Spiel des Lebens by Stefan Rackow
LesenswertSummary: Wenn du glaubtest, du hättest schon alles gesehen, dann sei dir gewiss, dass das Unglaubliche schon seit jeher darauf wartet, sich dir zu offenbaren. Der Lauf der Dinge mag vorbestimmt sein – die Frage ist nur, durch wen?
Categories: Romance > Doggett/Reyes, Romance > Mulder/Scully Characters: Dana Scully, Fox Mulder, John Doggett, Monica Reyes
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Angst, Hurt/Comfort, Mystery, Romance, X-File
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 16 Completed: Ja Word count: 49401 Read: 71125 Published: 12 Mar 2012 Updated: 12 Mar 2012
Story Notes:
Die Ereignisse der neunten Staffel waren mir bei Beginn des Schreibens dieser Story noch nicht bekannt. Daher bitte ich, von möglichen Ungereimtheiten abzusehen. Das hier ist meine persönliche Sicht der Dinge.

Besonderen Dank an Marion für das kritische Durchlesen und so manchen hilfreichen Tipp! Tausend Dank dafür!


Inspiriert durch einen Bericht von Manfred Dworschak

(basierend auf Theorien aus dem Buch „A New Kind of Science“ von Stephen Wolfram

1. Kapitel 1 by Stefan Rackow

2. Kapitel 2 by Stefan Rackow

3. Kapitel 3 by Stefan Rackow

4. Kapitel 4 by Stefan Rackow

5. Kapitel 5 by Stefan Rackow

6. Kapitel 6 by Stefan Rackow

7. Kapitel 7 by Stefan Rackow

8. Kapitel 8 by Stefan Rackow

9. Kapitel 9 by Stefan Rackow

10. Kapitel 10 by Stefan Rackow

11. Kapitel 11 by Stefan Rackow

12. Kapitel 12 by Stefan Rackow

13. Kapitel 13 by Stefan Rackow

14. Kapitel 14 by Stefan Rackow

15. Kapitel 15 by Stefan Rackow

16. Kapitel 16 by Stefan Rackow

Kapitel 1 by Stefan Rackow
~Für meine Eltern~



*





-Prolog-



Er wusste nicht, warum er da saß. Es schien sinnlos. So sehr er auch versuchte, den Sinn hinter alledem zu finden, er konnte ihn einfach nicht finden. Lustlos und reichlich gelangweilt blickte Marty Grant auf das gläserne Gefäß vor ihm auf den Tisch. In ihm waberte eine Substanz sachte umher und bildete feine, lange Schlieren in der speziellen Aufbewahrungsflüssigkeit. Geschmeidig und geheimnisvoll formten sich die seltsamsten Gebilde vor den Augen des Wissenschaftlers. Gebilde der Phantasie, Gebilde, die nur in seinem Kopf entstanden, denn er wusste, dass das, was er da sah, lediglich Spuren einer chemischen Reaktion waren, die bewusst herbei geführt wurde, um etwas zu entdecken.

Marty wusste, dass in der Chemie vieles, wenn nicht gar alles, geheimnisvoll sein konnte, wenn man sich denn intensivst damit beschäftigte. Der einfachste Vorgang warf plötzlich weitgreifendere Fragen auf, als man es jemals für möglich erachtet hätte. Daher verstand er auch den Wissensdurst seines Kollegen, der, gelinde gesagt, von den einen als wegweisend, von den anderen jedoch als bloßer Schwachsinn abgetan wurde. Es stand außer Frage, dass es jedem Wissenschaftler erlaubt war, Theorien zu erstellen, die alles in einem anderen Lichte erscheinen ließen. Hatte man dann noch Beweise dafür, war die Sensation perfekt. Alles wäre in bester Ordnung, selbst bei der jetzigen Untersuchung – wenn es einen triftigen Grund dafür geben würde! Die Veränderung einer Substanz zu beobachten und genauestens Buch zu führen über jedwede Kleinigkeit war nicht nur hirnrissig, sondern einfach nur Unsinn! Marty atmete einmal tief aus, bevor er sich noch einmal vergewisserte, ob die Kamera auch wirklich jede Millisekunde auf das Gefäß gerichtet war. Etwas Gutes hatte die Sache wenigstens: in knapp zwei Stunden war seine Schicht hier zu Ende und er konnte endlich nach Hause zu seiner Frau fahren und von Schlieren, Gas und seltsamen Wissenschaftlern träumen, deren Ziele er und alle anderen Menschen auf der Welt wohl niemals verstehen würden.

Er lächelte etwas und zog das Aufnahmegerät hervor.



„Sonntag, 31. August 2002 ... es ist jetzt -“ Er sah auf seine Armbanduhr - „...genau 22 Uhr und 3 Minuten. Die Substanz, was auch immer sie sein mag, hat keine bemerkenswerten Fortschritte gemacht. Ein paar Schlieren, ja, das war alles. Das einzige...“ – Er rieb sich die Augen – „Das einzige, was sich gravierend verändert hat, ist der Zustand meiner Augen, wenn es Sie denn interessiert, Steve. Ich scheine hier langsam regelrecht festzuwachsen. Wenn ich also morgen nicht zur Arbeit erscheinen sollte, dann kann es unter anderem daran liegen, dass ich ganz langsam auf dem Sessel zu Staub zerfallen bin. Ach, bevor ich Sie noch mit Ihrem schwachen Herz aufrege, höre ich lieber auf, auf der Mitleidsschiene zu fahren. Es macht Spaß, oh ja, es ist ein toller Job. Es ... es war schon immer mein Traum von Kindesbeinen an, einmal hier zu sitzen und auf ein...“ Marty schluckte. „... ein Scheißglas zu starren, das eine noch beschissenere Substanz enthält, deren Formveränderung mir im Grunde so was von gegen den Strich geht, dass ich am liebsten alles hier hinschmeißen würde und das Institut verlassen würde!“



Er fühlte sich nun besser, hielt es aber für das beste, den letzten Teil zu löschen. Mit einem beherzten Druck auf die Rücklauftaste spulte er die Kassette zurück und drückte auf Play.

„... keine bemerkenswerten Fortschritte gemacht. Ein paar Schlieren, ja, das war alles.“ – Marty drückte die Stopptaste und war im Begriff, die Löschtaste zu drücken, als er plötzlich aufsah. In seinem Augenwinkel hatte er eine Veränderung wahrgenommen. Irgendwas hatte sich verändert. Es kam überraschend und ließ den jungen Wissenschaftler zusammenzucken. Mit großen Augen blickte er auf das gläserne Gefäß und war außerstande, seine Beobachtung auf Band zu sprechen. Das konnte nicht sein!



*



22:05



Steve Mac Finn war gerade über Notizen für sein neuestes Buch gebeugt, als das Telefon klingelte. Sofort ließ er alles stehen und liegen und nahm, merklich unruhig, den Hörer ab.

„Ja?“, fragte er mit zittriger Stimme.

„Steve, ich bin’s, Marty!“

Voller Neugier zog der Wissenschaftler einen Stuhl heran und setzte sich.

„Marty, ich hatte damit gerechnet, dass Sie mich zurückrufen würden. Ist irgendetwas unklar in Bezug auf das, was ich Ihnen aufgetragen hatte?“

Marty hätte dies zu gerne bejaht, jedoch war ihm im Moment anderes wichtiger. „Nein“, log er daher und holte einmal tief Luft. „Es hat mit der Substanz zu tun!“

„Hat sie sich verändert?!“ – Steve wurde zunehmend ungeduldiger und kaute an seinen Fingernägeln. „Wenn nichts unklar ist, dann muss sich doch irgendwas getan haben. Ansonsten verstehe ich nicht, warum Sie mich jetzt anrufen, Marty.“

„Es hat sich was verändert, gewissermaßen andauernd“, gab der junge Mann bekannt und warf noch einmal einen Blick auf das Gefäß. „Erst waren es nur Schlieren, dann wurden sie intensiver und...“

„Und?!“

„Ich ... ich glaub das einfach nicht!“, stammelte Marty mit zittriger Stimme und wischte sich die Stirn. „Ich ... ich kann es sogar lesen!“

„Herrgott, Marty, nun spannen Sie mich nicht auf die Folter: was hat sich getan?“

Was folgte, waren mehrere Sekunden des Schweigens, nur hier und da unterbrochen durch das beiderseitige tiefe Atmen der miteinander Kommunizierenden. Erst nach einer endlos lang erscheinenden Pause schaffte es Marty, die richtigen Worte zu finden. Es waren Worte, die keiner im Moment richtig begreifen konnte. Marty konnte es nicht verstehen, und Steve wollte es nicht wahrhaben, dass er dem, dem er nun schon so lange auf der Spur war, endlich ein Stück näher gekommen war – wenn es denn stimmte!

Aber im Augenblick gab es nur die Worte, die etwas beschrieben, das so merkwürdig erschien, dass es schon wieder wahr sein konnte. Worte voller Faszination, voller Zauber. Weise Worte.



„Die heilige Schrift! Ich habe die heilige Schrift in der Substanz gesehen...! Es ist unglaublich!“



*



22:30



Steve Mac Finn erreichte das Institut, das nahe des Zentrums der Stadt Washingtons errichtet worden war und steig aus dem Wagen. Zeit, um den Wagen abzuschließen hatte er keine, zu wichtig war es für ihn, es mit eigenen Augen zu sehen, beziehungsweise die Filmaufnahmen, die rund um die Uhr gemacht wurden.

Der Leiter der Forschungsabteilung hetzte durch die dunklen Gänge des Traktes, hin zu einem Bereich, der mit einer Glastür von dem des übrigen Gebäudes isoliert war. Hastig zog er eine ID- Card hervor und schob sie durch den Kartenleser, woraufhin ein metallenes Piepen zu hören war. Es klackte kurz, und schon öffnete sich die Tür, indem sie mit einem Zischen in der Wand verschwand.

Mac Finn vergewisserte sich, dass der Mechanismus die Tür wieder zurückfahren ließ, nachdem er eingetreten war und eilte anschließend davon, in Richtung einer weiteren Tür, welche die Aufschrift



„RESTRICTED AREA – Authorized personnel only!“



trug. Zu seiner Verwunderung fand der Wissenschaftler selbige nicht verschlossen vor. Stattdessen klaffte ein kleiner Spalt zwischen der Tür und dem Rahmen. Steve schüttelte den Kopf, da er seinen Gehilfen Marty jedes Mal darauf aufmerksam gemacht hatte, dass es unerlässlich sei, die Türe geschlossen zu halten. Reichlich wütend öffnete er die Tür und blickte umher.



„Marty?“



Keine Antwort.



„Marty, wo stecken Sie?“



Die Worte hallten zurück, als keine Antwort zu verzeichnen war. Verwundert sah sich Mac Finn in der Forschungsabteilung um, konnte aber seinen Gehilfen nicht auffinden. Mit einem durch und durch schlechten Gefühl in der Magengegend begab sich der Wissenschaftler zu dem Objekt seiner Begierde, dem Gefäß mit der seltsamen Flüssigkeit. Doch es war leer! Die Flüssigkeit war entnommen worden! An einen schlechten Scherz und daran glaubend, dass sich Marty bestimmt einen Scherz erlaubt hatte, sah sich Mac Finn noch einmal in dem Labor um.



„Marty, jetzt lassen Sie die Spielchen! Sie bekommen großen Ärger, wenn Sie mich nur aufgrund eines Scherzes...!“



Und da registrierten seine Augenwinkel gerade noch, wie ein schwarzer Schatten, von der Statur der eines Gorillas gleich, hinter ihm aus der Tür huschte und selbige mit einem lauten Knall zuzog. Instinktiv wandte der Wissenschaftler sich um und sah zu seinem Entsetzen, dass neben der Flüssigkeit nun auch noch die Kamera fehlte, welche zuvor unentwegt auf die Substanz gerichtet war. Jemand war die ganze Zeit hier gewesen!

Er hastete zu der Tür, zog sie auf und blickte nach rechts, wo er gerade noch die schwarze Gestalt wahrnahm, wie sie aus der Tür des Institutes huschte, gefolgt vom Aufröhren eines Automotors. „Mein Wagen...!“, murmelte Steve entsetzt und rannte in Richtung der Glastür, welche sich, seinem Eindruck nach, viel zu langsam öffnete. Als auch dies endlich geschah, wusste er im Grunde schon, dass es zu spät war, jedoch sprintete er dennoch zum Eingangsbereich, durch die Wartehalle, und stand schließlich, schwitzend und außer Atem, draußen auf der beleuchteten Straße.

Allein. Verlassen.

Und von Marty Grant war weit und breit keine Spur zu sehen. War er der Fremde gewesen? Aber warum hatte er dann vorher noch bei ihm angerufen? Wollte er ihm etwa auflauern? Wenn ja, warum hatte er die Chance nicht genutzt?



Was vorgefallen war, konnte Marty Grant in diesem Augenblick auch nicht sagen. Er wusste nur, dass er verschleppt worden war. Von irgendwem. Gewaltsam. Kaltherzig. Sein Kopf schmerzte fürchterlich, und das grelle Licht, welches von der Decke direkt in seine Augen strahlte, zwang den jungen Mann, die Augen ein ums andere Mal zusammenzukneifen. Ein Summen dröhnte mit mörderischer Intensität in seinen Ohren, als ob ein ganzer Wespenschwarm darin Zuflucht gefunden hatte. Zudem war es kalt. Sehr kalt. Erst jetzt registrierte der Mann, dass er nackt war. Er war all seiner Sachen entledigt und lag auf irgendwas Metallenem. Er hatte nicht genug Kraft, um sich weitere Gedanken zu machen. Seine Augen waren schwer, seine Kehle trocken.

Marty Grant verlor ganz langsam das Bewusstsein und nahm nur noch ein leises Tuscheln wahr, welches nahe seines linken Ohres zu verzeichnen war. Es waren Worte menschlichen Ursprungs, jedenfalls schien es so. Und sie beschrieben etwas. Etwas, das sich als Gefahr hätte erweisen können, wenn sie nicht zugegriffen hätten.



„Gefahr – Zugriff“



Marty verlor das Bewusstsein und hörte nicht mehr, wie die miteinander Kommunizierenden einen weiteren Namen fallen ließen. Er kannte den Namen. Er kannte die betreffende Person.



Dr. Steve Mac Finn!
Kapitel 2 by Stefan Rackow
~Teil 1~

-Wilde Theorien-



23:30

Wissenschaftliches Institut

Washington, D.C.



Der FBI-Agent gähnte einmal. Es war ihm ungewohnt, noch spät am Abend zu einer Untersuchung gerufen zu werden, zumal es ein Sonntag war. Er reckte sich einmal, bevor er aus dem Wagen stieg und mit großen Schritten in Richtung des Eingangs lief. Ein Polizeibeamter unterbrach kurz darauf eine Unterredung mit einem Kollegen und wandte sich dem eben Eingetroffenen zu.



„Agent Doggett! Gut, dass Sie noch vorbei kommen konnten.“ – Er reichte ihm die Hand. „Albert Hunter, wir haben telefoniert.“

„Angenehm“, erwiderte Doggett und schüttelte dem Beamten die Hand. „Sie haben Glück, dass Sie mich noch erreicht haben. Im Grunde wollte ich mir den morgigen Tag frei nehmen, da mir das Wetter gehörig zu schaffen macht – wetterfühlig, Sie verstehen.“

„Selbstredend“, bejahte Albert und wirkte etwas unwohl in seiner Haut. „Tut mir Leid, dass ich Sie, obwohl Sie krank sind, hergerufen habe, Agent Doggett. Aber es verlangt regelrecht nach Ihrer Hilfe.“

„Schon gut“, murmelte Doggett und massierte seinen Nacken. „Einmal Agent, immer Agent. Da muss man eine Erkältung wegstecken können, nicht wahr?“ – Er versuchte, lustig zu wirken, bewirkte aber nur, dass Albert Hunter verlegen von einem Bein auf das andere trat. „Egal“, murmelte der Agent vor sich hin und wartete darauf, über den Fall aufgeklärt zu werden.



„Wichtige Forschungsgegenstände sind laut Aussage des Leiters der Forschungsabteilung gestern abend von Unbekannten entwendet worden“, begann der Polizeibeamte und deutete auf einen Mann, der in weißem Kittel in der Nähe des Eingangs stand und gerade dabei zu sein schien, ein Protokoll aufzugeben. Der Polizist, der bei ihm stand, schrieb die ganze Zeit Notizen auf einen kleinen Block. „Das ist Steve Mac Finn, Agent Doggett, der Wissenschaftler, welcher uns vor knapp einer halben Stunde vom Vorfall hier unterrichtet hat. Er ... verstehen Sie mich nicht falsch, aber er hat eine etwas eigenartige Sichtweise der Dinge.“

„Ich weiß, was Sie meinen“, gab Doggett offen zu und sagte mit gesenkter Stimme: „Ich habe mehrere seiner Arbeiten in den hiesigen Fachzeitschriften gelesen. Es steht außer Frage, dass Steve Mac Finn ein überaus intelligenter Mann ist. Sein Problem ist nur, dass er die Sachen für mein Empfinden zu verquer angeht.“

„Ja, so sehe ich das auch“, sagte Albert. „Seine Theorien mögen vielleicht irrational sein, aber unterhaltsam sind sie allemal!“

„Lassen Sie ihn das aber bloß nicht wissen...“, flüsterte der hochgewachsene Agent leicht ironisch und klopfte dem jungen Polizeibeamten auf die Schulter. „Ich werde dann mal meine Befragung durchführen. Kann ich Sie später noch erreichen wegen etwaiger Ungereimtheiten?“

„Jederzeit, Agent Doggett, aber ich denke, dass Sie mehr Ahnung als ich von so was haben. Zumal Sie ja an den...“

„Spielen Sie auf meine Arbeit an den X-Akten an?“, fragte Doggett leicht barsch und verschränkte die Arme. „Dass ich mit diesen Fällen zu tun habe, heißt nicht zwangsläufig, dass ich auch jedes noch so merkwürdige Geschehen erklären kann. Außerdem erscheint mir das, worum es hier geht, nicht in den Bereich der unlöslichen Fälle zu gehören.“

„Es mag zunächst nicht den Anschein haben, aber es gibt da doch etwas, Agent Doggett. Nur kann ich es Ihnen beim besten Willen nicht begreiflich machen“, konterte Albert und deutete zum wiederholten Male auf Steve Mac Finn. „Er wird Ihnen da weitaus mehr sagen können.“

„Jetzt machen Sie mich aber neugierig“, murmelte Doggett fast unhörbar und drehte sich um.



„Doktor Finn?“

„Ja?“, antwortete der Wissenschaftler und ließ von dem Polizeibeamten mit dem Notizblock ab.

„Agent Doggett, FBI.” – Er reichte seinem Gegenüber die Hand. „Sie haben die Polizei herbeordert?“

„Genau“, erwiderte der schlanke Mann, „es gab einen dreisten Raub hier in den Hallen des Forschungsinstitutes. Wichtige Forschungsunterlagen sind nebst Ausrüstung abhanden gekommen, ebenso ist es nicht zu leugnen, dass es einen weiteren Verlust gibt.“

„Sekunde, was für einen weiteren Verlust?“, fragte Doggett neugierig.

„Mein Gehilfe ist verschwunden, obwohl er mich kurz zuvor noch wegen einer äußerst wichtigen Sache angerufen hatte. Ich bin also zum Institut gefahren, mit der Erwartung, ihn dort anzutreffen. Aber-“ – Er holte einmal tief Luft – „... er war nicht aufzufinden!“

„Vielleicht ist er nach Hause gefahren...?“, schlussfolgerte der Agent leicht unsicher.

„... und das Institut unverschlossen zurücklassen? Nein, derart Dummes traue ich nicht mal Marty zu!“

Doggett überlegte kurz. „Sie meinen also, dass ihr Gehilfe ... Marty war sein Name, nicht? ... aus dem Institut entführt wurde, nachdem er Sie angerufen hatte?“

„Entweder das“, antwortete Mac Finn, „oder er war es, der die Sachen vor meinen Augen entwendet hat und wollte es nur als Entführung aussehen lassen, damit kein Verdacht auf ihn als Täter fällt.“

„Vor Ihren Augen?“, fragte Doggett verwundert. „Haben Sie etwa gesehen, wie ihre Unterlagen und die Ausrüstung verschwanden?“



Steve Mac Finn bejahte und berichtete dem Agenten von einem hochgewachsenen Fremden in schwarzem Lederdress, der versucht hatte, sich hinter seinem Rücken davon zu stehlen. Der Agent lauschte gespannt.



„Dann müssen Sie mir eine Frage erlauben, Mr. Mac Finn: hätte Marty ein Motiv gehabt, ihre Forschung zunichte zu machen?“

„Ja und Nein, Agent Doggett“, gab der Wissenschaftler zu und wurde zunehmend leiser. „Er hat meine Arbeit nie verstanden und stellte alles als Blödsinn dar, müssen Sie wissen...“

„Was war denn Ihre neue Arbeit?“, wollte der Agent aus purer Neugier wissen und setzte einen alles oder nichtssagenden Blick auf.

Der Wissenschaftler, scheinbar verwundert über das Interesse, das der Agent zeigte, räusperte sich einmal leise und blickte Doggett an. „Ich habe eine Theorie aufgestellt, die es zu beweisen gilt“, sagte er mit getragener Stimme. „Es geht um die Welt, um unser aller Heimatplanet. Es gibt so viele Ereignisse, die wir zu erklären nicht in der Lage sind, da uns die bloße Vorstellung schon überfordert. Seltsame Naturphänomene, Kriege, die ausbrechen – ich denke, es gibt einen Grund für all das.“

„Für Kriege? Ja, den gibt es tatsächlich“, sagte Doggett bewusst kühl, da ihm nicht klar war, warum sich ein Forschungsinstitut mit dem Zustandekommen von Kriegen beschäftigte.

„Aber nicht das, was Sie denken“, erklärte Mac Finn und fuhr fort: „Kriege finden statt, weil sie stattfinden sollen!“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, angenommen, die Welt wäre eine große Simulation, die von irgendetwas Größerem gesteuert wird: wäre es dann nicht einfacher, alle Ereignisse logisch zu erklären?“ – Mac Finn lebte regelrecht auf.

„Sie meinen, die Welt ist eine Art Computer?“, fragte Doggett leicht verwirrt und verschränkte die Arme. „Das ist in der Tat sehr weit hergeholt! Kennen Sie den Film The Matrix?“

„Wieso?“

„Ich wurde gerade irgendwie an ihn erinnert“, erwiderte der Agent ironisch und lächelte. „Das ist alles sehr vage für Normalsterbliche.“

„Nicht unbedingt“, konterte Steve Mac Finn, „ich habe eine Überlegung angestellt: wenn die Welt eine Simulation ist, dann muss alles, was sich in ihr befindet, aus kleinen Algorithmen bestehen. Jeder Gegenstand für sich wird von der Steuereinheit geleitet, welche festlegt, wann was wie wo wann passiert. Soll heißen: alles passiert gewissermaßen aus purem Zufall!“

Doggett schüttelte den Kopf: „Weil etwa alles vorberechnet ist?“

„Sie haben es kapiert, Agent Doggett“, gab der Wissenschaftler fröhlich von sich. „Das ist der Kerngedanke. Wir bewegen uns in einer Art Lebenssimulation!“

„Das ist mir zu hoch...“

„Und jetzt kommt das Experiment ins Spiel, das ich hab anstellen wollen“, fuhr Mac Finn unbeirrt fort. „Wenn denn nun wirklich alles vorberechnet sein sollte, dann kann ein kleiner Fehler im Gesamtnetzwerk aller Informationen – ein Virus zum Beispiel – das System dahingehend verändert, dass etwas, nun, eine andere Form als vorgesehen annehmen könnte. Eine Art Transformation, hervorgerufen durch eine Fehlinformation im komplexen Ganzen.“ – Er gestikulierte dabei wild mit den Händen, was für jeden anderen ein seltsames Schauspiel abgab.

„Aha“, sagte Doggett und knetete an seiner Unterlippe. „Und das wäre...?“

„Der Beweis!“ , hauchte der Wissenschaftler und seine Augen flackerten auf.

„Ich ... egal, lassen Sie mich raten“, murmelte der Agent und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Sie haben einen Gegenstand Tag und Nacht untersuchen lassen, richtig?“ Doggett kamen in diesem Moment nur die Worte Schwachsinn und Humbug in den Sinn. Warum, wusste er selbst nicht genau.

„Ja, genauer gesagt eine chemische Substanz, denn nirgendwo passieren mehr Dinge als in der Chemie!“

„Und Marty hatte heute seine Schicht, um das Zeug zu beobachten, richtig?“

„Ja.“

„Und hat sich etwas verändert? Gibt es etwas, das man der Nachwelt zeigen kann?“

Nun schwieg der schlanke Mann und blickte etwas unsicher drein. Der Agent schien einen wunden Punkt erwischt zu haben. Steve Mac Finn blickte Doggett ins Gesicht und sagte mit ziemlich getragener Stimme: „Ja und Nein...“



*



Ort unbekannt



Es war kalt und es verlangte Marty Grant nach einer warmen Decke. Er war ganz weit weg, und doch nah genug, um mit seinem Unterbewusstsein die um ihn herum stattfindenden Gespräche aufzunehmen. Er konnte sie nicht begreifen, geschweige denn verarbeiten, dazu war er zu schwach. Aber er nahm alles auf.



„Er stirbt uns weg!“



„Das Risiko mussten wir eingehen. Er hat schon zu viel gesehen.“



„Sollten wir nicht lieber mit der Behandlung aufhören? Ehrlich, es ist doch unmenschlich, ihn in einem solchen Zustand leiden zu lassen!“



„Herrgott, hätten wir ihn denn Ihrer Meinung nach einfach an Ort und Stelle beseitigen sollen?“



„So meinte ich das nicht...“



„Gewissermaßen tun wir ihm doch einen Gefallen. Wir lassen ihn das glauben, was er glauben soll! Das menschliche Gehirn ist beeinflussbar, und diese Chance nutzen wir aus. Das ist alles.“



„Wir basteln an ihm rum! Da will ich nichts von Gefallen hören!“



„Seien Sie nicht so zimperlich! Wenn er es könnte, würde er uns danken, glauben Sie mir. Wir bewahren ihn davor, etwas zu erfahren, das er doch nicht begreifen kann. Er hätte sein Leben lang nachgedacht. Nachgedacht über den Sinn des Lebens, nachdem er gesehen hat, was real ist!“



„Denken Sie nach?“



„Worüber? Über den Sinn des Lebens?“



„Ja...“



„Ich versuche, nicht daran zu denken. Im Nachhinein würde ich ja doch keine Antwort finden - und Sie?“



„Ich? Manchmal. Manchmal überkommt mich der Gedanke, was wohl gewesen wäre, wenn es damals anders gelaufen wäre und wir nun nicht diese schwere Bürde tragen müssten.“



„Welche Bürde?“



Schweigen.



„Die Bürde, Gott zu spielen!“
Kapitel 3 by Stefan Rackow
~Teil 2~

-Leben und sterben lassen-



4:30



„Das hat er dir gesagt, John? Dass eine chemische Substanz die Form einer Passage aus der Bibel angenommen hat? Und jemand, der diese Beobachtung gemacht hat, ist dann auch noch spurlos verschwunden?“

Reyes saß auf der Couch in Doggetts geräumigem Wohnzimmer und wirkte, ob der späten Stunde, kaum übermüdet. Nachdem der Agent auf ihren Anrufbeantworter gesprochen hatte, war sie sofort zu ihm gefahren, da sie nicht so recht glauben wollte, was er ihr da so sporadisch erzählt hatte. Doch auch nach einer ausführlicheren Beschreibung dessen, was sich ereignet haben soll, war sie genauso schlau wie vorher. Sie schüttelte den Kopf.

„Das kann ich nicht verstehen, John“, sagte sie nachdenklich und nippte an einer Tasse Tee. „Marty Grant wurde entführt, oder er hat die Forschungsunterlagen gestohlen, um etwas zu verbergen. Aber was?“

„Es wäre einfacher, wenn wir einen triftigen Grund finden könnten, warum jemand daran interessiert sein könnte, das Projekt zu verhindern“, antwortete der Agent seufzend und massierte seinen Nacken. „ Ich konnte bisher nichts anderes tun, als eine Suchmeldung herauszugeben anhand der Informationen, die der Professor mir gegeben hat.“ – Er holte einmal tief Luft – „... und mich intensiver mit dem Experiment zu beschäftigen.“ – Doggett deutete auf ein Manuskript, welches auf dem Wohnzimmertisch lag und verzog spöttisch das Gesicht. „Jedes Fremdwörterbuch liest sich einfacher!“

Reyes grinste. „Die Welt ist ein Computer. Wie hanebüchen!“

„Schön, dass du das genauso siehst, Monica. Aber warum ist das bei unserem Täter anders?“

„Vielleicht wollte er dem Ansehen Steve Mac Finns schaden...?“, mutmaßte die Agentin. „Oder Rache?“

„Glaub ich nicht, Monica. Dafür gibt es andere, viel einschlägigere Wege. Wenn ich Rache nehmen will, entwende ich doch nicht einfach nur die Unterlagen und ein paar Utensilien. Nein, ich denke, dass der oder die Täter irgendetwas verbergen wollen. Und vielleicht findet sich die Antwort dazu in dieser Kopie.“ – Doggett nahm das dicke Manuskript in beide Hände und blätterte darin. „Vielleicht hat Mac Finn irgendetwas geschrieben, was einer radikalen Gruppe übel aufstieß, so dass sie nur einen Weg sah, das, was so blasphemisch dargestellt ist, vor den neugierigen Augen anderer zu schützen.“

„Ich habe keine Ahnung, John“, sagte Reyes leise und nahm sich ein Herz. „Ich übernehme einen Teil des Manuskripts, wenn du willst. Immerhin hast du mich jetzt in den Fall involviert, und ich wollte schon immer die „wahren“ Hintergründe hinter The Matrix erfahren....“

Beide lachten laut und herzlich, da sie gerade offensichtlich den selben Gedanken gehabt hatten. Reyes verabschiedete sich kurz darauf von Doggett und verließ das Haus. Der Agent blickte missmutig auf das Manuskript und setzte sich schließlich zähneknirschend darüber. Lachhaft ...!



*



Haus von Steve Mac Finn



Steve Mac Finn konnte nicht schlafen und räkelte sich von einer Seite auf die andere. Alpträume plagten ihn. Er sah sich stehen vor Professoren aus aller Welt, welche argwöhnisch Fragen stellten in Bezug auf ein Experiment, das in seiner Aussagekraft, wenn es denn Ergebnisse erziele, alle bisherigen Theorien in den Schatten stellen würde.



„Haben Sie Erfolge erzielt?“



„Ja“, antwortete Mac Finn zögerlich und wischte sich die Stirn.



„Das überrascht uns, gelten Ihre Theorien im Allgemeinen doch als eher fadenscheinig. Was für Erfolge sind denn zu verzeichnen gewesen...?“



„Im Prinzip das, was ich zu finden erhofft hatte“, antwortete der Wissenschaftler. „Es ist der Beweis!“



„Und wo ist Ihr ... ähm ... Beweis, Mac Finn, wenn Sie uns die Frage erlauben? Bisher haben Sie doch nur, gelinde gesagt, mehr als undurchsichtige Theorie hinsichtlich einer Thematik aufgestellt, die im Grunde gar keinen Raum für Spekulationen lässt oder, wie es bei Ihnen der Fall ist, Zweifel an ihrer Existenz aufkommen lassen kann! Also bitte: wo ist Ihr ... Beweis?“



Die nun folgende Antwort fiel im schwer und er wachte ein ums andere Mal auf, nachdem die versammelte Mannschaft in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Keiner wollte es wahrhaben! Nicht einmal in seinen Träumen! Keiner wollte an einen Diebstahl glauben, alle hielten dies für eine Art Notlösung, da, der Meinung der Experten nach, in Wirklichkeit kein einziger stichhaltiger Beweis existierte. Keiner glaubte ihm.

Steve schlief weiterhin unruhig und bemerkte nicht, dass sich in diesem Augenblick seine Zimmertür einen Spalt breit öffnete und ein dunkler Schatten auf leisen Sohlen ins Zimmer huschte.



*



7:30, Edgar Hoover Building , Washington, D. C.



„Morgen, John. In der Nacht irgendwie vorangekommen?“



Agent Reyes nahm auf dem Stuhl in dem kleinen Kellerraum Platz und gähnte einmal. „Ich habe kein bisschen geschlafen, wenn du’s wissen willst. Es ist komisch: obwohl sterbenslangweilig, fesseln einen diese Theorien, dass man gezwungen ist weiterzulesen! Paradox!“

„Das ist es ja“, sagte Doggett und streckte sich. „Die Theorien mögen fesseln , aber sie enthalten nichts Stichhaltiges! Ich habe die Seiten mehrmals überflogen, aber es kommt absolut nichts da drinnen vor, das irgendjemanden dazu veranlassen könnte, Forschungsunterlagen zu entwenden – zumal jedem klar sein sollte, dass das Fiktion ist!“

„Und religiöse Gruppen? Die könnten mit dem darin beschriebenen Weltbild nicht zufrieden sein und...“

„Nein“, unterbrach Doggett sie, „das glaube ich nicht. Das Beschriebene ist einfach nur lächerlich! Nichts da drin wirft das Weltbild einer Person durcheinander. Dazu ist alles zu ... zu...“

„... unglaublich, als dass es wahr sein könnte?“, fragte Reyes und lehnte sich vor. „So pauschal würde ich das nicht sehen, John. Wie der oder die einzelne denkt, bleibt uns letztlich vorbehalten, da nur jeder für sich weiß, wie man zu dieser oder jener Sache steht.“ – Sie blätterte im Manuskript. „Vielleicht sollten wir eine dritte Meinung einholen...“

„Und wen meinst du?“ – Doggett blickte sie verwundert an biss sich auf die Unterlippe. Er hatte im Prinzip die Antwort schon selbst gegeben, wollte es aber noch nicht wahrhaben.



„Du kennst sie, John.“



*





Marty sah das Licht. Er fühlte sich frei. Er schien zu schweben und näherte sich dem Licht am Ende des dunklen Tunnels langsam, aber sicher. Alle Schmerzen waren vergessen, alles war gut. Er war bereit, diesen Weg zu gehen, denn er wusste, dass ab diesem Moment alles nur noch besser werden könnte.Und er hörte die beiden Männer.



„Er hat fast keinen Puls mehr!“



„Das war abzusehen.“



„Und wollen Sie einfach nur rumstehen und nichts tun? Wir könnten versuchen...!“



„Lassen Sie ihn.“



„Aber...?“



„Glauben Sie mir. Da, wo er jetzt hingeht, geht es ihm besser als jetzt. Das versichere ich Ihnen.“



„Aber wir haben ihn...“



„Umgebracht? Nein, es war Pech. Wir wollten ihm helfen, und sein Herz hat da nicht mitgemacht. Eine Verkettung unglücklicher Umstände, wenn Sie es denn so sagen wollen.“



„Ich verstehe Sie einfach nicht. Sie...!“



Und da hörte Martys junges Herz schon auf zu schlagen und beendete sein Leben, das im Grunde erst angefangen hatte.



*



Er war frei. Das Schwarz um ihn herum verschwand und verwandelte sich in eine helle Sonne, welche am Horizont des ewigen Lebens empor lugte. Und Marty näherte sich bedächtig dem nicht enden wollenden Sonnenaufgang .
Kapitel 4 by Stefan Rackow
~Teil 3~

-Eine dritte Meinung-



7:44



„... und hier sehen Sie das innere Zellgewebe. Erkennen Sie die Frakturen?“



Dana Scully deutete mit dem Skalpell auf die Leiche, welche mit geöffnetem Oberkörper da lag. Zehn junge angehende Ärzte standen mehr oder weniger erfreut über diesen Anblick dicht hinter ihr und schrieben eifrig Phrasen und Notizen auf die mitgebrachten Blöcke. Dass dem einen oder anderen übel wurde, kannte Scully schon. Sie selbst hatte jetzt noch Probleme, bei bestimmten Fällen einen ruhigen Magen zu behalten. Aber es war nun mal ihre Aufgabe, und sie machte sie gerne. Obwohl ihr die intensive Arbeit an den X-Akten fehlte, wollte sie nach Wills Geburt dem FBI nicht so einfach den Rücken kehren. So arbeitete sie nun als freie Ärztin im Edgar Hoover Building und hatte unter anderem die Aufgabe, jungen Menschen durch Führungen die gerichtsmedizinische Arbeit näher zu bringen.

Ihr Lebenspartner Fox Mulder hatte nach längerem Hin und Her seinen Dienst quittiert, was Kersh, ihrem Vorgesetzten, wohl nur gerade recht kam. Nun versuchte Mulder, einen neuen Job zu finden, da er es nicht leiden konnte, untätig zu Hause zu sitzen und Scully die ganze Arbeit machen zu lassen. In der Beziehung war er stur, und das gefiel Scully. Ihre Mutter hatte sich bereit erklärt, für Will zu sorgen, solange sie und Fox nicht zu Hause waren. Dafür war Scully ihrer Mutter ewig dankbar!



„... und hier sind die einzelnen Organe“, fuhr sie fort. „Sie alle können gerne einen Blick darauf werfen und...“



Die Begeisterung blieb aus.



„Gut, dann wäre es das erst mal für heute. Für etwaige Fragen stehe ich gerne zur Verfügung...!“ Ein junges Mädchen mit hellblondem Haar und bleichem Gesicht meldete sich daraufhin. Scully lächelte.



„Die Toilette finden Sie den Gang runter, auf der rechten Seite“ , beantwortete sie die noch gar nicht gestellt Frage.



*



„... aber sie ist doch gar nicht mehr für die X-Akten zuständig, Monica. Meinst du, es ist angebracht...?“

„Du bist zu skeptisch, John“, erwiderte Reyes spöttisch. „Wir holen lediglich eine dritte Meinung ein. Sie ist doch viel intensiver in die Materie involviert als wir. Sie hat Erfahrung in solchen Sachen und kann sich sehr gut in Menschen hineinversetzen.“ – Sie drückte den Fahrstuhlknopf und wartete, bis sich die Türen mit einem Bing öffneten. Anschließend traten sie und Doggett ein. Letzterer zog die Stirn kraus.

„Verwechselst du sie da nicht mit Mulder?“, fragte er unsicher.

„Nein, John. Aber ich kenne nur eine Person, die noch beim FBI tätig ist und zudem über eine mehr als gute Menschenkenntnis verfügt. Zudem weist Scully ein überaus hohes Maß an religiösem Wissen auf, was bei diesem Fall durchaus von Vorteil sein kann.“



Die Tür öffnete sich und die beiden Agenten verließen den Fahrstuhl. John konnte sich immer noch nicht damit abfinden, eine nicht in den Fall Involvierte um Hilfe zu bitten, zumal sie wahrscheinlich eh keine Zeit hatte. Er schüttelte den Kopf.



„Sie weiß übrigens schon über den Fall Bescheid, John. Ich habe sie heute morgen angerufen und um einige Ratschläge gebeten“, erklärte die Agentin und blickte Doggett ins verdatterte Gesicht. „Es hat alles seine Ordnung...“, sagte sie und lachte leise. „Und nun komm!“



*



an einem unbekannten Ort



Steve Mac Finn kam nur langsam zu sich. Mühsam blinzelte er, doch ein Lichtstrahl, der ihn direkt in seine brennenden Augen traf, ließ ihn diese wieder ruckartig schließen. Sein Kopf dröhnte, und ein anhaltender Schmerz verursachte eine leichte Übelkeit. Hilflos versuchte Steve, seine Hände zu bewegen, doch selbige schienen an etwas festgebunden gewesen zu sein. Erst jetzt registrierte er, dass er wohl auf einem Stuhl saß.



„Er kommt zu sich“, hörte er einen Mann sagen, und ein eiskalter Hauch Zigarettenqualm traf das Gesicht des Wissenschaftlers. Er schluckte.



„Wo bin ich?“, fragte er hustend und versuchte noch einmal einen Blick zu erhaschen, aber das Licht war zu stark für seine müden Augen. Schweiß stand auf seiner Stirn.



„Das wirst du nur erfahren, wenn du uns sagst, wem du von deinem Experiment noch erzählt hast!“



„Mein Experiment?“, fragte Steve verwundert. „Woher wissen Sie davon?“



„Wir haben dich beobachtet, Steve“, antwortete einer der Männer kühl. „Wir haben dich jede Sekunde beobachtet. Und schließlich hast du uns zu viel herumexperimentiert. Du hättest uns gefährlich werden können. Und da mussten wir handeln.“



„Sie haben also die Unterlagen gestohlen!“, durchfuhr es den Wissenschaftler. „Sie waren des Nachts in dem Labor!“



„Da haben Sie ausnahmsweise Recht“, erwiderte ein anderer Mann. „Wir hätten uns die ganze Arbeit sparen können, wenn wir Sie gleich vor Ort erledigt hätten. Wir dachten, Sie würden Marty die Schuld an alledem geben und ihn suchen. Sie hätten ihn auch gefunden, da wir ihn wieder laufen gelassen hätten, aber nein: Sie konnten ja nicht warten und mussten das FBI kontaktieren...!“



„Sie haben Marty entführt!“, schrie Steve. „Sie haben ihn verschleppt und wollten ihm ein Verbrechen in die Schuhe schieben, das er nicht begangen hat! Aber ich sollte es glauben!“



„Hätten Sie es nur geglaubt, denn Sie hätten Antworten erhalten, Steve!“, sagte wiederum ein anderer Mann mit tiefer, kalter Stimme. „Er hätte das geantwortet, was sie erhofft hätten zu hören. Er hätte ein Geständnis abgelegt.“



„Gehirnwäsche“, murmelte der Wissenschaftler. „Sie wollten ihn dazu bringen, Ihre Worte zu sprechen!“



„Ja, dann hätte der Täter festgestanden, die Unterlagen wären verschollen geblieben, und Sie hätten vor den Trümmern Ihrer Existenz gestanden – so hatten wir es geplant. Aber Sie mussten ja eine Stufe weiter als geplant gehen, indem Sie sich in Ihrer Verzweiflung an die höchste aller Instanzen wandten : das Federal Bureau of Investigation!“



Steve schwieg. Ihm war unwohl.



„Und die werden das alles so was von breittreten, dass bald wirklich jeder von der Sache Wind bekommt! Hätten Sie nicht die Entdeckung gemacht, wäre alles gut gewesen. Sie hätten weiterhin Ihre Theorien aufgestellt, die nie jemand wirklich geglaubt hätte, da es keine Beweise gibt. Aber Sie haben Beweise in dieser Nacht bekommen. Beweise, die alles hätten anders aussehen lassen. Dem mussten wir entgegenwirken!“



„Es ist also wahr!“, schlussfolgerte Mac Finn. „Alle meine Theorien treffen zu... Aber was erhoffen Sie sich...?“



„Halt die Klappe!“, schrie der Mann vom Anfang des Gesprächs. „Wir haben noch immer keine Antwort auf die eingangs gestellte Frage erhalten!“



„Ich... ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern. Irgendwas mit D, glaub ich...“, stammelte Mac Finn und blickte blind um sich. „Ich weiß es wirklich nicht mehr!“



„Schade, dann müssen wir wohl nachhelfen...!“



„Aber ... ah !!“



Der Schmerz durchfuhr seine Glieder, als das kalte Metall seine Hand berührte und sich tief ins Fleisch bohrte. Panisch vor Schmerzen, zuckte Steve Mac Finn ruckartig hin und her und schrie. Der Schrei durchbrach die vormals angespannte Atmosphäre und hallte gespenstisch durch die Ecken und scheuchte ein paar Tauben auf, welche gurrend nach oben davon flogen. Steve presste seine Zähne zusammen, als frisches Blut auf seine andere, ebenfalls gefesselte Hand tropfte. Der Schmerz war unerträglich und hämmerte auf sein Gehirn ein, welches infolge dessen eine Information freigab. Selbige gelangte über eine Nervenbahn hin zum Mund und brach regelrecht aus ihm heraus. Er konnte nicht anders, als den Namen immer und immer wieder zu wiederholen.



