Reality by XS
LesenswertSummary: Was ist real und was nicht?
Categories: Romance > Mulder/Scully Characters: Fox Mulder, Dana Scully
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Angst, Hurt/Comfort, Mystery, Romance
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 17 Completed: Ja Word count: 23670 Read: 123425 Published: 23 Dec 2011 Updated: 23 Dec 2011
Story Notes:
Inspiriert wurde diese Geschichte von "The Matrix".

1. Chapter 1 by XS

2. Chapter 2 by XS

3. Chapter 3 by XS

4. Chapter 4 by XS

5. Chapter 5 by XS

6. Chapter 6 by XS

7. Chapter 7 by XS

8. Chapter 8 by XS

9. Chapter 9 by XS

10. Chapter 10 by XS

11. Chapter 11 by XS

12. Chapter 12 by XS

13. Chapter 13 by XS

14. Chapter 14 by XS

15. Chapter 15 by XS

16. Chapter 16 by XS

17. Chapter 17 by XS

Chapter 1 by XS
Teil 1

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Beeep.



Beeep.



Beeep.



Beeep.



Beeep.



*Was war das?*



Beeep.



Beeep.



*So monoton. Wiederkehrend.*



Beeep. Beeep. Beeep. Beeep.



*Nervtötend.*



Beeep. Beeep. Beeep. Beeep. Beeep. Beeep. Beeep. Beeep.



*Hörte das denn gar nicht mehr auf?*



Alles war schwarz. Nichts war zu sehen. Sie öffnete ihre Augen. Alles war weiß. So weiß und grell. Sie blinzelte. Die Decke, an die sie starrte sowie die Bettwäsche, die sie bedeckte. Alles so stechend. Sie wandte den Kopf und bemerkte, dass auch der Rest des Raumes völlig weiß war. Bis auf einige Geräte, die sich in ihm befanden. Sie wusste sofort, wo sie sich befinden musste.

Ein Krankenhaus. Irgend etwas war passiert. Nur was? Wieso konnte sie sich nicht erinnern?

Plötzlich öffnete sich die ebenfalls weiße Tür und ein Mann betrat das Zimmer. Auch er war in weiß gekleidet. Ein Arzt. Er musste ihr sagen können, was passiert war.



„Agent Scully. Wie schön, dass Sie wach sind. Wie geht es Ihnen?“

Mit federnden Schritten kam der Arzt auf sie zu.



Er sah nett aus, fand sie. Er hatte blonde Haare, ein offenes Gesicht und ein herzliches Lächeln. Er schien noch jung zu sein. Vielleicht war er sogar noch Assistenzarzt.



„Ich bin Dr. Lang“, stellte er sich vor und streckte ihr seine Hand hin.



„Hallo“, erwiderte sie und ergriff seine Hand. „Wissen Sie...“



„Ja?“ Hilfsbereit lächelte er sie an.



Von seiner Herzlichkeit angetan, erwiderte Scully sein Lächeln leicht.



„Nun ja, ich weiß nicht mehr, was genau passiert ist.“



„Ach, das ist völlig normal“, beruhigte Lang sie, „Sie hatten einen Unfall und haben eine Gehirnerschütterung. Das wird schon wieder.“



Immer noch lächelte Lang ununterbrochen.



„Was ist mit Agent Mulder?“, fragte Scully.

Wenn er nicht hier bei ihr war, dann musste ihm doch sicher auch etwas passiert sein.



„Sie waren beide in einen Unfall verwickelt. Ihm geht es ebenfalls gut.“

Lang verzog keine Miene. Immer noch dieses herzliche Lächeln. Scully richtete sich vorsichtig auf.



„Aber nein“, beschwichtigte Lang sie und drückte sie zurück ins Kissen. Noch immer lächelte er. „Sie sollten sich nicht bewegen.“



„Was genau ist geschehen? Und wie schwer ist Mulder verletzt?“



„Wie gesagt, es geht ihm gut. Aber Sie sollten jetzt schlafen.“



„Ich möchte aber wissen, wie es Mulder geht und was genau passiert ist“, erwiderte Scully bestimmt, „Ich bin selber Ärztin. Also?“

Herausfordernd sah sie Lang an. Dieser hatte während des Dialogs noch immer keine Miene verzogen und Scully wünschte sich, er würde endlich zu lächeln aufhören, denn es nervte sie mittlerweile nur noch.



„Tut mir leid“, beschwichtigte Lang sie, „Ich kann Ihnen nur sagen, dass es Agent Mulder gut geht. Und damit es Ihnen bald auch wieder gut geht, sollten Sie sich hinlegen.“

Lang drückte sie abermals in die Kissen. Doch Scully begann auf Grund seiner Ignoranz in ihrem Inneren zu kochen und fegte unwirsch seine Hand von ihrer Schulter.



„Ich kann sehr gut einschätzen, wie gut es mir geht. Und jetzt möchte ich endlich erfahren, was passiert ist oder sie bringen mich sofort zu Agent Mulder.“

Scully hatte ihre Stimme erhoben, so dass es bis auf den Flur zu hören gewesen sein musste. Aber das wäre ihr nur Recht. Sie hatte keine Lust sich noch länger mit diesem ignoranten und scheinbar begriffsstutzigen Arzt herumzuärgern.

Doch scheinbar ließ sich Lang nicht eine Sekunde aus der Ruhe bringen. Noch immer lächelte er, was Scully jetzt beinahe zur Weißglut trieb.

„Also gut“, gab Lang schließlich nach und Scully atmete erleichtert auf, „Ich werde dafür Sorgen, dass Agent Mulder in ihr Zimmer gebracht wird.“

Mit diesen Worten, merklich kühler, aber noch immer herzlich lächelnd, drehte Lang sich um und verließ das Zimmer.



Erleichtert lehnte Scully sich zurück und atmete auf. Wo war sie hier nur gelandet? Irgend etwas konnte doch nicht stimmen. Der Arzt, der ihr keine Auskunft geben wollte. Der sich geweigert hatte, sie mit Mulder sprechen zu lassen. Das war einfach alles zu merkwürdig.

Woran hatten sie denn zuletzt gearbeitet? Es hatte sich um nichts Außergewöhnliches gehandelt. Ein Mordfall unter mysteriösen Umständen und ein Zeuge, der behauptete den Geist des Ermordeten gesehen zu haben. Dabei hatte sich ziemlich schnell herausgestellt, dass der Mord nicht so mysteriös war, wie Mulder angenommen hatte. Ein geschickt eingefädelter Mord von einer krankhaft eifersüchtigen Ehefrau. Und die Geistererscheinung hatte vermutlich nur im Alkoholdelirium des Nachbarn stattgefunden. Damit war der Fall abgeschlossen gewesen. Mulder und sie hatten sich von Pennsylvania aus, auf die Heimreise gemacht. Und dann setzte ihre Erinnerung aus.
Chapter 2 by XS
Teil 2

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Klopf, klopf, klopf.



Sie hob den Kopf.



„Ja?“



Langsam öffnete sich die Tür und die Räder eines Rollstuhls wurden sichtbar. Einige Augenblicke später konnte sie Mulder erkennen, der in dem Rollstuhl saß und von einem Pfleger geschoben wurde.



„Mulder!“



Glücklich, ihn zu sehen, setzte Scully sich auf.



„Hallo, Scully. Wie geht es Ihnen? Hübsche Beule, die Sie da haben.“



Grinsend kam er langsam auf sie zu. Er hatte eine Decke um sich geschlungen und sein rechtes Bein steckte in Gips.

„Dafür könnte ich Ihnen jetzt in den Hintern treten, im Gegensatz zu Ihnen“, gab sie ebenfalls grinsend zurück.



Der Pfleger hatte Mulder bis an ihr Bett geschoben und verließ den Raum.



Scully wurde schlagartig ernst.



„Mulder, was ist passiert? Die wollen mir nichts sagen.“



„Es ist alles in Ordnung. Wir hatten einen Unfall. Sie haben eine Gehirnerschütterung und ich habe mir das Bein gebrochen.“



Grinsend hob er sein Bein hoch und zeigte beinahe stolz seinen Gips, auf dem sich schon einige Unterschriften befanden.



„Wollen Sie auch unterschreiben, Scully?“, fragte er dann verschmitzt und hielt einen Filzschreiber hoch.



Irritiert sah Scully ihn an. Wieso zum Teufel beantwortete heute niemand ihre Fragen? Sonst konnte sie sich doch immer mit Mulder verständigen, sogar ohne Worte. Und jetzt?



„Mulder“, begann sie erneut ernsthaft auf ihn einzureden, „Was ist denn genau passiert? Wo sind wir hier?“



Eindringlich sah sie ihn an.



„Erst unterschreiben“, neckte Mulder sie, „dann die Antwort. Sie müssen aber mit ‚Dana Katherine Scully‘ unterschreiben und etwas malen müssen Sie auch.“



Frech grinste er sie wie ein kleiner Junge an. Er reichte ihr den Stift, den Scully völlig perplex annahm. Langsam fragte sie, wer denn eine Kopfverletzung hatte. Aber wenn es das war, was er wollte: bitte.

Sie beugte sich vor, da Mulder sein Gipsbein mittlerweile auf ihr Bett gelegt hatte. In wenigen Sekunden hatte sie ihren vollen Namen in roter Schrift auf den Gips gemalt.



„Und die Zeichnung nicht vergessen“, warf Mulder schnell ein, als sie ihm den Stift gerade wiedergeben wollte.

Seufzend beugte sie sich abermals vor und malte mit wenigen Strichen eine Blume neben ihren Namen.



„Sehr schön“, lobte Mulder sie und hob sein Bein von ihrem Bett herunter.



Erwartungsvoll sah sie ihn an.



„Was?“, fragte er erstaunt.



„Sie wollten mir sagen was genau passiert ist und wo wir uns befinden.“



„Ein Unfall, ein Krankenhaus“, erwiderte Mulder knapp und sah fasziniert auf sein Bein und studierte Scully’s Unterschrift, als wäre er davon hypnotisiert worden.



„Mulder!“



Erschrocken hob er den Kopf.



„Was ist denn mit Ihnen los? Haben die Sie einer Gehirnwäsche unterzogen? Fällt Ihnen denn gar nichts Ungewöhnliches auf?“



Fragend sah sie ihn an. Doch Mulder sah sie nur verständnislos an, als wäre er nie im Leben auf die Idee gekommen, dass überhaupt irgend etwas jemals faul sein konnte.



„Mulder. Der Arzt, der mir nichts sagen wollten. Der Unfall, über den Sie anscheinend auch nichts Genaueres wissen. Irgend etwas ist hier sehr zweifelhaft.“



Mulder hatte sie ohne jede Gefühlsregung angesehen und setzte nun wieder sein Grinsen auf.



„Scully, ich glaube, Sie sind wirklich zu feste mit dem Kopf irgendwo gegengestoßen. Wieso sollte etwas nicht stimmen. Sie können den Ärzten vertrauen. Sie wissen schon, was sie tun.“



Sprachlos starrte Scully ihn an. Das sollte Mulder sein? Agent Fox William Mulder? Besser bekannt als ‚Spooky‘ Mulder? Der Agent, der allen ein Dorn im Auge war, da er immer und überall Verschwörungen witterte? Er, dessen Leitspruch ‚Trust No One‘ war? Sie musste sich täuschen. Das konnte er unmöglich sein. Er vertraute den Ärzten blindlings. Sie musste träumen.



„Sie sind nicht Mulder! Sie müssen dieser außerirdische Kopfgeldjäger sein. Sie sind aber niemals Mulder!“, konfrontierte sie ihn.

Vorsichtshalber rückte sie ein Stück zurück. Wenn es sich wirklich um den Kopfgeldjäger handeln sollte, dann musste sie sehen, wie sie sich wehren konnte.



„Scully. Ich bin wirklich Mulder. Sie müssen mir vertrauen. Das tun Sie doch, oder? Es ist alles in Ordnung. Diese Ärzte wollen Ihnen nur helfen.“



Er beugte sich vor und wollte ihre Hand ergreifen, doch Scully zog sie weg.



„Fassen Sie mich nicht an.“ Drohend erhob sie ihre Stimme.



„Hey, Scully. Beruhigen Sie sich. Sie sind wahrscheinlich nur verwirrt. Vielleicht sind Sie doch schwerer verletzt.“



„Ich bin fast gar nicht verletzt!“, platzte Scully mit lauter Stimme heraus, „Was geht denn hier vor? Sie können mir nichts vormachen. Sie sind nicht Mulder!“

Jetzt schrie sie beinahe.



„Beruhigen Sie sich“, versuchte Mulder es erneut und wollte abermals ihre Hand nehmen.



Doch Scully kochte nicht nur vor Wut, sondern sie war auch verzweifelt. Nichts war so, wie es sein sollte. Die ganze Welt schien auf dem Kopf zu stehen. Und jetzt wollte dieser,... dieses Ding sie auch noch anfassen.

In Panik schlug sie wild um sich. Beschwichtigend versuchte Mulder ihre Hände festzuhalten, aber als er sie berührte, schlug sie nur noch wilder um sich.



„Scully. Alles ist okay. Sie müssen sich nicht so aufregen.“



Doch Scully wollte sich nicht beruhigen und sah sich nach einem Gegenstand um, den sie notfalls als Waffe benutzen konnte. Doch bevor sie Zeit hatte, etwas geeignetes auszumachen, betrat Lang den Raum. Diesmal begleitet von gleich zwei Pflegern. Er sagte etwas zu ihnen, das sie nicht verstehen konnte. Mulder hatte gerade wieder begonnen, beruhigend auf sie einzureden und versuchte abermals sie festzuhalten. Mit wenigen Schritten kamen die Pfleger auf die zu und hielten sie fest. Sie waren nicht nur stärker als Mulder sondern sie waren auch zu zweit. Schließlich hielten sie Scully mit starkem Griff fest und drückten sie in ihr Kissen. Als es sicher war, dass sie sich nicht mehr wehren konnte, kam Lang auf sie zu und zog gerade eine Spritze auf.

Lächelnd beugte er sich zu ihr nieder.



„Es wird alles wieder gut sein, wenn Sie wieder aufwachen.“



Wütend versuchte Scully sich aufzurichten. Nur zu gerne hätte sie ihm das Lächeln aus seinem Gesicht geschlagen, aber sie wurde mit eisernem Griff festgehalten. Statt dessen versuchte sie sich also nur zu wehren. Aber auch das war ein unmögliches Unterfangen. sie versuchte es trotzdem, obwohl sie wusste, dass sie zahlreiche blaue Flecken davontragen würde. Sie spürte den Einstich, als Lang ihr ein Betäubungsmittel spritzte.



„Nein! Hören Sie auf!“



Aber es war bereits zu spät. Lang hatte die Spritze bereits wieder entfernt und sah sie mit einem überlegenem Siegerlächeln an.



„Jetzt schlafen Sie erst einmal. Morgen sieht alles ganz anders aus.“



„Mulder...“, setzte Scully an, doch als sie sich zu ihm umsah, erwiderte dieser ihren Blick nur lächelnd.



„Es wird jetzt alles wieder gut, Scully. Vertrauen Sie dem Doktor.“



Enttäuscht sah sie in sein noch immer grinsendes Gesicht. Das war auch das letzte, das sie sah, bevor sie von der Dunkelheit der Bewußtlosigkeit eingehüllt wurde.
Chapter 3 by XS
Teil 3

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Beeep. Beeep. Beeep. Beeep.



*Was war das? Das hatte sie doch schon einmal gehört.*



Sie war so müde und konnte sich kaum bewegen. Ihr ganzer Körper tat weh. Warum konnte sie sich an nichts erinnern? Obwohl. Doch, da war etwas. Etwas, an dass sie sich zu erinnern glaubte. Etwas Unbestimmtes, etwas das scheinbar verwischt war. Eine Erinnerung, die keine echte Erinnerung war. Es war, ... Wie konnte man das denn beschreiben? ... Ja, es schien wie ein Traum. Ein so realer Traum, dass man Realität und Traum nicht unterscheiden konnte. Doch genau so deutlich, wie er noch während des Schlafes gewesen war, so undeutlich wurde er, sobald man aufwachte.

Das musste es gewesen sein. Sie hatte geträumt. Was auch immer es gewesen war, das sie geträumt hatte. Sie konnte sich kaum noch an etwas erinnern. Nur dieses Geräusch, das sie wieder wahrnahm, kam ihr bekannt vor. Doch das konnte sich in ihr Unterbewusstsein gemischt haben, als sie noch schlief.

Sie öffnete die Augen. Was sie sah, kam ihr bekannt vor. Als hätte sie das schon einmal gesehen. Aber wieso auch nicht? Sie erkannte, dass sie in einem Krankenhaus lag. Wie oft war sie schon in einem Krankenhausbett aufgewacht? Unzählige Male. Und jedes Mal war etwas passiert, an das sie sich kaum oder gar nicht erinnern, geschweige denn erklären konnte. Also war das doch eigentlich völlig normal.

Sie seufzte. Sie hasste es, dass sie ihr Leben, das so aus den Fugen geraten war akzeptierte und sie nicht einmal den Versuch unternahm, das zu ändern. Aber vielleicht wollte sie es auch gar nicht anders. Bestand nicht auch ein gewisser Reiz darin, nicht zu wissen, was morgen passierte? Hatte sie es nicht gehasst, ein „normales“ Leben zu führen und nur langweilige Überprüfungen zu erledigen, als Kersh sie und Mulder von den X-Akten abgezogen hatte? Also, wieso zum Teufel beschwerte sie sich?

Wieder seufzte sie. Jetzt hörte sie sich schon an wie Mulder. Besessen von der Arbeit und immer auf der Suche. Ständig in Bewegung. Niemals Ausruhen. Und trotzdem mochte sie das?



Sie hatte keine Zeit mehr, noch länger darüber nachzudenken, da sich die Tür ihres Krankenzimmers öffnete.



*Das habe ich doch auch schon einmal gesehen*, schoss es ihr durch den Kopf. *Ein dejà-vu?*



„Miss Scully? Sie sind schon wach. Wie schön, dass es Ihnen schon besser geht.“ Mit leichten Schritten näherte sich der Arzt ihrem Bett.

Er streckte ihr eine Hand hin, die sie ergriff.

„Ich bin Dr. Scott“, stellte er sich vor und warf dann einen Blick auf ihr Krankenblatt. Während dieser Zeit hatte Scully Zeit, ihn ein wenig genauer zu betrachten. Sie schätzte Dr. Scott auf Mitte vierzig. Er hatte schwarzbraune Haare, jedenfalls der Teil, der davon übriggeblieben war. Als er ihr Krankenblatt studierte, hatte er sich eine altmodische Hornbrille aufgesetzt, die an ihm absolut lächerlich wirkte, wie Scully schmunzelnd überlegte. Er hob den Kopf und wandte sich ihr zu.



„Dr. Scott. Ich habe nicht mehr allzu viele Erinnerungen daran, was passiert ist. Könnten Sie vielleicht...?“

Scully sah ihn fragend an.



„Ach, das ist völlig normal“, beruhigte Scott sie, während er seine Brille absetzte, „Sie hatten einen Unfall und haben eine Gehirnerschütterung. Das wird schon wieder.“



Eben noch hatte Scully ihn fragend angelächelt, aber jetzt erstarrte sie. Etwas war merkwürdig. Etwas kam ihr so vertraut vor. Als hätte jemand schon einmal, genau das gleiche zu ihr gesagt. Vor nicht allzu langer Zeit. Was...?



*Lang!*



Was? Was hatte sie gerade gedacht?



*Lang!*



Lang? ... Lang? Lang... Lang! Dr. Lang! Ein Arzt. Ein Arzt, der ihr genau mit den selben Worten auf eine ähnliche Frage geantwortet hatte. In ihrem Traum... In ihrem Traum? Das konnte doch kein Traum gewesen sein, oder? Aber sie konnte sich doch an nichts erinnern. Nur, wenn sie irgendwie daran erinnert wurde. Das alles sprach doch für einen Traum...



„Miss Scully? Dana? Ist alles in Ordnung?“ Dr. Scott beugte sich zu ihr hinunter.



„Ja! Ja, mir geht es gut“, versicherte sie schnell, „ich habe nur gerade.. nachgedacht.“



„Haben Sie denn irgendwelche Schmerzen? Vielleicht in ihrem Bein?“



Irritiert sah Scully ihn an.



