Riverghost by Sam23
Summary: Mulder und Scully untersuchen einen Fall, der sie mal wieder in die Tiefen der Wildnis führt und lebensgefährlich wird.
Categories: NoRomo Characters: Dana Scully, Fox Mulder
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Friendship, General, Mystery, X-File
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 2 Completed: Ja Word count: 9401 Read: 1708 Published: 20 Mar 2012 Updated: 20 Mar 2012

1. Kapitel 1 by Sam23

2. Kapitel 2 by Sam23

Kapitel 1 by Sam23
Shenandoah National Park, 2. September 1999, 19:15


Durch die staubbedeckten Fenster fiel für eine Sekunde grelles Licht und zauberte bizarre Muster auf den Boden und die Wand auf der anderen Seite des Zimmers. Die wenigen Möbel, die auf dem ebenfalls staubbedeckten Holzboden standen, waren schon vor langer Zeit mit Plastikplanen abgedeckt worden. Nahe der Tür wurde der Staub auf dem Boden von vereinzelten Luftströmungen aufgewirbelt, die unter der dicken Holztür hindurch drangen. An der Wand hing der ausgestopfte Schädel eines zähnefletschenden Wolfs und direkt darunter, um ganz deutlich zu machen, wie das Tier an der Wand gelandet war, thronte ein altes Jagdgewehr. Als hätten der Staub nicht deutlich genug darauf hingewiesen, dass hier seit Jahren niemand mehr gewesen war, hing in der Luft auch noch der dumpfe Geruch des Alters.

Der Staub an der Tür wurde wild durcheinandergewirbelt, als eine Windböe gegen die Tür fegte. Regen prasselte auf das Holzdach und verursachte in dem verlassenen Raum das erste laute Geräusch seit Wochen. Der Wind wurde stärker und rüttelte an den Fenstern, ein wildes Heulen überdeckte für einen Moment das Prasseln der Regentropfen.

Der Staub an der Tür begann sich zu kräuseln und plötzlich waren Schritte zu hören. Hastige Schritte, die sich dem Eingang näherten. Wie in Panik stob der Staub auseinander, als die dicke Eichentür aufgestoßen wurde. Wassertropfen wurden auf den Boden geschleudert und vermischten sich mit dem Staub. Die Plane über dem altmodischen Sessel in der Mitte des Zimmers flatterte aufgeregt im Wind. Eine Gestalt taumelte in das Zimmer und beendete die Leere, die dort seit Monaten geherrscht hatte. Das Gesicht war von nassen Haaren bedeckt und ihr Atem ging rasselnd. Die Gestalt trug einen blauen Regenparka, der jedoch am Rücken zerfetzt war. Die Gestalt wirbelte herum und ihre grauen Augen huschten angstvoll durch den Raum. Dann trat sie an die Tür und lauschte. Ihr eigener Atem erschwerte ihr dieses Vorhaben und sie versuchte sich dazu zu zwingen, flacher zu atmen. Doch ihre Lungen schrieen geradezu nach Sauerstoff und forderten mit einem stechenden Schmerz ihr Recht. Statt weiter an der Tür zu lauschen, trat die Gestalt ans Fenster und wischte mit dem Ärmel ihrer Jacke etwas Staub von der Scheibe. Die Welt draußen war grau, durchzogen von schnurartigen Regenschlieren. Maggie McFarlane kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf den Bereich, in dem der Fluss liegen musste. Schließlich sank sie erschöpft in die Knie und schloss zitternd die Augen. „Der Fluss ist weit weg, hier kann mir nichts mehr passieren . . .“, flüsterte sie, um sich selbst zu beruhigen. Ein Blitz erhellte für kurze Zeit die Dämmerung und durch das Fenster zeichnete sich der Schatten einer massigen Gestalt ab. Maggie McFarlane schrie, doch der Donner verschluckte ihre Laute und das grelle Splittern der Glasscheibe . . .



Shenandoah National Park, 7. September 1999, 14:30


Dana Scully versuchte mit einer Handbewegung die lästigen Insekten zu verscheuchen, die seit ihrer Ankunft in Virginia um ihren Kopf herumschwirrten und nur darauf warteten, eine Lücke in ihrer Deckung auszunutzen. Scully warf einen kurzen Blick hinüber zu ihrem Partner, der mit gerunzelter Stirn eine Landkarte studierte. Warum griffen diese Biester ihn nicht an?, fragte sich Scully und stieß wütend die Luft aus, als ein Blutsauger an ihrem Ohr vorbeisummte. Scully hatte kein gutes Gefühl bei diesem Fall, was wahrscheinlich daran lag, das bisher jeder Ausflug in die Wildnis für sie und ihren Partner in einer Katastrophe geendet hatte: Sie hatten sich verlaufen, hatten im seichten See-Wasser stundenlang auf Rettung gewartet, waren von Killer-Insekten angegriffen worden und von einer besonders hungrigen Pilzart beinahe bei lebendigem Leibe verspeist worden. „Die Natur hat etwas gegen uns“, murmelte Scully und wie zur Bestätigung ihrer Worte fielen die ersten Regentropfen auf ihren Parka. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte ungeduldig zu Mulder hinüber. „Und?“

„Ich denke, ich hab’s“, murmelte er ohne von seiner Karte aufzusehen.

„Wir hätten doch jemanden von der Forstbehörde mitnehmen sollen, Mulder.“

„Scully, das ist ein eingezeichneter Wanderweg und nicht der Urwald Brasiliens. Wir müssen nur der Karte folgen.“

Scully verzichtete auf einen weiteren Kommentar und wechselte das Thema. „Ich verstehe immer noch nicht, was wir hier draußen machen, Mulder. Eine vermisste Wanderin ist nun wirklich kein Fall für das FBI. Sie wird sich verlaufen haben, nichts weiter.“

„An der gleichen Stelle wie 23 weitere Menschen? Ziemlich unwahrscheinlich. Außerdem kannte sie die Gegend gut. Ihr Bruder erzählte, sie wäre jeden Sommer hier zum Wandern.“

„Vielleicht ist sie gestürzt, hatte einen Unfall, wer weiß.“

Mulder grinste, als er die Ungeduld in der Stimme seiner Partnerin hörte. Sie hatte nicht die geringste Idee, warum ihn dieser Fall interessierte und das störte sie. Scully war nicht der spontanste Mensch, den er kannte. Sie plante die Dinge gerne, doch dazu brauchte sie Informationen. Informationen, die er ihr bisher weitgehendst vorenthalten hatte. Es fiel ihm manchmal immer noch schwer ihr zu erklären, warum er die Dinge tat, die er tat. Verdammt, manchmal wusste er selbst nicht, welcher Teufel ihn ritt. Es war Instinkt mehr als alles andere. Und dieser Instinkt sagte ihm, das hier etwas nicht stimmte.

„Mulder?“

„Hm?“

„Was tun wir hier draußen?“

Mulder faltete die Karte zusammen und sah sich um. Sie standen auf einem Wanderweg, der sich in drei Routen spaltete. Rings um sie herum standen alte Bäume und junge Büsche. Kein Auto war zu hören und keine Menschen. Nur der Schrei eines Kuckucks hallte von Zeit zu Zeit durch den Wald. Mulder steckte die Landkarte in die Seitentasche seines Rucksacks und wischte sich die Hände an der Hose ab. Der Wald dampfte regelrecht vom Regen der vergangenen Tage. Die beiden FBI-Agenten hatten eine kurze Regenpause genutzt, um die Wanderung zum Fluss anzutreten, an dem Maggie McFarlane vor fünf Tagen verschwunden war.

„Der Ranger hat gesagt, wir sollen uns westlich halten“, bemerkte Mulder und deutete auf den linken Weg.

„Also müssen wir da lang.“

Dana runzelte nur die Stirn, folgte ihm dann aber schweigend. Bei ihrem Glück, waren sie diejenigen, die gerettet werden mussten und nicht Maggie McFarlane. Einige Zeit liefen die beiden schweigend nebeneinander her, bis Scully ihre Frage wiederholte.