„Doggett! Sein Name war Doggett! Doggett!! Agent John Doggett!“



*



FBI – Gebäude, Washington, D. C.

8:02



Scully setzte ein Lächeln auf, als sie die beiden Agenten auf sie zulaufen sah. Zügig zog sie die Gummihandschuhe aus und warf sie in den neben der Tür stehenden Mülleimer.

„Sieh doch mal an, die X-Akten – Elite“, sagte sie schnippisch und grinste. „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen nicht die Hand reiche, aber ich habe gerade noch einen Einweisungskurs für angehende Ärzte gegeben, was gewissermaßen verlangte, dass ich Inneres nach außen kehrte... Sie verstehen.“

„Agent Scully, danke, dass Sie sich kurz für uns Zeit nehmen“, sagte Reyes freundlich und blickte zu Doggett, welcher ziemlich still daneben stand und nicht so recht zu wissen schien, was er sagen sollte.

„Ja, das ist ... sehr nett von Ihnen“, erwiderte Doggett zaghaft und biss sich beinahe unmerklich auf die Unterlippe.

„Das muss Ihnen nicht peinlich sein, John“, sagte Scully, die Doggetts Verhalten registriert hatte. Sie lächelte. „Als ich noch den X-Akten zugeteilt war, haben wir des öfteren Meinungen von dritten Personen eingeholt. Fox ... Mulder hatte diesbezüglich einige Quellen, welche selbst mir bisher noch nicht bekannt sind ... jedenfalls nicht alle.“

„Was macht Mulder jetzt eigentlich?“, fragte Reyes wissbegierig und setzte sich auf die Bank, welche auf dem langen Flur rechts an der Wand stand.

„Er ... Fox kann nicht ohne Arbeit. Seine Kündigung beim FBI fiel ihm nicht leicht“, begann Scully und seufzte einmal. „Die X-Akten waren sein Lebenswerk, seine Bestimmung, und er hat sie nur aufgegeben, weil er erkannt hat, dass andere seine Arbeit genauso gut fortsetzen können.“ Sie blickte nach oben. „Er vertraut Ihnen, John. Das hat er schon immer, wollte es nur nicht wahrhaben! Er konnte es anfangs nicht leiden, dass jemand nicht sofort das Unmögliche glaubt - bis er erkannt hat, dass es bei mir damals genauso war!“

„Ich weiß“, sagte Doggett bejahend und verschränkte die Arme. „Ihn müssen Schuldgefühle geplagt haben, das habe ich wohl registriert. Aber dass er so einfach seinen Job hinschmeißen würde, nachdem wir auf der Ölplattform gewesen waren, hätte ich nicht von ihm gedacht.“

Scully nickte. „Er hat mir von den Vorfällen berichtet, ich habe ja auch einiges mitbekommen. Ich denke, er hat das FBI nur verlassen, um den Anschein zu erwecken, ihm würde alles zu viel. Um freier agieren zu können.“

„Um auf eigene Faust weiterzuermitteln? Um der“ – Reyes senkte ihre Stimme – „...der großen Sache näher zu kommen?“

„Ja“, sagte die Agentin knapp und klar und blickte zu Doggett. „Daher sollte ich meinen Dienst hier auch nicht ganz aufgeben, trotz Kind. Meine Mutter kümmert sich vorerst um Will. Ich sollte immer noch die Möglichkeit besitzen, von neuen Vorkommnissen durch Sie zu erfahren. Damit der Kontakt zu den X-Akten niemals abreißt ... vorerst jedenfalls!“

„Wenn das so ist, warum hat Mulder dann nie mit uns persönlich darüber geredet?“, fragte der Agent leicht verwirrt. „Warum ist er davon ausgegangen, dass wir auch weiterhin mit Ihnen, Scully, im Kontakt bleiben, was die Arbeit an den X-Akten angeht?“

„Tja“, antwortete Scully und setzte einen Blick auf, der alles oder nichts bedeuten konnte. „Wer hat denn gesagt, dass Sie unbedingt immer noch mal auf mich zutreten sollten? Es können ja auch Personen – bestimmte Personen - mit Ihnen in Kontakt treten...“ – Sie grinste, und selbst Doggett musste ein wenig seine angespannte Miene verziehen.



„Eine Verschwörung“, murmelte er mit ironischem Unterton. „Hätte ich mir ja gleich denken können!“



*



nahe des J. Edgar Hoover Buildings in einer kleinen, dunklen Seitenstraße

8:05



Er zog seinen schwarzen Hut weiter ins Gesicht und zündete sich eine neue Zigarette an. Der Qualm zog langsam durch das nur einen Spalt breit geöffnete Seitenfenster des schwarzen Benz ab und füllte das Wageninnere mit dem , für sein Empfinden, angenehmen Duft des Genießens. Er nahm einen extra tiefen Zug und ließ das Nikotin seinen Rachen kitzeln. Das aufdringliche Klingeln des Handys neben ihm zerstörte diesen Moment.



„Ja? ... ach, ihr habt beide verschleppt? ... Tot? Wie konnte das denn passieren? Ich habe doch gesagt: keine Leichen! Dann hätte ich Mac Finn abends im Labor auch einfach umlegen können! Ihr Schwachköpfe! ... Wie? Er hat jemandem etwas geflüstert? ... Doggett heißt dieser? Habt ihr ... okay, ich schalte auf Bereitschaft.“



Er drückte einmal auf einen Knopf und das Display des Navigationssystems nahm für kurze Zeit das Aussehen eines Mini-Browers an. Ein aufblinkendes Symbol am unteren Rand des Displays verriet dem Mann, dass neue Nachrichten eingegangen waren. Ein beherzter Druck mit dem Zeigefinger auf das Symbol ließ einen Mail – Account zu Tage treten, in dessen Postfach eine ungelesene Nachricht wartete. Selbige beinhaltete einen zirka drei Megabyte großen Bild - Anhang. Rob Hermes grinste, als er die Datei öffnete und flüsterte diabolisch: „Sieh an, das ist also unser Mann ... ich kümmere mich drum! Stehe in unmittelbarer Nähe des Gebäudes!“



*



8:45



„Und das hier sind alle seine Theorien?“, fragte die Agentin und nahm das Manuskript noch einmal in beide Hände. Die drei Agenten waren in das Kellergeschoss gefahren und hatten dort in Mulders vorigem und Doggetts und Reyes’ jetzigem Arbeitsplatz auf den unbequemen Stühlen Platz genommen.

„Ja“, sagte Doggett und machte eine abfällige Handbewegung. „Im Grunde können Sie das alles vergessen, da es vage Theorien sind, die keinem, wirklich keinem in irgendeiner Weise sein geregeltes Weltbild durcheinanderwirbeln sollten!“

„Da kennen Sie die Menschen schlecht, John“, entgegnete Scully mit gedämpfter Stimme und legte das Manuskript beiseite. „Es gibt vieles, das wir zu verstehen nicht in der Lage sind, während Menschen existieren, für die das wiederum so klar wie nur irgend möglich erscheint. Jeder hat eine bestimmte Sichtweise der Dinge, nur vermag der eine eben nicht unbedingt verstehen wollen, was der andere als selbstverständlich erachtet. Das ist der Lauf der Dinge.“ Sie lächelte und strich sich eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. „Man kann von sich nicht gleich auf andere schließen, Agent Doggett.“

„Lesen Sie erst einmal die Theorien, bevor Sie urteilen, Scully. Letztlich werden Sie mir doch zustimmen!“

„Das denke ich nicht, John“, erwiderte Scully kopfschüttelnd. „Ich habe mit Fox viele Fälle bearbeitet, und wir sind mehr als einmal in Kontakt gekommen mit Fanatikern, die hinter alles und jedem Blasphemie vermuteten. Manche Menschen haben diesbezüglich eine besondere Veranlagung, ebengleich wie bestimmte Personen Angst in dunkeln Räumen haben. Sie vermuten etwas darin, und diese Angst ist derart fest verankert, dass sie meistens ein ganzes Leben lang fortbesteht.“

Doggett, offenbar verwundert über die Argumentationsweise der Agentin, schwieg stille und blickte Reyes an. Selbige sah nicht zu ihm, sondern hatte das Manuskript ergriffen und las angespannt darin. Plötzlich sah sie auf.

„Agent Scully, meinen Sie, dass irgend jemand glauben könnte, die Welt wäre eine Simulation und dass er daher die Unterlagen gestohlen hat, um sich weiterhin der Illusion hingeben zu können?“

Scully nickte bejahend. „Sie meinen, dass jemand seinen Glauben retten wollte? Möglich. Denn was nützt einem der Glaube, wenn es nichts Höheres mehr gibt, an das man noch glauben könnte?“

Jetzt meldete sich auch Doggett zu Wort. „Dann haben wir also drei mögliche Täter. Als erstes wäre da Marty : sein Motiv wäre Rache, wenngleich nicht ganz plausibel. Es könnte aber auch ein Gläubiger sein, dem das im Manuskript beschriebene Weltbild nicht zusagte. Dann wiederum könnte es aber auch ein Fanatiker sein, der nichts mehr liebt als die Illusion, dass da draußen vielleicht wirklich eine übergroße Maschine den Lauf der Erde koordiniert , so dass er keinen anderen Weg sah, seine Illusion zu bewahren, als das Weiterführen des Experimentes zu verhindern.“ Er überlegte. „Tja, nicht einfach, wenn Sie mich fragen...“

Scully blickte stumm zur Decke, in der noch einige Bleistifte steckten, welche Mulder früher mit Vorliebe aus Langeweile mit dem Lineal hinauf geschossen hatte. Die Agentin dachte nach. Irgendwas fehlte in Doggetts Ausführung.

„Agent Doggett“, sagte sie schließlich und riss auch Reyes aus ihren Gedanken bezüglich des Falls. „Sie haben einen möglichen Täter vergessen. In einem solch mysteriösen Fall sollte man auch immer das Unmögliche mit einbeziehen. Und das wäre in diesem Fall“ – Sie machte eine Pause, um ihre Gedanken zu ordnen – „..., dass irgendjemand die Untersuchungsergebnisse gestohlen hat, weil sie wahr sind!“
Kapitel 5 by Stefan Rackow
~Teil 4~

-Der Mann mit dem schwarzen Hut-



Er hatte sich das Gesicht genauestens eingeprägt. Markante Züge, leicht abstehende Ohren, dunkelbraune Haare, wirkt jünger als er ist. Irgendwann würde er das Gebäude verlassen, und dann würde er ihn abfangen. Rob sah aus dem Seitenfenster des Benz. Zahlreiche Agenten verließen das Edgar Hoover Building, aber bisher war nicht John Doggett dabei gewesen. Für den Fall der Fälle wusste er, wo die Zielperson wohnte. Wenn alle Stricke reißen sollten. Aber er wollte es jetzt über die Bühne bringen. Kein Blutvergießen, nur eine kleine Entführung und darauffolgendes Eintrichtern manipulierter Gedanken. Das war alles. Keiner würde sich wundern, wenn John Doggett für kurze Zeit nicht erreichbar sein sollte. Nachher würde er wieder auftauchen und mithilfe der falschen Erinnerung alles ins Lot bringen. Der Fall würde vergessen werden, da sich keine Unterlagen mehr finden ließen. Sie würden für alles sorgen. Es stand zu viel auf dem Spiel, als dass man sich eventuelle Schnitzer erlauben konnte. Das System war perfekt, und das sollte es auch bleiben!



*



„Das glauben Sie doch selbst nicht, Scully“, sagte Doggett erbost und schüttelte mürrisch den Kopf. „Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes weismachen, dass irgendwo da draußen eine Maschine steht, deren Rechenvorgänge das Leben auf unserem Heimatplaneten steuern?!“

„Das habe ich nicht behauptet“, konterte Scully und blickte den hochgewachsenen Agenten mit einem durchdringenden Blick an. „Ich habe lediglich die Vermutung geäußert, dass es wahr sein könnte... auch wenn ich mir das dann letztlich selbst nicht begreiflich machen könnte!“ Sie schwieg.

„In Ordnung“, murmelte Doggett fast unhörbar und stand auf. „Ich denke, ich werde mir das alles hier“ – Er deutete auf das Manuskript und seufzte – „noch einmal genauestens ansehen. Wir müssen irgend etwas übersehen haben.“

„Darf ich mir vorher noch eine Kopie hiervon anfertigen?“ fragte Scully und fügte hinten dran: „Ich denke, all das hier übersteigt unser aller Vorstellungskraft – aber jemand könnte sich ernsthaft dafür interessieren.“

Reyes nickte verstehend und lächelte. „Haben Sie erst einmal vielen Dank für Ihre Mühe, Agent Scully. Wir werden uns jetzt den weiteren Ermittlungen hingeben.“

„Machen Sie Ihre Kopien“, sagte John Doggett leicht genervt und verließ das Büro. „Ich warte draußen vor dem Gebäude auf dich, Monica. Ich denke, wir sollten noch einmal das Labor unter die Lupe nehmen.“

„Okay, ich komme gleich nach“, ließ Reyes verlauten und zwinkerte Scully zu. „Sie kennen ihn ja, diese Ausbrüche hat er öfter.“

„Wem sagen Sie das, Monica“, flüsterte die Agentin und fügte grinsend hinzu: „Scheinen Männer so an sich zu haben ... ich spreche da aus Erfahrung.“



*





vor dem J. Edgar Hoover Building, knapp 5 Minuten später



Endlich sah er ihn. Er stand nicht unweit von dem Punkt entfernt, an dem er seinen Wagen geparkt hatte. Rob erkannte den Agenten sofort und grinste. Wir machen gleich eine kleine Reise, dachte er und startete den Benz.



*



Doggett hatte das Gespräch immer noch nicht ganz verkraftet und atmete einmal tief durch. Dass jemand derart Abstrusem Glauben schenken konnte, wollte einfach nicht in seinen Kopf hinein. Missmutig registrierte er, dass Reyes aus der Eingangstür des Gebäudes trat. Ihr dunkles Haar fiel in wenigen Strähnen in ihre Stirn und verlieh der Agentin ein jugendlich freches Aussehen. Erst jetzt fiel Doggett auf, dass er sie viel zu selten richtig angesehen hatte. Waren seine Augen geblendet worden? Hatte er vielleicht immer nur Augen für den jeweiligen Fall gehabt und seine Partnerin einfach nur seine Partnerin sein lassen? Hatte ihn die Arbeit derart manipuliert, dass er nicht erkannt hatte, dass er in Monica Reyes eine äußerst attraktive Partnerin zur Seite gestellt bekommen hatte? Agent John Doggett musste schlucken, als ihm bewusst wurde, dass all diese Fragen mit „Ja“ beantwortet werden konnten.

Was ihn noch mehr verwunderte, war, dass ihm erst jetzt diese Erkenntnis kam.



„Alles in Ordnung, John?“



„Wie?“, fragte er leicht verwirrt und blickte in wunderschöne braune Augen. „Ja ... ja, ich war in Gedanken, Monica. Können ... ähm, können wir fahren?“

„Klar, von mir aus sofort“, entgegnete sie lächelnd und klopfte dem Agenten auf die Schulter. „Du musst das alles ruhiger angehen. Das ist nur ein Fall, John.“ –Sie wirkte etwas besorgt. „Ich denke, du nimmst dir das zu sehr zu Herzen!“

„Ja“, murmelte Doggett leise, „ja, wie recht du hast.“ Er erwiderte ihr Lächeln und blickte wiederum in ihr wunderschönes Antlitz. „Ich habe es die ganze Zeit zu ernst genommen, Monica. Ich habe nur Augen für den jeweiligen Fall gehabt und dabei vergessen, dass es andere Sachen gibt, die viel lebenswerter sind...“

„Oh“, entsprang es ihr, „woher der plötzliche Sinneswandel?“



Beiderseitiges Schweigen erfüllte die Szenerie, da weder Reyes noch Doggett diese Frage komplett für sich selbst beantworten konnte. Doggett hatte zwar eine Vermutung, welche Scullys Äußerungen mit einbezog, aber der Moment, Reyes dieses näher zu bringen, war noch nicht gekommen. Noch nicht. Er würde es ihr irgendwann erklären können, das wusste er ganz sicher und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen in Richtung Tiefgarage. Die Agentin folgte ihm mit wenigen Metern Abstand.



*



Rob Hermes gurtete sich langsam an und folgte dem schwarzen Mietwagen mit etwas Abstand. Zu dieser frühen Stunde war es leicht, einen Wagen zu verfolgen, da die Straßen noch nicht sehr gefüllt waren. Er nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette und blies den Qualm aus. Der sich kräuselnde Ausstoß nahm die Form eines kleinen Atompilzes an, welcher sich langsam in der Luft auflöste und eins mit ihr wurde. Rob wusste, dass er seinen Plan ändern musste, denn anscheinend war John Doggett nicht der einzige Agent geblieben, der von dem Vorfall unterrichtet wurde. Eine junge Frau schien ebenso involviert worden zu sein!

Der Mann mit dem schwarzen Hut fluchte leise und versuchte seinen Plan dahingehend zu verändern, während er sich den beiden Agenten wie ein dunkler Schatten weiterhin an die imaginären Fersen heftete.
Kapitel 6 by Stefan Rackow
~Teil 5~

-Zwei arme Seelen und der Weg der Erkenntnis-



12:29



Scully hatte an dem heutigen Tage nichts mehr zu tun und hatte sich dazu bereit erklärt, auf Verlangen wieder zum FBI-Gebäude zurückzufahren, falls irgendetwas Wichtiges anliegen sollte. Die Ärztin auf Bereitschaft öffnete die Tür zu ihrem Apartment, und ihr fiel gleich auf, dass irgendetwas nicht stimmte. Es roch merkwürdig in der ganzen Wohnung. Die Nase rümpfend, rief sie: „Fox, das nächste Mal warnst du mich aber vor, wenn du nach Benutzung meiner Dusche unbedingt Eau de Toilette benutzen musst!“

Ein hochgewachsener Mann mit dunkelbraunen Haaren trat aus dem Badezimmer und lächelte. „Hallo Schatz“, sagte Mulder und umarmte Scully fest und zugleich zärtlich. „Ich hätte dich warnen sollen, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen ... muss am Namen liegen.“

„“Sinnliche Versuchung“ ? Na, ich weiß ja nicht so recht“, erwiderte Scully leicht glucksend und löste sich aus der Umarmung. „Warum bist du überhaupt schon zu Hause? Ich dachte, du wolltest dich nach einem neuen...“

„Daraus ist nichts geworden, Dana“, erklärte Mulder leicht seufzend und setzte sich auf die Couch. „Du weißt, dass ich mich nicht von heute auf morgen festlegen kann, was eine Arbeit angeht. Die X-Akten waren mein Leben und ich scheine noch zu sehr mit ihnen verwurzelt zu sein, als dass ich einfach was Neues beginnen könnte. Ich denke...“ – Er unterbrach sich selbst und deutete auf das Manuskript in Scullys Hand. „Was ist das?“

„Oh“, sagte Scully, die gar nicht mehr an das Manuskript gedacht hatte. „Das ist ein neuer Fall, den Doggett und Reyes gerade bearbeiten. Ziemlich verrückt, kann ich dir sagen! Reyes ist überraschenderweise damit auf mich zugekommen, obwohl ich im Grunde gar nicht damit gerechnet hatte, dass sie in absehbarer Zeit uns um Hilfe bitten würde. Ich hatte immer vermutet, dass sie das nicht nötig habe.“ – Sie lächelte.

„Schön hast du das gesagt“, kommentierte Mulder das gerade Gehörte auf seine gewohnt ironische Weise. „Worum geht’ s denn?“



*



Scully war verwundert. Zum ersten Mal seit Wochen war Mulder wieder so, wie sie ihn seit ihren Anfängen beim FBI kennen gelernt hatte. Wissbegierig, darauf versessen, mit dem Unglaublichen in Kontakt zu kommen – kurzum: seine Neugier war wieder voll geweckt und es schien so, als hätte Mulder nie das FBI verlassen, sondern wäre stattdessen der Agent geblieben, den sie verehrt, den sie lieben gelernt hatte. Die Agentin schmunzelte. Genau genommen lag sie damit sogar richtig. So wie manche Erwachsene niemals ihre kindlichen Seiten ablegen können, so war auch Mulder immer noch ein Vollblutagent. Ein Mann mit kindlichen Seiten, welche nur noch von der der Abenteuerlust überragt wurden.

Scully hatte ihm alles von dem Fall erzählt und Mulder war versessen darauf, Näheres zu erfahren.

„Ruf Doggett an und mach ein Treffen aus“, sagte er nach der Lektüre und legte den Stapel Zettel zur Seite. „Das ist alles äußerst interessant, Dana...“

„Glaubst du das, was da drin steht?“, fragte sie vorsichtig und wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich meine: glaubst du das wirklich?“

„Du solltest mich insoweit doch kennen, dass ich dem Unglaublichen niemals abgeneigt war. Aber in diesem Fall - “ – Er zuckte mit den Schultern – „Ich weiß es nicht.“

„Du weißt, dass ich dir von diesem Fall eigentlich gar nicht erzählen dürfte, oder?“, wollte die Agentin wissen und setzte einen besorgten Blick auf. „Der Fall obliegt Doggetts und Reyes’ Zuständigkeit. Ich bin nur noch Ärztin und dementsprechend eigentlich nicht befugt, Informationen bezüglich dieses Falles an außenstehende Dritte weiterzugeben – zumal nicht auszuschließen ist, dass dieser Jemand wieder auf eigene Faust ermitteln wird!“

„Vertrau mir“, entgegnete Mulder leise und knetete seine Unterlippe. „Ich wusste immer, was ich zu tun hatte. Und außerdem war es Reyes, die auf dich zugekommen ist.“

„Irgendwie hast du recht...“

„Eben.“

„Und nun?“

„... rufst du Doggett an und vereinbarst ein Treffen.“

„Du willst also...?“

„Schatz“, sagte er zärtlich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich informiere mich doch nur. Keinem kann es untersagt sein, Infos einzuholen, um sich eine persönliche Meinung zu bilden. Gewissermaßen helfen wir damit doch nur zwei armen Seelen, die auf dem Wege der Erkenntnis wandeln, nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen sollen und sich daher in ihrer Not an zwei Erfahrene wenden, welche ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das ist alles!“ - Er küsste sie noch einmal und deutete auf das Handy. „Und bevor ich noch einen poetischen Anfall bekomme, ruf lieber den einen von den zwei armen Seelen an und kläre alles.“

„In Ordnung“, murmelte Scully fast unhörbar leise, jedoch laut genug, so dass man heraushören konnte, dass sie ihm, auch wenn sie es Mulder nie offen sagen würde, vollkommen vertraute, da sie wusste, der Agent würde den richtigen Weg gehen. Sie griff zum Handy, wählte, etwas angespannt, im elektrischen Telefonbuch die Nummer von John Doggetts Handy aus und wartete.
Kapitel 7 by Stefan Rackow
~Teil 6~

-Crash-



zur selben Zeit auf einer Schnellstraße; ca. dreizehn Kilometer außerhalb von Washington



„Der Wagen ist völlig hinüber!“



Derik Walters schüttelte den Kopf und blickte auf das ausgebrannte Wrack, das nicht unweit der Straße unterhalb einer durchbrochenen Leitplanke im Gras lag. Beißender Qualm stieg aus einem der Seitenfenster empor.



„Das war kein Unfall“, sagte einer der Beamten, die um das Auto standen und die letzten Flammen mit Löschschaum im Keim erstickten. „Hier hat jemand nachgeholfen!“

„Was macht Sie so sicher?“ fragte Walters und stieg über eine der Absperrungen hinweg.

Der Beamte, der die Vermutung geäußert hatte, zeigte auf eine kleine Pfütze, welche im Gras fast nicht zu sehen war.

„Brandbeschleuniger“, sagte er. „Irgendjemand wollte sichergehen, dass von dem Wagen wirklich nichts überbleibt.“

„Also ist der Wagen nicht infolge des Sturzes in Flammen aufgegangen?“, fragte Walters und zückte sein Walkie – Talkie. „Myers, haben die Untersuchungen an der Leitplanke schon Brauchbares zu Tage gefördert?“

„Ja“, kam die knackende Antwort, „wir haben das fehlende Teilstück gefunden und untersucht.“

„Und?“

„Schwarze Lackspuren lassen vermuten, dass der Wagen die Leitplanke zwar berührt hat, aber durchbrochen hat er sie nicht!“

„Also hat jemand selbst Hand angelegt?“ – Walters blickte nach oben zum Hang. „Dann wollte es jemand wie ein Unfall aussehen lassen.“

„Das denke ich auch“, ließ die Stimme Myers’ aus dem Funkgerät verlauten. „Kleine Abschürfungen legen die Vermutung nahe, dass an der Leitplanke gesägt wurde.“

„... und der Wagen wurde anschließend heruntergestoßen, wo er nicht explodierte, so dass jemand mittels Brandbeschleuniger nachhelfen musste.“ – Derik Walters schüttelte nachdenklich den Kopf. „Dann irritiert mich aber eine Sache: warum hatte der Täter alle Zeit der Welt, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen?“

Der Beamte, der vormals mit dem Einsatzleiter gesprochen hatte, erhob seine Stimme. „Mit Verlaub, aber diese Strecke ist nicht sehr befahren, Derik. Nachdem die neue Umgehungsstrecke gebaut wurde, lassen sich die wenigsten dazu breitschlagen, ihr Ziel über die alte Straße zu erreichen. Kann gut und gerne vorkommen, dass hier nur mal alle paar Stunden ein Wagen lang fährt.“

„Glaub ich nicht“, sagte Walters, „mir scheint, hier hat jemand gar nicht das Risiko mit einkalkuliert und blindlings drauf los gemacht ... als wäre es eine Spontanentscheidung gewesen...“

„Sie meinen...?“

„Die Tatsache, dass von dem Fahrer und seiner eventuellen Begleitung jegliche Spuren fehlen, erscheint mir wie eine Entführung, die zum einen schnell, zum anderen nicht in dieser Form vonstatten gehen sollte!“ – Walters dachte nach – „...und im Eifer des Gefechts sind bei unserem Täter alle Sicherungen durchgebrannt und er hat diesen Unfall inszeniert! Ein Profi hätte hier keine Fehler gemacht, glauben Sie mir.“

„Diese Theorie ist einleuchtend, Derik, aber wenn es eine Entführung sein sollte“ – Der Beamte fasste sich an die Stirn und wirkte nachdenklich – „dann können wir jetzt so gut wie nichts ausrichten, denn das Nummernschild, welches den Fahrer ausfindig machen könnte, ist völlig unbrauchbar, ebenso wie die Tatsache, dass alle Papiere und Dokumente mitverbrannt sind, eine Suchmeldung im Moment also nur nach Unbekannt möglich wäre!“

„Sie haben Recht, und das ist es auch, was mir Kopfzerbrechen bereitet“, erklärte Walters unzufrieden und massierte seinen Nacken. „Im Prinzip können wir nur abwarten, bis jemand eine Vermisstenmeldung herausgibt, oder sich ein Zeuge doch unser erbarmt und eine genaue Täterbeschreibung abliefert.“ – Der Einsatzleiter lächelte, was ihm zu diesem Zeitpunkt merklich schwer fiel. „Letzteres ist, zugegeben, Wunschdenken und wird sich nicht bewahrheiten, davon sollten wir ausgehen, Jungs!“

Das Klingeln eines Handys ließ Derik Walters plötzlich zusammenzucken. Es war ganz nah, und Derik war sich sicher, dass es auf keinen Fall sein eigenes sein konnte, da seines oben im Wagen lag. „Ist das das Handy von einem von euch?“, fragte er zügig und blickte umher. Doch seine Männer konnten, nachdem sie ihre Handys untersucht hatten, nur mit einem verneinenden Kopfschütteln antworten.

„Verdammt noch mal, durchkämmt das Gebiet! Irgendwo hier liegt ein Handy ... vielleicht das des Fahrers!“ – Derik lief wild umher und richtete seinen Blick gen Boden. Plötzlich stoppte er. „Ich hab’s !“ schrie er und griff nach etwas. Es war ein schwarzes Handy, was infolge des vermeintlichen Sturzes stark beschädigt, jedoch noch einsatzbereit war. Das Klingeln verstummte nicht, und Walters drückte merklich nervös auf die „Anruf annehmen“ – Taste. Er sagte nichts, sondern ließ den Gesprächspartner am anderen Ende das Gespräch beginnen. Erst nachdem klar war, wer der Anrufer war, meldete sich der Einsatzleiter zu Wort.



„Wer spricht da? ... FBI? ... was? Warum ich dieses Telefonat entgegen genommen habe? Beruhigen Sie sich doch, Agent ... wie war noch Ihr Name? Nein, ich habe das Handy nicht gestohlen! Es ... so hören Sie mir doch zu! Der, den Sie sprechen wollten, hatte einen Unfall und ... mein Name ist Derik Walters. Ich bin Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen. ... was?!“ -Derik Walters wurde bleich - „Oh mein Gott“, stammelte er, „ich kenne Ihren Gesprächspartner, Agent Scully!“ – Er machte eine Pause, um tief durchzuatmen. „Können Sie vorbei kommen? Am besten machen Sie sich selbst ein Bild davon ... allem Anschein nach ist ihr Kollege Opfer einer Entführung geworden!“



*



an einem unbekannten Ort



John Doggett erwachte mühsam aus seinem vormals tiefen Schlaf und musste die Augen zusammenkneifen, da beißendes Licht seine sich an die Dunkelheit gewöhnten Augen schmerzhaft reizte. Ihm war kalt, eiskalt. Er versuchte, seine Arme und Beine zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Sie schienen festgebunden zu sein. Aber warum? Und wo war er? Der Agent wagte einen Blick nach rechts – und erstarrte! Was er mit seinen nur einen Spalt breit geöffneten Augen erkennen konnte, ließ ihn innerlich zusammenfahren. Neben ihm lag auf einer metallenen Liege eine Frau. Schlank. Brünett. Schlafend. Ihre Hände waren, ebenso wie ihre Füße, mithilfe von Scharnieren an der Liege festgeschraubt worden, und sie war all ihrer Sachen entledigt. Ein Gefühl des Unwohlseins kam in dem Agenten auf, als er erkannte, dass auch er nackt auf scheinbar einer ebensolchen Liege lag.



Er wollte schreien. Er wollte sich befreien. Er wollte hier wieder weg!



Doch er war zu kraftlos, als dass er dieses in die Tat hätte umsetzen können. Verzweifelt registrierte Doggett, dass sich in diesem Moment ein Mann von großer Statur in weißem Anzug über ihn beugte und hämisch zu lachen begann. Und der Agent konnte nichts tun, als alles über sich ergehen zu lassen ...



*



„Doggett ist verschwunden...“, murmelte Scully fassungslos und musste sich erst mal setzen. Mulder setzte sich mit besorgter Miene daneben. Sein Gesicht nahm einen fragenden Ausdruck an. Die Agentin machte eine hektische Handbewegung, um Mulder zu gebieten, dass er ruhig sein solle und lauschte wieder, den Mund geöffnet vor lauter Schreck.



„J –ja, in Ordnung ... wo genau? ... Ich notiere“ – Sie zog einen Zettel vom Beistelltisch und griff nach einem Kugelschreiber, welcher in einer silbernen Schale neben anderen Schreibutensilien lag. – „ja, soweit habe ich alles ... weiß man denn schon sicher, dass es ... verdammt!“ – Sie fluchte leise – „Ein schwarzer Ford? Ja ... das war sein Wagen ... also doch! ... bis gleich, ich komme, so schnell ich kann.“



Die Agentin beendete das Gespräch und blickte Mulder mit ihren großen runden Augen an. So hatte er sie noch nie gesehen, sie schien völlig aufgelöst, völlig desorientiert. Sie schüttelte fassungslos den Kopf, als sie ihm vom Gespräch erzählte.

„Er ist verschleppt worden, Fox“, stammelte sie, „einfach so! Kein Brief, kein gar nichts!“

„Wer behauptet das?“

„Derik Walters“, antwortete Scully und biss sich auf die Unterlippe. „Leiter der Abteilung für Gewaltverbrechen.“

„Verschleppt? Das glaube ich nicht!“, sagte Mulder nicht verstehen wollend, erntete damit aber nur einen Blick seitens Scully, der zwischen Traurigkeit und Fassungslosigkeit schwankte. Der Agent beließ es bei dieser Bemerkung, da sie ihm Antwort genug war, blickte dann jedoch plötzlich Scully mit offenen Augen an. Er wollte zuerst das Wort ergreifen, doch Scully kam ihm zuvor.

„Wir müssen schleunigst da“ – Sie deutete auf den Zettel – „hin, denn irgendjemand hat dort vor wenigen Stunden nicht nur John Doggett, sondern allem Anschein nach auch noch Monica Reyes gekidnappt!“

„Du meinst also auch, dass ...?“, begann Mulder.

„Ich weiß nicht, ob sie dabei war, aber da sie meistens immer zusammen ermittelt haben, müssen wir wohl oder übel vom Schlimmsten ausgehen!“
Kapitel 8 by Stefan Rackow
~Teil 7~

-Psychologische Kriegsführungstaktik-





an einem unbekannten Ort



„Du hast großen Mist gebaut, Rob“, sagte einer der beiden Männer in weißem Anzug und ging in dem Raum langsam auf und ab. „Du hast die allergrößte Scheiße gemacht! Du solltest Doggett entführen, aber nein! Du musst dazu ja noch seinen Wagen anzünden und eine weitere Agentin des FBI mitgehen lassen! Wie hirnverbrannt kann ein Mensch sein...!“

„Aber Mr. Packer, es musste sein“, beharrte Rob Hermes kontinuierlich. „Sie scheint auch von der Sache erfahren zu haben.“

„Dann kannst du ja gleich die ganze Belegschaft des FBI entführen!“ – Packer holte einmal tief Luft und seufzte. „Ich habe dich für so schlau gehalten, dass ich annahm, du wüsstest, dass ein fauler Apfel im Korb reicht, um nach und nach alle ungenießbar werden zu lassen! Wir hätten Doggett das eingegeben, was unser Vorhaben nicht mehr gefährdet hätte. Er hätte nach der Gehirnwäsche nach unseren Vorgaben geredet und somit nach und nach das ganze FBI, beziehungsweise die vormals in den Fall Involvierten glauben lassen, alles wäre eine Lüge! Es hätte alles geklappt, ohne viel Tamtam, ohne viel Aufsehen!“ – Er näherte sich dem sitzenden Rob und sprach leise, aber gefährlich zischelnd in sein rechtes Ohr: „Kannst du jetzt verstehen, was mir an deinem Vorgehen missfällt, Rob?!“

„Es tut mir Leid“, stammelte Rob, „ich dachte nur...“

„DU sollst nicht denken!“ konterte Packer und nickte einem anderen Mann zu, der die ganze Zeit schon über einer Liege stand und mit diversen Geräten an einem Individuum herumexperimentierte. „Hubert, was macht unser ... Patient?“

„Er scheint die Betäubungsmittel besser zu verkraften als die Frau!“ – Der hochgewachsene Mann schluckte. „Mr. Packer, wir dürfen uns nicht noch einen Schnitzer erlauben. Marty Grant ist durch unsere Behandlung gestorben, wir können dies nicht noch ein zweites Mal durchführen – nicht an zwei Bundesbeamten!“

„Ihr beiden seid doch einfach Luschen! Herrgott, versteht ihr denn nicht, dass es unsere Aufgabe ist, es geheim zu halten?! Will das nicht in eure scheiß Köpfe rein? Wir müssen jetzt alles ändern! Und wer ist wieder schuld?! Ihr! Verdammt noch mal, ich habe jetzt keine Lust, mich noch weiter mit euch Pappnasen abzugeben! Da hab ich weitaus Produktiveres zu tun!“ – Packer verließ wutentbrannt den Raum und ließ Hubert und seinen Kollegen alleine zurück. Selbige blickten mit angespannter Miene auf die Liegen, wagten nicht zu sprechen.



Und die Herzfrequenzmesser, die an die beiden entführten Agenten angeschlossen waren, ließen weiterhin unbeirrt ihren piependen, langsamen Rhythmus in dem großen, sterilen Raum erklingen.



*



Mr. Packer ging schnellen Schrittes einen langen Flur entlang, an dessen Ende eine große Stahltür mit der Aufschrift „ENTRY PROHIBITED“ wartete. Der Mann zog einen schweren Eisenschlüssel hervor und steckte diesen in das Schloss. Es knackte zweimal, und mit einem Mal glitt die Tür zur Seite und gab den Blick frei auf einen dunklen, schwarzen Gang, an dessen Ende eine Art Gefängniszelle beherbergt war.

Packer ging kühl darauf zu und blickte durch das Gitterfenster. Der Geruch von Unrat und Verfaultem stieg ihm in die Nase, was ihn unweigerlich zurückfahren ließ.

„Ist ja widerlich“, murmelte er, „wusste immer, dass Wissenschaftler nur Scheiß machen...“ Er blickte noch einmal in die Zelle und vergewisserte sich, dass der Inhaftierte noch am Leben war. Die zugefügte Wunde hatte ihn viel Blut verlieren lassen, hatte aber letztlich zu Agent Doggett geführt. Schien soweit alles in Ordnung zu sein. Ob er ihn der gleichen Behandlung wie der seines Kollegen unterziehen sollte, wusste Packer in diesem Moment noch nicht. Sicher war, dass man jetzt die beiden Agenten nicht so einfach wieder auftauchen lassen konnte, da das sofort weitere Ermittlungen nach sich ziehen würde. Und alles nur wegen diesem Arsch von Rob! Warum musste er so unüberlegt handeln? Warum hatte er nicht den einfachsten aller Wege gewählt? War es denn so schwer, zwischen leicht und schwer zu unterscheiden? War es das echt?



In diesem Augenblick kam Packer eine Idee. Er wusste selbst nicht genau, weshalb ihm dieser Einfall erst jetzt zu diesem Zeitpunkt kam, war er doch im Grunde die einfachste Methode, die Arbeit an dem Projekt zu erleichtern. Packer überdachte den Gedanken noch mal.



Warum immer den umständlichen Weg über die Gedankenmanipulation gehen? Sollten die Agenten und der Professor doch bekommen, wonach sie gesucht hatten!



Marty Grant hatte nie an das Unglaubliche gedacht, hatte er doch die Arbeit Mac Finns immer als Unsinn abgetan. Vielleicht war es daher eine falsche Entscheidung gewesen, ihn zu entführen und dieser folgenschweren Behandlung zu unterziehen. Eventuell hätten sie ihn einfach seine Arbeit fortführen lassen sollen und nur die Unterlagen entwenden sollen ... oder war das Risiko doch zu groß gewesen?

Packer wusste es nicht. Er war sich nur dessen sicher, dass ein Feind nicht mehr unbedingt ein Feind bleiben musste, wenn er auf das, wonach er gesucht hatte, mit der Nase gestoßen wurde. Psychologische Kriegsführung, die im besten Falle aus dem Feind einen Verbündeten machen könnte – wenn denn die Argumente stimmten! Es käme auf einen Versuch an, dachte Mr. Packer und öffnete die schwere Zellentür.

„Mr. Finn? Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen. Sie können diese Zelle verlassen und“ – Er musste unweigerlich grinsen – „... und Sie bleiben am Leben. Dazu müssen Sie nur eines tun.“

„Und ... d – das wäre?“ fragte der Wissenschaftler ängstlich, der merklich unter der tiefen Fleischwunde zu leiden hatte. „Was ... soll ich tun?“

Packer grinste diabolisch, und sein Schatten manifestierte sich an der dreckigen, braunen Steinwand.

„Sie müssen nur sehen und es verstehen! Das ist alles. Nicht mehr, nicht weniger. Kein Risiko, keine Falle – darauf bekommen Sie mein Ehrenwort.“

„Es?“

„Sie wissen, wovon ich spreche, Doktor“ , sagte Packer kühl und herablassend und näherte sich dem angeketteten Gefangenen bis auf wenige Meter. „Sie haben all die Jahre darauf hingearbeitet, Sie haben all die Jahre nach dem Beweis für seine Existenz gesucht, und nun haben Sie die Möglichkeit, Ihren Traum wahr werden zu lassen, quasi vor Augen und können ihn doch nicht erfüllen.“ – Packer kniete sich nieder – „Ist das nicht unmenschlich?“ fragte er übertrieben tragisch angehaucht und setzte einen Unschuldsblick auf.

„Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie mich gehen lassen, Sie gewissenloses Schwein!“ – Steve Mac Finns Gesichtfarbe wurde dunkelrot – „Sie haben mich verschleppt, damit ich es, von dem nicht mal sicher ist, dass es es wirklich gibt, nicht finde und wollen mir jetzt allen Ernstes weismachen, dass diese ganze Chose hier unnötig war?“

„Doktor, Doktor, wissen Sie“, begann der skrupellose Gauner, „dass Sie gerade Ihre ganze Arbeit selbst in Frage gestellt haben, indem Sie die Existenz dieser Sache angezweifelt haben? Ist Ihnen das bewusst?“

„Ja ... äh, aber...“

„Ich lasse Ihnen jetzt die Wahl: entweder, Sie vertrauen mir, oder Sie werden bis ans Ende Ihrer Tage hier in diesem Loch versauern und sich am Tage Ihres Todes darüber ärgern, sich an dem heutigen Tage falsch entschieden zu haben!“ – Packer stand langsam auf. „Sie haben die Wahl!“

„Und welche Garantie habe ich, dass ich am Leben bleibe?“



Der Mann in dem weißen Anzug hatte diese Frage erwartet und drehte sich wieder zu dem Gefangenen um. Die Augen Packers funkelten.



„Die einzige Garantie ist Ihr Verstand, Finn. Wenn Sie glauben, dann sind Sie würdig, es auch weiterhin glauben zu dürfen. Andernfalls“ – Er schnalzte mit der Zunge – „sehen wir uns gezwungen, an Ihrer Erinnerung selbst Hand anlegen zu müssen. Und glauben Sie mir: das klappt nicht immer reibungslos! Ich lasse Ihnen eine Stunde Bedenkzeit.“
Kapitel 9 by Stefan Rackow
~Teil 8~

-David gegen Goliath-



3.2. 1936



Der Mann blickte wehmütig auf und ab. Es fiel ihm nicht leicht zur Ruhe zu kommen. Das Glas Scotch in seiner Hand zitterte, und feine Spritzer des edlen Getränkes besudelten den Marmorschreibtisch. Der, der das Glas in seiner Hand hielt, stellte dieses, nachdem er mit der rechten Hand einen Lappen aus der Schreibtischschublade geholt hatte und die Flecken entfernt hatte, ins nahestehende Mahagoni – Regal und fuhr sich mit der Hand durch die aschgrauen Haare. Erst nach einer Weile zückte er den Füllfederhalter und begann, die ersten Zeilen aufs Papier zu bringen.



„ [...] Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass das, was heute vorgefallen ist, nicht meinen gesunden Menschenverstand auf eine harte Probe gestellt hätte. Ich bin ratlos, gewissermaßen unschlüssig! Kann man den Worten Glauben schenken? Soll man an etwas glauben, das im Grunde bisher nur in den wildesten Phantasien eines Irren oder bestenfalls in einem Roman verarbeitet wurde? [...]



