Intra unguis mortifer by Kit-X
LesenswertSummary: Am fünften Tag stellte Gott fest, dass ihm das, was er geschaffen hatte, nicht gefiel.
“Tiere", sprach er, “ihr habt doch ganz anders aussehen sollen!"
Und er ärgerte sich darüber, dass sie ihm misslungen waren. Ergriffen von seinem Zorn über die misslungenen Geschöpfe, ballte er die im Weltraum dahinschwebenden Gase und Körper zu einem gewaltigen Asteroiden zusammen und schleuderte ihn auf die Erde, so wie ein enttäuschtes Kind seine Sandburg zerstört, wenn es sieht, dass sie zum Untergang geweiht und zudem noch nicht so recht gelungen ist.
Die Kreaturen, die auf der Erde weilten, wussten nichts von Gottes Zorn. Sie waren vollkommen ahnungslos, bis sie eine zweite Sonne am Horizont aufgehen sahen, die auf die Erde hinabzustürzen schien.
Categories: Romance > Mulder/Scully Characters: Dana Scully, Fox Mulder, Multi-Characters, Original Character(s)
Award-Winner: Keine
Sprache: Deutsch
Tags: Adventure, General, Romance, X-File
Challenges:
Series: Keine
Chapters: 10 Completed: Ja Word count: 92485 Read: 19567 Published: 19 Sep 2014 Updated: 19 Sep 2014
Story Notes:
Date of writing: Holla - mehrere Wochen! Entstehungsdatum lag zwischen 1998 und 1999.