„Also Mulder, egal was es ist, jetzt ist es eh zu spät um umzukehren, also sagen Sie mir schon, was Sie denken.“

„Na ja, es gibt Gerüchte, Geschichten, das mit diesem Fluss – oder besser gesagt einem bestimmten Abschnitt des Flusses – etwas nicht in Ordnung ist.“

„Wurden bunte Lichter am Himmel gesehen?“, fragte Scully resignierend. Mulder schüttelte den Kopf und Dana horchte auf. Gut, keine UFOs, das war schon mal ein Anfang. Sie hatte zu viel gesehen und erlebt in den letzten sieben Jahren, um das Thema einfach als Humbug abzutun, aber wann immer Mulder auf UFO-Jagd war, fühlte Scully sich unbehaglich. Vielleicht weil ihr Partner wie im Fieber agierte. Sie hatte einfach Angst, das er sie im Eifer des Gefechtes eines Tages zurücklassen würde. Sie verdrängte den Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Mulders Stimme.

„Keine Lichter, aber ich habe eine X-Akte von 1956 gefunden. In einer Woche sind in dieser Gegend acht Wanderer verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Die Forstbehörde hat wochenlang nach ihnen gesucht und sie nicht gefunden. Seitdem sind immer wieder Menschen verschwunden – und sie haben sich nicht einfach verlaufen, denn vereinzelt hat man ihre Ausrüstung gefunden, immer in der Nähe des Flusses.“

„Nun, vielleicht ist der Weg dort schwierig, sie könnten in den Fluss gestürzt und von der Strömung weggespült worden sein.“

Mulder schüttelte den Kopf. „Das was diesen Fall zu einer X-Akte macht, sind nicht die verschwundenen Wanderer, sondern einer der nach einer Woche wieder aufgetaucht ist. Er war schwer verletzt und war wohl tagelang durch die Wälder geirrt. Sein Name war Angus Henson, ein Mitarbeiter der Forstbehörde, der in seinem eigenen Park Urlaub gemacht hat. Als er gefunden wurde, berichtete er von einem Monster, das aus dem Wasser aufgetaucht war und ihn in die Fluten ziehen wollte. Er konnte entkommen, schwor jedoch, dass er von dem Wesen noch einen Tag lang verfolgt wurde, weswegen er sich letztendlich verirrt hatte.“

„Ein Monster?“ Scully runzelte erneut die Stirn und blickte Mulder skeptisch an. Er grinste nur und zwinkerte ihr zu. Für eine Sekunde wurde ihm warm ums Herz. Nach all dem, was sie in den letzten Jahren durchgemacht hatten, nach all den Katastrophen und Veränderungen, gab es doch ein paar Dinge, die sich nicht geändert hatten. Eines davon war dieser Blick, den Scully ihm gerade zuwarf. Dieser, willst-du-damit-etwa-sagen-dass-Blick.

„Ein Monster?“ Scully wedelte mit ihrer Hand vor dem Gesicht herum, und die Wolke aus Insekten stob für einige Sekunden auseinander. Mulder nickte und in seine Augen trat dieser Glanz, den Scully nur zu gut kannte.

„Mulder!“, stöhnte sie, aber er schüttelte nur den Kopf.

„Ich weiß schon, aber die Geschichte ist voll von Wassergeistern, die die Menschen heimsuchen.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel der schottische Kelpie, der mal menschliche, mal tierische Gestalt hat. Er wartet im Wasser, bis ein Reiter vorbeikommt, springt auf das Pferd und schließt seine Arme um den Reiter, um ihn zu erdrücken.“

Scully verkniff sich ihren Kommentar, dass die Wanderer mit Sicherheit keine Pferde dabeigehabt hatten.

„Manchmal taucht er auch in Gestalt eine Pferdes auf. Versucht jemand, das Pferd zu reiten, stürzt sich der Kelpie mit dem Reiter in den Fluss und sucht die tiefste Stelle. Wer nicht schwimmen kann, ertrinkt.“

„Mulder .. .“

„Oder der russische Rusalkys. Die Geister von Mädchens, die im Fluss ertrunken sind. Sie ziehen jeden Wanderer unter Wasser und quälen ihn dort, ehe sie ihn wieder loslassen, doch dann ist es meistens zu spät.“

„Mulder...“

„Oder die indischen Nagas oder die russischen Vodiyaniye, die Wassergeister das Aborigines. Es gibt in der Mythologie zahlreiche Wassergeister, die sich vorzugsweise in Flüssen oder Weihern aufhalten und die Menschen in ihr Element ziehen. Manche von ihnen ahnen nicht einmal, dass sie den Menschen damit schaden zufügen. Viele behaupten, der Kelpie würde die Menschen nur ärgern wollen.“

„Ob Absicht oder nicht, das Ergebnis ist anscheinend immer das Gleiche.“

Mulder grinste und Scully bemerkte zu ihrem Ärger, dass sie ohne es zu wollen in das Gespräch eingestiegen war.

„Jedenfalls“, fuhr Mulder fort, bevor sie etwas hinzufügen konnte. „jedenfalls kann es kein Zufall sein, das in all diesen verschiedenen Kulturen Flussgeister auftauchen.“

„Zufall ist das sicher nicht. Zu allen Zeiten hat es die Menschen zum Wasser gezogen und überall auf der Welt sind dabei Menschen ertrunken. Diese Geschichten dienen dazu, jemandem die Schuld zu geben am Tod eines geliebten Menschen. Mehr nicht.“

„Angus Henson ist da sicher anderer Meinung“ erwiderte Mulder und zog erschrocken die Schultern ein, als ein Regentropfen an der Innenseite der Kapuze in seinen Nacken rann. Der Regen wurde heftiger und Mulder beschleunigte seine Schritte. Eigentlich durften sie nicht mehr weit von der alten Jagdhütte entfernt sein, die Ranger Jacobs ihnen vor ihrer Wanderung auf der Karte gezeigt hatte. Das kleine Blockhaus war eine perfekte Ausgangsstation, um den Fluss und die Umgebung zu erkunden. Sie hatten Proviant für zwei, drei Tage dabei und ein Walkie-Talkie mit dem sie notfalls den Ranger-Service rufen konnten. Ihre Handys nutzten ihnen in der Wildnis wenig, dennoch wollte Mulder auf das gewohnte Gewicht in der Jackentasche nicht verzichten.

„Mal angenommen es gibt Ihren Wassergeist, wieso denken Sie, das wir ihn finden werden?“

„Wir wissen, welche Route Maggie McFarlane genommen hat. Sie wurde zuletzt gegen 14 Uhr am oberen Parkplatz gesehen, wo sie mit einem Ranger gesprochen hat. Sie hat ihm erzählt, dass sie zum Fluss wollte und er empfahl ihr die alte Hütte, zu der wir gehen. Wenn man die durchschnittliche Geh-Geschwindigkeit berücksichtigt, muss sie die Hütte gegen Abend erreicht haben. Doch als der Ranger-Service das Gelände dort absuchte, fanden sie nichts außer einer kaputten Fensterscheibe in der Hütte.“

„Das Monster“

„Vielleicht auch nur ein Ast oder ein Stein, jedenfalls war dort keine Spur von Maggie McFarlane.“

„Ist das die Hütte?“

Scully deutete nach vorne. Inzwischen regnete es immer stärker und die Aussicht bald ein Dach über dem Kopf zu haben, munterte sie etwas auf. Sie würden immer noch gute 20 Minuten brauchen um den Weg hinunter von der Anhöhe zu der kleinen Hütte zurückzulegen. Wie auf einer Kitsch-Postkarte, dachte Dana. Die Hütte lag in einem kleinen Tal, durch das sich der Fluss wand. Links und rechts vom Ufer standen kleinere Büsche, aber die größeren Bäume wuchsen erst hangaufwärts. Neben der Hütte waren sorgsam Holzscheite aufgestapelt worden. „Fehlt nur noch der Rauch aus dem Kamin“, murmelte Scully und stapfte weiter. Der Rucksack auf ihrem Rücken schnitt ihr inzwischen schmerzhaft in die Schultern. Dana Scully war dabei nicht unsportlich, im Gegenteil, eigentlich war sie in Top-Verfassung, aber die inzwischen stundenlange Wanderung durch den Wald hatte sie erschöpft. Mulder ging es anscheinend nicht anders, denn er stieß einen erleichterten Seufzer aus, als er die Hütte erblickte. „Na also, das Schlimmste haben wir hinter uns, nicht wahr, Scully?“

Dana zuckte mit einem Fluch zusammen und klatschte mit der Hand gegen ihren Hals. Ein Moskito hatte es endlich geschafft und ihre Abwehr überrumpelt. Schlimmer kann’s nicht werden, stimmte Dana in Gedanken zu und lief weiter.