Verbissen sah er auf. Nein, es wäre falsch, es nicht zu tun. Dazu stände zuviel auf dem Spiel. Er musste es aufschreiben, für die Nachwelt festhalten. Das Niederschreiben der Gedanken würde die Ungewissheit für einen kurzen Moment verdammen und Platz für andere Vorstellungen schaffen.



„ (...) Ich weiß es noch nicht, und doch bin ich mir seltsamerweise sicher, dass dieses Ereignis heute den Lauf der Dinge maßgeblich beeinflussen wird. Dieses Ereignis - am dritten Februar des Jahres 1936. (...)“



Selbsttherapie?



„ [...] Ich weiß nicht, warum ich das hier aufschreibe. Ich weiß nicht einmal, ob das hier jemals ein anderer Mensch außer mir zu lesen bekommen wird. Vielleicht, lieber Unbekannter, der du diesen Brief eventuell in der nahen Zukunft in deinen Händen hältst – vielleicht versuche ich mich selbst zu beruhigen. Vielleicht habe ich Angst vor der Zukunft, obwohl doch paradoxerweise kein Grund dazu besteht ... [...]



Er sah auf und nahm einmal tief Luft.



„ [...] ... Oder doch? (...)“



Gedankenverloren blickte der Mann in seinem Zimmer umher und ließ diese Frage noch eine ganze Weile unbeantwortet im Raume stehen.





Gegenwart , 15:17

Ort unbekannt



Doggett öffnete die Augen. „Haben Sie gut geschlafen?“ hörte er eine Stimme sagen.

„Wo bin ich?“ fragte der Agent schläfrig und versuchte seinen schmerzenden Körper aufrecht zu setzen, doch es gelang ihm nicht. Kraftlos sackte er wieder in sich zusammen und stöhnte. „Oh mein Gott, hab ich einen Kopf ...!“

„Das legt sich mit der Zeit, Agent Doggett. Glauben Sie mir. Entschuldigen Sie uns die gewissen Unannehmlichkeiten, die wir Ihnen und Ihrer Partnerin gemacht haben, aber wir haben, bedauerlicherweise, vorschnell gehandelt.“

„Wovon reden Sie, verdammt?“

„Mein Name ist Packer, Agent Doggett. Alvin Packer. Wir“ – Er zögerte – „... wir wollen Ihnen etwas zeigen, das Sie garantiert interessieren wird.“



„Verdammt noch mal, was haben Sie Monica und mir angetan?!“ – John Doggett suchte verzweifelt nach seiner Waffe. „Was haben Sie mit uns gemacht?! Wo bin ich?“

„Nach Ihrer Waffe müssen Sie erst gar nicht suchen, Agent Doggett“, erklärte Packer und zog etwas aus seinem weißem Umhang. „Denn ich war so frei, sie an mich zu nehmen. Reine Vorsichtsmaßnahme, Sie verstehen. Man weiß ja nie, mit wem man es zu tun bekommt...“

„Sie machen einen großen Fehler, wenn Sie sie mir nicht wiedergeben!“, insistierte der Agent, und in seinem Gesicht zeichneten sich die ersten hervor tretenden Adern ab. „Das FBI wird nach uns suchen!“

„Sollen sie doch – sie werden uns nicht finden...“

„Wie können Sie sich da so sicher sein?“ – Doggett wurde zunehmend wütender und registrierte in diesem Augenblick, dass an seinen Kopf mehrere Elektroden angeschlossen waren, welche mit irgendeiner Maschine verbunden zu sein schienen. „Was zum Teufel soll das?“

„Eine Art Vorsichtsmaßnahme. Eine jede dieser Elektroden sendet bei Bedarf kleine elektrische Impulse, welche direkt in ihr Gehirn geleitet werden. Wenn Sie ruhig bleiben, dann passiert Ihnen nichts. Wenn Sie jedoch zickig werden ...“ – Alvin Packer betätigte einen kleinen roten Knopf – „dann geschieht das mit Ihnen, sehr geehrter Mister John Doggett!“



Und kurz darauf hatte der Agent das Gefühl, als ob tausend kleine Blitze in seinen Kopf einschlagen würden, denen es eine Freude war, sein Gehirn innerhalb kürzester Zeit gar zu kochen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht bäumte sich Doggett auf und schlug wild um sich, derart schmerzhaft spielten ihm die Impulse mit. Ganz leise hörte er Packer. Ganz leise, neben dem Geräusch der elektrischen Impulse, nahm er ihn wahr und hatte keine Chance, dieses zu vermeiden.



„Das sind Schmerzen, nicht wahr? Sie wünschen sich in diesem Moment, Sie wären tot, und das kann ich Ihnen gut nachempfinden. Aber Sie müssen nicht diesen Weg gehen. Lassen Sie sich auf einen Deal ein und leben Sie!“



Wenig später hörte die Folter auf und Doggett fiel kraftlos zurück auf die Liege, ein Auge geschlossen, das andere auf die daneben stehende Liege gerichtet. Reyes war noch tief und fest am Schlafen. Sie wusste noch nicht, was Sie erwarten würde. Er, Doggett, wusste es nicht einmal.



Nur eines war ihm bewusst - er musste wohl oder übel mitspielen, ob er es nun wollte oder nicht. Es war das bekannte Schema; vorerst Überlegener trifft auf Unterlegenen, welcher mittels faulem Trick die überlegenere Rolle erringt und fortan den, der nun schwach und kraftlos ist, tyrannisiert und diskriminiert.

Es war ein Kampf wie der von David gegen Goliath, wobei zu diesem Zeitpunkt nicht einmal feststand, ob der Kleine am Ende den Großen besiegen würde. In seinem tiefsten Inneren hoffte der Agent es, doch er hatte das dumpfe Gefühl, dass er in diesem Fall leider selbst der Riese war! Und David dachte sich schon längst seelenruhig einen Plan aus, wie er ihn beseitigen könnte...
Kapitel 10 by Stefan Rackow
~Teil 9~

-Stillstand-



an einem unbekannten Ort



Alvin Packer hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet und schüttelte verständnislos den Kopf. Rob Hermes blickte verwirrt auf seinen Chef und fasste sich an die Stirn. „Sie wollen es ihnen zeigen?“, fragte er ungläubig und zog die Stirn kraus. „Das verstehe wer will...“

„Geschwätz“, argumentierte Packer und zündete sich eine Zigarette an. „Ich habe alles genauestens geplant.“

„Das kann jeder sagen!“, konterte Rob und zog seinerseits ebenfalls eine Zigarette hervor, welche er daraufhin anzündete. „Wir haben eine zu große Verantwortung, als dass wir es uns erlauben könnten, alles von heute auf morgen aufs Spiel zu setzen!“

„Seltsam“, murmelte Packer und blickte gedankenverloren an die Decke. „Sonst hast du doch immer deinen Schwanz eingezogen, wenn es darum ging, eine Entscheidung zu treffen. Und wenn du mal eine Entscheidung getroffen hast, ist der Schuss gründlich nach hinten losgegangen!“ – Sein Tonfall wurde kühl und herabwürdigend – „Also mach hier nicht einen auf Moralapostel, Rob!“

„Verdammt noch mal! Diese Sache ist zu wichtig, verstehen Sie das nicht?“ – Rob Hermes wurde zunehmend nervöser und blies hektisch ein ums andere Mal sich in der Luft kräuselnden Qualm aus seinem Mund, welcher im Schein der Schreibtischlampe gen Decke stieg. Seine Mundwinkel zuckten. „Wir können doch jetzt nicht das tun, was wir die ganzen Jahre über versucht haben zu vermeiden. Das ist paradox! Warum gerade jetzt?“

„Weil die Zeit reif ist, wie ich denke“, erklärte Packer und drückte die gerade erst angerauchte Zigarette aus. „Sich verstecken heißt, dass man Angst vor den Konsequenzen hat, welche sich ergeben könnten, wenn man gefunden wird.“

„Wenn Sie es wissen wollen: ja, ich habe Angst vor den Konsequenzen“, gab Rob zu verstehen. „Sogar eine Scheißangst.“

„Ich war mit meinen Ausführungen noch nicht fertig“, murmelte der hochgewachsene Mann und holte einmal tief Luft. „Worauf ich hinaus will: wie kann man sich vor etwas verstecken, von dem man nur annimmt, dass es im schlimmsten Falle eintreten könnte, zumal man diesbezüglich noch keinerlei Erfahrung gemacht hat?!“

„Sie meinen, das hier soll dann so gesehen eine Art Probelauf sein? Damit wir wissen, vor was wir uns verstecken?“, fragte Rob nachdenklich, aber merklich gelassener als noch eine Minute zuvor.

Alvin Packer blickte kühl in dem abgedunkelten Raum umher und schien nachzudenken. Seine rechte Hand verweilte ruhig auf dem Schreibtisch, während seine linke das Kinn stützte. Die Atmosphäre erreichte ihren Höhepunkt, und Rob stellte sich bildlich vor, wie er sie mithilfe eines Messers in Stücke schnitt, so dick war sie.

Endlich, nach einer halben Ewigkeit, wie es ihm schien, öffnete sein Chef den Mund und sprach.



„ ... oder vor was wir uns all die Jahre über unnötig versteckt haben!“



*



Scully sackte kraftlos auf der Couch zusammen und blickte mit leeren Augen auf den Wohnzimmertisch, auf dem eine Schale mit Früchten stand. Nach einer Weile vergrub sie ihren Kopf hinter den Händen.

„Ich glaub das einfach nicht“, kam es dumpf aus den vorgehaltenen Händen. „Jetzt sitzen wir hier und können nichts tun als abwarten! Das kann doch nicht richtig sein!“

„Es wurden keine Spuren gefunden, Dana“, antwortete Mulder getragen. „Es wurde eine Suchmeldung rausgegeben ... mehr können wir im Moment wirklich nicht tun, so schwer das auch zu verstehen sein mag.“

„Eine Suchmeldung?! Verstehst du denn nicht, dass hier zwei FBI-Agenten vermisst werden? Und wir sollen nur rumsitzen und Däumchen drehen? Das will einfach nicht in meinen Kopf rein!“ – Scully stand auf und lief unruhig auf und ab – „Verstehst du nicht, dass mich das mehr als nur mitnimmt?!“

„Ja“, entgegnete Mulder und ging auf Scully zu. „Ich kann dich verstehen, aber wir haben absolut keinen Anhaltspunkt, auf den wir unsere Ermittlung in diesem Fall stützen könnten. Es ist so, als hätte irgendjemand diesen Coup lange schon im Vorfeld geplant und wirklich jede Kleinigkeit durchdacht. Und alles, was wir haben, ist nur dieses Manuskript. Frustrierend!“

„Aber...!“

„So schlimm das auch sein mag – wir können nur mutmaßen, dass es etwas mit den im Manuskript aufgestellten Theorien zu tun hat, zumal es der aktuelle Fall der beiden war.“ – Mulder seufzte – „Das ist nicht gerade viel. Obwohl...“ – Er stockte – „Verdammt noch mal, das hätten wir schon längst machen sollen!“, sagte er kopfschüttelnd und schien sich selbst dafür zu verdammen, dass ihm dieser Gedanke erst jetzt kam. „Zieh dich an!“

„Aber...?“

Mulder näherte sich ihr vorsichtig und flüsterte in ihr Ohr. „Vertrau mir!“



*



in den Tiefen des FBI – Gebäudes, knapp 20 Minuten später



Der kleine Mann öffnete die Tür und blickte die Neuankömmlinge neugierig durch seine dicken Brillengläser an. Sein Gesicht zierte ein Dreitagebart. „Wir kaufen nichts“, murmelte er grinsend und klopfte Mulder auf die Schulter. „Hey, altes Haus. Dass du dich noch mal bei uns blicken lässt, nach deinem ... äh ... Abgang , das hätte ich nun nicht erwartet.“

„Ach Frohike, wenn du wüsstest...!“ – Mulder setzte seinerseits ein Grinsen auf und umarmte den einen von seinen drei Freunden. „Schön, dich ...“ – Er blickte in zwei weitere traurig dreinblickende Gesichter und räusperte sich – „... euch wiederzusehen.“

Langly und Byers schüttelten verschmitzt lächelnd ihre Köpfe und gingen auf Mulder zu. „Jetzt stell dich nicht so in den Vordergrund, Mann“, sagten sie und schoben ihn beiseite.

„Hallo Scully, schön Sie zu sehen!“

„Hi Jungs“, erwiderte sie lächelnd, verzog aber ihre Mine, als sie bemerkte, dass da jemand wieder einen Witz auf Kosten ihrer Größe gemacht hatte. „Selber schuld“, murmelte sie zynisch, „dabei wollte ich euch gerade das „Du“ anbieten...“

„Schöne Scheiße“, brummelte Langly und schlurfte in Richtung seines Computers. „Wie man`s macht, man macht es falsch.“

„Käme auf einen Versuch an“, entgegnete Scully freundlich und deutete auf etwas, das sie in der Hand hielt. „Reyes und Doggett sind entführt worden!“, sagte sie und ihre Mine änderte sich schlagartig.

In dem Raum wurde es still.

Nur das Piepen der Computer und Apparaturen durchbrach die Stille.

„... und das hier scheint den Ausschlag gegeben zu haben.“ – Das Manuskript entglitt ihren Fingern und klatschte auf einen Schreibtisch.

„Die beiden...? Oh mein Gott! Ihr macht Witze, oder?“, fragte Langly und riss die Augen weit auf.

Das Schweigen, was nun folgte, ließ ihn resigniert in seinen Stuhl zurücksinken und einen besorgten Blick aufsetzen. „Verdammte Scheiße...“, murmelte er.

„Und wir sollen Informationen sammeln?“, fragte Byers unsicher und kraulte seinen Kinnbart.

„Ja.“

„... und worum geht`s?“

„Um die Welt“, erklärte Mulder und setzte sich auf einen beistehenden Hocker in dem Kellerraum. „Um die Welt, oder, genauer gesagt, um das, was sie sein soll!“

„Soll?“

„Jungs, es ist zu kompliziert, als dass ich euch das alles hier nun haarklein erläutern könnte“, gab Mulder den Lone Gunmen zu verstehen und setzte einen besorgten Blick auf. „Im Grunde ist nicht einmal sicher, dass das irgendetwas mit dem Verschwinden der beiden zu tun hat, aber wir zwei“ – Er deutete auf Scully, die gedankenverloren auf den Boden starrte- „ ... haben gewisse Vorahnungen, und es wäre falsch, wenn wir diese nicht berücksichtigen würden.“

„Schon klar“, erwiderte Langly verstehend und griff nach dem Manuskript. Die Stirn kraus ziehend, blätterte er darin und blickte anschließend in die Runde. „Und was genau interessiert euch daran?“

„Die Frage“, begann Scully, „ob irgendwem diese Theorien derart am Herzen liegen könnten, dass er jegliche weiterführende Untersuchung, die Näheres zu ihnen ans Tageslicht fördern könnte, dahingehend stören würde, dass er nicht einmal davor Halt macht, zwei Bundesagenten zu entführen!“

„Ich verstehe.“ – Byers nickte Langly und Frohike zu. „Dann wollen wir unsere eingerosteten Maschinen mal wieder zu neuem Leben erwecken!“



*



Alvin Packer blickte zeitgleich auf seine Uhr. Die Zeit rann davon. Die Zeit der Entscheidung. Die Zeit der Unwissenheit.

Und in wenigen Minuten würde eine neue Zeit anbrechen, würde die Wurzeln der Unwissenheit, die Überbleibsel der vergangenen Ära, herausreißen und neue Setzlinge der Wahrheit pflanzen, welche ihre Blütezeit zwar erst in vielen Jahren erreichen würden, aber schon jetzt den Grundstein für ein neues Denken legen würden. Die Basis wäre da, das Fundament würde folgen.



Er würde Doggett und Reyes die Wahrheit zeigen.

Er würde sehen, wie sie reagieren.

Er würde es miterleben.

Er!



... und endlich hätte er die Gewissheit, dass man sich nicht immer zu verstecken braucht, wenn man etwas hat, das man nur glaubt, verstecken zu müssen! Die Agenten bekämen ihre Wahrheit – und Packer würde seine bezüglich des Projektes auch bekommen, denn keine Ursache blieb ohne Wirkung. Er betrachtete den Sekundenzeiger seiner Uhr, wie er sich ein ums andere Mal weiterbewegte auf der Skala der Zeit, die 12 überschritt und dann wiederum zu einer neuen Runde ansetzte, und Packer grinste. Ja, dachte er, lauf du nur. Lauf schnell. Schneller! Dreh deine Runden und beende die alte Zeit. Ich kann es nicht mehr erwarten!



Noch 27 Minuten und 57 Sekunden Bedenkzeit...







Doggett hielt seinen schmerzenden Kopf mit beiden Händen fest umschlungen und hatte die Augen geschlossen. Er verfluchte Packer. Er verfluchte alle, die in dieser Sache drinsteckten. Dass er nicht wusste, wie er im Folgenden verfahren sollte, ließ ihn noch schwermütiger werden und innerlich um Hilfe flehen. Die Tatsache, dass das FBI noch nicht aufgetaucht war und ihn befreit hatte, zeugte von der Brillanz der Männer, die ihn hatten entführen lassen. Scheinbar hatten sie keine Spuren hinterlassen. Und die einzige Person, die den Ermittelnden Auskunft über seine Ermittlung, die letztlich auf diese Weise beendet wurde, geben könnte, lag zwei Zellen weiter auf einer Trage. Fest gezurrt, betäubt, handlungsunfähig.

Sollte er das Angebot annehmen?

Sollte er sich seinem Instinkt widersetzen und aller negativen Anzeichen zum Trotze diese Zelle verlassen, in der Erwartung, etwas (scheinbar) Großes und nicht für jedermanns Augen Bestimmtes zu Gesicht zu bekommen?

Was sollte dies sein?



Wie lange er dagesessen und nachgedacht hatte, wusste der Agent nicht mehr, als sich schließlich die Zellentüre mit einem Quietschen öffnete und ein langer Schatten in die abgedunkelte Kammer fiel.



*





zeitgleich zwei Zellen weiter



Die Agentin öffnete mühsam die Augen. Es war kalt. „Wo bin ich?“, fragte sie die Person, die neben ihr stand und deren Anwesenheit sie so sicher spürte wie ein Angstgefühl, welches in ihrem Bauch aufstieg. Schläfrig blinzelte sie in die Dunkelheit und zuckte zusammen, als kaltes Metall ihr Handgelenk reizte. „Was soll das?!“

„Guten Morgen“, sagte der Anwesende und schien einige Schritte näher an die Agentin herangegangen zu sein. „Hoffe, Sie haben gut genächtigt.“

Reyes, die nunmehr etwas besser sehen konnte, registrierte, dass ihre Hände mit Handschellen an ein hinter ihr verlaufendes Rohr gekettet waren und dass sie auf einer Art Trage lag. „Wo bin ich?!“, fragte sie zum wiederholten Male und versuchte, ihre Beine zu bewegen, aber sie waren noch zu schwach.

„Sehen Sie es als eine Art Zwischenstation, Agent Reyes“, erwiderte der Mann kühl und schritt im Raum umher. „Wir hatten im Prinzip etwas grundlegend Anderes mit Ihnen und Ihrem Partner vorgehabt – doch eine Änderung ließ uns keine andere Wahl, als Sie beide hier in diesen Zellen unterzubringen.“

„Doggett ist hier?! Wo?!“

„Agent Reyes, zügeln Sie Ihre Energie!“ – Der Mann drückte ihren aufbäumenden Körper mit nur einer Hand zurück auf die Trage. „Sie können von Glück sagen, dass der Boss seine Strategie geändert hat – so dass Sie nun doch die Möglichkeit haben, es mit eigenen Augen zu sehen. Im Idealfall hätten wir nämlich ein wenig an Ihrer Erinnerung selbst Hand anlegen müssen!“

„Ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen!“, brüllte Reyes energisch und versuchte sich aufzurichten. „Ich verstehe überhaupt nichts!“

„Sie werden verstehen, Agent Reyes, seien Sie sich dessen sicher. In absehbarer Zeit werden Sie wissen, wovon ich rede!“ – Der Gestank von Zigarettenqualm stieg in die Nase der Agentin und ließ sie angewidert zurückfahren, hatte sie sich doch unter extremsten Bedingungen das Rauchen erst vor kurzem abgewöhnt. Sie musste husten.

„Hat es was mit diesem Manuskript zu tun?“, fragte sie energisch und beantwortete sich im Folgenden die Frage selber. „Ja sicher muss es das haben... Andernfalls verstehe ich nicht, warum ich ... wir hier sind.“

Ihr Gegenüber hielt einen Moment inne und schien nachzudenken. „Agent“, sagte der Mann schließlich, „hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie ihre Nase wie ein Hund in Sachen stecken, die Sie nichts angehen? In diesem Fall haben Sie noch Glück gehabt, aber genauso gut hätte es anders ausgehen können, und man hätte Sie vielleicht ein, zwei Tage später tot in der Gosse gefunden.“

„Sie wissen gar nicht, was es mit den Hunden auf sich hat“, murmelte Reyes und blickte verdrossen auf den hochgewachsenen Mann mit den starken Händen, die sie mit solcher Intensität auf die Trage gepresst hatten. „Sie haben bestimmt kein Haustier...“

„Nein, habe ich nicht.“

„Was Sie schon mal zu keinem Hundemenschen macht.“ – Reyes blickte kurz zur Seite und auf die kahle Wand, welche brüchig und marode erschien. Ihre Augen funkelten. „Sie haben keine Ahnung, wovon ich rede, oder?“, fragte sie.

„Nein“, kam die nüchterne Antwort des Entführers. „Und ich will es auch gar nicht wissen! Weil ich mich ob Kenntnis Ihrer speziellen Fähigkeiten dazu entschlossen habe, mich auf keinen psychologischen Humbug einzulassen. Wissen Sie, ihr Ruf eilt Ihnen voraus, wenn Sie es genau wissen wollen. Da ließ es sich nicht vermeiden zu erfahren, dass Sie des Öfteren leicht verqueren Ermittlungsmethoden gefolgt sind. Gleich einem Agenten aus früheren Zeiten.“

„Wen meinen Sie?“ – Reyes zog die Stirn kraus. „Zum Teufel, was wollen Sie von mir?“

„Sie kennen Ihn, nehme ich mal stark an. Vielleicht haben Sie Ihr, sagen wir mal, „Talent“ von ihm gelernt. Vieles würde dafür sprechen.“

„Wer, zum Henker?!“

„Agent Reyes, weshalb ich hier bin: ...“ – Er räusperte sich – „ Sie sollen es erfahren. Es, das das, dem der Agent all die Jahre hinterher gejagt hat, in einem völlig anderem Licht erscheinen lässt.“



Schweigen. Es wurde mit einem Male gespenstisch ruhig in dem Zimmer. Ruhiger als ruhig. Reyes schluckte. Sie verstand, wen der Mann meinte. Sie wollte es aber nicht wahrhaben, anders: sie konnte es nicht verstehen.



„Sie meinen Fox Mulder?“, fragte sie aufgeregt. „Wenn Sie seine Arbeit so gut kennen, dann müssen Sie mit dieser Bespitzelung doch irgendetwas befolgt haben. Warum haben Sie dann mich entführt?“

„Aus einem Grund. Sie waren der Wahrheit auf der Spur“, antwortete der Mann und entfernte sich von der Gefesselten. „Sie waren viel zu nahe an ihr dran. Da konnten wir nicht tatenlos zusehen.“

„Die Wahrheit? Mulder ... Mulder war auch auf der Suche nach der Wahrheit. Er ... hat sie genauso gesucht wie wir!“ – Reyes verstand nicht und sackte kraftlos zurück. Ihr Puls raste und sie hörte ihren Herzschlag dumpf widerhallen. „Warum John und ich?“, murmelte sie.

„Weil Sie beide der Wahrheit auf der Spur waren. Mulder folgte all die Jahre lediglich einem Gespenst, welches man, logischerweise, niemals zu greifen bekommt“, erklärte der Entführer und nahm einen Zug von seiner Zigarette.

„Gespenst...? Das hört sich ja fast so an, als wäre die Verschwörung, die es aufzuklären Mulders Bestimmung war, eine Inszenierung...!? Eine ... eine Art Spiel. Inszeniert, um von etwas abzulenken, das noch viel unglaublicher als das ist, was man erhofft, zu finden. Wollen ... wollen Sie mir etwa weismachen, dass das stimmt?“ – Die Agentin blickte fassungslos drein und fasste sich an die Stirn. „Das kann ich nicht glauben...“

„Sie scheinen ein Gespür dafür zu haben, alles immer gleich auf die Schnelle zu lösen, Agent Reyes!“ – Rob Hermes grinste und im Dunkel leuchteten seine weißen Zähne unnatürlich hell. „Sie werden alles verstehen ... heute noch! Auch wenn ich diese Entscheidung nicht verstehen kann.“



Daraufhin ging der Mann an der schweren Eisentür vorbei und zog sie hinter sich ins Schloss. Reyes hörte noch, wie der Schlüssel dreimal quietschend im Schloss umgedreht wurde und war darauf wieder allein mit sich und ihren Gedanken. Hermes’ Worte hatten sich tief in ihr Gehirn gebrannt und hämmerten mit fortdauernder Intensität in ihrem Unterbewusstsein auf sie ein.

>“Sie werden alles verstehen!“<

>„...lediglich ein Gespenst.“<



Noch viel schlimmer als das empfand die Agentin aber die Ungewissheit. Die Ungewissheit darüber, was nun folgen würde. Was? Was würde sie erwarten? Und überhaupt: ging es John gut?

Die Agentin schloss die Augen und ging in sich. Dass Hermes die Entscheidung, sie sollten die Wahrheit mit eigenen Augen sehen, nicht verstand, konnte sie nur allzu gut nachvollziehen. Ich verstehe es auch nicht, dachte sie und verlor sich in Gedanken.



*



Doggett blickte derweil mit weit aufgerissenen Augen auf Alvin Packers riesenhaft erscheinende Gestalt in dem Türrahmen. „Es ist soweit“, sagte der Wissenschaftler leise und angsteinflößend. „Ich nehme an, Sie ...?“

„Ich nehme das Angebot an“, erwiderte Doggett rasch und war überrascht ob seiner schnellen Entscheidung. Auf Packers Gesicht zeichnete sich, sofern man das in der Dunkelheit ausmachen konnte, ein Grinsen ab. Er näherte sich dem Agenten vorsichtig und flüsterte. „Dann machen Sie sich bereit!“





*



einige Minuten später



Reyes fuhr hoch, als sie eine kalte Hand auf ihrem Nacken spürte. Scheinbar war sie kurz eingenickt. Bevor sie registrieren konnte, wer sich ihr da genähert hatte, spürte sie einen ebenfalls kalten Luftzug am Ohr und vernahm daraufhin ein leises Flüstern.



„Es geht los! Es sei denn, Sie haben sich anders entschieden.“

„Nein, ich will es sehen.“

„In Ordnung. Dann mache ich Sie jetzt los.“



Und langsam schritt die Agentin daraufhin durch die Tür und hinein in die ungewisse Zukunft, die sich ihr in den kommenden Stunden in ihrer unglaublichsten Form zeigen würde. Dessen war sie sich sicher.



*



>“ I want to believe.“<

[Fox Mulder]



*



60 Minuten später in den Kellerräumen des Federal Bureau of Investigation, Washington, D. C.



Frohike blickte verwundert von seinem Monitor auf und blickte entgeistert auf die Umstehenden. Mulder, Scully, Langly und Byers scharten sich um den flimmernden Bildschirm.

„Was ist los?“, fragte Mulder verwundert und starrte auf den Monitor.

„Nachdem ich 50 Minuten lang fast jede Suchmaschine mit Informationen gefüttert hatte“, begann der Einsame Schütze langsam, „jedoch nichts gefunden hatte, bin ich den gefährlicheren Weg gegangen.“

Mulder verstand und verzog die Mine. „Wo hast du dich eingehackt?“, murmelte er und bedachte Frohike mit einem Blick, der nichts anderes zuließ als eine sofortige Antwort. Der Freund des Agenten zögerte erst, redete dann aber weiter.

„Ich bin auf dem Zentralrechner des Weißen Hauses...!“, flüsterte der kleine Mann, so als ob er befürchtete, die Wände hätten Ohren und würden all das hören und weitererzählen. „Steve Mac Finn beruft sich in seinem Manuskript auf eine anonyme Quelle. Er gibt nie an, wer diese ist, sondern zitiert sie nur. Fällt einem beim einmaligen Lesen nicht unbedingt auf, aber ich bin durch Zufall auf zwei sich in der Aussage gleichende Zitate gestoßen. Hier am Anfang“ – Er deutete auf die erste Seite – „und hier in der Mitte.“

„Das kannst du doch niemals alles innerhalb dieser knappen Stunde gelesen haben“, ließ Mulder argwöhnisch verlauten und hob die linke Augenbraue. „Wie willst du dann zwei sich gleichende Aussagen gefunden haben?“

Frohike verzog keine Mine. „Man muss die Worte erfassen, nicht unbedingt lesen. [Pause] Aber wenn du es genau wissen willst: diese beiden Aussagen sind die einzigen fettgedruckten Sätze im ganzen Manuskript.“

Mulder schielte zur Decke, als suche er dort den Sinn, senkte aber den Blick schnell wieder. „Und wie lautet das Zitat?“

Der Einsame Schütze nahm das Manuskript zur Hand und blätterte. Mit gedämpfter Stimme las er:



„Ich möchte glauben. Es verstehen. Aber mein Verstand verschließt sich diesem Verlangen und schafft stattdessen noch mehr unbeantwortete Fragen.“



„Interessant“, erwiderte Scully ohne Betonung, „aber wie kommt nun der Zentralrechner des Weißen Hauses ins Spiel?“ – Sie verschränkte die Arme – „Und was hat das mit der Entführung von Doggett und Reyes zu tun?“

„Zu dem einen komme ich sofort“, erklärte Frohike und legte das Manuskript beiseite. „Mir erschien es seltsam, dass eine Aussage zitiert wurde, ohne einen Quellverweis anzugeben. Kann natürlich ein Fehler gewesen sein. Aber ich denke, dem ist nicht so.“

„Was willst du damit sagen?“ – Langly lugte auf den Bildschirm und schüttelte den Kopf. „Oh Gott, meinst du...?“

„Ja“, antwortete Frohike gelassen und fuhr fort. „Mir scheint, es sollte niemals klar werden, wer dieses Zitat gesagt hat. Es war vielleicht nicht für jedermanns Gehör gedacht und hätte Schaden anrichten können, wenn nicht sogar“ – Er machte eine etwas längere Pause und holte einmal tief Luft – „jemandes Ansehen schaden können.“

„Zum Teufel, wovon sprichst du?“ – Mulder wurde langsam ungeduldig und erhob seine Stimme.

„Immer mit der Ruhe“, versuchte Frohike den Agenten zu beschwichtigen. „Wie gesagt: ich dachte mir das, was ich euch gerade erläutert habe. Und danach fiel mein Blick auf die Biographie Mac Finns ... und auf den Namen seines Vaters, George H. Mac Finn.“

„Und?!“, fragte Scully leicht nervös.

„Nun, George Mac Finn war in den dreißiger Jahren als Berater im Weißen Haus zuständig.“

„Du machst Witze“, konterte Mulder kopfschüttelnd. „Der Vater dieses Wissenschaftler soll damals im Beraterstab des amerikanischen Präsidenten gewesen sein?!“

„Ja.“

„Das glaube ich nicht“, murmelte der Agent und knetete seine Unterlippe. „Das wären einfach zu viele Zufälle.“

„Wieso?“ – Diesmal war es Frohike, der dem ganzen nicht folgen konnte.

„Nun“, begann Mulder, dem das alles immer noch reichlich komisch vorkam, „als Berater des amerikanischen Präsidenten ist man so gut wie immer in seiner Nähe, hilft bei der Entscheidungsfindung – kurz und gut: man bekommt aus nächster Nähe mit, was dem Präsidenten missfällt, Sorgen macht...“

„Ja“, wiederholte sich der kleinste der Einsamen Schützen und begriff nun, dass auch Mulder verstanden hatte.

„Du hast also, auf gut Glück, das Zitat hier mit geheimen Dokumenten verglichen, welche auf dem Zentralrechner archiviert wurden – in der Hoffnung, dass dies ein Zitat“ – Mulder holte einmal tief Luft – „ des amerikanischen Präsidenten ist? Willst du uns das die ganze Zeit sagen?“

„Ja“, antwortete Frohike getragen. „Dann wüssten wir wenigstens, wie Steve Mac Finn an das Zitat kam, und warum er es nicht mit einem Quellverweis versehen hat – weil es im Grunde streng vertraulich ist! Versteht ihr? Aber vielleicht hat sein Vater ihm ja früher als Kind mehr erzählt, als er eigentlich gedurft hätte...!“

„Ach du meine Güte...“, entfuhr es Scully, der jetzt etwas bewusst wurde, so dass sie sich setzen musste. Entsetzt blickte sie in die Gesichter, die sie anstarrten. „Wisst Ihr, was das heißt? - Wenn Steve Mac Finn wirklich dieses Zitat in seinem Manuskript verwendet hat, dann haben wir den Täterkreis auf 2 reduziert.“

„Die da wären?“, fragte Mulder nachdenklich und blickte ihr in die Augen, welche in diesem Moment glasig und leer geradewegs durch ihn hindurch zu sehen schienen. So hatte er sie noch nie gesehen. Und das machte ihm Angst.

„Entweder haben wir es weiterhin mit religiösen Fanatikern zu tun, oder-“ – Gedankenverloren blickte sie in dem Raum umher und erhaschte nur nicht verstehen wollende Blicke – „oder wir haben es mit dem schwersten und gefährlichsten aller Gegner zu tun.“ Sie schluckte.



„Mit der amerikanischen Regierung!“





Und alle blickten daraufhin fassungslos auf das seltsame Dokument, welches Frohike auf eben jenem Rechner des Weißen Hauses gefunden hatte.



„Ich möchte glauben. Es verstehen. Aber mein Verstand verschließt sich diesem Verlangen und schafft stattdessen noch mehr unbeantwortete Fragen.“



stand dort in dem vormals handschriftlich verfassten und später zur Verwahrung eingescannten Dokument geschrieben. Und unmissverständlich prangte eine Unterschrift darunter, welche mit unruhiger Hand verfasst worden war. Die Linien waren dünn, die Schrift geschwungen, und doch konnte man klar den Verfasser des Briefes ausmachen. Der Name lautete:





R O O S E V E L T







Die Welt ist ein Mysterium. Sie ist zu komplex, zu groß, als dass man alles auf einen halbwegs kompakten Nenner bringen könnte. Wer es versucht, wird resigniert aufgeben. Wer es hingegen nicht versucht, ist letztlich aber als derjenige zu bezeichnen, der es geschafft hat ...







2.2. 1936 White House, Washington, D.C., spät am Abend



„Sie sind wieder da – die Lichter.“

„Ich sehe sie auch, Francis. Wahrscheinlich nur Flugzeuge, die etwas auskundschaften wollen.“

„Das denken Sie, Mister President? Mit Verlaub, aber ich verstehe nicht, wie Sie so ruhig bleiben können.“

„Nein?“

„Nein, um ehrlich zu sein. Angesichts der Wirtschaftskrise...“

„Francis, ich sehe, Sie müssen noch viel lernen.“



Franklin D. Roosevelt schritt zu dem großen Fenster, welches einen Spalt breit geöffnet war und blickte zum Sternenhimmel. Frischer Wind umspielte die hochgewachsene Statur des mächtigsten Mannes der Welt und bewegte die roten samtenen Vorhänge, die anfingen, sich zu winden. Francis Stirling, einer der Berater Roosevelts, zupfte an seiner Brille und schritt in Richtung des Präsidenten.

„Ich möchte damit doch nur andeuten, dass Sie dies alles nicht unbedingt auf die leichte Schulter nehmen sollten. Sie sind der Präsident, und als solcher sollten sie um das Wohl Ihres Volkes bemüht sein!“

Franklin D. Roosevelt fuhr herum und blickte den kleinen schnauzbärtigen Mann an. Er lächelte.

„Francis, man muss sich nur dann Sorgen machen, wenn Grund dazu besteht“, sagte er freundlich und bewegte sich zu dem großen Schreibtisch. „Ich sehe aber eben jenen Grund nicht, wenn sich ein paar Lichter am Himmel bewegen.“

„Aber eben jene Lichter könnten...!“, begann Stirling, brach dann aber mitten im Satz ab, als er bemerkte, wen er da gerade beinahe angeschrieen hätte. Verlegen blickte er zu Boden. „Bitte entschuldigen Sie“, murmelte er.

„Schon gut.“

„Ich denke, ich werde mich dann zurückziehen“, erklärte Francis und machte Anstalten zu gehen.

„Machen Sie Feierabend, Sie haben es sich verdient.“ – Roosevelt nickte dem Mann freundlich zu und widmete sich den auf dem Schreibtisch befindlichen Unterlagen. Plötzlich sah er kurz auf.

„Francis?“, fragte er. Der Berater drehte sich um. „Ja, Mister President?“ – „Wären Sie so gut und würden Sie bitte noch einmal George Mac Finn ganz kurz zu mir schicken?“

„Selbstverständlich“, erwiderte Francis Stirling und fügte hinten dran: „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.“

„Die wünsche ich Ihnen auch.“



Somit verschwand der kleine Mann durch die eichebeschlagene Tür und ließ diese langsam ins Schloss fallen. Die Mine des Präsidenten änderte sich schlagartig, jetzt, da er alleine war. Unsicher blickte er zum Fenster und dachte nach.

Er wollte es nicht wahrhaben.

Er wollte es sich nicht eingestehen.

Er wollte es die anderen nicht wissen lassen.

Aber er hatte Angst.

Angst vor der Lichtern. Angst vor der Ungewissheit.

Auf seinen engsten Berater wartend, faltete Franklin D. Roosevelt die Hände und starrte weiter angespannt aus dem Fenster.



*



Draußen tanzten die seltsamen Lichter am Himmel und boten dem verwunderten Beobachter ein Schauspiel dar, welches sich zwar keiner erklären konnte, aber dennoch die Menschen zum Nachdenken anregte und so manche unbeantwortete Frage im tiefsten Innern eines Jeden schuf. Die, ob es wohl verglühende Sterne wären auf ihrem Weg in die Umlaufbahn, war nur lediglich eine davon.



*




Gegenwart, an einem unbekannten Ort



„Was soll das? Ich verstehe das nicht!“



Reyes lief reichlich verärgert in dem weißen Raum hin und her, in den man sie und Doggett vor einer knappen Stunde gesteckt hatte. Im Innern bebte sie.

„Erst sagt man uns, wir würden etwas gezeigt bekommen, und dann sperrt man uns in einen weißen Raum ohne Fenster! Da ist doch was faul!“

„Denke ich nicht“, sagte Doggett leise und setzte sich auf den kalten gefliesten Boden. „Ich denke, wir sind nur noch nicht vollzählig!“

„Vollzählig? Was meinst du das?“

„Ich bin, als ich hierher gebracht wurde, an einer weiteren Zelle vorbeigekommen, Monica.“ – Doggett sah sie an – „Außer uns ist noch jemand hier.“

„Und das wäre?“

„Ich habe mich bei unserem „Gastgeber“ erkundigt. Es ist Steve Mac Finn, Monica. Der Wissenschaftler, der den Diebstahl im Forschungsinstitut gemeldet hatte. Er ist auch gefangen genommen worden.“ – Der Agent seufzte einmal – „Mir scheint, er soll es auch erfahren...“

„Es, es! Ich höre immer nur es, John! Was zum Teufel soll denn dieses „es“ sein?“ – Monica setzte sich neben ihren Partner und schien verwirrt. „John, ich weiß manchmal einfach nicht mehr, was ich glauben soll“, brachte sie schluchzend hervor und presste sich an die starke Schulter des Agenten. „Ich weiß manchmal einfach nicht mehr, ob ich überhaupt noch etwas glauben soll!“

„Monica?“, flüsterte er zärtlich und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. „Es gibt so viele Sachen, an die es sich zu glauben lohnt.“ Er lächelte. „So viele Dinge...“

„Ja“, schluchzte sie. „Ich vergesse es nur immer wieder...“

„Ich weiß“, murmelte er und drückte sie fest an sich. Trotz der angespannten Lage, in der sich die beiden offensichtlich befanden, konnte der Agent den Gedanken nicht verwehren, dass er in eben jenem Moment froh war, sie im Arm halten zu können. Sie bei sich zu haben. Traute Zweisamkeit.

Jetzt wusste er, was er zuvor immer vermisst hatte. Wofür es sich zu leben lohnte. Er erkannte es endlich und drückte sie sanft noch etwas fester an sich.



... und da öffnete sich plötzlich die Tür zu dem Raum.





2.2.1936, White House, Washington, D.C.



„Sie haben nach mir verlangt, Mister President?“



George H. Mac Finn schloss die Tür hinter sich und schritt auf den Schreibtisch zu, an dem der Präsident der Vereinigten Staaten Platz genommen hatte. Roosevelt lächelte und bat seinen Berater und Freund, doch auf einem der Stühle Platz zu nehmen. „Ich danke Ihnen“, sagte George und schlug ein Bein über das andere. „Was liegt Ihnen am Herzen?“

Der Präsident schwieg einen Moment, zog dann eine Zigarrenschachtel aus einer der Schubladen des Tisches hervor und öffnete sie. „George“, sagte er, während er sich eine Zigarre aus der edlen Schatulle nahm. „George, habe ich jemals auch nur den Eindruck erweckt, ich würde“ – Roosevelt machte eine Pause und steckte sich die Zigarre an, deren Qualm kräuselnd empor zur Decke stieg – „...ich würde Schwäche zeigen?“

„Mister President, was für eine seltsame Frage...!“

„Beantworten Sie meine Frage ... bitte. Und nehmen Sie Abstand von der Position, ich könne gar keine Schwäche zeigen, weil ich der Präsident bin. Ich bin kein Übermensch.“ – Roosevelt lehnte sich in seinem Stuhl zurück und blickte zur Decke. „Ich bin kein Übermensch“, murmelte er noch einmal leise und fast unhörbar. George H. Mac Finn war verwundert ob dieser Frage und zögerte. „Ich verstehe nicht...“, kam es zaghaft. „Warum fragen Sie das?“

„Aus einem einfachen Grund“, begann Franklin D. Roosevelt und lächelte angestrengt. Ihm schien etwas Kopfzerbrechen zu bereiten. „Sehen Sie, George, in den Jahren, die wir uns nun schon kennen, habe ich eines gelernt. Die Tatsache, dass einem der Amtstitel „Präsident“ zu eigen ist, scheint für manche Menschen eine gewisse Illusion herbeigerufen zu haben.“ – Er stand auf und nahm einen weiteren Zug an der Zigarre, während er sich, mit dem Rücken zu George, vor das große Fenster stellte, durch das das Mondlicht als ein heller Strahl einfiel. „Eine Illusion dergestalt, dass es einem von nun an nicht mehr gestattet ist, Schwäche zu zeigen. Angst zu haben.“ – Er senkte seinen Blick und fügte resigniert an: „Mensch zu sein!“



Mac Finn glaubte nicht, was er da hörte und schüttelte den Kopf, so als wolle er das eben Gehörte schnell wieder aus seinen Gehörgängen verschwinden lassen. „Sagen Sie das nicht!“, entgegnete er mit erhobener Stimme, in der ein klein wenig Angst mitklang. „Sie sind sehr wohl ein Mensch!“

„Ja“, erwiderte der Präsident, „ja, ich weiß. Aber es ist falsch anzunehmen, dass die Bevölkerung dies auch so sieht. Ich denke, sie schafft sich in ihren Gedanken eine Art Beschützer – eine Art Beschützer in Gestalt von mir. Gut, ich bin ja nun mal in Ausübung meines Amtes auch für die Menschen verantwortlich. Aber viele scheinen bei alledem zu vergessen, dass ich nur zweitrangig der mächtigste Mann der Welt bin.“

„Wie meinen?“

„Was ich damit sagen will: trotz meines Amtes bleibe ich erstrangig der Mensch Franklin D. Roosevelt, George!“

„Ja ... sicher, das versuche ich Ihnen ja die ganze Zeit klarzumachen, Mister President. Aber warum...?“



Roosevelt drehte sich um, und das Mondlicht brach sich an der hochgewachsenen Statur des Mannes. „Ich habe Angst, George“, sagte er zögerlich und blickte über die Schulter zurück gen Himmel. „Ich habe Angst vor dem, was da draußen ist.“

„Sie meinen diese seltsamen Lichter, Sir?“

„Ja.“

„Und deshalb stellen Sie Ihre Persönlichkeit in Frage, Mister President? Nur weil Sie Angst haben?“ – George H. Mac Finn lächelte – „Seien Sie versichert, dass Sie dies nur umso stärker erscheinen lässt, Sir.“

„Ich hatte gehofft, Sie würden derartiges sagen.“ Franklin D. Roosevelt steckte die rechte Hand in die Tasche seiner schwarzen Hose. „Manchmal fällt es mir wieder ein, warum ich Sie meinen Freund nenne, George.“

„Zu gnädig, Mister President“, sagte George reichlich verlegen und erhob sich aus seinem Stuhl. „Haben Sie noch etwas auf dem Herzen? Ich stehe jederzeit zu Ihrer...“

„Nein, danke. Ich musste nur mit jemandem reden, von dem ich weiß, dass er mich versteht.“ Roosevelt verzog die angespannte Mine zu einem Lächeln und nahm einen letzten Zug von der im Grunde erst angerauchten, teuren Zigarre. „Ich danke Ihnen.“

„Wünsche eine angenehme Nacht.“



Der Berater Roosevelts ging auf die Tür zu, öffnete sie, blickte jedoch, bevor er sie hinter sich zuzog, noch einmal zurück.

