Intra unguis mortifer von Kit-X

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zwölf Stunden später
Rhein-Main-Flughafen
Frankfurt / Deutschland

„Letzter Aufruf zum Flug nach Amsterdam!", hallte es durch den Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, der schier aus den Nähten zu platzen schien. Tausende von Menschen strömten durch die breiten Gänge und Korridore, sammelten sich vor den Schaltern oder der Gepäckausgabe.
Mulder angelte ihre wenigen Gepäckstücke vom Fließband und schlängelte sich zwischen den wartenden Menschen hindurch in die Mitte der gewaltigen Halle, wo Scully nahe der Sky Line auf ihn wartete. Die Sky Line war eine vollautomatische Hochbahn, mit der man kostenlos und innerhalb von zwei Minuten den Terminal wechseln konnte.
„Am Terminal 1 kann man Autos leihen", verkündete sie und tippte auf einen großen Aushang an einer der Glaswände. „Welchen hättest du denn gerne? Einen BMW Z3, einen Ford Focus, einen VW New Beatle oder gar einen schwarzen Porsche?" Sie grinste.
„Mal sehen." Er warf ihren Seesack über die Schulter, klemmte sich eine Tasche unter den Arm und nahm seinen Koffer in die nun freie rechte Hand. „Jedenfalls ist für alles gesorgt. Ich habe uns ein Zimmer im Holiday Inn gebucht, direkt vor Ort. Außerdem habe ich mich mit Stadtkarten und diversen Faltplänen eingedeckt, damit wir uns im verrückten Straßenverkehr Deutschlands nicht verirren. Die Leute hier sollen allesamt fahren wie Bekloppte."
„Keine Vorurteile!", lächelte sie und dirigierte ihn in die Hochbahn. „Wir werden unsere eigenen Erfahrungen diesbezüglich sammeln können!"
Das Gefährt hielt sein Versprechen und setzte sie nach knapp zwei Minuten nahe des Flugsteig C von Terminal 1 ab. Sie durchquerten die große Empfangshalle und traten durch eine Glastür nach draußen. Es war gegen zwei am Nachmittag und die Sonne schien warm und hell vom Himmel. Man mochte gar nicht glauben, dass es bereits Oktober war.
Sie mieteten einen Wagen - Mulders Wahl fiel auf einen perlmuttfarbenen Alfa 156 - und verließen den Rhein-Main-Flughafen, der zu den größten Europas zählte. Über die Ausfahrt gelangten sie auf die Bundesstraße B 43, die direkt in die Metropole führte.
Frankfurt am Main war die größte Stadt des Landes Hessen, zusätzlich weltweit als eine der wichtigsten deutschen Handel-, Industrie-, Börsen- und Messestädte bekannt. Gegen amerikanische Millionenstädte wirkte Frankfurt mit seinen 654.000 Einwohnern winzig, dennoch war internationaler Flair vorherrschend.
Sie überquerten den Main bei Niederrad und folgten der Gutleutstraße den Fluss entlang. Links von ihnen huschte der Frankfurter Hauptbahnhof vorbei, der bedeutendste Bahnknotenpunkt Europas, dicht gefolgt von „Mainhatten", der kleineren Ausgabe des amerikanischen Vorbildes in New York. Mulder bog in den Untermainkanal ab und folgte der Straße bis zur Alten Brücke. Eine Straßenbahn schlängelte sich an ihnen vorbei, an der Kreuzung sprang die Ampel auf rot, und Scully hatte genug Zeit, sich den berühmten Frankfurter Dom, der zur linken Hand lag, zu begutachten.
Mulders Handy machte sich bemerkbar. Er murrte, doch bevor er nach dem kleinen Nervtöter greifen konnte, hatte Scully das Mobiltelefon schon aus seinem Mantel geangelt.
Er blickte sie nur kurz an. „Wenn das jetzt Skinner ist, können wir uns auf ein Donnerwetter gefasst machen..."
Es war Jonas.
„Die Biogenetics existiert nicht mehr", meldete er.
Scully legte die Stirn in Falten. „Wie bitte?"
„Ja. Ich bin heute hingefahren, weil ich mir einige Informationen vor Ort holen wollte. Tja, als ich ankam, war die Abrissbirne schon tätig gewesen."
Scully suchte den Blickkontakt zu Mulder.
„Abgerissen", murmelte sie, und dem Gesichtsausdruck ihres Partners konnte sie entnehmen, dass er verstanden hatte. „Und wahrscheinlich sind auch alle Beweise mit den Trümmern fortgeschafft worden..."
„Die meisten, ja." Scully hörte leises Rascheln, als Jonas seine Unterlagen heranzog. „Aber ich habe an der Umzäunung des Geländes mehrere Plakate gefunden, die von einer Tierschutzorganisation stammen. Sie prangern in ihren Schriften den Pharmakonzern wegen unethischen Verhaltens an. Ich habe mich mit diesen Leuten in Verbindung gesetzt. Einer von ihnen hat früher einmal selbst bei Biogenetics gearbeitet. Er heißt Frank Joseph. Er gab mir einige Akten und Fotos, die uns weiterhelfen können. Auf jeden Fall war das, was sich hinter den Mauern dieser Firma abspielte, die reinste Sauerei, um es milde auszudrücken. - Ach, bevor ich es vergesse: Ein gewisser Gary Eustrak, ehemals Boss der Biogenetics, hat nun den obersten Posten bei GenSys inne. Ihr seid also auf der richtigen Spur..."

einige tausend Kilometer entfernt

Doug Spear lehnte sich in seinem Sitz zurück und starrte durch das Fenster auf den Pazifik hinab. In etwa einer halben Stunde würden sie Mindanao erreichen. Dass die erste Expedition gescheitert war, bedeutete noch lange nicht, dass Spear aufgeben würde. GenSys sah das ähnlich. Dieses Mal würde er Erfolg haben, er wusste es...

gegen 16.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit
Langenselbold / Deutschland