„Ihr Bein. Sie haben es sich angeschlagen. Nichts Ernstes, aber trotzdem sollte man vorsichtig sein.“ Immer noch besorgt und ernst sah Scott sie an.



„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe noch nicht einmal bemerkt, dass ich mich am Bein verletzt habe.“ Lächelnd aber bestimmt versicherte sie ihm, dass es ihr gut ging.



*Lang*



„Gibt es hier einen Dr. Lang?“, fragte sie dann frei heraus. Als ihre Frage heraus war, hätte sie sich ohrfeigen können.



*Warum frage ich denn jetzt nach Dr. Lang? Ich weiß doch, dass ich nur geträumt habe. Also was soll dieser Quatsch?*



Kritisch sah Dr. Scott sie an.

„Nein“, erwiderte er dann zögernd, „es hat hier noch nie einen Dr. Lang gegeben. Wieso fragen Sie?“



„Ach nichts weiter“, beschwichtigte Scully. Also hatte sie doch alles nur geträumt. Aber wieso konnte sie sich dann so genau an diesen Namen erinnern? Vielleicht hatte das ja auch mit ihrem letzten Fall zu tun, den sie mit Mulder bearbeitet hatte. Und an den sie sich genauso wenig erinnern konnte, wie an den Unfall.



*Mulder!*



„Was ist mit meinem Partner? Agent Mulder. Ist er auch hier eingeliefert worden? Oder ist er unverletzt?“



Dr. Scott sah sie misstrauisch an.

„Dana. Ich fürchte Sie sind doch schwerer verletzt als angenommen. Wieso Agent Mulder? Ich weiß von keinem Agent Mulder und wieso Partner? Sie sind doch Ärztin. Was meinen Sie mit Agent?“



Sprachlos starrte Scully ihn einige Augenblicke an. Doch dann fasste sie sich wieder.

„Agent Mulder, mein Partner beim FBI...“



„Dana, ich vermute, dass ihre Gehirnerschütterung wirklich schlimmer ist. Sie phantasieren. Sie sind nie beim FBI gewesen. Sie haben Medizin studiert und sind Ärztin geworden.“



Während Dana zuhörte, was Dr. Scott ihr erzählte, schweiften ihre Gedanken ab. Langsam kamen einige, zwar noch immer verschwommene, Erinnerungen wieder. Erinnerungen an den Traum. War es wirklich nur ein Traum gewesen? Sie wusste, dass sie sich hatte wehren wollen. Wehren gegen die Lügen, die jemand - *Lang und Mulder, der nicht Mulder gewesen war* - versucht hatten ihr aufzutischen. Und deshalb war etwas passiert, gegen das sie sich nicht hatte wehren können. Also, vielleicht sollte sie...



„Miss Scully? Was ist los? Hören Sie mir zu? Geht es Ihnen nicht gut?“ Dr. Scott sah sie argwöhnisch an und hatte eine Hand bereits zu einem Alarmknopf ausgestreckt.



„Nein, nein“, beschwichtigte Scully ihn schnell und sah fasziniert zu, wie Scott seine Hand langsam, Millimeter um Millimeter wieder von dem Knopf zurückzog.

„Mir geht es wirklich gut und ich glaube ich habe da nur etwas verwechselt. Ich bin nämlich ziemlich müde und da kann man schon mal einige Dinge durcheinander bringen. Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen diese Umstände mache. Aber ich glaube, ich sollte jetzt zunächst einmal etwas schlafen.“

Sie lächelte ihn herzlich an und langsam entspannte Dr. Scott sich. Er lächelte zwar nicht, aber seine Züge entspannten sich wieder. Er nickte.



„Ja, ich glaube das wird das Beste sein. Aber wenn irgend etwas sein sollte, können Sie einfach nach einer Schwester klingeln, in Ordnung?“



Sie nickte. „Danke, das werde ich.“ Wieder dieses honigsüße Lächeln ihrerseits, obwohl sie Scott lieber gehörig die Meinung gesagt hätte. Am Besten mit vorgehaltener Waffe. Aber wenn sie das tat, dann endete es vermutlich so wie in ihrem *Traum* oder was auch immer das gewesen war. Also schluckte sie ihre Wut hinunter und schloss die Augen. Sie horchte, wann Scott das Zimmer verlassen hatte und öffnete die Augen sofort wieder. Sie hatte einen Plan. Einen Plan darüber, was sie als nächstes tun würde. Und mit entschlossenem Gesichtsausdruck und einem Grinsen, machte sie sich daran, den Plan in die Tat umzusetzen.
Chapter 4 by XS
Teil 4

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Umsichtig hatte sie sich in ihrem Krankenzimmer umgesehen. Doch sie hatte nichts finden können, dass ihr in irgendeiner Weise hätte helfen können. Sie hatte wohl herausgefunden, woher das nervtötende Piepen gekommen war. Die Zimmerwände waren sehr dünn, so dass leicht Geräusche aus dem Nebenzimmer durch die Wand dringen konnten. Sie wusste also wenigstens, dass sie sich für die Verwirklichung ihres Planes ruhig verhalten musste.

Aber sie hatte noch weitere Erkundungen durchgeführt. Sie war einige Stunden später auf den Flur getreten und hatte sich auch dort so gut es, ohne Aufsehen zu erregen, ging, umgesehen. Sie war dann im WC verschwunden, um nicht aufzufallen.

Schließlich war sie in ihr Zimmer zurückgekehrt und hatte nur noch warten können. Warten, bis der richtige Zeitpunkt kam. Und das Warten zerrte mehr als alles andere an ihren Nerven.

Als dann gegen 19:00 Uhr die Tür geöffnet wurde, erschrak sie kurz und zuckte zusammen. Aber ihre Angst war unbegründet, da nur eine Schwester vorbeigekommen war, um ihr das Abendbrot zu bringen. Doch selbst nach einigen Minuten, in denen sie genug Zeit gehabt hatte, sich zu beruhigen, konnte sie keinen Bissen hinunterbekommen. Sie war noch immer nervös und hatte auch Angst. Angst davor, dass in das Essen ein Beruhigungsmittel gemischt sein könnte. Auch auf die Gefahr hin, genauso paranoid zu wirken wie Mulder, der allerdings angeblich nicht existierte, nahm sie zwei Scheiben Brot und einiges von dem Aufschnitt und entsorgte es. Doch sie ließ das Essen nicht einfach in ihrem Mülleimer verschwinden, sondern sie begab sich abermals zum WC und vergrub es dort am Boden des Mülleimers.

Schließlich holte die Schwester das Tablett wieder und ohne etwas zu bemerken, verschwand sie wieder und wünschte Scully eine gute Nacht. Sie informierte sie noch kurz, dass das Licht gegen zehn Uhr ausgeschaltet würde und um elf Uhr die Nachtschicht begann, so dass sich nur noch wenige Schwestern auf der Station befinden würden.



Und jetzt lag sie in der Dunkelheit. Aber sie schlief nicht. Sie hatte ihre Augen geöffnet. Und das obwohl sie so gerne geschlafen hätte. Die ganze Aufregung hatte es ihr unmöglich gemacht am Tage zu schlafen und so war sie jetzt entsprechend müde. Aber würde sie jetzt ihre schwer gewordenen Augenlider schließen, dann würde sie vermutlich einschlafen. Und das wollte sie um keinen Preis. Sie musste diese Nacht wach bleiben. Denn wenn sie es nicht schaffte, ihren Plan jetzt umzusetzen, dann schaffte sie es vielleicht nie.

Unwirsch über ihre pessimistischen Gedanken schüttelte sie den Kopf. Es musste funktionieren. Sie würde es schaffen aus diesem Irrenhaus zu entkommen. Sie fühlte sich zwar so paranoid wie Mulder, da sie eine mehr als phantastische Erklärung für all dies aufgestellt hatte, aber wenn sie es dadurch schaffte zu entfliehen, dann sollte ihr das Recht sein.



Erschrocken schlug sie die Augen auf und setzte sich abrupt auf. War sie eingeschlafen? Nein, das durfte nicht so sein. Sie wandte sich dem Tisch zu, der neben ihrem Bett stand und betrachtete die auf diesem stehende Digitaluhr.

02:24 Uhr.

Sie war gerade noch rechtzeitig aufgewacht. Vermutlich war sie nur kurz eingenickt. Gott sei Dank. Aber jetzt sollte sie sich auf den Weg machen. Sie ließ sich aus dem Bett gleiten und schlüpfte in die Krankenhausschuhe, die direkt vor dem Bett standen. Leise ging sie auf die Tür zu und legte ein Ohr daran. Einige Minuten verstrichen. Sie konnte nicht das leiseste Geräusch ausmachen, bis auf das ständige Piepen und Knacken der medizinischen Überwachungsgeräte. Aber draußen auf dem Flur tat sich offensichtlich nichts.

Unentschlossen stand sie noch einige Augenblicke vor der Tür. Sollte sie das wirklich tun? Und wenn sie sich doch irrte? War die ganze Idee nicht verrückt? Aber sie konnte sich zu genau erinnern. An das FBI, an die Fälle, an Mulder. Sie musste es wagen.



*Wenn sich nur wirklich niemand im Flur aufhielt.*



Aber sie musste es riskieren. Sie konnte immer noch sagen, dass sie zur Toilette wollte. Sie musste hier raus.

Vorsichtig und langsam öffnete sie die Tür einen Spalt breit. Mit einem Auge lugte sie aus der Tür. Der Flur war menschenleer. Vorsichtig trat sie aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Scheinbar müde und als wäre es das Normalste der Welt ging sie auf das WC zu. Sie sah sich kurz um und als sie niemanden erblickte wandte sie sich von den Toiletten ab und änderte ihre Richtung. Jetzt steuerte sie geradewegs auf den Eingang des Treppenhauses zu.

Einen Schritt vor den anderen. Nur nichts übereilen. Langsam und leise. Nur keine hastigen Bewegungen machen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihr Herz pochte wie wild, je näher sie der Tür zum Treppenaufgang kam. Jeden Augenblick erwartete sie eine Stimme zu hören, die sie aufhielt und fragte, was sie denn im Treppenhaus wolle. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, während sie weiterging.

Nur noch drei Schritte. Noch zwei. Noch einer...

Eine Tür. Sie hörte das Öffnen einer Tür.



*Nein. Bitte lieber Gott, nein. Bitte nicht.*



Aber sie konnte nicht auf ein Wunder hoffen, sie musste sich selber helfen. Mit einem weiteren schnellen Schritt gelangte sie zur Tür und riss diese mit einem Ruck auf. Wenigstens machte diese keine verräterischen Geräusche. Ein Satz und sie befand sich im Treppenhaus. Leise ließ sie die Tür ins Schloss gleiten. Sie spähte durch die Glastür.



*Nein. Niemand näherte sich. Offensichtlich hatte keiner etwas bemerkt.*



Ein kleines Siegeslächeln huschte, einem Schatten gleich, über ihr Gesicht. Es war noch nichts ausgestanden, aber wenigstens konnte sie einen kleinen Erfolg gegen den scheinbar übermächtigen Gegner verzeichnen. Sie wandte sich ab und stieg die Treppen hinauf.
Chapter 5 by XS
Teil 5

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Der Treppenaufgang war stockfinster. Sie konnte nicht einmal sehen, wie sie ihren Fuß auf die nächste Stufe setzte. Es war wie ein einziges schwarzes Loch, das sich unter ihr befand und in dem sie sich gleichzeitig auch zu befinden schien. Sie wusste natürlich, dass sie nur den Lichtschalter hätte betätigen müssen, um diese Angst, in die Unendlichkeit zu fallen, zu beseitigen. Aber die Angst, dass jemand das Licht sehen könnte und sie vermutlich nie wieder die Chance bekommen könnte zu fliehen, war größer. Größer, als die Angst, von der Dunkelheit verschluckt zu werden, je sein könnte. Also tastete sie sich weiter durch die Dunkelheit. Eng an die Wand gepresst, mit ihren Fingern die Wand berührend. Vorsichtig, um nicht zu stolpern, tastete sie vor jedem endgültigen Schritt mit ihrem Fuß den Boden ab. Sie wusste, dass vor ihr nichts liegen konnte. Kein gähnender Abgrund oder etwas ähnliches. Nicht im wirklichen Leben. Wenn dies ein Traum wäre, dann könnte sie mit allem rechnen, aber sie war sich sicher, dass sie sich in der harten Realität befand und sie nicht darauf hoffen konnte, einfach aufzuwachen. Sie musste sich selber aus diesem Schlamassel befreien.

Vorsichtig glitten ihre Hände weiter über die Wände. Sie befand sich jetzt zwischen zwei Etagen, in der Mitte des Treppenaufganges. Sie tastete sich zum Beginn der Treppenstufen vor und nahm den zweiten Teil in Angriff.

Während sie sich immer weiter nach oben vorarbeitete, dachte sie noch einmal über alles nach.



*Ist das wirklich richtig, was ich hier tue? Was ist, wenn meine 'Theorie' falsch ist? Was ist, wenn ich mich geirrt habe? Ist dann nicht alles für mich verloren?*



Scully dachte noch einmal über ihre Theorie nach. Es war unglaublich wichtig, dass sich keine logischen Fehler in ihr befanden. Denn wenn sie sich geirrt hatte, würde sie vermutlich eingewiesen werden... Aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken.



Sie war davon ausgegangen, dass Mulder existierte. Das er nicht existieren sollte, war einfach absurd. Sie hatte klare Erinnerungen an ihn. Sie konnte ihn vor sich sehen, wie er ihr mit ungetrübten Enthusiasmus eine seiner verdrehten und verqueren Theorien erklärte.

Sie musste bei dem Gedanken daran lächeln. Vor allem, wenn sie daran dachte, dass sie eine genauso absurde Theorie aufgestellt hatte.



Dann das FBI. Mulder war ihr Partner gewesen: beim FBI! Und das sie für die Bundesbehörde arbeitete, konnte sie mit absoluter Sicherheit sagen. Das erste Gespräch mit Sektionschef Blevins war ihr nur zu gut in Erinnerung. Und auch der geheimnisvolle Mann, der anwesend gewesen war. Er hatte kein Wort gesagt, sie nur mit seinen eiskalten und grauen Augen gemustert, als könnte er bis in ihr Innerstes sehen. Und er hatte während der gesamten Einweisung geraucht. Das hatte sie zunächst am meisten irritiert. Rauchen war in öffentlichen Gebäuden verboten. Und er hatte sich das Privileg herausgenommen im Hauptgebäude des FBI zu rauchen.

Doch später hatte sie ihn nicht wegen des Rauchens hassen gelernt. Der "Krebskandidat" hatte viele schreckliche und grausame Dinge getan, für die sie ihn hassen konnte. Und auch er überzeugte sie davon, dass all diese Dinge, die angeblich nicht existierten, nicht nur durch eine Gehirnerschütterung zustande gekommen waren.

Instinktiv griff sie sich bei dem Gedanken an den Kettenraucher an ihr Genick. Sie tastete ihren Nacken ab. Keine Narbe war zu fühlen, geschweige denn das kleine Implantat, das dort sein sollte.



*Was passiert hier? Was haben die mit mir gemacht?*



In Scullys Magengegend breitete sich ein mulmiges Gefühl aus. Ihr Leben zu manipulieren, das konnte sie sich noch vorstellen, aber das Implantat sowie die Narbe verschwinden lassen, das war doch unmöglich.



Das passte nicht in ihre Theorie, aber wie sollte sie das sonst erklären? Ihrer Meinung nach, war sie nach dem letzten Fall, den sie bearbeitet hatte irgendwie betäubt und in dieses Krankenhaus gebracht worden. Vollgepumpt mit irgendwelchen experimentellen Drogen, von denen sie lieber nichts näheres wissen wollte, hatte man ihr weismachen wollen, dass ihr Leben, so wie sie es kannte, nicht existierte. Weder Mulder, noch ihr Job beim FBI oder die Fälle, die sie einer Regierungsverschwörung näherbrachten, sollten wahr sein. Aber das war geradezu lächerlich. Entweder hatten DIE nicht gewusst, dass ihre Drogen nicht richtig wirken oder aber, sie hatten sich der Hoffnung hingegeben, dass sie leicht zu manipulieren war. Dass ihr Wille leicht gebrochen werden konnte und sie so von der Idee einer Regierungsverschwörung abgebracht wurde.

Aber da hatten sie sich getäuscht. Scully würde niemals so leicht aufgeben. Sie war eine Kämpfernatur und würde es denen heimzahlen. Alles, was sie ihr und Mulder und ihren Familien angetan hatten. Melissa, Samantha und Mulder's Vater. Sie waren alle gestorben. Und sie selber wäre auch beinahe gestorben, mehr als einmal. Sie würde DIE nicht einfach so davonkommen lassen. Oh, nein. Ganz sicher nicht.



Wütend ballte sie eine Hand zur Faust und wünschte sich sie hätte jemanden vor sich, dem sie diese ins Gesicht schlagen könnte. Einem Verantwortlichen. Jemandem, der ihr das alles angetan hatte.

Doch plötzlich hielt sie inne. Ihre Fingerspitzen, mit denen sie noch immer gedankenverloren die Wand abgetastet hatte, waren auf eine Erhebung gestoßen. Eine kühle und glatte Oberfläche. Vermutlich eine Tür.

Scully war bereits an einigen Türen vorbeigekommen, aber diese musste eine der Letzten sein. Sie tastete die Tür ab und spürte einen Windhauch durch die Ritze fegen. Vielleicht war sie schon auf dem Dach angelangt, nachdenklich wie sie gewesen war.

Sie tastete weiter und berührte kurze Zeit später den Türgriff. Erleichtert drückte sie den Griff nach unten und zog. Nichts. Die Tür rührte sich nicht einen Millimeter.



*Nein! Bitte geh' auf! Nicht jetzt, wo ich so nah am Ziel bin. Bitte mach schon, geh auf!*



Doch auch als sie noch einmal halbherzig daran rüttelte, tat sich nichts. Fassungslos stand Scully einige Sekunden in der Dunkelheit, während sich langsam Tränen der Wut und Verzweiflung in ihren Augen bildeten.
Chapter 6 by XS
Teil 6

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*Nein!*



Sie war so wütend und enttäuscht. Sie hatte es beinahe geschafft. Wieso musste ihr das jetzt passieren? Aufgebracht schlug sie mit der Faust gegen die Tür. Ein dumpfes Dröhnen erklang und sie erschrak, da sie ein so lautes Geräusch verursacht hatte. Aber auf eine Art war ihr das alles gleichgültig. Man würde sie auf die eine oder andere Art und Weise wieder in diese merkwürdige Realität zurückbringen. Vielleicht auch einweisen, wenn sie DIE mit ihrer Theorie konfrontierte. Sie hatte verloren.



*Nein! Nein! NEIN! NEIN! Ich darf jetzt nicht aufgeben! Ich habe noch nicht verloren! Ich werde kämpfen! So leicht gebe ich mich nicht geschlagen!*



Ja, sie kämpfte und wenn sie auch nur aus einem Akt letzter Verzweiflung wie wild an dem Türgriff rüttelte und mit aller Kraft daran zog.

Sie wusste nicht, ob es Zufall, Schicksal oder die Kraft, die ihr die Gewissheit gegeben hatte, dass sie kämpfen würde, gewesen war, die die Tür urplötzlich aufspringen ließen. Aber was auch immer das gewesen sein mochte, Scully war überglücklich, dass sie sich überhaupt geöffnet hatte.

Ein sanfter Windhauch strömte ihr entgegen. Kein kalter oder schneidender Wind. Nein. Er war warm. Eine leichte Brise. Beinahe sanft umschmeichelte er ihr Gesicht und ihren Körper. Umspielte ihre Beine und fegte mit Leichtigkeit durch ihr dünnes Krankenhaushemd. Mit neuer Zuversicht wandte Scully dem begrüßenden Lufthauch ihr Gesicht zu und lächelte wieder ein kleines Siegeslächeln.

Wieder hatte sie eine Etappe bewältigt. Zwar langsam, aber stetig näherte sie sich dem Ziel ihres Vorhabens. Sie hatte dies alles nur mit ihrer inneren Stärke geschafft und sie war dankbar dafür, dass sie diese besaß.