Er wollte nicht so recht verstehen, was der Präsident ihm da gerade offenbart hatte. Nachdenklich zog er die schwere Tür ins Schloss und ging den langen weiten Korridor entlang.



Dass in diesem Moment plötzlich gellend weißes Licht unter der Türritze hindurch einen feinen, dünnen Strahl vor das Arbeitszimmer des Präsidenten projizierte, bemerkte er nicht mehr. Ebenso wenig die Tatsache, dass in just diesem Augenblick alle im Weißen Haus befindlichen Uhren stehen blieben. Er bemerkte nichts.



Die Zeit stand einen Moment still.



Heute.



Am Abend des 2. Februar des Jahres 1936.




Gegenwart, Aufenthaltsort von Doggett und Reyes, geografische Lage unbekannt



„Sieh man an, traute Zweisamkeit“, sagte Rob Hermes grinsend und richtete die Waffe in seiner Hand auf die beiden Agenten, welche eng umschlungen auf dem kalten Fliesboden saßen. „Auf!“, kommandierte er leicht übertrieben und deutete durch ein Nicken Richtung Tür an, dass Doggett und Reyes aufstehen und diese Zelle verlassen sollten.

„Sie verdammter Schweinehund kommen sich mächtig stark vor in der Rolle des Überlegenen, wie!?“ – Doggett musste an sich halten, Rob nicht an den Hals zu springen und blickte wütend auf den Pistolenlauf in der Hand des Entführers. „Das ist meine Waffe, Sie Arschloch!“, erkannte er und biss die Zähne zusammen. „Sie bekommen noch Ihre gerechte Strafe...“, presste er zwischen den Zähnen hervor und ging merklich erregt hinter Reyes aus der Zelle. Draußen registrierte der Agent nur nebenbei, dass Steve Mac Finn nun auch den Agenten folgte – mehr oder minder freiwillig.



*



Weiß!

Das Erste, was Reyes, Doggett und Steve Mac Finn ins Auge trat, war das durch und durch blendende Weiß, in das der Raum getaucht war. Waren sie vorher noch durch dunkle Korridore gelaufen, so stand dieser Raum im krassen Kontrast dazu und veranlasste die Personen zwangsläufig dazu, die Augen ein wenig zu schließen.

John Doggett blinzelte.

„Wo sind wir?“, fragte er verwundert und drehte sich zu Rob Hermes um. „Was soll das?!“

„Wir sind im Herzstück des Ganzen, Agent Doggett. Genauer gesagt, davor.“

„Davor?!“

„Agent Doggett, ich möchte Sie und Ihre reizende Freundin, ebenso auch Sie, Dr. Finn, bitten, auf den dort unten bereit stehenden Stühlen Platz zu nehmen. Kommen Sie.“ – Er deutete mit der Pistole nach unten auf drei helle Stühle, die am unteren Ende einer Treppe standen.

Missmutig taten die Menschen, wie ihnen befohlen und gingen langsam die Treppe hinab. Rob Hermes grinste derweil.

„Ich muss Ihnen allen nämlich noch eine Geschichte erzählen“, murmelte er. „Eine kleine Geschichte. Und nichts wird danach mehr so sein wie vorher.“ – Doggett warf Rob Hermes einen vernichtenden Blick zu.

„Tun Sie nicht so großspurig!“

„Agent Doggett, Sie täten gut daran, Ihr Temperament etwas zu zügeln. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihrer Freundin [Doggett blickte auf die vor ihm laufende Reyes, die sprachlos langsam einen Fuß vor den anderen setzte und mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein schien.] hier“, sagte Hermes barsch und drückte dem Agenten den Pistolenlauf in die Rippen. „Seien Sie doch nur etwas offener – denken Sie dran: diesen Tag werden Sie so schnell nicht vergessen. Das versichere ich Ihnen!“
Kapitel 11 by Stefan Rackow
~Teil 10~

-Der Anfang vom Ende-



Alles beginnt einmal, auch das Ende. Und dessen Ende kann wiederum ein neuer Anfang sein.



*



[ 1 ] „ Der Verräter in den eigenen Reihen“



2.2.1936



So schnell, wie das Licht gekommen war, so schnell verschwand es auch wieder. Franklin D. Roosevelt wusste nicht, wie ihm geschah. Er saß mit schmerzenden Augen am Schreibtisch und konnte sich nur mühsam wieder an das Dunkel gewöhnen. Kleine Ringe tanzten frohlockend vor seinem geistigen Auge hin und her und verursachten einen leichten Kopfschmerz. Benommen stützte sich der Präsident auf seinen Schreibtisch und stemmte sich langsam aus dem Stuhl hoch. Er konnte noch nicht richtig sehen und stolperte hilflos wie ein kleines Kind in die Richtung, von der er annahm, dass sie die Tür beherbergte. Vor lauter Schreck schien er für einen kurzen Moment vergessen zu haben, wie man sprach, so dass nur undeutliche Laute seinem Mund entsprangen.

Genauso wenig war er in der Lage zu sprechen, als er plötzlich eine starke Hand auf seiner Schulter spürte!


Gegenwart



„Ich erzähle es Ihnen jetzt so, wie es mir damals erzählt wurde. Es ist eine Überlieferung. Und obwohl manches ungereimt erscheint, so kann ich Ihnen doch versichern, dass es sich wirklich so zugetragen haben muss.“



Rob Hermes setzte sich nun seinerseits auf einen Stuhl und verschränkte die Arme. Er lächelte etwas. „Sie werden verstehen, dass ich untröstlich bin, dass es für das, was ich Ihnen nun erzähle, keinen filmischen Beweis gibt, so dass ich es wohl oder übel jedem selbst überlassen muss, sich selbst ein Bild im Kopf zu gestalten.“ – Er blickte zuerst Doggett, dann Reyes und schließlich Steve Mac Finn an – „Für so kreativ halte ich Sie, meine Damen und Herren.“

„Schwingen Sie keine Reden“, machte Doggett seinem Unmut Luft und verzog das Gesicht. Zu seiner Überraschung fing er sich damit aber nur zwei durchdringende und missbilligende Blicke der anderen Mitgefangenen ein.



„Nun“, begann Hermes kühl, „ wenn denn alles geklärt ist, möchte ich, wenn Sie nichts dagegen haben, Agent Doggett, anfangen.“



„Tun Sie sich keinen Zwang an“, erwiderte der Agent zynisch und schüttelte den Kopf. „Ich muss verrückt sein“, murmelte er missmutig und blickte Rob Hermes verachtend und mit von Hass erfüllten Augen an.



„Gut.“ – Der Entführer faltete die Hände und sagte selbstironisch: „Mal sehen, ob ich alles noch zusammen bekomme. Es soll sich Anfang 1936 im White House in Washington, D.C. zugetragen haben. Der damalige Präsident Franklin D. Roosevelt saß in seinem Arbeitszimmer, als es sich ereignete ...



... er bekam Besuch! [...]“





2.2.1936



„Haben Sie keine Angst, Sir“, hörte er eine Stimme ganz nahe an seinem Ohr sagen. Was ihn aber am meisten verwunderte, war, dass er mit einem Male innerlich etwas zur Ruhe kam. Er atmete einmal tief durch und schloss die Augen.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er nervös und drehte sich langsam um. Jemand stand vor ihm. Jemand Großes.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen. Etwas von äußerster Wichtigkeit! Bitte, schreien Sie nicht! Niemand darf wissen, dass ich hier bin!“

„Wenn Sie für das Licht verantwortlich zeichnen, dann weiß es bald sowieso das ganze Haus“, erwiderte Franklin D. Roosevelt ironisch angehaucht und blinzelte. Seine Augen hatten sich nun fast an das Dunkel gewöhnt, so dass er in der Lage war, erkennen zu können, wer sich des Nachts Zugang zu seinem Zimmer verschafft hatte. „Sie müssen verrückt sein, da Sie anscheinend nicht wissen, welches Gebäude Sie hier zu nachtschlafender Zeit widerrechtlich betreten haben ... zumal ...“ – Der Präsident stutzte. –„ Wie zum Teufel sind Sie an den bewaffneten Wachen vorbeigekommen...?!“

„Mister President, Sie würden das sowieso nicht verstehen“, antwortete die Person getragen und ging einen Schritt zurück in den Schatten des großen Bücherregals. „Ich komme von weit her...“

Franklin D. Roosevelts Augen hatten sich nun vollständig wieder an die dunkle Umgebung gewöhnt. „Wer sind...?“, begann er noch einmal, stockte jedoch plötzlich. Aschfahl der Ausdruck in seinem Gesicht, blickte er mit großen Augen auf die Person im Schwarz, nicht möglich, ein Wort zu sagen. Das Schweigen hielt einen Moment an, während das Licht des Mondes in einem endlos lang scheinenden Strahl durch das Fenster in das geräumige Zimmer einfiel und sich in einem leuchtenden Punkt auf der Wand manifestierte. Ganz nah bei dem Eindringling. So nahe, dass die linke Hälfte des Gesichtes des Mannes ein wenig angeleuchtet wurde.

„George...?!“

Der mächtigste Mann der Welt glaubte einfach nicht, was er sah und wich einen Schritt weiter zurück gen Tür. „Sie – sind doch ... gerade ...?“

„... durch die Tür gelaufen?“, begann „George“ leise und trat aus dem Schatten. „Ja, das tat George wohl.“

„Sie...?“

„Ich bin nicht George, Mister President! Ich bin es nicht, auch wenn Sie das im ersten Moment nicht wahrhaben wollen.“

„Sie, Sie wollen mir weismachen, dass...? Ich habe doch gerade gesehen, wie Sie durch die Tür gegangen sind! Dort. Sie haben sie aufgemacht und dann wieder geschlossen. Hier! Vor zwei Minuten!“ – Roosevelt deutete verwirrt auf die Tür und blickte fassungslos auf die Gestalt vor seinen Augen. „Was für ein Spiel ist das?! Ich weiß doch wohl noch, was ich gesehen habe!“

„Das, was Sie gesehen haben, entspricht der Wahrheit, Franklin“, erwiderte der Eindringling freundlich. „Sie scheinen nur noch nicht verstanden haben. Als ich vorhin meinte, ich wäre nicht ihr Berater“ – Er machte eine Pause und verzog den Mund zu einem Lächeln – „ - obwohl das, was Sie in mir sehen oder zu sehen glauben, auf etwas Anderes schließen lässt - , da sagte ich die Wahrheit.“

„Was...?“

„Nun“, erklärte „George“, „ich sagte, ich sei nicht George. Das impliziert nämlich gleichzeitig, dass die Person, die Ihr Zimmer vor wenigen Minuten verlassen hat, George war! Verstehen Sie jetzt?“

„Also habe ich Sie ... ihn doch mein Zimmer verlassen sehen?“, fragte der Präsident nicht verstehen wollend und stützte sich an die Wand. „Wie kann das sein?“

„Ich bin ein Freund.“

Der Mann näherte sich dem Hochgewachsenen und hob seine rechte Hand.



„Haben Sie keine Angst. Ich muss Ihnen etwas sagen, etwas von größter Wichtigkeit.“



Die Hand berührte die Stirn Roosevelts, und der Fremde schloss die Augen. Monoton sprechend, summte er die folgenden Worte.



„I C H S A G E E S I H N E N … J E T Z T ...!“



Und daraufhin verschwand der Raum um die beiden und wurde eins mit der Dunkelheit der Nacht.



Er stand mit einem Male draußen im Garten des White House.

Regen prasselte auf die Statur des Mannes herab und benetzte den Anzug Roosevelts. Verwundert drehte sich der Präsident um. Wie war er hier her gekommen? Warum stand er zu dieser Zeit – er blickte auf die Uhr und erkannte, dass sie stehen geblieben sein muss – hier draußen?



„Dass Sie sich nicht so recht erinnern können, ist normal“, hörte er eine bekannte Stimme hinter ihm sagen. „Es mag daran liegen, dass das hier nicht real ist. Es spielt sich lediglich in ihrem Verstand ab. Nur dort besitzen sie die Möglichkeit zu glauben.“ Der Mann trat an Roosevelt heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Zudem befinden wir uns gerade in einer Art Zeitlosigkeit, so dass es Ihnen zwar vorkommen mag, Sie seien Minuten, vielleicht sogar Stunden weg, aber in Wirklichkeit ist nur der Bruchteil einer Sekunde vergangen.“

„Ich bin in einer Art Trance?!“

Roosevelt schüttelte den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Ich glaube das einfach nicht! Sie kreuzen ihr auf, ohne Erlaubnis, ohne ersichtlichen Grund, und erzählen mir, dass ich träume, beziehungsweise durch Sie in einen vergleichbaren Zustand versetzt wurde?! Junger Mann, der Sie vorgeben, jemand zu sein, der Sie nicht sind: wenn Sie mir nicht innerhalb der nächsten Minute ausdrücklich klarmachen, was ihr Anliegen, für dessen Ausführung Sie sich sogar strafbar wegen Hausfriedensbruch und unerlaubten Betretens von Privateigentum gemacht haben, ist, dann rufe ich die Wachen zusammen und lasse Sie festnehmen!“

„Das hätte hier keinen Zweck, Mr. Roosevelt. Ich sagte doch, das ist lediglich...“

„Hören Sie mir mit der Traumdeuterei auf!“

Franklin D. Roosevelt verschränkte die Arme und blickte zum imposanten Amtssitz.

„Also...?“

„Sie können es gerne versuchen, aber Sie werden...“

„Ich habe Sie gewarnt, junger Mann!“, sagte Roosevelt trocken und formte die Hände zu einem Trichter, welchen er vor seinen Mund hielt. „Wachen! Hierher! Ein Unbekannter hat unerlaubter Weise...!“, begann er zu rufen, doch weiter kam er nicht.



Wie eine Reflektion prallten die Worte an einer unsichtbaren Mauer ab und kehrten, laut und durchdringend, zu ihrem Ursprung zurück. Das Echo war derart stark, dass Roosevelt zu Boden ging ob der Intensität des mächtigen Wortes und dort liegen blieb. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich die Ohren.



„Ich habe Sie gewarnt, Mister President“, sagte „George“ leise, nachdem der Widerhall verklungen war und nur noch das Prasseln des Regens zu vernehmen war. „Hier existieren nur Sie und ich. Sie, weil es Teil Ihrer Erinnerung ist, und ich, weil ich sie benutze.“

„Sie benutzen meine Erinnerung?“

„Ja, fällt Ihnen denn gar nichts auf? Der Regen, die Uhrzeit? Das, was Sie anhaben?“

„Was meinen Sie?“

„Soweit ich weiß, trugen Sie, als ich Sie getroffen habe, einen schwarzen Anzug. Und schauen Sie sich jetzt an.“

Der Unbekannte lächelte und deutete mit seinem Finger auf Roosevelts Gestalt.

„Sehen Sie sich an und verstehen Sie.“



Franklin D. Roosevelt erkannte mit Schrecken, dass er nun einen dunkelblauen Anzug trug, welcher vom Regen schon fast völlig durchnässt worden war. Verwirrt sah er auf.

„Das, das ist mein Ausgeh-Anzug! Der Anzug, den ich...“

Er stockte.

„...den ich heute Nachmittag angehabt hatte. Und da ... oh mein Gott, geregnet hat es auch...!“

Sein Gegenüber nickte.

„Ganz recht. Vielleicht verstehen Sie jetzt, was ich vorhin mit „ich benutze Ihre Erinnerung“ meinte. Wir sind hier an einem Ort aus Ihrer Erinnerung – um genau zu sein: knapp 4 Stunden in der Vergangenheit.“

„Sie, Sie haben Ihre Hand auf meine Stirn gelegt, ich erinnere mich wieder...!“

Der Präsident blickte fassungslos auf den Unbekannten und verstand nun.

„Dadurch hatten Sie Zugriff auf meine Erinnerung...“

„Ja.“

„Aber wozu das alles? Was, was wollen Sie von mir?“

Die seinem Berater zum Verwechseln ähnlich sehende Person änderte ihren Gesichtsausdruck. Missmutig, beinahe mit einem Ausdruck von Sorge und Trauer, setzte sie sich auf den nassen Rasen und blickte auf den nur in der Erinnerung Roosevelts existierenden Himmel. Hoch oben leuchtete ein helles Licht.

„Sie kennen das Licht da oben...?“, fragte er leise und getragen und senkte den Blick nicht ab. „Sie kennen die Lichter, nicht?“

„Was wissen Sie davon?“, stellte der Präsident seinerseits eine Frage in den Raum und setzte sich neben den Unbekannten. Seine anfängliche Skepsis schien verflogen. „Sie haben Recht, ich kenne diese Lichter. Und Sie machen mir Angst.“

„Angst ist menschlich“, erwiderte der Fremde hauchend und verzog den Mund zu einem Lächeln. „Es sind die, die Angst haben, die letztlich zu denen werden, die siegen. Es mag nur eine Theorie sein, aber sie schafft neue Hoffnung.“

Er seufzte.

„An diesem Glauben festhalten zu können, ist die größte aller Herausforderungen, Mister President. Und ich weiß, wovon ich rede.“

„Sie haben Angst, Mr. ...- da fällt mir ein, ich kenne Ihren Namen noch gar nicht.“

„Ich habe keinen Namen. Wir alle haben dort, wo wir herkommen, keine Namen. Ist vielleicht ein Vorteil, da man so immer ein Teil des unüberschaubaren Ganzen bleibt.“ Er seufzte noch einmal und senkte den Kopf. Roosevelt verstand.

„Immunität, richtig? Sie sprechen von der Möglichkeit des Unerkannt – Operierens.“

„Ja...“

„Und Sie nutzen diese Möglichkeit aus?“



Der Mann ohne Namen nickte und hob seinen Kopf ein wenig. Eine Träne lief seine Wange herunter und tropfte in eine kleine Pfütze, welche sich aufgrund des anhaltenden Regens auf dem grünen Rasen gebildet hatte.

„Ja, ich und eine kleine Gruppe haben uns diese Möglichkeit zueigen gemacht. Wenn Sie es so wollen, sind wir Freiheitskämpfer. Kämpfer, die an das Gute glauben und sich dem Joch der Tyrannei ergeben müssen, da sie nur ein winziges Blatt am Baum der Gesellschaft sind. Eines von vielen.“

„Sie werden unterdrückt?“

„Nein“, erwiderte der Mann, „nein, es ist lediglich unser Verstand, dem es versagt ist, das , was die Mehrheit anstrebt, mit zu unterstützen. Alle glauben, sie kämpfen für das Richtige, aber in Wirklichkeit ist dem nicht so...! Verstehen Sie? Dafür, dass ich hier bin und Ihnen davon erzähle, verdiene ich den Tod. Ich verrate meine Leute! Und warum? Weil ich anders denke und nicht mit der breiten Masse mitgehe! Ich habe mich abgespalten und bin nun hier. Bei Ihnen.“

„Ich versteh’ nicht ganz“, kam es zögerlich von Seiten des Präsidenten. „Warum verdienen Sie den Tod dafür, dass Sie mit mir reden? Wollen Sie etwa andeuten, dass ich...?“

„Sie sind Teil dieser Operation! Sie und alle anderen! Die ganze Welt ahnt noch nicht, dass bald ein Krieg ausbrechen wird! Ein schrecklicher Krieg, an dessen Ende es nur einen Sieger geben kann...“

Er schüttelte traurig den Kopf und sprach: „... und das ist nicht die Menschheit!“



Roosevelt lächelte und fügte ironisch an: „Das hört sich zwar alles wunderbar dramatisch an, aber Sie können nicht von mir verlangen, dass ich das glaube. Zumal ich nicht verstehe, wer in eben genanntem Krieg als Sieger hervorgehen sollte, wenn es nicht die Menschheit ist.“

„Erinnern Sie sich an die Lichter?“

„Ja.“

„Nun“, begann der Fremde, „die da werden die Sieger sein.“

„Die Lichter?!“

„Nein, die, die dafür verantwortlich zeichnen. Die, die ich verrate, indem ich Ihnen das nun Folgende sage.“

„Sie sind ja verrückt!“

Roosevelt stand auf und schritt zum Eingang des Weißen Hauses. „Ich verstehe einfach nicht, warum ich mich auf diesen Deal eingelassen habe. Ich muss verrückt gewesen sein!“

„Mister President...“

„Ich will nichts mehr hören! Ich möchte nur aufwachen und wieder normal meiner Arbeit nachgehen können! ... und Sie sind dann hoffentlich nichts weiter mehr als eine bloße Erinnerung in meinem Kopf, die so schnell verschwinden wird, wie sie gekommen ist!“



„Mister President“, beharrte der Unbekannte weiter, „ich kann verstehen, dass Ihnen das alles paradox erscheint, wenn nicht sogar unsinnig. Und dass Sie das alles auf Anhieb verstehen, kann ich auch nicht von Ihnen verlangen. Daher werde ich Sie gleich wieder zurück in die Gegenwart versetzen. Jedoch...“ - Der Mann näherte sich dem Präsidenten und legte seine Hand auf dessen Schulter - „Jedoch sollen Sie noch den Grund meines Besuches erfahren, und ich bitte Sie, mir noch eine Minute Gehör zu schenken. Danach werde ich verschwinden, und Sie werden vielleicht nie wieder von mir hören.“

„In Ordnung. Sprechen Sie. Aber machen Sie es kurz.“



Roosevelts Gesprächspartner nickte akzeptierend und näherte sich mit dem Mund dem rechten Ohr des mächtigsten Mannes der Welt. Die nun folgenden Worte waren eindringlich und geheimnisvoll. Jedoch zeigten sie Wirkung, bescherten sie Roosevelt doch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.

Mit großen Augen blickte er auf.

„Was, was wollen Sie mir damit sagen?!“

„Nur, dass jemand auf Ihrer Seite steht und versuchen wird, Schlimmeres zu verhindern.“

„Sie, Sie wollten mich warnen? Ist es das?“

„Ja... und nun werde ich Sie verlassen. Haben Sie Dank, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.“

Er lächelte.

„Und geben Sie niemals die Hoffnung auf. Die Hoffnung ist das Fundament, auf dem die Erfüllung eines Traumes aufbaut. Festigen Sie es!“

„Aber...?“



Roosevelt wollte noch etwas fragen, doch da realisierte er, dass er sich schon wieder in seinem Arbeitszimmer befand. Geistesgegenwärtig rannte er zum Fenster, riss es auf und blickte nach oben in den sternenklaren Himmel.

Die seltsamen Lichter waren verschwunden, ebenso der mysteriöse Besucher. Nichts deutete mehr darauf hin, dass jemand hier gewesen war. Nur er war Zeuge dieses Ereignisses gewesen. Und sein Verstand, in dessen Innern die Worte des Besuchers immer noch existent waren.

Es waren seltsame, verstörende Worte. Und obgleich Roosevelt selbige noch nicht verstehen konnte, machten sie ihm doch Sorge.



„Hier wird es seinen Anfang nehmen, hier wird es enden. Es wird Feuer regnen, und Menschen werden panisch schreiend umherrennen. Auf der Suche nach Schutz. Aber es wird keinen geben. Der Feind ist zu mächtig, die Waffen zu stark, als dass man sich ihnen widersetzen könnte. Viele werden gegen den Feind ankämpfen, und viele werden ihr Leben verlieren. Viele werden von alledem nichts mitbekommen. Viele werden im Schlaf überrascht werden.

Ich

werde versuchen, dem Schlimmsten Einhalt zu gebieten. Ich werde meine Rasse verraten und für das Gute kämpfen.



Es mag ein aussichtsloser Kampf sein, aber wer vermag zu sagen, ob nicht doch ein Funken Hoffnung letztlich das Feuer des Sieges der Menschheit über den Feind neu entflammen wird...?“



*



Roosevelt fasste einen Entschluss. Er griff zu seinem roten Telefon und wählte eine Nummer.



„George? Entschuldigen Sie, dass ich Sie doch noch einmal störe, aber ich muss mit Ihnen etwas bereden ... ja, jetzt gleich. Danke.“



Der Präsident legte den Hörer auf und ging langsam zur Tür. Dabei passierte er die große Standuhr, deren Zeiger bewegungslos auf dem Ziffernblatt weilten. Erst sehr viel später setzte sie sich wieder wie von Geisterhand in Gang, so als ob sie noch einmal die Zeit festhalten wollte, in der Amerikas Präsident die Worte eines Eindringlings empfangen hatte, der auf unerklärliche Weise erschienen und auch wieder verschwunden war. Jeder, der nun das Zimmer betrat, würde nie auf die Idee kommen, dass sich hier vor wenigen Minuten diese seltsame Begegnung ereignet hatte.



Und die Uhr tickte weiter, so als ob all das nie geschehen wäre.





[ 2 ] „U.F.O.“


Einen Monat später im Weißen Haus, Washington, D. C. , spät am Abend



Franklin D. Roosevelt gähnte.

Der Tag war anstrengend gewesen und er sehnte sich nach seinem Bett. „Nein, George“, sprach er in den Telefonhörer, „haben Sie vielen Dank für Ihre Bemühungen. Ich werde die Unterlagen noch einmal schnell durchgehen und mich notfalls bei Ihnen melden ... danke, den wünsche ich Ihnen auch.“ - Mit diesen Worten legte der Präsident den Hörer auf und widmete seine Aufmerksamkeit den Papieren vor ihm auf dem Schreibtisch. Als er gerade zu seinem Wasserglas greifen wollte, um seinen durstigen Gaumen zu beruhigen, klingelte das Telefon. Verwundert nahm er ab.



„Ja?“

„Mister President, Kommandant Burke vom Patrouillenboot „F.D.R.-1“, bitte entschuldigen Sie die späte Störung. Ich hoffe, ich störe Sie nicht gerade“, antwortete der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung und man merkte ihm an, dass ihm nicht wohl in seiner Haut war. Roosevelt lächelte. Ein Präsident hatte nun mal zu arbeiten, und dass dies manchmal bis spät in die Nacht erfolgte, kam ebenso häufig vor wie die Tatsache, dass er an manchen Tagen überhaupt nicht zu Bett ging.

„Nein, ich war gerade nur dabei, lästigen Papierkram zu erledigen. Ihr Anruf ist eine gelungene Abwechslung“, sagte er daher freundlich und lachte leise. „Wenn Sie es genau wissen wollen: ich hasse Papierkram.“

„Mister President, ich denke nicht, dass Sie die folgende Nachricht glücklich stimmen wird...“

„Burke, was haben Sie auf dem Herzen? Gibt es Ärger mit einem Frachter an der Küste?“



Kommandant Burke war erst seit kurzem auf dem Patrouillenboot „F.D.R.-1“ beschäftigt. Roosevelt selbst hatte die Initiative ergriffen, was ihm die Verewigung seiner Initialen im Schiffsnamen einbrachte. Aufgabe des Frachters, welcher für den Notfall mit Waffen für einen Seekampf gerüstet war, war es, die Einreise ausländischer Boote und Frachter zu kontrollieren und zu verhindern, dass möglicherweise Feinde illegalerweise in die Vereinigten Staaten gelangen konnten.

Um einen breiten Raum vor der amerikanischen Küste überblicken und kontrollieren zu können, kamen innerhalb weniger Monate weitere Schiffe hinzu, so dass dem Präsidenten bald ein ganzes Kontingent an teuren, mit modernster Technologie ausgestatteten Schiffen zur Verfügung stand.

Viele Neider behaupteten, das Ins-Leben-Rufen dieser Initiative wäre ein Ausdruck bloßer Angst seitens Roosevelts, da die andauernde Wirtschaftskrise das Land zunehmend geschwächt hat. Er wäre schwach und bräuchte daher zur Sicherheit diese Maschinen. Kurioserweise hatten die, die diese Theorie aufgestellt hatten, mit ihr sowohl recht als auch unrecht. Das Land war geschwächt, aber die Maschinen waren keineswegs nur zur Sicherheit da. Sie waren vielmehr längst überfällig gewesen, sorgten sie doch dafür, dass in diesen turbulenten Zeiten alles einen etwas geregelteren Ablauf nahm.

Seit Burke vor zwei Monaten seine Arbeit angefangen hat, sind zwei Boote mit illegalen Einwanderern und ein weiteres Schiff mit nicht verzollten Waffen aufgeschnappt und die auf ihr befindlichen Passagiere in Gewahrsam genommen beziehungsweise zurück in ihr Land geschickt worden.



Nun jedoch war Burke zutiefst beunruhigt und schnaufte schwer in die Sprechmuschel. „Es scheint Ärger zu geben, Mister President“, erklärte er und atmete tief durch. „Wie Sie wissen, sind wir dafür verantwortlich, die Ein- und Ausreise ausländischer Boote wie neuerdings auch Transportflugzeuge des Luftverkehrs zu kontrollieren. Und gerade eben sind wir auf etwas gestoßen...!“

„Auf was?“

„Als wir gerade dabei waren, ein ausländisches Handelsschiff zu kontrollieren, fielen mit einem Male alle Maschinen aus!“ – Burke redete hastiger. „Und als wir alle an Deck gingen, sahen wir es.“

„Was denn, verflucht noch mal?!“

„Lichter“, erklärte der Kommandant hastig und merklich erregt. Seine Stimme zitterte. „Sich bewegende Lichter am Himmel. Mit rasender Geschwindigkeit bewegten sie sich auf Richtung Küste zu!“

„Kommandant Burke, waren das Flugzeuge?“, fragte Roosevelt unsicher und setzte sich langsam auf seinen Schreibtischstuhl. Das Wort „Lichter“ löste Unbehagen in ihm aus und erinnerte ihn an ein Ereignis, welches noch gar nicht lange zurücklag.

„Wissen wir nicht, Sir“, antwortete Burke merklich angespannt. „Jedenfalls gingen kurz darauf die Maschinen wieder, so dass unser Funker auch wieder Kontakt mit den unbekannten Flugobjekten hätte aufnehmen können. Aber sie waren auf keiner Funkwelle erreichbar...“

„Also haben wir feindliche Flugzeuge in unserem Luftraum, Kommandant?“ Franklin D. Roosevelt wischte sich die Stirn. „Ach du heilige Scheiße“, murmelte er. Dass in diesem Augenblick ein unbekannter Feind in den, seinen, Vereinigten Staaten war, ließ Unruhe in dem hochgewachsenen Mann aufsteigen. „Konnten Sie per Radar denn wenigstens ausmachen, in welche Richtung sie flogen?“

„Das ist es ja...“, sagte Burke zögerlich. „Bei, bei ihrer gegenwärtigen Geschwindigkeit und dem Kurs, den wir haben verfolgen können, ist davon auszugehen, dass sie...“ – Er stoppte.



„Jetzt sprechen Sie!!“



„Mister President. Um es kurz zu machen: wir gehen davon aus, dass ihr Ziel Washington, D.C. lautet. Aber ich will Sie jetzt nicht beunruhigen. Sie ... selber ... man ... nicht alles ... u ...!“



„Hallo?“ - Roosevelt klopfte unruhig auf den Hörer - „Kommandant Burke? Ich verstehe Sie momentan überhaupt nicht mehr. Lediglich Sprachfetzen. Hallo ...“ – Ein Tropfen Angstschweiß lief die Stirn des Präsidenten herunter und tropfte auf ein Blatt Papier, welches selbigen sofort aufsaugte. Franklin D. Roosevelts Gesicht war kreidebleich – „Hallo? Sind Sie noch da?! Kommandant!“



... und da brach plötzlich die Verbindung ab.







[ 3 ] „Brennender Himmel“



Mit bleichem Gesicht blickte Roosevelt auf den Telefonhörer in seiner Hand. Die Verbindung war einfach unterbrochen worden! Hastig rannte der Präsident zum Fenster seines geräumigen Arbeitzimmers, ohne zu wissen, warum, und riss es auf.



Der Geruch von Verbranntem stieg ihm in die Nase, und er musste angewidert die Hand vor den Mund halten. Mit weit aufgerissenen Augen registrierte er das Unfassbare, das Unglaubliche!



Feuer fiel vom Himmel. Kometengleich schlug es hernieder auf die Stadt und entfachte dort, wo es auftraf, eine Schneise der Verwüstung und des unerschöpflichen Leides. Menschen liefen umher, auf der Suche nach Schutz, um Hilfe rufend, um Hilfe ersuchend, doch für viele kam die Hilfe schon zu spät. Ihre Körper lagen in den Ecken der Straßen, die Hände emporgereckt gen Himmel, die Kleidung zerfetzt, umhüllt von der alles verschluckenden Dunkelheit.

Hin und wieder blitzte es...



Im Hintergrund vernahm der Präsident die Feuersirenen, welche unbändig versuchten, die Bürger davon in Kenntnis zu setzen, dass der Ernstfall eingetreten war. Doch es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Tropfen auf einem Stein des Gebirges der Hoffnung. Die Hoffnung war in diesem Augenblick dahin, zu unbegreiflich war das, was sich den Augen des Präsidenten darbot. Verzweifelt richtete er den Blick nach oben, um ausmachen zu können, von wo aus der Feind die Stadt – seine Stadt – unter Beschuss stellte. Doch er musste seine Augen schließen, da in diesem Augenblick ein weiterer Feuerregen vom Himmel gen Erde schoss und die Umgebung einen kurzen Moment lang taghell erleuchtete. Für einen kurzen Augenblick sah Roosevelt das Ausmaß der Zerstörung in seiner unbegreiflichen Form, registrierte die Machtlosigkeit, die er innehatte und die Macht derer, die zu dieser späten Stunde Washington, D.C. den Krieg erklärt hatten. Unaufhaltsam bahnte sich eine Feuerwalze ihren Weg voran und walzte dabei alles nieder, was sich ihr in den Weg stellte.



„George!!“



Roosevelt wich entsetzt und schockiert vom Fenster zurück und stolperte über den hinter ihm stehenden Stuhl. „George!“, rief er noch mal und schaffte es nur mühsam, sich wieder aufzurappeln. „George!! Wo sind Sie?“





Gegenwart, Washington, D. C., in den Räumen der Einsamen Schützen, spät am Nachmittag



„Roosevelt ... ich werde da einfach nicht schlau draus...“



Scully saß auf einem schwarzen Schreibtischstuhl und blickte Mulder an. „Vielleicht ... vielleicht hat die Tatsache, dass dieses Zitat gerade zufällig mit einem Satz, den Roosevelt einmal in einem Dokument verwendet hat, übereinstimmt, gar keine Relevanz in dem Fall. Vielleicht urteilen wir einfach vorschnell. Ich meine ...“ – Sie seufzte – „ Ich meine, wir sind schon so oft Gespenstern gefolgt, Mulder. Meinst du nicht, wir sollten gerade in diesem Fall nichts dem Zufall überlassen?“

„Dana“, hauchte er leise und schob einen Stuhl in ihre Richtung, auf den er sich daraufhin setzte, die Arme auf die Rückenlehne gestützt, das Kinn auf den verschränkten Armen ruhend. „Dana, ich weiß, dass das hier vielleicht unser Vorstellungsvermögen mehr als nur unerheblich belastet. Und ich verstehe deine Skepsis. Die hattest du schon immer.“ Er lächelte. „Doch das hat mich immer mutiger werden lassen. Denn obgleich ich wusste, dass du den Sachen immer anders als ich gegenüber standest, erkannte ich von Mal zu Mal, dass die Person Dana Scully, wie ich sie kennen gelernt hatte, nur nach außen hin die rational denkende Frau ist, die sie immer vorgibt zu sein...“

„Fox...“, begann sie erschrocken, „Fox, bitte...“

„Da“, sagte er lächelnd. „Du wolltest mich bitten, aufzuhören, richtig?“ – Er schloss kurz die Augen. „Im Grunde wolltest du das gar nicht, hab ich recht?“

„Mulder...“

„Auch das willst du nicht sagen, Dana. Du wolltest es schon nicht, als wir in unserem ersten gemeinsamen Jahr beim FBI eines Nachts gemeinsam im Auto saßen und auf der Suche nach Eugene Tooms waren. Du weißt, was ich dir geantwortet hatte, als du mich Fox nanntest.“

„Fox. Bitte...“

„Dana, höre ganz tief in dich rein, und sage mir dann, was du hörst. Ich möchte wetten, dass dort all jene unausgesprochenen Gedanken lagern, die nur aufgrund dessen, dass sie von vorschnell abgegebenen Meinungen unterdrückt wurden, dort seit jeher auf den Tag warten, an dem sie ausgesprochen werden.“ Er wirkte ernster als sonst, aber immer noch beruhigend in seiner Art und seinem Tonfall. Scully schluckte.

„Ich“, begann sie zögernd, „ich weiß jetzt, was ich so an dir liebe.“ – Sie lächelte verlegen und atmete einmal tief durch. „Du hast recht. Heute ist der Tag gekommen.“

„So kenne ich dich, Schatz“, entgegnete er freundlich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Genau so.“



„Ähm“, begann Frohike verlegen und erst jetzt erinnerten sich Scully und Mulder daran, wo sie im Moment waren. „Ich möchte die traute Zweisamkeit nicht stören, aber könntest du nicht mal kurz mit meinem Steuerberater reden, Mulder? Mir scheint, dem müsste auch mal gut zugeredet werden... von wegen unterdrückter Gedanken und so...“





20 Minuten später



Dana Scully blickte auf ihre Uhr. „18:18...“, murmelte sie und zog den Ärmel ihrer schwarzen Bluse wieder über den Zeitmesser. „Erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie viele Male ich diese Zeit schon registriert habe. Nur beiläufig. Ohne jemals darüber nachzudenken.“ Leicht lächelnd schüttelte die Agentin den Kopf. „Manchmal kommt es mir wie ein Zeichen vor. So als ob die Zeit uns irgendwas mitteilen will.“

Mulder wendete daraufhin kurz den Blick von der Fahrbahn ab und blickte nach rechts.

„Nur die Zeit kennt die Zeichen der Zeit, so seltsam das auch klingen mag, Dana“, sagte er monoton und legte die rechte Hand, als er den Wagen an einer Ampel stoppen musste, auf den Schalthebel. „Die Zeit gibt uns nur selten Zeichen, und wenn, dann erkennen wir sie meist erst dann, wenn es zu spät ist.“ Er atmete einmal tief aus. „Hätte ich damals die Zeichen der Zeit deuten können, wäre vieles anders gelaufen. Vieles.“

„Aber meinst du nicht auch, dass wir, wenn wir nur fest genug daran glauben, teilhaben können am Prozess der Zeit?“

„Nein, Dana, nein...“

„Aber warum nicht?“

„Weil wir alle schon gegenwärtig teilhaben“, antwortete Mulder nachdenklich und hob den Blick. „Wir sind alle Teil des niemals enden wollenden Prozesses, den wir da Zeit nennen. Unbewusst. Jede Sekunde unseres Lebens. In diesem Moment bestimmt ein Sandkorn in der Uhr des Lebens, wie es mit uns weitergehen soll. In dieser Sekunde.“ Er machte eine seltsame Geste mit seiner rechten Hand. „Und jetzt ist schon wieder alles vorbei. Bis das nächste Sandkorn fällig ist.“

„Und...?“, fragte die Agentin leise, „wie geht es nun mit uns weiter...?“

„Das weiß nur die Zeit“, antwortete Mulder lächelnd und gab vorsichtig Gas. „Oder Fox Mulder, der jetzt einen kleinen Abstecher macht.“

„Einen Abstecher? Wohin?“

„Dorthin, wo es hoffentlich Antworten gibt. Denn wenn jemand uns Auskunft über die Entstehungsgeschichte des Manuskripts geben kann, dann ist es Steve Mac Finn.“ - Scully verzog das Gesicht zu einem Lächeln.



„Und wieder hat sich gezeigt, dass man die Zeichen der Zeit erst viel zu spät erkennt...“





[ 4 ] „Missing“



2.2.1936



George hastete in das Arbeitszimmer des Präsidenten, gefolgt von weiteren vier Männern des Beraterstabs. Allesamt kreidebleich, blickten sie nach draußen aus dem Fenster, ihre Gesichter immer wieder vom Glanze des vom Himmel herab fallenden Feuers erhellt. Der engste Vertraute Roosevelts drehte sich plötzlich um.

„Mister President, Sie müssen hier weg!“ – Er trat auf den Präsidenten zu und gestikulierte wild mit seinen beiden Händen. „Ihr Land steht in Flammen...!“

„Das sehe ich“, murmelte Roosevelt fassungslos. „Ich sehe es. Aber ich will es nicht glauben...!“

„Sir, Sie müssen handeln! Sofort!“

„George, ich weiß, dass ich handeln muss! Aber solange nicht feststeht, wer uns angreift, wird nichts unternommen. Kein Feind ist schlimmer als der Unsichtbare...“

„Sie wollen warten?!“

„Ja, bis sich jemand zu diesem Angriff bekennt. So haben wir es bisher gehandhabt, und so werden wir es auch dieses Mal handhaben.“ – Er seufzte. „Das ist der Zeitpunkt, George, den ich mir nie gewünscht habe. Der Beschützer in den Köpfen der Menschen steht hilflos vor dem Geschehen. Hilflos! Der mächtigste Mann der Welt...“

„Wir können was tun!“, entgegnete George derart energisch, dass sich Adern auf der Stirn des Mannes abzeichneten. „Sie können was tun! Sie können den Ausnahmezustand ausrufen. Wenn nicht heute, wann denn dann??“



>“Tu’s nicht!“<



„Wenn es geboten ist“, erwiderte Roosevelt kalt und schritt zum Fenster. „Sie mögen das jetzt nicht verstehen, meine Herren, aber ich habe meine Gründe...“

„Sie haben Ihre Gründe, dabei zuzusehen, wie Ihr Land zerstört wird?! Mister President, verzeihen Sie, aber das kann ich nicht glauben!“ – George schüttelte wütend den Kopf. Die weiteren Berater wirkten angespannt, meldeten sich jedoch nicht zu Wort, sondern verharrten still auf ihren Plätzen. Sie schienen zu lauschen.

