Don't call me Fox by Sonja K
Summary: Zwei Agenten, ein AD und zwei Seminare ...
Categories: Romance > Mulder/Scully Characters: Dana Scully, Fox Mulder, Walter Skinner
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Humor, Romance
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 2 Completed: Ja Word count: 10362 Read: 188 Published: 26 Sep 2017 Updated: 26 Sep 2017
Story Notes:
Diese Fic entstand aus einer Idee heraus, die Kimmy bei meinem Besuch hatte. Wir wollten sowieso was fabrizieren, und ich konnte ihrer harmlosen (???) Bemerkung einfach nicht widerstehen, dass Mulders Vorname eventuell... Nein, mehr verrate ich nicht; das Ergebnis seht ihr ja hier. Danke an Kimmy für ihre Idee und ihre Geduld (Ich weiß, es hat lange gedauert, aber jetzt bin ich fertig *gg*) und an Kit für... alles. Du weißt, was ich meine! Ach ja, Rena sollte ich auch noch erwähnen, für ihre endlose Geduld, mit der sie sich meine Fortschritte am Telefon angehört hat.
So, das war's auch schon. Enjoy!

1. Kapitel 1 by Sonja K

2. Kapitel 2 by Sonja K

Kapitel 1 by Sonja K
Es war das Allerletzte, was Agent Fox Mulder wollte, und gleichzeitig war es das, was er sich am Meisten wünschte. Dieses verdammte Kennenlernseminar, von der Leitung des FBI angesetzt, da in der letzten Zeit Spannungen innerhalb der einzelnen Teams entstanden waren, war ganz offensichtlich die Idee irgend eines Bürohengstes gewesen, der absolut keine Ahnung von der Arbeit "auf der Straße" hatte. Spannungen zwischen Partnern waren vorprogrammiert und vollkommen normal, und es war in Mulders Augen eine riesige Zeitverschwendung, vier Tage mit dem Versuch zu verbringen, diese zu lösen. Hinzu kam, dass die Spannungen zwischen ihm und Scully ganz anderer Art waren, und es wäre ganz sicher nicht Wunsch ihrer Vorgesetzten, diese Spannungen zu lösen...
Beim Gedanken, vier Tage mit Scully zusammen zu sein und sie besser kennen zu lernen, und das auch noch höchst offiziell, begann Mulder Blut und Wasser zu schwitzen. Unter den wachsamen Augen seiner Vorgesetzten konnte ein solches Seminar nur in einer einzigen Peinlichkeit enden.
Nun gut, er würde sich eben zusammenreißen müssen, auch wenn es ihm in Scullys Gegenwart sowieso schon schwer fiel. Nur gut, dass er nicht auch noch mit ihr zusammen zu diesem Seminar fahren musste, da sie noch bei ihrer Mutter war und von dort direkt hinfahren würde. So hatte er wenigstens ein paar Stunden Frist, bevor er sie wiedersah auch wenn er innerlich darauf brannte, da sie eine Woche Urlaub gehabt und er sie vermisst hatte. Außerdem passte ihm sein Ersatzmitfahrer ganz und gar nicht. Allein das Wissen, 1 1/2 Stunden mit AD Skinner im selben Wagen zu sitzen, ließ Mulders Nackenhaare sich aufstellen. Trotzdem musste er jetzt los, denn Skinner würde sicher schon neben dem Wagen warten.
AD Walter Skinner zwang sich, nicht schon wieder auf die Uhr zu sehen. Er wusste auch so, dass Mulder zu spät war, aber das sollte er doch allmählich kennen. In den ganzen Jahren, in denen er Mulders Vorgesetzter war, hatte er nicht ein einziges Mal erlebt, dass dieser pünktlich war. Skinner fragte sich, wie Scully das aushielt. Passte sie sich Mulders Zeitplan an, oder verbrachte sie die Wartezeit damit, Berichte zu schreiben und Akten durchzugehen? Wenn man all die Jahre ihrer Zusammenarbeit bedachte, hätte Scully schon mehrere umfangreiche Romane verfassen können. Skinner selbst verbrachte die Wartezeit damit, sich Sorgen zu machen. Ein Kennenlernseminar zur Lockerung der Spannungen zwischen Partnern mochte ja an sich eine gute Idee sein, aber nicht, wenn man der Vorgesetzte von Mulder und Scully war.
In den letzten Monaten hatte er die Entwicklung der Beziehung zwischen den Beiden mit Sorge betrachtet, denn er war nicht blind und konnte die unterschwelligen Zeichen deuten, die den Agenten selbst vielleicht noch gar nicht bewusst waren. Es war eindeutig, dass sich Mulder und Scully zueinander hingezogen fühlten, und Skinner fürchtete jedesmal, wenn er unangemeldet ins Kellerbüro kam, eine Situation vorzufinden, die für alle Beteiligten peinlich war.
Auch wenn Skinner es den Beiden vom menschlichen Standpunkt her gönnen würde, musste er es als ihr Vorgesetzter auf jeden Fall unterbinden. Das konnte verflucht anstrengend werden, wenn man bedachte, dass sie als Partner aufgrund der Art des Seminars Tag und Nacht zusammen sein würden. Und gerade bei Letzterem hatte Skinner so seine Bedenken...


1. Tag

Nach ein paar entspannenden Urlaubstagen bei ihrer Mutter kam es Dana Scully gerade recht, die Arbeit mit einem Seminar zu beginnen. Es erinnerte sie irgendwie an Studientage auf der High School, die sie immer sehr genossen hatte. Aber noch hatte sie nicht das Programm für dieses spezielle Seminar gesehen...
Unter einem Kennenlernseminar stellte sie sich eine nette Zeit vor, in der sie und Mulder sich gegenseitig kleine Geschichten erzählten, um einander besser zu verstehen, und in ihrer Vorstellung könnten sie sich dabei nicht nur beruflich näher kommen...
Mit diesen kleinen, intimen Träumen im Kopf parkte Scully ihren Wagen und betrat den Raum, in dem in wenigen Minuten die offizielle Begrüßung stattfinden würde.
Suchend sah sie sich nach Mulder um, der irgendwo in diesem Raum voller Agenten sein musste, von denen sie einige kannte, andere nicht. Wenn er nicht schon wieder zu spät kam. Aber das sollte an sich ja unmöglich sein, da er zusammen mit Skinner gefahren war. Während sie noch suchte, hielt ihr plötzlich jemand von hinten die Augen zu.
"Wer bin ich?" flüsterte eine wohlbekannte Stimme an ihrem Ohr, und Scully musste gegen ihren Willen lächeln. Sie konnte ihren Partner förmlich sehen, wie er mit einem breiten Grinsen hinter ihr stand.
"Da Agent Pendrell tot ist und ich außer ihm nur einen einzigen Menschen kenne, der auf diese kindische Art versuchen würde, an mich ranzukommen, können es nur Sie sein. Also, Mulder, lassen Sie den Quatsch."
Mulder hatte genau den Gesichtsausdruck, den sie sich vorgestellt hatte, als er sie zu sich herumdrehte, und ihr einen Kuss auf die Wange gab. Obwohl es ihr sehr gefiel, stieß sie ihn pflichtschuldig weg und verfluchte sich im selben Moment dafür.
"Was soll der Unsinn?" fauchte sie ihn an, bemüht, die Verwirrung, die seine Nähe ausgelöst hatte, vor ihrem Partner zu verbergen.
"Tun Sie mir den Gefallen und setzen sich mit mir irgendwo hin.", bat Mulder. "Sonst muss ich mich wieder zu Skinner setzen, und da komme ich mir vor wie in der ersten Reihe im Mathematikkurs auf der High School."
Scully unterdrückte ein Lächeln. Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die bei diesem Seminar High School- Nostalgie entwickelte.
"Okay, dann will ich Sie mal erlösen. Haben Sie zufällig ein Programm des Seminars?"
"Nope. Soweit ich das mitbekommen habe, ist das Absicht. Ich glaube, die wollen uns überraschen."
Damit hatte Mulder allerdings recht, und die erste Überraschung folgte gleich nach den Begrüßungsworten eines der Seminarleiter: Jedes Agentenpaar würde sich ein Miniapartment mit Küche und Bad, aber nur einem großen Wohnschlafraum teilen. Mulder wagte nach dieser Ankündigung gar nicht, Scully anzusehen, denn er fürchtete um seine Selbstbeherrschung. Diese würde sowieso auf eine harte Probe gestellt werden, wenn er mit seiner definitiv zu begehrenswerten Partnerin (er sagte sich dieses Wort wie eine Schutzformel immer wieder vor) ein Schlafzimmer teilte.
Nach der Begrüßung wurden die Apartments verteilt (Agenten aus D.C. landeten im L-Gebäude, was Mulder sofort instinktiv mit einem gewissen vierbuchstabigen Wort assoziierte), und Mulder und Scully bezogen ihre Unterkunft, ohne besonders viel über den Ablauf der nächsten vier Tage erfahren zu haben.
"Dahinter steckt garantiert eine Verschwörung." murrte Mulder, warf seine Tasche auf den Boden und begann, deren Inhalt auf dem Bett zu verteilen, um ihn anschließend Händeweise in seine Hälfte des Schrankes zu knüllen, die er ziemlich großzügig bemaß.
Scully störte das nicht besonders, da ordentlich zusammengefaltete oder aufgehängte Kleidungsstücke nicht so viel Platz benötigten wie wahllos in den Schrank gestopfte und sie daher sowieso nicht ihre ganze Schrankhälfte brauchen würde.
Mulder, der aufgrund seiner Methode wesentlich schneller mit dem Auspacken fertig war, beobachtete seine Partnerin mit einer Mischung aus Ungeduld und echtem Interesse, als frage er sich ernsthaft, wie ein Mensch sich so lange bei einer banalen Sache wie dem Einräumen von Kleidern in einen Schrank aufhalten konnte.
Scully ließ sich durch seine Blicke nicht stören, sondern packte ruhig weiter aus in der Annahme, dass es Mulder irgendwann langweilig werden würde, sie anzustarren. Das war allerdings ganz und gar nicht der Fall; Mulder sah ihr weiterhin regungslos zu, bis sie begann, ihre Unterwäsche aus der Tasche zu nehmen. Da war es mit seiner Gelassenheit vorbei; Mulder wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit seinen Händen, die ein wenig zitterten, und er versuchte, nicht auf die Slips zu starren, die seine Partnerin sorgfältig faltete, bevor sie sie im Schrank verstaute. Es gelang ihm nicht, und in seinem Kopf formten sich Bilder, die seiner Professionalität alles andere als zuträglich waren. Schließlich lagen Slips nicht nur brav und unschuldig im Schrank (im selben Schrank, in dem sich seine Kleider befanden!), sondern Scully trug sie auch. Mulder zwang sich, diesen Gedanken zu ignorieren und sich auf irgend etwas zu konzentrieren, was er zu Scully sagen und womit er sich ablenken konnte.
"Welches Bett wollen Sie?" brachte er schließlich hervor und hätte sich im selben Augenblick dafür ohrfeigen können. Erst Slips, dann Betten. Ob er es wohl heute noch schaffen würde, an etwas Unverfängliches zu denken? Mit einem schnellen Seitenblick auf seine Partnerin vergewisserte er sich, dass sie nichts in seine Worte hineingelesen hatte.
"Wenn es Ihnen egal ist, würde ich gern am Fenster schlafen." erwiderte Scully in aller Unschuld, und Mulder nickte. Sie würde wahrscheinlich wirklich schlafen können, während er die ganze Nacht damit zubrachte, nicht an sie zu denken.