Sanft ließ sie die Tür ins Schloss fallen und betrat das Dach, das vor ihr lag. Obwohl es nicht später als 3:00 Uhr sein konnte, war der Wind nicht schneidend und kalt. Eine warme Sommerbrise. Scully besaß keine Uhr, also konnte sie jetzt nur warten. Warten auf den Sonnenaufgang. Sie wusste, dass der letzte Teil ihres Planes sehr riskant war, aber sie wollte nicht hier festsitzen.

Sie sah sich auf dem Dach um. Kleine Erhebungen, Ausgänge von Lüftungsschächten oder was auch immer, befanden sich überall auf dem Dach. Und auch wenn sie nicht direkt fror, so kauerte sie sich in eine Ecke, da sie sich dort sicherer fühlte. Sie schlang die Arme um ihre Beine und legte außerdem ihr Kinn darauf. Dann wartete sie einfach und dachte noch einmal über alles nach, bis ihr plötzlich einfach die Augen zufielen.



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Sie ging durch einen dunklen Raum. Es schien eine Halle mit endlosen Ausmaßen zu sein. Sie drehte sich einmal im Kreis, konnte jedoch nirgendwo eine Wand erkennen. Keine Decke war zu sehen und obwohl sie auf etwas laufen musste, da sie nicht fiel, konnte sie auch keinen Boden erkennen. Alles war so dunkel und kalt. Eine Zeitlang lief sie immer geradeaus, aber nicht das Geringste veränderte sich. Sie hatte nicht einmal das Gefühl, dass sie sich fortbewegte. Es war als stünde sie auf einem Laufband, dass sich in entgegengesetzter Richtung bewegte. Aber sie konnte auch nicht einfach hier bleiben. Sie wollte auf keinen Fall im Nichts gefangen sein. Sie musste einen Weg hier heraus finden. Sie begann zu rennen. Immer schneller wurde sie, aber gleichzeitig wusste sie, dass auch das keinen Zweck haben würde. Das Fließband bewegte sich nur noch schneller und ließ ihr keine Chance. Doch urplötzlich veränderte sich alles. Sie schien zu schweben, aber sie bewegte sich nicht von der Stelle. Vielmehr schien sich der Raum um sie herum zu verändern. Noch immer war alles dunkel, aber jetzt stand sie in einem schmalen Gang. Rechts uns links von hohen Mauern gesäumt. Eine Decke war immer noch nicht zu erkennen. Als sie sich umdrehte sah sie das selbe Bild, das sich vor ihr erstreckte. Der Gang machte nach kurzer Zeit einen Knick. Obwohl sie nicht sehen konnte, wohin der Gang führte, wusste sie instinktiv, dass sie sich in einem Labyrinth befand. Sie beschloss einfach draufloszugehen. Ihr Vater hatte ihr einmal gesagt, wie sie immer aus einem Labyrinth entkommen konnte, als sie einmal auf einem Jahrmarkt eins betreten hatte. Sie war damals einige Minuten darin herumgeirrt und hatte schließlich beinahe angefangen zu weinen. Nur mit Mühe hatte sie die Tränen unterdrücken können. Aber sie hatte an ihre Brüder denken müssen, die sie vermutlich ausgelacht hätten, also hatte sie nicht geweint. Nur ihrem Vater hatte sie später sagen können, welche Angst sie gehabt hatte. Dieser hatte sie sanft in seine Arme geschlossen und ihr tröstend erklärt, was sie tun müsste, um aus einem Labyrinth zu entkommen. Jetzt dachte sie an diese Worte und befolgte sie. Ihr Vater hatte ihr gesagt, sie müsse sich immer an eine Seite halten. Entweder immer rechts oder immer links abbiegen. Mit der Erinnerung an diese sanft ausgesprochenen Worte ging sie los. Instinktiv wandte sie sich an der ersten Kreuzung nach links. Sie wusste nicht, was sie dazu bewogen hatte, aber etwas schien sie nach links zu ziehen und sie folgte diesem unhörbaren Ruf. Die kalten Wände schienen sie anzustarren und jeden ihrer Schritte mit wachsamen Augen zu verfolgen. Ihr war jetzt kalt. Ob durch die kalte Atmosphäre oder durch die Tatsache, dass sie barfuss war, konnte sie nicht sagen, aber sie musste durchhalten. Stundenlang schien sie durch die Gänge zu irren. Immer weiter führten sie die Wege, ohne einen Ausgang zu enthüllen. Doch sie bemerkte eine Veränderung. Sie wusste nicht, ob sie sie gutheißen sollte. Sie wirkte jedenfalls sehr beängstigend auf sie. Die Wege schienen schmäler zu werden. Die Wände schienen immer mehr zusammenzurücken, so dass sie diese jetzt schon beim normalen Laufen mit ihren Händen berührte. Es schien auch noch kälter zu werden. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, nur um wenige Meter später erschrocken feststellen zu müssen, dass sie jetzt schon mit ihren Schultern die Wände berührte. Einige Minuten später war es ihr nicht mehr möglich normal durch das Labyrinth zu gehen. Sie konnte nur sich nur noch seitwärts fortbewegen. Sie war sich nicht sicher, ob sie weitergehen sollte. Die Furcht stieg langsam in ihr hoch. Aber auf der anderen Seite wollte sie jetzt auch nicht umkehren. Was wäre, wenn sie jetzt kurz vorm Ziel stand? Wenn hinter der nächsten Biegung der rettende Ausgang lag? Also ging sie weiter. Mühselig musste sie sich jetzt zwischen den Wänden hindurchzwängen und als sie das Gefühl hatte, steckenzubleiben und keine Luft mehr zu bekommen, da wurde es auf einmal völlig weiß um sie herum. Genauso schwarz, wie es noch vor einem Augenblick gewesen war, so grellweiß leuchtete jetzt alles um sie herum. Alles war verschwunden. Die Wände, der Boden. Sie schien zu schweben....
Chapter 7 by XS
Teil 7

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...dann fühlte sie auf einmal wieder die Schwerkraft, die sie auf die Erde zurückholte. Scully blinzelte einige Male und sah dann direkt in das helle Sonnenlicht, das sie geweckt hatte. Bereits jetzt konnte sie sich nicht mehr an den Traum erinnern, aber vielleicht war das auch besser so. Sie spürte jetzt deutlich ihre verspannten Muskeln, die ihr die ungemütlichen Stunden auf dem Dach übel nahmen. Erschrocken rappelte Scully sich auf, als die Erinnerung des vergangenen Tages wiederkehrte.

Nein, niemand hatte sie bisher entdeckt. Aber wer wusste, wie lange ihr Verschwinden noch unbemerkt bleiben würde? Sie wusste ja nicht einmal, wie spät es war. Aber offensichtlich waren schon einige Stunden vergangen, da die Sonne bereits aufgegangen war. Außerdem war sie jetzt doch ziemlich durchgefroren und zitterte am ganzen Körper. Das Krankenhaushemd und die Schuhe konnten einen nicht warm halten, auch nicht in einer lauen Sommernacht.

In der Ferne hörte sie eine Kirchturmuhr schlagen.

Ein Glockenschlag. ... Zwei Schläge. ... Drei. ... Vier. ... Fünf. ...

Das waren alle. Es war jetzt also fünf Uhr.



*Was hatte die Schwester noch gleich gesagt, wann die Morgenvisite war? Um 7 Uhr oder um 8 Uhr?*



Verdammt! Sie wusste es nicht mehr genau. Aber wenn die Visite um 7 Uhr war, dann würde die Schwester bestimmt schon um 6 Uhr oder auch früher einmal nachsehen, ob auch alles in Ordnung sei. Eine Runde durch die Station als reine Routine. Vielleicht sollte sie also jetzt die letzte Etappe ihres Planes in die Tat umsetzen.

Scully dachte darüber nach. Ja, es war riskant, aber wenn ihre Theorie stimmte, dann war das die einzige Möglichkeit, die sie sah. Sie konnte jetzt nur auf die Sensationslust der amerikanischen Sendeanstalten und der Fernsehzuschauer hoffen.

Zögernd ging sie auf den Rand des Daches zu und sah hinunter. Vereinzelt konnte sie einige Autos vorbeifahren sehen. Das Gebäude war nicht besonders hoch, aber jetzt, da sie direkt hinuntersah und daran dachte, was sie zu tun gedachte, bekam sie doch ein ungutes Gefühl. Vielleicht sollte sie doch noch ein wenig warten.



*Nein!*



Bestimmt und so deutlich, als hätte sie es laut ausgesprochen, hörte sie dieses einzelne Wort in ihrem Kopf. Wenn sie jetzt wartete, dann würde sie vielleicht doch noch entdeckt werden oder sie würde nie wieder den Mut dazu aufbringen, den Plan zu vollenden. Sie würde immer neue Zweifel bekommen und schließlich ihr Vorhaben aufgeben.

Also musste sie es jetzt tun. Sofort. Selbst dann könnte es schließlich noch eine Weile bis zum endgültigen Schritt dauern...

Tief Luft holend ging sie auf den Rand des Daches zu, welches von einer niedrigen Mauer gesäumt wurde. Scully ging auf die Mauer zu, stützte sich auf diese und beugte sich darüber. Mit einem Seufzen ließ sie die Luft, die sie angehalten hatte, wieder aus ihrer Lunge entweichen. Mit zitternden Knien, wobei das Zittern mit Sicherheit nicht nur von der Kälte herrührte, schwang sie ihre Beine über die Mauer und setze sich darauf. Scheinbar leichten Mutes ließ sie ihre Beine hängen und beobachtete die sich langsam füllende Straße.



Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte, als sie - endlich? - einen Schreckensschrei wahrnahm und eine Frau nach oben, genau auf sie deutete. Vermutlich war ihr Gesicht vor Entsetzen genau so verzerrt, wie ihre Stimme, aber Scully war zu weit von ihr entfernt, als dass sie es mit Gewissheit hätte sagen können. Nach dem beinahe markerschütterndem Schrei drehten sich einige Passanten um und sahen in Scullys Richtung.

Das schien ihr Stichwort zu sein. Sie erhob sich von der Mauer und stellte sich auf den kleinen Vorsprung, der sie noch davon trennte zu fallen. Mit beiden Händen hielt sie sich an der Mauer fest und atmete flach.



*Bitte, lass alles gut gehen.*



Sie konnte jetzt nur noch bitten. Denn was vor ihr lag, war nur vom Schicksal oder vom Glück bestimmt.

Einige Minuten vergingen, als sie plötzlich eine Sirene näherkommen hörte. Dann konnte sie am Ende der Straße einen Feuerwehrwagen um die Ecke biegen sehen. Doch sie hatte keine Zeit, das, was dort unten passierte, länger zu beobachten.



„Miss Scully! Tun Sie's nicht! Bitte!"



Erschrocken wandte sie ihren Kopf um. In einiger Entfernung standen Dr. Scott und zwei Sicherheitsbeamte, die sich ihr langsam näherten.



*Verdammt! Hoffentlich ruinieren die nicht alles!*



Aber sie hatte keine Zeit sich darum zu kümmern. Sie musste sich jetzt auf das konzentrieren, was unter ihr auf der Straße vor sich ging. Das Feuerwehrauto hatte mitten auf der Straße angehalten. Die Feuerwehrmänner hatten sich direkt unter ihr aufgestellt und hielten ein Sprungtuch zwischen sich aufgespannt. Einer der Feuerwehrmänner hielt ein Megaphon in der Hand und sagte etwas, das sie nur undeutlich verstehen konnte. Alles wurde durch die ungeheure Lautstärke verzerrt.



„Miss Scully. Bitte. Es gibt sicher eine andere Lösung. Wir werden Ihnen helfen. Es wird alles wieder gut. Sie sind nur ein wenig verwirrt.“



Doch Scully ignorierte das, was Scott ihr zurief.



*Oh, ja. Und wie sie mir helfen werden. Ich werde einen schönen Drogentrip erfahren, der aber bestimmt nicht so schön enden wird. Es wird bestimmt nicht alles wieder gut.*



Sie konnte jetzt viele Schaulustige erkennen, die in Gruppen auf der Straße zusammenstanden und sich wichtig machten. Wie sie diese Leute hasste.

Und dann war da noch ein weiterer Wagen. Ein Übertragungswagen von einer Fernsehgesellschaft. Ein Reporter, der eifrig von einer Kamerafrau gefilmt wurde, schien Bericht zu erstatten. Nach einigen Sekunden schwenkte die Kamera nach oben und filmte jetzt sie. Scully sah direkt in die Kamera und versuchte verzweifelt, eine stille Botschaft mit ihren Augen zu senden.

Sie hatte gehofft, dass das passieren würde. Denn wenn sie entführt worden war, dann musste Mulder sich irgendwo dort draußen befinden. Und mit etwas Glück sah Mulder sie in dieser Live-Übertragung. Und dann käme sie hier heraus. Die Frage war nur, hatte sie genug Zeit, bevor Mulder hier war? Was, wenn sie sich nicht einmal mehr in Washington befand? Wie lange konnte sie dann hier oben bleiben, ohne von Scott und den zwei Sicherheitsbeamten überwältigt zu werden? Und selbst wenn Mulder hier auftauchte, wie könnte sie dann Scott entkommen?

Sie schob den Gedanken zur Seite und konzentrierte sich ganz auf das, was unten passierte. Ab und zu warf sie einen Blick über die Schulter, aber Scott kam nicht näher. Vielleicht hatte er Angst, dass sein *kostbares Versuchskaninchen* tatsächlich springen würde. Wie sie ihn hasste. Hätte sie jetzt eine Waffe gehabt, hätte sie nicht garantieren können, dass sie nicht auf ihn schießen würde.

Die Zeit schien stehenzubleiben. Es geschah nichts. Alle Schaulustigen verrenkten sich die Hälse nach ihr und das Fernsehteam schien auch langsam ihrer Arbeit müde zu werden. Sie hatten die Kamera zwischenzeitlich ausgeschaltet und schienen jetzt eine Kaffeepause machen zu wollen. Scully nahm ihren Mut zusammen und ging vorsichtig auf dem schmalen Vorsprung einige Meter an der Kante entlang. Es kam augenblicklich wieder Bewegung in die Menschen dort unten. Die Feuerwehrmänner folgten ihr mit dem Sprungtuch und wieder wurden einige kaum verstehbare Sätze durch das Megaphon gebrüllt, die sie offensichtlich zur Aufgabe zwingen sollten. Das Fernsehteam richtete erneut ihre Kamera auf sie. Die anderen Anwesenden waren wieder still geworden und beobachteten fasziniert jeden ihrer Schritte.

Selbst Dr. Scott und seine beiden Helfer waren still geworden und Scully warf noch einmal einen Blick nach hinten, um sich zu vergewissern, dass sie nichts im Schilde führten. Aber sie standen noch immer am gleichen Fleck und rührten sich nicht. Scott sah sie zwar verzweifelt an, aber er sagte kein Wort.

Plötzlich wurde die spannungsgeladene Stille durch ein sich mit hoher Geschwindigkeit näherndes Fahrzeug unterbrochen. Mit quietschenden Reifen bog es um die Ecke und näherte sich dem Krankenhaus. Mit einigen erschrockenen Lauten, stoben die Menschen, die den Weg des Wagens versperrten, auseinander. Wieder quietschten die Reifen, als der Wagen abrupt hielt. Die Tür der Fahrerseite wurde aufgerissen und ein Mann sprang heraus. Er lief auf die Feuerwehrmänner zu, die den Bereich direkt unter Scully abgesperrt hatten.



„Miss Scully, springen Sie nicht. Sie können ja wieder gehen, wenn Sie jetzt nur wieder zu uns kommen.“



Beinahe hätte Scully laut aufgelacht. Sie sollte gehen dürfen? Nicht einmal in einem Traum wagte sie zu hoffen, dass Scott sie tatsächlich gehen ließ. Er würde vermutlich eher sterben, als sie freiwillig gehen zu lassen. Sie drehte sich zu ihm um. Er hatte sich ihr jetzt wieder genähert und war nur noch wenige Schritte entfernt.

Scully wandte jetzt zum ersten Mal das Wort an ihn.



„Wagen Sie es nicht näher zu kommen oder ich springe!“



Doch ihre Drohung nutzte nichts. Scott näherte sich immer noch. Scully warf einen Blick nach unten und beobachtete den Mann, der so spektakulär aufgetaucht war. Er war näher herangekommen und sah sie direkt an. Es bestand kein Zweifel, es handelte sich tatsächlich um Mulder. Erleichtert atmete Scully auf. Ihr Plan hatte funktioniert. Sie musste jetzt nur irgendwie von dem Dach herunter, ohne Scott in die Arme zu laufen. Sie warf wieder einen Blick zurück. Scott war nur noch einen Schritt von ihr entfernt. Wenn er noch ein bisschen näher kam, dann könnte er sie von der Kante wegziehen.



„Bleiben Sie, wo Sie sind!“, zischte Scully.



Aber er schien nicht auf sie zu hören. Entweder hatte er nichts mehr zu verlieren oder aber er glaubte nicht daran, dass sie wirklich springen würde.

Scully wollte nicht springen. Das hatte sie nie wirklich vorgehabt. Sie hatte gehofft, dass sie einfach so das Dach verlassen konnte. Und in ihrem Plan hatte sie die Möglichkeit, dass Scott auftauchen konnte, verdrängt. Was sollte sie denn jetzt nur tun? Mulder war dort unten. Sie war fast in Sicherheit. Und jetzt sollte alles daran scheitern, dass sie dieses verdammte Dach nicht verlassen konnte?
Chapter 8 by XS
Teil 8

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Sie konnte Mulder sehen, wie er zu ihr hinauf sah. Er rief etwas.



„Scully, springen Sie nicht. Sie sind jetzt in Sicherheit!“



*Oh, Mulder! Wenn Sie nur wüssten, was hier los ist. Ich bin noch lange nicht in Sicherheit.*



Verzweifelt sah Scully sich um. Sie suchte nach einer Lösung. Einen Weg aus diesem Irrsinn heraus. Aber statt einer Lösung fiel ihr Blick abermals auf Scott, der noch einen Schritt näher gekommen war. Er streckte gerade eine Hand aus, um sie festzuhalten. Scully hatte kaum Zeit nachzudenken. Alles was sie im Moment wusste, war, dass sie die einzige Möglichkeit zu entkommen wahrnehmen musste. Und diese Möglichkeit hieß springen. Das Sprungtuch würde ihren Fall auffangen.

Und sie sprang. Scott beugte sich gerade vor und streifte ihren Arm. Aber er bekam sie nicht richtig zu fassen.

Scully fiel. Alles ging so schnell. Die Luft rauschte in ihren Ohren und sie konnte die erschreckten Rufe hören, die alle Anwesenden von sich gegeben hatten. Sie drehte sich ungewollt in der Luft. Sie sah die Leute auf der Straße. Mulder. Und dann wieder die Sonne, die so grell schien, dass bunte Punkte vor ihren Augen tanzten. Sie fühlte sich leicht und frei.

Und dann kam der Aufprall. Sie hatte das Sprungtuch erreicht und spürte jetzt deutlich die Schwerkraft. Nichts war von dem Gefühl der Leichtigkeit zurückgeblieben. Sie spürte jetzt nur den Schmerz, der sie durchflutete. Nicht nur die unsanfte Landung, die ihren ganzen Körper betraf, spürte sie. Sie hatte sich in der Luft so gedreht, dass sie mit ihrem Körper auf ihrem rechten Arm gelandet war. Und der Schmerz, der davon ausging, sandte heiße Wellen des Schmerzes durch ihren ganzen Körper. Aber sie wollte sich jetzt nicht darum kümmern. Sie wollte nur weg. Weg, bevor Scott wieder auftauchen konnte.

Sie setzte sich auf. Wieder ein heißer Schmerz und sie stöhnte auf. Zwei Feuerwehrmänner griffen ihr unter die Arme und halfen ihr aufzustehen. Als sie schließlich stand, wollte sie Mulder suchen gehen, aber sie wurde festgehalten. Panik stieg in ihr auf. Was, wenn sie sich Mulder nur eingebildet hatte? Und wenn jetzt gleich Scott vor ihr stehen würde? Sie würde nie wieder aus diesem Krankenhaus entkommen.

Sie wollte sich losreißen, aber einerseits hielten sie zwei Feuerwehrmänner mit eisernem Griff fest und andererseits schmerzte ihr Arm höllisch.