Shenandoah National Park, 7. September 1999, 17:15



Einige Steinchen brachen vom Rand des Felsens ab und klatschten ins reißende Wasser des Flusses. Fox Mulder ruderte mit den Schultern, um das Gleichgewicht zu behalten. Als er sich sicher war, dass er den Steinen nicht folgen würde, blickte er zurück zur Hütte, die etwa 300 Meter entfernt war. Aus dem Kamin drang Rauch und Mulder schmunzelte. Scully hatte sich geweigert mit ihm auf Monsterjagd zu gehen bei diesem Sauwetter. Er konnte es ihr nicht verdenken. Zum Teufel, er wusste eigentlich selbst nicht so genau, was er hier zu finden hoffte. Er suchte das Ufer nach Spuren ab, doch Spuren wovon. Welche Spuren hinterließ ein Wassergeist? Ein Kelpie? Und selbst, wenn er welche hinterließ, der verregnete Sommer hatte schon dafür gesorgt, dass sie innerhalb kürzester Zeit wieder verschwunden waren.

Mulder starrte hinunter ins Wasser. Irgendetwas musste dort drin sein. Irgendwo in den Fluten. Er konnte es spüren. Wieder blickte er zurück zur Hütte, dann in die andere Richtung flussaufwärts. Maggie McFarlane hatte eine andere Route als sie genommen, da sie von einem anderen Parkplatz aus gestartet war. Sie musste ein ganzes Stück dem Fluss gefolgt sein und konnte die Hütte vermutlich schon von Weitem sehen. Mulder rieb sich kurz die Stirn und ging in die Hocke. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Da war was, etwas glitzerndes, metallisches in einer Felsspalte. Er streckte die Hand danach aus und versuchte das Etwas aus der Spalte zu befreien. Mit einer gehörigen Portion Kraft schaffte er es und betrachtete den Gegenstand. Es war eine Uhr, eine Damenuhr mit einem schmalen Band. Das Glas war zerkratzt und an einer Stelle gesplittert, doch die Mechanik funktionierte noch. „McFarlane“, murmelte Mulder und streckte die Uhr ein. Soviel zum Thema keine Spuren . . .



Als er die Hütte betrat schlug ihm wohltuende Wärme entgegen. Mulder entledigte sich seines tropfnassen Parkas und fing ein Handtuch auf, das Scully ihm zuwarf. „Hab ich im Bad gefunden.“

„Danke.“

Während er draußen im Regen herumgeirrt war, hatte Dana die Planen von den Möbel genommen und versucht den gröbsten Staub in eine Ecke zu verbannen. Im Kamin brannte ein Feuer und Scullys nasser Parka lag vor der Feuerstelle zum Trocknen. Mulder warf seine Jacke achtlos dazu und hielt triumphierend die Uhr in der Hand.

„Sehen Sie mal, was ich gefunden habe.“

Dana betrachtete die Uhr. „Denken Sie, die gehörte McFarlane?“

„Bestimmt. Scully, man geht zwar Wandern, um die Zeit zu vergessen, aber warum sollte jemand einfach seine Uhr auf dem Weg wegwerfen.“

„Vielleicht ist sie gestürzt.“

„Ja, fragt sich nur warum.“

„Vielleicht war der Boden rutschig. Hören Sie, Mulder, es tut mir ja Leid, aber irgendwie ergibt das keinen Sinn. So wie ich das sehe, ist sie im Regen auf dem nassen Untergrund ausgerutscht, in den Fluss gefallen und dann von der Strömung weggespült worden.“

Mulder schüttelte den Kopf. So einfach konnte es nicht sein, das spürte er genau, aber es fiel ihm schwer, seine Gefühle in Worte zu kleiden. Irgendetwas war dort draußen und er würde es finden.



Shenandoah National Park, 8. September, 2:45



Donnergrollen war das erste, das Fox Mulder hörte als er aufwachte. Doch nicht dieses Geräusch hatte ihn geweckt, sondern ein Kratzen, ein leises Schaben, das von der Tür kam. Das Feuer im Kamin war fast heruntergebrannt und tauchte den Raum in rötliches Licht. Mulder drehte den Kopf und sah, dass Scully tief und fest schlief. Ihr Schlafsack lag etwa einen Meter von seinem entfernt und er konnte sehen, dass sie langsam und flach atmete. Leise, um sie nicht zu wecken, schälte er sich aus seinem Schlafsack. Er trug noch immer seine Jeans, nur den Pullover hatte er ausgezogen. Jetzt griff er danach und zog ihn über das schwarze T-Shirt, das er auf der Haut trug. Seine Augen wanderten zu seinem Rucksack. Die Taschenlampe musste in einer der Seitentaschen sein, doch er war sich nicht sicher. Statt die Lampe zu holen, schlich er zur Tür und legte ein Ohr an das Holz. Wieder grollte Donner über dem Tal und ein heller Blitz zuckte über den Himmel. Der Wind heulte und das Wasser des Flusses rauschte mit den Wipfeln der Bäume um die Wette. Sonst nichts, kein Kratzen, keine Schritte, nichts.

Doch Fox Mulder war sich sicher, etwas gehört zu haben und so öffnete er vorsichtig die Tür einen Spalt. Kalte Regenluft strömte in den Raum und er konnte hören, wie Dana ihren Schlafsack über die Schultern zog. Mulder trat einen Schritt nach draußen in die Dunkelheit. Er konnte den Fluss nur als schwarzen Strom erkennen, der sich in der Dunkelheit bewegte. Wieder zuckte ein Blitz über den Himmel und Mulder blinzelte. Unten am Wasser war eine Gestalt. Sie stand bis zu den Hüften im Wasser und starrte zu ihm herüber. Die reißende Strömung schien ihr nicht das geringste auszumachen und seine Haut glänzte grünlich. Dann wurde es wieder dunkel und Mulder sah für wenige Sekunden gar nichts. Sein Herz schlug schneller und er fuhr auf dem Absatz herum und stürzte in die Hütte. Jetzt achtete er nicht mehr darauf leise zu sein, alles was zählte war die Taschenlampe zu finden und das schnell. Scully blinzelte und war im nächsten Moment hellwach.

„Mulder? Was ist?“

„Ich hab es gesehen, Scully!“

„Was gesehen?“

„Das Wesen, den Geist! Unten am Wasser!“

Er riss die Taschenlampe aus dem Rucksack, schaltete sie an und verschwand polternd draußen in der Dunkelheit. Dana Scully schob den Schlafsack von sich, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und griff nach ihren Schuhen. Allein wollte sie ihn dort draußen nicht herumlaufen lassen, Monster oder nicht.

Die Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit wie ein Messer. Der Schein der Lampe tanzte wild über den Boden, als Fox Mulder hinunter zum Wasser rannte. Kurz bevor er das Ufer erreichte, bremste er ab und ließ den Strahl über das Wasser gleiten. Die Gestalt war weg. Dort wo sie gestanden hatte, tosten die Fluten und schossen durch das Flussbett. Mulder schwenkte die Taschenlampe flussabwärts. Nichts außer Wasser war zu sehen. Er trat einen Schritt näher ans Ufer heran, Gischt spritze am Rand auf und einzelne Wassertropfen erreichten seine Hose. Mulder merkte es nicht einmal. Anstrengt suchte er in den Fluten nach der Gestalt, die er gesehen hatte. Hinter sich konnte er Scully aus der Hütte kommen hören. Sie rief seinen Namen und hielt ebenfalls eine Taschenlampe in der Hand. Mulder drehte sich um und wollte ihr zurufen herüberzukommen, als er plötzlich einen Ruck am linken Knöchel spürte, der so groß war, das er beinahe das Gleichgewicht verlor. Er ruderte mit den Armen und warf sich herum. Etwas zog ihn in Richtung Wasser. Mulder fluchte, als sein Kinn auf den Waldboden knallte. Der Druck an seinem Bein wurde immer stärker und er spürte, wie er in die Fluten gezogen wurde.

