Intra unguis mortifer von Kit-X

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Vorwort

Date of writing: Holla - mehrere Wochen! Entstehungsdatum lag zwischen 1998 und 1999.

Vorwort: Mein Dank richtet sich an alles und jeden, der mir geholfen hat, diese FanFic zu schreiben - oder besser “schreiben zu lassen". Ich weiß, dass ich darin eine Menge Zeit, Begleitmaterial und auch Druckerschwärze investiert habe, und ich weiß auch sehr wohl, dass ich die eine oder andere Hausaufgabe verschoben habe, nur um einen Ideenfluss, der gerade mal tätig war, ausleben zu können. Aber dafür hat mir das Schreiben sehr viel Spaß gemacht - und manchmal kam es mir beinahe so vor, als würde ich die Ereignisse in der Story am eigenen Leib miterleben. Ich ertappte mich beim Schreiben sehr oft dabei, dass ich ein erschrockenes Gesicht machte, wenn es auch die Hauptpersonen in dieser Fic machen, oder dass ich richtig zappelig wurde, wenn ich mich daran machte, die vielen Szenen mit den Raubechsen abzutippen. Besonderen Spaß hat es mir gemacht, verschiedene Bücher zu wälzen - Atlanten, Bildbände, Lexika -, bloß um die Geschehnisse und vor Allem auch die situative Umgebung bildhaft und realistisch darstellen zu können.
Ich weiß noch recht genau, wie ich dem wunderbaren Buch “Die Wunder der Erde" aus dem Kaiser-Verlag auf den eindrucksvoll bebilderten Bericht über die Tasaday stieß, einem kleinen Menschenvolk, das nach wie vor lebt, wie wir vor 5.000 Jahren gelebt haben - wie in der Steinzeit. Der Artikel faszinierte mich, und ich wollte eine Geschichte schreiben, in der ein ähnliches Volk eine Rolle spielen sollte. Als Hauptschauplatz wählte ich - den Tasaday zu Ehren - deren Heimat, die Insel Mindanao inmitten des Pazifik. Mein großes Interesse für Archäo- und Paläontologie bewegte mich dazu, genau diese Insel zu einer sprichwörtlichen “Vergessenen Welt" zu machen, wobei ich mich - mit Verlaub - auch sehr stark an das gleichnahmige Buch hielt. Die Idee, dass urzeitliche Giganten hier irgendwo auf Erden überlebt haben könnten, irgendwo im tiefsten, undurchdringlichen Dschungel, fernab der Zivilisation, begeisterte mich von Anfang an. Und so kam es dazu, dass ich Mindanao zum Chambala des Pazifiks machte, zu einem Ort, an dem sich das Leben mehrerer Jahrmillionen repräsentieren sollte - in trauter Gemeinsamkeit.
Natürlich bildete all das erst einmal ein grobes Skelett der Story. Wichtige Fragen blieben aus: Wie sollte die Menschheit auf die Überbleibsel vergangener Zeit aufmerksam gemacht werden? Aus welchen Beweggründen würde eine Expedition nach Mindanao reisen? Und sollte die Öffentlichkeit von dem wahrlich alten Geheimnis der größten Insel der Philippinen erfahren?
Wieder waren es meine Interessen und Neigungen, die das sich vervollkommende Bild bestimmten. Meine Vorliebe für die US-Kultserie “The X-Files" bewegte mich dazu, der Story einen mystischen Touch zu verleihen - und mir gleichzeitig die beiden Hauptdarsteller der Serie zu “auszuborgen", um sie zu einem der vielen Dreh- und Angelpunkte der Story zu machen. Durch einen ungewöhnlichen Mord sollten sie Schritt für Schritt auf die Urtiere aufmerksam gemacht werden, unterstützt von unzähligen anderen Personen, die sich an der großen cherché beteiligen. Am Anfang jagen sie scheinbar noch Phantomen hinterher, doch diese verwandeln sich sehr bald in Wesen aus Fleisch und Blut, in Wesen, deren fortwährende Existenz als unmöglich erscheint.
Aber warum, so frage ich, ist die Annahme, dass Vertreter als ausgestorben geltender Tierspezies bis zum heutigen Tage überlebt haben, in den Augen vieler Menschen so abwegig? Hat uns die Entdeckung des Quastenflossers nicht gezeigt, dass das Überleben möglich ist? Kryptozoologen streiten bis heute darüber, ob das Megalodon in den Tiefen des Pazifik, höchstwahrscheinlich im Mariannen-Graben, noch sein Unwesen treiben könnte. Es gibt keine Beweise dafür - aber auch keine dagegen. Und wer das nicht so recht glauben will, der sollte Steve Altons “Meg" lesen, ein Horror-Thriller, der - angesichts der vielen “wiederentdeckten" Tierarten - gar nicht so unrealistisch wirkt - eher beängstigend. Denn was ist der “Weiße Hai" schon gegen ein über zwanzig Meter langes Ungetüm, dessen unbändige Kraft ganze Schiffe zu zerstören im Stande ist? Oder was ist mit den Legenden über Seeschlangen und Riesenkraken? Aber dazu habe ich hier in dieser Fic ja genügend Material und Argumente aufgeführt.
Einige Abschnitte der Geschichte basieren auch auf Anregungen einer “Eingeweihten", so zum Beispiel die unheimlichen Ghouls, Dämonen aus den weitverbreiteten John Sinclair-Romanen, die ich bis dato noch nicht kannte. Demnach musste ich mich in Bezug auf Ghouls von “Experten" aufklären lassen. Das Erscheinungsbild der “enttarnten" Monster entspringt jedoch meiner Phantasie, denn von John Sinclair habe ich im Nachhinein nur ein Buch gelesenen - und das hatte mehr mit schottischen Geister-Geschichten zu tun, als mit mutierenden Aasfressern.
Der Kinohit “Jurassic Park" brachte mich auf die Idee, die giftspuckenden Dilophosaurier zu einem wichtigen Aspekt in dieser Story werden zu lassen, zu einer Feindpartei. Die andere besteht aus einer Gruppe von Söldnern, angeführt von einen skrupellosen Biogenetiker - trendmäßig sehr modern, noch dazu äußerst effektiv.
Die Sprache Akungas ist frei erfunden. Ich habe mich lediglich um einen weich klingenden Dialekt bemüht, der in Südostasien so typisch ist.
Die spanischen Elemente in der Szene, in der Jonathan den überlebenden Jungen über die Geschehnisse des Morgens befragt, können grammatikalische Fehler aufweisen. Meine Spanischkenntnisse sind nur dürftig, und das, was ich verwendet habe, habe ich mit Hilfe eines Schulbuches erarbeitet.
Medizinisches Know-How habe ich mir ebenfalls meist aus Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften geholt. Anmerken möchte ich hierbei, dass der Blutersatzstoff Perfluberon meines Wissens nach bisher nur in den USA eingesetzt wird - und selbst das nur vereinzelt.
Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass meine Behauptung, dass die Nautilus ursprünglich ein deutsches Fabrikat gewesen sei, sich auf reine Spekulatioenen bezieht, für die es derzeit noch keine Beweise gibt. Diesbezüglich fällt mir nur eines ein:
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen...

11. Juni 1999
Kritiken bitte an fampi@t-online.de

Disclaimer (muss sein, seufz...): Einige der hier verwendeten Personen sind das Eigentum von 20th Century Fox, Chris Carter und Ten Thirteen Productions. Einige Elemente dieser Fic sind angelehnt an die Romane "Dino Park" und "Lost World" von Michael Chrichton.

Ach, auf eines sollte ich euch wohl noch aufmerksam machen! In dieser Story dreht sich nicht ausschließlich alles um Mulder und Scully. Auch andere Personen spielen wichtige Rollen. Es ist eine vielseitige Story, und diejenigen, die lieber Storys lesen, die durchweg romantisch, tragisch oder witzig sind, sollten sich vielleicht lieber bei den anderen Storys umsehen. Wie ihr sehr, habe ich eine Menge Arbeit in diese Fic investiert, und ich bin eigentlich recht stolz auf sie, da sie einer echten X-Akte einigermaßen nahe kommt. Demnach beinhaltet sie auch zahlreiche wissenschaftliche Elemente, einige unschöne Szenen und Vielschichtigkeit. Aber ich kann euch beruhigen, auch Shipper kommen auf ihre Kosten. ;-)

Diesen Nachtrag fügte ich aufgrund einer Bemerkung von Pacey ein, die mich darauf aufmerksam machte, dass diese FanFic recht untypisch ist, da sie sich nicht ausschließlich um Mulder und Schully dreht. Und ich denke, dass gerade das sie lesenswert macht, dieser kleine (oder große???) Unterschied. Überzeugt euch doch selbst. Für Feedback bin ich immer dankbar. ;-)
- vielen Dank, Pacey, an dieser Stelle.

