ihrem Fisch aus und erwiderte seinen Blick.
“Was ist?" Sie sah ihn forschend an und schüttelte daraufhin wild entschlossen den Kopf. “Nein, Mulder, das hier ist keine X-Akte!"
“Aber es ist außergewöhnlich, das müssen Sie zugeben", murrte er und sah sie beinahe beleidigt an. “Ich weiß, wann etwas natürlich und erklärlich ist, Scully."
“Ach ja? Daran zweifle ich manchmal recht stark."
Er rutschte auf der Eckbank zurecht und leerte sein Glas. “Das in Minto war jedenfalls kein Angriff von irgendeinem Wolf oder Hund", sagte er. “Und Sträuße zerhacken keine Menschen und sabbern dabei auch noch."
“Es wird eine rationale Erklärung für diese Sache geben, Mulder!"
Er seufzte, ersparte sich jedoch ein Wortgefecht mit ihr, das wohl unweigerlich folgen würde, würde er weiterhin auf seine These pochen. Und auf eine Auseinandersetzung mit Scully hatte er im Moment weder Lust noch die nötige Kraft, um ihren Argumenten Stand halten zu können. Und so schwieg er und aß seinen Fisch.
Nach dem Essen warf Mulder einen kurzen Blick nach draußen und wurde mit der ernüchternden Tatsache konfrontiert, dass sich der Stau nicht aufgelöst, sondern sogar noch verschlimmert hatte - sofern das überhaupt noch möglich war.
“Es sieht so aus, als säßen wir im wahrsten Sinne des Wortes fest", sagte er.
“Na super." Scully strich müde über ihr Haar. “Dann hoffe ich bloß, dass die Zimmer hier so gut sind wie das Essen."
“Sofern überhaupt noch welche frei sind..."
Mulders Befürchtung war berechtigt. Die wenigen Zimmer, die das Lokal zu bieten hatte, waren annähernd ausgebucht. Die Agenten konnten gerade noch das letzte für sich beanspruchen - noch dazu ein Einzelzimmer.
Scully ließ sich mit einem Seufzer auf das kleine Bett fallen und starrte an die beige getönte Decke hinauf.
“Warum haben eigentlich immer wir so viel Glück?", fragte sie, während er sich erschöpft auf die Bettkante sinken ließ und den Kopf auf beide Hände stützte. Es gelang ihr nicht, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken, und es kam ihr so vor, als würden ihr jeden Augenblick beide Augenlider unwiderruflich zufallen.
“Weil wir keine normalen Agenten sind?", vermutete er, jedoch ohne die Spur von Schalk, sondern richtig resigniert, wie Scully trotz ihrer Müdigkeit erstaunt feststellte.
“Vielleicht", antwortete sie langsam und knautschte das Kissen zurecht. “Ich habe das Gefühl dass, wenn ich jetzt einschlafe, nie wieder aufwachen werde."
Er lächelte kurz. “Und ich dachte, ich wäre der einzige, dem man die letzten Reserven aus den Knochen gesaugt hat."
Sie stemmte sich unter größter Anstrengungen, so schien es jedenfalls, in die Höhe, streifte ihren Mantel von den Schultern und suchte das Zimmer nach einer brauchbaren Kleiderablage ab, fand schließlich einen geeigneten Stuhl, warf ihren Mantel über die Lehne und begann sich anschließend, auch von den restlichen Kleidungsstücken zu befreien. Mulder hatte ihre Kulturbeutel, die sie ständig mit sich führten, aus dem Wagen geholt, doch nach einigem Herumwühlen stellte sie fest, dass sie kein einziges frisches Hemd mehr besaß, das als Schlafgewand verwendbar war.
“Mist", murmelte sie und wühlte den Beutel noch ein zweites Mal durch. Ihre Suche blieb erfolglos.
Mulder derweil schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Er warf ihr ein weißes T-Shirt zu, das er aus seinem Gepäck geangelt hatte.
“Ich weiß nicht, ob es Ihnen passt, aber für heute Nacht dürfte es reichen."
“Danke."
Er nickte bloß und verschwand im Bad, um sich die Zähne zu putzen und sie alleine zu lassen, damit sie sich ungestört umziehen konnte. Sie knöpfte ihre Bluse auf, zog sie aus und legte sie so ordentlich wie möglich über den Stuhl. Sie verzog das Gesicht, denn sie wusste nur zu genau, dass das Kleidungsstück am nächsten Morgen so und so Falten haben würde. So viel zur perfekten Erscheinung von FBI-Agenten, dachte sie bei sich, löste den BH und warf auch ihn über die Stuhllehne. Dann griff sie nach Mulders T-Shirt und schlüpfte hinein, schüttelte kurz ihr Haar und suchte dann in ihrem Kulturbeutel nach ihrer Zahnbürste.
Mulder kehrte aus dem Badezimmer zurück. Er hatte sein Hemd ausgezogen und warf es mit der linken Hand auf einen Sessel, während er mit einem Handtuch in der rechten sein nasses Haar frottierte. Er grinste Scully fröhlich an.