„Scully!“

Der Strahl einer Taschenlampe blendete ihn für eine Sekunde, dann konnte er ihre Schritte hören. Doch er wusste bereits, dass es zu spät war. Er krallte sich verzweifelt im Boden fest, doch die Kraft, die an seinem Körper riss war stärker. Schon schlugen ihm die Fluten über die Knie zusammen. Fox Mulder verlor den letzten Halt und wurde mit einem Schrei ins eiskalte Wasser des Shenandoah gerissen. Sein Schrei ging in einem Gurgeln unter, als er Wasser schluckte. In Panik schlug er um sich, während ihn die Strömung tiefer hinunter zog. Die Strömung? Mulder öffnete die Augen, doch außer tosenden Wirbeln konnte er nichts erkennen. Schon jetzt begannen seine Lungen zu protestieren, weil ihm der Sauerstoff ausging. Verzweifelt versuchte Mulder wieder an die Wasseroberfläche zu gelangen, aber die Gewalten des Wassers schleuderten ihn hin und her, bis er kaum noch wusste, wo die Wasseroberfläche eigentlich war. Er warf sich verzweifelt herum und wollte nach Luft schnappen. Mit eisernem Willen presste er die Lippen aufeinander. Wenn er jetzt einatmete, würde er sterben. Schwarze Flecke begannen vor seinen Augen zu tanzen und seine Lungen schmerzten. Die Fluten warfen ihn herum und ein scharfer Schmerz schoss durch seine Schulter, im nächsten Moment dröhnte ihm der Kopf. Die Kraft, die ihn unter Wasser hielt, wurde wieder stärker und er spürte, wie er in die Tiefe gezerrt wurde. Die Flecken vor den Augen wurden größer und Mulder fühlte sich plötzlich sehr müde. Die Kälte hatte sich schon nach Sekunden in seine Glieder geschlichen und er war kaum noch in der Lage, Arme und Beine zu bewegen. Von Weitem her hörte er ein Kichern, das helle Lachen eines Kindes, dann wurde die Welt dunkel und das Rauschen des Wassers verstummte.



Shenandoah National Park, 8. September 1999, 3:02



Das erste, was er spürte war Kälte, eine Eiseskälte, die er erst einmal gespürt hatte, damals, als er in der Eiswüste dem U-Boot nachgejagt war. Damals hatte er sich geschworen, sich niemals wieder diesen Temperaturen auszusetzen. Im Moment wünschte er sich wieder in die Eiswüste zurück. Er hörte nichts, als das Rauschen seines eigenen Blutes, oder war es das Rauschen des Flusses? Eine Stimme drang durch das Rauschen, voller Besorgnis und mit einer Spur Angst. „Mulder? Mulder, kannst Du mich hören. Hey, komm schon, bitte, Mulder wach auf.“

Er versuchte die Augen zu öffnen, aber seine Lider schienen seinem Willen nicht zu gehorchen. Erst beim zweiten Anlauf konnte er die Augen öffnen und blickte in das besorgte Gesicht seiner Partnerin, die sich über ihn gebeugt hatte. Die Kälte war in wachem Zustand schlimmer denn je und Mulder spürte, dass er am ganzen Körper zitterte. Scully ging es nicht besser, ihre Haar klebte an ihrem Kopf und ihr Hemd war dunkel vor Nässe. Im Schein der Taschenlampe wirkte sie leichenblass, aber gegen seine Gesichtsfarbe immer noch sonnengebräunt.

„Mulder!“ Erleichterung schlich sich in ihre Stimme und sie schloss für eine Sekunde die Augen. Mulder wollte sprechen, aber statt wohl artikulierten Worten kam nur ein ersticktes Husten aus seinem Mund. Er setzte sich vorsichtig auf und die Welt begann sich sofort um ihn herum zu drehen. „Mulder, alles in Ordnung?“

Er nickte und hustete wieder. Er hatte eine Menge Wasser geschluckt, das sein Körper so schnell wie möglich wieder loswerden wollte.

„Es geht schon“, stieß er schließlich hervor. Scully sah ihn skeptisch an und streckte die Hand nach ihm aus. Vorsichtig berührte sie ihn an der Stirn. „Sie bluten. Denken Sie, Sie schaffen es zurück zur Hütte ?“

„Muss ja gehen“, presste Mulder hervor und stand langsam auf. Scully stützte ihn und gemeinsam wankten sie zurück in das schützende Gebäude. Die Wärme ließ Mulder noch mehr zittern als zuvor und er wollte sich sofort vor den Kamin fallen lassen, doch Scully hielt ihn zurück. „Raus aus den nassen Sachen“, befahl sie. Mulder sah sie kurz fragend an, streifte sich dann aber widerstandslos den triefenden Pullover und das T-Shirt über den Kopf und ließ sie fallen. Seine Lippen waren bläulich angelaufen und er schlotterte erbärmlich. Er entledigte sich der nassen Jeans und Scully reichte ihm eine alte Decke, die sie in einem der Schränke im Nebenzimmer gefunden hatte. Wem auch immer diese Bude gehört hatte, er hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Sachen mitzunehmen. Das war wohl ihr Glück. Mulder ließ sich vor den Kamin sinken und zog die Decke um die Schultern. Er saß mit dem Rücken zu ihr und Scully knöpfte ihr Hemd auf und warf es entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit einfach auf den Boden. Sie packte ihren Pullover aus dem Rucksack und streife ihn sich rasch über.

„Ich hab es gesehen, Scully, es war da. Es hat mich gepackt und unter Wasser gezogen.“

Dana widersprach nicht. Der Schock über das, was geschehen war, saß noch zu tief. Sie war nur froh, dass er nicht ertrunken war. Ihr Magen zog sich bei dem Gedanken schmerzhaft zusammen. Was, wenn er nicht mehr da wäre? Scully wollte gar nicht darüber nachdenken. Mulder war in den letzten sieben Jahren so sehr Teil ihres Lebens geworden, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, ohne ihn zu arbeiten. Sich nicht vorstellen wollte. Sie hatte nie bewusst darüber nachgedacht, was er ihr eigentlich bedeutete. Es genügte zu wissen, dass er da war, alles andere war unwichtig. In Momenten wie diesen, wenn sie sich fast verloren hatten, war sie ihm immer am Nähesten gewesen. Als sie im Krankenhaus beschlossen hatte, ihren Krebs zu bekämpfen, als Mulders Mutter gestorben war, als er endlich seine Schwester gefunden hatte. Sie betrachtete den großgewachsenen Mann mit den kurzen braunen Haaren, der zitternd vor dem Feuer saß. Der von einem Wassergeist in den Fluss gezogen worden war. Scully lächelte still. Wie könnte das Leben mit Mulder auch anders aussehen? Er hustete noch einmal und Scully setzte sich neben ihn, um sich ebenfalls am Feuer zu wärmen. Mulder zog die Decke über seine nackte Schulter und starrte ins Feuer.