Mulder hielt an der Kreuzung und nutzte die Gelegenheit, um in die Tüte mit den Käseröllchen zu langen. Interessiert begutachtete er die Gebäude um sie herum. Rechts ein Supermarkt und - unübersehbar - ein Bestattungsinstitut, das seine Grabsteine im Hof feilbot, außerdem eine mittelgroße Baustelle direkt am Eck. Ein großes Schild zeigte das Gebäude, wie es einmal aussehen sollte. Mulders Deutschkenntnisse waren recht dürftig, dennoch konnte er aus dem kurzen Text erschließen, dass hier eine Einkaufspassage im Miniformat mit dem Namen „Kinzig-Center"entstehen sollte.
Auf der linken Seite erhoben sich mehrstöckige Reihenhäuser, geradeaus entdeckte Mulder ein Schreibwarengeschäft, eine stillgelegte Tankstelle, einen Getränke-Shop und einen zweiten Supermarkt.
Sirenengeheul schreckte ihn aus seinen Beobachtungen. Ein weiß-grüner Polizeiwagen raste links von ihnen über den Bürgersteig und legte sich scharf in die Kurve, um dann in Richtung Supermarkt Nummer zwei zu verschwinden.
„Holen die gerade ihre Pizza ab?", ulkte Mulder, und Scully neben ihm grinste.
Die Ampel sprang auf grün um, und Mulder bog links ab, in dieselbe Richtung, in die auch der Polizeiwagen gefahren war. Doch er folgte der unvermeidlich als Hauptverkehrsstraße erkennbaren Asphaltsstrecke nicht sehr lange, denn das Hotel lag dem Supermarkt beinahe gegenüber. Es war nicht sehr groß, aber schon allein der internationale Name Holiday Inn versprach angenehmen Komfort.
„Wollen wir nicht zuerst mal zur GenSys fahren und uns den Konzern einmal ansehen?", fragte Scully. „Sie schließen sicherlich bald, und nachher bin ich unter Garantie viel zu müde, um noch in irgendeinem Pharmakonzern herumzulaufen und nach Leuten zu suchen, die nicht mehr da sind..."
Mulder schaltete den Blinker aus und fuhr geradeaus weiter. „Schön, wenn du möchtest", sagte er leichthin, und Scully konnte aus seiner Stimme heraus hören, dass ihm ihr Vorschlag mehr als Recht war.
Sie fuhren weiter die Straße entlang, passierten dabei ein Reisebüro, eine Bank, eine Dphilie und einen Eissalon, bevor Mulder erneut links abbog. Die Zahl der Geschäfte nahm ab, rechts konnte Scully eine alte Kirche sehen, deren Turmspitze sich in den Himmel bohrte, links führte eine Auffahrt zum alten Rathaus und dem angrenzenden Schlossgarten. Einige Meter nach der Kirche schwenkte der Wagen nach rechts und fuhr bergab, eine recht enge Straße entlang.
„Wenn ich die Karte noch genau im Kopf habe, müsste der Konzern einige hundert Meter weiter vorne sein, in der Nähe eines Möbellagers", murmelte Mulder, während er sich eine weitere Käsestange in den Mund schob. „Sie ist noch nagelneu, erst vor zwei Wochen fertiggestellt worden. Ursprünglich gehörte das Gelände diesem Möbelkonzern, Walther heißt der, wenn ich mich nicht irre. Aber GenSys hat ein Angebot gemacht, dass die nicht hatten ausschlagen können. Und das ist gerade mal drei Tage her..." Er wandte Scully den Kopf zu. „Verdächtig, was?" Er grinste. Scully kannte dieses Grinsen nur allzu gut. Es bedeutete, dass er sich ganz sicher war, auf der richtigen Fährte zu sein. Und insgeheim musste sie zugeben, dass sie der gleichen Ansicht war.
Links von ihnen lagen nun einige Wiesen, weiter vorn konnten sie den gewaltigen Gebäudekomplex der GenSys erkennen.
„Weißt du eigentlich, dass wir unseren Urlaub schon seit ungefähr drei Stunden überzogen haben?", erkundigte sie sich nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr, die noch die Washingtoner Zeit anzeigte. Sie war zu faul gewesen, die Uhr umzustellen. In der Heimat war es nun zehn Uhr am Morgen, und Skinner würde wahrscheinlich einem wilden Tiger gleich seine Runden im Büro ablaufen, von Minute zu Minute einen dunkleren Rotton im Gesicht annehmend und nur darauf wartend, seine Wut in Form eines gewaltigen Donnerwetters auf einen unschuldigen Agenten niedergehen zu lassen, der sich dummerweise in dessen Reichweite begeben hatte. Scully wunderte sich schon, dass ihr Handy in den letzten Stunden noch nicht geklingelt hatte. Doch sie war davon überzeugt, dass der Assistant Director des FBI nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.
Sie sollte Recht behalten. Kaum stellte Mulder den Motor des Mietwagens ab, nachdem er eine Parklücke gefunden hatte, schrillte das Handy in ihrer Manteltasche Alarm.
Mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck drückte sie auf den Knopf und hielt das Mobiltelefon an ihr linkes Ohr, während sie mit der rechten Hand die Tür aufstieß, um auszusteigen.
„Scully?"
„Wo, zum Teufel, stecken Sie?", bellte Skinner ungehalten.
Bingo, absolutes Bingo!
„Legen Sie wirklich Wert darauf, das zu erfahren?", fragte sie vorsichtig.
„Und wie ich Wert darauf lege, Agent Scully! Seit drei Stunden hätten Sie hier in diesem Gebäude sein sollen, aber anscheinend haben Sie sich dazu entschlossen, Ihren Urlaub ohne mein Wissen zu verlängern! Übrigens, wo ist Mulder?"
„Bei mir."
„Das dachte ich mir fast! Also, wo sind Sie?"
„In einer kleinen südhessischen Stadt namens Langenselbold, und zwar auf dem Parkplatz eines dort ansässigen Pharmakonzerns."
„Langenwas? Wo ist das?"
„In Deutschland", tadelte Scully. „Ihre Kenntnisse in Bezug auf Geographie scheinen nicht gerade die Besten zu sein..."
„Deutschland?", donnerte Skinner, und Scully musste das Handy einige Zentimeter vom Ohr weghalten, um keinen bleibenden Hörschaden davonzutragen. „Sie sind ja wohl total bescheuert! Wenn das auf Mulders Mist gewachsen ist, dann werde ich ihn..."
Mulder verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse und gab seinen „Herr-im-Himmel-hilf-mir"-Blick zum Besten..
„... höchstpersönlich durch den Reißwolf drehen!", fuhr Skinner derweil ungehalten - besser: stinksauer - fort. „Wenn Sie glauben, diese Exkursion von FBI-Spesen bezahlen zu können, haben Sie sich aber mächtig getäuscht!"
„Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie nicht wissen, wo wir sonst noch überall waren", unterbrach ihn Mulder, der Scully das Handy abgenommen hatte. „Das könnte noch sehr viel teurer kommen, zum Beispiel der einwöchige Aufenthalt auf Mindanao, die Rückreise nach Maine, die Fahrt von dort zurück nach Washington und der anschließende Flug nach Germany, wo wir jetzt gerade sind. Und, so wie es im Moment aussieht, werden wir hier höchstwahrscheinlich noch ein, zwei Tage bleiben müssen."
„Müssen?!?" Skinner schnappte hörbar nach Luft. „Warum, in drei Teufels Namen, müssen Sie in Deutschland bleiben?"
„Weil wir gerade dabei sind, einen äußerst wichtigen Fall zu bearbeiten. In diesem Sinne haben wir überhaupt gar keinen Urlaub gehabt, Sir."
„Was für einen Fall, Agent Mulder?"
Der Agent seufzte unwillig. „Im Moment habe ich keine Zeit, Ihnen alles zu erläutern, aber Sie können sich ja einmal etwas schlau machen, was Biogenetics Co-operation und GenSys betrifft. Ersteres hatte seinen Sitz bis vor Kurzem in New Jersey, vor dem Zweiten stehen wir gerade. Wir sehen Sie dann in den nächsten Tagen."
Mulder drückte den Knopf, ohne auf Skinners Gezeter zu reagieren, das unüberhörbar aus dem Handy scholl. „Der soll erst mal zu Atem kommen", knurrte er und nickte dem Gebäude zu, das sich vor ihnen erhob. „Los, gehen wir rein."
Die Empfangshalle war groß, hoch und steril. Mulder musste sofort an ein Krankenhaus denken, und sofort erschien ihm GenSys noch suspekter, als zuvor.
An der Rezeption blieben sie stehen. Eine dunkelhaarige Frau feilte dort ihre überdimensionalen Fingernägel. Beinahe vorwurfsvoll - wie konnten es zwei Fremde bloß wagen, sie bei einer solch wichtigen Beschäftigung zu stören? - blickte sie auf.
Mulder zog seinen Ausweis aus der Manteltasche seines Trenchcoats. „Special Agent Fox Mulder, ich suche einen Mann namens Doug Spear."
Die Frau blickte ihn verwirrt an. „Das FBI?" Sie schüttelte den Kopf. „Also, das fehlt uns jetzt wirklich noch!" Sie pustete über ihre Nägel. „Wir sind hier in Deutschland, Agent Mulder, nicht in den Staaten. Ich glaube kaum, dass das FBI hier irgend etwas zu sagen hat."
„Das hat es durchaus, Mrs..."
„Schmidt."
Mulder nickte kurz. „Mrs. Schmidt. Doug Spear wird eines Verbrechens beschuldigt, und jüngsten Informationen zu Folge arbeitet er hier in dieser Firma. Und da ist es ganz egal, ob das hier Deutschland, China oder gar der Kongo ist! Also, wo ist er?"
Mit einem Seufzer richtete sich Frau Schmidt auf, griff nach dem Telefon und wählte eine internen Nummer.
„Was sagen wir Skinner, wenn wir ihm Spear anschleppen?", fragte Mulder an Scully gewandt.
„Die Wahrheit."
„Na super! Aber wie bitte schön sollen wir das machen? Für die Vorfälle in Akunga haben wir keine Beweise. Wir können ihn nur für das schuldig sprechen, was er hier getan hat, was schriftlich belegt ist..."
Frau Schmidt unterbrach ihr Gespräch.
„Mr. Spear ist nicht da", sagte sie, während sie auflegte. „Er ist heute morgen nach Mindanao geflogen."
Mulder und Scully sahen sich erschrocken an.
„Nach Mindanao, sagen Sie?" Mulder musterte die Frau misstrauisch. „Mit wem?"
„Allein." Frau Schmidt fuhr fort, ihre Nägel zu bearbeiten. „Er hat sich Urlaub genommen..."
Mulder zuckte ratlos mit den Schultern. „Na dann. Verzeihen Sie die Störung."
„Nicht doch."
Mulder und Scully waren schon fast an der Tür, als ihm noch etwas einfiel.
„Ach, Mrs. Schmidt?"
Sie blickte mit einer Mischung aus Unwillen und Geduld auf.
„Wo wohnt Gary Eustrak, der Inhaber dieses Konzerns?"
„Was geht Sie das an?"
Mulder betrachtete sie wütend. „Wo wohnt er?"
Sie streckte die Hand von sich weg und begutachtete ihre Fingernägel. „Sie haben das Zauberwort noch nicht gesagt, Agent Mulder..."
Er trat an die Theke, lehnte sich zu ihr vor, schlug seinen Mantel beiseite, so dass sie die Waffe an seinem Hüftholster erkennen konnte, und sagte ganz langsam und von oben herab: „FBI!"