Vorwort: Mein Dank richtet sich an alles und jeden, der mir geholfen hat, diese FanFic zu schreiben - oder besser “schreiben zu lassen". Ich weiß, dass ich darin eine Menge Zeit, Begleitmaterial und auch Druckerschwärze investiert habe, und ich weiß auch sehr wohl, dass ich die eine oder andere Hausaufgabe verschoben habe, nur um einen Ideenfluss, der gerade mal tätig war, ausleben zu können. Aber dafür hat mir das Schreiben sehr viel Spaß gemacht - und manchmal kam es mir beinahe so vor, als würde ich die Ereignisse in der Story am eigenen Leib miterleben. Ich ertappte mich beim Schreiben sehr oft dabei, dass ich ein erschrockenes Gesicht machte, wenn es auch die Hauptpersonen in dieser Fic machen, oder dass ich richtig zappelig wurde, wenn ich mich daran machte, die vielen Szenen mit den Raubechsen abzutippen. Besonderen Spaß hat es mir gemacht, verschiedene Bücher zu wälzen - Atlanten, Bildbände, Lexika -, bloß um die Geschehnisse und vor Allem auch die situative Umgebung bildhaft und realistisch darstellen zu können.
Ich weiß noch recht genau, wie ich dem wunderbaren Buch “Die Wunder der Erde" aus dem Kaiser-Verlag auf den eindrucksvoll bebilderten Bericht über die Tasaday stieß, einem kleinen Menschenvolk, das nach wie vor lebt, wie wir vor 5.000 Jahren gelebt haben - wie in der Steinzeit. Der Artikel faszinierte mich, und ich wollte eine Geschichte schreiben, in der ein ähnliches Volk eine Rolle spielen sollte. Als Hauptschauplatz wählte ich - den Tasaday zu Ehren - deren Heimat, die Insel Mindanao inmitten des Pazifik. Mein großes Interesse für Archäo- und Paläontologie bewegte mich dazu, genau diese Insel zu einer sprichwörtlichen “Vergessenen Welt" zu machen, wobei ich mich - mit Verlaub - auch sehr stark an das gleichnahmige Buch hielt. Die Idee, dass urzeitliche Giganten hier irgendwo auf Erden überlebt haben könnten, irgendwo im tiefsten, undurchdringlichen Dschungel, fernab der Zivilisation, begeisterte mich von Anfang an. Und so kam es dazu, dass ich Mindanao zum Chambala des Pazifiks machte, zu einem Ort, an dem sich das Leben mehrerer Jahrmillionen repräsentieren sollte - in trauter Gemeinsamkeit.
Natürlich bildete all das erst einmal ein grobes Skelett der Story. Wichtige Fragen blieben aus: Wie sollte die Menschheit auf die Überbleibsel vergangener Zeit aufmerksam gemacht werden? Aus welchen Beweggründen würde eine Expedition nach Mindanao reisen? Und sollte die Öffentlichkeit von dem wahrlich alten Geheimnis der größten Insel der Philippinen erfahren?
Wieder waren es meine Interessen und Neigungen, die das sich vervollkommende Bild bestimmten. Meine Vorliebe für die US-Kultserie “The X-Files" bewegte mich dazu, der Story einen mystischen Touch zu verleihen - und mir gleichzeitig die beiden Hauptdarsteller der Serie zu “auszuborgen", um sie zu einem der vielen Dreh- und Angelpunkte der Story zu machen. Durch einen ungewöhnlichen Mord sollten sie Schritt für Schritt auf die Urtiere aufmerksam gemacht werden, unterstützt von unzähligen anderen Personen, die sich an der großen cherché beteiligen. Am Anfang jagen sie scheinbar noch Phantomen hinterher, doch diese verwandeln sich sehr bald in Wesen aus Fleisch und Blut, in Wesen, deren fortwährende Existenz als unmöglich erscheint.
Aber warum, so frage ich, ist die Annahme, dass Vertreter als ausgestorben geltender Tierspezies bis zum heutigen Tage überlebt haben, in den Augen vieler Menschen so abwegig? Hat uns die Entdeckung des Quastenflossers nicht gezeigt, dass das Überleben möglich ist? Kryptozoologen streiten bis heute darüber, ob das Megalodon in den Tiefen des Pazifik, höchstwahrscheinlich im Mariannen-Graben, noch sein Unwesen treiben könnte. Es gibt keine Beweise dafür - aber auch keine dagegen. Und wer das nicht so recht glauben will, der sollte Steve Altons “Meg" lesen, ein Horror-Thriller, der - angesichts der vielen “wiederentdeckten" Tierarten - gar nicht so unrealistisch wirkt - eher beängstigend. Denn was ist der “Weiße Hai" schon gegen ein über zwanzig Meter langes Ungetüm, dessen unbändige Kraft ganze Schiffe zu zerstören im Stande ist? Oder was ist mit den Legenden über Seeschlangen und Riesenkraken? Aber dazu habe ich hier in dieser Fic ja genügend Material und Argumente aufgeführt.
Einige Abschnitte der Geschichte basieren auch auf Anregungen einer “Eingeweihten", so zum Beispiel die unheimlichen Ghouls, Dämonen aus den weitverbreiteten John Sinclair-Romanen, die ich bis dato noch nicht kannte. Demnach musste ich mich in Bezug auf Ghouls von “Experten" aufklären lassen. Das Erscheinungsbild der “enttarnten" Monster entspringt jedoch meiner Phantasie, denn von John Sinclair habe ich im Nachhinein nur ein Buch gelesenen - und das hatte mehr mit schottischen Geister-Geschichten zu tun, als mit mutierenden Aasfressern.
Der Kinohit “Jurassic Park" brachte mich auf die Idee, die giftspuckenden Dilophosaurier zu einem wichtigen Aspekt in dieser Story werden zu lassen, zu einer Feindpartei. Die andere besteht aus einer Gruppe von Söldnern, angeführt von einen skrupellosen Biogenetiker - trendmäßig sehr modern, noch dazu äußerst effektiv.
Die Sprache Akungas ist frei erfunden. Ich habe mich lediglich um einen weich klingenden Dialekt bemüht, der in Südostasien so typisch ist.
Die spanischen Elemente in der Szene, in der Jonathan den überlebenden Jungen über die Geschehnisse des Morgens befragt, können grammatikalische Fehler aufweisen. Meine Spanischkenntnisse sind nur dürftig, und das, was ich verwendet habe, habe ich mit Hilfe eines Schulbuches erarbeitet.
Medizinisches Know-How habe ich mir ebenfalls meist aus Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften geholt. Anmerken möchte ich hierbei, dass der Blutersatzstoff Perfluberon meines Wissens nach bisher nur in den USA eingesetzt wird - und selbst das nur vereinzelt.
Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass meine Behauptung, dass die Nautilus ursprünglich ein deutsches Fabrikat gewesen sei, sich auf reine Spekulatioenen bezieht, für die es derzeit noch keine Beweise gibt. Diesbezüglich fällt mir nur eines ein:
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen...