“Hey, das steht Ihnen gut."
Er warf ihr die Tube mit Zahncreme zu, die sie in der hohlen Hand auffing, vom Bett aufstand und sich an ihm vorbei ins Badezimmer schob.
“Moment."
Sie drehte sich mit fragendem Blick um.
Mulder deutete auf das Bett. “Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich mir eine der Decken klaue, oder?"
“Wieso?"
“Meinen Sie, ich will auf dem Boden erfrieren, jetzt wo ich nicht einmal ein T-Shirt für heute Nacht habe?"
Sie lachte. “Im Bett ist genug Platz, und wenn Sie brav sind, dürfen Sie da auch die ganze Nacht drin bleiben."
Er verzog das Gesicht zu einer teils spöttischen, teils belustigten Grimasse. “Hey, wofür halten Sie mich? Don Juan?"
Sie erwiderte nichts darauf und verschwand im Badezimmer. Sie brauchte gerade mal fünf Minuten, schließlich hatte sie es eilig, ins Bett zu kommen. Sie fühlte sich wie am Boden zerschlagen, und auch der Schwall Wasser, den sie sich ins Gesicht klatschte, machte sie nicht mehr munter. Sie angelte nach ihrem Handtuch, trocknete sich hastig ab und verließ den Raum.
“Rutschen Sie ein Stück", sagte sie und scheuchte Mulder auf die linke Seite des Bettes, wo er sich ohne zu protestieren in die Kissen knäulte und die Augen schloss. Er musste wirklich müde sein, eine Eigenschaft, die Scully nur selten an ihm erleben konnte.
Sie kroch unter die Decke, knetete ihr Kissen zurecht und streckte den Arm aus, um das Licht zu löschen. Sanfte Dunkelheit breitete sich im Raum aus. Scully atmete tief ein, und hörte ein leises Rascheln der Decke aus Mulders Richtung. Sie berührte seine nackte Schulter, als sie ihre Hand unter ihr Kissen schob, und spürte die angenehme Wärme, die sein Körper ausstrahlte.
“Schnarchen Sie?", fragte sie unvermittelt.
“Nein, wieso? Tun Sie es etwa?"
Sie grinste. “Ich bezweifle es."
Er murmelte zufrieden vor sich hin. “Gut. Dann stehen mir ja ein paar friedliche Stunden bevor..."
“Und was ist, wenn Sie wieder träumen?"
Er schwieg einen kurzen Moment. Ihre Sorge war berechtigt, denn kaum verstrich eine Nacht ohne diesen Traum, den Traum, der ihn schon so lange quälte.
“Ich hoffe, dass ich es nicht tue", sagte er, und Scully wusste, dass er die Wahrheit sprach. Doch sie wusste auch, dass sein Traum nicht beeinflussbar war.
Scully ließ sich mit einem leisen Seufzen in ihre Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Draußen trommelte der Regen auf das Dach des Motels. Der Stau hatte sich in den letzten zwanzig Minuten vollkommen aufgelöst und Ruhe war eingekehrt, lediglich hier und da von einem kurzen Rascheln unterbrochen. Der Himmel war bewölkt, die Nacht pechschwarz. Ideale Tarnung für sie. Und als der Mond für einige Sekunden durch die Wolkendecke brach, fiel sein Licht auf eine Gruppe kleiner Wesen, die, sobald sie den Lichtschimmer bemerkten, leise fiepend die Köpfe hoben und dann mit hastigen Sprüngen im nahen Unterholz verschwanden...
gegen zwei Uhr in der Nacht

Scully hatte geglaubt, dass sie nicht einmal ein Erdbeben aus dem Schlaf schrecken könne. Doch der plötzliche Tritt gegen ihr Bein ließ sie dennoch auffahren. Im ersten Augenblick der Orientierungslosigkeit sah sie sich um, bevor sie begriff, wo sie war. Sie blinzelte, und plötzlich wusste sie, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
“Mulder?"
Sie beugte sich zu ihm, und sah den Schweißfilm auf seinem Gesicht, in dem sich Schmerz und Angst widerspiegelten. Seine Lider flackerten. Er träumte, Scully wusste es. Und sie wusste auch, dass das Schlimmste noch vor ihm stand. Sanft berührte sie seine Schulter, spürte, wie er am ganzen Leib zitterte. Nie zuvor hatte sie seinen innerlichen Schmerz so sehr gespürt wie jetzt.
“Mulder!"
Sie schüttelte ihn heftig, bis er endlich erwachte, wie ein Stehaufmännchen im Bett hochfuhr und mit glasigen Augen an die Decke starrte. Er schnappte nach Luft und schüttelte sich krampfhaft, bevor sich sein verklärter Blick auflöste und er seine Umgebung erfasste.
“Jesus", murmelte er, und Scully sah, wie Tränen auf seinen Wangen glitzerten. Ein Schauer durchlief sie. Sie kannte seinen Traum, doch seine Reaktion darauf zeigte ihr erst, wie sehr ihm diese Nachtmahr unter die Haut ging. Sie streckte ihre Hand aus und berührte sein Gesicht, wischte die heißen Tränen von seiner Wange.