zur gleichen Zeit auf Mindanao

Spear presste sich vor Angst am ganzen Körper zitternd an die Felswand und starrte auf die zischenden Zweibeiner, die mit geduckten Köpfen und gebleckten Zähnen auf ihn zu schlichen. Es waren drei mittelgroße Raubechsen, grasgrün mit rotem Kamm und Halslappen. Eine von ihnen stieß einen Ruf aus, der wie der einer Eule klang. Ein anderes Tier blähte den Hautlappen auf und rasselte gefährlich. Dann warf es den Kopf nach vorn, die schaumig-klebrige Masse landete auf Spears Hals und Oberkörper. Verständnislos berührte er den Schaum, rieb ihn zwischen den Fingern.
Spucke.
Dieses Vieh hatte ihn doch tatsächlich angespuckt.
Spear wollte gerade seine Maschinenpistole heben, um den unverschämten Biestern Respekt einzuflößen, als ihn ein höllischer Schmerz dazu zwang, die Waffe fallen zu lassen. Stöhnend griff er nach seinem Hals, der ihm wie ein Stück wundes Fleisch erschien. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Seine Schultern begannen zu brennen, das Herz schlug wie verrückt. Vor Qual wimmernd sank er auf den Boden, krampfte die Arme um den Oberkörper und biss die Zähne zusammen. Doch es wurde immer schlimmer. Er hörte ein hyänenartiges Gelächter über sich, sah den Kopf des Sauriers, der ihn angespuckt hatte. Das Tier schien ihn anzugrinsen, das imposante Gebiss verzog sich zu einer hämischen Grimasse. Dann öffnete sich das Maul, fauliger Atem stieg in Spears Nase. Doch er hatte keine Chance, sich davor zu ekeln. Der Raubsaurier stieß hinab und packte den Mann am rechten Arm, schien ihn daran festzuhalten. Spear schrie, als ihm das Tier mit dem rechten klauenbewehrten Fuß blitzschnell die Bauchdecke aufriss. Die anderen Tiere kamen heran, beugten sich über die frischerlegte Beute. Spear spürte kaum noch, wie ihm die Eigenweide herausgerissen wurde, als er seinen letzten Schrei ausstieß, der durch den gezielten Biss eines Räubers erstickt wurde...

