Fate and Elevator Rides by Sonja K
Summary: X-Files meets Stargate.
Categories: Romance > Mulder/Scully Characters: Dana Scully, Fox Mulder, Original Character(s), Other
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Angst, Crossover, Humor, Romance
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 3 Completed: Ja Word count: 18525 Read: 145 Published: 26 Sep 2017 Updated: 26 Sep 2017
Story Notes:
Es begann harmlos genug mit einem Telefonanruf, im Laufe dessen ich von meinem Creative Equal auf die neueste Challenge aufmerksam gemacht wurde. Trotz diverser unvollendeter FanFics konnte ich einfach nicht widerstehen, meinen Senf dazuzugeben. Kitty, 1000 hugs fürs Anstacheln!! Die Begegnung zwischen den Mailpartnern wird sich bald auch in der Realität ereignen, hoffe ich.
Besondere Grüße auch an meine „kleine Schwester“ für die hilfreiche Kritik, was die Charaktere von Stargate betrifft. Rena, guck dir die Szenen genau an, dann weißt du, was ich meine. Ohne dich wären Jack und Sam nicht das, was sie sind.
@ Cat: Du weißt, was mir diese Fic bedeutet, denn wenn ich sie nicht geschrieben hätte, müsste ich mein Leben ohne dich fristen. Das wäre nicht auszudenken, oder?? Also: Sie ist dir gewidmet, Honey!!
Und jetzt viel Spaß!!

1. Kapitel 1 by Sonja K

2. Kapitel 2 by Sonja K

3. Kapitel 3 by Sonja K

Kapitel 1 by Sonja K
Der Wald war dicht genug um ihn für eine weitere Minute vor der Blicken der Wachen zu verbergen, aber es würde knapp werden wenn er auch nur ein paar Meter weiterging. Also holte Mulder sein Mobiltelefon aus der Tasche und tippte eine Nummer ein, die sich aus Sicherheitsgründen nicht im Speicher befand. Eine vertraute Stimme meldete sich: „Mulder, bist du’s?“
„Wer sonst ruft auf dieser Leitung an? Hör mal, bist du sicher, dass das funktioniert?“
„Natürlich. Langley hat alles mindestens zehnmal überprüft, und deine Tarnung ist auch wasserdicht. Oder denkst du, wir würden dich da ohne Sicherheit reingehen lassen?“
„Nein, aber ich wollte nur nochmal ganz sicher gehen.“
„Scully bringt uns um wenn dir was passiert, und darauf können wir alle gut verzichten.“
„Okay, das beruhigt mich.“ Mulder musste ein Lächeln unterdrücken; es war nur natürlich, dass die Gunmen nichts davon hielten, den Zorn seiner Partnerin auf sich zu ziehen.
„Okay, Byers, ich geh jetzt rein.“
„Viel Glück. Meld' dich, wenn du wieder da bist, und vergiss nicht, dass du uns einen Artikel versprochen hast.“
Der bärtige Mann legte den Telefonhörer auf und drehte sich zu seinen beiden Freunden um. „Das war Mulder. Er geht jetzt rein.“
„Hoffentlich geht das gut.“, unkte Frohike mit sorgenvoller Miene. „Ich habe keine Lust, Scully mitzuteilen, dass ihr Partner bei einem illegalen Einsatz von Airforceleuten erschossen worden ist.“
„Das kann gar nicht schief gehen.“, betonte Langley bestimmter, als er sich fühlte. Er war sich ganz und gar nicht sicher, ob diese ganze Sache eine gute Idee war, aber was konnte er schon tun? Als Mulder vor einigen Tagen zu ihnen gekommen war und von ungewöhnlichen Aktivitäten im Cheyenne Mountain erzählt hatte, über die er von einem angeblich zuverlässigen Informanten unterrichtet worden war, hatten sie alle drei gewusst, dass nichts und niemand ihn davon abhalten würde, in die gesicherte Station der Airforce, die sich in diesem Berg befand, einzudringen, und es war ihnen sicherer erschienen Mulder zu helfen, indem sie ihm eine neue Identität und einige Zugangscodes beschafften. So stiegen die Chancen, dass ihr Freund das Unternehmen überlebte, um einige Prozentpunkte, und außerdem hatte er versprochen, bei Erfolg einen Artikel über seine Erlebnisse in der geheimen Basis für die nächste Ausgabe des „Einsamen Schützen“ zu schreiben. Also hatten sie all ihre Quellen angezapft und aus Special Agent Fox Mulder einen hochrangigen Mitarbeiter des Pentagon gemacht, dessen Geheimhaltungsstufe hoch genug war, in eine Hochsicherheitsanlage der Airforce zu gelangen. Nun konnten sie nichts mehr tun außer zu hoffen, dass alles gut ging, und die ganze Angelegenheit vor Scully geheimzuhalten, was in Anbetracht der engen Beziehung zwischen den Agenten nicht einfach werden würde. Byers hatte schon gemutmaßt, dass Scully misstrauisch werden würde, wenn Mulder mal zwei Nächte hintereinander nicht anrief und sie weckte. Natürlich hatte er sich gehütet, das vor Frohike zu äußern, denn jeder von ihnen wusste, dass dieser nur zu gern diesen Part übernommen hätte.
Während seine drei Freunde sich ihre eigenen Gedanken machten verließ Mulder endlich den Schutz der Bäume und begab sich auf die Straße, die direkt zum Eingang des Berges führte, in dem er Antworten zu finden hoffte. Er vertraute den Gunmen, dass sie die nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatten, und die Leichtigkeit, mit der er die Wachposten am Tor passierte, schien ihm recht zu geben. Seine Ausrede, sein neuer Fahrer habe nicht die nötige Sicherheitsstufe, um ihn den Rest des Weges zu fahren und er habe nicht auf einen anderen warten wollen, hatte man ihm ohne weiteres abgenommen; offenbar passierte so etwas nicht zum ersten Mal.
Er wurde zu einem Lift geführt, wo ihn der Wachposten allein lassen musste, da er sich nicht zu weit vom Eingang entfernen durfte, und nachdem er versichert hatte, dass er bestimmt allein den Weg zu General Hammond – wer das auch immer sein mochte – finden würde, wurde auch kein Begleiter für ihn gesucht. Offenbar war es von Vorteil, Major Carter zu kennen. Das war eine seiner Tarnungen für Notfälle gewesen, und wenn er auch nicht wusste, wer diese Major Carter war, so hatte die Erwähnung ihres Namens ihm doch geholfen, dieses Hindernis zu überwinden. Langley hatte herausgefunden, dass sie im Pentagon gearbeitet hatte, und einen Bekannten auf einer Base zu haben war immer gut, wie sich hier nur einmal mehr zeigte. Innerlich bedankte sich Mulder bei der ihm unbekannten Frau, als er in den Lift stieg und auf gut Glück den Knopf für das unterste Level drückte. Seiner Erfahrung nach waren dort die wirklichen Geheimnisse eines Stützpunktes untergebracht, und es gab keinen Grund anzunehmen, dass es hier anders sein sollte.
Er war noch keine drei Etagen tiefer gefahren, als sich die Tür des Aufzugs öffnete und ein Mann einstieg. Er nickte Mulder knapp zu, als grüße er automatisch jemanden, den er sich nicht genauer angesehen hatte, aber dann hob er den Kopf und sah sein Gegenüber genauer an. Mulder versuchte so auszusehen, als gehöre er hierher. Dieser Soldat mit dem angegrauten Haar konnte schließlich nicht jeden Menschen auf dem Stützpunkt kennen; dazu war dieser viel zu groß. Anscheinend spielte Mulder jedoch nicht überzeugend genug, denn anstatt den Kopf wieder zu senken erkundigte sich der Mann in einem neutralen Tonfall: „Kenne ich Sie?“
„Ich wüsste nicht woher.“, entgegnete Mulder, der sich sehr wohl bewusst war, dass er jetzt genau nach Plan spielen musste, wollte er nicht entdeckt werden.
„Ich nehme nicht an, dass Sie allzu oft aus Ihrem Berg heraus und ins Pentagon kommen.“
„Nicht, wenn es sich vermeiden lässt.“, erwiderte der Mann. „Die Luft dort stinkt mir zu sehr nach Schleimern.“
Oh, wunderbar; hier hatte er gleich seine erste Herausforderung: Einen Bürokratenhasser. Und ausgerechnet er, der sich selbst zu diesen Menschen zählte, sollte nun einem Airforcemann vorspielen, sein eigener schlimmster Feind zu sein. Wie reagiert man auf so eine Beleidigung? Ach, ich mach’s einfach wie Kersh..., legte sich der Agent seine Strategie zurecht.
„Das mögen Sie so sehen, Mr...“
„O’Neill, Colonel O’Neill“, unterbrach ihn der Mann steif.
„Colonel, aber wenn es uns nicht gäbe, hätten Sie bestimmt kein so hohes Budget. Und damit das so bleibt, gibt es meinesgleichen, die dafür sorgen, dass auch wirklich die Leute was vom Kuchen abbekommen, die effektiv arbeiten.“
„Soll das schon wieder so eine Inspektion werden?“ Der Ton des Colonels wurde gereizt. „Langsam habe ich die Nase voll von euch; ihr rennt hier herum und steht im Weg, und wenn’s hart auf hart kommt, vermasselt ihr alles. Ich bringe Sie am besten zum General, damit Sie sich auf dem Weg nicht verlaufen.“ Das hatte Mulder gerade noch gefehlt; wie sollte er sich umsehen oder auch nur seine Tarnung aufrecht erhalten, wenn er wirklich dem General gegenüberstand?
„Ich... Ich würde mich lieber zuerst allein hier umsehen; das ist wesentlich aufschlussreicher als eine Führung.“ Wenn er darauf hereinfällt, dann ist er wirklich...
Mulder kam nicht mehr dazu, seinen nicht besonders freundlichen Gedanken zu Ende zu bringen, denn in dem Moment, in dem der Colonel einen Etagenknopf drückte, kam der Lift zu einem plötzlichen Halt, bei dem beide Männer um ihr Gleichgewicht zu kämpfen hatten. „Verdammt, nicht schon wieder.“, knurrte der Colonel und drückte auf den Knopf für die Sprechanlage. „Simmons, was zum Teufel ist da schon wieder los?“, erkundigte er sich scharf, und eine verzerrte Männerstimme, die nichtsdestotrotz eindeutig eingeschüchtert wirkte, antwortete: „Tut mir leid, Sir, ich weiß es auch nicht. Major Carter hat einen neuen Naquada- Reaktor getestet, und plötzlich waren alle Aufzüge blockiert. Soweit ich das sehe, hängen Sie irgendwo zwischen der 5. und der 6. Ebene fest. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie lange es dauern wird, bis der Strom wieder da ist.“
„Dann schaffen Sie mir Major Carter her, verdammt nochmal!“ O’Neill wurde zunehmend ungeduldiger, denn sein Instinkt sagte ihm, dass mit diesem Mann neben ihm etwas nicht stimmte. Er war nicht arrogant genug für einen Spitzel des Pentagon, und O’Neill wollte verdammt sein, wenn er nicht herausfand, wer der Kerl wirklich war. Nur würde das schwer zu bewerkstelligen sein, wenn sie zusammen in einem Lift feststeckten. Es sei denn, er wendete eine seiner Black- Ops- Techniken an, aber das könnte einigermaßen peinlich werden, sollte sich am Ende herausstellen, dass der Mann doch für das Pentagon arbeitete.
Eine neue Stimme aus dem Lautsprecher erforderte seine Aufmerksamkeit: „Colonel? Es tut mir leid, ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Testlauf alles außer Kraft setzen würde; es läuft gerade noch die Notstromversorgung. Hätte ich das gewusst...“
„Schon gut, Carter. Bringen Sie nur diesen verdammten Fahrstuhl wieder zum Laufen; wir unterhalten uns dann, wenn ich hier raus bin.“
„Ja, Sir.“ Trotz der Verzerrungen war ein Hauch von Lachen in der weiblichen Stimme zu hören, und Mulder fragte sich, was das zu bedeuten hatte. War diese Frau – offenbar seine „Bekannte“ aus dem Pentagon – amüsiert über die Tatsache, dass ihr Vorgesetzter im Fahrstuhl feststeckte, oder war es einfach Teil eines Spiels, das diese beiden spielten? Anscheinend letzteres, denn als die Verbindung unterbrochen wurde, drehte sich der Colonel zu Mulder um und sagte mit einem Hauch von Stolz in der Stimme: „Das ist typisch Sam; es vergeht kein Monat, in dem sie nicht etwas Großes erfindet und auf dem Weg dorthin die halbe Basis lahmlegt. Ich wette, in ein paar Minuten hat sie den Fehler gefunden und wir sind hier raus.“
Als trainierter Agent sah Mulder sofort die Möglichkeit, den Colonel davon abzuhalten, weitere unangenehme Fragen zu stellen, und er hakte nach: „Sind Sie sicher, dass das so schnell geht? Dieser Simmons hat doch gesagt, die ganze Stromversorgung sei lahmgelegt.“
O’Neill warf ihm einen ungnädigen Blick zu. „Natürlich bin ich sicher. Sam Carter ist mit Sicherheit die einzige, die das hier wieder in den Griff bekommt. Und wenn es etwas länger dauert, dann hätte jemand anderer garantiert noch länger gebraucht.“
Mulder war sich nun sicher, dass er sein Gegenüber am Haken hatte. „Sie halten ziemlich viel von ihr, was?“
„Natürlich tue ich das. Sie ist ein guter Soldat und eine brillante Wissenschaftlerin. Man kann sich auf sie verlassen, egal was passiert.“
„So eine Frau kenne ich auch...“ Mulder beschloss, nicht zu erwähnen, dass er laut seiner Tarnung die Frau kannte, von der O’Neill so sehr schwärmte, denn er ahnte schon, dass das unangenehme Folgen haben würde. Schließlich wäre er auch nicht begeistert, wenn jemand aus Scullys Vergangenheit bei ihm auftauchen würde. Statt dessen würde er das Thema einfach auf unverfängliche Weise weiterverfolgen, und was eignete sich da besser als ein Gespräch unter Männern? Natürlich musste er dazu auch etwas beisteuern, und genau das gedachte er zu tun.
„So? Ich dachte nicht, dass es im Pentagon solche Leute gibt.“
Wunderbar; jetzt hättest du dich fast verraten. Aufpassen, Mulder!
„Ich kenne sie auch nicht aus dem Pentagon; sie arbeitet beim Geheimdienst.“ Fast die Wahrheit; unsere Arbeit grenzt schon hart an die des Geheimdienstes; ganz abgesehen davon, wie oft wir gegen ihn arbeiten...
„Und?“
„Sie ist Physikerin. Aber wenn sie im Außendienst tätig ist, würde ich ihr nicht in die Quere kommen wollen.“
„Carter ist auch Physikerin; Astrophysik. Sagen Sie, seit wann sind Sie eigentlich beim Pentagon?“
Kann er das Thema nicht mal fallen lassen?
„Seit sieben Jahren.“
„Dann könnten Sie Carter noch kennen. Sie hat dort mal gearbeitet.“
„Und ich dachte, Sie halten nichts von unseren Leuten.“
„Sie ist anders. Aber vielleicht wissen Sie das ja selber?“ Die Stimme des Colonels hatte einen winzigen bedrohlichen Unterton angenommen, der einem weniger aufmerksamen Beobachter nicht aufgefallen wäre. Mulder dagegen entging er nicht, und ihm war klar, dass er jetzt lieber nichts falsches sagen sollte. Wie sollte er da nur am besten wieder rauskommen?