„Lassen Sie mich los, verdammt!“, warf sie den Männern an den Kopf.



Diese sahen sie nur spöttisch grinsend an und hielten sie weiter fest. Doch plötzlich hörte sie eine Stimme durch das Gedränge hindurch, das sich um sie gebildet hatte.



„Lassen Sie mich durch, ich bin FBI-Agent!“



Scullys Herz tat einen Freudensprung, als sie Mulders Stimme erkannte. Sie hatte ihn sich also nicht nur eingebildet. Gespannt sah sie in die Richtung, aus der seine Stimme gekommen war. Nach einigen Sekunden konnte sie eine Hand erkennen, die sich durch die Menschenmassen kämpfte. Schließlich erschien Mulder und wedelte erneut mit seinem Ausweis vor einigen Nasen herum, so dass er schließlich durch die Absperrung gelangte.



„Mulder!“



Scully versuchte sich erneut loszureißen, aber nur ein erneuter Schmerz brannte in ihrem Arm auf. Sie verzog ihr Gesicht vor Schmerzen und schloss die Augen, da alles vor ihren Augen zu verschwimmen drohte. Wie aus weiter Ferne hörte sie Mulder mit den Feuerwehrmännern reden.



„Lassen Sie sie auf der Stelle los. Sie ist FBI-Agentin und meine Partnerin!“



Scully lächelte. Sie hatte es doch gewusst. Sie war seine Partnerin und sie arbeitete fürs FBI. Niemand hatte sie ihrer Überzeugungen berauben können. Sie fühlte, wie der Griff um ihre Arme gelockert wurden und sie öffnete ihre Augen wieder. Mulder stand jetzt direkt vor ihr und hielt sie sanft an der Schulter fest. Er sah ihr direkt in die Augen.



„Dana! Ich bin so froh, dass ich Sie gefunden habe! Geht es Ihnen gut?“



Scully lächelte ihn schwach an.



„Ja, mir geht es gut. Nur mein Arm...“



Mulder betrachtete ihren Arm und sah sie besorgt an.



„Lassen Sie uns ins Krankenhaus gehen. Ihr Arm ist bestimmt gebrochen...“



„Nein!“, protestierte Scully etwas lauter als beabsichtigt, „Nicht dort hinein. Bitte Mulder, nicht in dieses Krankenhaus.“



Sie sah ihn bittend an und Mulder sah etwas in ihren Augen, dass ihn sofort dazu bewegte, ihren Wunsch zu erfüllen. Er zog seinen Mantel aus und legte ihn Scully um, da er sah, wie sie zitterte. Dann legte er einen Arm um ihre Hüfte und sie bahnten sich einen Weg durch die Menschenmenge zu seinem Auto. Er öffnete die Beifahrertür und ließ Scully Platz nehmen. Dann setzte er sich auf den Fahrersitz, ließ den Motor an und fuhr davon.

Scully lehnte sich in ihrem Sitz zurück und warf einen Blick in den Rückspiegel. Das Krankenhaus wurde immer kleiner. Und plötzlich tauchte Dr. Scott in ihrem Blickfeld auf und warf dem Wagen wütende Blicke hinterher. Scully schloss beruhigt und zufrieden die Augen. Sie war hier bei Mulder in Sicherheit. Scott konnte sie nicht mehr gefangen halten. Sie tastete nach Mulders Hand und drückte sie leicht. Ja, er war hier und das war mit Sicherheit kein Traum.

Nach einigen Minuten hielt Mulder an und Scully öffnete ihre Augen wieder. Er hatte vor dem Trinity Hospital gehalten und sah sie jetzt abwartend an, als wolle er fragen, ob sie bereit sei, in dieses Krankenhaus zu gehen. Scully nickte unmerklich und beantwortete seine unausgesprochene Frage. Mulder stieg aus, ging um das Auto herum und half Scully beim Aussteigen. Wieder legte er einen Arm um ihre Hüfte und gemeinsam gingen sie auf den Eingang des Krankenhauses zu.







„Mulder, bleiben Sie bitte hier.“



Mulder drehte sich zu Scully um. Er hatte Scully in einen Behandlungsraum gebracht und gewartet, bis der Arzt gekommen war. Jetzt wollte er nicht länger stören, aber wenn Scully ihn darum bat, hier zubleiben. Vor allem sah sie ihn mit so durchdringenden Augen an. Sie hatte ihm noch nicht erzählt, was passiert war, aber er wollte sie nicht drängen. Sie würde es ihm früh genug erzählen. Also nickte er nur und nahm auf einem Stuhl Platz. Nach gut zwei Stunden kam Scully zurück, ihren rechten Arm in Gips und sie durfte das Krankenhaus wieder verlassen.

Auf der Fahrt zu Scullys Appartement wurde wieder kein Wort zwischen den beiden FBI-Agenten gewechselt. Erst als Mulder vor ihrer Wohnung hielt, richtete Scully das Wort an ihn.



„Mulder, bleiben Sie noch ein wenig bei mir? Sie müssen mir noch erzählen, wie Sie mich gefunden haben.“



Mulder lächelte: „Sicher. Und Sie müssen mir erzählen, wie Sie überhaupt dort gelandet sind.“



Scully nickte zwar, aber innerlich seufzte sie. Wie sollte sie Mulder erklären, was passiert war, wenn sie es nicht einmal selber genau wusste? Aber sie wollte erst einmal Mulders Version der Geschichte hören. Vielleicht ergaben sich daraus ja noch einige neue Erkenntnisse und sie konnte daraus schlussfolgern, was mit ihr geschehen war.

Auch wenn es nicht mehr nötig gewesen wäre, hatte Mulder wieder einen Arm um Scully gelegt, als sie die Treppe zu ihrem Appartement hinaufstiegen.



Während Scully im Schlafzimmer verschwand um endlich das Krankenhaushemd loszuwerden, kochte Mulder einen starken Kaffee. Schließlich erschien Scully wieder und ließ sich neben Mulder auf dem Sofa nieder. Dankbar nahm sie den heißen Kaffee entgegen und trank gierig einige Schlucke, auch wenn er ihr fast die Zunge verbrannte. Erst jetzt merkte sie, dass sie nicht nur durstig sondern auch hungrig war. Bestätigt wurde sie durch ihren Magen, der ein lautes Knurren hören ließ.



„Möchten Sie, dass ich Ihnen etwas zu essen mache?“, fragte Mulder mit einem Grinsen auf dem Gesicht.



Scully nickte: „Aber nur, weil mein rechter Arm in Gips ist. Ich weiß ja, wie Sie kochen...“



Mulder sah sie scheinbar empört an: „Was soll das denn heißen? Ich bin der beste Koch im Universum. Selbst die kleinen grauen Männchen wissen von meinen Kochkünsten und sie kommen einmal die Woche vorbei, um meinen berühmten Nudelauflauf zu kosten.“



Scully lächelte. Wahrscheinlich würde er gleich auch noch Elvis erwähnen.



„Und Elvis kommt auch manchmal vorbei. Dana, Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie er auf Nudelauflauf steht.“



Jetzt lachte Scully laut auf.



„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“



„Ich? Niemals!“



Aber ihr prustendes Lachen entlarvte sie als Lügnerin. Mulder grinste von einem Ohr zum anderen und wandte sich dann der Küche zu, um seinen berühmten Nudelauflauf herbeizuzaubern.
Chapter 9 by XS
Teil 9

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Während Mulder in der Küche herumwerkelte, lehnte Scully sich erschöpft, aber erleichtert und glücklich zurück und schloss ihre Augen. Endlich war sie dieser Hölle entkommen. Sie konnte sich jetzt ausruhen und die Anspannung der letzten Stunden fiel von ihr ab. Sie war wieder zu Hause. Und alles war, wie es sein sollte. Alles war... normal. Normal. Ja, das war das richtige Wort. So einfach und trotzdem drückte es alles aus, was sie empfand. Sie seufzte einmal kurz auf und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war zu Hause. Sie konnte es kaum fassen. Mulder kochte für sie. Ihr Grinsen wurde breiter. DAS konnte sie noch viel weniger fassen.

Erwartungsvoll sog sie die Luft ein, um vielleicht schon einmal den Duft der Köstlichkeit, die Mulder kreierte, einatmen zu können. Es roch... nach einem Nudelauflauf... Noch einmal sog Scully den Geruch ein und wieder roch sie den verlockenden Geruch eines gelungenen Nudelauflaufes. Aber sie war beunruhigt. Sie schlug die Augen auf und spürte, wie das Herz in ihrer Brust schneller zu schlagen begann.



*Hör auf damit, Dana!*, befahl sie sich.



Und sie versuchte es. Sie wusste nicht einmal, weshalb sie so beunruhigt war. Es war doch alles... normal?! Ja, alles war normal... Oder etwa nicht? Natürlich war es das. Also wieso machte sie sich verrückt? Ihr Herz beruhigte sich wieder ein wenig, aber nicht vollständig. Was hatte sie denn eigentlich beunruhigt? Sie wusste es ja eben nicht. Nur, dass dieses merkwürdige Gefühl, das etwas nicht stimmte eingesetzt hatte, als sie... als sie den Geruch des Essens wahrgenommen hatte. Vielleicht war sie ja nur hungrig...



*Das ist absurd!*



Wieso sollte sie ein so beunruhigendes Gefühl haben, nur weil sie hungrig war?



*Also gut*, dachte sie, *dann starten wir einen neuen Versuch.*



Wieder sog sie die Luft ein und roch... wieder den völlig normalen Geruch eines Nudelauflaufes. Sie kam sich lächerlich vor. Wieso beunruhigte sie der Geruch eines Nudelauflaufes? Sie war ja noch paranoider als Mulder...



*STOP!*, rief ihr Verstand.



Was? War sie jetzt etwa...



*Hör auf damit! Konzentrier' dich!*



Sie gehorchte, auch wenn sie nicht wusste wem. Sie konzentrierte sich ein letztes Mal auf den Geruch, schloss die Augen und roch... ----------

------ nicht das geringste. Erstaunt riss sie die Augen wieder auf. Wie war das möglich? Das musste doch eine Täuschung sein. Noch einmal konzentrierte sie sich, aber nichts änderte sich. Sie konnte nicht den geringsten Geruch ausmachen. Nicht einmal den normalen Geruch ihrer Wohnung. Und erst jetzt bemerkte sie, was vorher nicht normal gewesen war. Der Geruch des Nudelauflaufes hatte zwar genauso gerochen, wie sie es erwartet hatte, aber... er war nicht wirklich gewesen. Sie wusste genau, wie es riechen sollte, aber eigentlich war es nur ein künstlicher Geruch gewesen, den sie nur wahrgenommen hatte, da sie es erwartet hatte. Nachdem ihr diese Tatsache klar geworden war, begann ihr Herz wieder wilder zu schlagen.



*Was passiert nur mit mir? Werde ich verrückt?*



Vielleicht war ja auch ihre erste Theorie falsch gewesen... Vielleicht... Nein! Sie wollte keine weiteren verrückten Theorien aufstellen. Aber offensichtlich ließ sich das nicht vermeiden, denn ihr Blick fiel plötzlich auf eine Ecke des Wohnzimmers, in der eine Topfpflanze stand. Vermutlich wäre ihr das nie aufgefallen, aber jetzt, nachdem sie schon einige Zweifel hegte, da sah sie es plötzlich deutlich vor sich.

Die Pflanze hatte sie, wenn sie ihr Zeitgefühl nicht allzu sehr trog, vor zwei Wochen auf den Müll befördern müssen. Die ganze Pflanze war vertrocknet gewesen, da irgendein Pilz sie befallen hatte. Anschließend hatte sie immer verwirrt auf eben jene besagte Stelle gestarrt und erwartet, die Pflanze dort zu sehen.

Und als sie sich weiter umsah, bemerkte sie noch etwas. Die Kissen, die auf ihrem Sofa lagen. Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit neue Kissen gekauft, die sie zufällig entdeckt hatte. Richtig hatte sie sich noch nicht daran gewöhnen können. Und jetzt lagen wieder die alten Kissen auf der Couch und beinahe entsetzt starrte Scully darauf.

Und jetzt fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. All diese Dinge waren Dinge, die ihr Unterbewusstsein noch nicht aufgenommen hatte. Deshalb hatte sie auch nichts bemerkt und hätte es vermutlich auch nie bemerkt, wenn sie nicht das Nichtvorhandensein des Geruchs wahrgenommen hätte.

Was passierte nur mit ihr? Verlor sie den Verstand oder war hier irgendein böses Spiel im Gange, in welches sie nicht eingeweiht worden war? Ihr Herz pochte jetzt noch schneller und sie konnte beinahe spüren, wie die Panik in ihr aufzusteigen drohte.



*Bleib‘ ruhig, Dana!*, befahl sie sich wieder, *So wirst du nie herausfinden, was hier los ist!*



Sie bezwang ihre Panik und versuchte ruhig zu atmen. Sie musste jetzt herausfinden, was los war. Sie hatte es satt, an der Nase herumgeführt zu werden und nicht zu wissen was los war. Sie stand auf und ging zur Küche hinüber. Mulder stand noch immer an der Anrichte und schien etwas zuzubereiten.



„Mulder?", fragte sie mit möglichst normaler Stimme.



Lächelnd drehte er sich um und sah sie erwartungsvoll an.



„Ja? Ist Ihnen nicht gut, Scully? Sie sehen ein bisschen blass um die Nase aus."



Besorgt sah Mulder sie an.



„Mulder...“, begann sie und sah ihn traurig an.



Tausende Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was, wenn sie sich irrte? Würde sie dann eingeliefert werden? Sie? Dana Scully? Dana Scully, die so realitätsnah war, wie sonst niemand? Aber sie wusste doch genau, dass hier etwas nicht stimmte, oder? Oder wurde diese ganze Verwirrung durch den Schock hervorgerufen? Das konnte sie sich einfach nicht glauben. Aber sie wusste mit Sicherheit, dass sie es langsam angehen lassen müsste. Wenn sie jetzt auf Mulder losgehen und ihn anbrüllen würde, dann würde sie von der Panik überrollt werden. Und dann...

Daran wollte sie nicht denken.



„Mulder...“, begann sie abermals und zwang sich zur Ruhe. Ernst sah Mulder sie an. „Mulder... etwas stimmt nicht...“



Erstaunt musterte Mulder sie.



„Was meinen Sie?“, fragte er, legte seine Arme auf ihre Schultern und beugte sich zu ihr hinunter.



„Alles ist anders... Meine Wohnung, die Pflanzen,... der Geruch...“



Nervös fuhr sich Scully durchs Haar. Sie konnte ihm nicht erklären, was sie so in Panik versetzt hatte. Wenn sie es laut aussprach, dann würde es sich absolut lächerlich anhören, das wusste sie. Bereits jetzt, nur mit diesen wenigen Worten, kam sie sich töricht und dumm vor.

Mulder schüttelte traurig und besorgt den Kopf.



„Was haben die nur da drin mit Ihnen gemacht?“



„Die haben gar nichts mit mir gemacht“, fuhr Scully ihn an. Heftiger, als beabsichtigt.



„Es ist nur alles so... unwirklich.“



Mulder musterte sie ernst. Einige Sekunden vergingen und Scully wartete beunruhigt auf eine Reaktion. Dann schließlich setzte Mulder zu einer Antwort an.



„Ich fürchte, Sie haben sich bei dem Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen. Vielleicht ist es auch nur der Schock, der durch den Sturz hervorgerufen wurde. Deshalb sind Sie jetzt wohl etwas verwirrt...“



Scully konnte nicht glauben, was sie hörte. Mulder suchte nach einer wissenschaftlichen Erklärung? Es war hier etwas nicht in Ordnung. Alles schien auf dem Kopf zu stehen. Und alles war darauf aus, sie in den Wahnsinn zu treiben. Vielleicht war sie ja auch wahnsinnig. Wahnsinnig vor Angst und Verzweiflung. Sie wollte nur, dass das aufhört. Sie wollte... raus. Raus aus dieser Unordnung, aus diesem Chaos, das ihr Leben beherrschte. Und die Erkenntnis, dass sie dieses Chaos gefangen hielt und sie nicht entkommen ließ, rief die Panik, die sie, wie sie gedacht hatte, in eine Ecke verbannt hatte, wieder hervor.



„Ich will hier raus!“, rief sie mit schriller Stimme in den Raum, jedoch nicht an Mulder gewandt, „Hört ihr mich? Ich will hier raus! Lasst mich gehen! Ich will mein Leben zurück!“



Tränen rollten ihr über die Wangen. Nicht nur der Angst und Verzweiflung sondern auch der Wut. Der Wut darüber, dass sie nicht einfach tun konnte, was sie wollte. Sie wurde einfach eingesperrt in dieser verrückten Welt und konnte nicht das Geringste dagegen ausrichten.

Mulder war bei ihrem Ausbruch einen Schritt zurückgewichen und starrte sie geschockt an. In seinen Augen war zu lesen, wie sehr es ihn mitnahm, dass Scully scheinbar so verwirrt war und er ihr nicht helfen konnte. Aber da war auch die Unsicherheit, die er empfand. Er wollte ihr helfen, aber gleichzeitig wusste er nicht was er tun sollte. Er hatte Angst, dass, wenn er auf sie zu gehen würde, alles nur schlimmer machen würde. Erst, als Scully plötzlich inne hielt, den Kopf erschöpft und hoffnungslos auf ihre Brust sinken ließ, schluchzte und zitternd dastand, schien es, als hätte jemand in Mulders Innerem einen Schalter umgelegt. Er machte einen Schritt auf sie zu und versuchte, sie beruhigend in die Arme zu schließen. Doch Scully schien seine Bewegung gespürt zu haben. Gerade, als er ihren Arm streifte, stieß sie ihn mit aller Kraft von sich, so dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.



„Sie existieren gar nicht! Sie sind gar nicht DA!“, schrie sie ihn an und wich einige Schritte zurück, als er wieder auf sie zukam.



„Ssscht! Scully, beruhigen Sie sich. Es ist alles in Ordnung...“ Mit ruhiger und sanfter Stimme redete er auf Scully ein, „Es wird alles wieder normal werden. Sie sind nur verwirrt.“



Doch bei all seinen psychologischen Kenntnissen, hätte Mulder nichts sagen können, was schlimmer gewesen wäre. Scully war jetzt rasend vor Wut. Wut gegen Mulder, der sie nicht verstand. Wut gegen diese ganze merkwürdige Realität. Wut gegen sich selber, da sie offensichtlich nicht in der Lage war, aus dieser Gefangenschaft zu entfliehen.



„Hören Sie auf damit!“, brüllte sie ihn an, diesmal so schrill vor Panik, dass sich ihre Stimme überschlug, „Lassen Sie mich gehen!“



Immer weiter wich sie zurück und orientierte sich dabei an der Anrichte, die sie mit aller Kraft umklammert hielt, so dass ihre Knöchel an den Händen weiß hervortraten. Mulder kam immer näher und versuchte immer noch auf sie einzureden, doch sie registrierte schon nicht mehr die Worte, die er sprach. Das einzige, was sie mir Schrecken wahrnahm, war die Tatsache, dass er immer näher kam. Mulder... nein, das war nicht Mulder. Es war wieder... ein Ding. Und dieses Ding kam immer näher auf sie zu. Reflexartig, ohne über ihr Handeln nachzudenken, griff sie nach dem Gegenstand, den sie mit einer Hand auf der Anrichte gestreift hatte und hielt ihn schützend vor sich.



„Kommen Sie nicht näher! Lassen Sie mich nur hier raus!“



Mit Schrecken sah Mulder, was Scully da vor sich hielt. Sie hatte das Messer ergriffen, das er zuvor benutzt hatte, um einen Salat vorzubereiten. Die silbern glänzende Klinge blitzte gefährlich im Licht, das durch die Fenster hereinschien. Er wusste, dass sie eine tödliche Waffe in der Hand hielt. Er selber hatte zuvor feststellen können, wie scharf das Messer war und die Erinnerung daran ließ ihn erschauern.



„Scully, bitte legen Sie das Messer weg. Das hat doch keinen Zweck. Ich bleibe hier stehen, wenn Sie das möchten. Sagen Sie mir, was Sie wollen. Nur legen Sie bitte das Messer zur Seite!“



Flehend sah er sie an. Er wollte nicht, dass sie sich womöglich noch selber etwas antat und sei es nur durch einen Unfall. In dem Zustand, in dem sie sich befand, konnte vieles passieren.