*****

Nach dem Mittagessen, das alle Agenten gemeinsam in einem großen, hellen Speisesaal einnahmen, begannen die Übungen des Tages.
Zuerst setzten sich alle Agenten in den riesigen Seminarraum, wobei darauf geachtet wurde, dass die jeweiligen Partner nebeneinander saßen. Die Übungsleiterin, eine zierliche Blondine, stellte sich als Evalynn Bower vor.
"Sie können aber auch Eve sagen." bot sie an und begann, die Übung zu erläutern: "Zuerst möchte ich, dass wir uns alle gegenseitig kennen lernen. Dazu wird jetzt jeder Agent nicht sich selbst, sondern seinen Partner vorstellen und dazu einen einzigen Satz sagen, der seiner Meinung nach typisch für ihn ist. Wenn Sie keine Fragen mehr haben, fangen Sie doch einfach an.", wandte sie sich an den ersten Agenten. Dieser dachte einen Augenblick nach und sagte dann: "Mein Partner ist Mitch Bowman, und man kann sich auf ihn verlassen, außer wenn es um Cola geht."
Alle fingen an zu lachen, und Mitch musste einen Moment auf Ruhe warten, bevor er seinen Partner vorstellen konnte.
Mulder hörte kaum zu. Wie zur Hölle sollte er Scully mit einem Satz beschreiben? Das war schier unmöglich, denn sie war einfach zu komplex, als dass er all ihre Eigenschaften in einem einzigen Satz hätte zusammenfassen können. Sollte er ihre Loyalität betonen? Ihre Ehrlichkeit hervorheben? Sie als verlässlich bezeichnen, als liebevoll, warmherzig, offen, fair? Nein, das war alles nicht gut, denn es zeigte nur jeweils eine einzige Eigenschaft, die für sich genommen platt erscheinen musste. Für Mulder war diese Übung nicht länger ein Spiel; er wollte um jeden Preis etwas Besonderes sagen, wenn er schon nicht seine wahren Gedanken aussprechen konnte: `Das ist Dana Scully, und sie ist für mich die einzige Frau auf der Welt.´
Scully fand die Worte, mit denen die anderen Agenten ihre Partner beschrieben, ziemlich klischeehaft: Da gab es verlässliche Partner, gute Agenten, einfallsreiche Profiler, zähe Ermittler usw. Sie hatte den Eindruck, dass alle irgendwelche Floskeln wählten, um nicht ihre wirkliche Meinung preisgeben zu müssen. Da sie wusste, wie sehr Mulder derartige Heucheleien zuwider waren, war sie gespannt, was er wohl über sie sagen würde.
Als er an der Reihe war, schreckte Mulder aus seinen Gedanken hoch und deutete auf seine Partnerin.
"Meine Partnerin ist Dana Scully, und sie ist etwas Besonderes."
Im Raum herrschte von einer Sekunde zur nächsten Totenstille. Alle Anwesenden starrten Scully an und warteten gespannt auf ihre Reaktion. Auf den Gesichtern der Agenten mit weiblichen Partnern erschien ein leicht schadenfroher Ausdruck. Sie alle hatten irgend etwas Belangloses gesagt, um keinen Ärger zu bekommen oder sich in Verlegenheit zu bringen und dumm angesehen zu werden, und jetzt waren sie gespannt, wie sich der gedankenlose Kollege aus der Affäre zog.
Mulder spürte die auf sich gerichteten Blicke und ihm wurde bewusst, was sein Statement ausgelöst hatte, aber das war ihm egal, solange nur Scully nicht auf ihn wütend war. Ein wenig unsicher suchte er ihren Blick. Es schien sie nicht zu stören, dass Mulder wieder einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie Beide gezogen hatte, denn sie erwiderte seinen Blick und sagte ruhig: "Mein Partner, Fox Mulder, wird nie aufhören mich zu überraschen, egal wie gut ich ihn kenne."
Damit schenkte sie den Anderen ein leicht triumphierendes Lächeln und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, als habe Mulder nicht gerade mit einem einzigen Satz ihr Innerstes durcheinandergebracht.
Mulder unterdrückte den Wunsch, den Kollegen die Zunge herauszustrecken und sah Scully kurz an. Er hätte nicht stolzer auf sie sein können als in diesem Augenblick.