etwas später
Reitzeberg 8 / Gründau / Deutschland

Gary Eustrak seufzte unwillig und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Gesprächspartner trug einen etwas ramponierten Anzug und hätte eigentlich mal wieder zum Friseur gemusst. Er entsprach ganz und gar nicht dem stereotypen Bild eines FBI-Agenten. Selbst sein Name war... ungewöhnlich... Fox. Eustrak begann zu kombinieren. Fox war das amerikanische Wort für Fuchs, man benutzte diesen Ausdruck allerdings auch in der Umgangssprache, um auszudrücken, dass man jemanden reingelegt oder überlistet hatte, oder um deutlich zu machen, dass man jemanden attraktiv fand. Und zusätzlich gab es da noch diesen Indianerstamm, der einmal irgendwo bei den fünf großen Seen gelebt hatte.
Eustrak liebte es, aus Namen Schlüsse zu ziehen. Er dachte über den Nachnamen des Agenten nach. Mulder, fast gleichklingend mit moulder, also Schatten oder Form. Schatten, kaum sichtbar, aber immer da, alles erfassend... Im Kopf definierte er Mulders Namen neu: Schlauer Schatten.
Und die Partnerin? Diese Dana Scully?
Er begann, verwandte Worte zu suchen. Dana klang ähnlich wie der Name eines philippinischen Kampfsports, Scully wie eines der unzähligen amerikanischen Begriffe für stark. Starke Kämpferin, assoziierte Eustrak.
Er ahnte, dass er mit den Namensbedeutungen gleich wichtige Charakterzüge der Beiden erfasst hatte.
„Sie wollen also Informationen über Doug Spear?", fragte er langsam.
Mulder nickte. „So ist es. Wir brauchen Unterlagen über seine Arbeit der vergangenen Jahre, insbesondere der Arbeit bei Biogenetics in diesem Jahr."
„Und wofür, wenn ich fragen darf?"
Mulder lächelte. „Reine Routine, Mr. Eustrak. Die Staatsanwaltschaft verlangt Hintergrundinformationen über den Angeklagten."
„Angeklagt? Spear? Wegen was?"
Mulder zog eine Mappe aus seinem Aktenkoffer, blätterte darin, bis er die entsprechende Seite gefunden zu haben schien. „Mord an Dr. Kirochima Pacal, Archäologin, ebenfalls an Ivan Frederikson, ehemals Angestellter bei Biogenetics, Diebstahl mehrerer Wertgegenstände, mehrmalige Anstiftung zum Mord, Beamtenbeleidigung, Tätlichkeit in vier Fällen..." Mulder hob den Blick. „Ich könnte Ihnen noch einiges mehr nennen, Mr. Eustrak. Aber ich denke, als grober Überblick sollte das genügen."
Der Inhaber der GenSys schlug die Beine übereinander. „Sieh an, sieh an. Und wissen Sie auch, was ich hier drin stehen habe?"
Er tippte auf eine Mappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
„Nein, was?"
„Sämtliche Unterlagen über Mindanao, Agent Mulder, der Ort, wo wir auf Geheiß - was sage ich - auf eindeutigen Befehl der philippinischen Regierung einen Krankheitsüberträger ausmerzen sollten. Die Papiere, auf die diese Operation beruht, sind allesamt vom amtierenden Präsidenten unterzeichnet worden. Ich weiß sehr wohl, dass Sie auch auf Mindanao waren, und wenn Sie es wagen sollten, Doug Spear anzuklagen, dann schleppe ich Sie wegen Mordes an zwölf Männern meines Teams vor Gericht! Haben wir uns verstanden?"
Eustrak erhob sich und deutete auf die Tür. „Dürfte ich Sie nun bitten, zu gehen? Ich bezweifle, dass es noch irgend etwas zu besprechen gibt."
Mulder starrte zu ihm hinauf, und einen Moment lang schien es so, als wolle sein Temperament wieder mit ihm durchgehen. Er verspürte den dringenden Wunsch, Eustrak einer Herde von Dilophosauriern zum Fraß vorzuwerfen, und am Liebsten hätte er das auch gesagt. Scullys Blick bewahrte ihn davor. Er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte. Widerwillig stand er auf, strich seinen Anzug glatt und griff nach seinem Mantel.
An der Tür angekommen, schickte er dem Firmenbesitzer einen letzten warnenden Blick.
„Ich kriege Sie noch, Eustrak!", zischte er, bevor er, gefolgt von Scully, aus dem Haus rauschte.
„Fox!" Sie versuchte ihn einzuholen, als er das Grundstück verließ und über die Straße zu ihrem Wagen ging. Sie packte ihn am Ärmel seines Mantels und zwang ihn, sich zu ihr umzudrehen. Der Blick, der ihr begegnete, war ihr nur allzu vertraut.
„Heute Nacht wird GenSys einen Besuch abgestattet bekommen!"
„Fox, ich bitte dich! Tu nichts, was du später bereust!", sagte sie eindringlich.
Er schüttelte unwirsch den Kopf. „Es muss sein! Eustrak ist schuldbeladen! Ich habe seine Akten durchgesehen! Er kann mir gar nichts, Dana! Und wenn ich erst einmal die Beweise für Spears zwielichtige Geschäfte habe, kann er einpacken! Er wird für das bluten, was da auf Mindanao passiert ist!"
Er riss die Tür des Mietwagens auf und ließ sich auf den Sitz fallen. Scully umrundete den Wagen und stieg ebenfalls ein. Während sie die Beifahrertür zuschlug, konnte sie einen kurzen Blick auf Eustraks Haus erhaschen. Sie sah eine Gestalt hinter den Vorhängen, und sie wusste, dass es der Firmenbesitzer war.
„Er ist ein einflussreicher Mann, Fox", sagte sie, als sie sich wieder ihm zuwandte. „Du solltest ihn nicht unterschätzen..."
Ich tue es jedenfalls nicht, dachte sie.
„Er sollte allerdings auch mich nicht unterschätzen", erwiderte er grimmig. „Und ich habe das Gefühl, dass genau das der Fall ist!"