Thanx for your attention.
Und im Genesis steht geschrieben:

Am fünften Tag stellte Gott fest, dass ihm das, was er geschaffen hatte, nicht gefiel.
“Tiere", sprach er, “ihr habt doch ganz anders aussehen sollen!"
Und er ärgerte sich darüber, dass sie ihm misslungen waren. Ergriffen von seinem Zorn über die misslungenen Geschöpfe, ballte er die im Weltraum dahinschwebenden Gase und Körper zu einem gewaltigen Asteroiden zusammen und schleuderte ihn auf die Erde, so wie ein enttäuschtes Kind seine Sandburg zerstört, wenn es sieht, dass sie zum Untergang geweiht und zudem noch nicht so recht gelungen ist.
Die Kreaturen, die auf der Erde weilten, wussten nichts von Gottes Zorn. Sie waren vollkommen ahnungslos, bis sie eine zweite Sonne am Horizont aufgehen sahen, die auf die Erde hinabzustürzen schien.
Gleißendes Licht überflutete Wälder und Meere. Immer länger wurde der Feuerschweif, strahlte bereits fünfzigmal heller als die Sonne.
Die Tiere erblindeten beim Anblick des grellen Geschosses, hörten bloß den gewaltigen Aufprall, der die Erde erzittern und sämtliche Wälder in Flammen aufgehen ließ. Heißer Dampf quoll aus den Ozeanen und sammelte sich am Firmament..
Eine riesige Flutwelle türmte sich auf und umrundete mehrmals die Erde. In der Folge erschütterten gewaltige Explosionen die Ozeane und Kontinente. Vulkane brachen aus und schleuderten Magma aus dem Erdinneren heraus. Dampf- und Aschewolken, groß wie ganze Erdteile, ballen sich am Himmel zusammen und verdeckten für Monate die Sonne.
Unzählige Tiere starben. Manche erstickten, andere ertranken in den Flutwellen. Tausende von Arten verendeten nach und nach, weil sie die drastischen Klimaveränderungen nach der Katastrophe nicht ertragen konnten, oder weil ihre Nahrungsquellen vernichtet worden waren.
Doch noch während die Nachwirkungen des Asteroiden auf der Erde wüteten, erkannte Gott, wie töricht und ungehalten er gewesen war, denn er hatte Leben zerstört. Und so hässlich und unmöglich geformt es auch gewesen war, es war ein Teil Gottes, denn er hatte es geschaffen.
Reumütig sammelte Gott die wenigen Überlebenden der Kreaturen zusammen und setzte sie auf eine Insel, die von den Katastrophe weitestgehend verschont geblieben war.
“Es sei diese Insel euer Zufluchtsort", sprach er. “Alles ist euch hier gegeben, um zu überleben, Pflanzen und Wasser in Hülle und Fülle. Es wird euch hier an nichts fehlen. Doch ist diese Insel der einzige Ort, an dem es euch gestattet ist, in Frieden zu leben. Verlasst sie niemals, denn dort draußen, über dem Wasser, auf den Kontinenten, ist die Welt eine andere, als ihr sie kennt. Und sie wird auch nie wieder zu dem werden, was sie einmal war..."
Und Gott ließ die Kreaturen allein, um zu seiner Arbeit zurückzukehren, denn er musste neue Tiere erschaffen. Und er war viel zu beschäftigt, um den Grobentwürfen seiner Schöpfung auch nur eines Blickes zu würdigen.
Die meisten Kreaturen waren traurig, fügten sich aber ihrem Schicksal und lebten friedlich auf ihrer Insel. Doch es gab auch Wesen, die von dem Hass auf Gott zerfressen wurden. Dieser Hass wuchs von Tag zu Tag, Woche zu Woche und Jahr zu Jahr. Und die wütenden Kreaturen schwörten, an jedem neuen Wesen Gottes Rache zu nehmen, dafür, dass es ihren Platz auf Erden hatte einnehmen dürfen. Und sie wussten, dass irgendwann die Zeit kommen würde, die Insel, den schrecklichen Ort der Verbannung, zu verlassen, um in die Welt zu ziehen und Gerechtigkeit walten zu lassen, allüberall auf Erden...

Oktober 1943 / In der Nähe der Philippinen

Die Situation an Bord des ersten atomgetriebenen U-Bootes der Welt war relativ ruhig, als das Schiff 30 Meter unter der tobenden Wasseroberfläche Kurs auf Basilian Island nahm. Vor zwei Monaten in Bremerhafen in Dienst genommen und den verfeindeten Staaten sowie dem Großteil der eigenen Bevölkerung völlig unbekannt, besaß das U-Boot einen Kernreaktor zur Erzeugung des überhitzten Dampfes, der die zwei Turbinen und damit die beiden Wellen antrieb. Die Nautilus war nicht in Serie gebaut worden, sondern ein Einzelstück, ein Unikat. Und sie war im Versuchsstadium. Die Nationalsozialisten erhofften sich mit ihr eine positive Wende im U-Boot-Krieg. Nach den entmutigenden Niederlagen in Stalingrad und Afrika und der Kapitulation Italiens war es stetig bergab gegangen. Enigma war ebenfalls unbrauchbar geworden. Dabei galt diese Verschlüsselungsmaschine als die trickreichste und genialste, die jemals erbaut wurde. Sie sei so brillant, hatten sich die Konstrukteure gerühmt, dass ihr Code nicht einmal dann entziffert werden könne, wenn eine der Maschinen dem Feind in die Hände fiele. Das war recht glaubhaft erschienen. Denn Enigma besaß eine Tastatur mit 26 Buchstaben und ein Anzeigenfeld mit 26 Glühlampen. Tasten und Glühlampen wurden über einen komplizierten Stromkreis verbunden - und die Art der Verbindung wechselte mit jedem Tastendruck. Auf diese Weise ersetzte die Chiffriermaschine jeden Buchstaben des Alphabets gleich häufig mit jedem anderen. Funksprüche, die mit Enigma verschlüsselt worden waren, waren den gegnerischen Abhördiensten aufgefallen, gerade weil sie so unauffällig waren: Alle Buchstaben waren gleich oft vertreten. Vom Kriegsbeginn an hatten die Kryptologen in England über dem deutschen Code gebrütet: In Bletchley Park, einer herrschaftlichen Villa in der Nähe Londons, hatte die englische Regierung Mathematiker, Schachspieler und Militärs zum größten Entschlüsselungsprojekt aller Zeiten versammelt. Bald arbeiteten dort über 10.000 Menschen in eilig aus dem Boden gestampften Holzhütten. Um den großen Anforderungen gewachsen zu sein, hatten die Entschlüssler sogenannte Bomben entwickelt: ständig tickende Automaten, die alle Einstellmöglichkeiten von Enigma systematisch durchprobierten. Binnen weniger Stunden hatten diese Maschinen den Tagescode von Enigma geknackt. Und nun taten sie es täglich, um den Befehlen und weiteren Kriegsstrategien der Deutschen auf die Schliche zu kommen. Ein weiterer Rückschlag war die Einführung des Sonars bei der englischen U-Boot-Flotte vor wenigen Monaten gewesen. Diese hatte den deutschen Booten schwer zugesetzt. Zu viele waren aufgespürt und zerstört worden.
Die Nautilus war das erste deutsche U-Boot, das ebenfalls über ein Sonar verfügte, das man durch Industriespionage in England nach Deutschland gebracht hatte. Und durch eben diese wurde sie auch zum einzigen Atom-U-Boot auf der gesamten Welt. Sie übertrumpfte alle anderen Unterseeboote an Schnelligkeit und schaffte locker an die 30 Knoten unter und über Wasser, während der Feind zwischen fünf und fünfzehn Knoten langsamer war. Auch konnte der nur bis zu 130, höchstens 150 Meter tief tauchen, während die Nautilus noch in einer Tiefe von 500 Metern operieren konnte. Ein gewaltiger Vorteil, den sie in den letzten Wochen unter Beweis stellen sollte.
“Irgendwas im Sonar, Leutnant?", fragte Friedrich Semmel, der Kapitän der Nautilus.
Der Angesprochene lauschte in seine Kopfhörer, während er den flimmernden Monitor beobachtete, dessen Funktion darin bestand, den Unterschied zwischen dem Hintergrundgeräusch und einem in einer bestimmten Richtung befindlichen Objekt darzustellen. Jedes Objekt innerhalb der Reichweite erschien als helle Linie auf einen grauen Hintergrund.
“Viel Oberflächenaktivität durch den Sturm, sonst nichts, Kapitän."
“Gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Leitender Ingenieur, wie ist unser Waffenstatus?"
Der Erste Maschinist sah von seiner Konsole auf. “Zwei Torpedos feuerbereit auf Ihr Kommando, Kapitän."
“Gut."
Der Leutnant sah plötzlich von seinem Monitor auf. “Ich habe unser Objekt geortet, Kapitän. Die USS Crabbin."
Der Angesprochene fuhr herum. “Vorzüglich! Ihr kennt unseren Auftrag, Jungs. Ab jetzt gilt's. Navigator, zehn Grad nach oben!"
“Aye, aye."
Semmel registrierte die Ruhe an Bord mit äußerster Zufriedenheit. Er hatte mit seiner Mannschaft den Plan D schon tausendmal besprochen. Jeder auf der Nautilus wusste, was er zu tun hatte. Und das war gut so. Denn die Fracht, die die USS Crabbin mit sich führte, bedeutete Alarmstufe Rot für das nationalsozialistische Regime. Durch Zufall hatte man von diesem Transport erfahren, der aus neuentwickelten Waffen der USA bestand, die auf irgendeiner Insel der Philippinen in Stellung gebracht und gegen Deutschlands Verbündeten Japan eingesetzt werden sollten. Doch dazu sollte es laut Hitler und der NSDAP nicht kommen.
“Kapitän, die USS Crabbin ist jetzt noch 200 Meter voraus."
Semmel nickte. “Leitender Ingenieur, auf Sehrohrtiefe."
“Sehrohrteife, aye, aye."
Während das U-Boot emporstieg, drückte Semmel das Gesicht an den Gummiwulst des Periskops und starrte in die Dunkelheit. Das für Nachtsicht konzipierte Gerät zerlegte die Finsternis über der Wasserlinie in Grauschattierungen, doch der Sturm und die heran rollenden Wogen reduzierten die Sicht erheblich. Ein Blitz. Die tobende Sulusee war in helles Licht getaucht, und für einen kurzen Augenblick erblickte Semmel den Umriss des Frachters.