*****

Vor der zweiten Übung hatten sie eine Stunde Pause, in der Mulder es vermied, in die Nähe seiner Partnerin zu kommen, da er ihren Kommentar zu seinem "Ausrutscher" lieber hören wollte, wenn sie allein waren.
Scully schien ihn gar nicht zu vermissen, denn sie unterhielt sich angeregt mit einem blonden Mann, der sie zur Begrüßung umarmt hatte. Mulder blieb etwas abseits stehen und beobachtete die Beiden mehr oder weniger unauffällig. Jedesmal, wenn Scully über eine Bemerkung des Mannes lachte, gab es Mulder einen Stich. Er schaffte es nie, sie so sehr zum Lachen zu bringen, obwohl er sonst eine Lachnummer für das gesamte FBI war, Mr. Seltsam, ein Clown, ein Witz für seine Kollegen und Vorgesetzten; jeder lachte über ihn, nur Scully konnte er nicht zum Lachen bringen.
Nach einigen Minuten Unterhaltung mit ihrem ehemaligen Studienkollegen bemerkte Scully, dass Mulder mal wieder abseits stand und sich an keiner Unterhaltung beteiligte. Sie entschuldigte sich seufzend bei Steve und ging zu ihrem Partner. Sie würde sich wieder mal um ihn kümmern müssen, wie immer bei gesellschaftlichen Anlässen. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, ihn sich selbst zu überlassen, nicht nur, weil das hier ein Partnerseminar war und man von ihr erwartete, Partnerschaft zu zeigen. Scully trat zu Mulder und berührte kurz seinen Arm.
"Hey, wieso kommen Sie nicht rüber zu Steve? Ich kenne ihn aus Quantico; er war unser Klassenclown, und seine Witze sind in der Zwischenzeit noch besser geworden"
Mulder schüttelte den Kopf. "Nein danke, kein Bedarf. Mir hat seine Art schon bei der Übung nicht gefallen. Außerdem scheint er Sie ja gar nicht so sehr zu vermissen."
Mit einem leichten Triumphgefühl, für das er sich gleichzeitig ein wenig schämte, deutete Mulder auf Steve, der sich gleich nachdem Scully gegangen war einer hübschen dunkelhaarigen Agentin aus Iowa zugewandt hatte, der er nun offensichtlich seine Witze erzählte.
"Typisch", entgegnete Scully leichthin.
"Er kann einfach keine Minute allein bleiben; das scheint sein Ego irgendwie nicht zu verkraften."
"Und das stört Sie nicht?" Mulder musterte sie ungläubig.
"Wieso?"
"Na, weil er Sie einfach so abserviert hat. Sie scheinen sich doch ziemlich nahe zu stehen."
"Was?" Sie lachte verwirrt.
"Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, und ich hatte keine Ahnung, dass er auch hier sein wird. Und wenn Sie andeuten wollen, dass ich mit ihm liiert war, kann ich Sie beruhigen. Ganz so schlecht ist mein Geschmack nun auch nicht."
‘Autsch, das war ja mal wieder eine Glanzleistung, Mulder. Ausgerechnet bei einem Typen, von dem sie gar nichts will, musst du diese verdammte Eifersuchtsmasche bringen. Idiot!’
Trotz seiner Verlegenheit brachte Mulder noch ein schwaches "Da bin ich aber beruhigt" heraus, bevor Evalynn Bower den Beginn der nächsten Übung ankündigte.
Sie hatte die Pause absichtlich eingebaut, um das Verhalten der Partner in Ruhe beobachten und sich eine Meinung bilden zu können. Im Großen und Ganzen war sie relativ zufrieden mit ihren Kandidaten. Es schienen gute Teams dabeizusein, mit denen sie es leicht haben würde, einige Sturköpfe und Wichtigtuer, um die sie sich besonders würde kümmern müssen, aber keine hoffnungslosen Fälle. Nur ein Team stach deutlich aus der Menge hervor: Dieser große Mann und seine zierliche, rothaarige Partnerin. Eve hatte schon mit vielen gemischten Paaren gearbeitet und war an Spannungen auch sexueller Art zwischen ihnen gewöhnt, aber diese Beiden schienen anders zu sein als alle Teams, die sie je in ihren Seminaren gehabt hatte. Der Mann... sie kramte in ihrem Gedächtnis nach seinem Namen - ach ja, Mulder - ... er schien sich in Gesellschaft nicht wohl zu fühlen und hielt sich abseits, was seine Partnerin veranlasste, sofort eine offensichtlich angeregte Unterhaltung zu unterbrechen und sich seiner anzunehmen. Was mochten die Gründe dafür sein? Muttergefühle? Beschützerinstinkt? Pflichtgefühl? Gegenseitige Abhängigkeit, oder ganz andere Dinge und Gefühle? War sie in ihn verliebt? Noch konnte Eve das nicht richtig einschätzen, aber sie nahm sich vor, den Beiden genauere Aufmerksamkeit zu schenken und es herauszufinden da die Spannungen, die zwischen ihnen herrschten, definitiv interessant waren. Einerseits waren sie ein eingespieltes Team, wie die kleine Vorstellung von vorhin gezeigt hatte, aber da war noch mehr; es gab Schwingungen, die sie zueinander hinzogen, aber auch Mauern, die sie zu trennen schienen. Vielleicht war das ja ihre Art, den anderen Spannungen zu begegnen und ihre Partnerschaft zu erhalten?
Eve merkte, dass ihre Gedanken abgeschweift waren, und sie zwang sich, ihre Konzentration wieder auf das gesamte Seminar zu richten.
Bei der folgenden Übung würde sich zeigen, wie gut sich die Partner gegenseitig kannten. Einige Agenten würden eine Anzahl von Statements vorgelegt bekommen, von denen nur eins von ihrem Partner stammte, das sie dann heraussuchen sollten. Da nicht jeder drankommen konnte beschloss Eve, auf jeden Fall das Mulder-Team dranzunehmen. Als sie dem Agenten die auf einen Zettel geschriebenen Statements gab, beobachtete sie ihn, gespannt, ob er seine Partnerin erkennen würde. Gleichzeitig behielt sie Scully im Auge, damit diese ihm keine heimlichen Zeichen geben konnte.
"Lesen Sie uns die Sätze doch bitte erst vor, bevor Sie uns sagen, welcher von Agent Scully stammt." forderte Eve Mulder auf. Mit einem leicht genervten Seufzer blickte Mulder kurz zu Scully, bevor er begann:
"1. Was wollen Sie damit sagen, Sie hatten keine Zeit, den Bericht zu schreiben?"
‘Das ist auf keinen Fall Scully. Bei ihr würde es sich ganz anders anhören, wenn ich einen Bericht nicht rechtzeitig fertig habe.’
"2. Dafür gibt es ganz sicher eine wissenschaftliche Erklärung. Man muss nur wissen, wo man danach suchen muss.
3. Ich bitte Sie, wir sind doch Partner.
4. Soll ich Sie morgen früh abholen?"
Mulder machte eine kleine Kunstpause, obwohl ihm natürlich sofort klar war, welche dieser Aussagen typisch für Scully war. Er bewunderte insgeheim ihr Geschick, ihm genau den Satz zu geben, den er unter Tausenden erkennen würde, egal was Eve auch für raffinierte Alternativen gefunden hatte. Er wechselte einen schnellen Blick mit seiner Partnerin bevor er erklärte, dass Scully den zweiten Satz gesagt hatte. Diejenigen Agenten, die bei dieser Übung versagt hatten und an Eves geschickten Täuschungsmanövern gescheitert waren, begannen zu tuscheln, und ein paar neue Gerüchte über Mulder und Scully nahmen ihren Anfang.

*****

Am Abend wollte Scully früh ins Bett, denn die Fahrt von ihrer Mutter und der ganze Rummel des ersten Tages hatten sie erschöpft. Sobald sie nach der letzten Übung wieder im Apartment war, ging sie unter die Dusche, während Mulder Tee machte, denn er hoffte ihren Entschluss, den Tag schon zu beenden, noch ein wenig hinauszögern zu können. Je länger sie beide aufblieben, desto kürzer würde die Zeit sein, in der er hellwach im Dunkeln lag und auf ihren Atem lauschte, sich ihren zierlichen Körper vorstellte, unter der Decke in einen Pyjama gekleidet, während das ganze Zimmer von ihrem Duft erfüllt war. Eine Vorstellung, die Himmel und gleichzeitig Hölle für Mulder war. Da konnte eine kleine abendliche Teestunde nur gewinnen...
...dachte Mulder, bis er Scully frisch geduscht und in ihrem Pyjama aus dem Badezimmer kommen sah. Sie war nicht nur atemberaubend schön, sie war regelrecht aufregend in ihrem dunkelblauen Satinshirt und den passenden Shorts, das rote, noch feuchte Haar in ihr Gesicht fallend. Sie trug kein Make-up mehr, aber sie brauchte auch keins, um Mulder mit einem einzigen Blick aus der Fassung zu bringen.
"Äääääh, Scully..." Seine Stimme versagte einen Moment lang, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle, mied aber ihren erstaunten Blick der zu fragen schien, ob alles in Ordnung sei.
"Hätten Sie vielleicht Lust, noch einen Tee mit mir zu trinken?"
Mulder kam sich vor wie ein Teenager, der das schönste Mädchen der Schule um ein Rendezvous bittet, obwohl er einen dicken Pickel auf der Nase hat. Dieselbe Unsicherheit, dasselbe Stottern, die gleiche unsinnige, aber doch erwartungsvolle Hoffnung auf ihre Zustimmung.
Scully fühlte sich irritiert und leicht befangen unter dem durchdringenden Blick ihres Partners, und ihr fehlte sowohl der Wille als auch die Energie um zu protestieren, also nickte sie nur.
"Okay, aber nur kurz. Ich bin wirklich hundemüde."
Trotz der Einschränkung machte ihre Zustimmung Mulder glücklich. Sie setzten sich jeder in eine Ecke der Couch, die Hände um die Teetassen gelegt, und unterhielten sich über ihre Eindrücke dieses Tages. Es war eine ganz andere Art von Debriefing am Ende eines Falls, eher ein intimer Gedankenaustausch, vermischt mit ein wenig Klatsch über die Kollegen, die auch am Seminar teilnahmen. Irgendwann stellte Scully ihre Tasse ab, gähnte hinter vorgehaltener Hand und erklärte, sie werde jetzt ins schlafen gehen.
"Okay, ich geh noch schnell duschen, dann komme ich auch. Wie spät müssen wir morgen da sein?"
"Die erste Übung fängt um halb neun an, glaub ich. Wer macht Frühstück?"
"Kann ich machen. Aber nur, wenn Sie morgen Abend kochen."
"Von mir aus."
Mulder verschwand im Badezimmer, während Scully unter die Bettdecke schlüpfte und sich in ihr Kissen kuschelte. Einen Moment später stand sie wieder auf, um ein Buch aus ihrer Tasche zu holen, da sie vor dem Einschlafen wie immer noch ein paar Seiten lesen wollte. Dabei fiel ihr Blick auf das Buch, das auf Mulders Nachttisch lag. Neugierig nahm sie es in die Hand, um den Titel zu lesen. Auf ewig unvergessen. Der Text auf dem Buchrücken versprach einen Thriller, und Scully begann interessiert zu blättern, als Mulder in Shorts und einem grauen Basketballshirt aus dem Badezimmer kam. Bei seinem Eintreten sah sie auf und erkundigte sich, indem sie das Buch hochhielt: "Ist das gut?"
Statt einer Antwort kam Mulder hastig zu ihr und entriss ihr das Buch, das dabei auf den Boden fiel. Ein Foto fiel heraus, und Mulder bückte sich, um es aufzuheben, aber Scully war schneller. Sie hielt das Bild in der Hand, aber ehe sie einen Blick darauf werfen konnte, stieß ihr Kopf mit Mulders zusammen, der sich ebenso schnell wieder aufgerichtet hatte wie sie.
"Au, verdammt, das tat weh!"
Scully betastete ihre Stirn nach einer Beule, und Mulder, der sich ebenfalls den Kopf rieb, nutzte die Gelegenheit, das Foto mitsamt dem Buch unter seinem Kopfkissen verschwinden zu lassen. Erst dann kam er zu ihr und erkundigte sich besorgt: "Sind Sie okay, Scully?"
"Mir geht's gut. Wahrscheinlich gibt das noch nicht mal eine Beule."
Trotzdem ließ sie sich widerstandslos von Mulder zu ihrem Bett führen und hielt still, als er ihre Stirn untersuchte.
"Nichts zu sehen. Tut mir leid; das war meine Schuld."
"Schon gut. Wenn Sie nicht wollen, dass ich mir das Foto ansehe, hätten Sie es mir doch einfach sagen können."
Mulder wurde rot. Verdammt, schon wieder so ein dämliches Fettnäpfchen. Wie hätte er aber auch ahnen sollen, dass Scully sich für seine Bücher interessieren würde?
‘Wenn sie wüsste, dass ich ein Foto von ihr als Lesezeichen benutze, das ich ihr noch dazu geklaut habe, würde sie mich umbringen.’
Mit diesem außerordentlich beunruhigenden Gedanken wünschte Mulder seiner Partnerin eine gute Nacht, kroch in sein Bett und schloss die Augen. Das letzte, was er beim Einschlafen vor sich sah war Scully, wie sie auf dem Foto unter seinem Kopfkissen vor dem Haus ihrer Mutter stand und ihn leicht anlächelte.