„Da war etwas, Scully, ich hab’s gespürt, ich hab’s gesehen.“

Scully schwieg und Mulder drehte den Kopf und sah sie an. Sie starrte gedankenverloren ins Feuer und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Mulder wusste immer noch nicht, ob Scully ihn aus dem Wasser gezogen hatte. Er wollte eine dementsprechende Frage stellen, doch die Worte blieben ihm plötzlich im Hals stecken. Was, wenn sie ihn wirklich aus dem Fluten gerettet hatte? Und sich selbst damit in Lebensgefahr gebracht hatte? Mulder konnte schon nicht mehr zählen, wie oft sie einander das Leben gerettet hatten, doch das hier war anders. Irgendwie. Oder vielleicht fiel es ihm nun zum ersten Mal auf. Er wusste es nicht. Alles was er wusste war, was für ein gutes Gefühl es war, sie bei sich zu wissen. Und das hatte er ihr bereits einmal gesagt, damals, als sie nach Salt Lake City versetzt werden sollte. Scully drehte den Kopf, um etwas Wasser aus ihren Haaren zu schütteln und ihre Blicke trafen sich. Mulder spürte, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht stahl und konnte das gleiche auf ihrem Gesicht beobachten. Wir sind so verschieden, dachte er. Und doch ist es manchmal, als würde ich in einen Spiegel sehen, wenn ich sie ansehe. Scully streckte die Hand aus und strich ihm zart eine Haarsträhne aus der Stirn. „Du blutest“

„Halb so wild.“

„Das kann ich besser beurteilen.“

„Jawohl Frau Doktor“, erwiderte Mulder ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen. Sein Körper wurde langsam wieder warm und das Zittern verging allmählich. Das Licht der Flammen im Kamin tanzte über ihre Gesichter und zum Prasseln des Holzes gesellte sich das Klopfen der Regentropfen auf dem Dach. Mulder lachte leise.

„Was ist?“

„Gar nichts, es ist nur... jetzt fehlt nur noch der Fellvorleger vor dem Kamin um das kitschige Romantik-Ambiente zu perfektionieren.“

Dana lachte leise und senkte plötzlich verlegen den Blick. Warum eigentlich, fragte eine Stimme in ihr, eine Stimme, die in Momenten wie diesen plötzlich auftauchte, aus dem Bereich hinter der Mauer, die sie im Laufe der Zeit um ihr Herz gezogen hatte. Mulder räusperte sich, als er bemerkte, dass sich seine Partnerin plötzlich versteifte.

„Danke“

„Wofür?“

„Für die Rettung. Für alles . . . Dafür, dass du da bist“

Die Worte waren einfach so aus seinem Mund gekommen. Einfach so. Er hatte immer gedacht, dass es ihm schwer fallen würde, diese Gedanken auszusprechen, aber nun bewies er sich das Gegenteil. Dana blickte ihn an. Der Ernst in seiner Stimme hatte ihr Herz dazu gebracht, einen Sprung zu machen. Scully spürte, wie die Mauer in ihr anfing zu bröckeln. Es war ein komisches Gefühl, denn zum lauten Schlagen ihres Herzens gesellte sich eine kühle Stimme, die dem Organ befahl wieder im normalen Rhythmus zu schlagen. Dana achtete nicht mehr auf diese Stimme. Stattdessen rutschte sie näher an ihren Partner heran, legte ihm den Arm um die Schultern und erwiderte mit einem Lächeln.

„Gern geschehen.“

Mulder griff nach ihrer Hand und drückte sie kurz. Dana spürte ihr Herz noch schneller schlagen und senkte den Blick. Mulder hielt noch immer ihre Hand in seiner und hatte die Augen geschlossen. Dana sah ihn an. Er war gerade mit dem Leben davongekommen und sah so glücklich aus, wie sie ihn selten gesehen hatte. So, als hätte er endlich seinen Frieden gefunden. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er mit verschlossenen Augen:

„Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, Scully. Mit der Wahrheit ist es ähnlich. Oder man findet eine Wahrheit, nach der man gar nicht gesucht hat.“

Dana war sich nicht sicher, worauf sich seine Worte bezogen, aber sie spürte, dass in ihm eine Veränderung vorging. Oder vielmehr, dass er etwas aufgab, eine Maske abstreifte, die er für so lange Zeit getragen hatte. Als er die Augen wieder öffnete und sie ansah, spürte sie, wie sich ein Kribbeln in ihrem Bauch ausbreitete. Seine Augen strahlten, glänzten im Schein des Feuers. Sie verlor sich in diesen Augen, die sie so bewusst anblickten, so voller Zuneigung und einem Charme, von dem Scully nicht gewusst hatte, dass Mulder ihn besaß.

„Mulder?“

„Hm?“

Plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Mulder schien das nicht zu stören. Er beugte sich langsam zu ihr herüber. Dana spürte, wie die Mauer in ihrem Inneren mit einem Krachen zusammenstürzte. Sie spürte Mulders Hand an ihrem Hals und diese Berührung fühlte sich so gut an, dass Dana die Augen schloss. Sekunden später berührten seine Lippen die ihren. Der Kuss war zaghaft, ein Herantasten, nicht mehr und doch jagte er Hitzewellen durch Danas Körper. Sie schlang die Arme um Mulders Hals und erwiderte den Kuss. Nach einer scheinbaren Ewigkeit lösten sie sich voneinander. Das Funkeln in Mulders Augen hatte noch zugenommen und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Dana sah ihn schweigend an. Es gab jetzt nichts mehr zu sagen. Sie waren an einer Kreuzung angelangt und hatten sich für einen Weg entschieden. Den richtigen Weg, dass wusste Dana plötzlich so klar, wie sie an jenem Abend in Mulders Wohnung gewusst hatte, dass es nur einen richtigen Weg, nur eine richtige Entscheidung im Leben geben konnte.

Sanft strich sie ihm die widerspenstige Strähne wieder aus der Stirn, ohne den Blick von seinen strahlenden Augen zu lassen. Lebendig, er sah lebendig aus, lebendiger, als sie ihn jemals zuvor gesehen hatte.

„Scully, ich . . .“

Sie verschloss seine Lippen mit einem Kuss, ehe er den Satz beenden konnte. Er musste ihn nicht beenden, denn Dana wusste bereits, was er hatte sagen wollen. Die Decke rutschte Mulder von den Schultern und Danas Hände strichen über seinen nackten Rücken, über seine kräftigen Oberarme, über seine Brust. Mulder zog sie an sich heran, als ihre Küsse leidenschaftlicher wurden. Der Fluss, der Sturm, das alles war vergessen, als seine Hände über ihren Rücken wanderten. Es war ein Gefühl, das neu und aufregend war, aber gleichzeitig von einer solchen Vertrautheit und Zärtlichkeit, wie Scully sie noch nie erlebt hatte. Der Regen, der Wind und das Rauschen des Flusses wurden übertönt vom Schlagen ihrer Herzen, als Mulder sich langsam auf die am Boden liegende Decke sinken ließ und Dana sanft mit sich zog. Die Welt um sie herum wurde bedeutungslos, als sie nach so langer Zeit endlich ihren Gefühlen freien Lauf liefen.

„Ich liebe dich“, flüsterte Mulder Dana zu, ehe er sich ihre Lippen erneut trafen. Dana schloss die Augen und ließ sich zum ersten Mal seit Jahren einfach fallen. Erst jetzt wurde ihr klar, wie lange sie schon von diesem Moment geträumt hatte. Sie korrigierte ihren Gedanken von vorhin. Sie konnte wohl ohne ihn arbeiten. Aber sie konnte nicht mehr ohne ihn leben. Sie gehörten zusammen. Herz und Verstand waren endlich einer Meinung, als sie den Pullover abstreifte und in seine Arme sank.



Keiner von beiden bemerkte den Schatten, der vor dem gerade reparierten Fenster vorbei huschte.
Kapitel 2 by Sam23
Shenandoah National Park, 8. September 1999, 8:30



Mulder erwachte von dem mittlerweile vertrauten Geräusch des Regens oder besser gesagt vom Fehlen desselben. Er blinzelte und öffnete die Augen. Scully schlief friedlich an seiner Schulter und hatte einen Arm über seine Brust geschlungen. Mulder betrachtete sie einige Sekunden lächelnd und drehte dann den Kopf. Das Lächeln gefror auf seinen Zügen und er kniff die Augen zusammen. Von der Tür her bis zu der Stelle wo sie beide lagen, schlängelte sich eine Spur aus Pfützen, frischen Pfützen. Er drehte den Kopf und berührte Dana sanft an der Wange. Mit einem missmutigen Brummen öffnete sie die Augen.

„Was?“

„Jemand war hier“, flüsterte Mulder und die Worte vertrieben sofort den Schlaf aus ihren Zügen.