derweil im Haus von Eustrak

Nach dreimaligem Freizeichen hob Keutel endlich ab.
„Was gibt es?", murrte er.
„Ich habe einen Auftrag für dich, Gerhart", raunte Eustrak.
„Ach ja?"
„Ja. Die beiden vom FBI waren gerade hier. Und für meinen Geschmack wissen sie zu viel. Verstehst du, was ich meine?"
„Durchaus."
Eustrak zog einen Teil der Gardinen zur Seite und starrte durch das Fenster nach draußen. Der Alfa fuhr langsam die schmale Straße hinunter und bog dann rechts ab.
„Sie werden nach Beweisen suchen, notfalls auch auf illegalen Wegen", sagte er langsam. „Verbrennt Spears Büro und das Aktenlager. Noch heute Nacht."
„Aber..."
„Nichts aber." Eustrak zog eine Davidoff aus dem Zigarettenpäckchen auf dem Wohnzimmertisch. „Heute Abend, Gerhart. Lasst es wie einen Unfall aussehen..."

gegen zwei Uhr in der Nacht
GenSys - Anlage / Langenselbold

Der Strahl der Taschenlampe huschte unruhig über das Eingangsportal der GenSys. Mulder fand schließlich den kleinen Kasten, zog die Karte aus seinem Mantel und jagte sie durch den Schlitz. Das Lämpchen blinkte auf, die Tür öffnete sich.
„Wo hast du das her?", zischte Scully neben ihm, die verstohlen umherblickte. Auf der nahegelegenen Bundesstraße war zwar so gut wie kein Verkehr, und die Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Seite waren zu weit entfernt, als dass man sie von dort aus sehen könnte. Nur ein Reiterhof lag etwa zweihundert Meter von ihnen entfernt, nur als schwarzer Schatten erkennbar, der sich in den Nachthimmel erhob. Ein paar Pferde grasten auf den Koppeln, manchmal drang ein leises Wiehern zu dem Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite hinüber. Alles war ruhig, kein Mensch weit und breit. Dennoch fühlte sich Scully aus einem unerklärbaren Grund beobachtet.
„Beziehungen", nuschelte er, während er ihr die Tür aufhielt und hinter ihr ins Innere des Gebäudes schlüpfte.
Die Empfangshalle sah bei Nacht auch nicht anders aus als bei Tag. Genauso kahl und genauso steril. Sie eilten durch den hohen Raum, die Absätze ihrer Schuhe klapperten über glänzenden Marmor.
„Weißt du, wo Spears Büro ist?"
Er nickte. „Gleich hier unten, Nummer 21."
„Hast du diese Information von dem gleichen Kerl, von dem du auch die Karte stibitzt hast?", fragte sie.
„Ja." Am Ende des Korridors blieb er stehen. „21, hier ist es."
Er stieß die Tür auf und trat in den Raum. Es war ein erstaunlich großes Büro, vollgestopft mit Aktenschränken.
Mulder zog den Sessel vor den Schreibtisch, setzte sich und schaltete den Computer ein. Während Scully die Aktenschränke durchwühlte, sah er Spears privaten Dateien ein. Leise murmelte er vor sich hin, während er die Dokumente auf Disketten speicherte: „Neues Pharmazeutika, Erprobung erfolgt an Coelurus in Pikit, genetische Untersuchung von Paläo-DNS, geplantes Kloning ausgestorbener Spezies und Verwendung dieser Tiere zu Versuchszwecken..." Mulder hielt inne und schüttelte den Kopf. „Was ein widerlicher Schweinehund!", murmelte er.

Im benachbarten Aktenlager hielt Keutel sein Feuerzeug unter den mit Benzin getränkten Stapel unbeschriebenen Papiers...

Mulder zog die letzte Diskette aus dem Laufwerk und ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden...

Die Flammen fraßen sich durch den Papierstapel, griffen auf die benachbarte, offene Aktenschublade über. Der Feueralarm ging los...

Scully riss den Kopf hoch, als das Licht über ihr rot zu blinken begann. Das durchdringende Heulen des Alarms jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
„Fox!"
Mulder war bereits aufgesprungen.
„Los, verschwinden wir!"
Er packte ihren Arm und zog sie durch die Tür nach draußen. Sie prallten beinahe mit einem Mann zusammen, der durch die Tür in das Büro hinein stürmen wollte. Er trug einen Benzinkanister in der rechten Hand und starrte die beiden Agenten verdattert an. Doch seine Überraschung wich fast augenblicklich einem eisigen Blick. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck holte er aus. Scully kniff die Augen zusammen, als Benzin in ihr Gesicht spritzte. Als sie sie wieder öffnete, rannte der Mann bereits davon. Das restliche Benzin hatte er über dem Gang verteilt.
„Hey, bleiben Sie stehen!"
Mulder war bereits hinter ihm her.
Der Mann zögerte kurz. Scully sah, wie ein Streichholz im Dunkel aufblitzte. Fast gleichzeitig stürzte sie los.
„Fox!"
Eine wahre Flammenwand stob empor, kaum dass das brennende Streichholz zu Boden gefallen war. Mulder riss schützend den Arm hoch. Das Feuer breitete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aus und umschloss die beiden Agenten nun vollständig. Und es kam immer näher an sie heran.
Mulder schlüpfte aus seinem Mantel und warf ihn fort. Das Kleidungsstück war wie ein halbes Kilo TNT, denn der Fremde hatte es ja buchstäblich in Benzin getränkt. Scully tat es Mulder gleich.
Er packte sie und rannte los, die Flammenwand durchbrechend. Seine Hose fing dabei Feuer, doch erst auf der anderen Seite der Flammenwand wagte er, stehenzubleiben und die brennende Hose mit der hohlen Hand zu löschen. Dabei schüttelte ihn ein heftiger Hustanfall.
Scully neben ihm hatte bereits ihre Waffe gezogen. Sie zielte auf den Fremden, der nun schon fast das Eingangstor erreicht hatte.
„Bleiben Sie endlich stehen, Mister!"
Es geschah innerhalb von Sekundenbruchteilen. Mulder hob den Blick, sah nur kurz die Waffe in der Dunkelheit aufblitzen. Noch bevor der Knall des Schusses erscholl, warf er sich nach vorn - und sank getroffen zu Boden, die Hand auf die Schulter gepresst, wo die Kugel saß, die Scully gegolten hatte. Dennoch schaffte er es, seine Pistole auf den Flüchtenden zu richten und zu schießen.
Der Mann schrie kurz auf, bevor das rechte Bein unter ihm nachgab.
Mulder lag schwer atmend auf dem Boden, die Hand noch immer auf die Wunde gepresst, aus der beständig Blut floss. Ihm wurde schwarz vor Augen. Das letzte, was er sah, war Scullys entsetztes Gesicht, als sie sich über ihn beugte. Dann verlor er das Bewusstsein...