2. Tag

Nach dem Frühstück, das Mulder zu Scullys Verwunderung ohne größere Katastrophen gemacht hatte, trafen sich die Seminarteilnehmer zu einer Übung, die dem Kennenlernen der gesamten Gruppe diente: Jeder Agent musste einen Kollegen, der nicht sein Partner war, anhand der gestrigen Eindrücke charakterisieren. Nachdem diese Übung beendet war, entließ Eve die Agenten in ihre Freizeit, die sie allerdings mit ihrem Partner verbringen mussten, und machte sich an die Vorbereitungen für den Nachmittag, wo noch individuelle Einzelübungen für die verschiedenen Paare stattfinden sollten, während ihre Kollegin Rhonda ein Seminar mit den Führungsagenten abhielt, bei dem es um die Bewältigung von Stress am Arbeitsplatz ging. Erfahrungsgemäß kamen solche Seminare immer sehr gut an, auch wenn sich Eve und Rhonda zuweilen fragten, was so anstrengend daran sein sollte, den ganzen Tag über in einem geräumigen, klimatisierten Büro zu sitzen und die Arbeit von Agententeams zu koordinieren. Rhonda hatte Eve erzählt, dass sie dieses Mal einen besonders seltsamen Assistant Director dabei hatte, der unter der seltsamen Vorstellung litt, ein ihm unterstelltes Agentenpaar in dessen Freizeit auseinander halten zu müssen. Eve hatte daraufhin ihre Kollegin gebeten, die Seminarstunden so zu legen, dass der Mann seine Untergebenen nicht zu Gesicht bekam. Das fehlte ihr noch, dass der Kerl ihre Bemühungen, die Teams enger zusammen zu bringen, mit seiner albernen Manie zunichte machte...

*****

Scully fragte sich, was sie mit den drei freien Stunden anfangen sollte. Normalerweise nutzte sie ihre Freizeit um zu lesen oder mit einer Freundin zu telefonieren, aber das fiel wohl kaum in die Kategorie ´Freizeitgestaltung mit dem Partner`. Wenn sie es sich recht überlegte, unternahmen sie und Mulder so gut wie nie gemeinsam etwas nach Dienstschluss. Das lag nicht nur daran, dass sie sich den ganzen Tag über im Büro sahen und oftmals tagelang zusammen unterwegs waren, wenn sie einen Fall bearbeiteten, sondern hatte seine Ursache auch in ihren sehr unterschiedlichen Hobbys. Mulder mochte Joggen und Basketball, während Scully ruhige Dinge wie Lesen, Theater oder lange, entspannende Bäder bevorzugte, da sie einfach nicht über die unerschöpfliche Energie ihres Partners verfügte.
"Also, was denken Sie?" riss Mulder sie aus ihren Gedanken.
"Ich denke, dass diese Übung absoluter Blödsinn ist." gab Scully gereizt zurück. "Ich meine, warum sollten wir jetzt krampfhaft versuchen, unsere Freizeit zusammen zu verbringen? Das bringt doch sowieso nichts. Ich würde mich am Liebsten irgendwo verkriechen und lesen, anstatt verzweifelt etwas zu suchen, das wir gemeinsam machen könnten."
‘Wenn er jetzt sagt, da falle ihm schon was ein, bring ich ihn um!’
"Okay, tun wir das."
"Was?" erkundigte sie sich irritiert, da sie befürchtete, ihren letzten Gedanken laut ausgesprochen zu haben.
"Wir setzen uns in unser Wohnzimmer und lesen."
"Und was soll daran die gemeinsame Aktivität sein?"
"Ganz einfach: Wir lesen uns abwechselnd was vor. Sie wollten doch sowieso wissen, worum es in meinem Buch geht. Ich verspreche auch, es kommt kein einziger Außerirdischer vor."
Erst starrte Scully Mulder nur erstaunt an, dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. "Okay, einverstanden. Aber Sie fangen an."
"Gut, also dann... Los jetzt, bevor noch jemand auf die Idee kommt, Vorlesen könnte nicht gelten."

*****

Assistant Director Skinner saß wie auf Kohlen. Er hatte sich nur aus einem einzigen Grund für dieses verdammte Antistress-Seminar gemeldet: Weil er ein wachsames Auge auf Mulder und Scully im Partnerseminar haben wollte, um das Schlimmste verhindern zu können. Und nun schien es, als habe sich alles gegen ihn verschworen: Immer, wenn er Freizeit hatte, befanden sich die Beiden in einer Übung und umgekehrt. Er saß also völlig umsonst an diesem Ort fest, und was noch viel schlimmer war, er musste tatenlos zusehen, wie dieses verfluchte Seminar Mulder und Scully geradezu aufforderte, ihre Distanz aufzugeben. Wenn Skinner ehrlich war, war das das Einzige, was ihm wirklich Stress bereitete.