11. Juni 1999
Kritiken bitte an fampi@t-online.de

Disclaimer (muss sein, seufz...): Einige der hier verwendeten Personen sind das Eigentum von 20th Century Fox, Chris Carter und Ten Thirteen Productions. Einige Elemente dieser Fic sind angelehnt an die Romane "Dino Park" und "Lost World" von Michael Chrichton.

Ach, auf eines sollte ich euch wohl noch aufmerksam machen! In dieser Story dreht sich nicht ausschließlich alles um Mulder und Scully. Auch andere Personen spielen wichtige Rollen. Es ist eine vielseitige Story, und diejenigen, die lieber Storys lesen, die durchweg romantisch, tragisch oder witzig sind, sollten sich vielleicht lieber bei den anderen Storys umsehen. Wie ihr sehr, habe ich eine Menge Arbeit in diese Fic investiert, und ich bin eigentlich recht stolz auf sie, da sie einer echten X-Akte einigermaßen nahe kommt. Demnach beinhaltet sie auch zahlreiche wissenschaftliche Elemente, einige unschöne Szenen und Vielschichtigkeit. Aber ich kann euch beruhigen, auch Shipper kommen auf ihre Kosten. ;-)

Diesen Nachtrag fügte ich aufgrund einer Bemerkung von Pacey ein, die mich darauf aufmerksam machte, dass diese FanFic recht untypisch ist, da sie sich nicht ausschließlich um Mulder und Schully dreht. Und ich denke, dass gerade das sie lesenswert macht, dieser kleine (oder große???) Unterschied. Überzeugt euch doch selbst. Für Feedback bin ich immer dankbar. ;-)
- vielen Dank, Pacey, an dieser Stelle.

Thanx for your attention.

1. Kapitel 1 by Kit-X

2. Kapitel 2 by Kit-X

3. Kapitel 3 by Kit-X

4. Kapitel 4 by Kit-X

5. Kapitel 5 by Kit-X

6. Kapitel 6 by Kit-X

7. Kapitel 7 by Kit-X

8. Kapitel 8 by Kit-X

9. Kapitel 9 by Kit-X

10. Kapitel 10 by Kit-X

Kapitel 1 by Kit-X
Und im Genesis steht geschrieben:

Am fünften Tag stellte Gott fest, dass ihm das, was er geschaffen hatte, nicht gefiel.
“Tiere", sprach er, “ihr habt doch ganz anders aussehen sollen!"
Und er ärgerte sich darüber, dass sie ihm misslungen waren. Ergriffen von seinem Zorn über die misslungenen Geschöpfe, ballte er die im Weltraum dahinschwebenden Gase und Körper zu einem gewaltigen Asteroiden zusammen und schleuderte ihn auf die Erde, so wie ein enttäuschtes Kind seine Sandburg zerstört, wenn es sieht, dass sie zum Untergang geweiht und zudem noch nicht so recht gelungen ist.
Die Kreaturen, die auf der Erde weilten, wussten nichts von Gottes Zorn. Sie waren vollkommen ahnungslos, bis sie eine zweite Sonne am Horizont aufgehen sahen, die auf die Erde hinabzustürzen schien.
Gleißendes Licht überflutete Wälder und Meere. Immer länger wurde der Feuerschweif, strahlte bereits fünfzigmal heller als die Sonne.
Die Tiere erblindeten beim Anblick des grellen Geschosses, hörten bloß den gewaltigen Aufprall, der die Erde erzittern und sämtliche Wälder in Flammen aufgehen ließ. Heißer Dampf quoll aus den Ozeanen und sammelte sich am Firmament..
Eine riesige Flutwelle türmte sich auf und umrundete mehrmals die Erde. In der Folge erschütterten gewaltige Explosionen die Ozeane und Kontinente. Vulkane brachen aus und schleuderten Magma aus dem Erdinneren heraus. Dampf- und Aschewolken, groß wie ganze Erdteile, ballen sich am Himmel zusammen und verdeckten für Monate die Sonne.
Unzählige Tiere starben. Manche erstickten, andere ertranken in den Flutwellen. Tausende von Arten verendeten nach und nach, weil sie die drastischen Klimaveränderungen nach der Katastrophe nicht ertragen konnten, oder weil ihre Nahrungsquellen vernichtet worden waren.
Doch noch während die Nachwirkungen des Asteroiden auf der Erde wüteten, erkannte Gott, wie töricht und ungehalten er gewesen war, denn er hatte Leben zerstört. Und so hässlich und unmöglich geformt es auch gewesen war, es war ein Teil Gottes, denn er hatte es geschaffen.
Reumütig sammelte Gott die wenigen Überlebenden der Kreaturen zusammen und setzte sie auf eine Insel, die von den Katastrophe weitestgehend verschont geblieben war.
“Es sei diese Insel euer Zufluchtsort", sprach er. “Alles ist euch hier gegeben, um zu überleben, Pflanzen und Wasser in Hülle und Fülle. Es wird euch hier an nichts fehlen. Doch ist diese Insel der einzige Ort, an dem es euch gestattet ist, in Frieden zu leben. Verlasst sie niemals, denn dort draußen, über dem Wasser, auf den Kontinenten, ist die Welt eine andere, als ihr sie kennt. Und sie wird auch nie wieder zu dem werden, was sie einmal war..."
Und Gott ließ die Kreaturen allein, um zu seiner Arbeit zurückzukehren, denn er musste neue Tiere erschaffen. Und er war viel zu beschäftigt, um den Grobentwürfen seiner Schöpfung auch nur eines Blickes zu würdigen.
Die meisten Kreaturen waren traurig, fügten sich aber ihrem Schicksal und lebten friedlich auf ihrer Insel. Doch es gab auch Wesen, die von dem Hass auf Gott zerfressen wurden. Dieser Hass wuchs von Tag zu Tag, Woche zu Woche und Jahr zu Jahr. Und die wütenden Kreaturen schwörten, an jedem neuen Wesen Gottes Rache zu nehmen, dafür, dass es ihren Platz auf Erden hatte einnehmen dürfen. Und sie wussten, dass irgendwann die Zeit kommen würde, die Insel, den schrecklichen Ort der Verbannung, zu verlassen, um in die Welt zu ziehen und Gerechtigkeit walten zu lassen, allüberall auf Erden...