„Wer?“

„Keine Ahnung, aber wer auch immer es war, er hat Spuren hinterlassen.“

Dana stützte sich auf den Ellenbogen und blickte über Mulders Körper hinweg zur Tür. Ihre Augen weiteren sich. „Die Pfützen, die wir verursacht haben, müssten schon längst trocken sein.“

„Das denke ich auch.“

Mulder rappelte sich auf und griff nach seiner Waffe, die bei seiner inzwischen nur noch feuchten Hose lag. Er trat zur Tür und strich mit der Hand am Rahmen entlang. Auf Schulterhöhe spürte er eine Ablagerung und blickte auf seine Finger.

„Algen.“

„Algen?“

„Sieh dir das an.“

Dana trat neben ihn und begutachtete die grünliche Substanz auf seinen Fingern. „Du hast recht. Eindeutig Algen. Vielleicht hattest du welche an deinem Pullover kleben.“

„Vielleicht, aber wo sollten sich bei der Strömung im Fluss Algen absetzen?“, erwiderte Mulder gedankenverloren. Scully zuckte mit den Schultern. Darauf hatte auch sie keine Antwort.



Shenandoah National Park, 8. September 1999, 9:16



Dana Scully stand am Ufer des Flusses und starrte in die Fluten. Der Regen hatte alle Spuren der nächtlichen Katastrophe bereits wieder verwischt. Hier hatte sie Mulder ins Wasser rutschen sehen. Aber der Boden war eben und mit einer Mischung aus Kieselsteinen und Erde bedeckt. Die Gefahr auszurutschen und in den Fluss zu stürzen war eigentlich minimal. Und doch musste er ausgerutscht sein, denn kein Mensch hätte sich letzte Nacht im Fluss aufhalten können, dazu war die Strömung einfach zu tückisch.

Mulder trat neben sie und warf einen fast schon angstvollen Blick hinunter zum Wasser. Bis letzte Nacht hatte ihm das Element Wasser eigentlich nichts ausgemacht – er fürchtete sich vor einem ganz anderen Element. Aber das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, das Tosen und Rauschen und Auf und Ab. Mulder schüttelte den Kopf, um damit auch die Gedanken abzuschütteln. Er wandte sich an Scully.

„Es hat meinen Knöchel gepackt und mich hinunter ins Wasser gezogen. Jedes Mal, wenn ich wieder an die Oberfläche wollte, hat es mich tiefer in den Fluss hineingezogen.“

„Was wenn es nur ein Ast oder ein Felsen war, in dem deine Hose sich verhakt hat?“

Mulder schüttelte wild den Kopf. „Nein, es hat an mir gezogen. Ganz bewusst und gezielt. Das war mit Sicherheit kein Ast. Und dann war da dieses Lachen...“

„Lachen?“

„Ja, ich hab es deutlich gehört, bevor ich ohnmächtig geworden bin.“

„Mulder, das könntest du dir auch nur eingebildet haben.“

„Ich kann mich so gut daran erinnern, das war sicher keine Einbildung.“

„Aber . . .“

Dana Scully verstummte mitten im Satz und starrte gebannt flussabwärts. Da bewegte sich etwas zwischen den Büschen am Ufer. Mulder folgte ihrem Blick und hielt gespannt den Atem an. Beinahe gleichzeitig zogen die beiden FBI-Agenten ihren Waffen und gingen langsam am Ufer entlang auf die Stelle zu, an der das Gebüsch raschelte. Vorsichtig, um keinen unnötigen Laut zu machen, trat Mulder über einen Ast am Boden hinweg und hielt die Waffe fest auf den Busch gerichtet, dessen Äste sich immer noch bewegten. Dann war es plötzlich still. Mulder deutete Scully an, stehen zu bleiben. Was auch immer dort im Unterholz lauerte, es hatte sie anscheinend entdeckt. Mulder wartete einige Sekunden und stürzte dann plötzlich nach vorne. Hastig bog er die Büsche auseinander, doch in diesem Moment sprang ihn eine Gestalt an und wirbelte ihn zu Boden. Die Waffe entglitt seinen Fingern und schlitterte davon. Seine bereits lädierte linke Seite schmerzte höllisch, als er auf den Boden prallte. Er hörte Scully schreien, aber er konnte ihre Worte nicht verstehen. Mit beiden Händen versuchte er den wilden Angreifer von sich zu stoßen, was ihm nach zwei Versuchen schließlich gelang.

„FBI, keine Bewegung!“, brüllte Scully und zu Mulders Erstaunen hielt das Wesen wirklich inne. Schwer atmend stand es zwischen ihm und seiner Partnerin und sah ihn mit wilden Augen an. Nur das es kein Geist war, der ihn betrachtete. Es war ein alter Mann.

Mulder rappelte sich auf. „Was zum Teufel sollte das?“

„Hey, Sie sind auf mich losgegangen. Ich habe mich nur gewehrt.“ Der grauhaarige, schlanke Mann legte den Kopf schief. „Sie sehen nicht aus wie gewöhnliche Wanderer“, bemerkte er.

Mulder warf Scully einen vielsagenden Blick zu. Warum merkte immer jeder, dass sie nicht in die Natur gehörten? Mulder hob seine Waffe auf. „Wir sind vom FBI und auf der Suche nach der verschwundenen Maggie McFarlane.“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Die werden sie nicht finden. Der Fluss hat sie sich geholt.“

„Der Fluss?“, fragte Mulder und Scully konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Aus einer Ahnung heraus fragte er: „Sind Sie Angus Henson?“

Der Mann starrte ihn verblüfft an. „Ja, der bin ich.“

Triumphierend zwinkerte Mulder seiner Partnerin zu. Endlich würden sie etwas Licht in die Sache bringen.



Wenig später saßen sie zu Dritt auf den Stufen der Hütte. Dana spürte Mulders Schulter an ihrer Seite und blickte kurz zu ihm auf. Angus Henson hatte ihnen berichtet, was ihm damals wiederfahren war.

„Später habe ich erfahren, dass hier einst ein Mädchen ertrunken ist. Sie gehörte zu einer Gruppe von Wanderern. Ihre Eltern stritten sich ständig und merkten nicht, wie sie zurückfiel. Sie muss ausgerutscht und in den Fluss gefallen sein. Als die Gruppe das bemerkte, war es schon zu spät. Sie fischten ihren toten Körper hier aus dem Wasser. Das war 1955.“

„Ein Jahr bevor ihre Gruppe verschwunden ist.“

„Ja, wir waren hier zum Fischen und hatten uns am Fluss entlang verteilt.“ Seine Stimme wurde leiser und er verstummte. Mulder gab ihm einen Moment Zeit, die dunklen Erinnerungen zu verarbeiten, ehe er sich an Scully wandte.

„Das klingt nach einem Rusalky. Der Geist eines Mädchens, das im Fluss ertrunken ist.“

Scully stand auf. “Mister Henson, ist Ihnen hier in letzter Zeit ein Fremder aufgefallen?”

„Nein, Ma’m. Das war kein Mensch, das war der Geist. Ich habe ihn gesehen und ich werde ihn fangen. Heute Nacht, deshalb bin ich hier.“

Mulder und Scully starrten sich verblüfft an.



Shenandoah National Park, 8. September 18:30



„Mulder, das ist Wahnsinn.“ Scully hatte die Hände vor der Brust verschränkt und schüttelte den Kopf. Ihr Partner stand vor ihr und warf einen raschen Blick zu Angus hinüber, der nach seiner im Gebüsch verborgenen Falle sah. „Mal angenommen es ist kein Mensch, es könnte eine Spezies sein, die noch unbekannt ist, ein Tier. Es ist gefährlich, etwas fangen zu wollen, das man nicht kennt. Wir wissen doch rein gar nichts über dieses Wesen.“

„Wir wissen das es im Wasser lebt und anscheinend nur nachts oder in der Dämmerung auftaucht.“ Als hätte er das Stichwort gegeben, schob sich ein breiter Wolkengürtel vor die Sonne und tauchte das Tal in düsteres Licht. Dämmerung.