*****

Nachdem er ein paar gemütliche Stunden mit Scully und seinem Buch auf der Couch verbracht hatte begann Mulder zu denken, dass die Sache mit dem Seminar doch nicht so schlimm war wie er angenommen hatte. Der heutige Tag hatte keine weiteren Peinlichkeiten gebracht und Mulder hoffte, das werde so bleiben.
Er irrte sich. Das wurde ihm klar, sobald er und Scully Evalynn Bower in dem freundlichen Raum gegenüber saßen, in dem ihre Einzelübung stattfinden sollte.
Eve hatte darauf bestanden, die individuelle Übung dieser beiden Agenten selbst zu betreuen, auch wenn sie aus Zeitgründen immer einige Paare an andere Mitarbeiter weitergab. Aber dieses besondere Paar wollte sie sich auf gar keinen Fall entgehen lassen. Sie musterte ihre Gegenüber mit geübtem Blick und erkannte, dass sie im Gegensatz zu gestern regelrecht entspannt wirkten. Gut, das war die ideale Voraussetzung für das Gelingen dessen, was sie sich für sie ausgedacht hatte.
"Agent Scully, Agent Mulder", begann sie und lächelte den Beiden zu.
"Sie haben offensichtlich eine sehr enge und gute Partnerschaft, aber auch zwischen Ihnen gibt es Dinge, die verbessert werden können."
‘Das weiß ich schon seit Jahren. ich würde ja auch gerne daran arbeiten, aber da gibt es noch die FBI-Vorschriften...’
"Ich habe Sie während der einzelnen Übungen beobachtet und dabei festgestellt, dass Sie sich hervorragend aufeinander einstellen können, auch in unerwarteten Situationen, und dass Sie einander ziemlich gut kennen. Das kann aber noch gefördert werden... Mir ist aufgefallen, dass Sie sich mit den Nachnamen anreden, obwohl Sie schon... wie lange zusammen arbeiten?"
"Seit fünf Jahren." half Scully aus, die nicht bemerkte, wie ihr Partner neben ihr unruhig auf seinem Stuhl herumzurutschen begann.
‘Nein, bitte, alles, nur das nicht!!’
"Sie sind nun also seit fünf Jahren Partner. Warum nennen Sie einander nicht einfach beim Vornamen?"
‘Ich hab's geahnt. Das kann nicht ihr Ernst sein. Wie soll ich das jetzt bloß...’
"Es hat sich irgendwie so ergeben, und jetzt haben wir uns daran gewöhnt, und es ist gut, wie es ist."
Scully suchte wie immer nach einer logischen Erklärung, während Mulder neben ihr Blut und Wasser schwitzte.
"Na, ist auch nicht so wichtig; ich möchte, dass Sie einander heute mit dem Vornamen ansprechen, nur um zu sehen, wie Sie sich dabei fühlen."
‘Das kann ich Ihnen schon jetzt sagen, und deshalb ist es auch gar keine gute Idee’
"Also los, wer fängt an? Sie, Agent Mulder?"
‘NEIN!!!!!’
"Kommen Sie, ich bin sicher, Agent Scully wird Sie nicht beißen."
‘Wenn ich es nicht tue, vielleicht gibt sie dann auf, bevor Scully es sagt.’
"Also, so schwer ist das doch nun wirklich nicht. Sagen Sie's einfach: Dana. Sehen Sie, es ist ganz leicht. Da-na."
Am Rand der Verzweiflung sah Mulder zu Scully hinüber die ihn anschaute als wolle sie sagen: Nun machen Sie schon, Mulder, damit wir es hinter uns haben.
‘Los, Mulder, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an, das ist ja richtig albern. Erstens will ich hier raus, und zweitens möchte ich gern, dass Sie mich Dana nennen. Nicht, dass ich Ihnen das jemals sagen würde...’
"Okay", stimmte Mulder schließlich ergeben zu, denn er wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab. Es würde geschehen, und er konnte nur hoffen, dass es nicht so schlimm wurde und dass er sich genügend zusammennehmen konnte, um sich und Scully irgendwelche Peinlichkeiten zu ersparen. Er warf ihr einen kurzen Blick zu als wolle er fragen, ob sie bereit war. Als sie mit den Schultern zuckte, holte er tief Luft. Er fühlte sich wie ein Idiot.
‘Verdammt, du sollst ihr keinen Heiratsantrag machen, sondern nur ihren Namen sagen!’
"Okay...Dana." Es kam ihm ziemlich albern vor, ihren Namen einfach so im Raum stehen zu lassen, und deshalb fügte er hinzu: "Soll ich Ihnen heute Abend beim Kochen helfen? Dann geht's vielleicht schneller."
‘Oh verdammt, das war ja mal wieder ein echt intelligentes Statement. Aber ihr Name... Dana ... Es fühlt sich toll an, das zu sagen. Wie Karamel auf der Zunge. - Nein, denk bloß nicht an Dinge auf deiner Zunge! Reiß dich lieber zusammen!!’
"Sicher - Fox." erwiderte Scully ruhig.
Es war schlimmer, als er erwartet hatte. Sie hatte seinen Namen gesagt, was er aus bestimmten Gründen immer hatte vermeiden wollen, und das auch noch in diesem weichen, liebevollen Tonfall, der wie ein tatsächliches Streicheln war und mit dem sie ihn sicher beruhigen und von seiner vermeintlichen Verlegenheit befreien wollte.
Mulder versuchte, dagegen anzukämpfen, aber es passierte doch wieder, und dieses Mal war es stärker als je zuvor. Eine Welle von Wärme stieg in seinem Innern auf, begleitet von einem heftigen Kribbeln in seinem Bauch, und steigerte sich rasch zu einer schier unerträglichen Hitze, die seine Gedanken blockierte. Purer Instinkt schien die Kontrolle über sein Handeln übernehmen zu wollen, und alles, woran er in diesem Moment denken konnte war, Scully in die Arme zu nehmen und sie zu küssen, ihr den Atem zu nehmen, sie zu lieben. Hier, jetzt, sofort.
"Mulder, ist alles in Ordnung?"
Die besorgte Stimme seiner Partnerin holte ihn in die Gegenwart zurück, erlaubte es ihm, wieder einigermaßen klar zu denken. Scully kam auf ihn zu und wollte seinen Arm berühren, aber er wich hastig zurück, um eine Rückkehr des Verlangens zu vermeiden, das ihn gepackt hatte. Er konnte sich nicht erklären, warum er so reagierte, wenn eine Frau seinen Vornamen sagte, aber Diana hatte es herausgefunden und auszunutzen gewusst. Und jetzt Scully... Ohne ein Wort verließ Mulder den Raum. Er brauchte dringend frische Luft. Viel frische Luft, und eine kalte Dusche, bevor er Scully wieder gegenübertreten konnte.
Kapitel 2 by Sonja K
3. Tag

Um 3.00 Nachts lag Mulder noch immer wach. Er hatte alles versucht, um einzuschlafen, hatte sich so lange im Bett herumgewälzt, bis ihm schwindlig geworden war und Scully in ihrem Bett schlaftrunken etwas von "noch fünf Minuten, Mom" gemurmelt hatte. Danach hatte er sich gezwungen, absolut still zu liegen, um seine Partnerin, die Ursache seiner Schlaflosigkeit, nicht weiter zu stören, und hatte statt dessen Raumschiffe gezählt, die in die Überlichtgeschwindigkeit eintraten, das Fox-Mulder-Äquivalent zum Schäfchen zählen. Als auch das nicht half, versuchte er wenigstens, den Gedanken an das, was während der letzten Übung geschehen war, aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Vergeblich, wie er schnell feststellen musste. Manchmal verfluchte er sein fotografisches Gedächtnis aus tiefstem Herzen, wenn es ihn wie jetzt daran hinderte, die ersehnte Ruhe zu finden. Immer wieder sah er Scullys Gesichtsausdruck, als sie seinen Namen sagte, hörte sie das Wort aussprechen, das ihn verrückt machte, in diesem absolut typischen Scully-Tonfall, der alles nur noch schlimmer machte. FOX... Er hatte von Anfang an geahnt, dass seine Reaktion bei ihr stärker sein würde als bei jeder anderen Frau, die er gekannt hatte, auch wenn Diana sich einige ziemlich effektive Tonlagen angewöhnt hatte, nachdem sie es erst einmal herausgefunden hatte. Trotzdem war Scully, die seinen Vornamen mit dieser völligen Unschuld sagte und nicht ahnte, was sie damit in ihm auslöste, bei Weitem das Aufregendste, was er seit langer Zeit erfahren hatte, vielleicht sogar in seinem ganzen bisherigen Leben. Er hatte das erwartet und deshalb alles getan, um sie davon abzuhalten, ihn jemals Fox zu nennen. Als Erstes hatte er sich angewöhnt, sie Scully zu nennen und war auch nur in Ausnahmefällen davon abgewichen, obwohl ihm der Klang ihres Vornamens sehr gefiel. Und als sie dann doch einmal die Grenze überschritten hatte, hatte er ihr mit aller Deutlichkeit klargemacht, dass er das nicht wollte. Er hatte gedacht, damit sicher zu sein, und so war es auch gewesen - bis heute.
‘Denk nicht mehr dran, das ist viel zu gefährlich!’ befahl er sich selbst und versuchte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Unglücklicherweise klappte das nicht; sie kehrten immer wieder zu Scully zurück, die nach seiner hastigen Flucht nicht einmal wütend gewesen war, sondern nur besorgt. Nachdem sie ihn schließlich gefunden hatte - er hatte inzwischen glücklicherweise Zeit gehabt, sich wieder einigermaßen zu fangen - hatte sie sich erkundigt, was mit ihm los sei, und hatte sich entschuldigt, auch wenn Mulder keine Ahnung hatte wofür. Zum Glück hatte sie keine Anstalten gemacht, ihn wieder beim Vornamen zu nennen, sondern war zur vertrauten Anrede zurückgekehrt. Weiß der Himmel, was sonst noch passiert wäre... ‘Halt! Wag es nicht, darüber nachzudenken!’
Mulder stoppte den gefährlichen Gedankengang gerade noch rechtzeitig, indem er auf Scullys gleichmäßigen Atem lauschte. Auch das war riskant, aber im Augenblick ganz sicher nicht so gefährlich wie gewisse andere Gedanken...