zwei Minuten später an Bord der USS Crabbin

Grollend entlud sich das tropische Gewitter über dem Ozean. Das Meer schlug hohe Wellen, die messerscharfen Schwertern gleich ineinander schlugen, sich sprengten, auftürmten und ihre Gischt, die einem Schauerregen gleich in den Himmel schoss, in den Wind streute. Die USS Crabbin wurde wie ein Papierboot hin und her geschleudert, trieb völlig ausgeliefert zwischen den Wellen. Das Wasser schlug mit all seiner Kraft, die es zu entwickelten im Stande war, gegen den Rumpf. Hohe Wellen stiegen empor, ihre Ausläufer überspülten das Deck. Grell zuckte ein Blitz durch die schwarzen Wolken, ein heftig krachender Donner folgte, der die Menschen an Bord kurz innehalten ließ und ihnen bei dem Anblick des tobenden Ozeans, der Welle um Welle, Gischt um Gischt aus sich heraus schleuderte, den Atem nahm.
Captain Matthew Cornon starrte müde in sein Whiskyglas. Nachdenklich fuhr er sich durch den vollen grauen Bart und über die von schwarzen Ringen und tiefen Falten umrandeten Augen. Dann schüttelte er den Kopf.
“Nein, Smith. Wir können nicht umkehren. Wir müssen Basilian Island erreichen."
“Aber Captain", wandte der Steuermann ein. “Es ist unmöglich, die Insel bei diesem Sturm anzulaufen..."
“Wenn ich jetzt umkehren würde, wäre ich ja blöd!", schrie Cornon. “Wir machen hier keine Spazierfahrt, Smith! Wir haben Krieg! Und wenn wir diese verfluchten Dinger, die unter meinen Füßen im Frachtraum liegen, nicht zum vereinbarten Termin nicht nach Basilian Island bringen, werden wir nicht nur 'nen Haufen Ärger kassieren, darauf können Sie Gift nehmen!"
“Meinetwegen", brummte Smith und starrte durch das Bullauge auf den zürnenden Ozean. “Das ist immer noch besser als Ersaufen."
“Es wird keiner ersaufen, verstanden?", brauste Cornon auf. “Wir werden es nach Basilian Island schaffen! Ist das jetzt endlich klar?"
Smith und Miller sahen sich vielsagend an.
“Wir können jeden Moment auf ein Riff auflaufen. Das Schiff ist kaum steuerbar. Bei dem Sturm ist das auch kein Wunder. Wir könnten doch Sabah anlaufen, bis sich das Gewitter gelegt hat..."
“Nichts da, Smith! Der Zeitplan wird eingehalten!", befahl Cornon unerbittlich.
Das Schiff wurde von einer gewaltigen Welle erfasst und hart zur Seite gerissen. Das Stampfen der Maschinen klang mühsam und schwerfällig aus der Tiefe des Schiffleibes. Von irgendwoher erscholl ein dumpfes Rumpeln.
Auf der Kommandobrücke waren alle Lichter eingeschaltet. Besorgt überprüfte Smith immer wieder die wichtigsten Skalen und Displays: Radarschirm, Echolot, Kompass. Er beugte sich zur Sprechanlage vor, seine Stimme war heiser vor Anspannung.
“Wir verlieren Druck auf beiden Maschinen, Captain. Wenn wir unter fünf Knoten abfallen, kann ich bei dieser Strömung und diesem Sturm den Kurs nach Basilian Island nicht mehr halten."
Er konnte den Maschinenraum nicht sehen, aber er konnte sich vorstellen, wie es da unten aussah. Der Ingenieur wischte sich mit dem Unterarm die Schweißperlen ab. Dabei hinterließ er auf der Stirn eine breite Spur von Schmieröl.
“Der Druck fällt!", rief er verzweifelt. “Wir tun, was wir können!"
Als schaurige Untermalung seiner Worte setzte hinter den Männern unvermittelt ein hartes, metallisches Rumpeln ein. Der Ingenieur und seine Crew standen wie erstarrt.
Die Drehzahl der Maschinen sank ab, begleitet von mahlenden und knirschenden Geräuschen, die den Männern durch Mark und Bein gingen. Ihre Blicke richteten sich wie gebannt auf die Anzeigegeräte, deren Zeiger den Nullpunkten entgegen sanken, als würden sie von unsichtbaren Kräften angezogen.
Auf der Brücke schrie Cornon in das Mikrofon der Sprechanlage.
“Holt das Letzte heraus! Die letzten Reserven!"
“Es gibt keine Reserven mehr", antwortete der Ingenieur dumpf.
Auf einmal verdunkelte sich das Licht. Die Lampen flackerten und erloschen im nächsten Moment vollends.
“Schaltet die Notstromversorgung ein!", brüllte der Captain.
Doch es blieb dunkel.
“Verdammte Scheiße!", fluchte Cornon. Einen Atemzug lang stand er da, als würde er kraftlos in sich zusammensinken. Dann rief er dem Unteroffizier zu: “Senden Sie SOS! Verbinden sie mich mit der Coast Guard und besorgen Sie mir dann eine Verbindung mit der Seenotstelle in San José! Dallidalli!"
Der Mann gehorchte, während Smith zum Hauptdeck hinaufrannte, die Signalfeuerpistole in den schweißnassen und zitternden Händen haltend. Er nahm jeweils drei Stufen mit einem Sprung, griff nach dem Geländer und zog sich aus dem Schacht, auf das sturmgepeitschte Deck hinaus. Gegen den schneidenden Wind und die eisige Gischt ankämpfend, die ihm in den Augen brannte, arbeitete er sich zur Reling vor, klammerte sich mit der linken Hand daran fest, während er die Signalpistole in der rechten anhob und den Lauf auf die über ihm dahinjagenden Wolken richtete.
Jäh drang ein urgewaltiges Kreischen und Knarren durch die Stille. Ein Ruck lief durch den Schiffsrumpf, als er an seiner Unterseite aufgeschlitzt wurde wie eine Sardinenbüchse.
Cornon und der Rest der Männer an Bord hielten sich fest. Am liebsten hätten sie sich die Ohren zugehalten, denn das Aufreißen des Rumpfes war ein grauenhaftes Geräusch.
“O mein Gott!", flüsterte der Captain.
An Deck drückte Smith auf den Abzug. Ein grelles Gleißen schoss hinaus in die Schwärze der Nacht.
Das Aufreißen des Rumpfes schien nicht enden zu wollen. Und dann, irgendwann in diesen Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit dehnten, geschah es: Ein deutscher Torpedo schoss aus der Tiefe des Ozeans herauf und zerfetzte das Heck der USS Crabbin. Der freigewordene Druck der Superwaffe schob das Schiff über das Riff hinüber, zurück in tieferes Wasser. Der Frachtraum wurde schier in der Luft zerrissen. Mit ihm ging die Fracht des Schiffes hoch. Eine gewaltige Explosion erschütterte den amerikanischen Frachter, der jeden Moment zu bersten drohte.
Smith schrie, als er den Halt verlor und über die Reling in die tosende See geschleudert wurde. Eisige Kälte empfing in. Nach Luft schnappend tauchte er wieder auf, den Blick fassungslos auf den Frachter gerichtet, der gleich der legendären Titanic in der Mitte durchbrach. Dort, wo einst der Maschinenraum gewesen war, schlugen hohe Flammen empor, Explosionen erschütterten Schiff und See.
Smith klammerte sich an eine aus dem Deck geborstene Planke und schwamm los, fort von dem Schiff, um dessen Sog zu entkommen, der es stetig nach unten zog. Und dann brachten die Wellen, die die USS Crabbin zischend überspülten und mit sich in die Tiefe rissen, endgültige Dunkelheit. Mit schrecklichem Getöse türmten sich die Wellen über das von Menschenhand erschaffene Gebilde, umschlossen es wie eine riesige Hand, die ein zerbrechliches Spielzeug umschließt und zerdrückt. Gurgelnd vergrub die auch noch weiterhin tobende See das Schiff unter sich und gab es nie wieder preis...