„Angus hat sein Leben lang im Wald verbracht, er weiß, wie man eine Falle bedient.“

„Daran zweifle ich auch nicht, aber...“

Ein lauter Donnerschlag unterbrach ihre Gedanken und sie konnte sehen, wie Mulder bei dem Geräusch zusammenzuckte. Gut, wenigstens war sie nicht die einzige, die erschrocken war. Angus gab ihnen einen Damen-nach-oben und trat einen Schritt vom Busch weg. Er nahm seine Angel auf und warf die Leine ins Wasser.

„Es ist im Grunde ganz einfach: Wenn da etwas ist, dann können wir es fangen. Ist da nichts, dann kriegen wir vielleicht wenigstens frischen Fisch zum Abendessen und machen uns morgen auf den Heimweg.“

Scully musterte ihn kurz mit jenem skeptisch-spöttischen Blick, den er inzwischen so sehr liebte und ging dann zur Hütte zurück. Sollten die Männer doch Jäger spielen.

Am Rande des Felsens, bei dem Mulder die Uhr gefunden hatte, schob sich eine Hand aus dem Wasser und ein paar grünliche Augen beobachteten die Menschen mit einem amüsierten Gesichtsausdruck.



Shenandoah National Park, 8. September 20:45



Dana Scully langweilte sich. Sie warteten nun schon seit über zwei Stunden darauf, dass etwas passierte. Mulder hockte neben ihr auf den Stufen der Hütte und starrte zu Angus hinüber.

„Wir müssen Geduld haben“, sagte er, fast so, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Scully schnaubte. „Wenn er wenigstens einen Fisch gefangen hätte...“

Mulder lachte leise und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Eine dicke, saftige Forelle, hm? Ich glaube dein Wunsch geht in Erfüllung.“ Mulder deutete zu Angus hinüber. Die Leine war zum Zerreißen gespannt und sie konnte sehen, dass Angus Mühe hatte, die Angel in den Händen zu halten. „Muss wirklich ein dicker Fisch sein“, mutmaßte Dana. Angus gab routiniert etwas Schnur nach, um den Fisch langsam müde zu machen. Der Zug an der Leine nahm wieder zu. Mulder stand auf. Da war ein Gedanke, ein beunruhigender Gedanke, aber er konnte ihn nicht greifen. Scully reagierte schneller. „Was, wenn er keinen Fisch an der Angel hat, Mulder?“

Der FBI-Agent sprang auf und spurtete zu Angus hinüber. „Angus, lassen Sie die Angel los!“ Der ältere Mann drehte verblüfft den Kopf in Mulders Richtung und war für einen Moment abgelenkt. Ein Ruck ging durch die Angel und Henson wurde nach vorne gerissen. Er stolperte, ließ die Angel fallen und rang verzweifelt um seine Balance. Mulder beschleunigte seine Schritte und stürmte auf ihn zu, doch bereits jetzt begriff er, dass er nicht schnell genug sein würde. Angus stürzte und sein Oberkörper hing über den Uferrand hinaus. Dann explodierte das Wasser und eine Fontäne schoss in die Höhe. Angus schrie und ruderte mit den Armen, doch dann verschluckte das tosende Wasser seine Rufe. Als Mulder die Stelle erreichte, an der er gerade noch gestanden hatte, war von Angus Henson keine Spur mehr zu sehen . . .



Shenandoah National Park, 8. September 21:30



Mulder lud seine Waffe durch und machte einige Schritte zurück. Sie hatten das gesamte Ufer abgesucht, soweit flussabwärts wie sie gehen konnten, ohne die Hütte aus den Augen zu verlieren, aber mittlerweile war es zu dunkel, um weiterzumachen. Der Regen prasselte auf das Dach der Hütte und Mulder sparte es sich, die Kapuze seines Parkas aufzusetzen, der Regen war sowieso überall. Der Fluss lag in totaler Dunkelheit vor ihm, ein einziges Rauschen und Reißen, ein ständiges auf und ab. Er hasste das Geräusch mittlerweile. Ein letztes Mal ließ er die Taschenlampe über die Wassermassen gleiten, die sich schwarz wie Lava durch das Tal schoben. Irgendwo in diesem Chaos aus H2O, Felsen und Kieselsteinen lauerte der Wassergeist. Gierig, neue Opfer in die dunklen Tiefen hinunterzuziehen. Scully trat zu ihm und folgte seinem Blick.

„Wir sollten lieber reingehen.“

Er nickte und folgte ihr langsam. Irgendwie fühlte er sich beobachtet.



„Armer Angus.“ Scully setzte sich vor den wärmenden Kamin und schlang die Arme um die Knie. Mulder ließ sich neben ihr nieder. „Der Fluss hat ihn geholt.“

Sie blickte ihn schräg von der Seite an. „Was auch immer da draußen ist, es hat in der letzten Woche zwei Menschen in den Tod gerissen. Wir müssen es aufhalten.“

„Aber wie? Was immer es ist, es ist anscheinend intelligent genug, eine Falle zu erkennen. Es hat Angus mit seinem eigenen Plan hereingelegt.“

Ein Geräusch ließ die beiden innehalten. Es war kaum zu hören, ein leises Kratzen, das sich kaum vom Hintergrundrauschen des Regens und des Flusses abhob. Und wenn Mulder es nicht bereits einmal gehört hätte, wäre es ihm vermutlich gar nicht aufgefallen.

Sie sahen sich an. Vorsichtig stand Mulder auf und trat an die Tür. Scully hob ihre Waffe und zielte auf den Eingangsbereich. Mulder gab ihr ein Zeichen und riss die schwere Eichentür mit einem Ruck auf. Regen peitschte in das Zimmer und der Wind ließ das Feuer im Kamin wild flackern. Scully kniff die Augen zusammen, konnte jedoch nichts erkennen. Der Eingang war leer. Mulder warf sich herum und stürmte nach draußen.



Scully fluchte. Das war verdammt leichtsinnig. Ihr blieb nichts anderes übrig, als hinter ihrem Partner herzulaufen. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und nach wenigen Sekunden war ihre Kleidung von Wasser durchtränkt. Blitze zuckten über den Himmel und erhellten für kurze Zeit die Szene. Mulder war wenige Meter vor ihr und bemühte sich im Laufen die Taschenlampe einzuschalten und gleichzeitig seine Waffe zu halten.

„Mulder!“ brüllte Scully, doch das Donnergrollen verschluckte ihre Worte. Sie beschleunigte ihre Schritte um zu ihrem Partner aufzuschließen. Der hatte inzwischen das Ufer erreicht. Scully glaubte zu sehen, wie etwas dunkles, massiges ins Wasser sprang, aber sie war sich nicht sicher, Mulder dafür anscheinend umso mehr. Der peitschende Klang von Schüssen durchdrang das Wüten des Sturms. Mulder stand am Ufer und feuerte in die Fluten. Plötzlich schoss aus den dunklen Massen eine Fontäne gen Himmel. Mulder sprang erschrocken zurück und brachte sich außer Reichweite des Wesens. Endlich erreichte Scully ihn.

„Was war das?“

„Der Flussgeist! Ich habe ihn deutlich gesehen, Scully. ER ist hier!“

Mulder musste brüllen um sich verständlich zu machen. Mittlerweile tobte ein ausgewachsener Sturm über dem kleinen Tal. Der Wind riss an ihren Kleidern und wütende Wellen tosten gegen die Felsen am Ufer. Gischt wurde durch die Luft katapultiert und Mulder wischte sich hastig das Wasser aus dem Gesicht.

„Da!“ schrie er, als in der Mitte des Flusses etwas Großes, Dunkels aus dem Wasser schoss, wie ein Delfin kurz durch die Luft segelte und dann wieder in den Fluten abtauchte. Mulder näherte sich erneut dem Uferrand, um besser sehen zu können. Der Strahl der Taschenlampe huschte wild und hüpfend durch die Dunkelheit. „Mulder!“, brüllte Scully erschrocken und sprang zurück. Ihr Partner reagierte nicht schnell genug. Das Wesen schnellte mit einem gewaltigen Sprung aus dem Wasser und riss Mulder von den Füßen. Er knallte mit dem Rücken auf dem Boden, begraben unter etwas, das nach Algen und Fisch roch. Der Duft war beinahe unerträglich. Mulder versuchte das Wesen von sich herunterzuschieben, aber seine Hände fanden auf der glitschigen Haut keinen Halt. Ein scharfer Schmerz zuckte in seiner Wange auf, als die Krallen des Wesens seine Haut ritzten. Er konnte nichts sehen, denn die Taschenlampe war beim Sturz zu Bruch gegangen.