*****

Es stellte sich heraus, dass die Übung an diesem Vormittag beinahe noch schlimmer war als das Einzeltraining, das die Paare am vergangenen Nachmittag hatten absolvieren müssen. Scully hatte mit einigen ihr bekannten Agenten gesprochen und erfahren, dass auch deren Aufgaben alles andere als angenehm gewesen waren, und Mulder, der nicht umhin kam das Gespräch mit anzuhören, da er wie immer bei gesellschaftlichen Anlässen wie ein braves Hündchen neben ihr stand, hatte sich gefragt, wer sich derartigen Blödsinn ausdachte und wozu zur Hölle das gut sein sollte. Einige Agenten wollten nicht einmal darüber reden, was man ihnen in den Einzelübungen aufgetragen hatte, sodass es gar nicht auffiel, dass auch er und Scully darüber schwiegen. Aber selbst der peinliche Zwischenfall von gestern schien im Vergleich zu dem, was heute von den Agenten verlangt wurde, zu verblassen.
Eve führte sie in einen großen, mit Fliesen ausgelegten Raum, der zum größten Teil von einem in den Boden eingelassenen Becken eingenommen wurde, das bis zum Rand mit Wasser gefüllt war. Bevor irgend jemand etwas sagen konnte, ergriff Eve schon das Wort: "Also, jetzt wissen Sie, warum Sie Ihre Badesachen mitbringen sollten. Die Umkleideräume sind dort drüben. Und falls sich jetzt jemand fragt, wozu das gut sein soll: Es geht darum, Spannungen zu lösen und einfach mal zusammen Spaß zu haben. Also, los geht's."
‘Spaß’, dachte Scully angewidert. Sie konnte sich eine Menge Möglichkeiten vorstellen, Spaß mit Mulder zu haben, und wenn sie ganz ehrlich war, waren auch einige dabei, die einem näheren Vergleich mit den Vorschriften des Bureaus keinesfalls standhalten würden, aber keine beinhaltete eine Wasserschlacht im Badeanzug mit einer Horde anderer Agenten, die allesamt aussahen, als vermissten sie schon jetzt ihre Krawatten und hochgeschlossenen Blusen.
Anders als die meisten seiner männlichen Kollegen, die in dieser Übung eher eine Gelegenheit zu sehen schienen, ihre Kolleginnen ungeniert anzustarren und beleidigende Kommentare über ihre Figuren abzugeben als dass sie ihre Partnerschaften zu festigen versuchten (zumindest nicht auf die Art, wie es von ihnen erwartet wurde), fühlte sich Mulder in seiner schwarzen Badehose mehr als fehl am Platz. Zwar kam auch er nicht umhin zu bewundern, wie gut Scully in ihrem marineblauen Badeanzug aussah, aber er war weit davon entfernt, sie mit offenen Mund und sabbernd anzustarren - zumindest hoffte er das.
Scully bekam mehr und mehr den Eindruck, dass sich diese Angelegenheit zu einer mehr als unangemessenen Fleischbeschau für die Männer entwickelte, und sie hielt sich in Mulders Nähe, um im Notfall... Eigentlich wusste sie selbst nicht so genau, warum sie es tat; ihr Partner würde sie kaum vor den mehr oder weniger ungenierten Blicken der anderen Männer beschützen können, und sollte es zu einer Auseinandersetzung kommen, war sie durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen, aber trotzdem fühlte sie sich aus irgendeinem Grund wohler, wenn sie Mulder bei sich wusste. Wenigstens versuchte er nicht, ihr den Badeanzug mit seinen Blicken auszuziehen.
Ganz anders als Steve, den die neue Umgebung und die Atmosphäre ungewohnt dreist werden ließen. Er kam auf Scully zu, die regungslos neben Mulder stand und verständnislos auf den Haufen alberner Menschen blickte, der im wirklichen Leben aus lauter anständigen FBI-Agenten bestand.
‘Und sowas soll nun die Ordnung in unserem Land aufrecht erhalten’, dachte sie bei sich. ‘Armes Amerika!’
Sie bemerkte Steve erst, als er an einem der Träger ihres Badeanzugs zog und ihn dann wieder auf ihre Schulter zurückschnappen ließ.
"Hey, Maus, wie geht's?" erkundigte er sich mit einem breiten Grinsen und fügte vielsagend hinzu: "Wir sollen hier Spaß haben, also los, werd mal ein bisschen locker."
Bevor die vor Empörung völlig perplexe Scully ihre Sprache wiederfinden konnte, mischte sich Mulder ein. Er trat einen Schritt vor und versperrte Steve die Sicht auf Scullys Ausschnitt.
"Beleidigen Sie sie noch mal, und ich gebe Ihnen ein paar Minuten Tauchunterricht, zur Auflockerung." sagte er in einem ruhigen Ton, der kein Zeichen von Anspannung verriet. Seine Augen dagegen sprachen eine ganz andere Sprache. Ein Blick und Steve wusste, dass er zu weit gegangen war und dass Mulder nicht zögern würde, ihn in die Schranken zu weisen, sollte er es noch einmal versuchen. Da er keine Auseinandersetzung wollte, gab er klein bei und zog sich zurück.
Mulder wandte sich wieder Scully zu und streckte ihr die Hand hin.
"Kommen Sie, wir verschwinden. Das ist doch absolut albern und außerdem sexistisch." sagte er laut genug, dass es einige der Umstehenden hören konnten und zog Scully mit sich aus dem Raum, nachdem sie seine Hand ergriffen hatte.
Erst sahen ihnen die Anderen schweigend nach, dann ergriff eine Frau das Wort: "Ich finde, er hat recht. Guckt euch doch an, wie die Typen glotzen."
Eine zweite fuhr ihren Partner an: "Starr gefälligst nicht so. Du bist verheiratet, und einen gewissen Respekt vor Frauen kann man wohl sogar bei dir voraussetzen!" Nach und nach machten alle Agentinnen ihrem heimlichen Ärger über die Situation Luft, und weniger als fünf Minuten später war keine einzige Frau mehr im Raum. Keine von ihnen würde es je zugeben, aber sie alle beneideten Scully um ihren couragierten Partner, der sie nicht nur beschützt hatte, sondern auch noch ein Gentleman war. Und ein verdammt gutaussehender noch dazu...
Evalynn Bower beobachtete seufzend die Szene. Sie hatte diese Übung seit Jahren durchgeführt, aber ihr war nie bewusst geworden, wie unangenehm sie für einen großen Teil der Beteiligten sein musste, besonders seit so viele gemischte Paare an den Seminaren teilnahmen. Es gefiel ihr nicht sonderlich, dass es so ausgegangen war, aber zumindest hatte sie einige interessante Eindrücke von dem Paar bekommen, dem ihre besondere Aufmerksamkeit galt: Nicht nur Dana Scully schien sich für ihren Partner verantwortlich zu fühlen; das Gleiche galt auch umgekehrt. Diese Beiden harmonierten so gut miteinander, dass sich Eve allmählich fragte, wer auf die Idee gekommen war, sie zu einem Partnerseminar zu schicken.
‘Das Geld hätten die sich auch sparen können’ dachte sie, als sie die nächste Übung vorbereitete und sich gleichzeitig überlegte, wie sie die Scherben des Zwischenfalls wieder kitten konnte.

*****

Scully konnte sich nicht erklären, warum Mulder so still war. Seit ihrem Aufsehen erregenden Abgang am Morgen hatte er so gut wie kein Wort mit ihr gesprochen und kaum auf ihre Fragen geantwortet. Statt dessen hatte er sich auf die Couch gesetzt (‘heimisches Terrain?’, fragte sich Scully) und gelesen. Oder zumindest so getan. Scully wusste, dass er nicht wirklich las, denn sie spürte seinen Blick, und wann immer sie in seine Richtung schaute, senkte er seine Augen hastig auf das Buch, das er zu allem Überfluss auch noch verkehrt herum hielt.
‘Deutlicher geht's ja wohl nicht. Wenn er nicht mit mir reden will, dann kann er es doch ebensogut sagen, anstatt sich so albern aufzuführen.’
Mulder wollte in der Tat nicht mit Scully sprechen. Na gut, eigentlich wollte er es doch, aber es wäre keine gute Idee gewesen. Das, was er ihr sagen wollte, war nämlich absolut nicht geeignet für die Ohren seiner Partnerin. ‘Und nur das ist sie, klar? Du kannst ihr nicht einfach sagen, dass sie im Badeanzug toll ausgesehen hat und dass du am Liebsten beim Direktor des FBI einen Vorschlag zur Änderung der Dienstkleidung in diese Richtung einreichen würdest. Also halt besser gleich ganz den Mund!’
Mulder versuchte, sich wieder auf sein Buch zu konzentrieren, und zum ersten Mal an diesem Tag gelang es ihm...
‘Oh Shit! Jetzt bloß nicht rot werden. Hoffentlich hat sie nichts gemerkt!’
Mulders Hoffnung stellte sich als vergeblich heraus; natürlich hatte Scully bemerkt, dass er sein Buch verkehrt herum hielt. Er konnte es an ihrem Blick sehen. Und jetzt kam sie auch noch zu ihm und nahm ihm das Buch aus der Hand. ‘Hilfe!’
Scully legte das Buch auf den Tisch und schob das Lesezeichen zwischen die Seiten, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Dann setzte sie sich neben Mulder auf die Couch und zwang ihn, sie anzusehen. Sie brauchte ihn dafür noch nicht einmal zu berühren; ihr Blick genügte vollkommen, um seine volle Aufmerksamkeit zu erlangen. So war es immer: Scully brauchte ihm nur einen ihrer Blicke zuzuwerfen, und Mulder kam sich vor wie ein kleiner Junge, der vor seine Lehrerin zitiert wird. Ganz im Gegensatz zu diesem Gefühl war Scully aber gar nicht darauf aus, ihn zu tadeln. Statt dessen erkundigte sie sich ruhig: "Mulder, was ist eigentlich los mit Ihnen? Sie müssen sich doch nicht deswegen schämen, was vorhin passiert ist. Das ist eine vollkommen natürliche Reaktion auf den Anblick vieler attraktiver Frauen im Badeanzug, und es muss Ihnen vor mir nicht peinlich sein. Schließlich bin ich Ärztin."
‘Oh Gott, sie hat es gesehen. Verdammt, und jetzt denkt sie... ´Reaktion auf viele attraktive Frauen im Badeanzug`! Wenn sie wüsste, worauf das eine Reaktion war, würde sie mich auf der Stelle erschießen. Also sag ich besser gar nichts, auch wenn sie jetzt denkt, ich bin wie diese Idioten. Aber besser ein lebender Idiot als ein toter...’
"Äääääh, Scully... Das tut mir leid. Ich meine, erst sage ich diesem Steve, er soll Sie in Ruhe lassen, und dann benehme ich mich selbst wie ein Höhlenmensch."
‘Wenn sie mich gestern bloß nicht Fox genannt hätte...’
"Schon gut, Mulder. Sie brauchen sich deswegen nicht schlecht zu fühlen. Steve hätte viel eher einen Grund dazu, wenn Sie ihn nicht rechtzeitig verscheucht hätten. Fragen Sie nicht, was ich dann mit ihm gemacht hätte."
‘Den Teufel werd ich tun!’
Mulder wand sich innerlich unter Scullys noch immer auf ihm ruhenden Blick und fragte sich, wie er aus dieser wirklich verdammt unangenehmen Situation wieder herauskommen und möglichst unauffällig im Erdboden versinken sollte, als ihm Scully zu Hilfe kam, indem sie auf die Uhr sah und bemerkte: "Wenn wir noch rechtzeitig zur nächsten Übung kommen wollen, müssen wir jetzt aber langsam los."
Erleichtert stand Mulder auf, froh, ein wenig mehr Raum zwischen sich und das Objekt seiner Verwirrung und diverser Peinlichkeiten zu bringen. Seine Partnerin sah ihm kopfschüttelnd nach, bevor sie auch aufstand und ihm folgte.