„Also gut“, begann Scully, mit etwas ruhigerer Stimme, „dann möchte ich jetzt zu meiner Mutter. Oder ich möchte wenigstens mit ihr sprechen.“



Scully wartete auf eine Reaktion. Ihre Mutter. Das wäre die einfachste Möglichkeit, herauszufinden, ob sie getäuscht wurde oder nicht. Sicher sie kannte Mulder ebenso gut, aber da waren manchmal diese Situation, in denen sie in dem einen Augenblick noch in seinen Augen lesen konnte, was er gerade dachte und sie bis in seine Seele hineinsehen konnte und plötzlich änderte sich das schlagartig und sie hatte nicht einmal die leiseste Ahnung, wovon er eigentlich sprach. Und diese kleine Unsicherheit, diese kleine unbekannte Variable, machte ihre Analyse zu unsicher. Sie brauchte mehr Sicherheit.



Bei ihren Worten war Mulder innerlich zusammengezuckt. Was sollte er ihr sagen? Sollte er versuchen einen Ausweg zu finden und sie das hören lassen, was sie wollte und dadurch ihr gesamtes Vertrauen missbrauchen? Das konnte er nicht tun.



„Scully...“, begann er zögernd und senkte seinen Blick. Er konnte ihr einfach nicht in die Augen sehen, „Sie müssen das doch wissen. Ihre Mutter... sie ist schon... seit beinahe einem Jahr tot...“



Leise hatte er die letzten Worte ausgesprochen, als wollte er sie nicht erschrecken. Erst jetzt sah er sie wieder an, um die möglicherweise unkontrollierbare Reaktion abzuwarten.



Scully hörte die Worte und sie verstand auch den Sinn, den sie ihr vermittelten, aber sie konnte es nicht glauben. Sie erstarrte einfach und eine tödliche Stille breitete sich in ihrer Wohnung aus.



*Nein, nein, nein, nein!*, hämmerte ihr Verstand, *Das ist nicht wahr! Sie lebt! Das ist nur eine weitere Lüge!*



Und obwohl sie sich absolut sicher war, beschlich sie die Angst. Was, wenn sie tatsächlich tot war? Hatte sie dann die ganze Zeit in einer Traumwelt gelebt, die sie sich geschaffen hatte, um dem Schmerz zu entkommen? War sie vielleicht tatsächlich verrückt? Nur mit dem Unterschied, dass sie jetzt nicht verrückt wurde sondern langsam ihren Verstand wieder zurückgewann.



*Denk so etwas nicht! Das ist eine Lüge! DIE versuchen dich zu täuschen! Und wenn du jetzt nachgibst, dann haben DIE gewonnen und dich aus dem Weg geschafft!*



Scully wollte glauben, was ihr die innere Stimme sagte, aber sie hatte Angst. Angst davor, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen. Das Risiko oder den leichten Weg wählen? Nicht das die Tatsache, dass ihre Mutter tot sei, leicht zu ertragen gewesen wäre. Aber wenn sie aus diesem Irrenhaus heraus wollte, musste sie zu drastischeren Mitteln greifen.

Entschlossen sah sie Mulder an. Sie wusste jetzt, welchen Weg sie nehmen würde. Sie war immer eine Kämpfernatur gewesen und hatte mit Mulder zusammen nie den einfachsten Weg eingeschlagen. Sie hatten schließlich die Wahrheit erfahren wollen und die war mit Sicherheit nicht einfach zu erlangen. Und genau das wollte sie jetzt auch. Die Wahrheit!



„Ich weiß, dass sie noch am Leben ist und das können Sie mir auch nicht ausreden“, zischte sie in einem merkwürdig ruhigem Tonfall. „Und ich weiß jetzt, was ich zu tun habe, um all den Lügen zu entkommen...“



Mulder starrte sie erschrocken an. Sie hatte diesen entschlossenen Gesichtsausdruck und schien zu allem bereit. Aber er konnte sich nicht rühren. Er ahnte, was sie vorhatte, aber er war wie erstarrt. Erst, als Scully das Messer anhob und anstatt es länger gegen ihn zu richten, auf ihr Handgelenk zielte, wich die Starre, die in überfallen hatte.
Chapter 10 by XS
Teil 10

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Mit einem Satz schnellte Mulder nach vorne und griff nach ihrem Arm, um ihr das Messer abnehmen zu können. Doch die Starre hatte ihn offensichtlich zu lange im Griff gehabt. Scully hatte bereits mit der Klinge ihren Arm nahezu aufgeschlitzt. So schien es ihm jedenfalls.



Scully sah auf ihren Arm herunter. Sie fühlte keinen Schmerz, dazu war sie viel zu geschockt. Sie fing an zu zittern und ließ das Messer fallen. Sie konnte nicht glauben, dass sie das wirklich getan hatte. Sie hatte sich... aufgeschlitzt. Diesen Anschein hatte es jedenfalls. All das Blut, das aus ihrem Arm spritzte. Nicht nur dünne Rinnsale sondern ganze Ströme schossen aus ihren Adern.



*Wieso habe ich das getan?*, fragte sie sich verzweifelt, *Ich hätte besser überlegen sollen. Es hätte doch einen anderen Ausweg geben können, oder?*



Oder doch nicht? Hatte sie nicht alles überlegt? Alles durchdacht? Die ganze Situation nach allen Seiten hin ausgeleuchtet und war schließlich zu dem Schluss gekommen, dass dies die einzige Möglichkeit war? War es nicht so gewesen? Sie... konnte sich nicht richtig entsinnen... Alles schien plötzlich so schwerfällig abzulaufen... Wie in Zeitlupe. Nein, als sei sie unter Wasser. Genauso wie sie dort ihre Gliedmaßen nur schwerfällig bewegen konnte, so schienen sich jetzt ihre Gedanken durch Wasser oder sogar tiefen Morast kämpfen zu müssen.

Sie starrte weiter auf ihre Handgelenke, aus denen unaufhörlich Blut schoss. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie das getan hatte. Wie verzweifelt war sie denn gewesen?

Sie sah auf und sah Mulder, der wie angewurzelt wenige Zentimeter vor ihr stand und unter Schock zu stehen schien. Genau wie sie selber. Er starrte auf ihre Handgelenke und sah dann schließlich in ihr Gesicht. Kaum hatten sich ihre Blicke getroffen, schien sich Mulder wieder rühren zu können. Er machte einen Schritt auf sie zu und wollte nach ihren Armen greifen. Sie wusste nicht wieso, aber sie versuchte, sich ihm zu entziehen. Doch bevor es soweit kommen konnte, merkte Scully, wie ihre Gedankengänge nicht nur langsamer zu werden schienen sondern gänzlich zum Stillstand kamen. Sie konnte jetzt keinen Gedanken mehr fassen. Nur die Eindrücke, die sie durch ihre Sinne wahrnahm konnte sie noch erfassen.

Ihre Küche. Das Blut. Ihr Blut. Sie fiel auf den Boden. Der Druck. Aber kein Schmerz. Die Wände. Aus einer merkwürdigen Perspektive. Sie schienen sich aufzulösen. Ins Nichts zu verschwinden. Und sie hinterließen auch nichts weiter als das. Nichts. Und dann war da noch Mulder. Sein Gesicht, das sich jetzt über sie beugte. Doch auch das verschwand. Es verschwand ebenfalls im Nichts, doch es wurde ersetzt durch ein anderes. Ein anderer Mann stand jetzt über sie gebeugt und sah sie erschrocken an. Graues Haar, eine Brille... Das war alles, was sie noch wahrnahm, bevor ihr Bewusstsein endgültig vom Nichts verschlungen wurde. Es ging so schnell und sie tauchte von einer Sekunden zur anderen in dieses schwarze Nichts ein. Sie kämpfte nicht. Sie war zu schwach. Und sie wollte nicht mehr kämpfen. Vielleicht lag dieser letzte Kampf darin, dass sie sich treiben lassen musste. Dass sie sich einfach von diesem schwarzen Tuch einhüllen lassen musste. Es war so einfach und... schmerzlos... Sie schloss die Augen und ließ sich von dem Tuch zudecken, das sie sanft zu umschmeicheln und liebkosen schien. Dann fühlte sie nichts mehr.
Chapter 11 by XS
Teil 11

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Ein Körper lag auf einem Bett in einem blendend hellen Raum. Weißes Licht schien aus allen Ecken zu strahlen. Der Körper wirkte blass und leblos..., wenn da nicht das ständige Piepen der Geräte gewesen wäre, an die dieser Körper angeschlossen war. Viele medizinische Geräte waren darunter, aber einige davon hätte auch sicher kein Arzt identifizieren können. Und dann das offensichtliche. Dieser schlaffe Körper trug eine „VR-Brille“. Virtual Reality. Aber es schien nicht so, dass es sich um ein Spiel oder ähnliches handelte sondern irgend etwas schien nicht so wie geplant abzulaufen. Eines der Geräte gab erschreckende und alarmierende Töne von sich, die an die Notaufnahme eines Krankenhauses erinnerten. Und tatsächlich: ein Arzt beugte sich über den Körper und entfernte gerade die VR-Brille vom Kopf der Person, die dort lag.

Rotes Haar kam zum Vorschein, das die sanften Gesichtszüge umrahmte und von purem Leben erzählte. Doch nachdem der Arzt die Brille entfernt hatte, kamen andere Personen, Ärzte, Schwestern, herbeigeeilt, die sich um das Bett drängten, weitere Apparate und Tische um das Bett reihten und keinen weiteren Blick auf die Person, die dort lag, freiließen.

Worte, Bezeichnungen, kurze Befehle flogen wirr durch den Raum, so dass sie ein heilloses Durcheinander anrichten sollten, aber jeder der anwesenden Personen schien zu wissen, was er oder sie zu tun hatte.



„Blutdruck ist runter auf...“

„Schwacher Puls, noch stabil...“

„Atem geht flach und unregelmäßig...“

„100 ml Epinephrin...“

„Eine Ampulle...“



Hektisch wurden einige Mittel in den bewusstlosen Patienten gejagt und ständig der Zustand durchgegeben. So ging es einige Minuten, in denen nicht eine Ruhepause eingelegt wurde, bis schließlich...



„Ihr Zustand hat sich stabilisiert. Sie ist noch bewusstlos, aber Atmung, Puls, Blutdruck sind im sicheren Bereich...“



Wie auf ein Zeichen hin, verschwanden alle Schwestern und Ärzte aus dem Raum, genauso schnell, wie sie auch aufgetaucht waren. Nur zwei Gestalten blieben zurück. Auch sie trugen sterile Kleidung, allerdings hatten sie bei den ganzen Notmaßnahmen zuvor nicht einen Finger gerührt. Sie hatten nur mit angsterfülltem Blick zugesehen, was da geschah. Einer von ihnen hatte der Patientin zu Beginn die Brille abgenommen, welche jetzt unbeachtet auf einem der vielen Tische lag.

Und genau dieser Arzt, wenn er denn einer war, begann jetzt damit, alle Elektroden und Schläuche von dem Körper zu entfernen. Nach einigem Zögern half ihm der zweite anwesende Arzt. Obwohl er sich seiner Zweifel Luft machte.



„Denken Sie wirklich, wir sollten alles aufgeben? Wir haben schon zuviel Geld investiert...“



„Das Risiko ist zu groß, vielleicht stirbt sie das nächste Mal... Außerdem kann sie sich an alles erinnern, was vorher geschehen ist. Das Serum funktioniert noch nicht einwandfrei.“



„Dann müssen Sie das beheben!“



„Ja, aber danach benötigen wir ein anderes Versuchsobjekt. Sie ist zu stark. Es hat schon zu Beginn zu lange gedauert, bis wir sie manipulieren konnten und auch da haben wir zwei Versuche benötigt.“



„Also gut. Aber das ist Ihre letzte Chance.“



Jetzt hatten sie alles entfernt, was den Körper mit den elektronischen Geräten verbunden hatte. Sie warfen noch einen flüchtigen Blick auf die Person und verließen dann schweigend den Raum.
Chapter 12 by XS
Teil 12

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Heute war ein guter Tag gewesen. Vielleicht lag es ja am Wetter. Obwohl ihn das Wetter eigentlich nicht interessierte. Hauptsache, er hatte genug verdient. Na ja, ein wenig war er schon daran interessiert, dass das Wetter so schön blieb. Immerhin musste er die ganze Nacht draußen verbringen. Und im vergangenen Winter, beispielsweise, hatte er sich einige Zehen und beinahe auch die Nase abgefroren. Aber jetzt war das Wetter wunderbar. Vor allem kamen viel mehr Leute vorbei, die ihm, möglicherweise durch das schöne Wetter in eine gute Laune versetzt, einige Geldstücke gaben. Zur Feier des Tages, ganze 24 Dollar und 86 Cent waren für ihn herausgesprungen, hatte er sich viel früher als sonst auf den Weg zu einem Supermarkt gemacht und sich etwas Hochprozentiges gegönnt. Und jetzt rann ihm dieses köstliche Nass heiß die Kehle hinunter, so dass er vor Wonne kurz die Augen schließen musste.

Seine wohlverdiente Ruhe wurde jedoch abrupt durch das Quietschen von Autoreifen unterbrochen. Erschrocken riss Jim die Augen auf und beugte sich ein wenig vor, so dass er aus seiner Seitengasse in die nächste Straße sehen konnte. Er lugte hinter einigen Paletten, die seine Wohnung darstellten, hervor und sah ein schwarzes Auto, das mit noch laufendem Motor direkt vor seiner Gasse stand. Eigentlich hatte Jim keinerlei Interesse an diesem Wagen, aber er befand sich nun einmal nicht in der besten Gegend, da fiel so ein gut gepflegtes Auto einfach auf. Die hintere Tür wurde geöffnet und etwas fiel heraus, nein, es wurde herausgestoßen. Ein riesiges Bündel, das einfach auf der Straße liegenblieb. Die Tür war noch nicht wieder geschlossen, da fuhr der Wagen wieder an. Erneut mit widerlich quietschenden Reifen, so dass die Luft nach verbranntem Gummi stank.

Jim war durch das abrupte Auftauchen und wieder Verschwinden neugierig geworden. Offensichtlich hatte da jemand etwas verschwinden lassen wollen. Und dabei hatte er möglichst unbemerkt bleiben wollen.

Das Bündel lag immer noch auf der Straße und bewegte sich nicht.



*Vielleicht ist es ja eine Leiche?*, schoss es Jim durch den Kopf. Die Größe könnte hinkommen und das wäre doch einfach plausibel oder?



Obwohl Jim schon ein wenig Angst hatte, da er ahnte, in was er da hineingeraten konnte, siegte seine Neugier. Zu gerne wollte er wissen, um wessen Leiche es sich denn handelte. Denn dass es sich um eine handelte, war für ihn schon klar. Vorsichtig stellte er seine Flasche zur Seite und versteckte sie. Er hatte schließlich auch Prioritäten zu setzen. Dann legte er die Zeitungen zur Seite, die ihn bedeckten und schlüpfte aus seiner Wohnung hinaus.

So leise es ihm möglich war, schlich er sich an das Bündel heran, denn aus einem unerklärlichen Grund fürchtete er, dass es ihn doch noch anspringen könnte. Er konnte jetzt aus der Nähe eindeutig eine Gestalt unter der dunklen Decke ausmachen. Eine menschliche Gestalt. Er schauderte und sah sich ängstlich um. Hoffentlich beobachtete ihn niemand. Zögernd trat er nun vollends an die Gestalt heran, sah sich noch einmal um und bückte sich dann. Einige Sekunden betrachtete er das Bündel nur von oben bis unten. Er vermutete, dass es sich um eine Frau handelte, da die Gestalt unter der Decke sehr klein und schmal zu sein schien. Aber das genügte ihm nicht. Er wollte wissen, wie die Person aussah. Er wollte sich das Gesicht einprägen und dann, falls etwas über einen Mord in der Zeitung stand, konnte er bei seinem Kumpel Kevin damit angeben, dass er die Leiche tatsächlich gesehen hatte. Und vielleicht sprang dabei ja auch noch einiges für ihn heraus, wenn er zur Polizei ging. Obwohl er davor wohl eher zurückschrecken würde, denn die Polizei war nicht unbedingt gut auf ihn zu sprechen. Es käme eben ganz darauf an, wie viel für ihn dabei herauskommen würde.

So saß Jim einige Sekunden gehockt vor dem Bündel und starrte es an. Indem er seinen Gedanken so ausführlich nachging verschaffte er sich ein wenig Zeit, so dass er noch nicht unbedingt die Leiche ansehen musste. Denn obwohl er sich bereits ausmalte, was er mit diesem Wissen alles anfangen konnte, hatte er doch auch ziemliches Muffensausen.



*Was soll‘s*, dachte er sich schließlich, *entweder jetzt oder nie. Wenn dich jemand gesehen hat, nützt es dir ja doch nichts, dass du die Leiche nicht gesehen hast. Dann kannst du sie dir auch gleich ansehen.*



Von diesem Gedanken ermutigt wickelte er die Gestalt aus der Decke aus, bis sie vor ihm, mit dem Gesicht auf dem Boden, liegen blieb.



*Ich wusste es doch!*, dachte er in einem Anfall von Triumph, der nicht an diesen Ort und zu diesen Umständen zu passen schien, *Es ist eine Frau!*



Ja, es handelte sich um eine Frau. Sie war nicht besonders groß und schien sehr zerbrechlich zu sein. Ihr leuchtend rotes Haar schimmerte selbst in dem trüben Licht einer entfernten Straßenlampe, die ununterbrochen flackerte.

Wieder zögerte Jim. Jetzt war die letzte Gelegenheit, um sein Unterfangen abzubrechen. Aber er hatte sich jetzt soweit vorgewagt, dass er nicht mehr aufhören konnte, geschweige denn wollte. Er atmete noch einmal tief durch und drehte die Frau dann um. Jetzt lag sie auf dem Rücken und er konnte ihr Gesicht deutlich sehen. So deutlich es eben in dem flackernden Schein der Straßenlampe möglich war.

Scharf zog Jim die Luft ein. Nicht weil der Anblick so grauenhaft war, nein, das konnte er beim besten Willen nicht behaupten, aber er kannte dieses Gesicht. Zwar sah es jetzt sehr mitgenommen und blass aus, aber es war definitiv das selbe Gesicht. Und er konnte sogar nachsehen, ob es tatsächlich die gleiche Person war. Die ersten paar Schritte rückwärts gehend, da er den Blick nicht abwenden konnte, eilte er zurück zu seinem Schlafquartier. In Windeseile durchwühlte er die Zeitungen, die sein Wärmepolster waren und wurde schließlich fündig. Er hastete zurück zu der Frau und warf erneut einen Blick auf ihr Gesicht, bevor er sich der Zeitung widmete.

In einem schwarz umrandeten Kasten prangte ein Foto, irgendein Text direkt daneben und die Überschrift: FBI-Agentin vermisst / Belohnung.

Ihn interessierte neben dem sehr interessanten Wort *Belohnung* jetzt erst einmal das Foto. Es war schwarzweiß, aber trotzdem konnte er das Gesicht zweifelsfrei identifizieren. Es handelte sich um die tote Frau direkt neben ihm, die auf der Straße lag.

Jim fing jetzt an zu zittern. Nicht weil er es jetzt doch plötzlich mit der Angst zu tun bekam sondern vielmehr, weil er sich jetzt die Belohnung abschminken konnte. Tot würde die Frau ihm nichts nutzen.



*Stop! Warte mal! Du denkst, dass sie tot ist, aber du weißt es doch gar nicht mit Sicherheit.*



Das stimmte. Er war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass hier jemand eine Leiche wegschaffen wollte, aber das musste ja nicht zwangsläufig so sein. Jim machte sich nichts vor. Die Chance, dass die Frau noch lebte war sehr gering. Das Risiko der Leute, die sie hergebracht hatten, war viel zu groß, als dass sie sie als Zeugin am Leben ließen. Aber einen Versuch war es wert. Er beugte sich zu der FBI-Agentin nieder und streckte seine Hand nach ihrem Hals aus, um den Puls zu fühlen. Er erstarrte kurz. Eine Leiche sehen war ja noch okay, aber sie anfassen? Wenn sie jetzt tatsächlich tot war, dann würde er die kalte, vielleicht schon gummiartige Haut anfassen. Jim schüttelte sich.