eine Viertelstunde später

Smith war viel zu erschöpft, um Erleichterung zu verspüren, als er körnigen Sand unter seinem Körper fühlte, festen Boden, über den die Ausläufer der Wellen leckten. Es war kalt und windig, der Mann fror am ganzen Leib, doch war er zu entkräftet, um aufzustehen und seine Kleidung auszuwringen und sich zu bewegen. Das einzige, wozu er fähig war, war zu hoffen, dass sein Signal gesehen worden war und dass man nach Überlebenden der Katastrophe suchen würde. Ein japanisches Schlachtschiff vielleicht, besser ein philippinisches Fischerboot.
Smith hörte hastende Schritte im Sand, die sich ihm rasch näherten. Erleichtert hob er den Kopf, sich einbildend, die Rettung sei bereits an Ort und Stelle. Er suchte den Strand nach Menschen ab, erblickte jedoch nicht einen. Das einzige, was er sah, war eine große schlanke Gestalt, haarlos und hässlich, die rasch auf ihn zukam. Als sie vor dem Mann stehen blieb, blickte Smith in die kalten Augen des Grauens hinauf. Und seine Schreie erfüllten die von Regen gepeitschte Nacht...

Sonntag, der 24.September 1998

Minto war ein idyllisches kleines Nest im Osten des US-Bundesstaates Pennsylvania. Die schmalen Straßen wurden zu beiden Seiten von mehreren Einfamilienhäusern und Gehöften gesäumt, nur in der gerade mal zweispurigen Main Street gab es vereinzelte Reihenhäuser, die meist kleinere Geschäfte beinhalteten: einen Bäcker, einen Metzger, einen kleinen Kiosk und ein Gemischtwarenladen, in dem man lebensnotwendige Artikel erstehen konnte. Außerdem gab es noch ein kleines Rathaus, eine weißgetünchte Kirche, die Anfang dieses Jahrhunderts gebaut worden war, und ein in der Regel unterbesetztes Hotel. Minto war weit davon entfernt, als “Stadt" bezeichnet zu werden. Es handelte sich lediglich um eine Ansammlung von Gehöften, die Getreide und Mais anbauten und vom Verkauf diverser Milchprodukte lebte. In den letzten paar Jahren waren lediglich einige Menschen zugezogen, die die Stadtluft nicht mehr ertragen konnten und sich nach einem ruhigen Leben auf dem Land sehnten. Und dementsprechend geschah in dem Dorf kaum etwas, was Aufsehen erregte.
Bis auf eine Sache...
Es war ein Sonntag, als es geschah. Die meisten Einwohner Mintos waren zur morgendlichen Messe in die Kirche gegangen. Demnach war es still in den Straßen, und nur selten hörte man einen Hund bellen oder eines der Rinder auf den Weiden blöken.
Auch im Haus der Phils war es still. Terry war allein. Der Elfjährige hatte sich mit einer Tasse dampfendheißem Kakao und einem Teller Gebäck auf der Wohnzimmercouch in eine Decke eingemummelt und schaute sich Men in Black an. Er kannte den Film inzwischen auswendig, so oft hatte er ihn schon gesehen. Aber Will Smith war einfach ein toller Typ und die eingängige Musik des Filmes ein echter Ohrwurm. Und vor Allem vertrieb er die lästige Langeweile, die Terry zu befallen drohte. Der Junge hockte auf der beigen Couch, zog die Beine an sich heran und schlang die Arme um seine Knie, während er amüsiert die Szene mit dem Alienbaby anschaute, diesem rosanen Geschöpf mit Tentakeln und mandelförmigen Augen, das in den Armen von Will Smith lag und zu ihm aufzublicken schien.
Terry nippte an seinem Kakao und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Seine Mum würde erst in einer knappen halben Stunde zurückkommen, wenn die Messe so lange dauern würde, wie sonst auch. Rachel Phils ging jeden Sonntag in die Kirche. Sie war sehr katholisch erzogen worden und ihrem Glauben über all die Jahre treu geblieben. Seit dem Tod von Terrys Vater schien es beinahe, als hätte sich ihre Gläubigkeit sogar noch gefestigt. Allerdings hatte sie ihren Sohn nie dazu gezwungen, sie zur Sonntagsmesse zu begleiten. Terry mochte Kirchen nicht und mit Gott wusste er recht wenig anzufangen. Seine Mutter akzeptierte seine Meinung ebenso, wie er ihre akzeptierte.
Browser, der große schwarze Labrador der Nachbarsfamilie, schlug an, und Terry drehte den Kopf, um aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße blicken zu können. Irgend jemand musste dort entlanggehen. Dem war auch so. Terry erkannte Ed Webber, den pensionierten Anwalt, der nun den kleinen Kiosk in der Main Street hatte. Der Mann lief leicht gebeugt, sein faltiges Gesicht erschien verknöchert und von beinahe grauer Farbe. Terry wusste nicht, wie alt Webber war, doch es hätte ihn nicht verwundert, wenn der Mann behaupten würde, hundertunddrei zu sein.
Allerdings war Ed Webber nicht interessant genug, um ihm so lange nachzuschauen, bis er aus Terrys Blickwinkel verschwinden würde, und so schenkte der Junge seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm. Er streckte seine rechte Hand nach dem Teller mit den Plätzchen aus und schob sich einen Butterkeks in den Mund.
In diesem Moment erscholl ein markerschütternder Schrei, und Terry fuhr erschrocken hoch. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er aus dem Fenster und ließ mit bleichem Gesicht seinen halbaufgegessenen Keks fallen, als er sah, was sich draußen abspielte.
Ed Webber lag am Straßenrand und versuchte verzweifelt, wieder auf die Füße zu kommen. Er schrie und schlug um sich. Auf seinem Rücken saßen zwei grüne Tiere, das eine hatte sich im Hals des Mannes, das andere in der zerschlissenen Jacke verbissen. Um den schreienden Webber herum standen noch drei weitere grüne Tiere. Sie waren recht groß, etwa wie ein Kind. Sie liefen auf den Hinterbeinen, die Vordergliedmaßen benutzten sie wie Arme. Sie sahen beinahe aus wie Kängurus, doch die Köpfe passten absolut nicht, denn sie waren massiger, sehr kantig und mit teilweise roten Kämmen versehen. Sie sahen aus wie die Köpfe von Echsen.
Die Wesen sprangen um und auf dem alten Mann herum, bissen ihm in die Arme und Beine, teilweise auch ins Gesicht, rissen tiefe, ausgefranste Wunden. Teilweise zerrten sie sogar ganze Fleischbrocken aus dem Körper des Mannes, der noch immer schrie und ungelenk nach den Biestern schlug, die jedoch geschickt auswichen.
Im Nachbarsgarten warf sich Browser laut bellend gegen den Zaun, seine Lefzen waren hochgezogen und sein kräftiges Gebiss entblößt. Der schwarze Labrador führte sich auf wie toll, dennoch nahmen die Echsen nicht einmal Notiz von ihm. Unverdrossen fuhren sie fort, den alten Webber zu attakieren.
Terry schien wie aus einer langen Trance zu erwachen. Nach den ersten Sekunden des Schocks raffte er sich auf und stürzte zum Fenster. Dabei zog er das Tablett von Tisch, das seine Mum benutzt hatte, um die Kekse zu backen. Noch dazu griff Terry nach dem Schürhaken, der neben dem Ofen stand. Er erreichte das Fenster und riss es auf.
“Mister Webber!", schrie er, während er sich mit dem Tablett und dem Haken aus dem Fenster lehnte. Heftig begann er, mit dem Haken auf das Metall einzuschlagen. Der dadurch produzierte Lärm ließ die grünen Tiere von dem alten Mann ablassen und verwirrt umherschauen.
“Haut ab!", schrie Terry und hämmerte noch heftiger auf das Tablett.
Die Tiere sahen ihn verwirrt an, nickten mit den Köpfen. Eines zischte sogar in seine Richtung. Dennoch wirkten sie verunsichert.
Terry schleuderte kurzentschlossen den Schürhaken nach ihnen und traf eines der Tiere an der Flanke. Das Wesen jaulte auf und sprang erschrocken zur Seite. Die anderen duckten sich und wichen zurück.
Terry nahm die Glasschüssel, die unter dem Fenster auf einem kleinen Vertiko stand, und warf auch sie nach den Tieren. Die Schüssel knallte vor den Füßen der Wesen auf den Asphalt und zersprang in tausend Stücke. Die Glassplitter flogen weit, trafen die Beine der Tiere und fügte ihnen die eine oder andere Wunde zu. Fiepend und zischend wichen die grünen Wesen zurück und ergriffen letztendlich die Flucht. Mit großen Sprüngen eilten sie davon und verschwanden im nahen Wald.
Terry sprang aus dem Fenster nach draußen und lief auf Ed Webber zu, der noch immer auf der Straße lag. Browser rannte pausenlos am Zaun des Nachbarsgarten hin und her und bellte wütend. Die dunklen Hundeaugen blitzten zornig auf und starrten in Richtung Wald.
Einen halben Meter von Webber entfernt blieb Terry stehen und sah zu dem Mann hinab, der mit dem Gesicht auf dem Asphalt lag.
“Mister Webber?" Sanft berührte der Junge den Verletzten an der Schulter und rüttelte ihn leicht. “Mister Webber?"
Doch der Mann regte sich nicht. Und als Terry ihn umdrehte, sah er in weitaufgerissene tote Augen...