*****

Man konnte über Eve Bower sagen was man wollte; sie bot eine perfekte Show und gab alles, um die Panne vom Vormittag zu beheben. Dabei scheute sie sich nicht, einen großen Teil der Verantwortung selbst zu übernehmen, und als sie auch noch sagte, sie werde sich für die folgenden Seminargruppen bessere Übungen ausdenken, hatte sie es geschafft, das Vertrauen der Agenten in ihre Kompetenz nicht nur wiederherzustellen, sondern sogar noch zu verstärken. Mulder konnte über ihr Geschick nur staunen, und er fragte sich, warum eine Frau mit ihren Fähigkeiten nicht eine vielversprechendere Karriere anstrebte.
Er beantwortete seine Frage selbst, als Eve die letzte Übung des Tages und somit des gesamten Seminars ankündigte. Es war ihm plötzlich vollkommen klar, warum Evalynn Bower prädestiniert für ihren Job war: Es machte ihr einfach Freude, andere Menschen in peinliche Situationen zu bringen. Anders konnte sich Mulder nicht das Lächeln erklären, mit dem sie erläuterte, was die Agenten tun sollten: "Jedes Paar setzt sich einander gegenüber hin. Verteilt euch ein bisschen im Raum, damit nicht jeder mithören kann, was die Anderen sagen. Dann fängt ein Partner an, etwas zu erzählen, egal was; es kann eine Anekdote aus seinem Leben sein, Klatsch oder der Inhalt des letzten Films, den er gesehen hat."
‘Ich wäre wirklich dankbar, wenn Mulder das nicht erzählt.’
"Jeder muss fünf Minuten ununterbrochen sprechen, und der Partner darf in keiner Form auf das Gehörte reagieren. Danach wird gewechselt, und der Zuhörer spricht fünf Minuten lang, ohne unterbrochen zu werden. Es ist egal, ob er auf das vom Partner Gesagte eingeht oder etwas ganz Anderes erzählt, denn am Ende müssen beide gemeinsam das zusammenfassen, was sie gehört haben. Keine Angst, Sie müssen die Ergebnisse nicht vor der Gruppe vortragen, denn hierbei geht es um die persönliche Kommunikation zwischen den Partnern, und die muss nicht unbedingt vor allen Leuten breitgetreten werden. Das hier ist schließlich keine Selbsthilfegruppe."
Alle lachten oder versuchten wenigstens, ein Lächeln zu unterdrücken, da sie genau das Gleiche auch schon gedacht hatten, und verteilten sich in Zweiergruppen im Raum. Mulder und Scully erwischten einen Platz weit entfernt von den Anderen direkt neben der Tür, denn außer ihnen hatten alle Paare versucht, möglichst dicht am Fenster zu landen. ‘Wahrscheinlich, damit sie sich beim Sprechen nicht in die Augen sehen müssen’ vermutete Scully, die einmal mehr für das gnädige Schicksal dankbar war, das ihr Mulder als Partner beschert hatte. Egal was sie ihm gleich erzählte, es konnte nicht peinlich werden, da sie einander schon in so ziemlich jeder denkbaren Verfassung gesehen und die beschämenden kleinen Details über den jeweils Anderen wussten. Schlimmer als das konnte ein Fünfminutenmonolog nicht werden, also setzte sie sich ihrem Partner gegenüber hin und blickte ihn auffordernd an.
"Sie fangen an." bestimmte sie und Mulder gab nach, wie immer, wenn es nicht gerade um eine X-Akte oder um die Existenz Außerirdischer ging.
"Okay", begann er und schwieg dann einen Moment. "Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich Ihnen erzählen soll denn alles, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, habe ich mit Ihnen erlebt. Sie kennen meine Vergangenheit, wissen, wie ich meine Wochenenden verbringe, und Urlaub hatte keiner von uns in der letzten Zeit. Was könnte ich Ihnen da..." Er stockte und unterbrach sich: "Doch, jetzt weiß ich's. Ich werde Ihnen etwas erzählen, das Sie garantiert noch nicht wissen."
Trotz seines spielerischen Tonfalls war sein Gesicht ernst, und Scully fragte sich, was jetzt kommen würde. Mulder holte tief Luft und begann: "Scully, ich bin sicher, dass Sie eins nicht über mich wissen, egal wie gut Sie mich kennen. Es gibt in meinem Leben... Da ist eine Frau, die mir sehr viel bedeutet, mehr als es ein Partner oder Freund jemals könnte. Sie ist wunderschön und klug und fürsorglich und... na ja, sie ist perfekt."
Scully hoffte, dass ihr nicht allzu deutlich ins Gesicht geschrieben stand, wie ihr Herz brach. ‘Also das ist der Grund, warum nie etwas zwischen uns passiert ist. Es hätte schließlich genug Gelegenheiten gegeben, um...’
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als Mulder weitersprach: "Ich weiß, wie albern das klingt, aber ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich habe ihr nie gesagt, wie sehr ich sie liebe weil ich dachte, das würde zerstören was wir haben. Sie sieht mich nicht in der Weise wie ich sie sehe, seit Jahren schon. Aber ich kann das einfach nicht mehr. Scully... Dana, ich wusste schon von dem Moment an, als du mein Büro das erste Mal betreten hast, dass ich mich in dich verlieben würde, und genau das ist auch passiert. Ich liebe dich, und ich will mit dir zusammen sein, und ich hoffe, dass ich jetzt nicht unsere Freundschaft ruiniert habe, aber das musste einfach gesagt werden, und wenn du dich deswegen in eine andere Abteilung versetzen lassen willst..."
In dem Moment unterbrach Eve Bower die Agenten mit dem Hinweis, die fünf Minuten seinen um und sie müssten tauschen. Mulder wagte es nicht, Scully anzusehen aus Angst vor ihrer Reaktion. Er hatte nicht vorgehabt, ihr eine Liebeserklärung zu machen; es war ganz spontan geschehen, und das war schon gut so. Er würde damit leben müssen, was immer sie auch tun würde, und auch wenn er eigentlich gar nicht so genau wissen wollte, was sie jetzt von ihm dachte, irritierte ihn ihr Schweigen doch ein wenig. Schließlich schaute er doch zu ihr auf und stellte erstaunt fest, dass ihr Gesicht keine Regung zeigte und nichts von ihren Gedanken verriet.
‘Was hast du erwartet? Dass sie dich mit offenem Mund anstarrt? Bitte, du kennst doch Scully!’
Endlich hatte sich Scully so weit gefasst, dass sie sprechen konnte ohne zu stottern, was ihr trotz ihrer vorherigen Gedanken dann doch ziemlich peinlich gewesen wäre.
"Mulder", begann sie vorsichtig. "Ich muss zugeben, dass Sie mich hier einigermaßen kalt erwischt haben. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für Schmetterlinge im Bauch?"
‘Dana, du plapperst!’ rief sie sich zur Ordnung, bevor sie fortfuhr: "Aber auch wenn ich nicht weiß was ich sagen soll; was ich tun werde, weiß ich. Und ich werde mich auf gar keinen Fall versetzen lassen. Wenn hier nicht so viele Leute wären, würde ich dich einfach küssen..."
Auch wenn sein Herz gerade einen Freudentanz aufführte bemerkte Mulder doch dieses gewisse Funkeln in den Augen seiner Partnerin, das ihm anzeigte, dass er in Schwierigkeiten war. In den besten Schwierigkeiten zwar, die er sich denken konnte, aber definitiv in Schwierigkeiten.
"Ich würde", fuhr Scully todernst und beinahe flüsternd fort - nicht auszudenken, wenn das jemand mithörte - "mich zu dir hinüberbeugen, immer dichter, bis ich deinen Atem auf der Haut spüren könnte und du meinen, und unsere Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt sind. Dabei würde ich dir die ganze Zeit in die Augen sehen, und wenn sich unsere Nasenspitzen berühren, würden wir einen Moment lang so bleiben, Nase an Nase, und diese erste Berührung auskosten, so lange, bis wir es nicht mehr aushalten und du den Kopf ein kleines bisschen drehst, um mir noch näherkommen zu können. Kurz vor dem Punkt, wenn sich unsere Lippen treffen, würdest du anhalten und mich ansehen um sicher zu sein, dass ich das wirklich will. Und ich will es, weil ich es schon immer gewollt habe, und deshalb würde ich dir entgegenkommen und meine Lippen an deine legen. Sie würden eine Weile nur aneinander ruhen, bevor ich anfange, deine Unterlippe zu küssen, wie ich es schon immer tun wollte, seit ich dich das erste Mal habe schmollen sehen. Du würdest ganz stillhalten, bis mein Kuss dir nicht mehr genügt und du anfängst, ihn zu erwidern, vorsichtig und leicht, und schließlich ganz sanft mit deiner Zunge die Konturen meiner Lippen nachzeichnest. Du willst wissen, wie ich schmecke, und ich will dasselbe von dir erfahren, und deshalb würde ich meine Lippen ein wenig für dich öffnen und..."
Mulder war sich nicht im Klaren darüber ob es ein Glück war, dass Eve in diesem Moment verkündete, die fünf Minuten seien zu Ende. Einerseits hätte er Scully... Dana noch stundenlang zuhören können, wie sie ihren ersten Kuss beschrieb und dabei wie hypnotisiert auf ihre Lippen starren, aber andererseits hatten ihre Worte auf ihn etwa die gleiche Wirkung als spräche sie seinen Vornamen aus.
‘Nicht daran denken!’ Aber es war schon zu spät. ‘Shit! Nicht schon wieder!’
Mulder fluchte innerlich und versuchte erfolglos, sich so hinzusetzen, dass es nicht für alle Welt offensichtlich wurde, dass ein etwas weiter südlich gelegener Teil seiner Anatomie soeben das Denken übernommen hatte. Scully bemerkte es natürlich und rückte mit ihrem Stuhl ein wenig zur Seite, um ihn von den Blicken der Anderen so gut es ging abzuschirmen, wobei sie ihm ein schuldbewusstes Lächeln zuwarf. Schließlich war sie nicht ganz unschuldig an seinem Zustand.
Mulder beugte sich erleichtert zu ihr und flüsterte: "Danke."
"Wofür?" gab sie ebenso leise zurück. "Wir sind Partner, und von uns wird erwartet, einander den Rücken zu decken."
"Den Rücken ja nun nicht gerade." ‘Autsch! Kannst du nicht wenigstens einmal die Klappe halten?’
Aber Scully schien ihm seine Bemerkung nicht übelzunehmen; sie bedachte ihn mit einer hochgezogenen Braue und grinste.
"Was haben wir denn jetzt aus dieser Übung gelernt?" erkundigte sie sich trocken.
"Hmmmmm... lass mich nachdenken. Dass wir unbedingt an einen Ort müssen, wo wir ungestört sind?"
"Mulder!"
Er war die personifizierte Unschuld. "Was hab ich denn jetzt schon wieder gesagt?"
Evalynn Bower beobachtete die Frotzeleien der Beiden von Weitem. Sie wusste nicht was, aber irgend etwas hatte sich zwischen ihnen verändert, und zwar gravierend. Sie konnte sich allerdings nicht vorstellen, wie das innerhalb von zehn Minuten möglich sein sollte, und etwas sagte ihr, dass sie es nie herausfinden würde, egal wie sehr sie es versuchen mochte. Also entließ sie die Agenten mit der Aufforderung, am nächsten Morgen zur Auswertung des Seminars zu erscheinen und beschloss, das Mulder/Scully-Team unter dem Aktenzeichen für besondere Fälle abzulegen - unter X.