am nächsten Tag
Stadtkrankenhaus Hanau

„Sie können jetzt zu ihm."
Scully öffnete leise die Tür zu Mulders Krankenzimmer und trat ein. Er lag scheinbar schlafend im Bett. Vor wenigen Minuten hatten sie ihm erst die Schläuche abgenommen. Mulder war statt mit reinem Sauerstoff unter Überdruck mit dem Blutersatzstoff Perfluberon beatmet worden, der über einen Schlauch direkt in die Lunge gepumpt wurde. Die Chemikalie konnte große Gasmengen binden, sie führte dem Körper konzentrierten Sauerstoff zu und entsorgte Kohlendioxid. Anders als bei konventioneller Beatmung spülte Perfluberon Schleim und Wasser aus den Lungenbläschen und verhinderte deren Kollaps. Die Beatmungstechnik eignete sich bei Lungenentzündung, Lungenschaden durch Rauchgas und der Wiederbelebung Ertrunkener. Mulders Lunge hatte sehr unter der starken Rauchentwicklung im Inneren des GenSys-Gebäudes gelitten, aus diesem Grund hatte man das Perfluberon den anderen Behandlungsmethoden vorgezogen.
Scully setzte sich auf seine Bettkante und blickte auf ihn hinab.
„Wie geht es dir?"
Er öffnete die Augen. „Als wäre ich von einem Bus überfahren worden", ulkte er und lächelte matt.
Sie beugte sich zu ihm und küsste seine Stirn. „Du hast mir schon wieder das Leben gerettet...", sagte sie.
„Ich weiß." Diesmal gelang ihm ein Grinsen.
„Sobald du entlassen wirst, sollen wir nach Washington zurückkehren", sagte sie. „Skinner platzt jetzt schon." Sie seufzte leise. „Und wir haben mal wieder keine Beweise. Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet, denn unsere Mäntel sind ja zur Gänze verbrannt..."
Er grinste noch immer.
„Mach mal die Schublade dort auf." Er nickte auf sein Nachtschränkchen.
Sie runzelte die Stirn, tat aber, wie ihr befohlen. Sie zog die Lade auf, spähte hinein - und begann zu lachen.
„Ich glaube das einfach nicht!", rief sie fröhlich aus.
Mulder nickte zufrieden. „Tja, ich habe doch gesagt, dass mich Eustrak nicht unterschätzen sollte!"
Scully schmunzelte. „Oh ja, dass hätte er besser nicht tun sollen..."
Sie schwiegen.
In der Schublade lagen drei Disketten mit der Aufschrift Eustraks Ende...

eine Woche später
University of Maine
Orono

„Dr. Quinn, Ihre wiederaufgegriffene und neu bearbeitete Theorie der Doctrina Lacuna hat weltweit für Aufsehen gesorgt und neue Perspektiven geschaffen. Die Hoffnung auf revolutionäre Funde ist von Neuem erwacht. Eine neue Blütezeit der Paläontologie und Archäologie scheint uns bevor zu stehen. Was glauben Sie, wird es bahnbrechende neue Funde geben, die unser bisheriges Weltbild völlig auseinander werfen könnten?"
Der Reporter der „Geology" blickte den jungen Wissenschaftler auffordernd an. Dr. Jonathan Quinn war ein beliebtes Thema in Wissenschaftskreisen, seitdem er die Vorlesung in der Universität gehalten hatte. Es gab viele, die ihm zustimmten und viele, die seinen Ansichten gegenüber skeptisch blieben. Aber Interesse an ihm zeigten alle. Und das bereits über Maine hinaus. Der Startschuss seiner Karriere als Paläontologe war gefallen. Von nun an konnte es nur noch besser werden.
Jonas ließ sich einige Sekunden Zeit. Er spürte die Spannung im Raum und die aufmerksamen Augenpaare, die auf ihn gerichtet waren und auf seine Antwort warteten. Sogar ein Fernsehteam war da. Der Rummel um seine Person war noch ungewohnt, vielleicht empfand er es auch nur so, weil er sich als einer der Jüngsten unter der großen Masse von Wissenschaftlern bewegte, als einer, der nicht lang um seinen Titel hatte kämpfen müssen. Bisher war ihm alles leichtgefallen, also würde er auch die neue Situation meistern können. Er strich sich eine blonde Haarsträhne zurück, die ihm soeben in die Stirn gefallen war und nickte dann.
„Ja, Mister Braney, das glaube ich." Er musste kurz lächeln, als die Bilder Akungas an ihm vorüber strichen. „Es werden ständig Funde gemacht, ob sie wichtig und revolutionär sind, entscheidet der Zeitgeist. Das, was uns heute noch als nebensächlich erscheint, könnte schon morgen unser Leben verändern. Wissen Sie, es ist wie mit der Mode. Was gefragt ist, das wird angeboten, das andere muss dafür in den Hintergrund treten, auch wenn Designer neue Variationen dafür erfinden. Ob etwas wichtig ist, ist nicht die Entscheidung eines Einzelnen, sondern die der Masse."

derweil im FBI-Hauptquartier
Washington, D.C.