*Denk einfach nicht daran, Jim! Denk lieber an das ganze Geld, das Du dafür bekommen wirst, wenn sie noch lebt. Und noch besser, wie viel Schnaps dabei für den Winter ‘rausspringt, der Dich dann wärmen wird!*



Also biss er die Zähne zusammen und versuchte, ihren Puls zu fühlen. Ihre Haut war nicht gummiartig und der Körper war zwar unterkühlt aber nicht so kalt, als sei die Frau tot. Das wusste Jim freilich nicht, aber was er nach einigem unruhigen Herumtasten bemerkte, war das leichte Pochen des Herzens, das zwar langsam und schwach, aber stetig pulsierte.



*Also, Jim, alter Junge! Mach‘ hinne und beweg‘ Deinen dreckigen Arsch zum nächsten Telefon! Wenn Du noch lange wartest, kannst Du die Belohnung vergessen!*


Und Jim bewegte seinen Arsch. Schnell bückte er sich nach der Zeitung und rannte die Nebenstraße entlang, die das Auto gekommen war. Plötzlich hielt er abrupt inne. Was, wenn jemand vorbeikam? Er durfte kein Risiko eingehen. Dafür fiel die Belohnung viel zu hoch aus. Also machte er auf dem Absatz kehrt, wickelte die FBI-Agentin wieder in die Decke ein und zog sie in die schmale Gasse, in der seine Unterkunft lag. Er zerrte sie in seine Wohnung und deckte sie zusätzlich mit alten Zeitungen zu. Immer darauf bedacht, dass sie noch ungehindert atmen konnte. Dann setzte er erneut zu einem Spurt zur nächsten Telefonelle an.
Chapter 13 by XS
Teil 13

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Mit pfeifendem Atem und nach Luft schnappend stand er schließlich vor einer Telefonzelle. Die Scheiben waren eingeschlagen und es wäre lachhaft gewesen, hätte ein Telefonbuch darin existiert. Jim keuchte noch immer und betrat voller Sorge die Zelle. Der Lauf hatte ihn mindestens fünf Minuten gekostet und falls diese Telefonzelle jetzt demoliert wäre, müsste er noch einen Lauf, der nicht weniger Zeit in Anspruch nähme, über sich ergehen lassen, wollte er die Belohnung einheimsen.

Jim betrachtete das Kabel, das den Hörer mit dem Gehäuse verband und stellte erleichtert fest, das es noch intakt war. Und als er ein Ohr an die Hörmuschel hielt hörte er das stumpfsinnige Tuten des Freizeichens. Erst jetzt atmete er auf. Mit zitternden Fingern tippte er die Nummer der Auskunft ein.



„Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?“, meldete sich eine höfliche aber kühle Frauenstimme.



„Können Sie mich mit der Nummer...“, Jim hob die Zeitung vor seine Augen und las die Nummer ab, die dort unter der Anzeige der vermissten Frau abgedruckt war. „... 555-378594-21 verbinden?... und könnten Sie das bitte als R-Gespräch anmelden?“



„Sicher. Welchen Namen und Grund soll ich dem anderen Teilnehmer mitteilen?“



„Sagen Sie einfach, ich habe Informationen über die verschwundene FBI-Agentin, die er sucht.“



„In Ordnung. Einen Augenblick, bitte.“



Ein Knacken in der Leitung und dann war da nur Stille. Jim atmete erleichtert auf. Er war ganz schön nervös. Seine Hände zitterten noch mehr und waren mit einer Schweißschicht überzogen, die es ihm erschwerte, den Telefonhörer in der Hand zu behalten. Er hoffte, dass sein Gespräch angenommen werden würde. Einige Sekunden verstrichen, bis ein weiteres Knacken in der Leitung ertönte.



„Der Teilnehmer hat dem R-Gespräch zugestimmt. Einen Augenblick, bitte, ich verbinde.“



Noch ein Knacken und dann ein Rauschen in der Leitung, das durch eine Stimme unterbrochen wurde.



„Wer sind Sie und welche Informationen haben Sie?“



Die Stimme klang ungeduldig, schroff, einschüchternd, hoffnungsvoll und ängstlich zugleich. Aber Jim ließ sich nicht beunruhigen.



„Sagen Sie mir zuerst Ihren Namen!“



Er wollte sichergehen, dass er auch die Person erreicht hatte, der für die Belohnung zuständig war.



„Mein Name ist Mulder. Special Agent Mulder vom FBI. Also, haben Sie jetzt irgendwelche Informationen für mich?“



Jetzt klang die Stimme nur noch gereizt und enttäuscht. Aber Jim wusste, dass er die richtige Person erreicht hatte und das ließ ihn alles andere, was in der Stimme lag, verdrängen. Er hatte den Namen Mulder in dem Artikel gelesen. Er war der Partner der FBI-Agentin.



„Ich habe ihre Partnerin gefunden. Sie lebt noch.“



Er hörte ein scharfes Einatmen am anderen Ende der Leitung und malte sich den verblüfften Ausdruck auf dem Gesicht des Agenten aus.

Mulder allerdings war nicht so sehr verblüfft als wütend, da er damit rechnete nur wieder einen Scherzkeks am anderen Ende der Leitung zu haben, der es auf die Belohnung abgesehen hatte.



„Wo?“, fragte er einfach.



„Hören Sie, Mister. Ich sage Ihnen wo, wenn Sie mir versprechen, dass ich auch die Belohnung, von der in der Zeitung gesprochen wurde, bekomme.“



„Sie bekommen die Belohnung, sobald wir bei Ihnen eintreffen“, versprach Mulder widerwillig und seine Hoffnung sank einmal mehr ins Bodenlose.



„Okay. Sie sollten aber einen Krankenwagen mitschicken. Ihr geht es nicht besonders gut, fürchte ich... Jedenfalls ist sie jetzt in der Nähe der achten Straße. Sie müssen in die Smith-Lane einbiegen. Dann führt eine kleine Gasse, ich glaube sie hat nicht einmal einen Namen, nach rechts. Ziemlich dunkle Gegend. Von dieser Gasse wiederum zweigt ein Weg ab, der zwischen zwei alten Fabrikgebäuden entlang führt. Dort ist sie jetzt. Wenn Sie möchten kann ich an der Smith-Lane warten, von dort rufe ich nämlich gerade an... Mister?“



„Okay, wir sind gleich bei Ihnen. Bleiben Sie einfach an der Telefonzelle, Mr...“



„Jim. Einfach Jim!“



„Okay, Jim. Bleiben Sie einfach da... Und danke.“



Dann hörte Jim nur noch ein Klicken in der Leitung, gefolgt von einem weiteren Tuten, das ihm sagte, dass die Verbindung unterbrochen worden war.
Chapter 14 by XS
Teil 14

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Ungeduldig trat Jim von einem Fuß auf den anderen. Er wusste nicht, wie viel Zeit seit seinem Telefonanruf vergangen war, denn die Uhr, die er einmal besessen hatte, war stehengeblieben und er hatte sie Tom gegen eine halbe Flasche Whiskey überlassen: das Geschäft seines Lebens. Es schien jedenfalls bereits eine Ewigkeit vergangen zu sein, aber noch immer war kein Auto, Krankenwagen oder Polizeiwagen in Sicht. Sicher hatte Jim einige Male die Sirenen von sich nähernden Fahrzeugen gehört, aber sein beschleunigtes Herzklopfen war völlig ohne Grund gewesen. Bisher waren alle Fahrzeuge an ihm vorbeigefahren.

Und jetzt hörte er wieder eine Sirene und sein Herz, das sich gerade erst beruhigt hatte, begann wieder wild zu schlagen. Das Geräusch kam näher und Jim erwartete jeden Moment, dass der Wagen in eine andere Richtung fahren würde. Aber das Geräusch schwoll an und kam direkt auf ihn zu. Und Jims Herz schien Purzelbäume zu schlagen und klopfte wilder als nach seinem fünf Minuten Lauf zur Telefonzelle. Er machte einen Schritt auf die Straße und richtete seinen Blick in die Richtung, aus der das Geräusch ertönte. Und da sah er es: das rotierende, blau leuchtende Licht des Krankenwagens. Grelle Blitze wurden an die schäbigen Hauswände geworfen, noch bevor der Wagen ganz in Jims Blickfeld lag. Und dann die heulende Sirene, deren Ton in einen eindrang und alles andere aus einem herauspressen wollte. Besonders die beiden anderen Wagen mit Sirene verstärkten das Geräusch so sehr, dass es beinahe nicht auszuhalten war.

Kaum hatten sie ihn erblickt, da wurden Gott-sei-Dank die Sirenen ausgeschaltet, so dass nur noch die zuckenden Blitze eine unheimliche Stimmung hervorriefen. Jim starrte die näherkommenden Wagen mit weit aufgerissenen Augen und einem vor Schreck oder Faszination offen stehendem Mund an und konnte nicht ausweichen. Er fühlte sich wie ein Kaninchen, das von einer Schlange hypnotisiert worden war. Und diese Situation jetzt war genauso tödlich. 40 Meter vor ihm legte der Krankenwagen eine Vollbremsung hin und kam zwei Meter vor ihm zum Stillstand.

Dann ging alles furchtbar schnell. Aus dem einzigen Wagen, der ohne Sirene und Blaulicht hergekommen war, sprang ein Mann. Groß, dunkles Haar, Anzug und Krawatte sowie einen langen Mantel tragend. Er hatte das Auto noch nicht ganz verlassen, da rief er etwas zu ihm herüber.



„Jim?!“



Jim nickte, woraufhin der Mann ihm mit einem Handzeichen zu verstehen gab, dass er einsteigen sollte. Jim setzte sich in Bewegung und fühlte sich wie in Trance. Er hatte sich vorgenommen cool aufzutreten und erst mal die Belohnung zu sichern, doch das war jetzt alles dahin. Mit starren Bewegungen ging er auf den Wagen zu und stieg ein. Der dunkelhaarige Mann wartete nicht, bis er sich angeschnallt hatte und legte sofort den Gang ein.



„Wohin?“, fragte er und musterte Jim mit strengem Blick.



Nach einem kurzen Zögern, das durch seine Aufregung verursacht wurde, deutete Jim in eine kleine Strasse und wurde in den Sitz zurückgedrückt, als der Mann am Steuer einen sauberen Kickstart hinlegte und um die Kurve fegte. Mit einer Geschwindigkeit, die Jim nie für möglich gehalten hätte, dirigierte er die Wagenkolonne durch die kleinen, dunklen und verwinkelten Gassen, bis sie innerhalb von zwei Minuten die Nebenstrasse erreicht hatten, die zu einer weiteren kleinen Gasse führte, die den Eingang zu Jims Quartier bedeutete.





Der Mann hatte während der Fahrt nicht ein einziges Wort gesagt. Jim hatte ohne Aufforderung jedes Mal auf eine Strasse gedeutet, hatten sie abbiegen müssen. Man konnte nicht behaupten, dass Jim durch den Mann, der neben ihm saß, eingeschüchtert gewesen wäre, bedachte man, dass Jim sich eigentlich nie einschüchtern ließ. Aber etwas in dem Ausdruck dieses Mannes sagte ihm, dass es besser sei, nur das zu tun, was man vom ihm erwartete und später Fragen zu stellen.

Der Mann neben ihm hatte einen Ausdruck in den Augen, der ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ. Diese merkwürdige Zusammenstellung von Gefühlen musste einen doch einfach zum Wahnsinn treiben. Er konnte Angst darin lesen und gleichzeitig Hoffnung. Hoffnung mit ein wenig Erleichterung, aber wirklich nur einen Hauch davon. Als wollte er nicht einem Irrtum verfallen. Denn dieser wäre für diesen Mann sicherlich tödlich. Dann dieser Kampfgeist. Unsagbare Kräfte schienen aus ihm zu sprechen, aber gleichzeitig schien er auch so ausgezehrt. Nicht nur sein Kampfgeist schien zu zerfallen sondern der ganze Mensch. Und dann war da wiederum eine neue Kraft zu sehen, die ihn völlig wiederherstellen konnte, aber diese Kraft war genauso ungewiss wie die Erleichterung.

Jim wusste genau, dass er niemals von solch widersprüchlichen Gefühlen beherrscht sein wollte. Aber dieser Mann neben ihm tat ihm auch leid, so dass er sich wünschte, dass diese Frau, die er gefunden hatte, die Erleichterung bringen könnte, die dann auch den Kampfgeist dieses Mannes und ihn selber wieder aufrichten könnte. Er wollte nicht, dass irgendjemand in diesem Wechselbad der Gefühle leben musste.





Jim trat mit, von der wilden Fahrt, zitternden Knien aus dem Auto. Der Mann, Agent Mulder, war direkt nach der Vollbremsung aus dem Wagen gesprungen und sah sich jetzt fragend nach Jim um. Mit stelzenartigem Gang machte Jim ein par Schritte auf Mulder zu und deutet dann auf die kleine Gasse, in der sein Quartier lag.



„Dort ist meine Wohnung und auch ihre Partnerin. Ich...“



‚Ich werde Ihnen zeigen, wo genau’, hatte er hinzufügen wollen, aber Mulder hatte sich schon in Bewegung gesetzt und verschwand gerade aus dem Scheinwerferlicht des Wagens und tauchte in die Dunkelheit der kleinen Gasse ein. Jim seufzte kurz und folgte ihm dann so schnell er konnte. Als er seine Wohnung erreichte, hörte er, wie der Kranken- und Polizeiwagen neben Mulders Wagen anhielten.

Jim wartete nicht auf sie sondern folgte Mulder in die kleine dunkle Gasse. Ein kleiner Lichtfleck verriet ihm, dass Agent Mulder offensichtlich eine Taschenlampe herausgeholt hatte, um besser sehen zu können. Der Lichtfleck bewegte sich nicht mehr weiter, was Jim vermuten ließ, dass Mulder an seiner Behausung angekommen war. Nur einige Schritte trennten ihn selber noch davon. Als er näher kam und sah, was Mulder tat, begann er wütend zu protestieren.



„Hey, Mister! Was machen Sie da? Sie zerstören meine Wohnung. Hören Sie sofort auf damit!“



Mulder hatte begonnen die Seitenwände, die aus alten Brettern und Paletten bestanden, zur Seite zu ziehen, um besser an den inneren Teil der Wohnung gelangen zu können. Er ließ sich in keiner Weise von Jims Protest stören. Er hielt seine Augen starr auf etwas unter den Zeitungen gerichtet und begann nun, diese Zeitungen in alle Richtungen zu zerstreuen.



„Mister, bitte...“, versuchte Jim es erneut, denn es schmerzte ihn ganz schön, zusehen zu müssen, wie sein in harter Arbeit aufgebautes Heim zerstört wurde.



Mulder warf ihm einen Blick zu, der ihn auf der Stelle hätte töten können.



„Was haben Sie mit ihr gemacht? Los, sagen sie schon! Was zum Teufel haben Sie ihr angetan?“



So viel Wut und Verzweiflung hatte Jim noch nie in den Augen einer Person gesehen. Und er war auch nicht wirklich scharf darauf, so etwas zu sehen. Jetzt war er wirklich eingeschüchtert und wünschte sich, dass er die Frau einfach liegengelassen hätte.



Mulder unterdessen hatte sich wieder Scully zugewandt, die er fast vollständig aus dem Zeitungsberg ausgegraben hatte. Er fühlte ihren Puls, überprüfte die Atmung und hob sie dann behutsam hoch.



Mittlerweile waren auch die Sanitäter mit einer Trage und einem Erste Hilfe Koffer an Jims Wohnung oder das, was davon übrig war, eingetroffen und eilten auf Mulder zu. Der jedoch schien wie in Trance zu sein, denn er reagierte nicht auf den Vorschlag der Sanitäter, Scully auf eine Trage zu legen. Erst als Mulder bereits am Ende der Gasse angelangt war und ihn das rotierende, grelle Licht des Krankenwagens blendete, kam er wieder soweit zurück, dass er es den Sanitätern ohne Einwände gestattete, Scully in den Krankenwagen zu befördern. Nur wenige Sekunden später fuhr der Krankenwagen davon und ließ in Mulder ein merkwürdiges hohles Gefühl zurück. Er starrte dem Krankenwagen noch immer nach, als dieser schon, um die Ecke gebogen war.





Jim trat erneut nervös von einem Fuß auf den anderen. Er hatte zwar vor, Mulder anzusprechen, um zu erfahren, was aus seiner Belohnung werden würde, aber wodurch er noch viel nervöser wurde, waren die beiden Officers, die sich ihm gerade näherten. Er war immerhin kein Unschuldsengel und wenn er daran dachte, dass die Polizei ihm einige neugierige Fragen stellen würde, bekam er ein ganz mulmiges Gefühl in seinem Magen. Er war hin- und hergerissen, einfach wegzulaufen, aber da waren zum einen die verlockende Belohnung, dann die Tatsache, dass er eh keine richtige Chance haben würde und außerdem wusste die Polizei jetzt, wo er sein Lager aufgeschlagen hatte. Ein Wegrennen hätte nicht die geringste Aussicht auf Erfolg.



„Sir? Entschuldigen Sie bitte, Sir?“



Jim zuckte unmerklich bei dem ersten Wort, das an ihn gerichtet war, zusammen. Dann drehte er sich langsam zu den beiden Polizisten um.



„Sir, wir müssen Ihnen einige Fragen stellen.“



Jim nickte müde. Wie sollte er sich auch großartig dagegen wehren? Es war jetzt ohnehin zu spät. Da konnte er wenigstens die kleine Chance nutzen, an die Belohnung zu kommen.



„Es handelt sich nur um einige Routinefragen, damit wir Ihnen die Belohnung zukommen lassen können...“



Ruckartig hob Jim den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein. Das alles konnte doch nur ein Traum sein. Polizisten, die korrekt und nett waren zu einem Penner wie ihm? So etwas gab es doch nur in schlechten Filmen. Das Glück war ihm noch nie in den Schoß gefallen. Im Gegenteil das Schicksal hatte ihm übel mitgespielt. Und jetzt sollte er so einfach ohne weiteres durch einen einzigen Anruf an eine nicht unbeträchtliche Menge von echten amerikanischen Dollars kommen?



*Jim!*, befahl er sich, *‚Hör auf damit! Denk einfach nicht mehr darüber nach! Nimm’ es einfach hin und genieße es!’*



Und genau das tat er. Verschwunden waren die Nervosität und die Angst. Er vergaß den angsteinflößenden schwarzen Wagen mit den ebenso angsteinflößenden Männern. Und auch der Gedanke an Mulders tödlichem Blick war verschwunden.





Mulder hatte genauso alles um ihn herum vergessen. Der einzige Gedanke, der ihn erfüllte war die Tatsache, dass er Scully wiederhatte. Dass er sie lebend wiederhatte. Wie und warum, dafür war in seinen Gedanken momentan kein Platz. Er schaffte es gerade noch, sich in seinen Wagen zu setzen, Richtung Krankenhaus zu fahren und sein Handy aus seiner Manteltasche zu befördern, um Margaret anzurufen. Sie musste schließlich wissen, dass ihre Tochter endlich gefunden worden war. Nach diesen endlosen, ungewissen Wochen des Wartens, würde es eine unglaubliche Erleichterung bedeuten.
Chapter 15 by XS
Teil 15

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Eine durchdringende Dunkelheit umgab sie. Wieder. Sie befand sich in einem unendlich großen Raum, wobei sie weder Decke, noch Wände oder den Boden sehen konnte. Das alles war doch genauso, wie sie es schon einmal erlebt hatte. Sie konnte sich undeutlich daran erinnern, wie sie sich schon einmal in diesem unendlichen Raum befunden hatte. Und dann, dann hatte sich alles verändert und sie hatte sich in einem unheimlichen Labyrinth wiedergefunden. Und genau das passierte auch jetzt wieder. Dieser unendliche dunkle Raum war verschwunden und sie befand sich inmitten eines unüberschaubaren Labyrinths. Nur eine Sekunde zögerte sie, als sie sich erneut entscheiden musste, welche Richtung sie einschlagen sollte. Aber wieder begab sie sich instinktiv nach links. Beim ersten Mal war sie nicht weitergekommen, aber sie musste kämpfen. Sie musste sich anstrengen, um diesem Labyrinth zu entkommen. Wieder ging sie also unzählige Gänge entlang und lief scheinbar stundenlang weiter, ohne einen Ausgang zu finden. Aber sie fühlte, dass sie dieses Mal dem Ziel näher war, als zuvor. Auch wenn die schmaler werdenden Gänge abermals ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend verursachten, so war ihr doch wenigstens nicht kalt. Im Gegenteil, durch die Wärme, die sie erfüllte, fühlte sie sich geborgen und sicher. Mit der daraus resultierenden Zuversicht setzte sie ihren Weg fort, bis sie schließlich so weit gekommen war, dass sie sich durch die Gänge zwängen musste. Und wieder hatte sie das Gefühl keine Luft zu bekommen, aber es passierte nichts. Diesmal löste sich nicht alles auf sondern sie saß fest. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie sich um die nächste Ecke zu ziehen, indem sie sich mit einer Hand vorwärts zog. Sie fühlte, wie ihre Haut an einigen Stellen aufriss, aber sie wusste, dass sie es schaffen musste, dass sie es schaffen konnte. Und schließlich hatte sie die nächste Abzweigung erreicht und sie fiel auf den Boden. Der Gang war breit und die dunklen, schwarzen Wände waren verschwunden. Vor ihr lag eine Tür und sie wusste sofort, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Ehrfürchtig streckte sie eine Hand zum Türgriff aus und öffnete vorsichtig die Tür. Kaum war die Tür vollständig aufgestoßen, flutete ein helles Licht in den vormals dunklen Raum und erhellte alles in einem weißen, warmen Licht. Sie lächelte und trat einen Schritt auf die Tür zu. Den nächsten Schritt brauchte sie nicht zu tun. Sie schien wieder zu schweben...