am frühen Nachmittag
Minto

Terry bezweifelte, jemals zuvor in seinem Leben so viele Polizeiwagen auf einmal gesehen zu haben. Die gesamte Straße war erfüllt vom Sirenengeheul der Ambulanzwagen, dem Rauschen der Walkie-Talkies und dem Stimmengewirr der Menschen. Zwei Sanitäter schoben gerade die Trage, auf der der tote Ed Webber lag, in das Fahrzeug des Red Cross und verscheuchten unwillig eine Handvoll Reporter, die aus der Umgebung angereist war, um das Spektakel mitzuverfolgen. Polizeibeamte, egal ob in Uniform oder in Zivil, durchkämmten die Vorgärten und den nahen Waldesrand, suchten vergeblich nach Spuren, die Aufschluss über die Art des Angreifers gaben.
Terry stand neben dem leitenden Inspektor Gilbert, der gerade beobachtete, wie zwei Beamte die Silhouette des Leichnams mit Kreide deutlicher nachzogen. Beim Abtransport des Mannes waren die Konturen an einigen Stellen deutlich verwischt worden.
“Ich weiß, was für Tiere das gewesen sind", sagte der Junge, während er den Inspektor fest anblickte.
Gustavo Gilbert wandte den Blick von den Beamten ab und starrte Terry lange und ungläubig an.
“Du hast es gesehen?"
“Ja, Sir. Es waren Echsen. Grüne Echsen, die auf den Hinterbeinen liefen. Einige von ihnen hatten so komische rote Dinger auf den Köpfen..."
“Zweibeinige Eidechsen, ja?", wiederholte Gilbert, und man konnte deutlich den Spott aus seiner tiefen Stimme heraus hören.
“Ja, ich habe eines von ihnen gezeichnet." Der Junge hielt ein Bild in die Höhe.
Der Inspektor warf nur einen flüchtigen Blick darauf.
“Wohl zuviel Jurassic Park geguckt, was?", schnaubte Gilbert und machte eine abwertende Geste. “Los, geh' nach Hause, Junge, und lass uns in Ruhe arbeiten."
“Aber Sir!" Terry schnappte nach Luft. “Ich habe sie gesehen!" Er lief hinter dem Mann her, der sich von ihm abgewandt hatte und zu einem der Polizeiwagen hinüberging. “Sie sahen genau so aus, ich schwöre es!"
Der Inspektor fuhr unwirsch herum, seine Augen funkelten. “Ich habe gesagt, dass du verschwinden sollst! Na wird's bald?"
“Aber..."
Der stumm ausgestreckte Zeigefinger Gilberts, der die Straße hinabdeutete, war deutlich genug. Mit hängenden Schultern trottete Terry davon, während ihm der Inspektor kopfschüttelnd hinterhersah.
“Verrücktes Kind!", schnaubte er abfällig, während er in den Wagen einstieg und nach dem Funkgerät griff.