Skinner runzelte die Stirn und blickte seinen Gegenüber über den Rand seiner Brillengläser hinweg forschend an. Fox Mulder saß entspannt auf seinem Stuhl, der Verband um seine Schulter war unter dem dunklen Anzug nur noch zu erahnen. Der Agent hatte sich rasch erholt - schließlich war es nicht das erste Mal gewesen, dass man ihn angeschossen hatte. Insgeheim, so dachte er, hatte er seine wahrlich schnelle Genesung wohl Scullys liebevoller Fürsorge zu verdanken. Sie war wirklich kaum von seiner Seite gewichen. Er schenkte ihr einen kurzen warmen Blick, während Skinner las. Jesus, er liebte sie, mehr als er jemals zu Lieben geglaubt hätte...
Der Assistant Director räusperte sich.
„Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass dieser Bericht hier von Ihnen stammt?" Er tippte auf den orange ettikierten Schnellhefter vor sich.
Mulder blickte seinem Vorgesetzten direkt und ohne mit der Wimper zu zucken in die Augen, während Scully rasch zu Boden sah, um ihr Schmunzeln vor dem Assistant Director zu verbergen.
„Ja, Sir. Wieso fragen Sie?"
„Das hier ist nicht Ihr Stil..." Skinner setzte seine Brille zurecht. „Ich bin von Ihnen alles andere als das hier gewöhnt, Agent Mulder, waghalsige, unorthodoxe Theorien über Außerirdische, Vampire, Verschwörungen, Monster..." Er schüttelte seufzend den Kopf. „Aber so etwas habe ich noch nie von Ihnen gesehen."
„Was ist falsch daran?", fragte Mulder unschuldig.
Der Assistant Director blinzelte kurz. „Gar nichts, Mulder, rein gar nichts... - Wäre dieser Bericht von Agent Scully geschrieben worden, hätte es mich gar nicht gewundert, aber bei Ihnen..." Er deutete auf einen der Absätze. „Das hier zum Beispiel: Dass der Mord an den drei Jugendlichen in Jakarta / Indonesien, der scheinbar unter mysteriösen Begleitumständen von Statten gegangen ist, kann ich nicht bestätigen. Den Aussagen des einzigen Augenzeugen zufolge handelte es sich bei dem Angreifer um einen großen Waran oder ein ostasiatisches Reptil, das bisher noch nicht katalogisiert worden ist, da es erst jetzt durch die vermehrte Abholzung des Regenwaldes in Stadtnähe getrieben worden sein könnte. Den Verdacht einiger Anwesenden auf prähistorische Ungeheuer teile ich nicht. Auch die Möglichkeit, dass derartige Wesen überlebt haben könnten, schließe ich auf Grund unzähliger wissenschaftler Fakten aus... - Mulder, das ist der Bericht eines Skeptikers, und als solcher gelten Sie ja nicht gerade..."
Der Agent lächelte Skinner freundlich an. „Ich kann Ihnen versichern, Sir, skeptisch war ich keineswegs. Aber wenn nichts Ungewöhnliches an der Sache dran ist, kann ich so tief bohren, wie ich will, ich werde nichts finden..."
Scully neben ihm nickte bedächtig.
Sein Vorgesetzter seufzte ergeben, auch wenn sein Misstrauen blieb. „Wohl wahr, Agent Mulder", sagte er, und legte den Schnellhefter ad acta...

gleichzeitig in Orono

„Ich habe gehört, dass Sie gerade eine Expedition nach Mindanao, einer der größten Inseln der Philippinen hinter, sich haben", fuhr der Reporter fort. „Dabei begleiteten Sie die Paläontologen Dr. Kirochima Pacal und Dr. Benjamin Grahm. Ebenfalls zwei FBI-Agenten, und zwar die Special Agenten Fox Mulder und Dana Scully, zuständig für die sogenannten X-Akten. Unterbrechen Sie mich, falls ich etwas Falsches sage..."
„Nein, bisher ist alles richtig."
„Aus verschiedenen Quellen habe ich erfahren, dass Sie auf der Suche nach einem Tier waren, dass für viele mysteriöse Todesfälle auf der Inselwelt Ostasiens verantwortlich ist, beispielsweise der schrecklichen Tragöde in Jakarta, wo drei Jungen durch den Angriff unbekannter Wesen in den Tod gerissen wurden. Meine Frage an Sie: Haben Sie das Tier gefunden?"
Jonas lächelte kulant. „So weit ich weiß, waren an diesen Unfällen zu neunzig Prozent Warane Schuld. Eine eigentlich recht seltene Art, die durch die Abholzung des Regenwaldes ihren Schutz mehr und mehr verliert und sich auf die Suche nach neuem Lebensraum machen muss..."

derweil in Washington, D.C.

Zurück in ihrem Büro zog Mulder einen dicken Schnellhefter zwischen einigen Büchern hervor, klebte ein blaues Etikett an den Rand, auf das er mit akribischen Buchstaben No. 162, Akunga geschrieben hatte und stempelte das erste Blatt ab, nachdem er seinen zweiten Bericht - den wahren - unterzeichnet hatte.
„Das hier ist einfach noch nichts für diese Welt", sagte er. „Obwohl dieser Fall mehr als faszinierend ist. Wenn ich mir überlege, dass..."
Scully nahm ihm lächelnd den Ordner aus der Hand, den er bereits wieder aufgeschlagen hatte, und klappte ihn rasch wieder zu. „Lass die Sache doch ganz einfach auf sich beruhen", sagte sie. „Vergiss einfach alles, was wir gesehen haben. Es ist nie geschehen."
„Aber bedenke doch bloß diese Möglichkeit! Die Tatsache, dass nach wie vor prähistorische Spezies auf diesem Planeten leben, belegt doch, dass.."
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Wie, zum Teufel, kann man dich bloß zum Schweigen bringen?"
Mulder grinste. „Gar nicht." Er legte den Kopf schief und holte merklich Luft, um mit seiner Rede fort zu fahren, doch bevor er auch nur einen Laut herausbringen konnte, hatte Scully ihn schon an sich gezogen.
„Du forderst es heraus! Wenn du also nicht aus freien Stücken schweigst, werde ich dich dazu zwingen müssen!", schmunzelte sie, bevor sie ihn küsste. Er lachte, umschloss sie mit beiden Armen, hielt sie fest, so als hätte er Angst, sie könne sich von ihm lösen. Er beugte sich zu ihr hinab, erwiderte den Kuss, und Scully nutzte die Gelegenheit, den Ordner, den sie noch immer in der Hand hielt, in die unterste Lade von Mulders Aktenschrank gleiten zu lassen, die halb offen stand - die Lade der X-Akten...