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Ihre Augenlider waren so unglaublich schwer. Vielleicht hatte ja jemand Gewichte daran befestigt, nur um sie daran zu hindern, ihre Augen zu öffnen. Aber gerade deswegen wollte sie nur noch mehr als zuvor ihre Augen öffnen. Aber es war so schwer. Und sie war so müde und erschöpft. Aber da war noch etwas. Ein Geräusch, das sie neugierig machte. Ein leises, kaum wahrnehmbares Wispern. Ein Flüstern, als sei ein Gespräch mehrere Kilometer vom Wind fortgetragen worden und erreichte sie jetzt gerade. Sie konnte jedoch keine Wortfetzen verstehen, nur das ständige, undeutliche Wispern. Was war das nur? Sie musste einfach ihre Augen öffnen, um zu erfahren, worum es sich handelte. Oder um wen.

Mühsam quälte sie sich ihre Augen zu öffnen. Stück für Stück. Und dann konnte sie zunächst gar nichts sehen, da sie das helle Licht blendete. Doch langsam waren einige Schemen zu erkennen, deren Umrisse immer deutlicher wurden. Das erste, was sie erblickte, war das Fußende eines Bettes. Eines Krankenhausbettes, wie sie sogleich feststellte. Und dann war sie da; die Erinnerung. Das Krankenhaus; der Arzt; Mulder, der nicht er selber war; das andere Krankenhaus; die Flucht durch den Sturz vom Dach und dann wieder Mulder, der ihr diesmal sagte, dass ihre Mutter tot sei. Sollte dies etwa das dritte Krankenhaus sein? Hatte nicht einmal der Tod sie aus diesem Wahnsinn retten können? Wenn nicht er, wer dann? Und wieso musste ihr dies alles noch einmal passieren?

Panik kam in ihr auf, als sie daran dachte, das sich dieses Szenario vielleicht für den Rest ihres Lebens wiederholen sollte.



„Scully? Dana?“



Erschrocken fuhr sie zusammen und wandte ihren Kopf nach links. Dort saß Mulder direkt neben dem Bett und hielt ihre Hand. Sie konnte sich nicht rühren. Sie war wie erstarrt. Sollte der Alptraum etwa weitergehen? Sie betrachtete ihre Arme und sah kein Anzeichen dafür, dass sie sich einen Arm gebrochen oder sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Also ging der Alptraum doch weiter. Sie wollte schreien, Mulder von sich stoßen, aber sie hatte keine Kraft. Sie lag einfach nur apathisch da und starrte auf ihre Hand, die Mulder sanft festhielt.

Sie konnte hören, wie Mulder gerade dazu ansetzte, etwas zu sagen, als die Zimmertür geöffnet wurde und jemand den Raum betrat.



„Dana, Liebling!“



Scully hob ihren Blick und erkannte Margaret Scully, die jetzt, ohne Mulder eines Blickes zu würdigen, auf Dana zukam, um ihre verloren geglaubte Tochter in die Arme schließen zu können.

Scully hatte sich ein wenig aufgerichtet, so dass Margaret sie jetzt umarmte und sie dabei in eine sitzende Position zog. Sie drückte Scully so sehr an sich, als wolle sie sie nie wieder loslassen.

Scully war einerseits glücklich, dass ihre Mutter tatsächlich lebte und nicht wieder als tot galt. Aber dennoch war sie noch skeptisch, ob das alles trotzdem der Realität entsprach. Sie hatte schließlich auch zuvor angenommen, dass alles in Ordnung war. So blieben auch jetzt Zweifel zurück, bis...

...bis sie plötzlich etwas bemerkte, das sie mit einem Mal von all ihren Zweifeln befreite. Die Person, die sie da gerade so stürmisch umarmte, roch nach ihrer Mutter. Dieser vertraute Geruch, der sie stets an ihre Kindheit erinnerte, an Weihnachten, an damals, als noch alles in Ordnung war, ließ sie mit einem Schlag erkennen, dass dies die Realität sein musste, dass man so etwas auf keine Art und Weise vortäuschen konnte.

Sie erwiderte den Druck und flüsterte leise „Mum?“, als wollte sie sich vergewissern, dass es tatsächlich ihre Mutter war. Denn sprach sie es aus, so wurde es wirklicher. Mit der Erkenntnis, dass dies die Realität war und sie es tatsächlich geschafft hatte, dem Labyrinth zu entkommen, kamen auch die Tränen. Tränen der Erleichterung, die die ganze Anspannung der letzten Ereignisse wegspülten.



„Es ist in Ordnung, Dana. Ich bin hier. Es ist alles okay.“



Fürsorglich strich Margaret Dana über das Haar und versuchte sie zu beruhigen. Aber auch sie konnte den Tränen nicht länger Einhalt gebieten. Ein leises Schluchzen war zu hören, während sie sich festhielten und alles um sich herum vergaßen. So bemerkten sie es auch nicht, als Mulder leise aufstand und den Raum verließ, da er es für angemessen empfand, Mutter und Tochter alleine zu lassen.



„Mum, du bist es wirklich!“



Margaret drückte ihre Tochter noch fester an sich, soweit es möglich war, ohne sie zu verletzen.



„Ja, Dana. Ich bin es wirklich.“



Sie wusste nicht, warum sie es nicht sein sollte, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was mit ihrer Tochter passiert war und zu diesem Zeitpunkt wollte sie auch nicht fragen. Sie wusste, dass es jetzt wichtig war, dass Dana sich erst einmal wieder erholte. Dann konnten sie immer noch über das reden, was passiert war, sobald Dana dazu bereit war.







Mulder hatte sich inzwischen draußen auf einem der Krankenhausstühle, die in den Fluren vor den Krankenzimmern standen, niedergelassen. Wieder einmal bemerkte er, wie ungemütlich diese waren und wieder interessierte es ihn eigentlich nicht im Geringsten. Wie oft hatte er schon in so einem Krankenhaus gesessen und hatte gewartet? Unendliche Stunden in diesen kahlen, kalten, den-tod-ausströmenden Gängen verbracht? Aber bisher hatten sie es noch immer geschafft. Scully war schon so oft nur sehr knapp dem Tode entronnen, so dass er jedes Mal befürchtete, dass es nun vorbei sei. Dass ihr und sein Glück jetzt enden würde. Dass er einfach alleine zurückbleiben würde und er nicht das Geringste dagegen ausrichten konnte. Keine Hinrichtung der Verantwortlichen würde sie dann zurückbringen. Und dieser Gedanke hatte ihn in der Zeit, in der es ungewiss um Scully stand, nächtelang wach gehalten und er hatte sich gewünscht, sich jemandem anvertrauen zu können. Und der einzige Mensch wäre Scully selber gewesen.

Aber jetzt überwog die Erleichterung, dass er sie wohlbehalten wieder hatte. Sie war wieder aufgewacht und würde sich innerhalb einiger Tage wieder erholen. Das war jetzt das einzige, was zählte.



„Fox?“



Er hatte nicht einmal bemerkt, wie sich Scullys Zimmertür geöffnet hatte und Margaret herausgetreten war. Mulder stand auf und drehte sich zu ihr um.



„Sie möchte Sie sehen.“



Mulder nickte dankbar und betrat dann das Krankenzimmer, dicht gefolgt von Margaret Scully. Scully saß noch immer aufrecht im Bett, nun jedoch die Rückenlehne als Stütze gebrauchend und lächelte ihm zu.



„Hi.“



„Hi.“



Ein Grinsen breitete sich auf Mulders Gesicht aus. Das erste nach mindestens einer Woche. *Na, das war ja mal eine tolle Begrüßung.* Mulder setzte sich auf die Bettkante und nahm wieder ihre Hand in seine.



„Schön, dass es Ihnen wieder besser geht. Sie wissen ja gar nicht, was Sie uns für eine Heidenangst eingejagt haben.“



Scully nickte dazu nur. Sie konnte sich das sehr wohl vorstellen. Sie konnte sich noch genau an die Panik erinnern, die sie empfunden hatte, als sie wiederholt bemerkte, dass sie in einem Labyrinth, in einem merkwürdigen Wunderland gefangen war, in dem niemand war, so wie er sein sollte. Aber von diesen Ereignissen musste sie jetzt erst einmal Abstand gewinnen.



„Mulder, könnten Sie vielleicht den Arzt fragen, ob ich schon entlassen werden kann?“



Margaret warf zuerst Dana und dann Mulder einen verstörten Blick zu. Scully hatte ihre Mutter offensichtlich nicht von dieser Idee unterrichtet.



„Dana, du musst dich noch ausruhen. Du darfst kein Risiko eingehen. Schließlich bist du gerade erst wieder aufgewacht.“



Mulder konnte deutlich die Sorge in Margarets Stimme hören und auch er war der Meinung, dass Scully noch nicht das Krankenhaus verlassen sollte.



„Ich finde Ihre Mutter hat recht. Sie waren immerhin eine Woche verschwunden und sind dann schließlich in einer heruntergekommenen Gegend von einem Obdachlosen gefunden worden. Sie sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen.“



„Ich fühle mich wirklich dazu in der Lage, nach Hause zu gehen und mich dort ins Bett zu legen. Ich sage ja nicht, dass ich gleich wieder arbeiten werde...“



Mit durchdringendem Blick sah Scully von Mulder zu ihrer Mutter und dann wieder zu Mulder.



„...ich denke ich kann das sehr gut beurteilen, schließlich bin ich die Ärztin.“



Obwohl Scully ihn schon einige Male mit diesem letzten Argument hatte überzeugen können, so gelang es ihr dieses Mal nicht.



„Trotzdem sollten Sie dieses Mal auf ihre Mutter und mich hören. Und natürlich auf ihren Arzt.“



Scully sah ihn noch durchdringender an und beugte sich zu ihm herüber.



„Mulder, bitte. Ich möchte nicht ohne Grund aus diesem Krankenhaus heraus.“



Mulder sah sie einen Moment lang an und las in ihrem Gesicht. Es schien ihr wirklich ernst zu sein. Da war etwas, das ihr Angst machte. Und dies lag offensichtlich am Krankenhaus. Mulder wusste instinktiv, dass es mit ihrem Verschwinden und dem was in dieser Woche mit ihr geschehen war, zu tun hatte.

Auch Margaret hatte dies offensichtlich erkannt, denn als Mulder sich umdrehte, um mit dem Arzt zu sprechen, da sah er keinen Widerspruch in ihrem Gesicht sondern Zustimmung, wenn auch einige Zweifel blieben.

Kaum hatte Mulder den Raum verlassen, so versuchte Margaret erneut auf Scully einzureden.



„Dana, bist du dir auch ganz sicher? Vielleicht solltest du noch ein oder zwei Tage im Krankenhaus bleiben, damit du wieder zu Kräften kommst. Du bist schließlich vor nicht einmal fünf Stunden gefunden worden!“



Margaret nahm die Hände ihrer Tochter in ihre und setzte sich neben sie auf das Bett.



„Mum, ich mache dies nicht, weil ich mich etwa stark genug fühle, gleich wieder zu arbeiten, falls du das meinst. Es ist einfach nur das Krankenhaus. Es erinnert mich zu sehr an das, was passiert ist.“



„Du meinst, du warst die letzte Woche in einem Krankenhaus gefangen?“



Dana schüttelte den Kopf.



„Ich kann dir das nicht erklären, Mum. Ich kann es mir ja nicht einmal selber erklären. Ich muss mir erst einmal selber darüber klar werden, was genau passiert ist. Und dafür brauche ich einfach erst einmal Abstand. Besonders von diesem Krankenhaus.“



Dana sah ihre Mutter an und hoffte, dass sie sie verstehen würde. Sie wusste, dass es schwierig war. Sie verstand es ja selber kaum, aber bisher hatte ihre Mutter sie immer verstanden, wenn es darauf ankam.



„In Ordnung, Dana. Ich denke ich kann das akzeptieren. Ich verstehe es zwar nicht vollkommen, aber ich kann es akzeptieren. Du musst mir nur versprechen, dass du dich dann aber schonst und nicht sofort wieder arbeiten wirst.“



„Genau das werden Sie mir auch versprechen müssen.“



Lächelnd trat Scullys Arzt ein, dicht gefolgt von Mulder.



„Agent Mulder hat mich gerade von Ihrem Wunsch unterrichtet, das Krankenhaus früher zu verlassen.“



Scully nickte zustimmend.



Der Arzt kam auf Scully zu und streckte ihr dann die Hand hin.



„Hallo, ich bin Dr. John.“



Dann warf er einen Blick auf das Krankenblatt, das er in der Hand hielt und fuhr fort.



„Da Sie selber Ärztin sind, denke ich, brauche ich Sie nicht darüber aufzuklären, welches Risiko Sie damit eingehen.“



„Ich bin mir vollkommen darüber im Klaren“, nickte Scully.



„Also gut. Auch wenn ich sagen muss, dass ich das nicht befürworte und Sie mir dieses Dokument unterzeichnen müssen, das bestätigt, dass sie über die Risiken aufgeklärt worden sind und Sie trotzdem auf eigenen Wunsch, entlassen werden.“



Der Arzt reichte Scully ein Dokument samt Unterlage und einem Stift. Während Scully kurz überflog, was in dem Dokument stand, setzte Dr. John seine Erklärungen fort.



„Es ist zwar eigentlich nicht meine Aufgabe, Ihnen das vorzuschlagen, aber vielleicht sollten Sie sich überlegen, nicht alleine zu Hause zu bleiben. Ich denke, dass Sie sich schonen sollten und in Anbetracht der Umstände, dass sie vermutlich noch sehr unsicher auf den Beinen sind, sollten Sie kein Risiko eingehen. Wenn Sie etwas brauchen, dann sollten Sie sich nicht ständig selber um alles kümmern müssen, wenn Sie eigentlich strengste Bettruhe brauchten. Und das gilt für die nächsten Tage.“



Scully hatte dem Arzt nur mit halbem Ohr zugehört, während sie das Dokument überflog, das ohnehin nur standardmäßige Erklärungen enthielt, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzte.



„Ich werde mich um dich kümmern, Dana. Auch wenn ich dann Bill absagen muss, aber das wird er sicherlich verstehen. Vielleicht findet er dann ja sogar Zeit, kurz vorbeizuschauen.“



Scully reichte dem Arzt die Unterlagen, der sich dann lächelnd verabschiedete. Dann sah Scully zu ihrer Mutter, die sie liebevoll ansah.



„Mum, du musst das nicht tun. Du siehst Bill doch kaum noch. Du solltest wirklich zu ihm fahren.“



„Aber du hast doch gehört, was Dr. John gesagt hat. Du musst dich schonen.“



„Glaub’ mir, das werde ich. Außerdem musst du doch Bill erzählen, dass es seiner kleinen Schwester wieder gut geht.“



„Aber...“



„Wenn ich mich da vielleicht mal einmischen darf?“, unterbrach Mulder lächelnd.



Margaret und Scully wandten ihre Blicke zu ihm und sahen ihn erwartungsvoll an.



„Es gibt immer noch die Möglichkeit, dass Sie, Mrs. Scully, zu ihrem Sohn fahren und ich mich in der Zeit um ihre Tochter kümmere. So wären doch beide Probleme gelöst, oder?“



Einen Augenblick schienen beide darüber nachzudenken. Scully wollte eigentlich nicht, dass sich überhaupt jemand um sie kümmerte, aber da ihre Mutter und auch Mulder ja doch nicht locker lassen würden, wäre es leichter, einfach nachzugeben. So nickte sie also zustimmend, während Margaret noch immer einen Einwand zu haben schien.



„Sie kennen doch meine Dana. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kann sie niemand davon abbringen. Ich weiß, dass Sie sich gegen Dana durchsetzen können, aber ich denke auch, dass sie hier ihren eigenen Kopf durchsetzen möchte.“



„Mum!“, empörte sich Scully lautstark.



„Glauben Sie mir, ich werde das schon in den Griff bekommen“, schmunzelte Mulder.



Schließlich gab Margaret sich geschlagen. Sie wusste, dass Scully bei ihm in sicheren Händen war und er sich auch, wenn nötig, durchzusetzen vermochte.



Gemeinsam verließen die das Krankenhaus, Scully auf Mulder gestützt. Sie hatte sich zwar zunächst dagegen wehren wollen, aber als sie sich aufrecht hingestellt hatte, da hatte sie sich am Bett abstützen müssen, da plötzlich alles vor ihren Augen verschwamm. So hielt Mulder sie jetzt mit festen aber sanften Griff und führte sie aus dem Krankenhaus heraus. Margaret begleitete sie und redete noch immer auf Scully ein.



„Dana, bitte schone dich! Ich kenne dich zu gut. Versprich mir, dass du Fox sogar bittest, dir ein Glas Wasser zu holen, wenn du Durst hast.“



„Mum. Bitte. Ich werde schon auf mich Acht geben. Und Mulder sicherlich auch.“



Doch Margaret seufzte nur und redete dann nach einer Pause auf Mulder ein, um ihn davon zu überzeugen, dass er ihre Dana nichts alleine machen ließ. Mulder versicherte dies, so oft es ihm möglich war und versuchte Margaret zu beruhigen.

Erst als sich ihre Wege vor dem Ausgang des Krankenhauses trennten, machte Margaret noch einmal eine lange Pause, in der sie Dana ernst ansah.



„Ich möchte doch nur nicht noch eine Tochter verlieren“, sagte sie dann leise und mit Tränen in den Augen.



Scully löste sich von Mulders Griff und schlang ihre Arme um den Hals ihrer Mutter.



„Mum, ich werde gut auf mich Acht geben. Glaub’ mir.“



Als sie sich wieder voneinander lösten, sah Scully ihre Mutter an und fügte dann mit Tränen in den Augen aber lächelnd hinzu: „So leicht wird man mich nicht los“.



Margaret umarmte ihre Tochter noch einmal kurz, dankte Mulder für seine Hilfe und umarmte ihn zu seiner Überraschung ebenfalls, bevor sie sich verabschiedete und sich zu ihrem Wagen umwandte.



Langsam begab sich dann auch Scully, von ihrem Partner gestützt, zu dessen Auto. Scully hatte zwar nicht zugeben wollen, wie anstrengend sie diese wenigen Minuten empfunden hatte, aber als sie sich schließlich in dem angenehmen Sitz niederließ, seufzte sie erleichtert auf.

Auf der Fahrt zu ihrem Appartement merkte sie dann, wie sehr die Strapazen der letzen Tage sie mitgenommen hatten, als ihr schließlich die Augen zufielen und sie sich in den Sitz sinken ließ.
Chapter 16 by XS
Teil 16

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„Weißt du, was ich an der ganzen Sache nicht verstehe, Joe?“



Joe zuckte mit den Schultern und wandte nicht eine Sekunde seinen Blick von der Straße ab. Sollte er einen Unfall bauen, mit dem ganzen Zeug, das sie geladen hatten, dann war er so gut wie tot. Oder schlimmer.