„Na ja, ich bin ihr vermutlich ein paarmal begegnet, aber ich sehe sie nicht vor mir. Schlechtes Personengedächtnis. Könnten Sie sie mir kurz beschreiben?“
„Okay. Sie ist zierlich, blond, kurze Haare, große blaue Augen, und eigentlich lächelt sie immer.“
Mulder bemühte sich um einen neutralen Tonfall. „Ach ja, genau. Ich erinnere mich. Samantha Carter. Captain der Airforce, nicht wahr?“
„Major. Sie ist inzwischen befördert worden. Wann sind Sie ihr begegnet?“
„Daran erinnere ich mich nicht mehr. Es muss wohl auf einer der großen Veranstaltungen gewesen sein, oder bei irgendeiner Konferenz. Wenn ich mich richtig entsinne, habe ich sie sogar mehrmals getroffen.“
O’Neills Gesicht wurde finster, und Mulder beschloss, ihn schnell ein wenig zu beruhigen. „Nicht, dass ich jemals mit ihr ausgegangen wäre; daran würde ich mich sicher erinnern.“
Schon in dem Moment, als die Worte heraus waren, wusste Mulder, dass er einen schweren Fehler gemacht hatte. O’Neill schien sich innerhalb von einer Sekunde von einem friedlichen, wenn auch misstrauischen Colonel der Airforce in einen Psychopaten zu verwandeln, und Mulder wünschte sich plötzlich, irgendwo in Deckung gehen zu können, was in dem engen Lift natürlich unmöglich war. „Was wollen Sie damit sagen?“, knurrte der Colonel, und Mulders Gehirn rotierte auf der Suche nach einem Ausweg aus seiner Lage.
„Na ja, ich meine, dass ich mich sicher erinnern könnte, wenn ich jemals den Mut gehabt hätte, eine Frau wie sie um ein Date zu bitten.“
Puh, anscheinend war das gar nicht mal so schlecht...
O’Neill nickte. „Geht mir genauso.“, gab er einigermaßen versöhnt zu. „Sie ist irgendwie zu gut, um wahr zu sein.“
„Dann sollten Sie sie erst recht fragen, bevor jemand anderer Ihnen zuvorkommt.“ In seinem Kopf hörte Mulder die spöttische Stimme seiner Partnerin: Mulder, wann hatten Sie das letzte Mal ein Date? Er versuchte, sie zu ignorieren, denn allein der Gedanke an ihre Stimme weckte eine ganz und gar unprofessionelle Sehnsucht in ihm.
„Wie meinen Sie das?“ Wieder war Misstrauen in der Stimme des Colonels zu hören, und Mulder beeilte sich, seine Worte zu erklären: „Allein Ihre Reaktion darauf, dass ich sie kenne zeigt doch, dass Sie etwas für sie empfinden, und bei einer attraktiven Frau wie sie es ist sind Sie mit Sicherheit nicht der einzige, der sich für sie interessiert.“
„Woher wollen Sie wissen, was ich...“
Mulder unterbrach ihn: „Das ist offensichtlich. Sie mögen ja nicht allzu viel vom Pentagon halten, aber es gibt dort durchaus trainierte Beobachter, und ich bin zufällig einer davon. Allein der Ton, in dem sie eben mit ihr gesprochen haben, sagt alles. Also, warum bitten Sie sie nicht mal um ein Date und finden heraus, ob sie dasselbe fühlt?“
„Wenn Sie wirklich so schlau wären wüssten Sie auch, dass es gegen die Regeln ist, wenn ein CO was mit seinem untergeordneten Offizier hat.“
„Ist das alles? Wollen Sie wirklich nur was mit ihr haben? Dann haben Sie recht, und es wäre keinen Verstoß gegen die Regeln wert, aber sollte da mehr sein – und ich habe stark den Eindruck, dass da mehr ist – dann sollten Sie es sich zweimal überlegen, ob Sie die Regeln Ihrem Glück im Weg stehen lassen wollen.“ Wenn du doch nur immer so schlau gewesen wärst...
Der Colonel sah Mulder mit wachsendem Interesse an. „Und das sagt mir ausgerechnet ein Kerl aus dem Pentagon, der die Regeln erfunden hat.“
Wenn der wüsste...
„Nein, das sagt Ihnen der Kerl, mit dem zusammen Sie im Lift feststecken und der ganz genau weiß, wovon er spricht. Wir haben nämlich ziemlich ähnliche Regeln.“
„Und das ist ein Problem für Sie?“
„Allerdings. Aber das gehört nicht hierher. Sie wollen doch, dass sie Sie gern hat; dann müssen Sie ihr schon sagen, dass Sie sie mögen.“
„So einfach ist das aber nicht Selbst wenn wir mal für einen Moment die Regeln vergessen bleibt immer noch die Tatsache, dass wir Freunde sind, und das kann ich unmöglich riskieren. Wie sollte sich eine intelligente, hübsche Frau wie sie ausgerechnet in einen alten Idioten wie mich verlieben? Nein, wenn ich eine Andeutung mache verliere ich auch noch ihre Freundschaft, und das könnte ich einfach nicht.“
Sieht hier irgend jemand eine Parallele? Mulder brachte seine innere Stimme mit einen heftigen Kopfschütteln zum Schweigen und erwiderte: „Sind Sie sich da sicher? Vielleicht denkt sie dasselbe über Sie. Es soll schon Fälle gegeben haben, in denen zwei Freunde jahrelang umeinander herumgekreist sind, weil keiner den ersten Schritt machen wollte, da sie nicht die Freundschaft des anderen riskieren wollten. Am Ende kann es sogar vorkommen, dass einer von ihnen sich mit einem Ersatz für das zufriedengibt, was er glaubt, niemals haben zu können, und beide sind für den Rest ihres Lebens unglücklich.“ Ich wette, du denkst jetzt nicht an Holman und Sheila.
„Aber was, wenn wir doch nur Freunde sind? Zumindest aus ihrer Sicht?“
„Dann wird sie Ihre Gefühle verstehen und weiter Ihre Freundin bleiben, da bin ich sicher. Außerdem, wer weiß? Ich habe einmal jemanden sagen hören, dass die besten Beziehungen, diejenigen, die andauern, der Freundschaft entspringen. Es kann passieren, dass man eines Morgens aufwacht und den einstigen Freund mit ganz anderen Augen sieht, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte. Und dann ist die Person, die man erst nur als Freund gesehen hat, auf einmal die einzige, mit der man sich vorstellen kann, den Rest seines Lebens zu verbringen.“
O’Neill schaute Mulder überrascht an als könne er nicht glauben, dass diese Worte aus dem Mund eines Bürokraten gekommen sein sollten. „Von wem ist das?“, erkundigte er sich.
„Von einer guten Freundin. Sie hat mit diesen Worten eines der tragischen Liebespaare zusammengebracht, von denen ich eben gesprochen habe. Hätte sie das nicht getan, wären die beiden heute noch unglücklich, und das wäre eine echte Tragödie.“ Er weiß ja nicht, in welchem Ausmaß...
Jack O’Neill wehrte sich dagegen es zuzugeben, aber dieser Mann aus dem Pentagon begann ihm sympathisch zu werden. Offensichtlich wusste er ganz genau, wovon er sprach, und O’Neill hätte gern gewusst, ob er mit dieser Vermutung recht hatte. „Sprechen Sie aus Erfahrung?“, erkundigte er sich, und Mulder sah so schuldbewusst aus, dass der Colonel wusste, er hatte ins Schwarze getroffen. Der Agent überlegte einen Moment lang, ob er lügen sollte, besann sich dann aber eines besseren. Gerade hatte er das Vertrauen seines Gegenübers gewonnen, und er konnte es sich nicht erlauben, diese kleine Sicherheit wieder zu verspielen. Also entschloss er sich, die Wahrheit zu sagen. „Könnte man so sagen, ja.“
„Und? Ich meine, wie ist es ausgegangen?“ Mulder versuchte krampfhaft, nicht daran zu denken, wie sich Scullys Lippen bei dieser Frage zu einem leichten Lächeln verziehen würden, und schon gar nicht daran, wie sich diese Lippen auf seinen anfühlten. Keine Ablenkung jetzt, dies ist eine Situation, in der es leicht um Leben und Tod gehen könnte.
„Ich habe gerade noch mal die Kurve gekriegt. Es stand schon ein anderer in den Startlöchern als mir endlich klarwurde, dass ich sie verlieren werde, wenn ich ihr nicht die Wahrheit sage. Sie hätte sich fast einen Ersatz gesucht.“
„Wäre es indiskret, wenn ich Sie nach den Details frage? Ich könnte ein paar Ideen brauchen.“
„Es wäre indiskret, und ich glaube auch nicht, dass meine Geschichte Ihnen bei Ihrem Problem weiterhelfen wird, da sich die beiden betreffenden Frauen nicht ähnlich sein dürften.“ Mulder sah die Enttäuschung in den Augen des anderen und fuhr fort: „Aber ich werde es Ihnen trotzdem erzählen, und wenn es allein deshalb ist, dass ich nicht genug davon bekommen kann, von ihr zu sprechen.“, gab er zu und begann, dem ihm eigentlich vollkommen fremden Mann zu erzählen, wie Scully von einem Fremden immer wieder anonym Rosen und Karten bekommen hatte, bis sie schließlich einen Hinweis auf den Spender fand und sich mit dem Unbekannten treffen wollte. Mulder war zuerst nur eifersüchtig gewesen, aber als das Treffen immer näher rückte war ihm klargeworden, dass er dieses Mal nicht so viel Glück haben musste wie früher, wenn jemand mit Scully ausgegangen war. Womöglich traf sie dieses Mal den Mann, der sie ihm, Mulder, wegnehmen würde, ohne dass sie jemals ahnte, wie sehr er sie liebte. Also hatte er seine Beziehungen spielen lassen und den Rosenkavalier eine halbe Stunde vor dem geplanten Treffen durch einen Cop, der ihm noch einen Gefallen schuldete, vorläufig festnehmen lassen, um dann selbst zum vereinbarten Treffpunkt zu gehen. Er hatte es nicht über sich gebracht Scully zu sagen, was er seinen Rivalen angetan hatte, aber er hatte sie auch nicht angelogen und behauptet, dass die Rosen von ihm seien. Statt dessen hatte er sie um ein Date gebeten, und die Tatsache, dass sie ohne zu zögern oder einen weiteren Gedanken an ihre eigentliche Verabredung mit ihm gekommen war, ließ ihn mutig genug werden, noch an diesem Abend den entscheidenden Schritt zu tun. Als Scully einige Tage später nicht ganz zufällig erfahren hatte, was mit ihrer ursprünglichen Verabredung geschehen war, war sie viel zu glücklich, als dass sie Mulder noch ernstlich hätte böse sein können.
Als Mulder geendet hatte, lachte der Colonel Tränen. Er konnte es nicht glauben, was dieser Bürokrat alles auf sich genommen hatte, um die Frau seiner Träume für sich zu gewinnen. Ausgerechnet ein Mann aus dem Pentagon, wo die meisten unsinnigen Regeln erfunden wurden, ließ seinen Widersacher festnehmen; das konnte doch wirklich nicht wahr sein.
„Und sie war niemals wütend darüber?“, wollte er wissen.
„Nein, glücklicherweise nicht. Das wäre mir sicher nicht besonders gut bekommen. Anfangs habe ich ja noch gefürchtet, dass sie nochmal darauf zu sprechen kommt, aber inzwischen sind wir seit fast sechs Monaten zusammen, und sie hat noch nichts gesagt, also glaube ich, ich bin aus dem Schneider.“
„Sechs Monate wären auch ein bisschen lang, nur um Sie in Sicherheit zu wiegen.“ Er zögerte einen Moment lang, bevor er weitersprach: „Haben Sie es jemals bereut?“
„Nur, dass ich nicht schon viel früher den Mut hatte, es ihr zu sagen. Sie hatte es nicht verdient, so lange zu warten.“
„Vielleicht. Ich habe zwar keinen Polizisten zur Verfügung, und wenn ich herausfinden sollte, dass jemand ihr anonym Rosen in den Berg schickt, müsste ich ihn selbst verhaften, aber vielleicht sollte ich doch mal versuchen herauszufinden, was sie denkt...“
Weiter kam er nicht, denn mit einem Ruck fiel der Lift ein Stück in die Tiefe, bevor er sich fing und langsam wieder aufwärts fuhr. Zwar nicht die Richtung, in die sie ursprünglich gewollt hatten, aber die beiden Männer dachten ganz und gar nicht daran, sich zu beschweren.
„Sehen Sie,“ triumphierte O’Neill mit einem stolzen Grinsen, „ich hab Ihnen doch gesagt, dass sie es schafft.“ In dem Moment ging die Tür auf, und sie sahen sich einigen besorgten Gesichtern gegenüber. Eines davon war von kurzem, blonden Haar umrahmt und trug ein entschuldigendes Lächeln. „Sir, sind Sie in Ordnung? Ich hatte mir schon Sorgen gemacht...“
Der Colonel unterbrach die besorgte Frau: „Schon gut, Carter. Wir leben ja noch, und außerdem... wenn Sie endlich diesen verdammten Reaktor fertig gebaut haben, könnte ich Ihnen vielleicht sogar verzeihen.“ Carters Lächeln wuchs in die Breite. „Ja, Sir.“ sagte sie mit gespielter Förmlichkeit, und O’Neill trat zur Seite, um sie einen Blick auf ihren alten Bekannten werfen zu lassen, den er nach ihrem Gespräch nicht mehr für einen Rivalen hielt. „Sehen Sie mal, wen ich Ihnen mitgebracht habe. Alter Freund aus dem Pentagon, huh?“
Samantha Carters blaue Augen fixierten Mulder einen Moment intensiv, dann schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, Sir, aber ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich habe diesen Mann noch nie gesehen.“ O’Neill runzelte die Stirn. „Sind Sie ganz sicher?“
Sie musterte Mulder noch einmal genau, bevor sie antwortete: „Absolut sicher. Ich würde mich garantiert an ihn erinnern, wenn ich ihn schon mal gesehen hätte.“ Sie verschwieg, dass sie nur deshalb so sicher war, weil die Augen des Mannes sie auf eine sonderbare Weise an die des Colonels erinnerten.
„Wenn das so ist...“ O’Neill wandte sich an Mulder. Dieser glaubte, in seinen Augen etwas wie Bedauern zu erkennen. „Ich muss Sie bitten, mitzukommen und mir keinen Ärger zu machen... Ich hatte es geahnt, aber glauben Sie mir, ich habe wirklich gehofft, mich zu irren.“, fügte er noch leise hinzu, bevor er Mulder am Arm fasste und aus dem Raum führte.

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*„Zum letzten Mal, Jungs: Wenn einer von euch weiß, wo Mulder steckt, dann raus mit der Sprache!“
Frohike, Langley und Byers sahen sich betreten an. Zwar hatten sie damit gerechnet, sich früher oder später Scullys Zorn stellen zu müssen, wenn Mulder nicht rechtzeitig zurück war, aber sie hatten nicht erwartet, so schnell in diese Situation zu kommen. Um sich ein wenig Freiraum zu schaffen, hatte der Agent nämlich eine Woche Urlaub genommen, damit ihn während seines Alleingangs niemand vermisste. Es war den drei Gunmen ein Rätsel, wie Scully bereits nach sechs von sieben Tagen wissen konnte, dass Mulder etwas passiert war, wenn er doch erst am folgenden Montag zurück erwartet wurde. Allerdings traute sich keiner von ihnen, die aufgebrachte Scully nach diesem unbedeutenden Detail zu fragen, denn sie wirkte, als würde sie jeden erschießen – oder noch schlimmeres – der nicht genau das tat, was sie verlangte.