4. Tag

Das nervtötende Piepen des Weckers riss Scully aus einem tiefen Schlaf. Sie rieb sich die Augen und schlug nach dem Störenfried, der daraufhin verstummte. In der nun folgenden Stille sah sie sich um und versuchte herauszufinden, wo sie sich befand. Eine besitzergreifend auf ihrer Hüfte plazierte Hand gab ihr die Antwort und sie musste lächeln, als ihr die Ereignisse des gestrigen Abends wieder einfielen. Mulder... Fox ‘nenn ihn bloß nicht in der Öffentlichkeit so’ hatte ihr von seinem Problem erzählt, und sie war beinahe an ihrem unterdrückten Lachen erstickt. Dann hatten sie sich geküsst, und es war genauso gewesen, wie sie es ihm beschrieben hatte, und dann...
Allein die Erinnerung an die vergangene Nacht ließ die Schmetterlinge in Scullys Bauch wieder erwachen, und sie kuschelte sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, wieder dicht an Mulder und schloss die Augen, wobei sie das neu entdeckte Gefühl von Haut an Haut in vollen Zügen genoss. Mochte die Welt sich auf den Kopf stellen und die Anderen von ihr denken, was sie wollten, sie würde jetzt auf gar keinen Fall aufstehen und zur Seminarauswertung gehen. ‘Obwohl das hier ja auch gewissermaßen eine Auswertung des Seminars ist...’
"Dana?" Mulder klang noch ziemlich schläfrig, aber im Gegensatz zu ihr wusste er sofort, wo er sich befand und wer bei ihm war.
"Mhm..."
"Müssen wir schon aufstehen?"
"Nein. Wir schwänzen heute Morgen."
"Okay." Mulders Ton verriet sein Erstaunen, und Scully grinste innerlich. Sie hatte es doch mal wieder geschafft, Mulder zu überraschen, und zwar auf eine Art, die er schätzte, wie sie daran erkannte, dass er sie fester in seine Arme zog.
‘Gutenmorgenküsse - daran könnte ich mich gewöhnen.’
"Weißt du", begann Mulder schließlich, als er wieder einigermaßen Luft bekam, "ich glaube, allmählich verstehe ich, was Kinsley und Stonecypher an diesen Partner- und Kommunikationsseminaren finden. Uneingeschränkte Möglichkeiten weit weg von den wachsamen Augen der Vorgesetzten..."
Scully sah ihn groß an.
"Du meinst, die Beiden..."
"Natürlich. Das ist doch ganz offensichtlich. Dieses steife Getue und das gezwungene Bemühen, einander nur ja nicht beim Vornamen zu nennen, die verstohlenen Blicke und unnötigen Berührungen... Sag bloß, das ist dir nicht aufgefallen."
Scully dachte einen Moment nach und nickte dann. "Stimmt; jetzt, wo du's sagst... Die Beiden haben sich aber auch wirklich nicht sonderlich gut verstellt."

*****

Nachdem er sie auf der Abschlussveranstaltung nicht gesehen hatte, suchte Skinner nun auch auf dem Parkplatz nach Mulder und Scully. Sie würden doch nicht einfach ohne ihn abgefahren sein? Nein, ganz sicher nicht. Mulder würde er das zutrauen, aber Scully... Plötzlich fiel ihm siedendheiß ein, dass Scully in ihrem eigenen Wagen gekommen war. Also konnte es durchaus sein, dass Mulder ihn hier hatte sitzen lassen. Skinner ballte die Hände in seinen Manteltaschen zu Fäusten.
‘Gaaaaanz ruhig, Walter, denk an die Übungen. Zähl bis zehn und atme... ein, aus, ein, aus...’
Ein Mann tippte dem AD von hinten auf die Schulter, nicht ahnend, in welche Gefahr er sich damit begab.
"Entschuldigen Sie, Sir. Sind Sie Walter Skinner?"
"Ja." Zu seinem eigenen Erstaunen klang Skinners Stimme nur ein wenig ungehalten.
"Ich hab eine Nachricht für Sie."
"Danke." Damit riss Skinner dem Mann den Umschlag aus der Hand, den dieser ihm entgegenstreckte, und öffnete ihn hastig. Zuerst fiel ein Wagenschlüssel heraus, den Skinner in die Tasche steckte, bevor er zu lesen begann.

Sehr geehrter AD Skinner,
Wir sind schon vor der offiziellen Abschlussveranstaltung abgefahren, hielten es aber für unnötig, dass Sie auch darauf verzichten, da Sie genauso gut in Agent Mulders Wagen zurück nach Washington fahren können, dessen Schlüssel beiliegt.
Weiterhin bitten wir Sie um die Genehmigung, eine X-Akte in Florida zu bearbeiten. Sollten Sie diese aus irgendwelchen Gründen verweigern, rufen Sie uns bitte innerhalb der nächsten 24 Stunden an, da wir sonst davon ausgehen, dass Sie einverstanden sind.
Hochachtungsvoll,
Special Agents
Fox Mulder,
Dana Scully

Mit einem Geräusch, das sehr an das Knurren eines wütenden Hundes erinnerte, zerknüllte Skinner den Zettel und machte sich auf den Weg zurück zum Gebäude, um sich nach dem Termin für das nächste Antistress-Seminar zu erkundigen. Er hatte irgendwie das Gefühl, dass er es bitter nötig haben würde...

~ Fini ~
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