“Ist alles in Ordnung, Mulder?"
Er nickte zögernd. “Ja, ich denke schon." Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in die Kissen zurücksinken, und sie rutschte näher an ihn heran. Sie spürte immer noch die Angst in ihm und hatte das tiefe Bedürfnis, ihn zu trösten.
“Versuchen Sie zu schlafen, Mulder", sagte sie leise, während sie den Arm um ihn legte und sich an seine Seite schmiegte. “Ich bin bei Ihnen, okay?"
Er nickte dankbar, seine Hand suchte den tröstenden Kontakt zu ihr. Sie wehrte sich nicht, als er über ihr Haar strich und sie sanft an sich drückte. Sie hoffte, dass ihre unmittelbare Nähe half, seine Alpträume zu bändigen und ihn ruhig schlafen zu lassen, ohne schreiend aufwachen zu müssen, mit weitaufgerissenen Augen, die ins Angesicht des Grauens geblickt hatten, mit blutendem Herz, das bei dem Gedanken an Samantha schmerzte. Das Verschwinden seiner Schwester würde ihn niemals in Ruhe lassen, dachte Scully bei sich und empfand tiefes Mitleid für ihn.
Er kuschelte seinen Kopf in ihre Halsbeuge, und kurz darauf spürte sie, wie sein Atem ruhig und gleichmäßig wurde. Sein Gesicht nahm entspannte Züge an, der Traum hatte sich verflüchtigt und war dem Tiefschlaf gewichen. Scully fuhr mit der rechten Hand durch sein weiches Haar und küsste ihn auf die Stirn.
Schlaf gut, Mulder, dachte sie bei sich und ließ sich tiefer in die Kissen sinken. Schlaf gut...

Jakarta / Java / Indonesien

Die Sonne ging gerade auf, als sich Piero und seine beiden Klassenkameraden Salvatore und Alfredo auf den Weg zurück in die Innenstadt machten. Die vertrauten Geräusche des Hafens schollen zu ihnen herüber, in der sanften Morgenprise rauschten die weitausladenden Äste der Koniferen, die den Wegrand säumten. Alfredo pfiff schon seit einigen Minuten vor sich hin, darum blickte er recht verwirrt, als Salvatore ihn plötzlich anstieß und den Zeigefinger auf den Mund legte.
“Hörst du das?", fragte er leise.
Auch Piero hatte es vernommen. Verwirrt blieb er stehen und lauschte.
Ein leises Zischen erklang von irgendwo.
“Eine Schlange?"
Salvatore schüttelte den Kopf. “So nahe am Hafen?", zweifelte er.
“Außerdem klingt es nicht nach Schlange", pflichtete ihm Alfredo bei. “Es muss etwas Größeres sein..."
In diesem Moment teilte sich das Dickicht neben ihnen, und etwas sprang laut fauchend heraus. Die Jungen sahen blitzende Zähne im aufgehenden Licht der Sonne, kalte blassgelbe Augen mit schmalen Pupillen. Ein widerlich süßlicher Geruch breitete sich aus. Hinter dem Wesen tauchte noch ein weiteres auf, kurz darauf ein drittes.
Salvatore schrie auf und wollte davonlaufen, als ihn etwas an der Wange traf. Als er sich instinktiv darüberwischte, stellte er fest, dass es eine schaumige übelriechende Flüssigkeit war. Angewidert streifte er das Zeug von seiner Haut, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und heftig nach Luft schnappen ließ. Er beugte sich vornüber und keuchte, aus den Augenwinkeln sah er, wie eines der Wesen über Alfredo herfiel und ihm mit dem krallenbewehrten Fuß den Bauch aufschlitzte.
Salvatore würgte, als ihm die Magenflüssigkeit die Speiseröhre hinaufstieg, doch er konnte sich nicht übergeben. Das Bild, das sich ihm darbot, war zu schrecklich. Der Junge stand unter dem Zustand des Schocks, regte sich nicht, konnte lediglich heftig atmen.
Blutlachen breiteten sich auf dem Boden aus, als die Wesen große Fleischbrocken aus dem zur Unkenntlichkeit zugerichteten Alfredo rissen. Salvatore hörte, wie Piero schrie, bevor ihm die Kehle durchgebissen wurde. Die Wesen schrien und fauchten, fiebten und zischten, während sie ihr grausiges Mahl hielten. Und dann spürte Salvatore, wie ihn etwas an der Schulter packte und zu Boden riss. Ein scharfer Gegenstand durchfuhr die Haut seines Beines, und der Junge schrie. Er erhob die Hände gegen den Angreifer, der zischend über ihn herfiel und ihm die Haut zerfetzte. Das Wesen packte Salvatores Arm und drehte ihn aus dem Gelenk. Der Junge brüllte, sah panisch zu den eiskalten Augen hinauf, die ihn anstarrten, sah das Maul, dass sich um seinen Arm schloss. Dann verlor er das Bewusstsein...
Du musst login (register) um eine Review abzugeben.