„Äh, Agent Scully...“ Wie immer war es Byers, der sich ein Herz fasste. Er hatte seine beiden Freunde schon mehr als einmal mit Hilfe seines Fingerspitzengefühls vor Scullys Zorn gerettet, und sie waren ihm ehrlich dankbar, dass er auch dieses Mal wieder das Wort ergriff: „Mulder verfolgt eine Spur.“
„Das dachte ich mir bereits, als er sich heute nicht gemeldet hat und mich über eine Stunde in diesem verdammten Restaurant warten ließ.“ Frohike verkniff sich die Frage, was Mulder und Scully während seines Urlaubes zusammen in einem Restaurant wollten, auch wenn ihn die Neugier schier umbrachte. Aber er sagte sich, dass er, wenn er den Mund hielt, vielleicht lange genug leben würde, um es selbst herauszufinden.
„Was mich nun wirklich brennend interessieren würde ist, um was für eine Spur es sich handelt und was ihr damit zu tun habt.“
„Na gut. Aber ich glaube, es wäre besser, wenn Sie sich zuerst setzen.“
Langley und Frohike unterstützten Byers‘ Erzählung mit zustimmendem Nicken, besonders die Stelle, an der er erwähnte, dass sie versucht hatten, Mulder von seinem Vorhaben abzubringen. Scheinbar waren sie jedoch nicht wirklich überzeugend, denn kaum hatte Byers geendet, als Scully zornig aufsprang.
„Ihr habt Mulder für einen Artikel in eurer schmierigen Zeitung in die Höhle des Löwen gehen lassen?“, rief sie aufgebracht. „Ich kann es einfach nicht glauben. Warum habt ihr ihn nicht davon abgehalten, wenn ihr wusstet, wie verdammt gefährlich es ist?“ Scully wusste selbst, dass sie ungerecht war. Schließlich hatte sie selbst mehr als einmal erfahren, wie unmöglich es war, Mulder von etwas abzuhalten, was er wirklich wollte, aber sie machte sich Sorgen um ihn und musste diese irgendwie artikulieren. Da kamen ihr die Gunmen gerade recht; immerhin hätten sie ihr ja früher sagen können, auf welchen Abwegen sich Mulder nun wieder befand.
„Ich bin sicher, dass er in Ordnung ist.“, versuchte nun Langley, die aufgebrachte Agentin zu beruhigen. „Wahrscheinlich hat er irgendeine heiße Spur gefunden, der er sofort nachgehen wollte, und hat darüber vergessen, sich bei Ihnen zu melden.“
„Das glaube ich nicht.“ Scullys Stimme klang längst nicht mehr so wütend; ihre Besorgnis war deutlich zu hören. „Diese Verabredung hätte Mulder nicht vergessen. Es war...“ Sie zögerte einen Moment und entschloss sich denn, den drei Männern zu vertrauen. „Wir wollten gestern Abend unser sechsmonatiges Jubiläum feiern.“
Ihre Worte hatten eine ähnliche Wirkung, als sei der Zentralrechner auf dem Schreibtisch explodiert. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, und es dauerte eine ganze Weile, bis Frohike seine Sprache wiederfand.
„Dieser Mistkerl!“, schrie er dann. „Ich hab ihm noch vor zwei Wochen meinen ganzen schönen Plan dargelegt, wie ich an Sie rankomme, und dabei wusste er die ganze Zeit...“ Die Empörung verschlug dem kleinen Mann die Sprache aufs neue, und Byers nutzte die Gelegenheit, ihn zur Seite zu ziehen, um ihn zu beruhigen. Langley sah Scully an.
„Sie haben recht, es ist sehr unwahrscheinlich, dass er das vergessen hätte, so sehr, wie er in Sie verliebt ist. Er hatte sogar eine Überraschung für Sie, aber...“
„Du hast es auch gewusst?“ Frohike machte sich aus Byers‘ Griff los und kam auf Langley zu. „Wie schön, dass ich es jetzt schon erfahre!“
„Beruhige dich. Ich hab es nur gewusst, weil ich Mulder geholfen habe, die Überraschung vorzubereiten. Ansonsten ist es geheim.“
„Außerdem,“ mischte sich Byers ein, „haben wir jetzt wirklich andere Sorgen. Einen so wichtigen Termin würde Mulder niemals vergessen, also ist höchstwahrscheinlich etwas schiefgegangen. Und sollte das der Fall sein, müssen wir ihn schleunigst da rausholen. Wer weiß, was das Militär mit Leuten anstellt, die sie in ihrer Hochsicherheitsbasis erwischt haben.“
Scully, der die Methoden des Militärs seit frühester Kindheit vertraut waren, schauderte bei diesem Gedanken, und sie wandte sich an Byers: „Ich muss alles wissen, was ihr ihm gesagt habt und was er selbst wusste und vorhatte. Vermutlich ist er auf dem Stützpunkt unter Arrest. Ich muss ihn da rausholen, bevor die auf die Idee kommen, ihn zu liquidieren.“
„Aber das ist viel zu gefährlich.“, protestierte Langley, doch Scully brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. „Was sollen wir denn sonst machen? Herumsitzen und warten, bis sie ihn umbringen?“, fragte sie scharf, und die Männer schüttelten die Köpfe. „Sie haben recht. Jemand muss ihn da rausholen, aber zuerst müssen wir mal herausfinden, ob er überhaupt drin ist. Am besten, wir setzen uns mit seinem Informanten in Verbindung.“ Er unterbrach Scully, die zum Protest ansetzen wollte, mit einer Handbewegung. „Vergessen Sie’s. Der Mann wird nicht mit Ihnen reden. Das müssen Sie schon uns überlassen. Frohike, du übernimmst das. Byers, du kriegst so viel wie möglich über die Leute auf der Basis raus, damit wir im Notfall wissen, mit wem wir es zu tun haben und eventuelle Schwachstellen finden können. Und wir“, er wandte sich wieder Scully zu, „wir schauen mal nach, was die einschlägigen Quellen noch so alles über den Cheyenne Mountain zu sagen haben.“
Kapitel 2 by Sonja K
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Major Samantha Carter starrte ihrem kommandierenden Offizier geradewegs in die Augen. Sie wusste zwar nicht warum, aber ihr war durchaus klar, dass dies ihn mit absoluter Sicherheit dazu brachte, ihr zuzuhören, auch wenn er das gerade nicht wollte. „Sir, ich kann es mir zwar nicht erklären, aber ich weiß doch, dass der Mann Sie in irgendeiner Weise enttäuscht hat. Nicht verärgert – verletzt oder enttäuscht. Und es ist Ihre Sache, wenn Sie nicht darüber reden wollen, aber ich finde es nicht fair, dass Sie ihn dafür bestrafen. Wahrscheinlich weiß er nicht mal, was er falsch gemacht hat. Na gut, er ist vielleicht unbefugt hier eingedrungen und hat vorgegeben, mich zu kennen, aber dann hätte ich doch wohl viel eher das Recht, beleidigt zu sein als Sie.“
Sie holte Luft um weiterzusprechen, aber O’Neill unterbrach sie: „Major, es ist mir egal, was er gesagt oder nicht gesagt hat. Es bleibt die Tatsache, dass er hier eingedrungen ist und darum festgehalten werden muss, bis wir herausgefunden haben, wer er wirklich ist und in wessen Auftrag er handelt. Wir können schließlich nicht jeden hier ungestraft herumspazieren lassen.“
„Aber genau das sage ich doch die ganze Zeit: Wir müssen herausfinden, wer er ist und was er wollte, und ich glaube, dass ich eine bessere Chance hätte als Sie, den er schon einmal angelogen hat. Immerhin hat er meinen Namen genannt, und ich wüsste zu gern, wie er darauf kommt.“
„Vergessen Sie’s, Carter. Sie gehen nicht da rein, und Sie werden ihn auch nicht befragen.“
„Und warum nicht?“ Ihre blauen Augen bohrten sich in seine braunen und forderten unbarmherzig eine Antwort.
„Weil er gefährlich ist.“
„Wirklich?“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unverkennbar. „Danach sieht er aber ganz und gar nicht aus. Erstens ist er unbewaffnet, zweitens eingesperrt, und drittens bin ich sehr wohl in der Lage, auf mich aufzupassen, wie Sie inzwischen wissen müssten. Was ist also der wahre Grund?“
O’Neill zögerte. Er wusste nicht, was er ihr sagen konnte um sie zufriedenzustellen, denn alles, was er anbieten konnte war das alberne Gefühl, von dem Fremden verraten und um eine große Hoffnung betrogen worden zu sein. Da er das seinem Major aber unmöglich sagen konnte, schwieg er und hoffte entgegen seiner Erfahrung, dass sie das Thema fallen lassen würde.
„Wenn Ihnen dazu nichts einfällt, kann ich ja wohl gehen, Sir.“ Die Bestimmtheit, mit der sie seinen Befehl verweigerte, ließ den Colonel erstarren. Er war es gewöhnt, dass sie ihm gehorchte, wusste aber auch, dass sie dazu neigte, sich ihre eigene Meinung zu bilden und seine Entscheidungen wenn nötig so lange aufs hartnäckigste zu hinterfragen, bis er selbst bereit war zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht haben könnte. Nur, dass er das in diesem Fall ganz bestimmt nicht tun würde. Anstatt die Sache auf sich beruhen zu lassen, was in diesem Fall das beste gewesen wäre, erwiderte er: „Ich war immer der Ansicht, ich wäre Ihr kommandierender Offizier.“
Das brachte sie für einen Moment aus der Fassung. „Ja, und?“, erkundigte sie sich verständnislos.
„Das setzt auch voraus, dass Sie das tun, was ich Ihnen sage. Zumindest dachte ich das.“, fügte er gespielt harmlos hinzu. Carter erkannte, dass sie in eine Falle gegangen war und überlegte für einen Sekundenbruchteil, bevor sie ruhig erwiderte: „Das stimmt, Sir. Allerdings nur so lange, wie ich annehmen kann, dass die Anweisungen vernünftig sind und keinen persönlichen Rachegefühlen entspringen, und das scheint mir hier der Fall zu sein.“
Sie sah ihm noch einmal in die Augen, und er erkannte, dass es keinen Sinn hatte, mit ihr zu streiten, besonders nicht, da sie recht hatte. „Mit allem nötigen Respekt, Sir, ich glaube, Sie handeln hier aus einer anderen Motivation als der, die Geheimnisse des Stützpunkts zu schützen. Ich werde jetzt zu ihm gehen und herausfinden, ob ich nicht mehr aus ihm herausbekommen kann.“ Damit drehte sie sich um und ging zur Tür. O’Neill rief sie noch einmal zurück: „Carter?“ Sie drehte sich kurz um und sah ihn fragend an, ohne Zweifel die Fortsetzung des Streits erwartend. „Seien Sie vorsichtig; ich habe keine Ahnung, was er über Sie weiß, und vielleicht spielt er ein Spielchen mit Ihnen.“
Sam lächelte. „Das kann er gern versuchen, aber ich glaube nicht, dass ich mitspielen werde.“
Sie verließ den Raum, während O’Neill ihr kopfschüttelnd nachsah. Wann war es eigentlich passiert, dass er sich von seinem Major in Frage stellen ließ? Vermutlich in dem Moment, als sie sich ihm das erste Mal mit blitzenden blauen Augen entgegengestellt und ihre Meinung gesagt hatte.
Carter war inzwischen im Zellenblock angekommen und ließ sich von einem Wächter die Zelle aufschließen, in der nun schon seit vier Tagen der Fremde saß, den der Colonel im Lift aufgegabelt hatte. Sie fragte sich, was der Mann vorgehabt haben mochte und warum er noch immer so beharrlich schwieg. Aber das ließ sich ja vielleicht herausfinden. Sie betrat die Zelle und setzte sich neben den Insassen aufs Bett. „Hi.“, begann sie.
Mulder sah auf. Er erkannte die Blondine wieder; es war Carter, die Frau, die seine Tarnung hatte auffliegen lassen. Er war ihr nicht böse; schließlich konnte sie nichts dafür, dass ausgerechnet sie ihm über den Weg gelaufen war. „Wenn der Colonel Sie schickt, vergessen Sie’s. Ich werde ihm nichts sagen.“
Carter musste lächeln. „Er hat mich nicht geschickt; ganz im Gegenteil. Ich bin sicher, er ist nicht sonderlich begeistert, dass ich hier bin, denn er hat mir verboten Sie aufzusuchen.“
„Und trotzdem sind Sie gekommen? Ich denke, er ist Ihr direkter Vorgesetzter.“
„Das bedeutet nicht, dass ich nicht meine eigene Meinung haben dürfte.“
Nun musste auch Mulder lächeln. Irgendwie erinnerte ihn die störrische Art der Frau an Scully. „Und was wollen Sie hier, wenn nicht für ihn spionieren?“, erkundigte er sich schnell, bevor er zu sehr über seine Partnerin nachdenken konnte, die sich inzwischen schreckliche Sorgen um ihn machen musste.
„Ich will wissen, wie Sie darauf gekommen sind, ausgerechnet mich als Ihre Bekannte auszugeben. Der General hat mich danach gefragt, aber da ich ihm leider keine Antwort geben konnte, möchte ich den Grund von Ihnen hören.“
„Wenn das alles ist... Es war ehrlich gesagt reiner Zufall. Irgendeine Geschichte musste ich doch haben, und wenn ich schon im Pentagon arbeite, muss ich schließlich auch darauf achten, die Leute zu kennen, die gleichzeitig mit mir dort gearbeitet haben.“
„Wenn Sie nicht behauptet hätten, mich zu kennen, wäre es gar nicht aufgefallen.“, sagte sie nachdenklich. „Es ist schon seltsam, wie diese kleinen Dinge über das Leben der Menschen entscheiden können.“
„Beantworten Sie mir doch bitte auch eine Frage: Was passiert mit mir?“
„Das weiß ich nicht. Sie werden hierbleiben, bis Sie uns gesagt haben, warum Sie hergekommen sind und wer Ihnen geholfen hat, und was danach geschieht, hängt vermutlich von Ihren Antworten ab.“
„Sie meinen, ob ich ein russischer Spion bin oder ein Alien oder sowas?“
Die Freundlichkeit verschwand für einen Moment aus den Augen des Majors, aber sie fing sich schnell wieder. „Wie kommen Sie auf Aliens?“, fragte sie möglichst harmlos, und Mulder nickte verstehend. Aha, da scheine ich einen Nerv getroffen zu haben.
„War eigentlich nur so ein Gedanke. Was sollten Sie sonst in einer geheimen Basis in einem Berg verstecken? Atomwaffen vielleicht? Denken Sie doch nur mal an Area 51.“ Carter schien erleichtert über seine Antwort. Offenbar hatte sie eine andere befürchtet, auch wenn sie das gut zu überspielen wusste.