Auch Roosevelt horchte.

Der, der die Stadt bombardiert hatte, hatte plötzlich innegehalten. Es waren keine Explosionen mehr zu hören. Nur das durchdringende Dröhnen der Sirenen durchschnitt die trügerische Ruhe und drang den fünf Männern ans Ohr.

„Das stimmt was nicht...“, flüsterte Roosevelt und wich instinktiv vom Fenster zurück. Irgendeine innere Stimme befahl ihm in diesem Moment zu laufen. Zu laufen, so schnell er konnte. Dieselbe Stimme, die ihn kurz zuvor dazu veranlasst hatte, nicht den Ausnahmezustand zu verhängen.



>“Lauf!“<



„Wir müssen hier weg! Schnell! Kommen Sie, meine Herren!“

„Mister President...“, begann einer seiner Berater, ein Mann in schwarzem Anzug und leicht dicklicher Statur. „Mister President, das sagen wir Ihnen schon die...“



Weiter kam er nicht.





Eine gewaltige Explosion erschütterte das massive Gebäude und ließ die Fenster im Arbeitszimmer des Präsidenten zerspringen.

Das, was von dem Berater Roosevelts übrig geblieben war, fiel rauchend zu Boden und blieb dort liegen. In diesem Moment stürzte die Wand ein und begrub die verkohlte Leiche unter sich, ebenso den Schreibtisch und den Arbeitssessel des mächtigsten Mannes der Welt.







„Oh mein Gott“, war das Einzige, was Roosevelt hervorbringen konnte, bevor er von George aus dem Zimmer gezerrt wurde. Letzterer war völlig bleich.

„Mister President, hier sind Sie nicht mehr sicher! Wenn dies alles zerstört ist, haben die Feinde das erreicht, was Sie zu erreichen erhofft hatten. Sie hätten der politischen Führung der Vereinigten Staaten mitsamt ihren ausführenden Organen den Garaus gemacht, nicht zu sprechen von den Schäden, die sie jetzt schon in ihrem Land verursacht haben. In nur wenigen Minuten! Wissen Sie, was das bedeutet?!“

„Der totale Zusammenbruch, George. Das wäre der totale Zusammenbruch.“

„Mister President, es wäre mehr als das! Es wäre das Ende!“







„Oh mein Gott“, entglitt es Roosevelt plötzlich. „Jetzt versteh’ ich, was...“

„Wovon reden Sie, Sir? Was ist los?“

„Von...“ – Da wurde ihm bewusst, dass seine Berater gar keine Ahnung hatten, was ihm vor einen Monat widerfahren war. Er hatte lediglich mit George gesprochen und ihm seine Ängste geschildert. Das war es aber auch schon. Was explizit vorgefallen war, wusste nur Roosevelt selbst.

Vielleicht war es gut so.



„Nichts, meine Herren“, log er. „Mir ist nur gerade ein schrecklicher Verdacht gekommen. Ein Verdacht, der nicht nur unser Land einschließt. Es geht hier scheinbar um sehr viel mehr.“ Er wischte sich die Stirn. „Das, was hier gerade vorfällt, ist lediglich der Anfang. Der Anfang eines allumfassenden Übels, das es sich zur Aufgabe gemacht, nicht mehr und nicht weniger zu zerstören, als das Fundament, auf dem wir stehen.“

„Sie... Sie meinen...?“







„Ja“, pflichtete er der seltsamen Stimme in seinem Kopf bei und begann seinen Beratern zu folgen, welche verzweifelt versuchten, sich zwischen den einstürzenden Wänden und brennenden Gegenständen einen Weg in die Freiheit zu bahnen. „Wir müssen in den Bunker!“, hörte der Präsident immer wieder jemanden schreien. „Verdammt noch mal, ich will hier nicht sterben!“



Da war es wieder. Das Gefühl. Das Gefühl der Machtlosigkeit. Ohne dass er es verhindern konnte, bahnte es sich seinen Weg und verursachte Traurigkeit. Ja, der Präsident war traurig. Und zerrüttet. Nein, sagte da sein Gewissen plötzlich, das bist du nicht.



Er seufzte und verstand. In diesen Zeiten war es anders. Zerrüttet und traurig folgte der Mensch seinen Beratern.



... und da geschah es.





Gegenwart / Wissenschaftliches Institut, Washington, D. C.





Mulder lenkte den Wagen auf das Gelände des Wissenschaftlichen Institutes. Es wurde langsam dunkel, und dennoch war das Gebäude von einem hellen Glanz durchdrungen, dass man meinen könnte, an diesem Ort würde es keinen Abend geben. Mulder parkte den Wagen vor dem Eingang und zog die Handbremse an.

„Vielleicht sollten wir auch diesen Architekten zu Rate ziehen“, sagte er auf den imposanten Glasbau zeigend und grinste. „Ich bin davon hell begeistert...“

Scully entgegnete nichts, sondern nickte nur. Sie kannte seine Wortspiele. Und sie wusste, dass – wenn man sich erst mal auf sie eingelassen hatte – eine Lawine losgetreten würde, die ihresgleichen suchte. Das hatte sie in den all den Jahren gelernt und versucht, sich an sie zu gewöhnen – was ihr, zugegebenermaßen, leichter als geglaubt gelang.

„Du meinst, dass wir ihn hier antreffen? Wo doch das ganze Institut gewissermaßen zum Teil einer Untersuchung geworden ist?“ – Sie wollte wieder den Bogen zum Fall schlagen und schloss die Wagentüre.

„Ich vermute es, Dana. Trotz des Vorfalles kann es sich das Institut nicht leisten, seine Arbeit, wenn auch zeitlich begrenzt, einzustellen. Das wäre, als würde man der Forschung den Saft abdrehen. Das, was in der Forschung zählt, ist Zeit. Und ebenjene zu entfernen, kann zwangsläufig dazu führen, dass man ganz zum Anfang zurückversetzt wird und noch einmal beginnen muss. Immer und immer wieder. Bis es eines Tages gelingt.“ Er legte seine Hand sanft auf ihre Schulter. „Dana, ich glaube nicht, dass sich auch nur irgendjemand dazu erdreisten würde, die Forschung dieses Institutes – bildlich gesprochen - zurück in die Steinzeit zu versetzen. Nicht ein normal denkender Mensch.“

„Dessen bin ich mir bewusst“, antwortete die Agentin und schritt langsam zum Eingang, an dem zwei Polizisten standen und die Neuankömmlinge mit kalter Miene begutachteten. „Ich frage mich nur, ob es nicht einfacher gewesen wäre, einfach beim Zuhause des Professors vorbeizufahren...“

„Möglich...“



„Halt! Stopp. Wer sind Sie?“ Einer der Polizisten zog seine Waffe und richtete sie auf Scully. „Weisen Sie sich aus!“

Scully zog ihren Ausweis aus dem Mantel hervor. „Agent Scully vom F.B.I. Mein Partner und ich wollen zu Doktor Steve Mac Finn.“

Die Tatsache, dass Mulder beim FBI gekündigt hatte, führte dazu, dass er seinen Ausweis nebst Dienstwaffe hatte abgeben müssen und somit den Titel „Agent“ verlor. Er war jetzt wieder Fox Mulder, der Mensch Fox Mulder.



... und Dana Scullys inoffizieller Gehilfe.



„In Ordnung, Agent Scully.“ Der Polizist steckte seine Waffe weg. „Bitte entschuldigen Sie die Vorsicht, aber uns wurde aufgetragen...“

„Ich kenne die Vorschriften“, sagte Scully freundlich und öffnete die gläserne Eingangstür. „Sie machen nur Ihren Job. Wie wir alle hier.“ Mulder folgte ihr in das Gebäude und blickte nach hinten, als die Tür mit einem gewaltigen Krachen zurück ins Schloss fiel. Gerade, als er sich wieder zurückdrehte, vernahm er plötzlich ein leises Handyklingeln, welches von draußen zu kommen schien.

Er wusste nicht, wieso, aber instinktiv machte er auf dem Fuße kehrt und packte Scully etwas unsanft am Oberarm.

„Hey...!“

Mulder erwiderte nichts, sondern begab sich forschen Schrittes gen Eingangstür. Scully folgte ihm mehr oder weniger freiwillig.

„Mulder, was ist los? Warum...?“, fragte sie, doch bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte, sah sie, dass einer der sich vor der Eingangstür befindenden Polizisten ruckartig die Glastür öffnete und auf die beiden Agenten zurannte.



„Agents?“

„Ja...?“, fragte Mulder und ließ Scullys Oberarm los. Sie verharrte still neben ihm und blickte reichlich skeptisch auf den Polizisten und dann auf Mulder. Sie konnte ihn manchmal einfach nicht verstehen. Sie konnte nicht glauben, dass jemand solch eine Auffassungsgabe haben könnte, mithilfe derer er aus den unscheinbarsten Elementen und Begebenheiten Zusammenhänge erkennt, die für niemand sonst so offensichtlich sind. Wie jetzt. Das Handyklingeln hatte irgendwas in Mulder bewirkt. Eine Vorahnung scheinbar. Eine Intuition. Gefolgt von einem Reflex.



Manchmal wünschte sie sich, sie würde ihren Freund noch besser kennen, um ihn in bestimmten Augenblicken besser verstehen zu können. Scully seufzte leise.



„Gerade bekamen wir einen Anruf aus der Zentrale. Jemand hat soeben Steve Mac Finn als vermisst gemeldet!“

„Sind Sie sich ganz sicher?“, fragte Scully nachdenklich, „immerhin ist nicht auszuschließen, dass er zu diesem Zeitpunkt hier noch arbeitet, derjenige, der die Vermisstenmeldung gemacht hat, davon nicht in Kenntnis gesetzt wurde und daher annahm, er sei verschwunden. Ist alles schon mal vorgekommen...“

„Wenn es mal so wäre, Agent Scully“, seufzte der Polizist, „aber laut Zentrale erfolgte der Anruf hier aus dem Gebäude und zwar von einem Arbeitskollegen Finns, der heute Nachmittag vergeblich auf ihn gewartet hatte und ihn auch zu Hause nicht erreichen konnte. Uns wurde der Name desjenigen mitgeteilt. Er heißt Barney Colette.“

„In Ordnung“, erwiderte Mulder zügig, „ich schlage vor, wir“ – Er deutete auf sich und Scully – „ befragen Barney Colette, während Sie sich das Anwesen Finns mal etwas genauer ansehen. Denn scheinbar ist er dort heute morgen nicht mehr losgekommen. Wir beide kommen dann so schnell wie möglich nach.“

„Das wollte ich gerade vorschlagen“, entgegnete der junge Polizist rasch und zog seine Mütze ins Gesicht. Seinem Kollegen „Hey, ruf Stevie und Frank zur Überwachung in den Eingangsbereich. Wir haben einen Einsatz!“ zurufend, entfernte er sich von den beiden Agenten, welche sich sodann zum Pförtner begaben, um herauszufinden, wo Barney Colette für gewöhnlich anzutreffen ist.



Derweil hörten sie draußen Alarmsirenen ertönen, welche sich schnell vom Gebäudekomplex entfernten. Fast zeitgleich erschienen zwei weitere Polizisten im Eingangsbereich. Ihnen nachblickend, wie sie sich vor der Eingangstür des Wissenschaftlichen Institutes postierten, vernahm die Agentin noch die Stimme des Pförtners.



„Zweiter Stock, Zimmer D-405. Wenn Sie Glück haben, ist er noch da.“
Kapitel 12 by Stefan Rackow
~Teil 11~

-Eine neue Hoffnung-



[ 1 ]

~Die Lehren aus der Vergangenheit~



Mulder blickte durch die einen Spalt breit geöffnete Tür des Raumes. „Professor Collette?“



Daraufhin ließ ein dicklicher Mann, Mitte 40 mit Drei-Tage-Bart und leichtem Doppelkinnansatz von mehreren Reagenzgläsern ab.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er verwundert, aber nichtsdestotrotz freundlich. „Die Führungen sind eigentlich erst in zwei Stunden. Lassen Sie sich am besten unten einen Termin geben.“

„FBI“, erklärte Scully und zog ihren Ausweis aus der Tasche ihres Mantels. „Wir müssen mit Ihnen reden, Mister Collette.“

„Oh Gott, ist mir das peinlich...“, entschuldigte sich der Professor nervös und schüttelte den beiden Agenten die Hand. „Ich stehe heute etwas neben mir, müssen Sie wissen...“

„Genau deshalb sind wir hier“, sagte Mulder zügig und schloss langsam die Türe. „Sie arbeiten zusammen mit Steve MacFinn?“

„Wissen Sie schon davon?“

„Ja ... eher zufällig. Wir haben soeben Kenntnis von der Vermisstenmeldung erhalten.“ Scully zog einen Stuhl heran. „Was hat Sie dazu veranlasst?“

„Sie müssen verstehen...“, begann der Professor und griff nach einer Brille, welche nicht unweit auf einem Schränkchen lag, „ich bin kein Mensch, der übereilt handelt, keineswegs. Das darf ich mir in Ausübung des mir kraft Arbeitsvertrages zugesprochenen Amtes des Professors nicht erlauben.“ Er setzte die Brille auf seine Nase und rückte sie vorsichtig zurecht. „Aber als Steve nicht zur Arbeit erschien, wurde ich schon stutzig...“

„Haben Sie bei ihm zu Hause angerufen?“, fragte Mulder und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

„Das habe ich, in der Tat, denn er hatte sich nicht krankgemeldet, wie mir die Chefetage mitteilen konnte.“

„...aber er war nicht zu erreichen, richtig?“

„Ja“, murmelte Barney und senkte den Blick. „Ich habe mehrmals durchklingeln lassen, aber er nahm einfach nicht ab.“

„Nicht möglich, dass er einfach nur einkaufen gefahren ist?“ – Scully wirkte nachdenklich.

Barney Collette nahm daraufhin die Brille von der Nase und deutete mit einem Bügel auf die Agentin.

„Lassen Sie die Wohnungstüre nur angelehnt, wenn Sie einkaufen gehen, gute Frau?“

„Woher genau wissen Sie, dass die Wohnungstür nur angelehnt war?“

„Weil ich die Nachbarin gebeten hatte, mal nach dem Rechten zu sehen“, erklärte der Professor. „Und kurz darauf erhielt ich den Anruf von ihr, in dem sie mir eben jene Tatsache erzählte. Ich glaube, ich war in dem Moment noch verstörter als die arme Frau. Sie berichtete mir noch kurz, dass sie in dem ganzen Haus nach Steve gesucht habe – ohne jeden Erfolg. Dies trieb mich zu der Vermisstenmeldung.“

„...und das war das Beste, was Sie in dem Moment tun konnten, Mr. Collette“, erwiderte Mulder freundlich und gab dem Professor die Hand. „Haben Sie vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Was genau ist denn vorgefallen? Wissen Sie schon Genaueres? Ist er entführt worden? Es ist doch hoffentlich nichts Schlimmes passiert?“

„Wir wissen noch nicht viel mehr als Sie, Mr. Collette“, sagte Scully leise und reichte ihm ihre rechte Hand. „Aber Sie können sicher sein, dass wir auch Ihren Partner wiederfinden werden.“



Mulder erkannte, dass Scully den letzten Satz merklich schwer über die Lippen brachte und hielt es für das Beste, Barney Collette wieder seine Arbeit verrichten zu lassen. Er nickte dem Professor freundlich zu, öffnete die Tür des Raumes und trat mit Scully nach draußen auf den steril –weißen Flur.



„Drei Menschen“, murmelte Scully monoton, nachdem Mulder die Tür zu D – 405 wieder geschlossen hatte. „Drei Menschen, die alle unmittelbar miteinander in Beziehung standen, sind verschwunden. Mulder! Warum??“

„Ich weiß es nicht...“, antwortete dieser und legte seinen Arm um Scullys Schulter. „Du scheinst also auch davon auszugehen, dass Steve Mac Finn entführt wurde?“

„Machen wir uns nichts vor“, erwiderte Scully rasch und blickte in Mulders Gesicht. „Die gegebenen Umstände lassen schon darauf schließen, wenngleich ich eingestehen muss, dass ich nur ungern voreilige Schlüsse zu ziehen pflege.“ Sie seufzte. „Aber hier sieht es ganz danach aus...“



Nachdenklich und sich momentan ziemlich hilflos fühlend, verließen Mulder und Scully das imposante Gebäude. Ihre Gedanken, jeder Funke ihrer Menschlichkeit galten in diesem Augenblick John Doggett, Monica Reyes und Steve Mac Finn, welche jetzt gerade wohl irgendwo – vielleicht sogar ganz in der Nähe – darauf warteten, dass sie gerettet werden würden. Gerettet aus den Fängen eines Unbekannten, welcher sie einfach hatte von der Bildfläche verschwinden lassen. Gleich einem schwarzen Umhang in dunkler Nacht, welcher über die drei gestülpt wurde.

Mulder konnte sich nicht erklären, wie all das in Zusammenhang stehen sollte. Scully ebenso wenig. Der einzige Zeuge war das Vergangene. Das Vergangene, das Aufschluss darüber geben könnte, was mit den Vermissten geschehen war. Damals. Doch man konnte das nun einmal Vergangene nicht fassen, geschweige denn befragen.



*



Ein jeder Mensch strebt danach, in der Zukunft zu bestehen, Halt zu finden. Doch viele erkennen nicht, dass dazu ein Streben alleine nicht ausreicht. Vielmehr hat der Mensch zu lernen – zu lernen aus der Vergangenheit. Wer dies bewältigt, findet Halt, besteht. Alle anderen geben sich einer Illusion hin.



Der Weg eines Jeden in die Zukunft führt durch die Vergangenheit.



*





2.2. 1936



Zuerst war alles noch still. Eine trügerische Stille machte sich breit in dem einstmaligen Ort, der Sicherheit zu bieten und selbige anzuordnen und durchzuführen hatte. Sie erreichte jeden Bereich des Weißen Hauses, umspielte die Gemälde an der Wand, die Statuetten auf den Fluren und gelangte letztlich an das Ohr des Präsidenten.



Es folgte eine Vibration, welche für einen Sekundenbruchteil das ganze Gebäude erfasste. Und bevor irgendjemand auch nur realisieren konnte, was geschah, ertönte der Knall. Ein ohrenbetäubender Knall.

Roosevelt, welcher unweit eines Fensters auf dem Flur stand, wandte sich instinktiv nach hinten, richtete seinen Blick auf die von Feuer erhellte Silhouette seiner Stadt. „Weg...“, murmelte er zuerst leise und erkannte das nahende Unheil. „WEG, SCHNELL!“, brüllte er schließlich und schob seine fassungslosen Berater vor sich her. „Lauft, lauft!“



Verfolgt von einem plötzlich aufkommenden ohrenbetäubenden Pfeifen draußen vor den Mauern des Weißen Hauses eilten Roosevelt und seine Berater durch die Korridore des sich zu einem Gefängnis entwickelnden Gebäudes, immer auf dem Weg nach unten, Richtung Ausgang, vorbei an verkohlten Leichen der vormals Bediensteten, über Schutt und Trümmer. Ohne sich umzusehen. Ohne anzuhalten. Ohne es vorauszuahnen.



Denn gerade als die Flüchtenden die rettende Tür des Anwesens erreichten, unten im Erdgeschoss, sie aufrissen und ins Freie stürmten, erfolgte die Explosion.





[ 2 ]

~ Schmerzhafte Erinnerung ~



Ein metallenes Ungetüm stürzte auf das Weiße Haus und riss, als es in einem gewaltigen Feuerball explodierte, die komplette Vorderfront des einstigen Amtssitzes Roosevelts nieder. Roosevelt und seine Berater wurden von der Wucht der Detonation zu Boden geworfen und drückten ihre Gesichter tief in das nasse Gras.

Der Boden rumorte.

Gewaltige Schockwellen ergriffen plötzlich die Erde, auf der die Personen hilflos lagen, schüttelten die im Grunde schon genug Gepeinigten durch, so dass diese – außer sich vor Angst – anfingen, um Hilfe zu schreien. Um Hilfe zu schreien, die es nicht gab. Nicht jetzt. Nicht in diesen Stunden

Roosevelt wusste das, weshalb er als Einziger versuchte, so gut wie nur irgend möglich die Fassung zu bewahren – auf den Boden gepresst, die Hände an den Ohren, um den ohrenbetäubenden Lärm nicht hören zu müssen. Doch auch in ihm gewann das Gefühl der Hilflosigkeit letztlich Oberhand und verdrängte den letzten Funken Mut.



Es bestand keine Hoffnung.



Das war das Ende.



Roosevelt sah schon sein Leben an sich vorbeiziehen, als die Schockwellen plötzlich aufhörten und für den Bruchteil einer Sekunde Ruhe einkehrte. Vorsichtig blickten der Präsident und seine Berater nach hinten zu den Trümmern des Weißen Hauses, dem Skelett des vormals imposanten Anwesens, von dem mehr und mehr die Flammen Besitz ergriffen. Und majestätisch ragte das metallene Etwas, das in das Gebäude gestürzt war, aus der Ruine hervor, funkelte im Scheine des Feuers, der kleinen Explosionen und verbarg dennoch seine Identität.

„Mister President...“, stammelte George völlig außer sich, „Sie ... Sie müssen...“ – Dann verlor auch er wie die anderen Berater das Bewusstsein und sackte leblos auf dem nassen, von Trümmerstaub weißen Gras in sich zusammen.



Verzweifelt wagte es Roosevelt aufzustehen und einen Blick umher zu werfen. Es war alles kaputt, alles zerstört. All das, was sein Leben ausgemacht hatte, alles, wofür er gelebt hatte, war zerstört worden. Ausgelöscht. Ausradiert. So als ob es den Begriff der Gerechtigkeit nie gegeben hätte. Ja, es war ungerecht. Mehr als das. Es war feige. Feige, weil die Feinde verdeckt operierten und dann völlig unvermittelt zuschlugen. Im Schutze der Dunkelheit, in Schwärze gehüllt.

Der Präsident verfluchte diejenigen, die dafür verantwortlich zeichneten, und instinktiv richtete er seinen Blick auf das seltsame Objekt inmitten der Trümmer. Sollte etwa ...? Nein, das konnte nicht sein. Das war zu abstrus. Roosevelt schüttelte den Kopf, um die aufkommende Erinnerung an das seltsame Ereignis vor einem Monat zu verdrängen. Er musste geträumt haben. Er musste am helllichten Tage geträumt haben. Und die Stimme in seinem Kopf war Einbildung. Pure Einbildung!



Dennoch suchte ihn die Erinnerung heim.



[„Die ganze Welt ahnt noch nicht, dass bald ein Krieg ausbrechen wird! Ein schrecklicher Krieg, an dessen Ende es nur einen Sieger geben kann...“]



Nein, er wollte sich nicht erinnern, nein, er verstand es einfach alles nicht!



[„Was, was wollen Sie mir damit sagen?!“
„Nur, dass jemand auf Ihrer Seite steht und versuchen wird, Schlimmeres zu verhindern.“]



Was sollte das heißen, wenn es denn wirklich passiert sein sollte? Wer würde helfen?



[„Und geben Sie niemals die Hoffnung auf. Die Hoffnung ist das Fundament, auf dem die Erfüllung eines Traumes aufbaut. Festigen Sie es!“]



Roosevelt seufzte und ging in die Knie. Er hatte keine Hoffnung mehr. Von heute auf morgen hatte sich alles verändert. Und nun war der Moment gekommen, da er hilflos und verlassen dastand, ohne die Möglichkeit, etwas zu unternehmen, ohne Unterstützung, ohne jegliche Ahnung.



Allein.

Ängstlich.

Machtlos.



Ein Gefühl ließ ihn plötzlich herumfahren und zum Himmel blicken. Er war wolkenbehangen, so dass man keine Sterne erkennen konnte. Doch etwas war da oben. Das Gefühl wurde stärker.

Und da sah Roosevelt ihn. Den hellen Punkt am wolkenbehangenen Firmament. Einen kleinen Punkt, der sich in diesem Moment mit gewaltiger Geschwindigkeit der Erde näherte und direkt auf Roosevelt zusteuerte.





[ 3 ]

~ Die, die Leben geben ~



Nicht von dem hellen, immer größer werdenden Punkt ablassen könnend, stand der Präsident wie angewurzelt da und erkannte erst nach einer Weile, in welcher Gefahr er schwebte.

Geistesgegenwärtig hechtete Roosevelt zur Seite und begrub seinen Kopf unter den Händen, als das ungefähr drei Meter im Durchmesser runde Objekt nicht unweit von ihm mit einem lauten Knall auf der Erde aufschlug, Erde, Schutt und Metallteile durch die Gegend schleudernd.



Es dauerte einige Zeit, bis sich der aufgewirbelte Staub verzogen hatte. Roosevelt hustete. Mit wackeligen Beinen wankte er dem seltsamen Objekt entgegen, so als ob ihn eine unsichtbare Hand führen würde und er nichts dagegen unternehmen könne. Vor seinen Augen tanzten leuchtende Sterne, hervorgerufen durch die blendend helle Explosion von vorhin, so dass er die Umgebung nur schemenhaft wahrnehmen konnte.

Er erkannte daher auch nicht genau, was genau passierte, als plötzlich ein Zischen ertönte und ein schwarzer Schatten aus dem Objekt auf den Erdboden plumpste.



„Mister President...“ , hörte Roosevelt plötzlich eine klägliche Stimme sagen. Der Präsident ging in die Hocke und beugte sich zu dem am Boden liegenden Schatten, welcher erst nach einer Weile – bedingt durch das langsame Gewöhnen der Augen - die Konturen eines ihm bekannten Mannes annahm.



„George?“



„Mister President, Sie lernen auch nicht dazu...“, erwiderte der verletzte Mann krächzend, brach dann aber in nicht enden wollendes Husten aus. „Ent...schuldigen Sie...“

„Sie ... Sie sind die Person, die vor einem Monat in meinem Zimmer ... Sie sind die Person, die sich für George ausgab!“ – Roosevelt musste sich setzen. „Was ist hier los? Herrgott noch mal, in welchen Film bin ich hier reingeschlittert??“

„In den Ihres eigenen Untergangs...“, brachte „George“ mühsam hervor und verzog das Gesicht zu einem Lächeln. „Aber er hat ein Happy – End.“

„WAS?“ – Roosevelt schüttelte den Kopf und zog den Mann dicht an sich heran.

„Wenn Sie es nicht mitbekommen haben sollten: Washington, D.C. wurde dem Erdboden gleichgemacht! Ich stehe hier vor den Trümmern meiner Existenz, weiß weder ein noch aus, und da erzählen Sie mir etwas von Happy End??? Wer sind Sie, dass Sie sich anmaßen, eine angemessene Beurteilung über das Geschehene abgeben zu können? Sie können es nämlich NICHT!“

Die nun folgenden Worte presste er förmlich zwischen den Zähnen hervor.

„Was - sind - Sie?!“

„Sie haben sich diese Frage schon selbst beantwortet, Franklin“, flüsterte der Verletzte leise und schloss vor Anstrengung die Augen. „Sie ... Sie wissen, was das Weiße Haus zerstört hat...“

„Nein, ich weiß es nicht!“, schrie Roosevelt frustriert und fuhr sich mit der rechten Hand durch die durchnässten, schweißnassen Haare. „Irgendwas ist hier heute abend vorgefallen! Irgendetwas, das ich nicht erklären kann, ist passiert! IRGENDWAS!“

„Eben, Sie können es auch nicht begreifen, kein Mensch kann das.“ „George“ hustete schwer. „Eben drum habe ich, als ich Sie letzten Monat aufgesucht hatte, Ihnen mitgeteilt, dass ich versuchen würde, Schlimmeres zu verhindern. Dass wir versuchen würden, Schlimmeres zu verhindern.“



Roosevelt blickte verunsichert auf das seltsame metallene Objekt, welches sich tief in den Boden gebohrt hatte. „Sie“, begann er monoton, „Sie sind kein...“

„Kein Mensch? Oh ja, das bin ich nicht, dieser Gedanke hätte Ihnen aber schon vor einem Monat kommen müssen.“ Der Fremde lächelte, was ihm aber merklich schwer fiel.

„Ich habe den Gedanken verdrängt...“, erwiderte Roosevelt kopfschüttelnd, „ich, ich habe den Gedanken verdrängt... ich konnte doch nicht ahnen, dass...“

„Dass es soweit kommen würde? Oh doch, uns war das schon lange klar. Daher haben wir uns auch gegen unsere Rasse verschworen und uns auf die Seite derer geschlagen, die angegriffen werden sollten.“

„Wo kommen Sie her?“, fragte Roosevelt völlig verunsichert und stützte sich auf die Überreste eines verkohlten Baumes.

„Das übersteigt Ihre Vorstellungskraft“, hauchte „George“ mühsam und öffnete die Augen. „Ich komme von weit her...“, sagte er und deutete auf das riesige metallene Objekt hinter ihm. „All jene, die sich mir angeschlossen haben, kommen von weit her. Wir ... wir alle haben versucht, das Schlimmste abzuwenden. Doch wenn Sie wüssten, wie es zu dieser Stunde mit der Welt steht...“

„Wie??? Wie steht es mit der Welt?“

„Sie ist fast vollständig zerstört worden.“ Der Fremde senkte den Kopf. „Die Erde gleicht einem Schlachtfeld. Während meiner Reise hierher konnte ich mir einen Eindruck vom Ausmaß der Invasion verschaffen. Es ist ... unvorstellbar!“

„Das meinen Sie nicht ernst!“

„Doch“, erwiderte der Verletzte und verzog das Gesicht, als eine weitere Schmerzattacke den gepeinigten Körper durchfuhr. „Doch...“

„Dann ist das, was auf das Weiße Haus gestürzt ist, eine Art Flugzeug gewesen??“

„Mister President, es ist weit mehr als das...“

„Und was?!“ – Roosevelt war anzumerken, dass ihn das Gespräch merklich überforderte.

„Es ist der Motor, der alles antreibt, die Maschine, ohne die nichts funktioniert, ein Katalysator.“ Der Fremde machte eine Pause, bevor er weitersprach. „Es ist das Hauptschiff!“

„Was?!“

„Sie werden es nicht begreifen, Franklin, aber wir sind weit mehr als nur Wesen von einem anderen Stern. Wir sind der Anfang und das Ende, der Ursprung des irdischen Lebens. Wir geben Leben ... und nehmen es auch wieder.“

„Ich glaub das einfach nicht...“, stammelte Roosevelt und schloss die Augen. „Das ist zu hoch für mich!“

„Das kann ich nur allzu gut nachvollziehen...“

„Es tut mir Leid, aber ich kann das alles einfach nicht verstehen...“

„Das müssen Sie auch nicht, denn es ist vorbei, die Zeit für den Neuanfang ist gekommen.“ – „George“ richtete sich mühsam auf und schlurfte keuchend an Roosevelt vorbei.

„Wo wollen Sie hin?“



Der Fremde bückte sich und hob ein Stück Metall vom Boden auf. „Wissen Sie, was das ist?“, fragte er leise.

„Ein Stück Metall...“, antwortete Roosevelt leicht unsicher. „Das muss ein Stück des Objektes sein, das...“

„Für ungeschulte Augen mag es das sein, aber erinnern Sie sich noch daran, was ich Ihnen gerade erzählt hatte?“ – Er gab Roosevelt das Metallstück in die Hand und ließ es ihn eingehend begutachten. „Es ist ein Teil des Mutterschiffes, ein Teil des Ursprungs. Ein Teil dessen, das vermag, Leben zu geben.“

„Wie meinen?“

„Dieses Schiff ist älter als alles, was Sie kennen. Es ist ein Zeugnis der Zeit, ein Unikat. Es war in der Lage, eine riesige Flotte zusammenzustellen. Alleine. Es ist das Schiff gewesen. Das eine. Das Schiff, welches die anderen erst erschaffen sollte.“

Der Verletzte lächelte.

„Vielleicht verstehen Sie jetzt schon genauer, warum ich in Bezugnahme auf das Schiff immer von Ursprung sprach.“

„Aber wie...?“

„Erkennen Sie die Zeichen, Mister President?“ – Er deutete auf das Metallstück. „Diese Zeichen hier sind Bestandteile der Ursprache, der Sprache, aus der die anderen Sprachen erst entstehen sollten. Es sind heilige, mächtige Zeichen, welche noch mächtigere Worte formen!“

„Worte, die Leben geben...“, stammelte Roosevelt und blickte in das Gesicht seines Gegenübers.

„Dieses Schiff schuf Leben!“

„Ja, erst in fremden Galaxien und schließlich hier auf der Erde.“

„Aber warum zerstört es jetzt alles?“

„Um Territorien für die Urrassen zu schaffen“, flüsterte der Fremde und blickte zum Himmel.

„Für all jene Rassen, welche vor Jahrmillionen von Jahren entstanden sind und ihre Planeten „verbraucht“ haben.“

„Das ist unlogisch“, warf Roosevelt ein. „Warum sollte das Schiff erst die Menschen erschaffen, um sie dann auszulöschen?“

„Das stimmt so nicht“, erklärte „George“ und hielt sich den schmerzenden Bauch. „Nicht alle werden ausgelöscht. Die meisten ... werden gefangengenommen und als Sklaven derer gehalten, welche „umgesiedelt“ sind.“

„Also existierte die Menschheit nur, um versklavt zu werden?!“ – Der Präsident schüttelte den Kopf, so als ob er seine gerade gestellte Frage schon wieder als Unsinn klassifizieren wollte.

„Wenn es dazu gekommen wäre, ja, aber wir haben gesiegt...“, erwiderte der Fremde und schloss plötzlich die Augen. „Ich – ich glaube, es geht ... zu Ende!“

„Nein, nicht sterben!“, schrie Roosevelt und fing den zu Boden sinkenden Körper des Mannes auf.

„Bitte, Sie müssen kämpfen!!“

Der Körper des Fremden fiel zu Boden.



„Ich ... habe gekämpft...“, hauchte der Unbekannte und verzog das zerschürfte Gesicht zu einem schwachen Lächeln. „Und glauben Sie meinen Worten: der Neuanfang ... liegt vor Ihnen.“

Mit letzter Kraft warf er das Metallstück weit von sich und fiel kraftlos in sich zusammen. Der Fremde keuchte und atmete schwer.

„Dieses ... Metallstück ist der Neuanfang...!“

„Was sagen Sie da??“

„Dieses Teil...“, hauchte „George“, „ist nicht nur ein Teil des Schiffes, das Leben gab ...“ Er hustete zweimal schwer, während dicke Schweißperlen das zerschundene Gesicht hinabliefen. „Es ist Leben!“

„Es ... ist...? Wie, wie meinen Sie das?“

„Eine ... Konstruktion ist nichts ohne funktionierende Technik ... Dieses Schiff, welches in das Weiße Haus ... gestürzt ist“ – Plötzlich bäumte sich der Körper des Verwundeten auf. Jede Ader, jeder Muskel im Körper des Fremden schien in diesem Augenblick aus Letzterem austreten zu wollen. Die Haut spannte sich am ganzen Körper und ließ Franklin D. Roosevelt entsetzt und hilflos zugleich zurückweichen.

„Dieses ... Schiff ... schuf nur Leben wegen diesem Metallstück. Ohne ... es ... ist ... es nichts!“ – Die Worte brachen geradezu aus dem sich vor Schmerzen Krümmenden heraus. „Sehen Sie hin! S-sehen Sie...! Es ... das Stück ... wird wissen, was zu tun ist..! Nur für mich ... ist es zu spät...!“ - Mit allerletzter Kraft deutete der Fremde mit dem Zeigefinger an Roosevelt vorbei, welcher sofort seinen Kopf drehte, die Augen weit aufmachte und selbigen für einen kurzen Augenblick nicht trauen wollte.



„Was ... geht hier vor? Das, das kann nicht sein! Das ist vollkommen unmöglich!!“, stammelte Roosevelt und blickte zurück zu der Stelle, an der der Fremde in sich zusammengesunken war.



Er war nicht mehr da. Jedenfalls nicht er. Denn stattdessen blickte Roosevelt auf eine graue leblose Kreatur mit dünnem, schlacksigem Körper, langen, schmalen Armen und zwei überdimensionalen schwarzen Augen, die genau dort lag, wo vormals der Verwundete gelegen hatte.



Währenddessen spross ein kleiner grüner Grashalm aus dem Boden, nicht unweit des Metallstücks, welches „George“ zuvor weggeschleudert hatte. Ihm folgten weitere, welche mit stetigem Tempo damit begannen, sich immer weiter und weiter nach oben zu recken, sich um die im Eiltempo neu aufblühenden Blumen rankten und eine kleine grüne Idylle schufen, welche sich, von Roosevelt unbemerkt, immer weiter ausbreitete, um den Keim des Krieges langsam aber sicher zu ersticken und mit Leben zu kaschieren.



Das Leben, welches vom Himmel fiel, hatte mit seiner Arbeit begonnen ...
Kapitel 13 by Stefan Rackow
~ Teil 12 ~ „DIE [ER-] LÖSUNG“



~~~



[ 1 ]

„Der Wahrheit letzter Halt“





Off – Kommentar von Doggett


„Ich weiß nicht, wie es um mein Schicksal steht, und dennoch stehe ich hier – jetzt – an dieser Stelle - und blicke in ihre Augen.
Ich sehe, dass sie mir vertraut, ich sehe Freundschaft. Nein, es ist mehr als das. Ihre Augen funkeln. Ich mag mich auch täuschen, denn es ist ziemlich dunkel in diesem Raum. Aber ich bin mir sicher – sie weiß, dass ich das Richtige tun werde.

Oder sind das hier die Gedanken eines armen Irren, der sich in etwas hereingesteigert hat und jetzt nur noch Augen für das Angepeilte hat, so dass man ihm alles hätte einreden können und er es geglaubt hätte? Ist es wirklich schon so weit gekommen?

Aber zeugen diese Selbstzweifel, zeugt dieses Vorhandensein einer leichten Unsicherheit nicht gerade von einem gesunden Menschenverstand? Ja, das muss es sein. Nur derjenige, der bei seinem Tun noch Zweifel hegt, wird im Endeffekt richtig handeln, da er sich immer noch anders entscheiden kann. Ein Irrer hat lediglich einen kranken Plan und setzt ihn ohne viel Überlegens in die Tat um.

Nein, ich bin nicht verrückt. Ich kann nicht verrückt sein. Nicht ich. Ich weiß, dass ich es tun muss, ich weiß es.



Das Messer in meiner Hand fühlt sich kalt an. Kalt wie die Ungewissheit. Es noch für ein paar Sekunden in meiner Hand wendend und selbst den entgeisterten Blicken der anderen ausgesetzt, umfasse ich die Spitze, wobei ich mich blutig schneide. Und das letzte Gefühl der Unsicherheit über Bord werfend, schmettere ich das Messer in Richtung Monica.



Es trifft sein Ziel ...“



~~~



Zwei Stunden zuvor...



Doggett atmete einmal lang aus, nachdem Rob Hermes zum Ende gekommen war, und schlug das rechte über das linke Bein. Seiner Haltung konnte man alles oder nichts anmerken, und genauso schien es auch beabsichtigt gewesen zu sein, zumal Doggetts Gedanken zu diesem Zeitpunkt, in diesem Augenblick, noch nicht zu einem geordneten Ganzen zusammengeflochten werden konnten.

Der Agent räusperte sich.

„Das ... ist sie also“, begann er monoton und machte eine nichtssagende Handbewegung, so als wolle er das Unglaubliche beiseite schieben, „die Wahrheit ...“

„Ja“, entgegnete Hermes und faltete die Hände. „Exakt, in aller Ausführlichkeit.“

„Dann bewegen wir uns also wirklich in einer Lebenssimulation, welche versucht, das tatsächliche Bild der Erde, nämlich das einer Verwüsteten und Zerstörten, zu kaschieren, indem sie uns vorgaukelt, das alles hätte nie stattgefunden?“ – Steve Mac Finns Augen weiteten sich. „Oh mein Gott, und ich hatte die ganze Zeit Recht gehabt...“

„Erschreckend, nicht wahr? Zutiefst erschreckend. Um nicht zu sagen: Unfassbar!“ – Hermes’ bleckte seine Zähne. „Sie mögen mir nachsehen, dass auch ich es immer noch nicht ganz verarbeitet habe. Ich war genauso verwirrt wie sie, als ich vor vielen Jahren ...“ Er stockte. „Als ich ... damals ...“ – Nervös spielte Rob Hermes mit einem Kugelschreiber, der mit anderen Utensilien wie einem Brieföffner und Bleistiften in einer dekorativen Ablage weilte, während er versuchte zu lächeln. „Ich ...“ – Er räusperte sich einmal. „Da sehen Sie, ich arbeite schon so lange für die Sache hier, dass ich gar nicht mehr weiß, wie genau ich überhaupt hierher gekommen bin. Und wann.“

„Sie haben keine Ahnung, wie sie hierher gekommen sind?“, fragte Doggett leicht verwundert und knetete seine Unterlippe. „Leichte Form von Gedächtnisschwund, wie?“

„Ihren Sarkasmus in allen Ehren, Agent Doggett, aber ich habe gesagt, dass ich nicht mehr genau weiß, wie ich herkam. Was auch gar nichts zur Sache tut, denn sie sucht sich ihre Wächter aus. Das war schon damals so.“

„Wächter?“, fragte Reyes verwirrt und machte Anstalten aufzustehen.