23.48 Uhr in Washington, D.C.

Es war fast Mitternacht. Die Luft war angenehm kühl, und eine leichte Brise strich über die Stadt hinweg. Trotz der späten Stunde pulsierte das Leben in Washington weiter, einer Metropole, die nie zur Ruhe kam. Die grellen Leuchtreklamen der Bars und Lokale in der G-Street im Südosten der Stadt blinkten einladend. Straßendirnen hingen in dunklen Hauseingängen herum, traten ein, zwei Schritte vor, wenn einer vorbeikam, von dem sie sich ein paar schnelle Dollars für eine schnelle, gefühllose Nummer erhofften, Geld für Schnaps oder einen Druck Heroin. Zigarettenspitzen, die wie Glühwürmchen im Dunkel aufblitzten. Ein paar angetrunkene Jugendliche, die laut schwätzend und lachend über den Bürgersteig schlenderten. Ein schief an der Hauswand lehnender Betrunkener, der seinen Rausch im Schmutz der Straße ausschlief. Inder, Mexikaner, Schwarze, genau war das im diffusen Licht der Straße nicht auszumachen, redeten wild gestikulierend aufeinander ein. Hütchenspieler knieten vor einer matterleuchteten Tür, umringt von zehn Männern, und spielten ihr betrügerisches Spiel - skrupellose Gauner, die immer gewannen. Dauernd wurden arglose Touristen in Hofeingängen gefunden, niedergestochen, auf brutalste Weise ermordet, nur weil sie sich über die zweifelhaften Methoden dieses Spiels beschwert hatten. Zwei Streifenpolizisten bewegten sich gemächlich die Straße entlang, die Blicke stur geradeaus gerichtet. Denn nachts waren in Washington auch die Polizisten nicht frei von Angst.
Zwei Gestalten in langen dunklen Trenchcoats bogen in die 4th Street, die bis zur Virginia Avenue verlief. In dieser Gegend begann das Leben immer erst Nachts. Wenn woanders die Menschen schliefen, kamen sie hier aus ihren Löchern gekrochen und schwärmten durch die Straßen. Huren, Freier, Transvestiten, kriminelle Subjekte, Individuen, die sich nur im schützenden Mantel der Nacht sicher fühlten. Kaum eine Nacht ohne Messerstecherei, wüste Schlägereien oder sogar Tote. Tote, oft kaum gekannt, von irgendwoher gekommen und hier zur Hölle gefahren, weil sie die Spielregeln in diesem Viertel nicht beachtet hatten. Tote, deren Namen keine Zeitung druckte, die von keiner Polizei registriert wurden, die in keiner Statistik auftauchten. Tote, die mit Beton an den Füßen im Potomac versenkt wurden. Tote, die scheinbar nie existiert hatten.
Die Beiden im Trenchcoat gingen mit gemäßigten Schritten die Straße entlang, die sanft zur Verginia Avenue hin abfiel. Die größere Gestalt blickte sich ununterbrochen um, eine Mischung aus Vorahnung und Spannung in den haselnussbraunen Augen. Unter einer Straßenlaterne wurden die Gesichtszüge deutlich. Es war ein einsfünfundachtzig Meter großer Mann mit dunklem Haar, an dem die kühle Abendbrise zerrte. Unter dem nachtschwarzen Mantel trug er einen mausgrauen Anzug mit blütendweißem Hemd und perfekt sitzender dunkelblauer Krawatte. Sein Gesicht wies weiche Züge auf, eigentlich viel zu weich, um einen Bundesagenten in diesem Mann zu erkennen, dennoch vermittelte er ein Bild von Professionalität. Sein Blick war wissend und wachsam zugleich, seine Bewegungen geschmeidig und flink. Trotz seine Größe erschien der Mann äußerst wendig. Als der Wind seinen Mantel blähte, konnte man deutlich den im Hüftholster aufblitzenden Griff einer Smith & Wesson erkennen.
Die Gestalt neben ihm war einen ganzen Kopf kleiner. Die einssechzig große schlanke Frau trug ein dunkles Kostüm mit passender Bluse unter ihrem marineblauen Mantel. Ihr schulterlanges rotbraunes Haar wippte bei jedem Schritt und ihre graublauen Augen musterten ihren Begleiter mit unverholener Verärgerung.
“Sie sind total verrückt, Mulder!", schleuderte sie ihm ungehalten entgegen. “Was bringt Sie dazu, Jake Harvin ausgerechnet in diesem... diesem Drecksloch zu vermuten?"
“Menschen umgeben sich gerne mit den Dingen, die ihnen ähneln, Scully", versuchte er zu ulken. Sein Lächeln verschwand jedoch, als ihn ihr vorwurfsvoller Blick streifte. Er räusperte sich und fuhr in seriösem und ernsthaftem Ton fort: “Ich habe in seiner Wohnung die Adresse eines hier ansässigen Lokales gefunden. Auf dem Zettel standen noch ein paar Zeilen, außerdem der Name Alan Sherim, der übrigens der Inhaber dieser Spelunke ist. Es schien, als sei er ein guter Freund von Harvin... - Außerdem, wer würde ihn hier schon suchen?"
“Idioten wie wir?", vermutete sie mit einer kräftigen Prise Zynismus.
Mulder schüttelte verständnislos den Kopf. “Was ist heute bloß mit Ihnen, Scully? Das Fluchen überlassen Sie doch sonst immer meiner Wenigkeit..."
“Wenn Ihre Wenigkeit allerdings mal wieder auf die verrücktesten Gedanken kommt, kann ich mich nicht zurückhalten! Das hier ist das kriminellste und heruntergekommenste Viertel der gesamten Stadt, und ausgerechnet hier müssen Sie die sprichwörtlichen Stecknadeln im Heuhaufen suchen!"
“Wenn ich es nicht tue, wer dann?", entgegnete er und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach vorn. “Da ist es. Das Sinner's Inn."
“Genau so habe ich mir das Ding vorgestellt!", zischte sie. “Der beste Ort, um kurz nach Mitternacht die Kehle durchgeschnitten zu bekommen!"
Wahrlich machte das Gebäude keinen besonders Vertrauen erweckenden Eindruck - so wie all die Gebäude dieses Stadtviertels. Links und rechts des alten Backsteinbaus lagen zwei leere Läden, von denen einer halbzerstört zu sein schien. Die beiden Schaufenster waren eingeworfen worden, Glasscherben lagen überall auf dem ohnehin stark verschmutzten Gehsteig. Vor dem anderen Laden türmten sich verbeulte Mülltonnen übereinander, die teilweise schon gerostet waren. Eine fette Ratte huschte zwischen den Tonnen hindurch und verschwand um die Ecke in einer dunklen Seitengasse.
Das Sinner's Inn selbst war ebenso heruntergekommen, wie die Läden - bloß dass eine flimmernde Leuchtreklame wenigstens Ansätze von menschlichem Leben anzeigte. Das Gebäude aus Backstein und Kieselbeton hatte ein halbzerfallenes Schindeldach und altmodische Erkerfenster, die mehr an die eines Kerkers als an die eines Hauses erinnerten.
Mulder blieb vor der alten verwitterten Eichentür stehen und starrte sie unschlüssig an. Dann versuchte er, durch die verrauchten Fensterscheiben ins Innere des Gebäudes zu blicken. Vergeblich. In dem milchigen Blau konnte er nur schemenhaft den Tanz von Licht und Schatten ausmachen, aber keine Personen erkennen.
“Ich bin sicher, dass er da drin ist!", brummte er und starrte lauernd auf die Tür, so als würde sie sich jede Sekunde öffnen.
Scully neben ihm seufzte bloß. “Mulder, das hier ist eine Sackgasse, glauben Sie mir!"
“Ich bin anderer Auffassung", entgegnete er und suchte die Fassade mit geübtem Auge ab.
“Wie immer", sagte sie mit spöttischem Blick und verschränkte die Arme vor der Brust. Widerwillig betrachtete sie das zwielichtige Gebäude, das ihr tiefstes Unwohlsein entlockte. Nicht einmal mit Latexhandschuhen würde sie das Sinner's Inn berühren. Angeekelt betrachtete sie das Wandstück rechts von ihr, wo mehrere Kakerlaken die Regenrinne emporkrochen. Angewidert wandte sie den Blick ab und ließ ihn weiter nach rechts wandern, bis zu der kleinen Nebengasse, die neben dem Gebäude verlief und in die Dunkelheit führte.
Sie streckte den Arm aus und tastete nach seinem Rücken.
“Mulder?"
Sie zupfte heftig an seinem Mantel, und ihr Partner drehte sich mit fragendem Blick um. Sie wies in die Gasse.
“Dort steht Harvins Wagen."
Mulder erkannte den verbeulten grünen Pick-Up sofort. Seine Augen blitzten hell im Dunkel der Nacht auf. Sein Instinkt hatte ihn mal wieder nicht getäuscht! Er fuhr herum und trat an die Tür. Mit der Faust schlug er dreimal gegen das feuchte Holz.
“FBI, öffnen Sie unverzüglich die Tür!", donnerte er, seine sonst so angenehme gemessene Stimme nahm einen autoritären Ton an, der keinen Widerstand duldete. Er hämmerte erneut gegen die Tür, um anschließend ins Innere des Gebäudes zu lauschen.
Nichts regte sich.
“Wenn Sie nicht öffnen, werden wir gewaltsam eindringen!"
Keine Reaktion.
Bevor Scully auch nur die Stimme erheben konnte, hatte sich Mulder schon mit voller Wucht gegen die Tür geworfen. Die rostigen Angeln gaben unter einem ohrenbetäubenden Quietschen nach, und die Eichentür schwang ins Innere des Gebäudes.
Es war leer.
Nur karge Reste zeugten noch von der einstmaligen Kneipe: eine heruntergekommene Theke stand am anderen Ende des Raumes, daneben waren ein paar Tische und Stühle gestapelt. Der mit Holzplanken bedeckte Boden war von unzähligen Schuhen belaufen worden und wirkte stumpf und morsch. Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke herab und spendete spärliches Licht.
“Hier ist niemand", stellte Scully nüchtern fest.
Mulder schüttelte unwillig den Kopf. “Hier muss jemand sein!"
Sie sah schweigend zu, wie er den Raum durchkämmte, hinter die Theke schaute und zur Hintertür hinausspähte. Doch er blieb erfolglos.
“Ich begreife das nicht", murmelte er, und Scully konnte Enttäuschung in seinen Augen lesen. Der Jäger war auf eine falsche Fährte geraten.
In diesem Moment spürte sie einen Arm, der sich fest um ihren Hals legte. Sie riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Im Rücken spürte sie deutlich den Lauf einer Pistole, der sich in ihre Wirbelsäule zu bohren schien. Fast gleichzeitig fuhr Mulder herum und starrte den Mann mit der Skimaske an.
“Nehmen Sie hübsch die Pfötchen hoch, Sie verflixter Bulle, sonst passiert Ihrer liebreizenden Begleitung etwas!", bellte der Mann. “Na wird's bald!"
Mulders Hand, die nach der Waffe im Hüftholster hatte greifen wollen, zuckte zurück. Er starrte den Fremden an, der den Lauf seiner Pistole nun an Scullys Hals hielt.
“Hände hoch!", kommandierte er.
Mulder gehorchte. Langsam hob er beide Hände an. Bloß nichts überstürzen. Ganz ruhig bleiben...
Zwei weitere Männer erschienen im Raum. Auch sie trugen Skimasken, und in ihren Händen hielten sie Baseballschläger. Auf ein Kopfnicken des anderen hin näherten sie sich dem regungslos dastehenden Mulder.
“Es war ein Fehler von Ihnen, hierher zu kommen!", sagte der hinter Scully mit drohendem Ton. “Ein großer Fehler!"
Die Augen des Agenten funkelten wütend. “Wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind, wieso nehmen Sie dann nicht endlich Ihre lächerliche Maske ab, Harvin?"
Jake Harvin grinste. “Sie haben mich also erkannt? Nun, dann hat meine Verkleidung wirklich keinen Sinn mehr." Er lockerte den Griff um Scullys Hals, hielt seine Pistole jedoch weiterhin in Position. Mit der nun frei gewordenen Hand zog er sich die Maske vom Kopf, und Mulder sah für kurze Zeit die wohlvertrauten Züge des Mannes. Schon im nächsten Moment war der jedoch aus dem Blickfeld des Agenten verschwunden. Mit einem erstickten Schrei sank er zu Boden. Scully hatte in keinster Weise vergessen, was man ihr in Bezug auf Kampfsport in Quantico beigebracht hatte. Die Pistole war aus Harvins Hand gefallen und über den stumpfen Boden in Richtung Theke geschlittert.
Mulder reagierte blitzschnell. Bevor einer der beiden Schläger die Chance erhielt, ihm eins mit seiner Waffe überzuziehen, fuhr er herum und wehrte den Baseballschläger des einen mit dem Unterarm ab, ehe er dem anderen die geballte Faust ins Gesicht katapultierte. Die Augen hinter der Maske blitzten in flüchtiger Überraschung auf, dann verdrehten sie sich. Mulder schlug ein zweites Mal zu, und der Angreifer sank stöhnend zu Boden.
Inzwischen hatte sich der andere erneut auf den Agenten gestürzt, sein Schlag traf Mulder mit der Wucht eines Omnibusses auf die Schulter. Einen Moment lang schien es, als würde er unter dem schweren Hieb zu Boden gehen, doch schon einen Sekundenbruchteil später wich der Schmerz der unbändigen Wut. Während der Schläger ein zweites Mal ausholte, packte Mulder mit der rechten Hand einen alten gusseisernen Stieltopf, der auf der Theke stand. Mit der Wendigkeit einer Raubkatze wich er dem Baseballschläger aus, bevor er den Topf gegen den Schädel des Angreifers donnern ließ. Der taumelte unter dem pochenden Schmerz, der seine Schläfe zu betäuben schien, und brach schließlich mit einem heiseren Röcheln zusammen.
Mulder vergewisserte sich mit einem flüchtigen Blick, dass die beiden Kumpane Harvins auch wirklich außer Gefecht waren, bevor er sich nach seiner Partnerin umwandte.
“Scully? Ist alles in Ordnung?"
Sie hatte Jake Harvin bereits Handschellen verpasst und erhob sich seufzend vom Boden. “Ja, ich bin okay."
Er rieb sich die schmerzende Schulter, doch seinen Lippen gelang es dennoch, sich zu einem Lächeln zu verziehen.
“Sehen Sie, ich hatte mal wieder Recht! Sie geben einen aus!"