„Mit Area 51 würde ich das hier zwar nicht unbedingt vergleichen, aber Sie haben recht: Heutzutage denkt jeder bei geheimen Projekten gleich an Außerirdische.“
„Sie nicht?“
„Wissen Sie, nicht alles Fremde muss gleich außerirdisch sein. Ich bin der Meinung, dass eine ganze Menge dieser Geschichten pure Hysterie ist. Die Menschen brauchen etwas, an das sie glauben können, und so suchen sie im Weltraum nach Antworten.“
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Worte eine solche Wirkung auf ihr Gegenüber haben würden. Die Augen des Mannes verdüsterten sich, und sein Gesicht nahm einen unendlich traurigen Ausdruck an. „Ich wünschte, es wäre bloße Hysterie.“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Sam spürte, dass ihn etwas bewegte, das tiefer ging, als in eine Militärbasis einzudringen und Geheimnisse zu stehlen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, denn sie hatte das Gefühl, ein Eindringling zu sein, der versuchte, ihm seine ganz private Trauer zu stehlen, und so schwieg sie. Der Fremde fuhr fort: „Als ich ein Kind war, wurde meine Schwester von Außerirdischen entführt. Sie kam nie mehr zurück, und ich versuche immer noch, sie zu finden, auch wenn ich langsam einsehe, dass es aussichtslos ist. Und auf dieser Suche haben sie mir die Frau genommen, die ich liebe. Ich habe sie zurückbekommen, aber bis heute wissen wir nicht, was sie ihr noch alles angetan haben außer sie mit Krebs zu infizieren und unfruchtbar zu machen.“ Bitter schloss er: „Und wenn ich all dieses Leid betrachte, das ihr zugefügt wurde, ihr und vielen anderen Frauen, dann wünsche ich mir wirklich, es sei alles nur Hysterie.“
Carter hielt den Atem an. Einerseits tat ihr der Mann leid, dessen Kummer sie beinahe körperlich fühlen konnte, und andererseits schockierten sie seine Worte. War es möglich, dass die Goa’uld ihm begegnet waren? Oder sprach er von einer anderen außerirdischen Rasse? Dass er seine Freundin zurückbekommen hatte, sprach gegen die Goa’uld, die nicht dafür bekannt waren, einen Menschen zurückzubringen, den sie einmal in ihre Gewalt gebracht hatten. Entweder er wurde zum Wirt gemacht oder getötet. Allerdings... Ihr kam ein schrecklicher Gedanke: Was, wenn die Frau, von der er sprach, selbst einen Parasiten in sich trug? Vielleicht gab es schon hunderte solcher inaktiven Wirte unter den Menschen, die nur darauf warteten, den Befehl zur Vernichtung der Menschheit zu bekommen? Keine besonders erfreuliche Vorstellung. Und wenn andere Aliens damit zu tun hätten? Asgaard vielleicht? Nein, die würden nicht einfach so Menschen entführen und nicht wiederbringen oder ihnen etwas antun. Zwar hatte Thor zugegeben, dass sie in der Vergangenheit durchaus Menschen in ihre Schiffe geholt hatten, um sie zu untersuchen, aber niemals war jemand dabei zu Schaden gekommen. Zumindest behauptete der Asgaard das. Die Nox? Unmöglich. Tholaner? Kaum. Die waren zu arrogant um zu glauben, dass sie von anderen Wesen etwas lernen konnten. Das wäre ein typischer Colonel- Spruch...
Sam schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, Mutmaßungen über Aliens anzustellen, über die sie nicht das geringste wusste, also entschloss sie sich, weiterzufragen: „Und Sie sind sicher, dass es Außerirdische waren?“ Der Mann sah sie an. „Wenn Sie mich für verrückt halten wollen, stellen Sie sich hinten an. Ich weiß, dass es welche waren.“
„Schon gut. Ich muss einfach mehr Informationen haben, damit ich beurteilen kann, ob ich Ihnen glaube. Sie sagten, Außerirdische haben Ihre Freundin entführt?“
„Allerdings.“ Das Gesicht des Mannes wurde wenn möglich noch trauriger. „Sie war die einzige, der ich vertrauen konnte, und darum haben sie sie mir weggenommen. Aber wenigstens habe ich sie zurückbekommen. Trotzdem wünschte ich, es sei niemals passiert, obwohl es meine Theorie bestätigt hat.“
Er wandte sich ab, und Sam wusste, dass sie nicht weiterfragen durfte. Also wechselte sie das Thema: „Und weil Sie glauben, dass wir hier Außerirdische haben, sind Sie hergekommen?“
„Ich hatte gehofft, vielleicht meine Schwester wiederzufinden.“
„In einer Regierungseinrichtung?“
„Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, was man noch so alles in Regierungseinrichtungen finden kann und wo unsere saubere Regierung überall ihre Finger im Spiel hat. Aber ich nehme an, das wissen Sie bereits.“
Carter lachte freudlos. „Glauben Sie etwa, ich wüsste alles, nur weil ich hier arbeite? Sie irren sich, wenn Sie denken, dass man uns mehr als unbedingt notwendig erzählt.“
„Scheint mir, als sei das eine Spezialität der Regierung.“
Bevor sie etwas antworten konnte, kam der Colonel in die Zelle gestürmt. Erst war er ein wenig erstaunt, dass Carter neben Mulder auf dem Bett saß, doch dann fasste er sich und sagte: „Carter, der General will uns sehen. Ich vermute, es geht um die Berichte von unserer letzten Außenmission.“, fügte er mit einem Blick auf Mulder hinzu. Carter seufzte und stand auf. Anscheinend hatte General Hammond die Berichte nicht zufriedenstellend gefunden, und das bedeutete für sie eine weitere lange Nacht mit dem Colonel, da sie die Hälfte seiner Berichte für ihn geschrieben hatte und ihn natürlich jetzt nicht damit im Stich lassen konnte. Sie würden also durcharbeiten müssen, während sich Daniel – dessen Berichte mit Sicherheit wie immer mustergültig waren – allein mit Teal’C den neuesten Dracula- Film im Kino ansah.
„Ich komme, Sir.“ Sie wandte sich noch einmal an Mulder: „Tut mir leid, dass Sie umsonst hergekommen sind. Ich versichere Ihnen, dass Ihre Schwester nie hiergewesen ist. Trotzdem wünsche ich Ihnen wirklich, dass Sie sie irgendwann finden. Und vielleicht haben wir ja noch einmal die Gelegenheit, uns zu unterhalten. Würde mich freuen.“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu und verschwand. O’Neill blieb noch einen Moment stehen und musterte Mulder. Dieser schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was Sie denken und warum Sie sie nicht zu mir lassen wollten, aber ich habe ihr nichts erzählt. Sie sind ein Mistkerl, und Sie haben mich hier eingesperrt, aber sie verdient es nicht, es auf diese Weise zu erfahren. Ich bin noch immer der Ansicht, dass Sie es ihr selbst sagen sollten. Bevor es jemand anderer tut.“
O’Neill knurrte etwas Unverständliches und ging, die Zellentür hinter sich zuschlagend. Er glaubte dem Gefangenen, aber das machte es nur noch schlimmer. Es war schon unangenehm, jemanden einsperren zu müssen, den man sympathisch fand, aber noch schlimmer wurde es in seinen Augen dadurch, dass der Mann tatsächlich Ehrgefühl bewies.

**********
*
Scully winkte Byers noch einmal zu und verschwand dann in der Bar. Er hatte darauf bestanden, sie zu fahren, da sie, wenn alles wie geplant klappte, nicht mit ihrem eigenen Wagen zurückfahren würde. Byers hatte einen Mann namens Daniel Jackson ausfindig gemacht, der in der geheimen Basis im Cheyenne Mountain arbeitete und gleichzeitig Zivilist war. Es sollte daher leichter sein, mit ihm hineinzukommen als mit einem von den Militärangehörigen. Scully strich sich noch ein letztes Mal das Haar zurecht und sah sich dann im leicht dämmrigen Raum um. Einige Tische waren besetzt, aber die kleine Bar war nicht überfüllt. Sie war nervös. Alles, was du tun musst, ist diesen Mann zu finden, dafür zu sorgen, dass er sich für dich interessiert und mit ihm zum Stützpunkt zu fahren. Dort wirst du Mulder finden und ihr werdet wieder verschwinden. Die können nicht zwei Regierungsangestellte auf einmal liquidieren, also sollte Mulder sicher sein, wenn du da bist. Und die Gunmen wissen schließlich auch über alles Bescheid. An sich klang der Plan ganz einfach, aber Scully konnte sich nicht beruhigen. Es behagte ihr nicht, einfach einen fremden Mann in einer Bar anzusprechen, und sie war sich ganz und gar nicht sicher, ob sie es überhaupt schaffen würde, ihn so weit zu ermuntern, dass er den Versuch machte, sie mitzunehmen. So etwas war noch nie ihre Art gewesen, und dass sie es für Mulder tat, machte die Sache auch nicht besser. Schließlich war Mulder der einzige, bei dem sie das Bedürfnis zu flirten verspürte, und auch das konnte sie erst wirklich tun, seit sie ein Paar waren. Energisch schob sie die Gedanken an ihn beiseite und versuchte, unauffällig den Mann ausfindig zu machen, den sie ansprechen musste.
Er saß in einer Ecke der Bar, hatte ein Glas Saft vor sich und starrte ins Leere. Zu Scullys Erleichterung sah er schon auf den ersten Blick sympathisch aus, und dass er keinen Alkohol trank, verstärkte diesen Eindruck noch.
„Entschuldigung, ist der Platz noch frei?“, erkundigte sich eine weibliche Stimme, und Daniel Jackson sah erstaunt auf. Er war es nicht gewöhnt, dass ihn Frauen in der Bar ansprachen, und noch dazu solche wie diese. Sie war rothaarig – was ihm seit Hathor eigentlich einen Schauer über den Rücken jagte –, nicht sehr groß und trug ein blaues Kleid, dessen Rock bis zum Knie reichte. Daniel fand, dass sie aussah, als habe sie Klasse, und er fragte sich, was sie ausgerechnet von ihm wollen konnte. Normalerweise war es Jack, auf den die Frauen flogen, auch wenn dieser eigentlich nichts tat, um sie zu ermuntern. Aber heute war Jack nicht da; er musste zusammen mit Sam einige Berichte überarbeiten, und Daniel langweilte sich ohne seine Freunde. So kam ihm die Abwechslung gerade recht, und er erhob sich, um der Frau den Stuhl zurechtzurücken. Sie setzte sich mit einem dankbaren Lächeln.
„Vielen Dank; wissen Sie, ich habe eben erfahren, dass mein Geschäftspartner mich versetzt, und ich wollte mich nicht allein hinsetzen, denn die Kerle da hinten sind mir ganz und gar nicht geheuer.“ Sie deutete in Richtung Theke, wo einige stabil gebaute Männer in Lederjacken saßen, und Daniel nickte verständnisvoll. „Verstehe. Auf mich wirken die auch nicht gerade vertrauenerweckend.“
„Ich verspreche Ihnen auch, sofort zu gehen, wenn Ihre Verabredung kommt.“
Das klingt so klischeehaft; ich könnte mich dafür selber ohrfeigen. Mulder, dafür zahlst du!
„Ich habe gar keine Verabredung. Eigentlich wollte ich mit einigen Freunden herkommen, aber zwei von ihnen müssen noch arbeiten, und der dritte hat Zahnschmerzen.“
Daniel musste bei dem Gedanken an Teal’C, der zum ersten Mal in seinem Leben Zahnschmerzen hatte, ein wenig lächeln, auch wenn ihm sein Freund natürlich leid tat. Aber das Gesicht des Jaffa, als Janet ihm erklärt hatte, dass auch Junior diese „Krankheit“ nicht würde heilen können und er wohl oder über einen Zahnarzt aufsuchen musste, war einfach unbezahlbar gewesen. Er hatte versprochen, es sich zu überlegen und gleich am nächsten Morgen zum Zahnarzt zu gehen, aber ins Kino hatte er nicht mehr gehen wollen, da er, wie er sagte, die Nacht besser mit Meditation verbringen wollte, um sich vorzubereiten.
Daniel hatte sich vorgenommen, dieses Mal nicht allein zu Hause herumzusitzen, nachdem ihn alle versetzt hatten – Janet war bei Teal’C geblieben, um die Basis vor größeren Schäden zu bewahren, da niemand sagen konnte, wie ein Jaffa auf Zahnschmerzen reagieren mochte – und sich auf einen langweiligen Abend in ihrer Stammbar eingestellt. Und plötzlich begann der Abend, mit jeder Minute besser zu werden. Nicht nur hatte die außergewöhnlich schöne Frau, die sich ohne weiteren Grund zu ihm gesetzt hatte, kein Date, nein, sie interessierte sich auch noch für Anthropologie und Archäologie und schien auf beiden Gebieten einiges Wissen zu besitzen, sodass Daniel nicht ausschließlich selbst reden musste, um eine intelligente Konversation zu garantieren. Er ließ der Schönheit zwischendurch immer wieder die Möglichkeit, ihre eigenen Ansichten und Erfahrungen mitzuteilen, und wenn er selbst redete, hing sie förmlich an seinen Lippen. Nach einer Weile – Daniel hatte gerade etwas über ein besonders interessantes Artefakt erzählt, das sie auf P3X1013 gefunden hatten – stellte seine neue Bekannte eine Frage: „Könnten Sie mir das Artefakt vielleicht einmal zeigen?“
Sie klang unschuldig, nicht wie jemand, der irgend etwas vorhaben könnte, und in seiner arglosen Art sah der Archäologe auch nichts Schlimmes in ihrer Bitte.
„Ich würde es Ihnen wirklich gern zeigen, aber... Nun ja, es befindet sich auf einem militärischen Stützpunkt, und ich darf es nicht entfernen.“
Ihre Neugier schien wenn möglich noch größer zu werden.
„Was macht ein wissenschaftlicher Fund von derartiger Bedeutung beim Militär?“, wollte sie wissen, und Jackson beeilte sich, ihr eine Antwort zu geben, bevor sie auf die Idee kam, selbst Vermutungen anzustellen, die möglicherweise gefährlich nah an die Wahrheit heranreichen würden.
„Nun ja, es wurde auf militärischem Gelände gefunden, und darum wollen die es nicht hergeben. Zumindest jetzt noch nicht. Es bedarf einer Menge Überredungskunst, um solche Dinge zu erreichen, aber im Laufe der Zeit kriegen wir es sicher da raus. Immerhin kann ich rein, um es zu untersuchen.“
„Schade. Ich hätte es mir zu gern selber angesehen; Sie haben so viel darüber erzählt, dass ich es mir richtig vorstellen kann. Na ja, aber wenn das Militär die Finger im Spiel hat, kann man nichts machen.“
„Vielleicht doch.“ Daniel hatte eine kühne Idee. Wenn das Artefakt nicht aus dem Berg herauskonnte, musste eben sie...
„Ich denke, ich könnte Sie mitnehmen, vorausgesetzt, Sie interessieren sich wirklich dafür.“
Sie sah ihn überrascht an. „Natürlich tue ich das. Aber... geht das denn so einfach?“
„Sicher. Solange Sie mit mir zusammen sind, werden die schon keine Probleme machen. Es sind schon öfter Experten hinzugezogen worden.“
Das strahlende Lächeln der Frau belohnte ihn. „Wirklich? Dann können wir ja gleich losfahren.“
„In Ordnung.“ Daniel stand auf, um zu zahlen; seine Begleiterin bestand zu seiner Enttäuschung darauf, ihren Tee selbst zu bezahlen, aber da sie mit ihm gehen würde, konnte das seine Stimmung nicht trüben. Er dachte an seine Frau, die er so lange gesucht und nun endgültig verloren hatte und spürte, dass sie ihm verzeihen würde, wenn er sich ein wenig in die Unbekannte verliebte. Schließlich war sie intelligent und freundlich; es war ja nicht so, als wäre er auf ihr Aussehen hereingefallen... Nun ja, jedenfalls nicht ausschließlich.
Dana – so hatte sie sich ihm im Laufe des Gesprächs vorgestellt, das, wie er erst jetzt nach einem Blick auf die Uhr in seinem Wagen feststellte, über drei Stunden gedauert hatte – schwieg auf dem Weg zur Basis die meiste Zeit, als könne sie nicht glauben, dass sie gleich ein Artefakt von so großer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit sehen würde.