„Hinsetzen!“, fuhr Hermes sie an, „Sie haben nachher noch genug Zeit, um herumzulaufen. Außerdem verdaut es sich besser im Sitzen.“ Er grinste fies und nahm einen Schluck aus einem Wasserglas, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. Mit übertriebener Freundlichkeit blickte der Mann in die Runde. „Oh, wie unhöflich von mir. Dürstet es sie, meine Damen und Herren?“

„Ja...“, erwiderte Reyes energisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nach Antworten. Denn ihre Geschichte stinkt doch zum Himmel.“

„Frauen und Technik“, murmelte Hermes leise mit ironischem Unterton, aber laut genug, dass die Agentin es zwangsläufig hören musste und energisch die Fäuste unter den verschränkten Armen ballte. „Agent Reyes, warum tun Sie das? Warum verschließen Sie sich dem Unbekannten? Aber Sie sollen Antworten bekommen. Fragen Sie. Fragen Sie und befriedigen Sie ihren Unmut mit plausiblen Antworten.“

„Wie kann ein einzelnes Stück Metall eine ganze Welt wieder aufbauen?“

„Gute Frage“, erwiderte Hermes und lehnte sich zurück, während sein Blick zur weißen Decke gerichtet war. „Nun, Agent Reyes, es ist ein Trugschluss, wenn man annimmt, dass dieses Stück außerirdischen Ursprungs in der Lage wäre, die gesamte Welt wieder aufzubauen. Das kann es nämlich verständlicherweise nicht. Nein, dieses Stück schuf zwar schon anderswo Leben, aber eben immer nur in Form einer Basis, welche von den Bewohnern dann immer weiter kultiviert wurde. Verstehen Sie? Es legte den Grundstock. Das, was letztlich zu bestaunen war, entstand aus harter Arbeit.“

„Das kann es nicht sein...“ – Reyes schüttelte den Kopf. „Es kann nicht sein, dass die Menschheit bei 0 anfängt und jetzt schon eine „perfekte“ neue Zivilisation zusammengeschustert hat – lediglich knappe 70 Jahre nach der Katastrophe! Das GEHT einfach nicht!“

„Wohl wahr“, sagte Hermes und schaute Reyes direkt an. Seine Augen spiegelten nichts Hinterhältiges wider. Es schien fast so, als ob er sich früher einmal genau dieselben Fragen gestellt hätte und Reyes’ Unsicherheit nachvollziehen konnte. Er lächelte. „Mir gefällt Ihre Art, an die Dinge heranzugehen. Systematisch. Um auch ja jede Unklarheit auszumerzen. Oh ja, das zeugt von Intelligenz. Von Stärke.“

„Nein, das ist lediglich mein gesunder Menschenverstand, der nun mal nicht jeden Unsinn blindlings glaubt.“

„Was sagt Ihnen denn, dass das hier Unsinn ist?“ – Hermes beugte sich etwas nach vorne, wobei er das Wasserglas umkippte, dessen Inhalt sich gleichmäßig auf der glatten Schreibtischoberfläche verteilte. „Scheiße“, murmelte er, senkte kurz den Blick, bückte sich und holte ein Taschentuch aus seiner rechten Jackentasche hervor, mit dem er die Nässe notdürftig aufwischte. Dann blickte er kurz zu Doggett, welcher in genau diesem Augenblick seinen Anzug geraderückte und sagte: „Und das zeugt von Unsicherheit und Schusseligkeit, werter Rob.“

„Agent Doggett, Sie hätten Wortakrobat werden sollen...“, knurrte Hermes und wandte sich wieder Reyes zu, welche merklich unruhig auf den Stuhl saß. „Wo waren wir? Ach ja ... Sie glauben mir nicht. Warum glauben Sie, dass das hier Humbug ist?“

„Weil es mir scheint, dass Sie sich all das hier ausgedacht haben!“, erklärte die Agentin leicht ungehalten und erhob ihre Stimme. „ Sie können all das doch im Grunde gar nicht wissen. Woher nehmen Sie die Sicherheit, dass sich das so zugetragen hat? Dass dieses Teil in entlegenen Galaxien Leben schuf? Sie können das nicht wissen! Sie können es einfach nicht! Sie ...“ – Sie unterbrach sich. „Wie alt sind Sie, Rob? 32? 35?“

„29.“

„29! Sie wurden 1973 geboren, 37 Jahre nach den Ereignissen, die Sie uns hier gerade geschildert haben. Sie können demnach gar nicht wissen, wovon Sie berichten. Und ihre Eltern auch nicht, da sie zum Zeitpunkt der Katastrophe entweder noch zu klein oder noch gar nicht geboren waren! Und dass Überlieferungen nicht immer von Wahrheit durchdrungen sind, sollte selbst Ihnen als Erwachsener klar sein.“ Sie holte einmal tief Luft. „Zumal es sich hier augenscheinlich nicht um eine Überlieferung, sondern um eine Legende handelt...“

„Erzählen Sie weiter...“

„ ... Sie vertrauen demnach einer Legende!“, beendete Reyes ihre Ausführungen. „Und das kann nicht der Wahrheit letzter Halt sein.“



Ein Lachen fuhr plötzlich durch den ganzen Raum und kitzelte ihn auch in der entlegensten Ecke. Es war Hermes.

Sein Kopf lag auf den auf dem Schreibtisch verschränkten Armen, und der Mann lachte und lachte.







[ 2 ]

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“



„Und jetzt?“



Scully blickte zu Mulder, der auf dem Fahrersitz saß, und sie machte ein trauriges Gesicht. „Wir können nichts tun als rumzusitzen und abzuwarten, was die Ermittlungen der Abteilung für Gewaltverbrechen ergeben.“

„Diese Hilflosigkeit macht einen krank“, konstatierte Mulder und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. Das Sonnenlicht schien durch das Seitenfenster und brach sich am Armaturenbrett des Ford, so dass sich einzelne Lichtflecken an den entlegendsten Winkeln des geräumigen Wagens wiederfanden.

Scully seufzte.

„Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, und das, was wir wissen, macht die Sache im Grunde nur noch komplizierter.“ Sie senkte den Blick. „Weißt du, wie ich mich fühle, Mulder?“

„Nein...“

„Wie jemand im Treibsand, der mit jedem Versuch, sich zu befreien, nur noch tiefer einsinkt. So fühle ich mich.“

Mulder nickte und biss sich auf seine Unterlippe. Er kannte Scully nun schon so lange, aber nie zuvor hatte er sie so hilflos gesehen, sich selbst so hilflos dastehen sehen. Einen flüchtigen Blick nach draußen werfend, dachte der Ex - Agent an das Leben, das teilweise mit den überraschendsten Wendungen aufwartete. Wendungen, die nicht selten in die Schublade der Negativitäten gehörten; Wendungen, die das Schicksal bereithielt und beizeiten freigab. So eine Wendung war nun eingetreten.

Er wollte nicht wahrhaben, dass das alles seine Richtigkeit hatte, dazu war es einfach zu unfassbar. Doch was sollte er als einzelner schon tun? Sich gegen das Schicksal auflehnen? Wie? Und vor allem: was für Konsequenzen würden sich ergeben, wenn er den Kampf aufnehmen würde?

Mulder verwarf die letzten Gedanken und versuchte zu lächeln.



„Ich bewundere, dass du noch lächeln kannst“, sagte Scully und verzog das Gesicht ihrerseits zu einem leicht gequält wirkenden Lächeln. „Ich möchte so gerne glauben, dass es den beiden...“ Sie verbesserte sich. „... den dreien gut geht. Dass sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben.“

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, erwiderte Mulder leise und betätigte die Kupplung, um den ersten Gang einzulegen. „Wir sollten zum FBI zurückfahren und auf Ergebnisse warten. Vielleicht können wir dann mehr tun...“

„Ja.“



... und da klingelte plötzlich das Handy. Scully war die erste und nahm den Anruf an.



„Ja?“



„Derik Walters. Agent Scully?“



„Derik …!”



„Sie hatten mich doch gebeten, Sie über den Fortschritt der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten.“



„Ja ... ja, bitte entschuldigen Sie, mich... mich hat ihr Anruf nur etwas“ – Sie erlangte ihre Fassung wieder – „bitte entschuldigen Sie.“



„Ich weiß, wie sehr Sie das mitnimmt, Agent Scully, ich selbst musste vor etlichen Jahren Ähnliches durchmachen. Ähnliches, das Gott sei Dank glimpflich geendet hat...“



„Ich wusste nicht...“



„Doch, es war meine damalige Partnerin. Aber sie wurde gefunden, weil jeder Gangster teils unachtsam vorgeht.“



„Wollen Sie damit andeuten, dass Sie eine Spur haben?“



„Ja, mehr als das. Eine konkrete Spur. Hatte ich Ihnen gegenüber erwähnt, dass ich davon ausgehe, dass wir es hier mit einer Kurzschlusshandlung zu tun haben?“



„Einer Handlung, die nicht als solche geplant war, sondern eilig vonstatten ging? Nein, Sir, das ist mir neu.“



„Wie dem auch sei – nun wurde mein Verdacht bestätigt. Die bisherigen Ermittlungen haben ergeben, dass beim Brand des Wagens Ihrer Kollegen mit Brandbeschleuniger nachgeholfen wurde.“



„So…“



„Und bei einer nochmaligen Untersuchung der Unglücksstelle kam eine solche Flasche ans Tageslicht … zwar versteckt, aber einer meiner Leute hat sie gefunden und gleich den Kollegen der Spurensicherung übergeben, zur Untersuchung auf Fingerabdrücke.“



„Sagen Sie nicht, Sie sind fündig geworden!“



„Doch, die Kollegen der Spurensicherung haben einen sauberen Fingerabdruck finden können. Der gute Zustand machte es einfach, den Zeitpunkt des Entstehens zu datieren. Ob Sie’s glauben oder nicht: der Zeitpunkt stimmt in etwa mit dem Beginn des Feuers zusammen!“



„Haben Sie einen Namen?!“ – Scullys Neugier war gepackt.



„Ja, der Fingerabdruck wurde gleich für die Untersuchung auf etwaige Übereinstimmung aus der Datenbank hin eingescannt und der Suchvorgang startete.“



„Wie ist der Name?!“



„Hermes. Robert Johnfitzgerald Hermes, aber von allen nur Rob Hermes genannt. Ein Kleinganove aus Washington, der vor etlichen Jahren einige Monate wegen Diebstahls von Spirituosen einsitzen musste. Wurde aber aufgrund von guter Führung vorzeitig entlassen und hat seitdem hier und da Gelegenheitsjobs angenommen, um sich über Wasser zu halten.“



„Was ihm scheinbar nicht reichte...“, murmelte Scully. „Wohnte er in letzter Zeit noch in Washington?“



„Der letzte Eintrag in seiner Datei stammt von Anfang 2000 und gibt als Bleibe eine Wohnung in der Hell Street hier in Washington an.“



„Haben Sie schon Leute losgeschickt?“



„Auf gut Glück, ja...“



„OK, die Hell Street ist nicht weit von hier. Mein Partner und ich sind in etwa 15 Minuten vor Ort.“



„Geht klar, viel eher werden meine Leute auch nicht da sein. Aber erhoffen Sie sich lieber nicht zu viel, Agent Scully, es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass er uns da auf dem Präsentiertisch serviert werden wird...“



„Aber nicht unmöglich...“, murmelte Scully leise und sagte: „OK, bis gleich.“ Und sie beendete den Anruf.



Mulder blickte sie mit großen Augen an. „Und?!“

„Wir haben einen Namen und eine heiße Spur. Unser Ziel ist die Hell Street.“ Die Agentin gurtete sich an. „Ich will mir nicht zu viel erhoffen, aber ich glaube, dass wir der Lösung des Rätsels an dem besagten Ort ein ganzes Stückchen näher kommen werden!“

Mulder startete den Wagen und vollführte, nachdem der Ford etwas an Fahrt gewonnen hatte, eine 180° Grad – Drehung auf dem Vorplatz des Wissenschaftlichen Institutes und fuhr davon, dem sinnbildlichen Horizont der Wahrheit entgegen.

Und über dem Wagen schwebte das imaginäre Bild einer jungen Frau, die in die Treibsandgrube der Hilflosigkeit geraten war, sich aber in diesem Augenblick ein Stückchen weit selbst herausziehen konnte.



Die Frau lächelte.







[ 3 ]

„Die Geschichte eines Stück Metalls“



„Sie sind so herrlich naiv, Agent Reyes.“



Rob Hermes konnte nur schwerlich mit dem Lachen aufhören und rieb sich die tränenden Augen. „Sie sollten es eigentlich besser wissen.“

„Ich verstehe nicht, was so lustig gewesen sein soll“, erwiderte Reyes mürrisch und zog die rechte Augenbraue hoch.

Hermes fasste sich.

„Nun“, begann er, „Sie meinen, ich vertraue einer Legende. Dabei ist dem nicht so.“ Er grinste. „Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Agent Reyes?“

„Sie fragen ja schon...“

„Weshalb brauchen Sie bei Ihrer Arbeit die X – Akten, ich meine, die Akten an sich?“

Reyes wunderte sich ob der seltsamen Frage und rümpfte die Nase.

„Zum Recherchieren. Zum Nachschlagen. Herrgott, wozu man eine Akte eben benutzt!“

„Nein“, sagte Hermes schroff und beugte sich vor. „Nein, das ist nur die eine Seite der Medaille. Denken Sie doch mal nach. Sie deklassieren die Akten als bloße Werkzeuge zur Einsichtnahme. Das sind sie nicht! Sie sind viel mehr als das.“

„Ja, meine Putzhilfe und Babysitter“, warf Doggett ironisch angehaucht in den Raum und konnte ein Grinsen nicht unterbinden.

Rob Hermes überhörte Doggetts Kommentar und wandte sich wieder Reyes zu. „Agent Reyes“, hauchte er, „Agent Reyes, diese Akten wissen Geschichten zu erzählen. Sie wollen sich ihnen mitteilen, ihre Geschichte erzählen, Ihnen das Geheimnis preisgeben, das in ihnen schlummert. Man muss nur lernen, richtig zuzuhören.“

„Sie wissen, denke ich, dass das reichlich verschroben klingt, oder?“ – Doggett verschränkte die Arme und musterte Hermes eindringlich. „Sie meinen also, das Stück Metall hat Ihnen das alles ... erzählt?!“

„In gewisser Weise, ja, ganz richtig.“

„Sie sind verrückt...“

„Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, daher muss ich die Ihrige wohl akzeptieren, Agent Doggett. Aber lassen Sie mich noch kurz auf die vorhin angesprochenen „Wächter“ zurückkommen, vielleicht wird Ihnen dann einiges klarer.“



Hermes nahm einen Schluck aus dem Glas und räusperte sich, als er etwas zu viel auf einmal herunterschluckte.

„Sehen Sie, als das Metallstück auf die Erde stürzte, wusste es, dass seine Hülle – das Schiff – eine Niederlage hatte einstecken müssen. Es war fortan auf sich alleine gestellt. Und Sie können sich vorstellen, dass es damals, am Anbeginn der Zeit, Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende gedauert hat, bis das Hauptschiff stand, mit dem das Stück Urmetall seine Aufgabe, nämlich Leben zu geben, erfüllen konnte. Doch nun war es auf sich gestellt. Vergleichen Sie es am besten mit einem Computer, der für einen bestimmten Zweck programmiert wurde; der Computer muss diese Aufgabe erfüllen, ansonsten befindet er sich in einer Art Leerlauf.“

„Der Mann, der die Maschine verstand...“ – Doggett schüttelte amüsiert den Kopf. „Sie haben Talent, Rob...“

„Halten Sie den Mund, oder Sie können gleich wieder in Ihre Zelle, Agent Doggett!“, brüllte Hermes wütend und rückte seinen Anzug zurecht. „Wenn ich fortfahren dürfte... – Das Metall wollte also Leben geben, aber es hätte zu lange gedauert, die Erde alleine wiederherzustellen, so dass anderweitige Hilfe benötigt wurde.“

„Die Wächter“, erkannte Steve Mac Finn. „Es ist absolut unglaublich!“

„Sie haben Recht, Professor“, stimmte Rob Hermes der eben abgegebenen Aussage zu. „Ja, das Metallstück suchte Wächter, die es ... nun, gewissermaßen ausbauten. Wissenschaftler, die es mit Wissen speisten, Architekten, die eine neue Hülle bauten, Geistliche, die ihm die heiligen Worte mitteilten ... und eben die Wächter an sich, zu denen auch ich mich zählen darf – das Stück rief, und alle kamen. Und bevor Sie fragen, womit das ganze Unterfangen nach und nach finanziert wurde – wir hatten unsere Mittel und Quellen, an Geld zu kommen. Den Rest überlasse ich Ihrer Phantasie.“



Sprachlos lauschten die drei Personen den Worten des Mannes und wollten nicht glauben, was sie da hörten. Es war einfach zu merkwürdig, aber nichtsdestotrotz in sich schlüssig, so dass jedermanns gesunder Menschenverstand weder ein- noch aus wusste und auf eine harte Probe gestellt wurde.

Reyes machte ihrer Verwirrtheit Luft.



„Und wie kommt jetzt das FBI ins Spiel? Ich meine, Sie scheinen es ja in Ihre Pläne mit einbezogen zu haben...“

„Sehr gute Frage, und ich will Sie Ihnen auch gleich beantworten“, entgegnete Rob Hermes und stand auf. „Nun, Sie können sich vorstellen, dass solch ein kostspieliges Projekt mit einem immensen Risiko behaftet ist – dem Risiko des Entdecktwerdens. Kein Fisch schwimmt in die Nähe einer Angel, wenn er vorher schon wüsste, dass er gleich in der Falle sitzen würde. Verstehen Sie? Die Menschen würden den Sinn des Lebens hinterfragen, wenn sie wüssten, dass alles gewissermaßen nicht real ist, sondern durch ein außerirdisches Metallstück entstanden ist! Die damaligen Wächter hatten folglich ihre Müh’ und Not, ihr Projekt geheim zu halten, während sich die Welt nach und nach immer schneller erholte. Ein Jahr nach den Ereignissen war fast alles wiederhergestellt worden, und jeder Mensch wurde mit dem Wissen in diese Welt gesetzt, dass es nie zu solch einer Katastrophe gekommen war. Die Menschen – so sie nicht schon bei den Anschlägen umgekommen waren - wussten nichts von den Ereignissen im Jahre 1936, da sie nach dem Neuanfang das Wissen schlicht und ergreifend verdrängt hatten – wie ein Trauma - und so sollte es bleiben. Da kamen den Wächtern die X-Akten zur Hilfe.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Doggett verdutzt und knetete seine Unterlippe.

„Ganz einfach. Wie lenkt man von der Wahrheit ab?“

„Mit einer Lüge“, sagte Reyes und verstand langsam. „Sie meinen doch wohl nicht, dass Sie...!“

„Oh doch“, entgegnete Hermes und verzog das Gesicht zu einem fiesen Grinsen.



„Wir erschufen die größte Lüge seit Menschengedenken. Wir erschufen die Verschwörung!“







[ 4 ]

„Das Haus des Schicksals“



Als Mulder und Scully die Hell Street am Rande Washingtons erreichten, war schon ein Einsatzkommando vor Ort und im Innbegriff, das Haus zu betreten. Mulder parkte den Wagen und stieg aus.

„F.B.I.”, sagte Scully und zog ihren Ausweis aus der Manteltasche. „Wer ist hier der Ansprechpartner?“

Ein kleinwüchsiger Mann mit markanten Gesichtszügen, einer spitzen Nase und Halbglatze drehte sich zu der Agentin um und sagte etwas in sein Funkgerät. „Meyers? Noch nicht stürmen. Wir haben Verstärkung bekommen vom FBI. Warten Sie auf meinen Befehl und stürmen Sie mit Ihren Leuten erst, wenn ich es Ihnen sage. Und behalten Sie weiterhin die Rückfront des Hauses im Auge.“

>> In Ordnung ... warten auf Befehl. Ende.> Stürmen. Haben verstanden. > 3! Wir gehen jetzt rein. > Verstanden. Ende.
Kapitel 14 by Stefan Rackow
[ 6 ]

„Chronologie einer Lüge“



Während sich Mulder noch seine Gedanken machte, saß die Person, der sich seine Überlegungen widmeten, vor Reyes, Doggett und Steve Mac Finn und antwortete lang und ausführlich auf eine Frage Reyes’, die sich darauf bezog, wie Mulder und Scully in dieses ganzes Schema passten. Und Rob Hermes begann ganz am Anfang.







Irgendwann im Jahre 1946, FBI Hauptzentrale, Washington, D.C, Büro des Directors



Der alte Mann betrachtete die Akte in seinen Händen und legte sie, nachdem er den Inhalt notdürftig überflogen hatte, beiseite.

„Nun“, begann er und öffnete eine Zigarrenschachtel vor ihm auf dem Mahagoni – Tisch, „was erwarten Sie von mir?“

Er wandte sich zu den vor ihm Sitzenden und musterte jeden der Agenten eingehend.



„Sie wissen, worum es in der Akte geht?“, begann der größere von den Bundesagenten, der leicht verunsichert wirkte.

„Ja, im Groben...“

Die Zigarrenschachtel fiel klackend zurück ins Schloss.

„Nun, dann ist Ihnen sicherlich aufgefallen, Sir, dass wir es hier mit einem – wie soll ich sagen? – besonderen Fall zu tun haben...“

„Wenn Sie den Tod dreier Wanderer als „besonders“ klassifizieren wollen – ja, in der Tat.“ – Der Mann hinter dem Schreibtisch warf einen flüchtigen Blick auf die Akte.

„Die Untersuchungen der Leichen haben tiefe Kratzspuren zu Tage gefördert“, erklärte der andere Agent und legte zwei Schwarz-Weiß-Fotos auf den Tisch. Angewidert verzog das Gegenüber des Mannes das Gesicht.

„Oh mein Gott...“, stammelte der Vorgesetzte und betrachtete die Fotos, obschon sie bei ihm Ekel hervorriefen, noch einmal genauer, so als ob von der dargestellten Grausamkeit eine Art Faszination ausging. „Wessen Tat ist das? Mir war nicht klar, dass es so schrecklich ist!“

„Die Verletzungen legen den Schluss nahe, Sir, dass ein Tier für dieses Gemetzel verantwortlich zeichnet...“

„Der arme Kerl ist ja regelrecht zerrissen worden. Was für ein Tier tut das?!“

„Sir, wir nehmen an, dass es ein Wolf war.“

„Ein Wolf?“ – J. Edgar Hoover schüttelte den Kopf und erhob sich aus seinem Stuhl, beide Hände fest auf die Schreibtischplatte vor ihm gestützt. Man sah seiner Haltung an, dass er mit dieser Erklärung nicht zufrieden war. „Wölfe“, erklärte er launisch, „jagen im Rudel. Sie greifen entweder in der Gruppe oder gar nicht an. Sie können mir nicht weismachen, dass das die Tat eines Wolfes ist!“

„Die gerichtsmedizinischen Befunde bekräftigen meine eingangs aufgestellte Vermutung, Sir“, erwiderte der größere der beiden Agenten. „Und Sie können mir glauben, dass die Leiche mehr als nur einmal untersucht wurde...“

„Worauf wollen Sie hinaus, Agent?“ – Hoover nahm wieder auf seinem Stuhl Platz und schlug das rechte über das linke Bein, während er sich leicht nach vorne beugte.

„Am Tatort wurde noch – Er kramte in seiner Jackett-Tasche – „... Jack, hast du das Foto?“

Sein Partner griff sich in die Innentasche des schwarzen Jacketts und zog ein Foto heraus. „Ja“, sagte er und reichte Hoover das Bild („Bitte, Sir.“), welcher es sich sofort genauer betrachtete. Nach einer Weile sah er auf. „Was ist das?“

„Ein Fußabdruck, Sir.“

„Dass das ein Fußabdruck ist, sehe ich auch!“ – Er legte das Foto beiseite – „Ein menschlicher Fußabdruck, wie er überall zu finden ist. Wahrscheinlich vom Opfer.“

„Dachten wir zuerst auch, doch die angestellten Untersuchungen widerlegten diesen Verdacht. Nein, Sir, wir sind der festen Überzeugung, dass das der mögliche Hinweis auf den Täter ist...“

„Moment“, warf Hoover ein, „ich dachte, wir reden hier von Wölfen ...? - Sekunde, Sie meinen doch nicht etwa, dass ...“

„Es war Vollmond, Sir! Und in Nähe der Spur fanden wir Tierhaare, die vermischt waren mit denen eines Menschen“, sagte der andere Agent und fügte hintendran: „Es mag zwar abwegig erscheinen, aber das würde für...“

„Das spricht für gar nichts, Agents!“ – Hoover wurde merklich lauter. „Wenn Sie damit sagen wollen, dass dies die Tat eines Werwolfes ist, dann tun’ Sie mir leid...“

„Aber alles spricht dafür, Sir ... ich kann Ihre Meinung gut nachvollziehen, ich selber habe Schwierigkeiten, an die Existenz eines solchen Monsters zu glauben ... aber wenn doch alles darauf hindeutet...!“ – Der Agent mit Namen Jack unterbrach sich selbst, als er bemerkte, dass er gerade seinen Vorgesetzten belehrte.

„Das ist abstrus, meine Herren! Wir haben bisher jeden Fall halbwegs logisch erklären können. Es gab bisher für alles eine Erklärung, zumindest eine solche, dass man den Fall nachher getrost zu den Akten legen konnte.“ – Er senkte seinen Blick – „Wie lange sind Sie schon auf diesen Fall angesetzt?“

„Einen knappen Monat, Sir.“

„Da sehen wir es doch!“ – Hoover faltete die Hände – „Sie sitzen seit einem Monat an diesem Fall und haben noch kein brauchbares Ergebnis. Wissen Sie, was das für mich heißt?“ Keiner der beiden Agenten wagte es auszusprechen. „Inkompetenz...?“

„Nein, bei Gott“, entgegnete Hoover leise, „nein, das heißt für mich, dass dieser Fall vorerst nicht zu lösen ist und bis zu dem Zeitpunkt, an dem er aufgeklärt wird, zu den Akten gelegt wird.“

„Sir, das ist noch nie vorgekommen...“

„Was? Dass eine Akte beiseite gelegt wird, bis man in der Lage ist, den Fall neu aufzurollen?“ – Hoover lachte leise – „Sie sind beide noch nicht lange hier, oder?“

„Nein...“

„Dann müssen Sie noch viel lernen.“ – Er lächelte – „Gehen Sie ruhig, ich kümmere mich drum.“

„Wird uns der Fall hiermit etwa entzogen?“, fragte „Jack“ und rümpfte die Nase.

„Nein, nicht direkt.“ – Hoover zögerte – „Nein, ich komme beizeiten auf Sie beide zurück. Aber widmen Sie sich jetzt lieber den anderen Fällen. Nicht dass Sie nachher vor lauter Akten nicht mehr in Ihr Büro können...“

„Sir, aber...“

„Machen Sie sich keine Sorge, Agents. Sie müssen lernen, sich nicht an einem Fall festzubeißen. Seien Sie flexibel.“

„Sir...“

„... und stellen Sie nicht immer so viele Fragen, denn schließlich sind Sie die Person, die darauf erpicht ist, die Wahrheit herauszufinden. Wer alles hinterfragt, kann sich leicht verzetteln.“ – J. Edgar Hoover lächelte und geleitete die beiden Agenten zur Tür.



Nachdem er die Tür geschlossen hatte, ging er zurück zu seinem Schreibtisch und nahm die Akte in die rechte Hand.

„Und du willst dein Geheimnis nicht preisgeben?“, murmelte der Vorgesetzte fragend und ergriff mit der linken Hand die auf dem Schreibtisch liegenden Fotos, die er daraufhin in einem Kuvert, das sich in der Akte befand, verschwinden ließ. „Dann bleibt es vorrübergehend dein Geheimnis ...“



Er zog einen schwarzen Filzstift aus seiner Jackettinnentasche und schrieb in großen Lettern



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auf den Aktendeckel.

„Der erste ungelöste Fall ...“, murmelte Hoover nachdenklich. „Der erste. Welch’ denkwürdiges Ereignis.“



Er wollte die Akte schon in seinem Schrank verschwinden lassen, da zückte J. Edgar Hoover noch einmal den Filzstift und setzte aufgrund des mehr als mysteriösen Falles als Sonderkennung zusätzlich ein Wort unter die Zahlen.



Es knisterte leise, als Hoover die Zigarre anzündete, welche er schon zu Beginn der Unterhaltung aus der Schachtel genommen hatte. Nachdenklich stellte er die Akte in seinen Schrank und beäugte sie stirnrunzelnd. Hatte er richtig gehandelt? War es richtig gewesen, die beiden von dem Fall abzuziehen? Er wusste es nicht.

Andererseits konnte eine Arbeit nicht effektiv sein, wenn sie solche Ergebnisse zutage förderte. Nein, es war wohl richtig gewesen. Der Fall sollte erst einmal ruhen, bis er dann von fähigen Leuten nochmals von vorne aufgerollt werden würde. Ja, die Entscheidung stimmte...



J. Edgar Hoover schloss die Schrankwand und schob der Akte mit dem mysteriösen Fall im wahrsten Sinne des Wortes vorerst den Riegel vor. Irgendwann, so sagte sich der Mann, irgendwann würde jemand diesen Fall wieder herauskramen und von vorne ermitteln. Irgendwann.



Doch bis dahin blieb der Fall nicht mehr als eine Akte. Eine ungelöste Akte mit der Kennung



4 6 / 0 1,



eingeordnet unter den Buchstaben –u- ; u wie



- unbekannt -





Gegenwart



Doggett massierte seine Stirn. Das lange Sitzen ermüdete ihn sehr. Doch was ihm noch viel weniger gefiel, war, dass Rob Hermes ihnen nun schon seit einer halben Ewigkeit als Geschichtenerzähler fungierte.

Der Agent machte seinem Unmut Luft.

„Wenn mich nicht alles täuscht“, begann er launisch, „dann haben Sie uns geradeeben erzählt, wie die erste X – Akte angelegt wurde. Gehe ich recht in der Annahme?“

Hermes nickte.

„In der Tat.“

„Gut“, fuhr Doggett rasch fort, „und warum?“

„Haben Sie es noch nicht verstanden, John?“ – Hermes faltete die Hände und blickte zu Reyes. „Erzählen Sie es ihm, bitte.“

Reyes wusste nicht, wie ihr geschah und sah Doggett mit großen Augen an. Er bemerkte, dass sie Angst hatte, doch der Agent ließ sich diese Beobachtung nicht anmerken, sondern nickte ihr zu, woraufhin er zu sehen meinte, wie ein Teil der Angst aus ihren Augen entwich.

„Ich glaube, Rob Hermes hat uns diese Geschichte erzählt, weil ab diesem Zeitpunkt gewissermaßen die Weichen gestellt wurden für das Jahre darauf folgende Projekt der Verschleierung.“ Sie sprach dies ohne jegliche Betonung, was den Schluss nahe legte, dass sie, genauso wie Doggett – und das bekräftigte ihn in seiner Einstellung – dem ganzen mehr als skeptisch gegenüberstand und nicht blindlings glauben wollte.

„Ich bin begeistert, Agent Reyes.“ – Hermes klatschte zweimal in seine Hände – „Mit Ihnen lässt sich noch was anfangen.“

„Schön, dass wir das geklärt haben... und wie geht es jetzt weiter? Wollen Sie uns immer noch einen Bären aufbinden oder haben Sie vielleicht endlich den Beweis für all das, was Sie uns erzählen?“

Hermes’ Miene verfinsterte sich plötzlich.

„Gemach“, sagte er leicht ungehalten und schluckte die aufkommende schlechte Laune herunter. „Ich bin noch nicht am Ende. Etwas müssen Sie sich schon noch gedulden, denn unvorbereitet kann und will ich Sie nicht zum Herzstück lassen.“ – Er machte eine Pause – „Es steht Ihnen frei, jederzeit in Ihre Zelle zurückzukehren, wenn es Ihnen danach beliebt.“ – Hermes schnipste einmal mit den Fingern – „Mein Kollege wird Sie ohne Umschweife dorthin geleiten. Also, ich fahre jetzt fort. Hören Sie zu oder lassen Sie es bleiben!“



Keiner der Gefangenen sagte etwas, teils aus Furcht, teils aus bloßer Verachtung. Sie mussten notgedrungen ihre jetzige Lage akzeptieren, ob sie es nun wollten oder nicht.

Und sie hörten die Geschichte einer jungen Medizinerin.











1990 ; Institut für Gerichtsmedizin in Quantico , spät am Abend ...



Dana Katherine Scully gähnte einmal und massierte ihren schmerzenden Nacken mit den Fingern ihrer rechten Hand. Der heutige Tag war anstrengend gewesen, was die Lehrerin für Gerichtsmedizin nicht verwunderte, denn dass ihr Job einfach werden würde – nein, damit hatte sie nicht gerechnet.

Sie lächelte etwas und entsorgte die blutigen Plastikhandschuhe im Mülleimer.



„Noch so spät am Arbeiten?“



Sie fuhr herum und blickte in ein ihr bekanntes Gesicht.



„Mister Jannings, könnten Sie das nächste Mal bitte anklopfen?“ – Sie setzte ein Lächeln auf – „Ich bin zwar noch jung, aber das heißt nicht, dass ich vor jedem Schrecken gefeit bin...“

Ihr Arbeitskollege schloss die Tür und trat neben sie.

„Entschuldigen Sie. Aber ich sah hier drinnen noch Licht, und da...“

„Ich weiß, Sie traten durch die Tür und fragten dann „Noch so spät am Arbeiten?““

„Sie sind gut, Dana...“ – Herman Jannings grinste – „Warum sind Sie noch zu so später Stunde hier?“

Scully zog die blutbefleckte weiße Schürze aus. „Weil manch einer noch für sein Geld arbeitet.“ Sie hoffte, dass Jannings die Ironie bemerken würde.

„Anscheinend viel zu tun, huh?“

Die Lehrerin nickte. „Ja. Aber es macht mir Spaß, den Dingen auf den Grund zu gehen.“ Dass sie gerade wieder doppeldeutig geantwortet hatte, bemerkte sie erst später. Scully wurde leicht rot. „Und Sie?“

„Ob ich viel zu tun habe?“

Scully nickte.

„Nun“, begann Jannings, „ehrlich gesagt kotzt mich gerade alles ziemlich an. Ich fühle mich wie die Titanic, die nur die Spitze des Eisbergs sieht, während das eigentlich Ungetüm in der Tiefe lauert. Dort, wo es keiner sieht.“ – Er lehnte sich an die Tür und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Manchmal komme ich mir vor, als verschwendete ich mein Talent hier nur. Warum, frage ich mich, habe ich zig Semester Medizin studiert, wenn ich jetzt nur am Schreibtisch zu sitzen und Formulare auszufüllen habe?!“

„Herman...“

„Dana, macht Ihnen das hier wirklich Spaß?“

„Was soll die Frage?“ – Scully blickte den jungen Mann verwundert an. „Ich habe doch gerade eben gesagt, dass es mir Spaß macht.“

„Ja, sie haben es gesagt, aber meinen Sie es auch?“ – Er machte eine flüchtige Handbewegung – „Sagen und meinen sind zwei verschiedene Paar Schuhe.“

Die Lehrerin für Gerichtsmedizin erwiderte ironisch: „Haben Sie Ihr Examen in Philosophie gemacht, Herman?“

„Schön wär’s ...“ – Der Mann seufzte und schloss kurz die Augen, als wolle er einen flüchtigen Gedanken einfangen. „Dana, ich glaube, Sie vergeuden hier Ihr Talent.“

„Woher wollen Sie das wissen?“ – Scully verschränkte die Arme vor der Brust – „Was macht Sie da so sicher?“

„Ein inneres Gefühl sagt mir das.“ – Er hielt inne – „Was für ein Examen haben Sie gemacht?“

„Ich habe mit 1 bestanden ...“

„Und was geschah danach?“

„Bitte, ich will Ihnen jetzt nicht hier meine Lebensgeschichte erzählen!“ – Scully wurde merklich laut – „Danach“, begann sie widerwillig, „danach wurde ich vom FBI angeworben und habe mich ausbilden lassen als Lehrerin für Gerichtsmedizin hier in Quantico. Zufrieden?“

Herman blickte sie mit ausdrucksstarken Augen an.

„Aber einer Versetzung wären Sie nicht abgeneigt?“

„Herman, ich verstehe nicht, was Sie von mir wollen!“

„Um ehrlich zu sein: ich erhoffte mir Rückendeckung, da ich in Kürze um eine Versetzung bitten werde und nicht weiß, ob es das Richtige ist. Und als ich gerade gedankenverloren durch das Institut wanderte, da sah ich, dass hier noch Licht brannte...“ – Er sah traurig aus. Scully trat neben ihn und legte ihren linken Arm auf seine Schulter.

„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt, Herman? Warum über diese vielen Fragen?“

„Ich war noch nie jemand, der schnell zum Punkt kam...“ – Er lächelte etwas und schaute Scully tief in die Augen. „Meinen Sie, ich sollte es versuchen?“

„Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Mehr kann ich dazu nicht sagen, Herman, denn ich bin nicht Sie. Aber wenn Sie unglücklich sind, dann wissen Sie selber am besten, was richtig ist und was nicht.“

„Danke.“

Er erhob sich und wandte sich zum Gehen.

„Ach, äh ... Herman?“

Er drehte sich noch einmal kurz im Türrahmen um.

„Ja?“

„Nein, ich wäre einer Versetzung nicht abgeneigt. Ich denke, das sollte Ihren Entschluss noch bekräftigen“, sagte Scully freundlich und wünschte Herman Jannings noch einen schönen Abend.



Gedankenverloren packte sie ihre Sachen zusammen. Das Gespräch hatte sie nachdenklich gemacht, zutiefst nachdenklich. Sagte sie wirklich Sachen, die sie nicht meinte? Wenn ja, warum? Warum tat ihr Verstand das? Scully schüttelte den Kopf, um wieder frei denken zu können.

Es ist schon spät und du bist müde, hämmerte es in ihrem Verstand, und die junge Frau sagte leise „Ja“ – und dieses Mal meinte sie es auch so.



Sie nahm ihre Tasche unter den Arm, löschte das Licht und schloss leise die Tür des Raumes ab.





Ganz in der Nähe, genauer gesagt in einem Nebenraum, nahm in diesem Moment Herman Jannings den Hörer des roten Telefons ab und wählte eine Nummer. Alle Lichter in dem Raum waren gelöscht, nur durch ein kleines Oberlicht leuchtete der am Himmel stehende Vollmond und spendete etwas Helligkeit.

Endlich ertönte das Freizeichen, und jemand nahm am anderen Ende ab.



„Ja?“



„Ich bin’s“, flüsterte Herman leise und blickte um sich. „Ich kann gerade nicht lauter reden.“



„Rufen Sie von einer sicheren Leitung an?“



„Hier kann keiner mithören...“



„Gut...“ – Die markant tiefe Stimme machte eine Pause, bevor sie weitersprach – „Um was geht es?“



„Sie hatten mir vor knapp einem Monat den Auftrag gegeben, nach passenden Kandidaten zu suchen; nach passenden Kandidaten für das Projekt.“



„Ich erinnere mich...“



„Und dafür haben Sie mich hier eingeschleust, da Sie vermuteten, dass ich fündig werden könnte.“



„Auch das stimmt...“



„Nun“, begann Herman, und in seiner Stimme konnte man das Heranbilden eines euphorischen Gemütszustandes vernehmen, „nun, ich denke, wir haben einen Kandidaten, besser, eine Kandidatin.“



„Sie überraschen mich, Herman – wer ist es?“



„Ihr Name ist Dana Scully, Sir. Sie ist Lehrerin für Gerichtsmedizin hier in Quantico. Ihr rationales Denken könnte von Vorteil sein für das Gelingen des Projektes.“



„...und Sie sind überzeugt davon, dass sie geeignet sein könnte?“



„Ich habe sie den ganzen letzten Monat über beobachtet und Gespräche mit ihr geführt. Glauben Sie mir, Sir, entweder sie oder keine.“



„Dann vertraue ich Ihnen einfach mal blind, auch wenn dies nicht meine normale Vorgehensweise ist...“



„Ich weiß, Sir.“



„Gut, dann lassen Sie mir irgendwie eine Kopie ihrer Personalakte zukommen. Ich werde mich mit dem Chef des FBIs ,einem Freund von mir, in Verbindung setzen, der dann alles Weitere in die Wege leiten wird.“



„Wie steht es denn momentan mit den X-Akten, Sir?“



„Es gab vor kurzem einen Agenten hier beim FBI, der, wie ich gehofft hatte, Feuer fangen könnte und in der Abteilung arbeiten würde. Sein Name war Fox Mulder. Selbiger arbeitet immer noch beim FBI. Doch der erste Kontakt mit den X-Akten war nicht von positiver Resonanz geprägt. Er zeigte keinerlei Interesse, bzw. kein großes. Und wir brauchen nun mal noch einen Part, der sich den Akten mit Hingabe widmet.“



„Ich verstehe“, erwiderte Jannings rasch. „Aber ich würde, was seine Person angeht, nicht aufgeben.“



„Das tue ich auch nicht, denn ich kenne Fox Mulder, seit er ein kleiner Bengel war. Und glauben Sie mir: er kommt ganz nach seinem Vater, dem alten Draufgänger...“



„Bevor ich das Gespräch beende, Sir, würde ich gerne noch eines wissen...“



„Fragen Sie.“



„Warum brauchen Sie einen Mann und eine Frau für diese ganze Verschleierungsgeschichte?“



Stille.

Am anderen Ende knackte es in der Leitung.



„Verwenden Sie diesen Terminus nie wieder, Herman! Es geht hier um viel mehr als um bloßes Verschleiern. Wir bewahren die Menschheit davor, die schreckliche Wahrheit zu erkennen. Und deshalb muss man einen Deckmantel über die Wahrheit hüllen. Doch dieser Deckmantel muss erst noch gewebt werden, und zwar von den zwei Hauptpersonen in unserem kleinen Schauspiel. Wir geben die Materialstoffe vor – den Rest überlassen wir den beiden... verstehen Sie?“



„Nicht so recht...“



„Sie werden es aber, Herman, glauben Sie mir. Und um auf Ihre Frage bezüglich des unterschiedlichen Geschlechts zurückzukommen: Gegensätze ziehen sich an, was der beste Ausgangspunkt für die Grundidee hinter unserem Projekt ist.“



„Wie meinen Sie das?“



„Nun, das macht die Sache spannend. Denn es liegt nicht in unserer Macht, jetzt schon zu wissen, wie das fertige Endprodukt aussieht. Das liegt alleine in den Händen unserer zwei ... wie nannten Sie sie so trefflich? ... Kandidaten. Und ein inszeniertes Drama lebt von Spannung, von Dramatik. Und die entsteht nur, wenn man zwei unterschiedliche Pole aufeinander loslässt.“



„Jetzt wird es klarer...“, entgegnete Herman und warf einen Blick hinter sich. „Dann kümmere ich mich um die Personalakte und schicke Ihnen so schnell wie möglich eine Kopie zu.“



„Tun Sie das.“



„In Ordnung.“



Herman Jannings legte den Hörer auf und öffnete vorsichtig die Tür des Raumes. Draußen war alles dunkel, was darauf hindeutete, dass er nun wirklich alleine war. Leise schloss er die Tür des Nebenraumes ab und schlich blind durch die dunklen Gänge des Instituts, bedacht darauf, ja keinen Laut zu machen.

Ihn interessierte das Projekt, sehr sogar. Denn genauso dunkel wie das Institut in diesem Augenblick war, ebenso dunkel war ihm das Ausmaß des ganzen. Sein Boss, von allen nur C.S. genannt, schien etwas richtig Großes am Laufen zu haben. Aber, kam es Herman in der Sinn, als er die Eingangstüre erreichte, aber hatte sein Chef wirklich genau vor Augen, wie alles vonstatten gehen sollte?

Oder war er hinter der Fassade des Strippenziehers genauso unwissend wie seine Untergebenen?



Die Eingangstür fiel hinter Herman Jannings ins Schloss und sperrte die Dunkelheit ein, so dass der junge Mann den letzten Gedanken verwarf und sich alsbald auf den Heimweg machte.







24. 12. 1991, irgendwo in Washington, D.C. , in den späten Abendstunden



Der Mann stellte das Rotweinglas beiseite, als das Telefon klingelte und erhob sich langsam aus seinem Ohrensessel, der vor einem Kamin stand, in dem knisternd ein Feuer loderte.

Er nahm den Hörer ab.