„Scully! Hilfe!“

Dana fluchte. Sie versuchte die Waffe auf das Wesen zu richten, hatte jedoch Angst in der Dunkelheit und dem Durcheinander ihren Partner zu treffen. Sie steckte die Waffe wieder ins Hohlster und rannte zu den Kämpfenden hinüber. Sie versuchte das Wesen an der Schulter zu packen, doch ihre Hände glitten einfach an der glänzenden Haut ab. Sie hob die Taschenlampe und schlug zu. Das Wesen gab ein erschrockenes Pfeifen von sich und ließ kurz von Mulder ab. Grüne Augen starrten Dana beinahe vorwurfsvoll an.

„Bleiben Sie wo Sei sind“, brüllte die FBI-Agentin, doch das Wesen reagierte nicht auf ihre Worte. Die grünen Augen starrten sie weiterhin fragend an. Dana fiel es schwer das Gesicht des Wesens zu beschreiben. Die Nase war flach und die Haut glänzte gräulich. Das Wesen hatte keine Haare auf dem Kopf oder sonst wo am Körper. Zwischen den Fingern waren deutlich Schwimmhäute zu erkennen.

Genauso schnell wie die Gefechtspause zustande gekommen war, endete sie auch wieder. Die Augen des Wesens huschten über Scully, dann drehte es sich um. Mulder war aufgestanden und blockierte – eher unabsichtlich – den Weg zum Wasser. Mit einem Kreischen sprang das Wesen auf Mulder zu und machte dabei seltsam hüpfende Schritte, fast wie ein Mensch, der Taucherflossen trug. Scully riss geistesgegenwärtig ihre Waffe in die Höhe und feuerte. Das Wesen schrie auf und taumelte getroffen zum Ufer. Mit den Händen schlug es nach Mulder, der hastig zur Seite sprang, ehe es mit einem erstrickten Gurgeln in den Fluten verschwand. Mulders Herz schlug hämmernd gegen seine Rippen und sein Atem ging keuchend. Die Wange schmerzte höllisch und er wagte sie nicht zu berühren.

„Ich hab es getroffen!“, hörte er Scully rufen und schüttelte die Benommenheit ab, die ihn für eine Sekunde umgeben hatte. Mit taumelnden Schritten lief er zum Ufer und starrte in die Fluten. Im ersten Moment sah er nichts, als das tosende Wasser, die Wellen und Felsen. Doch dann . . .

„Leuchte mal da rüber.“ Scully trat neben ihn und ließ den Strahl der Taschenlampe seinem ausgestreckten Arm folgen. Auf dem Wasser trieb etwas, ein Körper. Mulder kniff die Augen zusammen, sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und griff nach ihrem Arm. Scully folgte seinem Blick und ihr Gesicht wurde blass. Auf dem Wasser, ein Spielball der Wellen, trieb der leblose Körper eines kleinen Mädchens . . .



Shenandoah National Park, 9. September 1999, 8:30



Durch die dünne Staubschicht auf dem Boden zogen sich zahlreiche Spuren schwerer Schuhe. Mit der Ruhe und Abgeschiedenheit der Hütte war es vorbei. Ein halbes Duzend Männer der örtlichen Polizei und der Forstbehörde bewegte sich unter den wachsamen Augen des Wolfs durch den Raum. Das Feuer im Kamin war längst verglüht, nur noch ein schwarzer Ascheberg zeugte davon, dass die Wärmequelle noch vor kurzem in Gebrauch gewesen war. Auf der Lehne des alten Sessels saß ein junger Mann in einer grünen Uniform und einer ebenfalls grünen Mütze. Die Tür öffnete sich und der Mann sah auf.

„Agent Mulder!“

„Mister Jacobs.“

Mulder hatte die Hände in die Hosentasche gesteckt. Über seine linke Wange zogen sich zahlreiche Kratzer, die jedoch schon lange aufgehört hatten zu bluten. Seine Kleidung war ramponiert und sein Haar durcheinander und nass vom Regen. Hinter ihm betrat Scully den Raum, die nicht viel besser aussah als ihr Partner. Die beiden müssen ganz schön was durchgemacht haben, dachte Jacobs und stand seufzend auf.

„Die Polizei hat die Leiche des Mädchens vorhin abtransportieren lassen. Ich habe in unseren Unterlagen nachgesehen, niemand mit ihrer Beschreibung wurde hier in letzter Zeit vermisst. Ich kann ihnen nicht sagen, wer die Kleine ist und wie sie hierher gekommen ist.“

Jacobs stand auf und schob sich die Mütze aus der Stirn.

„Wenn Sie wollen, können Sie später mit mir mit dem Boot zur nächsten Rangerstation fahren. Ich bringe sie dann zu ihrem Wagen.“

„Vielen Dank, dieses Angebot nehmen wir gerne an.“



Als Mulder und Scully aus dem Haus traten, riss die Wolkendecke über dem Tag auf und ein Sonnenstrahl zauberte silberne Lichtblitze auf den Fluss. Mulder seufzte und blickte seine Partnerin an.

„Ich bin sicher, die Obduktion wird ergeben, dass dies das vermisste Mädchen ist, von dem Henson erzählt hat.“

„Mulder, das kann einfach nicht sein, die Leiche müsste längst verwest sein. Das kann nicht sein.“

„Genauso wenig wie es sein kann, dass diese Leiche kein Einschussloch aufweist?“

„Was immer es war, vielleicht habe ich daneben geschossen.“

Mulder schüttelte den Kopf. „Ich hab gesehen, dass es getroffen wurde, Scully.“

Er trat ans Ufer und ließ seinen Blick einen Moment lang über den Fluss gleiten. Von Westen näherte sich eine Gruppe Wanderer ihrer Position. Mulder lächelte.

„Was immer es auch war, ich denke, dass es mit diesem Mädchen angefangen hat und mit ihm endet. Diese Menschen werden sich sicher am Fluss entlang bewegen können. Der Flussgeist ist verschwunden.“

Scully widersprach ihm nicht. Erleichtert stellte sie fest, dass Ranger Jacobs aus dem Haus trat und auf sein Boot zusteuerte. Alles, was sie jetzt noch wollte, war nach Hause zu gehen und ein langes, heißes Bad zu nehmen. Ein Moskito surrte an ihrem Gesicht vorbei und stürzte sich mit Heißhunger auf Mulder. Mit einem leisen Fluch schlug sich der FBI-Agent gegen den Hals. Scully grinste. Ausgleichende Gerechtigkeit nannte man das wohl.

„Na gut, du hast gewonnen. Verschwinden wir von hier“, brummte er, um gleich darauf zu grinsen. Dana sah ihn fragend an.

„Was ist?“

„Ich wäre fast ertrunken, wir haben genug Regen für die nächsten zehn Jahre gesehen, sind von Moskitos zerstochen worden. Ich glaube jemand will uns sagen, dass wir von der Natur die Finger lassen sollten.“

Scully lachte und hakte sich bei ihrem Partner ein.

„Wieso, dieser Ausflug in die Wildnis ist für unsere Verhältnisse doch ziemlich glimpflich ausgegangen, oder?“ schmunzelte sie und drückte kurz seinen Arm. Mulder lachte laut auf. Leben, dachte Scully. Jetzt werden wir endlich anfangen zu leben.



Gemeinsam gingen sie zu der Stelle, an der das Boot am Ufer lag. Als Agent Jacobs sie vom Land abstieß und das Gummiboot auf den Fluss hinaustrieb, blieb die Hütte schnell hinter ihnen zurück. Nicht weit entfernt an einem Felsen tauchte eine Hand aus dem Wasser auf. Zwei graue Augen starrten dem Gefährt hasserfüllt hinter her. Ein Kichern klang über den Fluss, verborgen hinter dem Rauschen und Dröhnen des Wassers . . .



Ende
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