In Wahrheit musste sich Scully zurückhalten, nicht triumphierend zu lächeln. Es war das erste Mal, dass sie einen Mann in einer Bar angesprochen hatte, und sie war ganz gut gewesen, wie sie fand. Mulder würde überrascht sein, denn er hatte immer durchblicken lassen, dass er ihre Fähigkeiten in allen Gebieten sehr hoch einschätzte, aber das Aufreißen von Männern zählte in seinen Augen absolut nicht dazu. Wahrscheinlich würde er sie die nächsten zehn Jahre damit aufziehen, dachte sie, aber wenigstens würde sie dafür sorgen, dass er lange genug lebte, um das zu tun. Sie lehnte den Kopf an die Wagentür und sah unauffällig ihren Begleiter an. Er wirkte so jung und ehrlich, absolut arglos. Und doch arbeitete er in einer Militärbasis, die eines der bestgehüteten Geheimnisse der Vereinigten Staaten beherbergen musste. Fast tat er ihr leid, denn sie war sich darüber im Klaren, dass sie den armen Jungen – anders konnte sie ihn nicht bezeichnen – ausnutzte, vielleicht sogar mit seinen Gefühlen spielte. Scully war nicht blind (zumindest wenn es nicht um Mulder ging), und sie hatte die Blicke bemerkt, die er ihr zuwarf wenn er glaubte, sie sehe nicht hin. Es ging ihr gegen den Strich, ihm wehtun zu müssen, aber es gab nun einmal keine andere Möglichkeit. Wahrscheinlich wäre es ihr wesentlich leichter gefallen, wenn er ein Ekel gewesen wäre und versucht hätte, sie abzuschleppen. Das jedoch lag diesem Daniel Jackson fern; sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er ihr wirklich nur ein Artefakt zeigen wollte, um ihr eine Freude zu machen in der Hoffnung, dass sich aus ihrer ersten Begegnung mehr entwickelte.
Tut mir ehrlich leid, aber wenn es hier nicht um Mulder ginge, würde ich das niemals tun. Sie wusste, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals die Gelegenheit bekommen würde, ihm diese Worte wirklich zu sagen, aber sie nahm sowieso nicht an, dass er ihr geglaubt hätte.
„Hey, aufwachen, wir sind da.“
Jacksons sanfte Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie sah sich blinzelnd um. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie schon ganz nah an dem bewachten Tor waren, das noch vor wenigen Stunden als unüberwindbares Hindernis zwischen ihr und Mulder gestanden hatte. Scully hielt den Atem an. Nun kam es darauf an, wie hoch die Sicherheitsstufe ihres Begleiters war und ob der Wachposten es zulassen würde, dass eine Fremde den Berg betrat.
„Guten Abend, Doktor Jackson.“ Der Posten salutierte, obwohl Jackson keinen militärischen Rang innehatte. Scully nahm das als ein gutes Zeichen, denn sie wusste, wie eigen Angehörige des Militärs gegenüber Zivilisten waren. Zwischen diesen Gruppen herrschte oft eine unüberbrückbare Arroganz.
„Guten Abend, Lieutenant Walters.“ Daniel bemerkte den fragenden Blick des Mannes und deutete auf Scully: „Sie ist eine Freundin von mir, eine bekannte Archäologin, und ich habe sie gebeten, einen Blick auf die Fundstücke zu werfen, mit denen wir uns gerade befassen.“
Der Posten nickte; es war nichts Neues für ihn, dass Daniel Jackson die verschiedensten Experten hinzuzog, wenn es um die Entschlüsselung neuer Artefakte ging, und da die neuesten Mitbringsel noch nicht freigegeben waren, den Berg zu verlassen, war es nachvollziehbar, dass der Archäologe sich seine Hilfe hierher holte. Wenn es ihn gewundert haben sollte, dass Jackson die Frau so spät am Abend mitbrachte, so sagte er sich, dass sie auf diese Weise wahrscheinlich weniger von den streng geheimen Vorgängen auf dem Stützpunkt mitbekommen würde. Dafür sprach auch, dass in den nächsten Stunden weder Teams zurückerwartet wurden noch Missionen beginnen sollten. Es versprach eine ruhige Nacht zu werden, die sich hervorragend dazu eignete, Fremde herzubringen, wenn es schon nicht zu vermeiden war. So nickte er nur kurz auf Jacksons Erklärung und winkte den Wagen dann durch.
Erst als sie den Posten passiert hatten und außer Sichtweite waren, stieß Scully den Atem wieder aus, den sie angehalten hatte. Daniel sah sie von der Seite an.
„Ich dachte wirklich, er würde mich nicht durchlassen.“, erklärte sie, und der Archäologe nickte. „Wäre es Simmons gewesen, hätten wir Schwierigkeiten bekommen können, denn der will auf gar keinen Fall den geringsten Fehler machen. Er fürchtet schlechte Publicity bei Colonel O’Neill. Kein Wunder, wenn er versucht, an Sam heranzukommen...“ Er brach ab, als er Scullys verständnislosen Blick bemerkte. „Samantha Carter.“ erklärte er. „Simmons hat ein Auge auf sie geworfen, nur ist sie leider absolut tabu für jeden hier auf dem Stützpunkt, da auch O’Neill sie mag, und der ist so etwas wie das heimliche Idol aller. Sich an Sam heranzumachen würde bedeuten, so ziemlich alle ungeschriebenen Gesetze zu brechen, die wir hier haben. Aber was rede ich; das alles interessiert Sie wahrscheinlich gar nicht.“ Er parkte den Wagen in einem parkhausähnlichen Gewölbe, und sie stiegen aus.
„Am besten, wir gehen in mein Büro. Dort habe ich die gesamten Artefakte, die bei dieser Untersuchung gefunden wurden, und Sie können jedes davon sehen, wenn Sie wollen.“
Scully rechnete sich aus, dass sie im Büro des Archäologen um diese Zeit wahrscheinlich allein sein würden, was es ihr leichter machen dürfte, ihn loszuwerden und sich auf die Suche nach Mulder zu begeben, also nickte sie zustimmend und folgte ihm in den Lift, nicht ahnend, dass sie mit demselben Aufzug fuhr, in dem sich vor wenigen Tagen Mulders Glück auf radikale Weise gegen ihn gewendet hatte.
Der Korridor, in dem die Büros der Wissenschaftler lagen, war, wie um diese Zeit nicht anders zu erwarten, ausgestorben. Nur ein einziger Fähnrich begegnete ihnen, und der war auf dem Weg zu seinem Quartier, um sich schlafen zu legen und bemerkte nicht einmal, dass Doktor Jackson eine Fremde bei sich hatte. Außerdem war das nichts Erstaunliches bei ihm, denn wenn sich zufällig ein Außerirdischer auf den Stützpunkt verirrte, konnte man davon ausgehen, dass Jackson ihn unter seine Fittiche nahm, und wenn man es gewöhnt war, ihn mit seltsam aussehenden Wesen mit blauer Haut oder Indianern und Tieren reden zu sehen, dann fiel eine attraktive junge Frau ganz sicher nicht auf.
Das Büro war dunkel, und auch nachdem Daniel Licht gemacht hatte, lagen ein paar Winkel noch immer im Schatten. Alle verfügbaren Flächen waren mit Artefakten und Notizen bedeckt, und die Wände waren unter einer Last von Zetteln kaum mehr zu erkennen. Das geordnete Chaos des Wissenschaftlers erinnerte Scully auf rührende Weise an Mulder, und sie bekam ein schlechtes Gewissen, als sie von hinten an Jackson heranschlich, der gerade an seinen Schreibtisch getreten war, um ihr die Gegenstände zu zeigen, wegen denen sie hergekommen waren, und ihn mit einem schnellen Hieb auf den Hinterkopf zu Boden schickte. Dann sah sie sich rasch im Büro nach etwas um, mit dem sie ihn fesseln konnte, und nachdem er gut verschnürt und geknebelt war, verstaute sie den inzwischen wieder Erwachten in einem der Schränke, den sie zu diesem Zweck erst leerräumen musste. Glücklicherweise fielen die aussortierten Gegenstände in dem allgemeinen Durcheinander gar nicht auf, und Scully rechnete nicht damit, dass jemand den Unterschied bemerken würde. Mit einer letzten gemurmelten Entschuldigung schloss sie die Schranktür und verließ das Büro, nachdem sie sich durch einen vorsichtigen Blick auf den Flur versichert hatte, dass dieser leer war.
Kapitel 3 by Sonja K
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„Endlich. Das war der letzte.“ Sam Carter klappte aufatmend den Ordner zu, in den sie bis eben noch Verbesserungsvorschläge gekritzelt hatte. O’Neill sah von seinem eigenen Ordner auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Wirklich?“, erkundigte er sich mit sichtlicher Erleichterung. Er hatte die letzten Stunden damit verbracht, in den vom General beanstandeten Berichten die Verbesserungen vorzunehmen, die Carter ihm vorgeschlagen hatte. Er war ihr dankbar für die Hilfe, auch wenn er ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie sich für ihn die Nacht um die Ohren schlug, anstatt mit Daniel im Kino zu sitzen, und nahm sich vor, sie dafür in nächster Zeit zu entschädigen.
„Gott sei Dank; ich dachte allmählich, das hört nie mehr auf.“
Sie lächelte, ein Schleier aus Müdigkeit über ihren sonst so klaren blauen Augen. „Ich bin fertig. Das heißt für Sie, noch mindestens einen Bericht zu verbessern.“
„Aber nicht mehr heute. Ich bin erledigt. Das bisschen Arbeit schaffe ich auch noch morgen, besonders, nachdem Sie mir souffliert haben. Dafür haben Sie noch was gut.“
„Ich werd Sie bei Gelegenheit daran erinnern.“ Sie stand auf und gähnte. „Sie haben recht, heute Nacht wird das nichts mehr. Gehen wir schlafen.“
Auch der Colonel stand auf, und gemeinsam verließen sie sein Büro, ohne sich um den Stapel leerer Keksschachteln zu kümmern, der zwischen den erledigten Berichten auf dem Schreibtisch thronte. Das hatte Zeit bis morgen. Jetzt, um ein Uhr in der Nacht, war es nur noch Zeit, ins Bett zu gehen.
Außer ihnen beiden war niemand auf dem Korridor zu sehen. Wer sollte auch mitten in der Nacht etwas bei den Büros zu suchen haben? O’Neill konnte sich niemanden vorstellen, der außer ihm um diese Zeit Berichte schrieb. Deshalb stutzte er auch, als er weiter vorn im Gang eine Gestalt um die Ecke verschwinden sah. Zwar bewegte sie sich nicht etwa auffällig, aber um diese Uhrzeit war es schon verdächtig, sich nur auf diesem Korridor aufzuhalten. Ein kurzer Blick zu Carter verriet O’Neill, dass sie die Person auch bemerkt hatte und ebenso überrascht war wie er. Sie deutete mit einer stummen Handbewegung an, leise zu sein, und ohne ein Wort zu wechseln bewegten sich die beiden Offiziere zum Ende des Ganges, wo die Gestalt verschwunden war. Carter vergewisserte sich, dass O’Neill sich direkt hinter ihr befand, und trat dann mit einem schnellen Schritt auf den angrenzenden Gang. Nichts. Der Korridor war verlassen. Carter spürte die Hand des Colonels auf ihrem Arm und sah ihn an. Er deutete auf eine halb offene Fahrstuhltür, und nachdem sie sich mit einem Blick verständigt hatten, betraten sie beide gleichzeitig den Lift, wo ihnen eine beiden Offizieren vollkommen unbekannte Frau entgegensah. Sie schien nicht minder überrascht zu sein als Carter und O’Neill, dessen Misstrauen sofort erwachte, hatte er doch erst vor wenigen Tagen eine sehr ähnliche Szene erlebt.
„Darf ich fragen, was Sie hier machen?“, fragte er ruhig, aber sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er keine Lüge akzeptieren würde.
Scully wusste, dass es keinen Zweck hatte, sich etwas auszudenken, denn sie hatte keine Geschichte für den Fall, dass man sie erwischen würde. Dazu war die Zeit zu knapp gewesen, und so war sie in der Hoffnung hergekommen, dass sie entweder Mulder finden oder immerhin durch ihre Anwesenheit und die Drohung, durch die Gunmen an die Öffentlichkeit zu gehen, sein Leben würde schützen können. Also erwiderte sie den direkten Blick des Colonels – mit militärischen Rängen hatte sie Erfahrung, und deshalb wusste sie auch gleich, an wen von den beiden sie sich wenden musste – und erwiderte: „Ich bin Special Agent des FBI, und ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.“ Es war klar, dass eine Basis von dieser Größe nicht von einem Colonel geleitet werden konnte, also musste es hier mindestens einen General geben, und mit dem gedachte sie sich zu unterhalten.
„Ich fürchte, da müssen Sie bis morgen warten.“, entgegnete der Colonel, mühsam ein Lachen unterdrückend. „Der General schläft um diese Zeit. Wie sind Sie überhaupt hier reingekommen?“
„Sir,“ unterbrach ihn die blonde Frau, den Rangabzeichen nach Major, „sollten Sie sich nicht zuerst ihren Ausweis ansehen? Wenn sie wirklich vom FBI ist, dürfte das den General interessieren, und...“
„Sie haben recht, Carter. Also, können Sie sich ausweisen?“
Scully zog wortlos und langsam ihren Ausweis aus der Tasche, damit der Colonel einen Blick darauf werfen konnte. Er nickte. „Okay, Dr. Scully...“
„Agent Scully.“, verbesserte sie ihn. „Ich bin zwar Ärztin, arbeite aber vorrangig als Special Agent.“
O’Neill verdrehte die Augen. Diese Antwort erinnerte ihn an etwas, woran er lieber nicht denken wollte. Seine erste Begegnung mit Carter war ähnlich verlaufen, und noch heute schauderte er beim Gedanken an das alberne Kräftemessen, das er damals angefangen hatte.
„In Ordnung, Agent Scully. Wie sind Sie hier reingekommen?“
„Ich habe einen Ihrer Mitarbeiter überredet, mich mitzunehmen. Da fällt mir ein... Man sollte den Mann befreien. Mir blieb leider nichts anderes übrig, als ihn im Schrank einzusperren.“
„Welcher Idiot war so dämlich...“ O’Neill unterbrach sich. „Nein, sagen Sie es nicht, lassen Sie mich raten. Daniel, richtig?“
„Wenn Sie Daniel Jackson meinen, haben Sie recht. Er war so freundlich, mir ein sehr interessantes Artefakt zu zeigen.“
„Hätte ich mir auch denken können. Carter, holen Sie ihn da raus.“
„Sind Sie sicher, Sir?“
Er sah sie scharf an. „Natürlich bin ich sicher. Glauben Sie, dass ich nicht mit einer FBI- Agentin fertig werde? Nun gehen Sie schon, oder wollen Sie Daniel noch länger in dem verdammten Schrank schmoren lassen? Und wenn Sie schon mal unterwegs sind, wecken Sie doch auch gleich General Hammond. Ich glaube allmählich, dass ihn die Sache interessieren wird.“
„Ja, Sir.“ Carter eilte davon, und Scully musterte ihren Wärter, der der blonden Frau kurz hinterhersah, bevor er seine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Sie hätte versuchen können, ihn zu überwältigen, und möglicherweise hätte sie sogar eine Chance gehabt, wenn sie das Überraschungsmoment ausgenutzt und ihre Karatekünste angewendet hätte, aber sie sah keine Notwendigkeit, ihr Leben und das ihres Partners auf diese Weise zu gefährden. Vermutlich würde man auf sie schießen, und es wäre dumm gewesen, das zu riskieren, nachdem sie bereits erreicht hatte, was sie wollte: Man würde sie mit dem General sprechen lassen, und das war ihre beste Chance, Mulder hier herauszuholen.
O’Neill führte sie aus dem Aufzug heraus und in ein großes Büro, das ganz offensichtlich seinem Vorgesetzten gehörte. Er deutete auf einen Stuhl, und sie setzte sich, um ihn nicht misstrauisch zu machen. Das letzte, was jetzt passieren durfte war, dass sie den Colonel verärgerte. Er war ihr Schlüssel zum General, und dieser wiederum war ihre Chance, Mulder zu retten. So lief das eben beim Militär. Scully wusste, dass sie ihre Karten geschickt würde ausspielen müssen, damit es nicht aussah, als versuche sie, den General zu erpressen. Es musste wie ein fairer Handel rüberkommen, damit er sein Gesicht vor seinen Leuten wahren konnte. Andernfalls hätte er keine Möglichkeit, als sich zu weigern, wenn er weiterhin von seinen Untergebenen akzeptiert werden wollte.