gleichzeitig in Orono

Braney schlug die Beine übereinander und blickte seinen Gegenüber interessiert an. „Sie wollen damit sagen, dass Rodungen Tierangriffe zur Folge haben?"
„Das habe ich nicht wortwörtlich gesagt, doch eine Rolle spielt es schon. In den Urwäldern dieser Erde leben unzählige Tiere, die wir kaum oder gar nicht kennen, Tiere, die auf das Ökosystem Regenwald angewiesen sind. Wenn wir ihren Lebensraum zerstören, werden diese Tiere nach und nach aussterben, wenn sie sich nicht anpassen können. Zur Anpassung gehört auch eine Umstellung der Nahrung. Da kann es schon einmal passieren, dass Raubtiere Menschen anfallen. Besonders große Reptilien wie Warane, ich möchte da bloß an den Komodo-Waran erinnern, der in Indonesien sehr gefürchtet ist."
„Ist somit der Schutz des Regenwaldes auch gleichzeitig ein Schutz für uns?"
„Auf jeden Fall. Und dafür brauche ich nicht nur dieses eben angesprochene Argument anzubringen. Es gibt noch weitaus mehr, so zum Beispiel die Auswirkungen auf das Klima, die wir ja teilweise schon zu spüren bekommen haben. Der umfangreiche Schutz der Fauna und Flora der Erde, vor Allem die des großen Lebensraumes Regenwald, kann dem Menschen nicht schaden, im Gegenteil, er kann ihm nur nützen und seinen Fortbestand sichern. Und irgendwann wird das jeder verstehen."
„Ein wahres Wort, Dr. Quinn, erlauben Sie mir dennoch folgende Frage: Wenn es sich, wie Sie eben sagten, bloß um eine neue Waranart handelte, die für mehrere Todesfälle verantwortlich war, wieso haben Sie dann Leute vom FBI auf Ihrer Expedition begleitet, noch dazu genau diese Leute. Ich meine, hier weiß jeder, was es mit den X-Akten auf sich hat..."
„Das bezweifle ich, aber das ist hier eigentlich auch gar nicht von Bedeutung. Agent Mulder ist lediglich ein guter Bekannter von mir und hat mich aus diesen Gründen begleitet."
„Sie kennen also auch den Ruf, der diesem Mann vorauseilt?"
„Sehr gut sogar", bestätigte Jonas lächelnd. „Und mir ist ein - wie ich zugeben muss - recht ähnlicher zuteil geworden, seit meiner Vorlesung."
Der Reporter nickte zögernd und mit deutlichem Widerwillen. „Danke für dieses Interview, Dr. Quinn."

zur gleichen Zeit in Washington, D.C.

Das Büro war abgeschlossen, der Schlüssel steckte im Schloss. Scully hatte ihn gleich zwei Mal umgedreht.
Sie drehte sich zu ihm um, ihr Blick war klar und entschlossen.
„Komm zu mir, Fox", bat sie leise.
Er trat an sie heran. Er schwieg, doch gleichzeitig sagte er so viel. Seine Augen, seine Mimik, seine Gesten.
Sie fasste nach seinem Kopf, lehnte ihre Stirn an seine, blickte ihn an, bevor sie ihn küsste. Seine Hände umfassten ihre Taille, so entschlossen und doch so sanft. Er liebkoste ihren Hals, während seine Hände die Knöpfe ihrer Bluse öffneten. Sie ließ ihn gewähren, legte den Kopf zurück, während sie sich an die Wand lehnte, seine Hände auf ihrer Haut fühlend, seine Küsse, so heiß wie Feuer, auf ihrem Gesicht, ihrem Hals, ihren Schultern. Sie löste seine Krawatte, öffnete sein Hemd und ließ es locker über seine Schultern zu Boden gleiten. Ihre Hände strichen über seinen Oberkörper, kreisten über seinen Bauch, bis ihre Finger seinen Gürtel erreichten und diesen lösten.
Seine Hände berührten ihre Arme, als sie sich am Knopf seiner Hose zu schaffen machte. Forschend blickte er sie an.
„Willst du das wirklich?"
Sie bewegte ihren Kopf nicht, lediglich ihr Blick wanderte zu ihm hinauf. Dann nickte sie.
„Ja, Fox, ich will es." Sie fasste nach seiner Hand. „Verführ' mich", flüsterte sie. „Bitte."
Mit einer kurzen Handbewegung fegte er etliche Papierstöße von seinem Schreibtisch. Sie wirbelten um sie herum wie Blätter im Herbstwind, flogen raschelnd auf den Boden. Akten, Briefe, Bröschüren, Ausgaben der National Geographic und der Sience bildeten einen bunten Teppich auf dem Boden, doch es war ihm egal. Er nahm es nicht einmal richtig war, denn sie lag bereits in seinen Armen, dicht an ihn gepresst, den Kopf erhoben, der Blick erwartungsvoll. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie mit all seiner Liebe, die er in sich verspürte. Selbst wenn die Tür aufgeflogen und Skinner in den Raum gerauscht wäre, Mulder hätte ihn ignoriert. Er ließ seine Gefühle die Oberhand über seinen Körper übernehmen, ließ sich von ihnen leiten, sämtliche Bewegungen ausführen. Er versank in ihren Küssen, ihren Augen, ihrer Liebe. Die Zeit schien still zu stehen, wie eine große Uhr, die aufhörte zu ticken. Und dafür waren keine außerirdischen Kräfte nötig, keine Störungen im irdischen Magnetfeld, nur einzig und allein die Kraft der Liebe...

in Orono

Der Reporter streckte seine Hand aus und Jonas drückte sie herzlich. Die Fernsehleute packten ihre Geräte zusammen und verließen nach und nach den Raum, ebenfalls die Studenten, die dem Interview beigewohnt hatten. Braney beugte sich zu dem jungen Wissenschaftler, als er sicher sein konnte, dass niemand zuhörte.
„Mal unter uns, Dr. Quinn, Sie haben doch etwas verschwiegen, oder etwa nicht?"
„Im Leben muss man vieles verschweigen", antwortete Jonas lächelnd. „Vor Allem dann, wenn die Menschheit noch nicht reif für das ist, was man weiß. Fragen Sie Agent Mulder. Er kann Ihnen das aus eigener Erfahrung bestätigen." Er griff nach seiner Jacke und stand auf.
„Sie haben etwas gefunden, nicht wahr?" Der Reporter ließ so schnell nicht locker - wie keiner seiner Sorte.
„Vielleicht wird sich der Zeitgeist irgendwann wandeln, Mister Braney. Wer weiß, eventuell kann ich Ihnen dann mehr dazu sagen." Bei diesen Worten zwinkerte ihm der junge Wissenschaftler zu und verließ anschließend den Raum. O ja, reif war die Menschheit noch lange nicht, auch wenn sie schon Jahrtausende auf dieser Erde weilte. Und es fiel Jonas schwer sich vorzustellen, dass sie es jemals sein würde. Aber vielleicht, so hoffte er, irrte er sich, so, wie sich viele Wissenschaftler gelegentlich irren...

- ENDE -
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