„Ich meine, es ist nicht nur eine Sache, die ich nicht kapiere sondern gleich mehrere.“



Joe rollte mit den Augen. Dass Henry mehr als eine Sache nicht verstand, war ja kaum verwunderlich. Er fragte sich immer noch, wie er eigentlich an diesen Job gekommen war.



„Wieso mussten wir zum Beispiel diese Frau auf so umständliche Art und Weise kidnappen? Wir hätten doch einfach wieder ’ne Nutte oder so nehmen können. Oder ’nen Penner, so wie beim letzten Mal.“



Als Joe nicht antwortete fuhr Henry einfach fort.



„Dann war sie sogar ’ne FBI-Agentin. Ich fand’ das ziemlich abgefuckt, dass man uns das vorher nicht einmal gesagt hat. Und dann noch die Scheiße, dass wir sie nicht einfach getötet haben sondern sie irgendwo hinbringen mussten, wo sie eventuell noch gefunden wird. So ein Schwachsinn.“



Henry wartete nicht lange auf eine Antwort von Joe. Er war daran gewöhnt, dass sein Kollege nicht viel mit ihm sprach und so brabbelte er weiter vor sich hin und malte sich aus, was das alles wohl für einen Sinn gehabt haben mochte.



Als Henry seinen Monolog beendet hatte und nur noch leise vor sich hinmurmelte, dachte Joe über das Gesagte nach. Auch wenn er es Henry gegenüber nicht erwähnte. Auch er hatte sich schon genau die gleichen Fragen gestellt und war zu keiner Lösung gekommen. Er hütete sich diese Fragen laut zu stellen, denn in den Kreisen, in denen er sich bewegte reichte so etwas schon, dass man am nächsten Morgen mit dem Gesicht auf dem Boden auf der Straße lag. Aber im Gegensatz zu Henry wusste er, wer für diesen besonderen Ablauf zuständig gewesen war. Dieser Typ, der einigen wenigen von ihnen die Anweisungen erteilt hatte, hatte auf ihn schon den Eindruck gemacht halb tot und vertrocknet zu sein. Und wenn er an den ekelhaften Zigarettengestank dachte, den dieser Typ ihm direkt ins Gesicht geblasen hatte, wurde ihm beinahe übel. Er hatte sich nur durch Zufall in der Besprechung befunden und im Nachhinein hätte er gut darauf verzichten können. Dieser Mann hatte offensichtlich ein persönliches Interesse an dem Wissen dieser Bundesagentin gehabt. Und Joe wusste auch, dass dieser Mann die Macht hatte, alles umzuschmeißen, nur weil er es so wollte. Risiko hin oder her.

Und jetzt fuhren sie mit ihrem riesigen Truck, in dem sich beinahe ihr gesamtes Equipment befand, quer durch das ganze Land. Das Pflaster in Pennsylvania war einfach zu heiß geworden, was auch an dieser Frau lag. Was Joe stutzen ließ, war nicht nur die Tatsache, dass die Fahrt riskant war. Nein, vor allem die Tatsache, dass dieses ganzes Risiko für einen fehlgeschlagenen Versuch an dieser Frau auf sich genommen wurde. Aber er würde keine Fragen stellen wie Henry. Er wusste, wie gefährlich das werden konnte. Außerdem kannte er die Befehlskette. Man hatte ihm gesagt, er solle den Truck an die andere Seite der USA bringen und so tat er es auch ohne eine Frage nach dem ‚Warum?’ zu äußern. Er würde den Truck zu seinem Bestimmungsort bringen und dort mithelfen, eine neue Station aufzubauen. Ohne Fragen zu stellen, auch wenn er zu gerne wissen wollte, wieso diese einzelne Frau das ganze Risiko wert gewesen war. Er schlug sich seine Fragen aus dem Kopf und konzentrierte sich auf wieder auf die Strasse. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.



Auf einer einsamen Straße rollte der Truck der Dämmerung davon, hinein in die dunkle und schwarze Nacht.
Chapter 17 by XS
Teil 17

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Einen Augenblick lang stand Scully in der offenen Tür ihrer Wohnung und blickte stumm ins Innere. Dann schloss sie die Augen, atmete tief ein und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Mulder stand direkt hinter ihr und wartete einfach. Er hatte keine Ahnung, was in Scully vor ging, aber der zufriedene Gesichtsausruck beruhigte ihn. Als Scully dann schließlich ihre Wohnung betrat, folgte er ihr und schloss die Tür hinter sich.

Scully machte nur zwei Schritte in die Wohnung hinein, blieb stehen, drehte sich dann einmal um ihre eigene Achse und musterte den Raum kritisch. Schließlich blieb sie zu Mulder gewandt stehen und musterte nun ihn. Nach einigen Sekunden fühlte sich Mulder unter dem prüfenden Blick unwohl.



„Was ist los?“



„Nichts“, lächelte Scully, „Ich war nur in Gedanken“.



Mulder nickte nur und setzte die Tasche ab, in der sich die wichtigsten Utensilien, die Scully im Krankenhaus gebraucht hatte, befanden. Dann ging er auf Scully zu und schloss sie in seine Arme. Zunächst ein wenig erschrocken, aufgrund der ungewohnten Geste, entspannte Scully sich jedoch sofort wieder, als sie Mulders Rasierwasser roch. Einige Sekunden standen sie einfach nur da und genossen die Nähe des anderen.



„Sie glauben ja gar nicht, welche Sorgen ich mir um Sie gemacht habe, Dana“, flüsterte Mulder leise. „Ich hätte nicht... ich hätte es nicht ausgehalten, wenn Sie... wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre.“



Mulders Stimme erstarb. Er wagte es nicht den Gedanken weiter auszuführen. Scully schluckte, denn sie wusste, wie knapp sie diesem Schicksal dieses Mal entkommen war. Sie konnte darauf nichts erwidern, so sagte sie gar nichts und hielt Mulder weiter fest. Schließlich löste sich Mulder von ihr, sah sie kurz an und bugsierte sie dann zu ihrem Sofa, auf dem sie Platz nehmen musste.



„Sie setzen sich jetzt erst einmal hin und lassen sich von mir eine Suppe kochen. Sie müssen erst einmal wieder zu Kräften kommen.“



Scully nickte, obwohl die Tatsache, dass Mulder für sie Kochen sollte doch ein recht ungewöhnlicher Gedanke war, an den sie sich erst noch gewöhnen musste. Auch wenn es sich nur um eine einfache Tütensuppe handeln sollte.



Sie lehnte sich also einfach zurück und schloss erneut die Augen. Mulder hatte sich bereits in die Küche begeben und öffnete wohl alle Schränke. Er schien wohl einen geeigneten Topf zu suchen. Dann war es einen Moment still. Schritte. Der Wasserhahn wurde geöffnet und ein Behälter, wohl ein Messbecher wurde gefüllt. Wasserhahn zu. Wasser umfüllen. Den Herd einschalten. Topf auf den Herd stellen. Wieder eine Pause. Deckel auf den Topf. Wieder das Türgeklapper. Vielleicht suchte er jetzt nach der Suppe?! Sollte sie ihm sagen, wo er sie finden konnte? Sie tat es nicht. Vielleicht war sie zu müde, vielleicht war es auch einfach zu schön, Mulder beim ’Herumwerkeln’ in der Küche zuzuhören. Weitere Geräusche waren zu hören. Noch einmal Wasser in einen Behälter füllen. Türengeklapper, Teller, Besteck, Topf, umrühren, Schritte, Türen, Stoß, leiser Fluch, Herd ausschalten, Schublade...





„Dana?“, leise hauchte Mulder in ihr Ohr.



Erschrocken öffnete Scully ihre Augen und setzte sich abrupt auf. Sie war nicht wirklich eingeschlafen. Es war dieser Zustand zwischen Wachen und Schlafen gewesen, in dem man nur einen kleinen Schritt vom endgültigen Schlaf entfernt ist.

Jetzt sah sie zu Mulder auf, der gerade einen Teller vor ihr auf dem Tisch abgesetzt hatte.



„Danke“, sagte sie, als er ihr auch noch einen Löffel in die Hand drückte.



Dann nahm Mulder ein Tablett in die Hand, das er neben das Sofa gelegt hatte und setzte es auf Scullys Schoß ab. Er griff nach dem randvoll gefüllten Teller Hühnerbrühe und stellte diesen dann auf das Tablett.



„Und Sie werden nicht eher aufstehen, bis Sie nicht die ganze Suppe aufgegessen haben“, meinte Mulder mit zwinkernden Augen und nahm neben ihr Platz.



„Wollen Sie denn nichts essen?“, hakte Scully nach und tauchte den Löffel in die dampfende Suppe.



„Ich esse später etwas“, meinte Mulder nur und sah Scully stillschweigend beim Essen zu.



Eine angenehme Stille breitete sich aus, bis Scully schließlich das Tablett auf den Tisch zurückstellte, nachdem sie den Teller bis auf den letzten Rest ausgelöffelt hatte.



„Möchten Sie noch etwas?“



Scully schüttelte stumm den Kopf und wieder breitete sich eine Stille aus. Dieses Mal jedoch war es eine unangenehme Stille, in der deutlich eine Spannung zu spüren war, die sich langsam aufbaute.

Mulder wollte Scully nicht drängen, zu erzählen, was passiert war oder wenigstens die Dinge, an die sie sich erinnern konnte. Er wusste, dass es schwierig für sie war und doch spürte er auch, dass sie sich davon befreien wollte.



Scully selber wollte tatsächlich darüber reden, aber sie wusste nicht, ob sie das jetzt schon konnte. Vielleicht war es besser einige Nächte darüber zu schlafen: Gleichzeitig wollte sie es sich so schnell wie möglich von der Seele reden, denn das alles lastete, wie ein schweres Gewicht auf ihrer Brust. Und sie spürte deutlich: je länger sie wartete, desto schwerer würde dieses Gewicht werden. Sie musste sich also so schnell wie möglich davon befreien. Aber vielleicht doch noch eine Nacht...?



„Mulder...?“, flüsterte sie leise.



„Ja?“, flüsterte er ebenso leise zurück.



„Ich... ich weiß nicht... wie ich...“, sie stockte.



Mulder legte fürsorglich einen Arm um sie und zog sie näher zu sich heran.



„Sagen Sie einfach, was Ihnen gerade in den Sinn kommt, auch wenn es keinen Sinn ergeben mag.“



Scully nickte zwar, aber sie zögerte noch. Wo sollte sie bloß anfangen? Es klang alles so fantastisch und vieles von ihren Erinnerungen sah sie nur noch so verschwommen vor sich. Das Krankenhaus. Ja, vielleicht sollte sie dort anfangen, damit Mulder verstand, warum sie so eilig dieses Krankenhaus hatte verlassen wollen.



„Das erste Mal, als ich merkte, dass etwas nicht stimmte, war, als ich in einem Krankenhaus aufgewacht bin. Alles war... relativ normal. Der Arzt war nett, jedoch schien er nicht gewillt zu sein, mir genaue Auskunft darüber zu geben, wieso genau ich denn in diesem Krankenhaus lag. Ich... ich wollte also Sie sprechen, was er mir zunächst verweigern wollte. Erst nach nachdrücklichem Drängen meinerseits, erklärte er sich schließlich bereit, Sie in mein Zimmer zu bringen. Und als ich mich dann mit Ihnen unterhielt, ... Sie... Sie waren nicht Sie selbst. Sie waren so anders... so vertrauensselig, trotz des merkwürdigen Verhaltens des Arztes und obwohl weder ich noch Sie sich an etwas Genaues erinnern konnten. ...“ Scully holte kurz Luft und fuhr dann fort. Sie erzählte alles so genau sie konnte. Von den Beruhigungsmitteln, von dem zweiten Krankenhaus, davon dass er, Mulder, nicht existieren sollte; die verschwundene Narbe; der merkwürdige Traum; die Rettung, die sich als falsch herausstellte, als ihre Mutter angeblich tot gewesen war; die Gerüche, die nicht da waren; dann, als sich alles langsam aufgelöst hatte; der Mann, der sich über sie gebeugt hatte; der Traum, der sich wiederholt hatte, jedoch anders ausgegangen war, bis zu ihrem Erwachen im richtigen Krankenhaus.

„Ich denke, dass diese Leute irgendwelche Mittel ausprobiert haben, um das Gedächtnis einer Person zu manipulieren. In Verbindung mit einer Virtual Reality Umgebung könnte man dies dazu ausnutzen an jede beliebige Information heranzukommen. Nur hat bei mir wohl diese Gedächtnismanipulation nicht so funktioniert, wie sie gehofft hatten“, schloss Scully ihre Erklärungen mit ihrer Theorie, mit welcher sie versuchte, das, was mit ihr geschehen war, zu erklären.

Nach diesen fünfzehn Minuten, in denen sie nur mit kleinen Unterbrechungen alles erzählt hatte, schwieg sie und wartete auf Mulders Reaktion, der sie nicht durch ein einziges Wort oder eine einzige Geste unterbrochen hatte. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Sie war sich eigentlich sicher, dass dies jetzt die Realität und der richtige Mulder waren, aber... was wenn nicht?



Schließlich räusperte sich Mulder und er sagte sehr leise: „Es tut mir leid“.



Irritiert sah Scully nun doch zu ihm auf. Mit traurigen Augen blickte Mulder sie an.



„Es tut mir leid, dass ich nicht da war. Ich... ich hätte sie aufhalten müssen. ...Aber..., aber ich konnte nicht. Ich hab’s versucht.“



„Mulder hören Sie auf damit. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie sind nicht Schuld daran. Sie haben schließlich keine Experimente an mir durchgeführt. Sie wissen genau, dass es beinahe unmöglich ist, etwas gegen DIE auszurichten. Sie haben schon so viel erreicht, indem Sie mich nur gefunden haben.“



Mulder sah sie noch immer an. Er war noch nicht vollends überzeugt.



„Als wir diesen Fall in Pennsylvania untersucht haben und wir uns auf dem Rückweg befanden, da sind Sie während der Fahrt eingeschlafen.“



Scully nickte. Das erklärte, warum Sie sich an nichts was danach folgte erinnern konnte.

Mulder senkte seinen Blick und starrte nach unten auf den Fußboden, während er seine Erzählung fortsetzte.



„Es wurde bereits dunkel und plötzlich sah ich auf dieser vollkommen leergefegten Strasse im Licht der Scheinwerfer etwas mitten auf der Fahrbahn liegen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig bremsen. Ich bin sofort aus dem Wagen gesprungen und während ich auf dieses Etwas zugerannt bin, habe ich erst erkannt, dass es sich um einen Menschen handelte. Ich rief Ihnen zu, dass ich Ihre Hilfe brauchte, sah mich aber nicht um. Ich dachte mir, Sie wären bereits durch das abrupte Bremsen aufgewacht. Als ich die Person erreichte und mich zu ihr herunterbeugte, sah ich dann..., dass es sich nur um eine Puppe handelte. ...Sie sah einem echten Menschen so verteufelt ähnlich, dass man dies erst erkennen konnte, wenn man sie von Nahem betrachtete. Ich... ich hätte es wissen müssen. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Als ich mich dann umdrehte, war es bereits zu spät.“ Mulder musste schlucken, bevor er fortfahren konnte. „Ich habe keine Ahnung, wie sie es so schnell geschafft haben, aber... aber als ich zum Wagen sah, da waren Sie bereits verschwunden und es war nicht die geringste Spur von Ihnen oder Ihren Entführern zu sehen.“

Mulder vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

„Ich habe gesucht. Ich habe neben der Strasse gesucht. In den Gräben an beiden Seiten der Straße. Ich habe die Polizei angerufen und auch die haben die ganze Gegend durchkämmt. Innerhalb einer halben Stunde vielleicht war das ganze Gebiet im Umkreis von einigen Meilen abgesperrt.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, dass es unmöglich gewesen wäre, so schnell zu verschwinden.

„Ich wünschte ich hätte sie nicht einfach dort im Auto gelassen. Ich hätte doch merken müssen, dass etwas nicht stimmt, wenn eine Person mitten in der Nacht auf einer einsamen Landstrasse liegt.“



„Ssscht“, beruhigend strich Scully ihm übers Haar. „Sie konnten nichts tun. Ich hätte auch so gehandelt. Woher hätten Sie denn wissen sollen, dass das eine Falle war? Sie konnten es unmöglich erahnen. ... Außerdem bin ich ja wohlbehalten wieder hier. Und das nicht zuletzt durch Ihre Hilfe.“



Mulder blickte wieder auf und lächelte ein wenig.



„Sollte ich nicht derjenige sein, der Sie wieder aufbaut und nicht umgekehrt?“



Jetzt lächelte auch Scully.



„Es kann ja nicht schaden, wenn wir uns gegenseitig ein wenig aufbauen, oder?“



Mulder nickte und schloss sie zum zweiten Mal an diesem Tag in seine Arme.



„Irgendwann werden wir diese Mistkerle erwischen, Dana. Ich weiß es genau. Und dann werden sie für das bezahlen, was sie uns angetan haben. Und wir werden ihnen nicht die Genugtuung geben, dass wir aufgeben.“



Scully nickte nur stumm. Sie hatte die Augen geschlossen und sich gegen Mulder gelehnt. Sie war zu müde, um darüber nachzudenken, ob sie weiterkämpfen wollte. Jedenfalls konnte sie es jetzt definitiv nicht. Sie war einfach zu müde und wollte nur schlafen. Sie spürte wie sie bereits wegdriftete, während Mulder noch etwas sagte. Doch sie hörte nur seine Stimme, nicht aber die Worte.



Plötzlich rutschte Scullys Kopf zur Seite und Mulder stellte fest, dass sie eingeschlafen war. Er traute sich nicht sich zu bewegen, da er sie nicht aufwecken wollte und versuchte, es ihr so bequem wie möglich zu machen. Er angelte nach einem Kissen vom Sessel und legte es unter Scullys Kopf, auf seine Brust. Dann nahm er die Decke, die immer über die Lehne des Sofas gebreitet war und breitete sie über sich und Scully aus. Er betrachtete sie eine Weile, so froh darüber, dass er sie wieder hatte. Er hatte dies zwar schon einmal erlebt, aber erst jetzt erkannte er, wie viel sie ihm bedeutete. Er hätte es sich nie verzeihen können, wenn ihr etwas zugestoßen wäre. Aber sie lag jetzt wohlbehalten hier an ihn gelehnt. Er musste bald etwas unternehmen, ihr sagen, wieviel sie ihm bedeutete, wie sehr er sie vermisst hatte, denn wer wusste schließlich, ob sie nicht schon bald erneut auseinandergerissen würden? Vielleicht mit einem weniger glücklichen Ausgang. Mulder verdrängte den Gedanken so schnell er konnte. Er wollte jetzt nicht an so etwas denken. Nicht jetzt, wo er doch gerade so glücklich war, sie wiederzuhaben. So froh, alles gut überstanden zu haben. Sanft drückte Mulder ihr einen Kuss auf die Stirn und streichelte sie behutsam. Sie sah so friedlich aus, wie sie so da lag. Zu dem, was er danach tat, hätte er vielleicht gesagt, dass er nicht darüber nachgedacht hatte, aber das stimmte nicht. Er hatte sehr wohl über eben jene Tat nachgedacht. Und er war sich so sicher, wie nie zuvor, dass er bei dieser Sache das Richtige tat. Er beugte er sich zu ihrem Ohr hinab und flüsterte so leise, dass er es selber kaum verstand:



„Ich liebe dich, Dana.“



Dana gab keine Antwort. Sie war bereits in einen so tiefen Schlaf gefallen, dass sie nichts von dem Gesagten mitbekommen hatte.



Und... vielleicht war das auch besser so...





Jedenfalls vorerst..




Ende
End Notes:
Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich bisher mit Feedback versorgt haben. *g* Ich versuche zwar immer, allen persönlich zu danken, aber manchmal kann ich das auch schon mal vergessen. Also hier noch einmal danke an alle!

Besonderen Dank auch an meine Betaleserin, *mit-feedback-Versorgerin* und *Homepage-zur-Verfügung-Stellerin* Nadia. *g*
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