Scullys Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Tür aufging und ein Mann hereinkam, gefolgt von Daniel Jackson und Major Carter. Der Colonel nahm Haltung an.
„General Hammond, Sir. Wir haben ein Problem. Ein weiterer Eindringling wurde auf dem Stützpunkt aufgegriffen, und diesmal ist es jemand vom FBI.“
Diesmal? Was hat Mulder denen erzählt, wer er ist? Scully starrte angestrengt in Richtung der noch im Schatten stehenden Gestalt des Generals. Sie musste sein Gesicht sehen, um ihn einschätzen zu können. Jetzt kam es drauf an.
„Stimmt das?“, erkundigte sich der Mann im Schatten und trat in das erleuchtete Büro. Scully warf nur einen Blick auf ihn und schnappte nach Luft. Das... das konnte nicht...
Scheinbar dachte der General das gleiche, denn er stand wie erstarrt im Eingang, unfähig, sich zu rühren. Es dauerte eine lange Zeit, bis er einen Laut herausbrachte.
„Starbuck.“, flüsterte er dann tonlos, bevor er zusammensackte.
O’Neill hörte Hammond ein Wort sagen, das wie „Starbuck“ klang, bevor er zusammenbrach. Sofort waren er und Carter beim General und halfen ihm auf, um ihn zu einem Stuhl zu führen, auf den er sich schwer fallen ließ. Er war totenblass geworden, und O’Neill wurde klar, dass er seinen Vorgesetzten noch nie so verstört gesehen hatte. In dem Moment, als der General zusammengebrochen war, hatte niemand mehr auf die Gefangene geachtet, die jetzt mit einem erstickten Aufschrei aus dem Raum lief. „Jack!“, hörte O’Neill Daniels warnende Stimme, und er griff automatisch nach seiner Waffe, um die Flüchtende aufzuhalten, aber der General winkte ab. „Lassen Sie sie gehen.“, forderte er mit schwacher Stimme. „Sie wird nicht weglaufen; aber sie braucht einen Moment für sich allein.“
„Woher... Woher kennen Sie diese Frau, Sir?“, sprach Carter die Frage aus, die alle drei Anwesenden gleichermaßen bewegte.
„Das ist eine lange Geschichte. Ich hatte gehofft, sie niemals erzählen zu müssen.“
„Es sieht so aus, als sei es jetzt soweit.“, mischte sich O’Neill ein. „Bei allem nötigen Respekt, Sir, aber diese Agentin, ob vom FBI oder sonstwoher, läuft jetzt unbeaufsichtigt auf dem Stützpunkt herum. Denken Sie nicht, dass wir da ein Recht haben zu erfahren, wer sie ist?“
Hammond nickte nur. „Setzen Sie sich.“, forderte er die drei Mitglieder von SG-1 auf, und diese gehorchten, ohne jedoch ihre Augen von ihm zu lösen.
„Der Colonel hat recht.“, begann Hammond. „Jetzt, da sie hier ist, kann ich es nicht länger verschweigen. Agent Dana Scully ist meine Tochter.“
„Was?“ O’Neill konnte es nicht fassen. „Sie haben eine Tochter? Ich dachte immer, Sie hätten einen Sohn.“
„Das habe ich auch. Um genau zu sein habe ich zwei Söhne und zwei Töchter, und ich bin verheiratet. Als man mir jedoch das Kommando über diese Basis übertrug war es klar, dass ich meiner Familie nichts davon sagen durfte. Das geht Ihnen allen so.“ Einstimmiges Nicken in der Runde.
„Meine Familie stand mir sehr nahe, und mir war klar, dass ich dies alles nicht lange vor ihnen würde verheimlichen können. Unglücklicherweise war das auch meinen Vorgesetzten bewusst, und so forderte man mich auf, meine Familie zu verlassen. Das hätte ich nicht tun können. Niemals hätte ich mich freiwillig von Maggie und den Kindern getrennt, also versuchte ich, das Schlimmste zu verhindern und mein Doppelleben geheimzuhalten. Meine Frau hat gespürt, dass etwas nicht stimmte, aber sie hat nie gefragt, denn sie wusste, ich würde nichts sagen dürfen und wollte mich nicht zwingen, sie zu belügen. So ging es noch eine Weile gut, aber dann fanden sie heraus, dass meine jüngste Tochter für das FBI arbeitete und somit eine große Gefahr darstellte. Sie war erst kurz zuvor in den aktiven Außendienst versetzt worden, und man fürchtete, dass sie bei ihrer Arbeit an einem Projekt mit Namen X-Akten zufällig auf etwas stoßen könnte, das sie auf die Spur unserer Arbeit führte. Man drohte mir, sie alle zu liquidieren, da ich inzwischen zu wichtig für das Programm geworden war, um von ihnen entbehrt zu werden. Und weil ich meine Familie schützen wollte, habe ich beschlossen, statt ihrer selbst zu sterben. Man gab mir ein Medikament, das einen Herzinfarkt vortäuschte, und so starb ich eines Nachts, nachdem Maggie und ich Dana besucht hatten. Ich hatte keine Ahnung, dass es an jenem Tag geschehen würde, sonst hätte ich mich anders verabschiedet. Da ich Angehöriger der Navy war, war es ein leichtes dafür zu sorgen, dass meine Leiche eine Seebestattung erfuhr, was eine nachträgliche Autopsie unmöglich machte. Seitdem bin ich hier unter dem Namen, den man mir gleich zu Beginn der Tarnung halber gab, und habe meine Familie nie wiedergesehen. Ich kann nur hoffen, dass sie mir das Leid verzeihen, das ich ihnen zugefügt habe, um sie zu beschützen. Eines Tages stellte sich heraus, dass mein jüngerer Sohn Charles zu den Eingeweihten des Programms gehörte, und ich beschloss, ihn wiederzusehen. Er hat lange gebraucht, meine Entscheidung zu verstehen, aber inzwischen weiß er, dass ich nichts schlechtes für meine Familie wollte. Er erzählt mir von seiner Tochter, die ich vor meinem „Tod“ nie gesehen habe, und weil sie mich nicht kennt, kann ich sie manchmal treffen. Zwar bin ich nicht mehr für sie als ein Freund ihres Vaters, aber ich habe wenigstens die Möglichkeit, einen Teil meiner Familie zu um mich zu haben. Ich hatte nicht geglaubt, Dana jemals wiederzusehen. Bis jetzt.“ Hammonds Stimme brach, als er diese letzten Worte sprach, und er vergrub das Gesicht in den Händen. Carter machte den beiden anderen Männern ein Zeichen, den Raum zu verlassen und dem General einen privaten Moment zu gewähren, und sie folgten ihr ohne Einwände. Vor der Tür blieben sie stehen.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte O’Neill wissen.
„Zuerst müssen wir diese Frau finden. Sie muss zutiefst verstört sein, schließlich hat sie jahrelang geglaubt, ihr Vater sei tot.“
„In Ordnung. Carter, Sie übernehmen das. Ich denke nicht, dass sie jetzt in der Verfassung ist, Daniel gegenüberzutreten.“
Der Major nickte und eilte den Flur hinunter in die Richtung, in der die Agentin verschwunden war. Der Colonel sah ihr nach und wandte sich dann an Daniel: „Und wir beide versuchen nochmal, etwas aus dem ersten Eindringling herauszubekommen. Vielleicht ist er ja etwas gesprächiger, wenn wir ihm sagen, dass Agent Scully hier ist.“
„Woher wollen wir denn wissen, ob er sie kennt?“, erkundigte sich der Archäologe.
„Das wissen wir nicht, aber wir vermuten es stark. Zumindest tue ich das. Es wäre in meinen Augen ein seltsamer Zufall, wenn innerhalb von wenigen Tagen zwei Leute vollkommen unabhängig voneinander hier eindringen. Mein Instinkt sagt mir, dass da ein Zusammenhang besteht. Und ich bin sicher, dass unser Freund das bestätigen wird.“

Samantha Carter eilte den nur durch die Notbeleuchtung spärlich erhellten Korridor entlang, auf der Suche nach der Frau, von der sie nun wusste, dass sie die Tochter des Generals war. Ihre Gedanken rasten. Wie wäre mir zumute, wenn Mom plötzlich vor mir stünde und ich entdecken müsste, dass mein ganzes Leben eine einzige Lüge war? Würde ich sie nicht hassen müssen? Oder wäre ich froh, dass sie wieder bei mir ist? Sie wusste es nicht und musste einsehen, dass eine solche Situation für sie unvorstellbar wäre. Ist sie das nicht auch für Agent Scully?
Eine der Bürotüren stand halb offen, und Carter ging hinein, denn ihr Instinkt sagte ihr, dass sie Scully dort finden würde. Tatsächlich saß die Agentin dort in einem schwarzen Bürostuhl, die Knie angezogen und die Arme darauf verschränkt. Leise trat Carter auf sie zu und legte ihr vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, die Hand auf die Schulter. „Agent Scully?“
Diese sah auf, und Carter war überrascht, keine einzige Träne in ihren Augen zu sehen. Sie war überzeugt, dass sie, wenn sie auch nicht gerade leicht in Tränen ausbrach, in einer ähnlichen Situation nicht so ruhig geblieben wäre.
„Ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist. Meine Mutter ist gestorben, als ich zwölf Jahre alt war, und wenn sie plötzlich wieder vor mir stünde...“
„Das ist es nicht.“, unterbrach Scully sie leise. „Ich hatte die ganze Zeit geglaubt, dass er tot ist, und jetzt muss ich feststellen, dass er uns alle angelogen hat. Schlimmer noch, er hat meine Mutter betrogen, die ihn geliebt hat. Sie liebt ihn noch immer, und er hat sie einfach aufgegeben und betrogen.“
„Das glaube ich nicht. Als Sie weg waren, hat er uns die ganze Geschichte erzählt. Man hat ihn vor die Wahl gestellt, seine Familie zu verlassen oder sie in Lebensgefahr zu bringen; ihm wurde damit gedroht, Sie alle aus dem Weg zu schaffen, wenn er sich nicht von Ihrer Mutter trennt, und um sie zu schützen, hat er beschlossen, selbst zu sterben.“
„Das ändert doch nichts. Er hätte die Stellung aufgeben können.“
„Natürlich. Aber um welchen Preis? Denken Sie, die hätten ihn gehen lassen, wenn er ihnen so viel wert war, dass sie dafür eine ganze Familie beseitigt hätten? Ich kann Ihnen nicht vorschreiben, was Sie über Ihren Vater denken, aber in meinen Augen war er immer ein wunderbarer Mann, der alles getan hat, um seine Teams zu schützen, sei es vor Gefahren auf Missionen oder vor den Angriffen des Pentagon. Er hat niemals auch nur einen von uns im Stich gelassen, und ich bin mir sicher, dass er auch seine Familie nie im Stich gelassen hätte, hätte er die Wahl gehabt.“
Der Major schwieg, denn sie wusste, dass Scully jetzt wahrscheinlich nicht darüber sprechen wollte, und schon gar nicht mit einer vollkommen Fremden. So blieb sie einfach neben ihr stehen und wartete, dass die andere etwas sagen würde. Als sie das nach einigen Minuten noch immer nicht tat beschloss Carter, die Frage zu stellen, die ihr die ganze Zeit über auf der Seele brannte: „Was wollten Sie denn hier, wenn Sie nicht erwarteten, Ihren Vater zu treffen?“ Scully, der nun inzwischen so ziemlich alles egal war, sah auf und antwortete: „Ich habe meinen Partner gesucht. Agent Mulder ist vor einigen Tagen hier eingedrungen weil er hoffte, Informationen über jemanden zu finden, der ihm sehr nahe steht, und man muss ihn erwischt haben.“
Carter lächelte. Der Colonel würde staunen, wenn er erfuhr, dass sie das Rätsel gelöst hatte, das ihm bereits mehrere schlaflose Nächte beschert hatte.
„Allerdings, den haben wir hier. Vorausgesetzt, er ist ein großer, gutaussehender Mann mit braunen Augen.“
Gegen ihren Willen breitete sich ein leichtes Lächeln auf Scullys Mundwinkeln aus. „Ja, das ist er.“
„Er hat von Ihnen gesprochen. Das heißt, wenn Sie die Frau sind, die er beinahe verloren hätte.“
Ein weiterer Schatten zog über Scullys Züge; sie nickte nur, und Carter spürte, dass sie damit ein weiteres Tabuthema ansprach.
„Er muss Ihnen einiges bedeuten, wenn Sie für ihn in einen Hochsicherheitsstützpunkt eindringen.“
„Was würden Sie mit einem Mann machen, der Sie am Tag Ihres sechsmonatigen Jubiläums versetzt?“
„Ich würde ihn umbringen.“
„Sehen Sie, und dazu musste ich ihn erst mal finden.“ Da sie nicht darüber reden würde, wie sehr Ahab sie verletzt hatte und wie durcheinander sie jetzt war, musste sie ihre Mauern wieder aufbauen, und das ging am besten mit Humor, der zwar noch etwas künstlich wirkte, was sich aber in den nächsten Minuten erfahrungsgemäß bessern würde.
Carter fiel noch etwas ein: „Sagen Sie mal, hat der General Sie vorhin Starbuck genannt?“
„Warum?“ Die Mauer war schon beinahe wieder errichtet; ihr Ton hörte sich schon gewohnt kühl an.
„Weil ich diesen Namen kenne.“
„Jeder, der Moby Dick gelesen hat, kennt ihn.“
„Nein, ich meine, er kommt mir bekannt vor. Ich kenne jemanden aus dem Physikforum im Internet, der ihn verwendet. Eine Frau, die mir bei der Lösung einiger Probleme geholfen hat, für die ich allein Tage gebraucht hätte.“
„Was?“ Scully wirkte plötzlich alarmiert. „Ihr Internetname ist nicht zufällig Major Mason?“
„Doch, warum?“ Im ersten Moment wirkte Carter verdutzt, dann erhellte sich Ihr Gesicht: „Sie sind Starbuck. Darauf wäre ich im Leben nicht gekommen. Ich dachte immer, es wäre eine hauptberufliche Forscherin, keine Bundesagentin mit einem Hang zur Physik.“
„Ich habe Physik studiert, aber da ich bei meiner Arbeit mit Mulder die meisten physikalischen Gesetze glatt vergessen kann, wollte ich meine Kenntnisse etwas auffrischen. Das waren also echte Probleme? Ich war immer der Meinung, jemand stellt sie ins Forum, um die Leute zu testen.“
„Einige schon, natürlich, aber ein paar waren echt und haben mir schlaflose Nächte bereitet. Die stelle ich dann dort hinein, um sicherzugehen, dass ich nicht zu einseitig an die Sache herangehe.“
„Was war denn beispielsweise echt?“
„Na, der Molekularbaustein, der in der Schwerelosigkeit...“
In dem Moment betrat O’Neill den Raum, gefolgt von...
„Mulder!“ Scully unterbrach Carters wissenschaftliche Ausführung sehr zur Erleichterung des Colonels, der schon mit einem längeren Vortrag gerechnet hatte, und eilte auf ihren Partner zu.
„Scully! Was zum Teufel tust du hier?“ Mulder ignorierte die beiden Offiziere und nahm sie in die Arme. Sie ließ es sich einen Moment lang gefallen, dann machte sie sich jedoch abrupt los und trat einen Schritt zurück.
„Was hätte ich denn tun sollen?“, fauchte sie. „Abwarten, bis man dich vor ein Militärgericht stellt, oder schlimmeres? Ich hoffe, du hast mehr von deiner Partnerin erwartet.“
Damit wandte sie sich wieder Carter zu, und die beiden Frauen vertieften sich erneut in ihr Gespräch über physikalische Rätsel und deren Lösungen.