„Ja?“



„Frohe Weihnachten, Sir“, meldete sich ein junger Mann am anderen Ende. „Ich hoffe, ich störe Sie nicht gerade, so dass mein Anruf ungelegen kommt...“



„Ich feiere allein, Herman“, antwortete der Mann sodann und griff wieder zum Weinglas. „Was liegt Ihnen am Herzen?“



„Eine gute Nachricht, Sir. Der Fisch hat angebissen.“



„Sagen Sie bloß...!“ – Der Mann wollte sich gerade einen Schluck genehmigen, doch nun ließ er merklich überrascht wegen der Nachricht von diesem Vorhaben ab und verschüttete etwas von dem edlen Getränk auf seinen schwarzen Anzug, ohne es zu bemerken. „Ich dachte schon, unser Projekt sei zum Scheitern verurteilt, doch jetzt sehe ich Licht am Ende des Tunnels.“



„Ja, Sie haben richtig gehört. Fox Mulder hat vor kurzem seine Arbeit an den X-Akten aufgenommen. Der eine Part wäre also da. Fehlt nur noch der andere.“



„Ich werde mich sofort mit Sektionschef Blevins in Verbindung setzen, damit er so schnell wie möglich Dana Scullys Versetzung in die Wege leitet...“, erwiderte Hermans Boss rasch und konnte ein Lächeln vor Freude nicht unterdrücken. „Herman, das ist ein wunderbares Weihnachtsgeschenk... Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.“



Herman erwiderte eine ganze Zeit lang nichts. Er schien zu überlegen. „Sir“, begann er schließlich vorsichtig, und in seiner Stimme schwang ein Gefühl der Verunsicherung mit, „Sir, und wie läuft das Ganze dann weiter ab? Ich meine, Sie haben in all den Jahren der Vorbereitung die...“ – Er stockte – „...die Lüge ausgearbeitet, Personen besorgt, Vorkehrungen getroffen; wollen Sie jetzt alles dem Zufall überlassen und abwarten, wie es sich entwickelt? Ich meine, war dann der ganze Aufwand nicht im Prinzip überflüssig?“



„Herman“, erklärte sein Gesprächspartner mit einfühlsamer Stimme, um den Keim der Unsicherheit zu zerdrücken, „Sie haben recht, es hat Jahre bis zu dem jetzigen Zeitpunkt gedauert. Und es wäre in der Tat ökonomisch nicht klug, Mulder und Scully alles gewissermaßen alleine tun zu lassen. Nein, dass wir Vorbereitungen getroffen haben, muss honoriert werden, und deshalb werden wir den beiden ein wenig nachhelfen, auf dass sie auch wirklich das sehen, was sie sehen sollen. Dies würde den Erfolg des Projektes garantieren und wir müssten keine Angst haben, dass die Wahrheit jemals ans Licht kommt, denn ab jetzt wird unsere Lüge für die beiden ihre Wahrheit sein.“



„Entschuldigung, Sie wollen ... nachhelfen?“



„Ja“, sagte Hermans Boss leise, wobei er unmerklich nickte, „es gibt Mittel und Wege, einen Menschen das sehen zu lassen, was er sehen soll. Entweder lässt man es ihn in real sehen, oder man spiegelt vor, dass er es in real sieht. Letzteres ist der Weg, den wir einschlagen werden.“ – Der Mann grinste und schloss die Augen – „Wir werden die beiden ganz einfach das glauben lassen, was sie sehen sollen. Und da kommt uns gewinnbringend der Umstand zugute, dass Menschen nur das sehen, was sie sehen wollen. Wir nutzen lediglich diesen Umstand aus und helfen mittels eines kleinen Wundermittels etwas nach.“



„Sprechen Sie von Gehirnwäsche?“



„Gewissermaßen“, erwiderte er bejahend. „Ja.“



„Entschuldigen Sie meine Unwissenheit, Sir, aber wie...?“



„...gedenken wir, dies durchzuführen?“, beendete der mächtige Mann Herman Jannings Frage und fuhr gleich fort: „Mittels einer Injektion. Einer Injektion, die völlig heimlich über die Bühne geht.“



„Was bitteschön wollen Sie denn den beiden injizieren?“



Der Mann nahm einen Schluck Rotwein und genoss den Augenblick. Es war absolut unglaublich, mit welch’ einfachen Mitteln man die größte Lüge seit Menschen Gedenken erschaffen konnte.



*



Bei dem Präparat, welches führende Wissenschaftler aus aller Welt entwickelt haben, handelte es sich um eine Art Stimulator, der gezielt auf die Gehirnzellen einwirkt und gewisse Reaktionen hervorruft. Welche Reaktionen das jeweils sind, entscheidet ein mikroskopisch kleiner Metallchip, der mit der Lösung injiziert wird. Auf diesem gespeichert sind Leitbilder; diese Bilder werden, nachdem der Chip mit der Lösung in die Nervenbahn des Betreffenden gelangt ist, mittels kleiner elektrischer Impulse, die von dem Chip ausgehen, fortdauernd auf das Gehirn übertragen. So prägt sich der Patient diese Bilder ein und speichert sie unbewusst in seinem Unterbewusstsein.

Erlebt der Betreffende nun eine Situation, die einer auf den Leitbildern ähnelt, kommt es zu einer wohlbekannten Situation: man denkt nach, denn man ist der Meinung, dass einem das bekannt vorkommt, was vor einem passiert. Folglich wird das Gehirn beansprucht, und nun kommt der Mikrochip zum wiederholten Male zum Einsatz. Er fängt die Nervenströme, die in dem Augenblick des déjà – vu – Erlebnisses vom Gehirn ausgehen, auf und schickt stattdessen selber Impulse los – vorprogrammierte Impulse. Verstärkt werden diese durch die Lösung. So erreicht man, dass Personen bei bestimmten Erlebnissen eine bestimmte Handlung vornehmen.

Einfach, aber produktiv.



*



„Eine Lösung. Ihnen alles zu erklären, ist – wie Sie sicher verstehen – nicht möglich, da selbst ich nicht genau weiß, was das für ein Präparat ist“, log der Mann und fuhr sich mit der freien Hand durch die grauen Haare. „Und die Injektion? Das geht problemlos vonstatten. Verborgen in der Hand, ein kurzer Händedruck – der Patient wird nur einen kleinen Stich merken, nicht viel stärker als der einer Mücke.“



„Sie mögen es mir nachsehen, dass sich das alles irgendwie ... wie Science Fiction anhört...“



„Science Fiction“, begann Hermans Boss kühl, „ist lediglich die Weiterentwicklung der Realität. Und genau das tun wir hier. Wir verbessern, wir erweitern, wir ... wir modernisieren.“

Es entstand eine kurze Pause, die der Intensität der vorher gesprochenen Worte keinen Abbruch tat, sie vielmehr noch verstärkte. Es schien regelrecht, als warte die Stille auf das bevorstehende Crescendo.



„Wir sind Visionäre, Herman!“



Die Stille zog sich zurück und wohnte dem Zuhören des Höhepunktes bei. Herman Jannings schluckte am anderen Ende der Leitung. Sein Boss deutete dies als Zeichen seiner Unsicherheit, und er konnte es ihm nicht einmal verübeln, hörte es sich beim ersten Mal wirklich doch alles mehr als seltsam an.

Jannings fand allmählich seine Worte wieder.



„Nun denn, Sir, ich wollte Ihnen nur diese Nachricht übermitteln ...“, sagte er beinahe flüsternd und fügte noch hinten dran: „Frohe Weihnachten.“



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Danach wie vereinbart weiterverfahren. [...]





„Das ... das ist Scullys erster Arbeitstag beim FBI ... der Tag, an dem sie Mulder kennen lernte. Mein Gott, das hieße ja, dass Scully und Mulder von Anfang an für ein abgekartetes Spiel missbraucht wurden!“ – Reyes blätterte in dem Manuskript – „Die Ufosichtungen in Oregon ...“ – Sie blätterte hastiger – „... Scullys scheinbare Unfruchtbarkeit ... all’ das war wirklich nicht mehr als eine ... eine Inszenierung!“

Hermes nickte.

„Sie glauben ja gar nicht, was man Menschen mit Alien – Föten aus Plastik und falschen ärztlichen Untersuchungen alles glauben machen kann.“

„Und das ist sie jetzt also ... die Wahrheit“, entgegnete Doggett kühl und blickte zu Professor Mac Finn. „Sie glauben das doch hoffentlich nicht...“

„Es ist alles logisch... wenngleich ich die ganze Sache mit dem FBI nicht nachvollziehen kann, was aber auch verständlich ist, da ich in dieser Branche nicht tätig bin...“ – Mac Finn nickte – „Doch, das erste Mal in meinen Leben fühle ich mich bestätigt.“

„Sie können das nicht glauben, Steve! Da können Sie noch so viele Abhandlungen zu dem Thema geschrieben haben – das alles sind nur schön verpackte Lügen! Nicht mehr, nicht weniger! Es gibt keinen stichhaltigen Beweis für all das, nicht einen einzigen...“ – Doggetts Gesicht wurde rot vor Zorn – „Ich kann und will das nicht glauben!“

Hermes stand plötzlich auf und trat neben Doggett. Seine kalte Stimme transportierte tiefsten Hass, als er sich neben den Agenten kniete und ihm ins Ohr flüsterte. „Urteilen Sie, nachdem Sie das Herzstück gesehen haben. Vielleicht lassen Sie dann den Schleier der blockierenden Dickköpfigkeit fallen...“

Er ging aus der Hocke und trat vor die hintere weiße Wand. „Stehen Sie bitte auf und schauen Sie genau hin, denn das, was Sie jetzt zu Gesicht bekommen, ist die einzige Wahrheit. Wie Sie das verarbeiten, ist mir schnurz. Entweder glauben Sie es, meine Damen und Herren, oder Sie lassen es bleiben...“ – Er blickte Doggett an – „aber bedenken Sie die damit einhergehenden Folgen. Wir werden Sie alles vergessen lassen, was Sie hier gehört und gesehen haben und Sie weiterhin Ihr Leben in der Lüge leben lassen. Vorausgesetzt, Sie überleben die Behandlung...“

Es klickte einmal. Plötzlich glitt die gigantische Wand zur Seite und verschwand fast vollständig im Nichts. Der Lärm war derart ohrenbetäubend, dass die drei Gefangenen gezwungen waren, sich die Ohren zuzuhalten.

Der dahinter liegende Raum war stockdunkel.



„Treten Sie ein, meine Damen und Herren“, begann Hermes übertrieben euphorisch, als sich der Lärm gelegt hatte „und sehen Sie“ – Er drückte einen Knopf – „die Wahrheit!“



Und daraufhin sprang eine ganze Lichterbatterie an der Decke an, eine Leuchtröhre nach der anderen.

Klack.

In Sekundenbruchteilen zog sich das Schwarz der Dunkelheit nach und nach zurück, machte Platz für das Licht.

Klack.

Ein Raum zog sich meterweit in die Ferne; ein kleiner Gang, umsäumt von Mauern aus weißem Kalkstein, führte gradlinig auf etwas zu, das noch im Verborgenen lag. Vorsichtig traten Reyes, Doggett und Mac Finn in die Helligkeit, langsam einen Schritt vor den anderen setzend.

Klack.

Klack.

Ihre Blicke wanderten umher, doch außer den weißen Wänden und dem grellen Licht der Leuchtröhren an der Decke war noch nichts zu sehen.

Klack.

Klack.

Klack.

Allmählich wurde das Klacken leiser, eins noch irgendwo fast lautlos in der Ferne (Klack.), dann war es still.

Hermes, der vorneweg ging, forderte die drei auf, schneller zu gehen, und die Gefangenen taten widerwillig, wie ihnen befohlen wurde.

Nachdem sie ungefähr die Hälfte der Strecke gegangen waren, gebot Hermes den anderen, still zu sein, und führte seinen Zeigefinger vor die Lippen. „Seien Sie einen Moment still und lauschen Sie“, sagte er leise und deutete auf einen hellen Fleck am Ende des Ganges. „Hören Sie? Hören Sie das?“

„Da ist nichts“, erwiderte Reyes verwirrt und versuchte, noch einmal genauer zu lauschen. Plötzlich sah sie auf.

„Wenn Sie dieses penetrante leise Pfeifen meinen, das von dahinten zu kommen scheint – ja, das höre ich wirklich.“

Hermes schüttelte seinen Kopf. „Wissen Sie, wie blasphemisch diese Worte auf mein geschultes Ohr wirken, Agent Reyes? Wenn Sie wüssten, was dieses penetrante Pfeifen für uns alle bedeutet, dann würden Sie vor Scham im Boden versinken und darauf hoffen, dass Sie allmählich immer tiefer sinken, auf dass man Sie niemals, ich wiederhole: niemals! irgendwann mal wieder ausbuddeln kann!“ – Er wirkte angespannt und schien von dem, was er sagte, wirklich überzeugt zu sein, erkannte Reyes erschrocken, denn seine Augen funkelten wie ein Rohdiamant. Sie waren zudem mehr als das: sie schauten abgrundtief böse, was der Agentin einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Auch Doggett bleib dies nicht verborgen, und er berührte sie sanft an der Schulter.

„Weitergehen!“, befahl Hermes barsch, „los, bewegen Sie Ihre faulen Ärsche! Im Grunde frage ich mich, warum ich mir das antue! Ihr seid so arm, wisst ihr das?!“



Irgendwas schien in diesem Gang auf Hermes abzufärben, als ob er alle negativen Schwingungen auf einmal aufsog und in sich kompensierte. Ein Magnet in Menschenform. Reyes dachte weiter nach, als sie Hermes zum Ende des Ganges folgte. Nein, kam sie zu dem Schluss, nicht der Raum war schuld an Hermes’ Verhalten oder das, was er beherbergte. Der Punkt war schlicht und ergreifend der, dass Hermes selbst durch und durch böse war. Besessen von der Vorstellung, er würde für die richtige Sache kämpfen; verdorben bis ins Mark durch seine Machtsanmaßung, er könne mit Menschen verfahren, wie er wolle, da er das nach seiner kranken Vorstellung einzig Richtige tat.

Was auch immer am Ende des Ganges auf sie warten würde, es würde nicht so schlimm sein wie das personifizierte Übel, welches ihnen voranging, sie anbrüllte und mit seiner kranken Art langsam aber sicher auch zu infizieren drohte – dessen war sich Reyes bewusst. Keine Sache ist schlecht – die Menschen sind es, die dahinter stehen. Dieser einfache Grundsatz sagte alles, und die drei Personen harrten der Dinge aus, die sie am Ende erwarten würden.



Das personifizierte Übel hielt nach einigen Schritten plötzlich inne und drehte sich mit weit geöffneten Augen zu Reyes, Doggett und Mac Finn um. Es sagte nichts, sondern schien zu lauern. Ja, es wartete auf eine Reaktion. Erst jetzt erkannten die Gefangenen mit Schrecken, dass sie am Ende des Tunnels angelangt waren und sich in einem meterhohen, mit Betonwänden verkleideten Raum befanden, der das Unglaublichste beherbergte, was sie je zu Gesicht bekommen hatten. „Das“, sagte die Kreatur eines Menschen in Gestalt von Rob Hermes, „ist das Herzstück... habe ich Ihnen zuviel versprochen?“
Kapitel 15 by Stefan Rackow
[ 8 ]

„Das Lächeln einer Katze“



Blitze zuckten gen Decke, elektrisch erzeugte Energie, abgesondert von zwei gigantischen Elektroden, welche majestätisch auf einer metallenen Maschine prangten, die in der Mitte des riesigen Raumes stand und unaufhörlich vor sich hin surrte. Um die Maschine standen mehrere Gerätschaften, die Hochleistungscomputern glichen, allesamt mit Kabeln und Drähten verbunden mit der riesigen Apparatur inmitten des Raumes, scheinbar die Haupteinheit.

Die Gerätschaften, zwölf an der Zahl, zeigten auf großen TFT – Schirmen sich stetig ändernde Datenströme an; dünne gelbe Linien, deren Gradlinigkeit hier und da durch einen Ausschlag zum oberen Rand des Monitors unterbrochen wurde. Die dabei auftretenden Geräusche erschufen den Eindruck, man befände sich in einem Krankenhaus, in der Nähe eines EKG – Gerätes, und nicht in einem meterhohen Raum, irgendwo in Amerika. Reyes fühlte sich an eben ein solches Gerät angeschlossen, denn ihr Herz pochte bis zum Hals, schnelle Schläge, und das Piepen hier in dem Raum war nichts anderes als ein Ausdruck ihrer Fassungslosigkeit. Nichts anderes als ihr Herzschlag...

Doggett blickte um sich und musste die Augen mehrmals öffnen und schließen, denn Derartiges hatte er noch nie zuvor gesehen. Sein Verstand verzog sich für einen kurzen Augenblick in die hinterste Ecke in seinem Kopf, versteckte sich in der Dunkelheit und harrte aus.

Immer wieder schossen Blitze aus den Elektroden und verschwanden im Nichts, als hätten die Gesetze der Logik hier in diesem Augenblick keine Gültigkeit mehr.



Steve Mac Finn fühlte sich seltsam. Er fühlte sich leicht, so als wäre ihm eine schwere Last genommen worden, eine Belastung, die ihn all die Jahre mehr als nur erheblich beeinträchtig hatte und die nun im Nirgendwo verschwunden war. Er versuchte sie in seinen Gedanken zu benennen, ihr einen Namen zu geben, doch er war außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Nur einer Sache war er sich bewusst: er war glücklich; zum ersten Mal in seinem Leben war die Anspannung verschwunden.



„Das, meine Damen und Herren, ist das Herzstück.“



Die drei Personen wurden durch Rob Hermes’ Worte unsanft aus ihren Gedanken gerissen. Der Entführer stand nicht unweit der riesigen Maschine in der Mitte und deutete mit den Fingern auf etwas. „Sie mögen glauben, diese Apparatur hier ist das, was ich vorhin immer als Herzstück betitelt hatte“, warf er in den Raum, und seine Worte hallten gespenstisch wider, als sie sich mit dem Surren und mechanischen Brummen vermischten und von der gegenüberliegenden weißen Wand reflektiert wurden. „Sie glauben in diesem Fall falsch... denn das hier ist nicht viel mehr als eine Erweiterung, die im Laufe der technischen Verbesserung der Möglichkeiten hinzugefügt wurde. Man könnte es als Upgrade bezeichnen.“

„Das ist nur die Hülle...“, bemerkte Reyes plötzlich und wunderte sich, dass ihr dieser Gedanke gekommen war. „Das hier ist nicht viel mehr als eine Ummantelung des eigentlichen Herzstücks!“ – Sie stockte und blickte zu Doggett, dessen Augen sie gar nicht ansahen, sondern in den Weiten dieses Raumes nach etwas, das man nicht fassen, geschweige denn greifen konnte, zu suchen schienen – nach der Möglichkeit des Glaubens.

Die Agentin schloss kurz die Augen, um die aufkommende Unsicherheit zu unterdrücken. Nein, dachte sie, noch kann ich ihm bei der Suche nicht helfen. Noch nicht. Vorher wollte sie sehen, erkennen, die Fassungslosigkeit wegen des jetzt noch so unglaublich Klingenden in abrufbare Bilder umwandeln – Bilder, die sie zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte. Erst dann wollte sie sich zwischen Glauben und nicht glauben entscheiden. Erst dann. „Das wahre Herzstück befindet sich dort“, sagte sie schließlich und deutete an Hermes vorbei, welcher ihrem Fingerzeig mit den Augen folgte und, als er am Ziel ankam, anfing zu lächeln. Doch es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln einer Katze, die der Maus mit der rechten Tatze die Freundschaft anbot, während die linke Tatze hinter dem Rücken langsam die Krallen ausfuhr, um die Maus blitzschnell und völlig unerwartet festzunageln. Das Lächeln über einen nahenden Triumph lag auf Hermes’ Lippen, und Reyes musste unweigerlich einen dicken Kloß in ihrem Hals herunterschlucken.

„Agent Reyes, wenn Ihr manchmal doch so kluger Verstand nur etwas auf die Übrigen abfärben würde“, erwiderte Hermes, und augenblicklich verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht, als er zu Mac Finn und Doggett blickte. „Wenn Sie mir bitte folgen würden...“

Mit diesen Worten schob er Reyes vor sich her und positionierte sie vor dem, auf das sie vor wenigen Sekunden noch gezeigt hatte. „Stellen Sie sich neben Agent Reyes, meine Herren und sehen Sie, denn das hier ist die Haupteinheit, wie Agent Reyes schon richtig erkannt hat. Wenn Sie sich jemals gefragt haben sollten, warum dieser Baum so grün, dieser Vogel so bunt oder der Himmel so blau ist – hier ist die Antwort. Die Antwort auf all Ihre Fragen.“ - Er machte eine kurze Pause und wischte sich das linke Auge - „Mein Gott, ich bin jedes Mal wieder aufs Neue überwältigt, wenn ich nur daran denke.“ – Hermes sagte danach nichts mehr, sondern sah, genauso wie die drei Anderen, auf das kleine unscheinbare Stück Metall, den Ursprung allen irdischen Lebens, der im Laufe der Zeit mit anderen Maschinen verbunden worden war, um die Möglichkeit seiner Leistung ins nahezu Unendliche zu steigern. Ein Deus ex machina, von Menschenhand perfektioniert und vielleicht gerade deshalb eine tickende Zeitbombe, in den Deckmantel der „guten Sache“ gehüllt. Eine Vermutung, eine Frage, auf die die Maschine ausnahmsweise keinerlei Antwort geben konnte.



*



J. Edgar Hoover Buildung, Washington, D.C., Kellergeschoss



Mulder saß auf dem Schreibtischstuhl und lehnte seinen Kopf an die Kopfstütze, während seine Füße auf dem Schreibtisch ruhten. „Normalerweise hatte ich immer einen genialen Einfall, wenn ich damals so da saß und über einen Fall nachgedacht habe“, sagte er etwas flapsig und versuchte zu lächeln. „Aber es scheint, dass mir diese Gabe mit der Kündigung genommen wurde.“

„Der Fall macht einen fertig, das ist der Grund“, erklärte Scully, deren Stimme schwach und kraftlos klang. Die Ärztin lehnte an einem Aktenschrank, in der rechten Hand einen heißen Becher Kaffee haltend. „Wenn man nicht weiß, was man als nächstes zu tun hat, dann fühlt man sich leer. Und aus dem Nichts können keine Geistesblitze erwachsen.“

„Mich wundert, dass ich unten eingelassen wurde. Ich dachte eigentlich, dass man froh wäre, mich endlich los zu sein.“

Scully lächelte. „Die Spitze im FBI, die uns Vorgesetzen – alle haben natürlich mitbekommen, dass zwei ihrer Agenten vermisst werden. Und in der Not besinnt man sich auf das, was man früher mal hatte. Und du kannst es drehen und wenden, wie du willst: du warst eines der besten Pferde im Stall, auch wenn es dir niemand direkt ins Gesicht sagen würde. Vielleicht hat ja auch der ein oder andere etwas nachgeholfen...“

„Du meinst...?“

„Ich meine gar nichts“, entgegnete Scully rasch und trank einen Schluck Kaffee. „Ich meine, dass wir etwas tun müssen.“

„Fassen wir noch mal zusammen“, begann Mulder nachdenklich und blickte zur Decke, in der mehrere Bleistifte steckten, „Doggett, Reyes und ein Professor mit sehr seltsamen Vorstellungen sind entführt worden. Doch die Entführer gingen unvorsichtig vor und hinterließen einen Hinweis, der uns auf die Spur eines Mannes namens Rob Hermes brachte, welcher vor zwei Jahren unter mysteriösen Umständen aus seiner Wohnung verschleppt wurde.“ –Mulder überlegte – „Ich vermute ja immer noch, dass von vornherein geplant war, Hermes zu entführen. Ebenso muss schon damals festgestanden haben, dass diese Person Doggett und Reyes entführen sollte. Irgendjemand hat da seit vielen Jahren an einem ausgeklügeltem Plan gefeilt, der jetzt nach und nach in die Tat umgesetzt wird. Und dieser Jemand bezweckt etwas damit. Die Frage ist nur, was?“

„Du meinst also, dieser Hermes hat nicht aus Eigeninitiative gehandelt, sondern hat gehandelt, weil er handeln sollte?“ – Scully trank einen weiteren Schluck.

„Hm... im Prinzip ja. Ich denke, er musste handeln, da er nicht anders konnte.“

„Du glaubst immer noch an Gehirnwäsche, oder?“

„Es liegt nahe, daran zu glauben“, bemerkte Mulder und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. „Was hatte der alte Mann gesagt? Rob hätte so etwas nie getan bzw. hätte tun können. Und der alte Mann wirkte nicht irgendwie senil...“

Scully seufzte. „Was auch immer... wir wissen immer noch nicht, was wir tun können und ob Doggett, Reyes und Mac Finn überhaupt noch am Leben sind. Ich ... ich fände, das Schrecklichste, was uns widerfahren könnte, wäre, die drei letztlich tot zu finden. Der Gedanke, dass man das hätte verhindern können, aber aufgrund von Ratlosigkeit nicht wusste, was zu tun war, würde an einem nagen, bis es einen völlig zerfrisst.“

„Noch leben sie...“, sagte Mulder leise und nahm die Füße vom Schreibtisch. „Noch sind sie am Leben, denn wenn sie wirklich schon tot sein sollten, hätten die Entführer es uns längst wissen lassen. Als Drohung, Warnung ... was auch immer.“ - Er knetete seine Unterlippe mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand – „ich bin mir ganz sicher, dass sie noch leben.“

Scully stellte den Becher ab und nahm auf einem unbequemen Holzstuhl Platz.

„Dein Wort in Gottes Ohr“, hauchte sie leise und ließ ihren Gefühlen freien Lauf.





[ 9 ]

„Ein denkwürdiger Tag“



„Das ist absolut verrückt...“, stammelte Reyes und musste an sich halten, nicht die Nerven zu verlieren. Mit vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen blickte die Agentin auf das kleine Metallstück, welches mittels eines komplizierten Mechanismus’ mit der imposanten Maschine verbunden war; ein Meer von Kabeln und Drähten - die zum Leben erwachte kranke Perversion eines Visionärs - das vormals so Unbegreifliche, welches nun begreiflich geworden war - bot sich den Augen der vier Personen dar. Jede Vorstellung, jeder Gedanke zog sich in diesem Augenblick zurück, machte Platz für die Wahrnehmung, schuf Raum für die Bilder, welche die Augen der Personen aufnahmen.

„Man erscheint klein, wenn man es anstarrt, nicht?“ – Rob Hermes wandte seinen Blick nicht ab, sondern sprach in Richtung des Metallstücks, so als ob ein Abwenden das Artefakt betrüben könnte. Dem jungen Mann schien nichts ferner zu liegen... – „Wenn man hier so steht und auf es herabstarrt, dann ist es so, als ob man zu ihm heraufschaut. Ein gedanklicher, metaphorischer Perspektivwechsel...“

„Ja“, sagte Reyes leise, beinahe in Trance, denn von dem Stück Metall ging eine gewisse Magie aus, eine Faszination, derer sie sich nicht entziehen konnte. Sie konnte diese Faszination in dem Moment noch nicht in Worte fassen, geschweige denn sich begreiflich machen, warum sie den Blick nicht abwenden konnte. Erst kurz darauf erkannte sie, dass der Grund wohl der war, dass hier vor ihr das lag, was ihre Arbeit sinnlos erscheinen ließ. Alles, wofür sie gearbeitet hatte, führte zu diesem Artefakt aus grauer Vorzeit zurück; jeder Tag war verknüpft mit der außerirdischen Scherbe, die nun Teil war eines nicht in Worte zu fassenden mächtigen Ganzen. Das Stück war alles. Und nun stand sie davor und kam sich vor, als wäre sie am Ende einer Sackgasse angelangt. Wo sollte sie noch hin? Was konnte sie noch erreichen, wo sich doch nun alles vor ihr darbot?



*

Der Beobachter vor den PC – Monitoren sah die Fassungslosigkeit in den Augen der Personen. Er meinte sogar, ihre Anspannung greifen zu können, derart stark schien sie sich in jedem Einzelnen manifestiert zu haben.

Der geheimnisvolle Mann im Hintergrund streckte für einen kurzen Moment die Hand zum Bildschirm aus, um etwas zu fassen, was nicht da war, und zog sie plötzlich wieder ruckartig zurück. Sein Herz raste. Er hatte gelogen, als er meinte, dass es jetzt noch zu früh wäre, Schlüsse aus dem Verhalten der Gefangenen zu ziehen. Nein, er erwartete es. Er rechnete fest damit, sehnte es regelrecht herbei. Nur war er sich der Sache bewusst, dass er diese Einstellung niemals nach außen hin zeigen durfte. Zu gefährlich wären die Folgen, da nicht abzusehen. Er sah noch einmal auf den Bildschirm, auf Reyes’ weit aufgerissene Augen. Unmerklich öffnete der geheimnisvolle Mann die geradeeben noch zum Bildschirm ausgestreckte Hand, so als ob er hoffte, die Entscheidung der Personen aus dem Bildschirm gezogen zu haben.

Doch die Hand war und blieb leer.



*



20 Minuten später



Das Weiß der Zelle wirkte für Reyes schwarz. Sie war von wirbelnden Gedanken umgeben, die um sie kreisten. Wort für Wort, Silbe für Silbe. Und sie versagte jedes Mal kläglich, als sie versuchte, dem ganzen einen Sinn zu geben. Sie stieß einen stummen Schrei aus; doch auch dieser verscheuchte die Gedanken nicht.

Die Agentin hatte gar nicht richtig mitbekommen, wie sie zur Zelle zurückgeleitet worden war. Ihre Augen sahen nicht mehr das, was sie sehen sollten, ihre Ohren versagten ihr den Dienst und wiederholten nur ein ums andere Mal einen Satz.







Irgendwo in der Ferne hörte sie jemanden ihren Namen rufen. Sie kannte sie Stimme, konnte sie aber nicht einordnen.

Das Netz aus Gedanken umgab sie weiter.



*



„Monica!“



Doggett saß neben Reyes in der weißen Zelle und hatte beide Hände auf ihre Schultern gelegt. „Monica, komm’ wieder zu dir!“

Seit sie in der Halle standen, war sie weggetreten, schien in ihrer eigenen kleinen Welt zu leben. Er schüttelte sie noch einmal fest, so dass ihre Haare wild durcheinander flogen.

„Monica, verdammt noch mal. Sprich mit mir!“



*



Irgendetwas durchbrach in diesem Moment das Netz. Es waren Worte. Worte, die ihr vertraut vorkamen. Sie fühlte sich seltsamerweise geborgen in diesem kurzen Augenblick, sah das schwarze Weiß allmählich zurückziehen und erkannte die Umrisse einer Person, die sich unmittelbar vor ihr befand. Die Person war in gleißend weißes Licht getaucht, wirkte für sie wie das personifizierte Licht am Ende des Tunnels, doch Reyes’ Gedanken waren schon wieder so klar, dass sie merkte, dass dies Einbildung sein musste. Die Agentin zwinkerte einmal, und die Umrisse wurden zunehmend klarer.



*



Doggett sah Reyes zwinkern und hörte auf, auf sie einzureden. „Monica“, flüsterte er leise und strich ihr durchs Haar, „Monica, ich bin’s...“

„John“, erwiderte sie leicht schläfrig und schüttelte einmal den Kopf, um wieder einen klaren Kopf zu erhalten. „John, ich ... ich muss weggetreten sein...“

„Mehr als das ... du warst gar nicht mehr hier.“

„Wie ... wie meinst du das?“

„Du wirkest wie in Trance. Als ob du in einem Gedanken gefangen warst, aus dem es kein Entrinnen gab.“

„Das war ich auch...“, murmelte sie monoton und versuchte aufzustehen. „Ich ... ich muss in Gedanken gewesen sein und dabei alles um mich herum vergessen haben.“

Doggett half ihr behutsam auf. „Du erinnerst dich an nichts mehr?“, fragte er vorsichtig, als ob er befürchtete, er könnte sie unnötig aufregen. „Ich meine, erinnerst du dich noch an ...“ – Er stockte – „... die Sache?“

„Das Artefakt?“

Er machte große Augen. „Ja. Genau.“

„Mehr als an alles Andere, wenn du es genau wissen möchtest, John. Mehr als an alles Andere.“ – Sie schloss kurz die Augen und atmete tief aus, bevor sie weitersprach. „Ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen.“

„Ich auch nicht...“, erwiderte Doggett und warf einen flüchtigen Blick über die Schulter. Seine Augen erhaschten eine kleine Kamera, die fast unsichtbar in einer finsteren Ecke zwischen Decke und Seitenwand hing. Zu hoch, um sich ihrer wie auch immer zu entledigen. „Wir sollen uns entscheiden, Monica“, begann er plötzlich leiser als zuvor und gebot Reyes, sich dicht neben ihn zu knien. „Mir scheint, die haben hier überall Wanzen und Kameras versteckt, deshalb hör’ mir einfach zu...“, flüsterte er.

„Entscheiden ... jetzt verstehe ich die Worte, die ich andauernd in meinem Kopf gehört habe. Hermes will, dass wir uns entscheiden, ob wir mitmachen oder uns einer Gehirnwäsche unterziehen, nach der wir uns wieder unserem normalen Dasein hingeben...“ – Sie machte große Augen.

Doggett nickte.

„Ja, aber das ist nicht der Punkt, Monica. Es geht nicht um die Entscheidung. Gut, für Hermes schon, aber was wir erst mal für uns entscheiden müssen, ist, ob an der ganzen Sache überhaupt was dran ist...“ – Er senkte seine Stimme weiter und sprach nun fast lautlos – „Ich hege ernsthafte Zweifel...“

Reyes wollte etwas sagen, doch Doggett schnitt ihr das Wort ab.

„Die Sache ist zu perfekt, zu ausgeklügelt. Und alleine deshalb kann sie nicht stimmen. Kein Projekt ist makellos. Aber diese Sache ist es. Sie ist perfekt, um genau zu sein. Eine von Menschenhand geschaffene Perfektion. Dabei sollte das eine das andere eigentlich ausschließen...“

„Du glaubst nicht dran? Aber ... aber du hast es gesehen!“

Er zog sie näher zu sich heran.

„Sehen kann man vieles. Auch der Blinde sieht in seiner Vorstellung das, was man ihm erzählt. Er macht sich seine eigenen Bilder, und genauso komme ich mir im Moment vor: wie ein Blinder, der sich von einem Menschen erzählen lässt, wie schön die Welt ist. Aber wie die Realität aussieht, das bleibt für ihn immer im Dunkeln, weil er nie die Möglichkeit hat, die Wahrheit zu sehen.“

Reyes wich etwas zurück. „Du meinst also...?“

„Ich denke, wir sollen glauben, dass dies die Wahrheit ist und dadurch die Möglichkeit außen vor lassen, dass alles nur gestellt, inszeniert ... was auch immer ist. Denn das ist die einzige Wahrheit: alles ist gestellt...“

„Das kann nicht sein“, entgegnete Reyes barsch, aber immer noch in gedämpftem Tonfall. Ihre Augen funkelten. „Hast du gesehen, wie überzeugt Hermes war? Dieser Mann glaubte wirklich! Dann müsste er ja auch getäuscht worden sein...“

„Das denke ich ja gerade ... dass er benutzt wurde, um uns auf die falsche Fährte zu locken. Um von der Wahrheit abzulenken!“ – Doggett warf einen weiteren kurzen Blick über die Schulter. Die Kamera hatte sie beide immer noch erfasst – „Bitte zeig’ jetzt keine Bestürzung, Aufregung oder sonstigen Gefühle, die die hinter der Kamera missdeuten könnten, Monica“, bat er sie inständig, und sie bemerkte, dass er es ernst meinte. „Die sollen glauben, dass wir uns beratschlagen ob der Entscheidung. Wir dürfen denen keinen Grund geben, dass sie zweifeln. Verstehst du?“

Die Agentin nickte, konnte aber nicht verhindern, dass ihr ein dicker Kloß im Hals stecken blieb. „Ja...“

„Gut ... Hermes scheint genauso Opfer zu sein wie wir. Nur weiß er das nicht“, sprach Doggett weiter und griff plötzlich in seine Hosentasche. „Diese Tatsache könnte uns entscheidend weiterhelfen...“ – Der Agent zog sie näher an sich heran und flüsterte ihr unauffällig ins Ohr. „Greif’ in meine rechte Hosentasche. Unauffällig. Ich werde das Jackett ein wenig darüber schlagen.“

„Ich soll was...?“

Er blickte zur Kamera und zog Reyes noch näher an sich heran, um für die Beobachter hinter der Kamera den Eindruck zu erwecken, er wolle sie trösten.

„Tu’ s einfach, Monica. Aber unauffällig.“

Nicht so ganz verstehend, was das bezwecken sollte, griff die Agentin unauffällig in die rechte Hosentasche ihres Partners ...



... und spürte Kälte. Eiseskälte. Erschrocken blickte sie Doggett ins Gesicht. Doch er lächelte nur. „Es wird alles gut“, flüsterte er ihr zu. „Damit werde ich beweisen, dass meine Vermutung stimmt. Und jetzt tu so, als ob du dich ein wenig ausruhst.“



Reyes befolgte Doggetts Anweisung und lehnte ihren Kopf an seine linke Schulter, die Augen geschlossen. Was er, Doggett, auch vorhatte, was er auch geplant haben wollte, sie vertraute ihm, auch wenn ein, zwei Gedanken in ihrem Kopf sich noch immer um das Artefakt drehten. So zwiegespalten lag sie da und sehnte den Moment herbei, an dem das Ganze endlich ein Ende finden würde.

Die Kamera, die nach Doggetts Vorstellung das verlängerte dritte Auge von Rob Hermes war – welcher sich jetzt bestimmt fragte, wie sie sich entscheiden würden - surrte leise und stellte die Szenerie scharf.



*



Doggett irrte in Bezug auf die Kamera. Rob Hermes wusste nicht einmal, dass sie existierte. Anstatt seiner Person, wie Doggett vermutete, saß der geheimnisvolle Fremde dahinter, der mit regelrechter Genugtuung registriert hatte, wie angeregt Doggett und Reyes miteinander sprachen. In diesem Moment ärgerte es ihn einerseits, dass er keine Wanzen in der Zelle versteckt hatte, andererseits steigerte dies die Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis: die Entscheidung, so dass der Ärger allmählich wieder verschwand. Er würde die Entscheidung live erleben. Von der ersten bis zur letzten Minute. Würden sich Doggett und Reyes so entscheiden, wie er es hoffte, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis das ganze FBI, einschließlich aller dort Beschäftigten, an die Sache glauben würden. Ursache und Wirkung. Der faule Apfel im Korb, der nach und nach alle anderen Äpfel verfaulen lässt.

Der Mann hätte gelogen, wenn er gesagt hätte, dass ihn die Wartezeit nicht mitnahm – sowohl seelisch als auch körperlich. Nein, er war sichtlich erregt, ergriffen davon, dass das, wofür er so viel Zeit investiert hatte, heute endlich Früchte abwerfen könnte. Es war ein denkwürdiger Tag, so oder so, dessen war er sich bewusst. Abhängig davon, wie die Entscheidung ausfallen würde. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass besagte Entscheidung allmählich in greifbare Nähe rückte.







[ 10 ]

„Der Entschluss“



30 Minuten später



Als sich die schwere Tür zur Zelle von Doggett und Reyes quietschend öffnete, kehrte sie langsam zurück: die Aufregung. Die Ungewissheit über das nun Folgende ergriff Besitz von jeder Person, eingeschlossen die Entführer. Deren Augen, allen voran die von Rob Hermes, waren tief dunkel, so als ob jeder Funke, der sie zu halbwegs normalen Menschen machte, sich zurückgezogen hatte. Man konnte die Anspannung förmlich riechen, und Reyes rümpfte unbewusst die Nase.

„Agent Doggett, Agent Reyes ... die Bedenkzeit ist um. Ich hoffe, Sie haben eine Entscheidung treffen können?“

Doggett erhob sich und sagte: „Ja, das haben wir“, wobei er Hermes und dessen Komplizen nicht in die Augen sah. Reyes verharrte still und nickte nur.

„Ausgezeichnet. Dann seien Sie so nett und folgen Sie uns wieder in die Halle. Mein Boss, Mister Packer, und Mac Finn wartet schon dort.“ – Die übertriebene Freundlichkeit Hermes’ trieb Doggett zur Weißglut, so dass er dem jungen Mann am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre, um das Gehabe ein- für allemal zu beenden. Doch er besann sich eines Besseren und erinnerte sich an seine Vermutung bezüglich Hermes’ Opferposition, die ihm (Hermes) bisher noch verschlossen geblieben war. Alle waren gewissermaßen Opfer. Auch Hermes’ Boss, der widerliche Alvin Packer.

Gezwungenermaßen folgten Reyes und Doggett dem Entführer, einen grobschlächtigen Klotz von Mensch mit Maschinengewehr hinter ihnen hermarschierend.



*



Der Weg zum Herzstück, wie es Hermes immer genannt hatte, kam den beiden Gefangenen unendlich lang vor. Die Zeit schien hier in diesen Gängen und Räumen nicht mehr zu gelten. Jede Bewegung zerrte an Doggetts und Reyes’ Kräften, als ob eine zentnerschwere Last auf ihren beiden Schultern lagern würde. Eine Last, die mit jedem Schritt noch ein wenig schwerer wurde.

Endlich, nach einer halben Ewigkeit, erreichten die vier Personen die riesenhafte Halle, in deren Mitte schon Steve Mac Finn und Alvin Packer warteten. Letzterer kam den Ankömmlingen langsam entgegen.

„Agents, so sieht man sich wieder...“, sagte er eine Spur zu theatralisch und verzog das Gesicht zu einem gemeinen Grinsen, das dem des Jokerface aus Batman in nichts nachstand. „Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, dass nicht ich selber Ihnen die Geschichte hinter all dem hier erzählt, sondern meinen Assistenten Rob Hermes damit beauftragt habe. Er kann besser erzählen...“ – Er lachte, und das Echo hallte gespenstisch wider. Reyes, Doggett und Mac Finn zuckten zusammen.

„Wir ... haben uns ... bestens unterhalten gefühlt“, entgegnete Doggett zynisch und bedachte Packer mit einem bösen Blick. Die Qualen, die er dank ihm hatte erleiden müssen, waren noch nicht vergessen.

„Nun“, begann der Boss, „wie Sie sich wohl denken können, sind wir heute hier zusammengekommen, um eine Entscheidung zu treffen.“ - Er klatschte zweimal in die Hände, woraufhin der grobschlächtige Kerl, der zuvor das Maschinengewehr gehalten hatte, zu der Tür der Halle rannte und selbige mit einem lauten Krachen schloss. „Nicht, dass Sie noch auf dumme Gedanken kommen und versuchen sollten, abzuhauen.“

„Das haben wir nicht vor“, erklärte Reyes monoton und blickte zu Doggett. Er nickte bejahend. „Ja, wir haben uns entschieden und werden einen Teufel tun, uns davonzustehlen!“

Steve Mac Finn nickte nur. Er schien das Ausmaß des Ganzen noch nicht realisiert zu haben.

„Gut.“

Alvin Packers Neugier war geweckt. „Dann spannen Sie uns nicht weiter auf die Folter. Bedenken Sie aber dabei, dass jede Entscheidung Folgen nach sich zieht, seien es positive, seien es negative.“

„Das wissen wir“, erwiderte Doggett und biss sich auf die Unterlippe, um die aufkommende Nervosität zu unterdrücken.

„Gut“, wiederholte sich der Boss und nickte seinem Assistenten Hermes zu. Dieser verschwand daraufhin kurz hinter der gigantischen Maschine und erschien bald darauf wieder mit einem silbernen Koffer.

„Falls Sie sich gegen die Sache entschieden haben sollten oder dies vorhaben zu tun“ – Hermes öffnete den Koffer und gab den Blick frei auf eine große metallene Spritze, neben der sich in kleinen Ampullen, welche in roten Samtvorrichtungen lagerten, eine seltsam grünliche Flüssigkeit befand – „dann sehen wir uns leider gezwungen, Ihnen das hier zu verabreichen. Sie wissen danach nichts mehr und werden wieder Ihrem alltäglichen normalen Leben nachgehen...“

„Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!“, warf Doggett ein. „Woher sollen wir wissen, dass dieses Zeug uns nicht in Wirklichkeit umbringen soll?“

Hermes grinste.