am folgenden Tag
Washington, D.C.

Als die Ampel auf Grün umsprang, heulte der Motor des alten Busses auf und das Vehikel fuhr an. Terry starrte regungslos aus dem Fenster auf die amerikanische Hauptstadt hinaus. Der Bus schnurrte die National Mall entlang. Rechts konnte Terry das Weiße Haus sehen, weiter vorne erhob sich das berühmte Washington Monument. Bei einer Reise in die Hauptstadt schien eine Stadtrundfahrt mit dem Bus mit inbegriffen zu sein.
Am Morgen, als er die Zeitung durchgeblättert hatte, um etwas über den Todesfall von Ed Webber zu lesen, war er auf einen Bericht über eine Vorlesung in Massachusetts gestoßen, in der ein gewisser Fox Mulder als Gastdozent über paranormale Phänomene geredet hatte. Der Journalist, der den Bericht verfasst hatte, hatte nicht mit abfälligen Kommentaren in Bezug auf diesen Mann gespart, im Gegenteil. Er hatte erwähnt, dass Fox Mulder “grünen Männchen" hinterherjage und dass mit ihm der Beweis erbracht wäre, dass “das FBI nicht ernst zu nehmen" sei. Er hatte außerdem geschrieben, dass sich Mulder besonders mit Geschichten über “Monster und Geister" beschäftigte und ihnen gegenüber sogar ein großes Interesse zeige. Terry hatte sofort gewusst: das war sein Mann! Vielleicht der einzige, der ihm Glauben schenken würde.
Er hatte sich kurzentschlossen in den Bus gesetzt und war in die Hauptstadt gefahren, die nur etwa zwanzig Minuten von Minto entfernt lag. Der Bus würde am Jefferson Denkmal halten, und Terry würde sich von dort aus auf den Weg zum J. Edgar Hoover Gebäude machen, der Zentrale des Federal Bureau of Investigation - allerdings nicht ohne ein deftiges Mittagessen. Terry knurrte erbärmlich der Magen. Doch er war sicher, dass er in der Nähe des Denkmals einen Imbiss finden würde...