O’Neill wandte sich an Mulder: „Das ist sie also? Nicht gerade erfreut, Sie wiederzusehen, was?“
Mulder zuckte verständnislos die Achseln. „Ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“, entgegnete er leise.
„Ich schon.“, mischte sich Daniel ein, der hinter O’Neill den Raum betreten hatte. „Sie hat eben erst erfahren, dass ihr Vater, von dem sie glaubte, er sei tot, hier als unser General arbeitet. Das hat sie wahrscheinlich nicht so einfach weggesteckt.“ Der Colonel warf Jackson einen vernichtenden Blick zu, während Mulder blass wurde. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, dass Scully nichts von ihm wissen wollte. Er wusste, wie sehr sie ihren Vater geliebt und wie stark sie unter seinem Tod gelitten hatte, und es musste die Hölle für sie sein, zu erfahren, dass der Held ihrer Kindheit sie und ihre Familie betrogen hatte. Und ich Idiot gehe in diesen verdammten Berg, ohne ihr etwas davon zu sagen. Jetzt muss sie doch denken, dass sie auch mir nicht mehr trauen kann.
Ohne zu zögern ging er zu den beiden Frauen und schob Carter zur Seite. „Scully, wir müssen reden.“
„Ich wüsste nicht, worüber. Nachdem der General weiß, dass man sich auf mein Wort verlassen kann, wird er uns sicher gehen lassen, und damit ist die Sache erledigt.“
„Aber dazu müssen Sie erstmal mit ihm sprechen.“, warf Carter ein. „Kommen Sie, wir gehen zu ihm und klären das.“ Damit schob sie die beiden Agenten aus dem Büro und in den nächsten Aufzug. O’Neill wollte ihnen folgen, aber der Major stellte ihm unauffällig ein Bein, sodass er es nicht zur Kabine schaffte, bevor die Tür zuging und die Agenten verschwunden waren. Als er sich umdrehte, um sich ärgerlich zu erkundigen, was das nun wieder sollte, sah er nur noch Carters Rücken, und dann war sie auch schon um die Ecke gebogen. Verärgert rannte O’Neill hinterher, nur um sie an einer der Hauptkonsolen einzuholen, wo sie ihm bereits mit einen triumphierenden Lächeln entgegensah. In diesem Moment ging der Alarm los.
Begreifen mischte sich in die verständnislosen Züge des Colonels. „Sie haben den Strom abgestellt?“, herrschte er Carter an. „Was zum Teufel sollte das?“
„Die zwei müssen miteinander reden, und zwar möglichst schnell. Sonst geht womöglich ihre Beziehung kaputt. Also habe ich dafür gesorgt, dass sie die Gelegenheit dazu haben.“, verteidigte sie sich mit einem Anflug von Trotz in ihren großen blauen Augen, und einen Moment später stahl sich ein Lächeln auf O’Neills Gesicht. „Sie sind unmöglich, Carter.“, rügte er.
„Ich weiß.“, gab sie schlicht zurück. „Kommen Sie, wir sagen dem General Bescheid, dass die beiden auf dem Weg zu ihm sind und mit einiger Verspätung ankommen werden.“
Sie drehte sich um und ging voran, gefolgt von O’Neill, der sie beeindruckt anstarrte. Er hätte schwören können, dass er einen Hauch von Feuchtigkeit in ihren blauen Augen gesehen hatte.

**********

Als sich die Aufzugtür hinter ihnen geschlossen hatte, lehnte sich Scully an die Wand, möglichst weit entfernt von Mulder. Sie wollte nicht in seiner Nähe sein und war erleichtert, dass sie jetzt nur noch ein Gespräch mit dem General – sie weigerte sich, an ihn als ihren Vater zu denken – von der Freiheit trennte und sie dann nach Hause und in ihr Bett konnte, wo sie sich endlich würde gehen lassen können. In dem Moment fühlte sie einen scharfen Ruck, der sie von den Füßen schleuderte. Der Aufzug schien ein Stück in die Tiefe zu fallen, um sich anschließend wieder zu fangen. Bevor Mulder, der mühsam das Gleichgewicht bewahrt hatte, ihr aufhelfen konnte, kam sie allein wieder auf die Beine.
„Nicht schon wieder!“, knurrte der Agent, und sie sah ihn fragend an. „Der Fahrstuhl ist stecken geblieben. So fing auch alles an. Ich bin mit diesem Colonel im Lift gefahren, als der plötzlich stecken blieb. Er hat mich ausgefragt, und kaum waren wir wieder draußen, da hat Major Carter meine Geschichte aufgedeckt. Die Ironie dabei war, dass sie für die Panne überhaupt erst verantwortlich war.“
Scully nickte nur, nahm seine Worte zur Kenntnis, reagierte aber nicht.
„Scully, bitte.“ Keine Reaktion.
„Verdammt, ich weiß, dass ich dir hätte sagen sollen, wo ich hingehe, aber ich wollte einfach nicht, dass du dir Sorgen machst. Du hättest mich nicht gehen lassen, weil es Wahnsinn war, und dann hätte ich dir ins Gesicht sagen müssen, dass ich trotzdem gehen werde. Wäre das besser gewesen?“
„Ich weiß es nicht.“ Mulder atmete auf. Wenigstens redete sie mit ihm.
„Ich weiß es nicht, weil du mich nicht gefragt hast. Verdammt, ich bin kein kleines Kind mehr, das man beschützen muss. Und genau das versuchst du die ganze Zeit. Ich bin nicht aus Glas, kapierst du das, Mulder? Ich gehe nicht kaputt, wenn man mir die Wahrheit sagt! Eine barmherzige Lüge, war es das, worum es dir ging? Lügen wir sie an, damit sie nicht aus ihrem goldenen Käfig heraus muss? Genau das hat mein Vater auch getan, und ich kann dir sagen, ich habe es verdammt satt! Und wenn du nicht in diesen verfluchten Berg gegangen wärst, hätte ich nie erfahren, dass er uns alle betrogen hat und könnte ruhig weiter in der Gewissheit leben, dass er tot ist und bei uns geblieben wäre, wenn er gekonnt hätte. Ich hätte niemals aus meiner kleinen Illusion aufwachen müssen! Ahab. Wäre. Noch. Tot!!“
Scullys Stimme war immer lauter geworden, bis sie den letzten Satz herausschrie. Erschüttert sah Mulder sie an. Er hatte immer geglaubt, sie zu kennen, aber jetzt sah er eine Seite an ihr, die ihm gänzlich neu war. Er hatte sie wütend gesehen, verzweifelt und traurig, aber noch nie alles auf einmal, und die Kraft ihrer Gefühle berührte ihn bis ins Innerste. Es gab nichts, was er hätte sagen können, denn er wusste, dass er teilweise auch Schuld an ihrem momentanen Zustand hatte. Sie hatte recht: Er hatte sie beschützen wollen, hatte nicht gewollt, dass sie sich Sorgen machte, aber vor allem hatte er nicht vor der Wahl stehen wollen, ob er auf sie hörte oder nicht. Deshalb hatte er nichts gesagt und war einfach verschwunden. Um ihr nicht weh zu tun hatte er genauso gehandelt wie ihr Vater. Und das hatte sie nur noch mehr verletzt.
„Scully, du hast recht.“ Mulder trat auf sie zu und zog sie in seine Arme. Als habe der Ausbruch ihre Kräfte erschöpft, ließ sie es geschehen und fiel schwer gegen seine Brust. Mulder hielt sie und strich über ihren Rücken. „Du hast recht, ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Aber der eigentliche Grund, warum ich dir nichts gesagt habe, ist der, dass ich feige war.“ Das erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie hob den Kopf und sah ihn aus Augen an, in denen ungeweinte Tränen schimmerten.
„Ja, ich war feige. Ich wusste, wenn ich dir sage, was ich vorhabe, würdest du alles tun, um mich davon abzuhalten. Du hättest mich gebeten, nicht zu gehen, und ich hätte mich entscheiden müssen. Ich hätte wählen müssen zwischen der Chance, eine Spur zu Samantha zu finden, und dir. Darauf wäre es hinausgelaufen: Wer ist mir wichtiger, du oder sie? Und vor dieser Wahl hatte ich Angst. Ich habe befürchtet, dich zu wählen und meine Schwester zu verraten. Denn genau das wäre passiert. Wenn du mich gebeten hättest, wäre ich nicht gegangen. Um das zu verhindern, musste ich es dir verschweigen. Das war mein Grund, und nicht, dass ich geglaubt hätte, du seist schwach oder bräuchtest meinen Schutz. Ich war derjenige, der schwach war, nicht du.“
Mulder schwieg. Es gab nichts mehr zu sagen, er hatte die Karten auf den Tisch gelegt; jetzt lag es bei ihr: Würde sie ihm glauben?
Die Tränen bahnten sich nun doch einen Weg über Scullys Wangen, sie konnte nicht das geringste dagegen tun. Sie schlang ihre Arme um Mulder, erwiderte endlich seine Umarmung und vergrub ihr tränennasses Gesicht an seiner Brust.
„Hör auf, dir die Schuld zu geben.“, bat sie mit durch den Stoff seines Hemdes gedämpfter Stimme. „Es ist nicht alles deine Schuld. Es war mein Vater, der mich betrogen hat, nicht du. Langsam sollte ich ja wissen, dass du losrennst, sobald du eine Spur zu Samantha witterst.“ Sie löste sich von ihm und wischte über ihr Gesicht, um die Tränen loszuwerden, bevor sie Mulder wieder ansah. „Bitte versprich mir, dass du nie wieder allein gehst. Wir sind Partner, und ich will mit dir gehen, auch wenn ich vielleicht nicht immer mit dem Weg einverstanden bin.“
Mulder erwiderte ihren Blick ernst. „Es wird verdammt schwer werden, das durchzuhalten; du weißt, dass ich es gewöhnt bin, meine eigenen Wege zu gehen und auf mich allein gestellt zu sein. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht manchmal den Versuch machen werde, allein loszustürmen, aber wenn ich merke, dass es soweit ist, sage ich dir Bescheid. Das verspreche ich dir.“ Scully nickte. Sie wusste, dass dies mehr war, als Mulder jemals einem Menschen versprochen hatte, und ihr war auch klar, was dieses Versprechen für ihn bedeutete. Einen größeren Vertrauensbeweis konnte er nicht geben, und sie war glücklich, diejenige zu sein, die ihn bekam. Der Kummer über Ahabs Verrat blieb, aber jetzt wusste sie, dass sie nicht allein damit war, und die Last, Mulder nicht trauen zu können, war auch von ihr genommen. Sie umarmte ihn kurz, bevor sie sich auf die Zehen stellte, um ihn zu küssen.
Erleichterung durchflutete Mulder, als er die Lippen seiner Scully endlich wieder spürte. Einen Moment lang hatte er befürchtet, alles ruiniert zu haben, und er nahm sich vor, nie wieder ohne sie zu gehen, wenn es das war, was sie wollte. Er legte einen Arm um ihre Taille und vergrub die andere Hand in ihrem Haar, um sie so dicht wie möglich an sich ziehen zu können. Die ganze Welt schien ihm plötzlich unwichtig und weit weg, wie immer, wenn er Scully in den Armen hielt.
Erst eine verzerrte Stimme aus der Gegensprechanlage holte das Paar wieder in die Realität zurück. „Alles okay bei Ihnen da drin?“, erkundigte sich Carter, wobei sie O’Neill einen vernichtenden Blick zuwarf, da dieser sich ein ziemlich anzügliches Wackeln mit den Brauen nicht verkneifen konnte und sie damit beinahe zum Lachen gebracht hätte.
„Ja, wir sind in Ordnung. Trotzdem wäre es nett, wenn Sie uns endlich hier rausholen.“, kam Scullys Antwort ein wenig atemlos. Carters Blick wurde regelrecht triumphierend. „Wir sind gleich soweit. Es gab einen kleinen Ausfall der Generatoren, die die Aufzüge versorgen. Keine Ahnung, was mit den Dingern los ist.“
O’Neill hob eine Braue, und Carter zuckte entschuldigend die Achseln. „Was hätte ich denn sonst sagen sollen?“, fragte sie mit Unschuldsmiene, nachdem sie die Leitung unterbrochen hatte. „Tut mir leid, Leute, aber ich wollte nicht, dass Sie im Streit den Berg verlassen, und darum musste ich Sie leider im Lift einsperren. Ich glaube nicht, dass das ratsam gewesen wäre.“ Dem Colonel blieb nichts anderes übrig, als ihr zuzustimmen. Er drehte sich um und wollte gerade in Richtung seines Büros gehen, wo er den Ausgang des sicher sehr persönlichen Gesprächs zwischen Hammond und seiner Tochter abwarten wollte, bevor er sich von den Agenten verabschiedete, aber Carter trat ihm in den Weg. „Ich glaube, Sie haben noch etwas, das Sie Agent Mulder zurückgeben sollten.“ O’Neills Blick war ein einziges Fragezeichen und mindestens genauso unschuldig wie ihre Miene eine Minute zuvor.
„Ich glaube, nach der Versöhnung wird er es dringend brauchen.“
„Na gut.“ Resigniert zog der Colonel eine kleine Schachtel aus der Tasche und legte sie in Carters ausgestreckte Hand. „Geben Sie’s ihm. Ich bring’s einfach nicht übers Herz; ich habe fast gehofft, ich könnte ihn behalten.“
„Wem hätten Sie ihn denn schenken wollen?“ warf Daniel mit einem Blick auf den schlichten Goldring ein, den Carter aus der Schachtel gezogen hatte, um ihn zum ersten Mal von Nahem zu betrachten.
„Das weiß ich doch noch nicht, aber immerhin hätte ich schon mal einen gehabt, wenn die passende Frau auftaucht. Außerdem war es meine Pflicht, den Gefangenen zu durchsuchen und eventuell gefährliche Gegenstände zu konfiszieren.“
„Er ist wunderschön.“, murmelte Carter ehrfürchtig. „Wirklich wunderschön. Aber für mich wäre er nichts; ich würde einen in Weißgold vorziehen.“ Daniel warf dem Colonel einen vielsagenden Blick zu, und dieser gab ein drohendes Knurren in Richtung des respektlosen Archäologen ab. Nichtsdestotrotz würde es ihm nun wesentlich leichter fallen, den Ring seinem rechtmäßigen Besitzer wiederzugeben...

**********

Nachdem sie einige Minuten reglos vor der geschlossenen Tür gestanden hatten, schüttelte Scully den Kopf. „Mulder, ich kann da nicht reingehen.“
„Doch, ich weiß, dass du das kannst. Wenn du ihm jetzt nicht gegenübertrittst, bekommst du wahrscheinlich nie wieder die Gelegenheit dazu, und ich bin mir sicher, dass du das irgendwann bereuen würdest. Du musst ja nicht mir ihm reden, wenn du nicht kannst.“ Er zögerte einen Moment, unsicher, ob er weitersprechen sollte. Dann fuhr er fort: „Ich kann auch mitkommen, wenn du möchtest.“
Erst schwieg Scully, dann nickte sie. „Das wäre mir wirklich lieber.“ Sie schob ihre Hand in Mulders und klopfte entschlossen an die Bürotür.