„Treffen Sie die richtige Entscheidung, und Sie müssen es nie erfahren...“

„Das heißt doch im Grunde, dass wir gar keine andere Alternative haben...“, sagte Reyes aufgebracht.

„Das ganze Leben ist ein Spiel, Agent Reyes, also machen Sie Ihren Zug...“



Es fiel ihr schwer, das nun Folgende zu sagen, und sie blickte Doggett mit nachdenklichen Augen an. Er erwiderte nichts, sondern nickte nur, was ungefähr so viel hieß wie „Du machst schon das Richtige“ und „Ich vertraue dir“.

Reyes’ Mund öffnete sich.



*



Der Beobachter erhöhte die Lautstärke der Lautsprecher vor ihm auf den Tisch und harrte gespannt der nun zu folgen scheinenden Worte aus dem Munde der Agentin. Er wartete. Er horchte.



*



„Agent Doggett soll für uns beide entscheiden“, sagte Reyes da plötzlich, und urplötzlich schwang die Atmosphäre in dem Raum um. Hermes, der eine andere Antwort erwartet zu haben schien – sein Gesichtsausdruck bestätigte diese Vermutung – drehte seinen Kopf in Richtung seines Chefs, der mit einer solchen Reaktion seitens Reyes auch nicht gerechnet hatte.

„Sie ... wollen ... sich bei dieser wichtigen Entscheidung vertreten lassen?“ – Hermes schüttelte den Kopf – „Aber ... nun gut, es ist Ihre Entscheidung...“

„Wenn man einander vertraut, dann ist es, als antworte man selber, auch wenn man selber gar nicht den Mund aufmacht, sondern den ... Partner entscheiden lässt. Grenzenloses Vertrauen ist der Schlüssel zu alledem.“

„Wenn Sie meinen...“

„... und damit ist diese – meine – Entscheidung auch die Agent Doggetts.“

„Ich muss gestehen, dass es mir schleierhaft bleibt“, warf Alvin Packer ein, „warum Sie nicht selber diese Entscheidung treffen wollen, Agent Reyes. Wir stehen hier an einem wichtigen Punkt für Ihr Leben – für ihr weiteres Leben, und Sie wollen allen Ernstes jemand anderes antworten lassen?“

Reyes nickte bejahend und sah zu Doggett. „Sie mögen das nicht verstehen, Mr. Packer, weil Ihnen die Bedeutung des Wortes Vertrauen durch die Macht, die Sie innehaben, verschleiert wurde. Denn derjenige, der Macht hat, vertraut nicht einer anderen Person, sondern nur sich selbst.“

„Ihre Worte ehren mich“, erwiderte Packer kühl, so als ob er den Sinn hinter Reyes’ Worten gar nicht verstanden hatte und sie als Kompliment auffasste. Er trat neben Doggett und legte ihm die Hand auf die rechte Schulter. „Agent Doggett, dann kommen Sie Ihrer Aufgabe nach und antworten Sie.“

„Das werde ich tun...“ – Sein Blick war starr geradeaus gerichtet, während die rechte Hand – verborgen unter dem Jackett - unauffällig in seine rechte Hosentasche glitt.

Langsam trat er Rob Hermes und der gigantischen Maschine entgegen, immer einen Schritt vor den anderen setzend. Die in ihm vorherrschende Unruhe hatte schon längst ihren Zenit überschritten, die Unsicherheit brodelte in ihm wie die Lava in einem Vulkan.

Auf halber Strecke drehte er sich noch mal um.


>>Ich weiß nicht, wie es um mein Schicksal steht, und dennoch stehe ich hier – jetzt – an dieser Stelle - und blicke in ihre Augen.>Ich sehe, dass sie mir vertraut, ich sehe Freundschaft. Nein, es ist mehr als das. Ihre Augen funkeln. Ich mag mich auch täuschen, denn es ist ziemlich dunkel in diesem Raum. Aber ich bin mir sicher – sie weiß, dass ich das Richtige tun werde.>Sind das hier die Gedanken eines armen Irren, der sich in etwas hereingesteigert hat und jetzt nur noch Augen für das Angepeilte hat, so dass man ihm alles hätte einreden können und er es geglaubt hätte? Ist es wirklich schon so weit gekommen?>>



Während sich das Rad der Zeit wieder in Gang setzte, verwarf Doggett den letzten Gedanken und schickte ihn hinab in die Tiefe, aus der es kein Entkommen mehr geben würde.



>>Zeugen diese Selbstzweifel, zeugt dieses Vorhandensein einer leichten Unsicherheit nicht gerade von einem gesunden Menschenverstand? Ja, das muss es sein. Nur derjenige, der bei seinem Tun noch Zweifel hegt, wird im Endeffekt richtig handeln, da er sich immer noch anders entscheiden kann. Ein Irrer hat lediglich einen kranken Plan und setzt ihn ohne viel Überlegens in die Tat um.

Nein, ich bin nicht verrückt. Ich kann nicht verrückt sein. Nicht ich. Ich weiß, dass ich es tun muss, ich weiß es.>>



Zum Entsetzen aller zog der Agent plötzlich ein Messer aus seiner rechten Hosentasche hervor, das Hermes sofort als den Brieföffner identifizierte, der in dem weißen Raum auf seinem Schreibtisch gelegen hatte. Doggett musste ihn blitzschnell ergriffen haben, als er – Hermes – das Glas Wasser verschüttet hatte und einen kurzen Moment unachtsam war.



Zwei Stunden in der Vergangenheit



„Scheiße“, murmelte er [Hermes], senkte kurz den Blick, bückte sich und holte ein Taschentuch aus seiner rechten Jackentasche hervor, mit dem er die Nässe notdürftig aufwischte. Dann blickte er kurz zu Doggett, welcher in genau diesem Augenblick seinen Anzug geraderückte und sagte: „Und das zeugt von Unsicherheit und Schusseligkeit, werter Rob.“





Gegenwart



„Agent Doggett, machen Sie keinen Fehler!“ – Hermes erwartete wohl jeden Moment, dass Doggett das Messer gen Handgelenk richten und sich die Pulsadern aufschneiden würde. Doch der Agent tat nichts ... noch nicht. Sein Blick war durch und durch kalt. Dennoch war er innerlich konzentriert und warf die letzte Unsicherheit über Bord.







Es musste sein!







„Agent Doggett“, hörte er die hallende Stimme Alvin Packers, „selbst wenn Sie vorhaben sollten, Ihrem Leben hier ein vorzeitiges Ende zu setzen – in diesem Raum stehen Sie unter dem direkten Einfluss des Artefakts. Das heißt, das Leben ist hier in jedem Quadratmillimeter vorhanden. Es wacht über uns. Über mich. Über Sie. Und es wird nicht zulassen, dass Sie sich umbringen. Es wird Sie heilen, wenn Sie sich verwunden!“

Doggett schüttelte da plötzlich den Kopf und stellte sich breitbeinig hin. „Nein“, brüllte er, „nein, das wird es nicht! Weil alles gestellt ist. Alles! Sie wissen es nur nicht, da Sie es nicht wissen dürfen.“

„Sie reden wirr!“

„Nein, das tue ich nicht. Und ich werde es Ihnen beweisen!“



*



Der Beobachter wollte nicht glauben, was sich vor seinem verlängerten Auge abspielte. „Was zum Teufel...!“, stammelte er vor sich hin, während er Doggett mit einer Kamera anvisierte und den sich dort abspielenden Wahnsinn in seiner aberwitzigen Form vergrößerte.



*



Das Messer streifte Hermes, der neben Reyes stand, an der rechten Schulter und ließ den Mann blutend zu Boden gehen. Roter Lebenssaft umsäumte den Körper des Verwundeten, welcher zusammengekrümmt dalag und bitterlich schrie. Entgeisterte Blicke von allen Seiten.









[ 11 ]

„Das Los der Getäuschten“





„Was, zum Teufel, haben Sie getan, Sie Irrer?“



Alvin Packer kniete neben Hermes nieder und hob dessen linken Arm, welchen er schützend über die Wunde gelegt hatte, unter wehleidigem Schreien in die Höhe, um einen Blick zu erhaschen. Seine Augen spiegelten plötzlich pures Entsetzen wider. „Es ... es hört nicht auf zu bluten. Es hört einfach nicht auf! Dabei sollte, es müsste, wegen dem Artefakt...!“ Erst langsam sammelte er sich wieder. „Ich verstehe das nicht! Die Wunde hätte längst geheilt werden müssen! Wir stehen im direkten Wirkungsbereich des Artefakts!“

Doggett kam näher. „Auch ich blute“, sagte er monoton, während er die rechte Hand hob, „und ich bin dem Artefakt noch viel näher. Kommen Ihnen jetzt nicht langsam Zweifel, Packer? Wenn nicht: Sie sollten zweifeln!“

„Das, das muss ein Fehler sein...“

„Der einzige Fehler, der hier existiert, ist das Artefakt, welches keins ist!“ – Doggett zog Packer an sich heran – „Verstehen Sie doch endlich! Sie wurden getäuscht, um uns von einer Wahrheit zu überzeugen, die eine einzige Lüge ist! Und dass im Umkehrschluss das, was nach der Erzählung Hermes’ eine Lüge sein sollte, in Wirklichkeit die einzige echte Wahrheit ist, war und bleibt – ja, das sollte Ihnen verborgen bleiben...“

„Wir wurden ... getäuscht?!“

„Wie erklären Sie es sich sonst?“ – Reyes kniete neben Hermes nieder und begutachtete seine Wunde. „Die Verletzung ist nur oberflächlich ... aber ich bin keine Ärztin.“ Ihr Blick traf Doggett. „Das war unverantwortlich! Wenn du ihn im Bauchbereich erwischt hättest...!“

„Ich habe jahrelang Dart gespielt...“, lautete sein kühler Kommentar. Und an Hermes gewandt: „Gleich wird Ihnen geholfen, da bin ich mir sicher.“

„Wer sollte ihm denn jetzt helfen?“, fragte Reyes entrüstet. „Hier ist doch sonst niemand.“ Und leise hintendran: „Wenn du es genau wissen willst, John: ich vertraue dir immer noch, und ich verstehe jetzt auch deine Zweifel. Ich ... ich habe mich blenden lassen von dem so Offensichtlichen, dass ich nur die Lüge sah und nicht die Wahrheit.“

„Das weiß ich doch.“

„John, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber hier und jetzt liebe ich den Skeptiker in dir.“

„Das ist meine Natur.“

„...aber wer sollte Hermes hier jetzt helfen?“

Doggett blickte kurz um sich. „Erinnerst du dich an die Kameras überall? In unserer Zelle?“

„Ja.“

„Ich möchte wetten, dass irgendwo nicht unweit von hier jemand vor einem Bildschirm sitzt. Jemand, der alles beobachtet hat. Derjenige, der all das hier inszeniert hat.“



Alvin Packer schüttelte den Kopf. „In Ihrer Zelle wurde keine Kamera installiert. Lediglich hier und in den Konferenzräumen ... oh scheiße...“

„Eben“, erwiderte Doggett leise und drehte sich einmal im Kreis. „Sie haben sich nie gefragt, was diese Kameras bezwecken, gehe ich richtig in der Annahme?“

Packer nickte fassungslos. „Oh mein Gott ... wir wurden die ganze Zeit observiert. Wie Versuchstiere gehalten!“

„Sie haben sich nie gefragt, was diese Kameras bezwecken, da Sie nur Augen für das hier“ – Der Agent trat vor die Maschine und entriss dieser plötzlich das Artefakt – „haben sollten.“

„Was tun Sie??!!“

„Sehen Sie, was passiert, Alvin. Sehen Sie es mit eigenen Augen“, sagte Reyes und schob den Boss in Richtung auf Doggett zu. „Sehen Sie, dass sich nichts ändert. Die Apparatur arbeitet weiter, ohne mit der mechanischen Wimper zu zucken.“ – Sie nahm von ihrem Partner das Stück Metall entgegen – „Das hier soll das Leben sein, welches alles zusammenhält? Nein, Alvin, nein. Es ist nichts weiter als wertloser Müll.“



Das Metallstück landete unsanft vor Reyes’ Füßen.



„Aber...? Nur ein ... Schwindel?!“ – Packers Augen weiteten sich. „Ich kann das nicht glauben!“

„Verständlich“, gab Doggett von sich und legte Packer die Hand auf die Schulter. „Denn Sie sollten ja auch nur an das glauben.“ Er deutete auf das Metallstück vor Reyes’ Füßen. „Um uns und damit alle zu täuschen. Nicht wir sind die wirklichen Opfer, Alvin. Das Opfer sind Sie! Ihre Schergen. Alle, die glaubten, für das Richtige zu kämpfen. Und deshalb kann man Ihnen auch keinen Vorwurf machen, was ich auch nicht mehr tue. Denn ich habe erkannt, dass die Grenze zwischen Täuschendem und Getäuschtem minimalistisch klein ist, so dass die Waagschale jederzeit zur anderen Seite kippen kann.“

„Aber ... warum das alles?“

„Das verstehen Sie ebenso wenig wie Professor Finn, Alvin“, antwortete Reyes und trat neben den Professor, der in diesem Augenblick an einem anderen Ort zu sein schien und lediglich seinen Körper als leere Hülle zurückgelassen hatte. „Professor, es tut mir leid, aber das, was sie hiermit glaubten, ein für allemal bewiesen zu haben, ist nur eine Farce.“ – Sie versuchte zu lächeln – „Dennoch liest sich ihr Buch mehr als unterhaltsam...“

„Sie verstehen das nicht“, entgegnete Mac Finn leise, „ich habe immer anders als die anderen gedacht. Ich wollte beweisen, dass alle anderen zu starrsinnig sind, um zu erkennen, was die Erde wirklich ist.“ – Er seufzte und blickte Reyes mit kleinen müden Augen an – „Und vom heutigen Tage an muss ich mich zu eben jenen Menschen zählen lassen, deren Sichtweise der Dinge ich so sehr verabscheue; - was für ein Verhalten erwarten Sie also von mir?!“

„Ich erwarte gar nichts.“

„Doch. Sie erwarten, dass ich das hier einfach so als gegeben hinnehme.“

„Nein, das denken Sie nur. Ich will nur, dass Sie uns vertrauen.“



Der Professor erwiderte nichts mehr. Man konnte fast sehen, wie die Anspannung aus seinem Körper entwich. Er blickte nach oben, so als ob er dort die Wahrheit zu finden erhoffte, die es nicht gab, und sagte: „Sie müssen mich jetzt für furchtbar engstirnig halten, Agent Reyes, oder?“

„Nein, das tu’ ich nicht. Ebenso wenig Agent Doggett. Er weiß - genauso wie Sie - wie es ist, wenn das, für das man jahrelang sein Herzblut opferte, einfach wie eine Seifenblase zerplatzt und für ewig verschwunden bleibt.“ – Reyes sah zu Doggett, welcher einfach nur in Richtung des Professors nickte – „Sie sind nicht engstirnig in Ihrer Ansicht, Professor. Nie gewesen. Jeder glaubt an etwas Anderes; ich würde sagen, Sie sind lediglich enttäuscht...“

Mac Finn überlegte kurz und nickte dann.

„Ja, so kann man sagen. Enttäuscht. Und Verwirrt.“

„Verwirrt sind wir alle“, sagte Packer da plötzlich und half Hermes beim Aufstehen. Die Wunde hatte schon wieder aufgehört zu bluten, doch langsam verkrustendes Blut an dem Schnitt erinnerte noch an das Vorgefallene. „Denn wenn wir wirklich alle nur Marionetten in einem Spiel waren, bleibt die Frage, was mit uns nun geschieht! Sie haben es ... die ganze Sache ... aufgedeckt, Agent Doggett, und somit sind wir im Prinzip nutzlos geworden ... für wen auch immer.“



Der Agent schien von dieser Aussage nicht sonderlich überrascht gewesen zu sein, denn er veränderte keine Miene, sondern blickte stattdessen zurück auf das gigantische Konstrukt, die erbaute große Lüge einer noch größeren Idee, die dahinter steckte.

Dass er die Lüge als solche entlarvt hatte – das war es, was ihn überraschte. Er hatte sich von Gefühlen leiten lassen, von Vorahnungen und Vermutungen, die sich nachher derart aufgestaut hatten, dass sie sich letztlich in dem Messerwurf manifestierten. Er hätte gar nicht anders handeln können, bemerkte er erst jetzt. Sein Handeln war gewissermaßen vorbestimmt gewesen; seit dem Erwachen auf dem Bett, gefesselt – seit diesem Moment begannen die Vermutungen sich anzuhäufen und im Geheimen schon das Ende festzulegen! Bei Beginn des ganzen Abenteuers war das Ende schon präsent gewesen. Es trat nur eben erst jetzt in Erscheinung...

„Die werden wissen, was zu tun ist“, beendete er das Schweigen und schloss die Augen. „Sie müssen den Fehler beseitigen, den wir aufgedeckt haben.“

Reyes sah ihn erschrocken an.

„Du meinst, Sie werden uns töten?“

„Ich weiß nur, dass die handeln müssen.“

„Das heißt, dass du es nicht ausschließt.“

„Aber auch, dass es nicht so sein muss.“



*



Derjenige, der getäuscht hatte, saß kopfschüttelnd vor seinem TFT – Monitor und verfolgte das Geschehen mit angespannter Miene. „Ich habe mich in dir getäuscht“, murmelte er, als die Kamera Doggett erfasste und ihn anvisierte. „Ich habe mich in dir getäuscht...“ – Der alte Mann drückte einen roten Knopf, der unter der Tischplatte montiert war, woraufhin kurz darauf der Andere eintrat, der zuvor rausgeschickt worden war.

„Sir?“, sagte er und nahm auf einem Stuhl dicht neben der Tür Platz. Der Mann war unruhig, weshalb er andauernd mit seinen Finger spielte.

„Al, ich nehme an, Sie haben gesehen, was sich ereignet hat?“

Al nickte. „Ja, Sir, ja. Und es erfüllt mich nicht gerade mit Stolz...“

„Verständlich“, erwiderte der Alte und zog eine Schachtel Zigaretten aus seinem Jackett. „Sie auch?“

„Danke. Meine Nerven spielen ganz schön verrückt.“ – Er nahm die Zigarette entgegen und steckte sie sich in den Mund – „Ich kann nicht nachvollziehen, wie sie so ruhig sein können in Anbetracht der gegebenen Umstände...“ – Das Feuerzeug in seiner Hand zitterte – „Ich meine...“

„Ich verstehe Sie schon, Al“, entgegnete der Alte und zündete sich seine Zigarette mit einem Streichholz an. Kräuselnder Dampf stieg zur Decke und umspielte die hochgewachsene Statur des Mannes. Ein alles verschleiernder Nebel. „Ich verstehe Sie voll und ganz. Doch ist Ihre Besorgnis fehl am Platze, denn wir haben nichts verloren, sondern vielmehr etwas gewonnen.“

Al nahm einen tiefen Zug, bevor er antwortete. Seine Stimme zitterte. „Sir, erlauben Sie mir eine Bemerkung: es hat Jahre gedauert, alles auszuarbeiten. Bis die Idee stand, verging fast ein Jahrzehnt! Dazu kamen noch die Entführungen von Rob Hermes, Alvin Packer und ihren beiden Gehilfen, anschließend das Verschwindenlassen aller Daten, die auf die Spur der Entführten hätten führen können, die darauffolgende monatelange Gehirnwäsche der Entführten, das Arrangieren der nun folgenden Ereignisse wie die Schrift in der chemischen Substanz...“

„Ich bin mit dem Projekt vertraut, Al, und ich weiß, wie zeitintensiv es war. Vor allem das Arrangieren der Ereignisse. Die perfekte Täuschung eben.“ – Ein langer, intensiver Zug an der Zigarette – „Wir wollten etwas vorspiegeln und haben uns dabei mehr als einmal auf den Zufall verlassen. Und Zufall war es letztlich, der zum Scheitern führte.“ - Er lächelte, sofern man das im Dunkel des Raumes ausmachen konnte – „Wir haben versucht, eine Lüge zu erschaffen, was uns nicht gelang, weil ich eine Person“ – Der Mann blickte auf den Monitor, der immer noch Doggett zeigte – „unterschätzt habe. Das ist kein Scheitern im normalen Sinn gewesen, Al. Es war nicht einmal ein Scheitern. Vielmehr war es das Spiel des Lebens, das eben diesen Schachzug vorgesehen hatte.“

„Das Spiel des Lebens?“

„Ja. Die Welt ist nicht mehr als ein Spielbrett im übertragenen Sinne. Wir bewegen uns darauf und werden hin und wieder vom Schicksal in eine andere Richtung geleitet. Diese Richtungen sind vier: Erfolg – Hoffnung – Aufgabe – Niederlage. Al, wo stehen wir?“

„Niederlage.“

Der Alte nickte. „Genau. Und von dort ist es aber nicht weit bis zum Erfolg, was lediglich davon abhängt, wie uns das Schicksal voranzieht.“

„Das haben Sie sich gerade doch ausgedacht, Sir, oder?“ – Der andere Mann lächelte etwas.

„Sie werden staunen: nein, das habe ich nicht. Dies sind die Theorien eines Professors aus Pennsylvania. Und auch, wenn ich Theorien sonst eher skeptisch gegenüber stehe, so bin ich in diesem Fall überzeugt, dass alles stimmt.“

„Jede Niederlage formt einen neuen Erfolg, der noch in der Zukunft liegt – wollen Sie das damit sagen?“

Der Alte nickte wieder. „Wir mögen zwar eine Niederlage eingesteckt haben, aber das war das allgemeine Lebensrisiko. Wir sind um Erfahrungen reicher, und das kann man durchaus als Erfolg verbuchen.“

Al erwiderte darauf nichts, blies etwas Rauch der Zigarette aus und massierte seine Stirn mit den Fingern der linken Hand.

„Und wie verfahren wir nun weiter?“, fragte er schließlich.

Der Alte schloss die Augen.

„Schicken Sie Ihre Leute in die Halle. Sie sollen vorgehen, wie wir es für den Notfall in Erwägung gezogen haben. Machen Sie schnell.“

„In Ordnung, Sir. Es wird nicht lange dauern.“

„Davon gehe ich aus.“



Al war schon fast aus der Tür verschwunden, als der Alte ihm noch hinterrief: „Al, übrigens: Sie haben gute Arbeit geleistet. Ich glaube, ich habe Ihnen das nie direkt gesagt...“

Der andere Mann lächelte etwas und dann schloss die Tür hinter sich.



Die Morley – Zigarette in der Hand, betrachtete der Raucher den Bildschirm, nun merklich ruhiger als noch am Anfang. Er war bereit für die Fortsetzung vom Spiel des Lebens, auf jeden weiteren Zug vorbereitet. Und auch wenn er es niemandem eingestehen würde, so war er doch eine Spur glücklich, wenn auch nur im Verborgenen. Glücklich, weil er erkannte, dass auch er nicht unfehlbar war, was Einschätzungen anbelangte. Auch er konnte sich irren, und das machte ihn – trotz der Macht, die er zweifelsohne innehatte – menschlich. Und Erkenntnisse über einen selbst konnten hilfreich sein, wie die nahende Zukunft vielleicht zeigen würde. Bis dahin würde er ausharren im Verborgenen, jeden Spielzug verfolgen und dann, wenn es die Zeit gebot, mit aller Macht zuschlagen. Lautlos und doch intensiv.

Der Raucher verzog das Gesicht zu einem Lächeln und drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus.



*



„Etwas ist passiert!“, sagte Scully und zog Mulder an sich heran. „Es ist etwas geschehen, ich spüre es!“



*



Die mechanische Lüge arbeitete ungestört weiter und übertönte fast vollständig das Öffnen der schweren Eingangstür wenige Minuten später, vor der die Gruppe aus Getäuschten der Dinge ausharrte, die da kommen würden.

Die drei eintretenden Gestalten waren allesamt in schwarze Ledersachen gekleidet, vor den Gesichtern Schutzmasken, als ob sie glaubten, sich vor der im Raum vorherrschenden Unruhe schützen zu müssen.

Sie feuerten insgesamt fünfmal.







[ 12 ]

„Wissen und Nichtwissen“



Kennewick General Hospital, Washington



Die Krankenschwester, die im Erdgeschoss hinter einer Art Tresen saß und Daten in einem Computer mit denen einer Karte aus der Patientenkartei verglich, sah nach einer Weile auf.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie die beiden Personen vor dem Schalter freundlich. Ihr Schild wies sie als Schwester Maggie Lang aus; das jugendliche Auftreten und ihr freundliches unverkrampftes Lächeln ließen darauf schließen, dass sie noch nicht allzu lange hier arbeitete.

„Agent Scully vom Federal Bureau of Investigation“, sagte die weibliche Person und zog einen Ausweis aus ihrem Mantel hervor. „Das hier ist mein Partner Agent Mulder. Unser Vorgesetzter hat uns davon in Kenntnis gesetzt, dass 5 Personen vor knapp einer Stunde eingeliefert wurden, von denen drei der Vermisstenbeschreibung entsprachen, die wir haben anfertigen lassen.“

„Agent Scully ... Ihr Vorgesetzter meinte, dass Sie vorbei kommen würden. Sie haben Recht. Vor knapp einer Stunde wurden 5 Personen eingeliefert, von denen zwei anhand ihrer Dienstausweise zweifelsfrei als die vermissten Personen identifiziert werden konnten.“

„Wie ist ihr Zustand?“, fragte Mulder rasch, denn er hoffte, dass sie beide nicht zu spät gekommen waren.

„Ich kann Sie beruhigen. Agent Doggett und Agent Reyes geht es den Umständen entsprechend gut. Sie haben beide einen leichten Schock davon getragen, so dass wir sie noch für einige Tage zur Untersuchung hier behalten müssen.“ – Sie stockte – „Professor Mac Finn wies starke Schnittwunden an beiden Handgelenken auf, als er hier her gebracht wurde. Ich habe es mit eigenen Augen sehen können. Es ist fraglich, ob er die Nacht überstehen wird...“

„Und die beiden anderen Personen?“

„Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, tut mir leid“, antwortete die Schwester. „Dr. Klein, der behandelnde Arzt, wird Ihnen da aber bestimmt weiterhelfen können. Erster Stock, zweite Tür links, Zimmer 104.

„Haben Sie vielen Dank“, sagte Scully, die schon auf halbem Wege zum Fahrstuhl war.

Eine zentnerschwere Last war ihr soeben vom Herzen gefallen, hatte sie doch endlich Gewissheit, dass Doggett und Reyes lebten. Was aber immer noch ungewiss blieb, war die Frage, was genau mit ihnen, mit Professor Mac Finn und den beiden anderen Personen – ihr Gefühl sagte ihr, dass Rob Hermes unter diesen sein würde – vorgefallen war.

Die Fahrstuhltür öffnete sich, und Mulder und Scully traten ein.



*



Erster Stock, Zimmer 104, Chefarzt Dr. Malcom Klein



Dr. Klein war ein hochgewachsener junger Mann, Mitte 30, mit breiten Schultern und muskulösen Oberarmen, die den Eindruck erweckten, er hätte sich im Beruf geirrt und sollte jetzt eigentlich im Boxring stehen. Sein Gesicht zeichnete sich durch ein markantes Kinn aus, das wie die Nase eines Rennboliden nach vorne ragte. Der Arzt lächelte, als Mulder und Scully den Raum betraten, und erhob sich aus seinem Ledersessel hinter dem Schreibtisch. „Treten Sie ein“, sagte er freundlich und streckte die rechte Hand zur Begrüßung aus. „Sie müssen Agent Scully sein.“

„Guten Tag, Dr. Klein“, entgegnete Scully und erwiderte den Händedruck. „Das ist mein Partner Agent Mulder.“

„Sehr erfreut.“ – Auch Mulder bekam einen festen schmerzhaften Händedruck – „Nehmen Sie doch Platz.“



Die Ausstattung in dem Zimmer war karg. Ein weißer Schreibtisch stand vor einem Fenster mit weißen Gardienen, durch die das Sonnenlicht nur mühsam Einlass gewährt bekam, so dass es in dem Raum eher dunkel als hell war. Vor dem weißen Schreibtisch zwei Stühle, deren Lehnen und Sitzfläche allesamt mit schwarzem Leder überzogen waren – ein visuelles Spiel der Gegensätze.

Mulder und Scully nahmen auf den beiden Stühlen Platz, während Dr. Klein vor das Fenster trat, den beiden den Rücken zugewandt.

„Ich nehme an, Sie wissen bereits von dem Zustand ihrer beiden Kollegen?“

„Ja ... wir wurden in Kenntnis gesetzt.“ – Scully schlug ein Bein über das andere – „Wissen Sie schon, was mit den beiden genau vorgefallen ist?“

Dr. Klein drehte sich um.

„Alle 5 Personen waren bewusstlos, als sie gefunden wurden. Eine erste toxikologische Untersuchung zeigte, dass sich in ihrem Blut ein starkes Betäubungsmittel befand, das scheinbar mit einer Art Pfeil injiziert wurde. Jedenfalls wiesen alle Körper am Hals eine leichte Entzündung auf, was auf eine solche „Behandlung“ schließen lässt.“

„Sie wurden betäubt?“

„Ja ... sogar sehr stark. Zwei der anderen Personen werden daraus wohl nicht mehr aufwachen. Ihr Kreislauf ist aufgrund der vorangegangenen Malträtierung zu sehr geschwächt, als dass er halbwegs in der Lage wäre, den Körper wieder in einen Wachzustand zu befördern.“

„Die Personen ... wurden ... misshandelt?“ – Scullys Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an und Bilder von den grausamsten Entstellungen schwirrten vor ihrem geistigen Auge umher.

Dr. Klein nickte. „Ja, zumindest drei der 5 Personen. Eine Person – der Professor - hat schwerste Verletzungen an beiden Handgelenken davon getragen, so als ob jemand versucht hat, ihm die Pulsadern aufzuschneiden.“

Oder er hat es selbst getan, dachte Mulder im Stillen und veränderte keine Miene.

„Und bei den beiden anderen Eingelieferten wurden bei einer genaueren Untersuchung Schnittwunden am Hinterkopf entdeckt“, fuhr Dr. Klein fort. „Die anschließende routinemäßige Untersuchung der Gehirnströme förderte zutage, dass das Gehirn nur noch 2/3 der eigentlichen Menge an Strömen ausschickte, also eine deutliche Diskrepanz zwischen normalem und jetzigem Zustand vorliegt.“ – Der Doktor atmete einmal tief aus – „Ich habe so etwas noch nicht gesehen ... es ist fast so, als ob den Menschen ihr Gehirn verändert wurde ... als ob von ihrem Gehirn nur noch das Nötigste ausgehen sollte!“

„Gehirnwäsche“, entgegnete Scully monoton, „das systematische Verändern der Erinnerung.“

Dr. Klein nickte besorgt. „Ja, darauf habe ich dann auch geschlossen. Abscheulich. Diese Personen werden wohl nie wieder einen Sonnenaufgang sehen.“

So war es anscheinend auch geplant, dachte Mulder und bemitleidete die Unschuldigen, die das, was sie getan haben, nur taten, weil sie darauf programmiert worden waren. Gleichzeitig verfluchte er die Verantwortlichen hinter dem Ganzen, die Männer im Dunkel, die Schattenmänner, die es vorzogen, unerkannt zu operieren.

„Wurde bei unseren Kollegen ähnliches gefunden?“, fragte Scully vorsichtig und machte sich gedanklich schon auf die die Hoffnung zerstörende Antwort gefasst, die nun wohl folgen würde. Lieber Gott, bitte lass es ihnen gut gehen...



Doch sie kam nicht.



„Nein“, antwortete Dr. Klein leise, „nein, wir haben ihre Körper genauestens untersucht, sind aber auf nichts gestoßen. Ihre Kollegen scheinen von alledem verschont geblieben zu sein.“

Gott sei Dank.

„Können wir zu ihnen?“

„Sie sind noch sehr geschwächt, Agent Scully, von daher würde ich es begrüßen, wenn nur einer von Ihnen mit ihnen spricht, ich hoffe, Sie verstehen das...“ – Dr. Klein erweckte den Eindruck, als glaubte er, er müsse sich bei Mulder und Scully für diese Auskunft entschuldigen. Betreten senkte er den Kopf etwas und versuchte zu lächeln.

„Das verstehen wir“, entgegnete Scully freundlich und blickte zu Mulder. „Ich denke, du solltest mit ihnen reden.“

„Du willst nicht selber...?“

„Die ganze Angelegenheit ist eher was für dich gewesen. Ich befürchte, ich könnte vor lauter Freude über das Wiedersehen etwas überreagieren. Und das können die beiden in ihrem geschwächten Zustand am allerwenigsten gebrauchen.“ – Sie grinste verschmitzt, und Mulder lächelte.

„Dr. Klein, wo genau finde ich Agent Doggett und Agent Reyes?“

Der Doktor nickte.

„Ich zeige Ihnen das Zimmer, Agent Mulder. Wenn Sie mir bitte folgen würden...“ – Und an Scully gewandt: „Wollen Sie hier auf Ihren Partner warten? Es wird nicht allzu lange dauern, da Ihre Kollegen wie gesagt nicht zu sehr überbeansprucht werden dürfen, von daher...“

Scully erhob sich aus ihrem Stuhl und reichte Dr. Klein freundlich die Hand. „Haben Sie vielen Dank, Dr. Klein, aber ich warte lieber draußen. So habe ich es immer gehandhabt.“ Und sie rief sich einige Ereignisse zurück ins Gedächtnis.



*



Das Krankenzimmer war klein, so dass nicht mehr als zwei Rollbetten in ihm Platz hatten. Neben jedem Bett stand ein kleiner Beistelltisch, auf dem sich jeweils eine kleine Lampe und ein Glas nebst Wasserflasche befand. An den Wänden hingen Kunstdrucke berühmter Gemälde, die dem kargen, sterilen Flair, das von dem Raum ausging, ein wenig Abhilfe schufen, indem sie sich wohlwollend vom tristen Weiß der Wände abhoben.

Doggett hatte die Augen geschlossen, als Mulder eintrat, und doch schien er genau zu wissen, wer gerade den Raum betreten hatte. „Komm näher, mein Sohn“, sagte er leise und mit einer feinen Prise von Ironie angereichert. Er öffnete die Augen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich damit gerechnet habe, Sie hier anzutreffen. Doch ihr Besuch freut mich somit umso mehr...“ – Er lächelte etwas. Die Strapazen der letzten Tage waren ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Die Blumen habe ich vergessen“, witzelte Mulder und setzte sich auf die Bettkante. „Ich bin froh, dass es Ihnen gut geht, John. Wir alle sind froh, dass es Ihnen und“ – Er blickte zum Bett auf der gegenüberliegenden Seite, auf dem Reyes lag und schlief – „Agent Reyes gut geht.“

„Sie ist noch sehr erschöpft von allem“, erklärte Doggett leise und versuchte, sich etwas aufzurichten.

„Das sind wir alle...“, gab Mulder zu und biss sich ein wenig auf seine Unterlippe. Ihm brannte etwas auf der Zunge, was auch Doggett nicht entging.

„Sie wollen wissen, was vorgefallen ist, richtig?“

„Merkt man mir das an?“

„Nein, aber Sie wollen es wissen, oder?“

„Verübeln Sie mir das?“

„Nicht im Geringsten.“ – Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen – „Wie habe ich den Tag herbeigesehnt, an dem ich Ihnen einmal Antworten geben kann, Agent Mulder.“

„Sie haben nichts von Ihrem Sarkasmus verloren, John“, entgegnete Mulder lachend. Und hintendran: „Wurden Sie, Agent Reyes, der Professor und die beiden anderen entführt?“

„Ja... wie geht es den anderen?“

„Schlecht, die Ärzte meinen, sie überstehen aufgrund der Misshandlung wahrscheinlich die Nacht nicht...“

Doggetts Augen weiteten sich.

„Sprechen Sie von den Folgen einer Gehirnwäsche?“

„Ja, bei zweien.“

Also habe ich doch Recht gehabt, dachte Doggett. „Wie geht es dem Professor?“, fragte er schließlich mit ernster Stimme.

„Sein Zustand ist mehr als bedenklich. Jemand scheint vorgehabt zu haben, ihm die Pulsadern aufzuschneiden.“

„Niemand hat das vorgehabt, Agent Mulder“, erklärte John besorgt, „das war er selber...“

„Er hat sich selber die Pulsadern aufgeschnitten?“

„Es ist das letzte Detail, woran ich mich erinnere, bevor auf uns geschossen wurde mit den Betäubungspfeilen. Mac Finn hat plötzlich ein am Boden liegendes Splitterstück ergriffen und sich sowohl ins rechte als auch linke Handgelenk geschnitten...“

„Aber ... warum?!“

Doggett schloss die Augen.

„Weil das, was er nun endlich glaubte, bewiesen zu haben, sich als großer Schwindel herausgestellt hat... der Mann war verzweifelt, Agent Mulder, und ich kann es ihm nachfühlen.“

Mulders Augen weiteten sich. „... - glaubte, bewiesen zu haben? – Was genau haben Sie dort, wo Sie waren, gesehen, Agent Doggett?“

Doggett atmete einmal tief aus und öffnete die Augen wieder.

„Nichts, nur eine Lüge. Man wollte uns etwas glauben machen, was es gar nicht gab. Und als ich das entdeckte, da mussten die Verantwortlichen – wer auch immer das war – zugreifen ... und deshalb liegen wir 5 hier.“

„Mit dem Unterschied, dass Sie und Reyes mit dem Leben davon gekommen sind“, gab Mulder monoton von sich und dachte nach. „Ich frage mich, warum Sie von den Leuten am Leben gelassen wurden, nachdem Sie ihr ... wie soll ich sagen? ... Projekt entlarvt haben.“

Doggett dachte kurz nach und sagte dann: „Ich glaube, die Verantwortlichen brauchen uns noch. Irgendwie. Das sagt mir ein Gefühl. So schlimm das auch klingt, aber Alvin Packer und Rob Hermes – die beiden anderen, die mit uns gefunden wurden – scheinen für die ersetzbar gewesen zu sein. Nur sind wir es nicht... ich glaube, Sie verstehen, was ich meine, Agent Mulder...“

Mulder nickte.

„In der Tat. Mir hat jemand auch schon so was in der Art gesagt. Damals habe ich das Ausmaß noch nicht verstanden, aber jetzt sehe ich klar.“

„Vielleicht war es ja ein und dieselbe Person ... damals und jetzt.“

„Das kann eigentlich nicht sein, denn die Person ist heute tot...“, entgegnete Mulder und blickte auf, als sich die Tür öffnete und Dr. Klein eintrat. „Ich komme gleich“, sagte der ehemalige Agent leise.

Doggett sackte erschöpft in das Kissen zurück. „Wissen Sie wirklich, dass er tot ist? Oder sollen Sie vielleicht nur glauben, dass er tot ist?“ – Er lächelte – „Ich habe in den letzten Stunden einiges übers Täuschen gelernt...“

„Wenn Sie wieder auf den Beinen sind, müssen Sie mir unbedingt die ganze Geschichte erzählen, denn so verstehe ich so gut wie gar nichts. Und glauben Sie mir: normalerweise verstehe ich schnell!“

„Ich weiß.“

„Werden Sie und Reyes erst mal wieder richtig gesund. Das ist die Hauptsache.“



Mit diesen Worten erhob sich Mulder von dem Bett und ging an Dr. Klein vorbei aus dem Zimmer heraus. Der Doktor warf noch einen Blick auf die beiden Patienten, lächelte kurz und schloss dann die Tür des Zimmers.
Kapitel 16 by Stefan Rackow
-Epilog-





Doggett fühlte sich aus unerklärlichen Gründen gut, trotz der Erlebnisse der letzten Stunden. Er hatte nämlich erkannt, dass eine Lage noch so ausweglos erscheinen mag – wenn einem jemand zur Seite stand, der einen unterstützte – sei es durch Worte oder durch Taten - , dann blühte sie auf, die Hoffnung. Sie konnte das Fundament bilden für Träume, das wusste Doggett nun. Und er erinnerte sich an den Anfang des Abenteuers, als er Reyes draußen vor dem J. Edgar Hoover Building etwas sagen wollte. Damals hatte er nicht den Mut aufgebracht, es ihr ins Gesicht zu sagen; stattdessen wollte er einen günstigeren Moment abwarten.

Diesen sah er nun bald nahen. Er würde ihr, wenn sie aufwachte, sagen, wie er empfand, und er wusste, dass sie diese Beichte nicht überraschen würde. Zwischen ihnen bestand ein Band, seit eh und je. Und nichts und niemand in der Welt konnte dieses entzwei schneiden. Ein Band der Verbundenheit. Ein unzerstörbares Band.

Er konnte fast spüren, wie Reyes im Schlaf lächelte, und es ging ihm noch ein Stückchen besser.



*



Rob Hermes und Alvin Packer sollten aus dem ewigen Schlaf nicht mehr aufwachen.



*



Steve Mac Finn überlebte den Selbstmordversuch und erholte sich langsam, aber stetig. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus kündigte er seinen Beruf und begann fortan, das Leben zu leben, ohne es zu hinterfragen. Vergessen war die Enttäuschung, die ihn hatte verzweifeln lassen und zu dieser Tat getrieben hatte. Von nun an blickte Mac Finn stetig nach vorne und erfreute sich an jedem neuen Tag, an dem er teilhaben konnte.



Im folgenden Jahr unternahm er mehrere Reisen in den Süden; auf einer von ihnen lernte er Agnes kennen und lieben, eine gescheiterte Börsenmaklerin.



Ein Jahr darauf heirateten sie.



*



Die beiden Agenten kamen wieder schnell auf die Beine und konnten nach einer knappen Woche schon ihren Dienst fortsetzen. Die Ereignisse kamen nicht mehr zur Sprache, wenngleich sie jedem der beiden tief ins Gedächtnis eingebrannt waren. Stattdessen sagte Doggett seiner Partnerin ganz offen, was er ihr gegenüber empfand, und sie erwiderte lächelnd, dass sie schon lange darauf gewartet hatte und dass er ihr mehr bedeute als alles andere auf der Welt.



Sie war nicht überrascht, und er – Doggett - hatte es ausnahmsweise gewusst...





E N D E





~ Spiel des Lebens - beendet am 19. Juni 2004 ~
End Notes:
Jeder Mensch hat einen Traum, den er anstrebt zu verwirklichen. Manche Träume bleiben Träume, andere werden Wirklichkeit.

Einer meiner Träume war es, einmal einen richtig langen Roman zu schreiben – fern ab von meinen „normalen“ – eher kurzen – Geschichten zu Akte X. So entstand vor über 2 Jahren die Idee zu der Geschichte, die ihr nun gerade zu Ende gelesen habt. Wenn ich ehrlich sein soll, hab ich mir damals nie zugetraut, dass ich diese Geschichte in absehbarer Zeit zu einem Ende führen könnte. Ich habe mich in dieser Hinsicht getäuscht...

Ich hoffe zum einen, ihr habt beim Lesen gemerkt, wie viel Spaß ich dabei hatte, die Geschichte zu entwickeln; zum anderen würde ich mich natürlich freuen, wenn auch ihr Spaß hattet. Das ist für einen Autor, der nicht des Geldes, sondern nur des Spaßes wegen schreibt, viel mehr wert als alles andere Materielle. Ein großes Dankeschön an alle Leser, die Spiel des Lebens erst zu dem gemacht haben, was es heute ist.



Oldenburg, im September 2004
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