etwas später im “Guinnes"
Jefferson Memorial

Special Agent Fox Mulder seufzte schwer und schloss für einige Sekunden die Augen. Halbherzig massierte er seine Stirn, wobei er sich einbildete, dass diese kochend heiß sei und sein Kopf jeden Moment einem überhitzten Dampfkessel gleich platzen müsse. Seine Schulter schmerzte noch von der Begegnung mit dem Baseballschläger in der gestrigen Nacht. Jesus, langsam drohte das Fass wirklich überzulaufen.
“Geht es dir nicht gut?"
Die mitfühlende Stimme Rosis ließ ihn den Kopf anheben. Die junge Kellnerin blickte in die ihr wohlbekannten sanften Augen ihres langjährigen Bekannten, registrierte dessen Müdigkeit und einen Hauch Wehmut. Sie ließ den feuchten Lappen, mit dem sie den Tresen abgewischt hatte, auf den Tisch fallen und setzte sich ihm gegenüber.
“Meine Güte, du siehst aus, als hättest du drei Tage lang nicht geschlafen."
“Genauso fühle ich mich auch", murmelte er, und sie hörte wohl den Zynismus aus seiner Stimme heraus. Er nahm einen Schluck aus seinem Bierglas und starrte auf den Park hinab. Das “Guinnes" war ein kleiner Imbiss am Ufer des Potomac, unweit des Jefferson Memorials. Allerdings hatte es der Inhaber gut verstanden, seinen Imbiss einigermaßen attraktiv zu gestalten. Die offene Terasse, auf der eine Ansammlung von weißen Tischen aus Holzimitaten stand, war von mehreren Säulen umschlossen, um die man Blumentöpfe mit diversen Gewächsen gestellt hatte. Die ruhige Lage und der malerische Ausblick auf den Park, die Gedenkstätte und den gemächlich dahinfließenden Strom machten das “Guinnes" zu einem wahren Idyll.
“Ich glaube, ich brauche dringend Urlaub", murmelte Mulder. “In letzter Zeit wächst mir einfach alles über den Kopf..."
“Hast du wieder Ärger mit dem glatzköpfigem Miesepeter, Mulder?", erkündigte sich Rosi, ohne zu bemerken, dass ein knapp elfjähriger Junge, der unweit von ihnen an einem der Tische saß, bei dem Namen Mulder ruckartig den Kopf hochriss.
Der Agent hob die rechte Hand. “Wenn es bloß nur das wäre!", knurrte er.
Rosi schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, während sie aufstand. “Keep smiling, old boy", witzelte sie. “Ich bringe dir noch ein Bier, okay?"
“Lieber eine Zitronenlimonade." Mulder grinste voller Ironie. “Ich bin noch im Dienst."
“Wie du möchtest." Rosi entschwand mit fliegenden Haaren in Richtung Tresen.
Sie war noch nicht lange fort, als Mulder Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um und blinzelte verwirrt, als er den Jungen sah, der mit fragendem Blick hinter ihm stand.
“Sie sind Agent Mulder?", fragte der Junge und blickte den Mann mit einer Mischung aus Neugierde und Respekt an.
Mulder nickte langsam. “Ja, wieso?"
Der Junge deutete auf den freien Stuhl an Mulders Tisch.
“Darf ich mich setzen?"
Der Agent zuckte mit den Schultern. “Tu dir keinen Zwang an."
Er beobachtete seinen unverhofften Besucher, der sich setzte und ihn nervös musterte. Er wirkte irgendwie verstört.
“Ich heiße Terry Phils", sagte der Junge. “Ich komme aus Minto."
Mulder streckte ihm die Hand hin. “Schön, dich kennen zu lernen, Terry. Ich bin Fox Mulder." Er grinste, als er den scheuen Blick des Jungen bemerkte, als er dem Agenten die Hand schüttelte - und auch das nur leicht. “Du kannst mich ruhig Fox nennen", fügte Mulder demnach hinzu, um Terry die Angst zu nehmen.
“Gerne.... - Fox."
Terry betrachtete den Agenten neugierig. Mulder war jünger, als er es sich vorgestellt hatte. Er hatte ein glattes faltenloses Gesicht, aufmerksame und intelligent dreinblickende haselnussbraune Augen und widerspenstiges dunkelbraunes Haar. Er musste Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein, schätzte Terry. Der freundliche Blick und seine angenehme ruhige Stimme machten Mulder auf Anhieb sympatisch und ließen Terrys anfängliche Furcht verfliegen. Der Agent entsprach in keinem Punkt dem Bild des Verrückten, das die Morgenzeitung von ihm angefertigt hatte.
“Ich bin extra nach Washington gefahren, um mit Ihnen zu sprechen", sagte er. Terry rutschte auf dem Stuhl zurecht und blickte seinen Gegenüber mit festem Blick an. “Weil Sie wahrscheinlich der Einzige sind, der mir glaubt."
Mulder blinzelte. “Soll das heißen, dass du alleine hier bist, ohne deine Eltern?"
Terry nickte.
“Und deine Eltern - die wissen davon?"
“Nein." Als Terry den vorwurfsvollen Blick des Agenten bemerkte, fügte er hastig hinzu: “Aber es ist wichtig. Ich musste kommen."
“Deine Mum und dein Dad werden nach dir suchen."
“Mein Dad lebt schon lange nicht mehr. Und meine Mum ist berufstätig. Sie kommt erst in einer Stunde nach Hause", erwiderte Terry ruhig.
Mulder blickte auf die Uhr. “Bis der nächste Bus kommt ist es dunkel. Und Washington ist selbst bei Tag kein sicheres Pflaster. Ich werde dich lieber nach Hause fahren..."
“Aber zuvor muss ich mit Ihnen reden!", beharrte Terry.
In diesem Moment kam Rosi mit der Zitronenlimonade. Sie blickte verwirrt auf Terry hinab.
“Wer ist denn dieser junge Bursche?"
“Terry Phils aus Minto." Mulder grinste. “Bringe ihm doch bitte auch eine Limonade, Rosi."
Terry schnappte nach Luft. Das bedeutete, dass sich der Agent Zeit für ihn nehmen würde! Erleichtert und entspannt lehnte er sich in seinem Korbstuhl zurück, während Rosi kurz nickte und dann wieder verschwand.
Mulder sah den Jungen auffordernd an. “Okay, dann schieß los."
Terry nickte. “Wie ich schon gesagt habe, ich komme aus Minto. Und da ist gestern ein Mann gestorben. Er hieß Ed Webber und war früher Anwalt, ein sehr guter sogar, sagt Mum. Er war schon ziemlich alt. Jedenfalls sah er so aus."
“Und du kanntest diesen Mann gut?", fragte Mulder.
“Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe gesehen, wie er gestorben ist." Terry machte eine kurze Pause und sah den Agenten beschwörend an, bevor er ein gefaltetes Blatt Papier auf den Tisch legte. “Wissen Sie vielleicht, was für ein Tier das sein könnte?"
Mulder runzelte die Stirn, griff nach dem Blatt und faltete es auseinander. Mit Filzstift war ein Bild darauf gemalt worden. Und das sogar recht ordentlich für einen elfjährigen Jungen.
“Hast du das gemalt?" Er tippte auf das Blatt und hob interessiert die Augenbrauen.
Terry nickte. “Ja, das war das Tier, das Webber umgebracht hat. Genau gesagt waren es sogar fünf Tiere. Sie haben ihn angegriffen und überall gebissen."
Mulder besah sich erneut das Bild, registrierte die detailvoll gezeichnete Gestalt und knabberte nachdenklich an seiner Unterlippe. Das Tier, das Terrys Bild zeigte, war haarlos und zweibeinig mit langen schmalen Vorderläufen und einem Echsenkopf mit spitzen Zähnen im leicht geöffneten Maul. Die Augen erinnerten an die von Schlangen, die klauenbewehrten Füße des Tieres sahen aus wie die eines großen Vogels.
“Du bist sicherlich sehr gut in Kunst", bemerkte Mulder lächelnd. “Aber bist du sicher, dass das Tier genau so aussah?"
“Absolut sicher", erwiderte Terry ruhig. “Ich habe sie gesehen, nachdem ich zum Fenster gelaufen war und hinausgeschaut habe. Sie waren etwa so groß." Der Junge hielt die Hand etwa hundertdreißig Zentimeter über dem Boden. “Sie hatten Webber umzingelt und bissen ihn ständig. Ich habe sie dann mit einem Schürhaken vertrieben, aber es war scheinbar zu spät. Als die Tiere weg waren, und ich zu Webber ging, war er schon tot. Dabei hatte er keine wirklich große Wunde oder so, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber da, wo er geblutet hat, war überall so weißes Zeug. Ich habe es nicht angefasst, weil es so gestunken hat. Und als die Polizei kam und mich fragte, was ich gesehen hatte, glaubten sie mir nicht. Sie sagten, so Tiere wie auf meinem Bild gäbe es nicht. Ich hätte mir zu oft Jurassic Park angesehen." Terry machte eine abfällige Handbewewegung. “Jedenfalls habe ich dann heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass Webber von einem Hund angefallen worden sei. Aber der einzige Hund, der bei uns in der Straße wohnt, ist Browser. Und der würde nie einen Menschen anfallen. Außerdem habe ich diese Tiere da gesehen. Ich habe mir das nicht eingebildet."
“Wie ein Vieh aus Jurassic Park sieht das da allerdings aus", sagte Mulder und deutete auf die Zeichnung. “Wie ein richtiger Dinosaurier."
Terry zuckte mit den Schultern. “Es sieht so aus, wie ich es gesehen habe."
“Würdest du das schwören?"
Terry hob mit ernstem Gesichtsausdruck die Hand. “Bei meinem Leben, ich lüge nicht. Ich habe Der Klient im Fernsehn gesehen und weiß, dass man das FBI nicht belügen darf, weil man bestraft wird, wenn rauskommt, dass man es doch getan hat." Terry sah den Agenten mit einem direkt flehenden Blick an. “Bitte, Sie müssen mir glauben! Ed Webber ist nicht der Einzige, der in den letzten Wochen umgekommen ist. Zwei Kinder sind gestorben. Ich habe eines davon in der Zeitung gesehen, es hatte ähnliche Wunden wie Ed. Bei ihm handelte es sich angeblich um einen Angriff eines Wolfs. Unsere Wohngegend grenzt direkt an einen Wald, müssen Sie wissen. Aber ich habe darin noch nie Wölfe gesehen..."
Mulder hatte während den letzten Sätzen des Jungen merklich die Augenbrauen gehoben.
“Bitte", sagte Terry verzweifelt. “Es ist so ein schreckliches Gefühl, wenn man weiß, dass einem niemand glaubt, obwohl man die Wahrheit sagt, verstehen Sie das?"
Mulder blinzelte kurz. “Ja", sagte er langsam. “Ich weiß, wie das ist, Terry..." Und nach einer kurzen Pause: “Ich werde dich zusammen mit meiner Partnerin nach Hause fahren, okay? Und bei der Gelegenheit werden wir uns mal ein wenig umsehen und mit der Polizei reden."
Terry lächelte. “Danke... Fox."
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