Auf Hammonds Aufforderung hin betrat sie den Raum, noch immer Mulders Hand haltend. Der General sah ihr mit einer Mischung aus Erwartung und Trauer entgegen und sagte dann: „Ich bin froh, dass du dich entschlossen hast, mich anzuhören. Es wäre schrecklich für mich, wenn du mich dafür hassen würdest, was ich getan habe, ohne meine Gründe zu kennen.“ Dann wandte er sich an Mulder: „Ich würde gern mit meiner Tochter allein sprechen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
„Es macht mir etwas aus.“, antwortete Scully für ihren Partner. „Mulder ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, und ich will das hier nicht ohne ihn tun. Ich weiß nicht einmal, ob ich es könnte.“, wiederholte sie Mulders Worte, die er vor einer Ewigkeit – jedenfalls kam es ihr so vor – in einem dunklen Flur an sie gerichtet hatte. Dann, als sei es ihr eben erst eingefallen: „Aber das kannst du natürlich nicht wissen.“ Der General zuckte kaum merklich zusammen, als er die Spitze hinter ihren Worten erkannte, und nickte dann. „In Ordnung. Wenn es dir so wichtig ist, soll er meinetwegen bleiben.“ Er deutete auf die Sitzgruppe, die in einer Ecke seines Büros stand, und seine Tochter, die ihm in diesem Moment wie eine vollkommen Fremde vorkam, setzte sich wortlos, gefolgt von ihrem Partner, der ihre Hand noch immer nicht losließ. Hammond selbst nahm den beiden gegenüber Platz. Nach ein paar Minuten unbehaglichen Schweigens begann er: „Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Wahrscheinlich hasst du mich jetzt, und glaub mir, das kann ich verstehen. Es gibt Momente, da hasse ich mich selbst, aber dann denke ich wieder daran, warum ich mich so entschieden habe: Man hat mich vor die Wahl gestellt, deine Mutter zu verlassen und aus eurem Leben zu verschwinden oder zuzusehen, wie sie euch beiseite schaffen. Ich war ihnen viel zu wichtig geworden, als dass sie mich hätten gehen lassen, und weil ich es weder deiner Mutter noch euch Kindern antun konnte, euch ohne Grund zu verlassen, habe ich mich entschlossen, zu sterben. Ich dachte mir, das wäre für euch alle leichter zu ertragen als wenn ich euch verlassen hätte, ohne einen Grund nennen zu können. Du musst mir glauben, dass ich euch alle immer geliebt habe. Ich liebe euch noch immer, und es ist das schlimmste für mich, euch nicht sehen zu können.“
„Und weil du uns so sehr liebst, hast du uns alle angelogen. Wir haben um dich getrauert; Mom tut es noch immer. Der Gedanke, dass du die ganze Zeit hier gesessen und sie getäuscht hast, macht mich krank.“ Scully hatte so leise gesprochen, dass selbst Mulder, der direkt neben ihr saß, Mühe hatte, sie zu verstehen. Trotzdem hatte ihr Vater offenbar genau verstanden, was sie meinte.
„Dana, ich wollte euch nicht anlügen. Aber um euch zu schützen, hatte ich keine Wahl. Ich verstehe, dass es dir wie Verrat vorkommen muss, aber das war es nicht.“
„Ich habe während der letzten Jahre genug Verrat erlebt um einen zu erkennen, wenn ich ihn sehe. Ich weiß nicht, ob ich dir das jemals verzeihen kann, aber besonders schlimm finde ich, was du Mom angetan hast. Sie liebt dich noch immer, das solltest du wissen. Wie soll ich ihr jemals wieder entgegentreten mit dem, was ich jetzt weiß? Was soll ich sagen, wenn sie mir erzählt, wie sehr ihr einander immer vertraut habt? Du hast nicht nur ihr wehgetan, sondern auch mir. Sogar Mulder hast du betrogen: Ich war bereit, an das Unglaubliche zu glauben, daran, dass ich im Moment deines Todes eine Vision hatte. Was soll ich jetzt glauben? Mulder weiß, was ich dadurch durchgemacht habe, bis ich mir selbst eingestehen konnte, was ich gesehen hatte, und nun war es auch nur eine weitere Lüge.“ Sie spürte, wie Mulder ihre Hand leicht drückte, und erwiderte die Geste. „Major Carter hat mir gesagt, du seist in ihren Augen ein Mensch, der niemanden im Stich lässt. Ich weiß es besser, und ich bin froh, dass ich diejenige bin, die es erfahren hat, und nicht Mom.“ Damit ließ sie Mulders Hand los und stand auf. „Ich werde jetzt gehen.“ Sie verließ den Raum; Mulder wollte ihr folgen, aber der General hielt ihn zurück. „Bleiben Sie noch einen Moment.“, bat er, und Mulder setzte sich zögernd wieder hin.
„Ich weiß, dass das alles sehr schwer für Dana ist, und ich bin froh, dass Sie da sind, um ihr beizustehen. Wir haben uns niemals wirklich kennengelernt, aber sie hat ihrer Mutter und mir sehr viel von Ihnen erzählt. Ich hatte immer das Gefühl, dass Sie ihr guttun. Natürlich macht es mich traurig, dass sie mich nicht verstehen kann, aber das habe ich auch nicht erwartet. Wie könnte sie auch?“
„Ich bin sicher, dass sie es tun wird, wenn sie Zeit hatte, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Scully liebt Sie, das weiß ich, und nichts wird das ändern können. Vielleicht wird sie Sie nicht mehr so sehr verehren wie früher, und ihre Bewunderung könnte auch kleiner geworden sein, aber nicht ihre Liebe. Sie wird heilen.“
Die Augen des älteren Mannes nahmen einen feuchten Schimmer an. „Gott, das hoffe ich. Nur werde ich nicht dasein, um ihre Heilung zu sehen. Ich weiß, dass ich nicht mehr das Recht habe, Ihnen das zu sagen, aber ich wünsche mir, dass Sie für Dana da sind, wenn sie heilt, wenn sie beginnt zu verzeihen, falls sie das kann. Machen Sie mein kleines Mädchen glücklich.“
„Das werde ich, weil ich sie liebe, Sir.“, erwiderte Mulder ernst und stand auf. „Ich sollte besser nach ihr sehen.“ Hammond nickte und begleitete ihn zur Tür. „Danke.“, sagte er noch und sah dann dem Mann hinterher, der den wichtigsten Platz im Herzen seiner geliebten Tochter eingenommen hatte. Er selbst würde dort nie mehr derselbe sein, und diese Gewissheit machte ihn traurig. Er würde nicht dabei sein, wenn sie diesen Mann heiratete – und dass das eines Tages geschehen würde, dessen war er sich sicher – und mit ihm eine Familie gründete. Es war ein schwerer Verlust, den er zu tragen hatte, seit er sich entschieden hatte, seine Familie zu verlassen, aber er musste damit leben, und solange sie dadurch sicher waren, lohnte es sich. Wenigstens war er in ihren Augen kein Verräter geworden, und sie konnten ihn in liebevoller Erinnerung behalten. William Scully schämte sich, seiner jüngsten Tochter diese Möglichkeit genommen zu haben. Aber er hatte den Preis gezahlt. Sie würde irgendwann glücklich werden, und er hatte die Chance verwirkt, daran teilzuhaben. Mit einem schweren Seufzer schloss er die Bürotür, bevor er sich auf seinen Stuhl fallen ließ und das Gesicht in den Händen vergrub. Tief in seinem Innern wusste er nun endlich, warum ihm SG-1 so am Herzen lag. Das Team war ihm in Ermangelung seiner eigenen zu einer Familie geworden, sie waren seine Söhne und seine Tochter. Manchmal erinnerte ihn Sam Carter sogar an seine wirklichen Töchter. Sie hatte die gleiche tiefe, unbestechliche Intelligenz und Ehrlichkeit wie Dana und den Ungestüm, den er in Melissa gesehen hatte. Aber auch diese Erkenntnis, die er in all seinen Jahren in dieser Einrichtung vergeblich gesucht hatte, brachte dem einsamen Mann heute Nacht keine Linderung für seinen Schmerz.

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Es würde hart werden, und sie wusste es, aber sie musste es tun. Dana Scully betrat das Büro des Mannes, der sie hergebracht hatte, aus einer Eingebung heraus. Irgendwie ahnte sie, dass sie ihn hier finden würde. Tatsächlich. Daniel Jackson saß an seinem Schreibtisch und las in einem Bericht. Scully trat ein, und der Archäologe sah auf.
„Ach, Sie sind’s. Ich dachte, Jack wäre zurück. Wollen Sie mich wieder niederschlagen?“
Trotz des Ernstes seiner Worte lächelte er. Scully schüttelte den Kopf.
„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe Sie ausgenutzt, um auf den Stützpunkt zu kommen. Sie müssen mir glauben, das ist sonst wirklich nicht meine Art, und ich fühle mich schrecklich, weil ich Sie niedergeschlagen habe.“
Daniel schüttelte den Kopf. „Schon gut. Ich habe schon härtere Schläge überlebt.“ Nur gut, dass sie kein Goa’uld ist. „Außerdem kann ich Sie verstehen. Wissen Sie, ich habe vor einiger Zeit meine Frau verloren, und als man sie mir weggenommen hat, hätte ich alles getan, um sie zu finden. Ich hätte dasselbe getan, wenn ich die Möglichkeit gesehen hätte, Sha’ree wiederzubekommen.“
„Trotzdem tut es mir leid. Wahrscheinlich hätte ich nicht so ein schlechtes Gewissen, wenn Sie nicht so freundlich zu mir gewesen wären. In meinem Beruf kommt es schon mal vor, dass man Menschen täuschen muss, aber bei Ihnen tat es mir leid.“
„Wirklich, es ist okay. Ich bin froh, dass Sie Ihren Freund wiedergefunden haben, und wenn mein Kopf herhalten musste, um Sie beide wieder zu vereinen, dann war es das Opfer wert.“ Er wechselte das Thema: „Was werden Sie jetzt tun?“
„Wahrscheinlich verschwinden wir hier in der nächsten halben Stunde. Wenn ich mich nicht bei meinen Kontaktmännern melde, könnte es hier einige ziemlich unerfreuliche Szenen geben. Außerdem möchte ich nicht länger als unbedingt nötig hierbleiben.“
„Verstehe. Haben Sie nochmal mit dem General gesprochen?“
„Ja. Aber das ändert nichts.“ Sie klang, als wolle sie nicht darüber sprechen, und so ließ Daniel das Thema fallen und sprach das an, was ihn während der letzten Stunde beschäftigt hatte: „Sie haben wirklich eine Menge Ahnung von Archäologie.“
„Nein, das schien nur so. Ein Freund hat mir einen Schnellkurs gegeben. Außerdem war ich bereits an mehreren Ausgrabungsstätten, beispielsweise auf Yucatan und auch in Afrika, wo wir Ermittlungen angestellt haben. Das hat sehr geholfen.“
„Sie haben mich getäuscht, und ich bilde mir ein, einiges zu wissen.“
„Ich bin sicher, Sie sind ein wirklicher Experte.“ Scully lächelte. „Manchmal arbeite ich als forensische Pathologin; das ist ein wenig wie Archäologie. Zumindest, wenn die Leichen, die ich untersuche, schon ein paar Monate alt sind.“ Daniel verzog angewidert das Gesicht. „Da lob ich mir richtige Ausgrabungen; die Leichen, die man dabei findet, sind schon weit über die stinkende Phase hinaus.“
In dem Moment steckte Mulder den Kopf zur Tür herein. „Tut mir leid, wenn ich störe, aber wir sollten langsam gehen. Die Nacht ist bald vorbei, und wenn uns hier zu viele Leute sehen, könnte es Komplikationen geben.“
Scully nickte und verabschiedete sich von Daniel. Dieser bemerkte noch: „Schade, dass Sie Teal’C nicht kennengelernt haben. Ich bin sicher, er hätte Ihnen gefallen.“
„Vergessen Sie’s, Daniel.“ Carter war unbemerkt hereingekommen. „Wenn ich sie aus dem Forum einigermaßen richtig einschätze, würde sie gar nicht an ihn glauben. Agent Scully ist eine bodenständige Realistin.“
„Dem kann ich nur zustimmen.“, erwiderte Mulder und griff wieder nach Scullys Hand, um sie aus dem Büro zu führen. Carter schloss sich ihnen an, und auf dem Korridor trafen sie auch noch O’Neill. „Ich begleite Sie raus. Nicht, dass unser übereifriger Posten Sie jetzt noch erschießt.“
Sie kamen an den Aufzug, und O’Neill griff nach Carters Arm. „Diesmal kommen Sie mit. Es ist mir zu riskant, in das Ding zu steigen, wenn Sie draußen sind.“ Sie warf ihm einen unschuldigen Blick zu, folgte ihm und den Agenten jedoch ohne Widerrede. Auf dem Weg nach oben bemerkte Carter, sie habe sich wirklich gefreut, ihre Chatbekanntschaft endlich persönlich getroffen zu haben. „Ich finde, wir sollten unsere Mailadressen austauschen; dann kann ich Sie direkt fragen, wenn ich wieder mal ein Problem habe, das eine andere Sichtweise verlangt.“ Scully nickte, und O’Neill verdrehte die Augen. „Nicht genug, dass Sie unsereins die ganze Zeit mit Ihren Theorien nerven; jetzt verbreiten Sie die auch noch übers Internet. Na ja, wenigstens laufe ich dort nicht Gefahr, darüber zu stolpern.“ Carter lächelte strahlend. „Sir, ich wusste nicht, dass ich Sie damit nerve. Ich war immer der Meinung, dass Sie es mögen, wenn ich Ihnen etwas erkläre.“
„Regel No. 1, Carter: Wenn ich jemandem etwas erkläre, ist er hinterher klüger und kommt sich nicht wie ein kompletter Idiot vor. Aber davon einmal abgesehen, ja, ich mag es, wenn Sie mir etwas erklären.“
Niemand kam dazu, etwas zu erwidern, denn der Aufzug hielt auf der obersten Ebene der Basis, und sie stiegen aus. Carter und O’Neill begleiteten die Agenten nach draußen, wo die Frauen sich noch einmal in eine intensive wissenschaftliche Diskussion vertieften und sich anscheinend gar nicht voneinander trennen konnten. O’Neill nutzte die Zeit, Mulder unauffällig den Ring zurückzugeben. „Viel Glück.“, wünschte er, als der andere das kleine Kästchen in seine Tasche steckte. Mulder lächelte. „Das wünsche ich Ihnen auch. Warten Sie nicht zu lange.“ Inzwischen hatten sich auch Scully und Carter verabschiedet, und die Agenten gingen in Richtung Wald davon, wo Mulders Wagen noch immer gut versteckt warten musste, da ihn inzwischen niemand von der Basis gefunden hatte.
Die beiden Offiziere sahen ihnen nach, und der Colonel bemerkte versonnen: „Sie haben wirklich gute Arbeit geleistet, Major. Die halbe Stunde im Aufzug hat ihnen beiden gutgetan. Ich muss zugeben, ich hätte niemals gedacht, dass Sie so gut darin sind, Leute zu verkuppeln.“
Carter sah auf ihre Schuhspitzen. „Ach, wissen Sie, Sir, manchmal wünschte ich mir, jemand würde es mir leichter machen und mich verkuppeln. Eigentlich habe ich nur das getan, von dem ich mir wünsche, dass es mal jemand für mich tut.“
„Vielleicht sollte ich mal mit Daniel reden.“, murmelte O’Neill, bevor sie zusammen wieder zur Basis gingen und im Lift nach unten fuhren. Sie waren gerade dabei, Mutmaßungen über den Ausgang von Teal’Cs ersten Zahnarztbesuch anzustellen, der ihnen heute Mittag bevorstand, als plötzlich...
„Carter, was zum Teufel ist das jetzt schon wieder?“
„Tut mir leid, Sir, ich habe keine Ahnung. Diesmal habe ich wirklich nichts gemacht. Wie könnte ich auch von hier aus?“
„Na wunderbar.“, knurrte O’Neill. „Mit Ihnen hier drin und einer Panne da draußen kann es Stunden dauern, bis die den Lift wieder in Gang kriegen. Wir können es uns also genauso gut gemütlich machen.“



Fin
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