Oktober 1943 / In der Nähe der Philippinen

Die Situation an Bord des ersten atomgetriebenen U-Bootes der Welt war relativ ruhig, als das Schiff 30 Meter unter der tobenden Wasseroberfläche Kurs auf Basilian Island nahm. Vor zwei Monaten in Bremerhafen in Dienst genommen und den verfeindeten Staaten sowie dem Großteil der eigenen Bevölkerung völlig unbekannt, besaß das U-Boot einen Kernreaktor zur Erzeugung des überhitzten Dampfes, der die zwei Turbinen und damit die beiden Wellen antrieb. Die Nautilus war nicht in Serie gebaut worden, sondern ein Einzelstück, ein Unikat. Und sie war im Versuchsstadium. Die Nationalsozialisten erhofften sich mit ihr eine positive Wende im U-Boot-Krieg. Nach den entmutigenden Niederlagen in Stalingrad und Afrika und der Kapitulation Italiens war es stetig bergab gegangen. Enigma war ebenfalls unbrauchbar geworden. Dabei galt diese Verschlüsselungsmaschine als die trickreichste und genialste, die jemals erbaut wurde. Sie sei so brillant, hatten sich die Konstrukteure gerühmt, dass ihr Code nicht einmal dann entziffert werden könne, wenn eine der Maschinen dem Feind in die Hände fiele. Das war recht glaubhaft erschienen. Denn Enigma besaß eine Tastatur mit 26 Buchstaben und ein Anzeigenfeld mit 26 Glühlampen. Tasten und Glühlampen wurden über einen komplizierten Stromkreis verbunden - und die Art der Verbindung wechselte mit jedem Tastendruck. Auf diese Weise ersetzte die Chiffriermaschine jeden Buchstaben des Alphabets gleich häufig mit jedem anderen. Funksprüche, die mit Enigma verschlüsselt worden waren, waren den gegnerischen Abhördiensten aufgefallen, gerade weil sie so unauffällig waren: Alle Buchstaben waren gleich oft vertreten. Vom Kriegsbeginn an hatten die Kryptologen in England über dem deutschen Code gebrütet: In Bletchley Park, einer herrschaftlichen Villa in der Nähe Londons, hatte die englische Regierung Mathematiker, Schachspieler und Militärs zum größten Entschlüsselungsprojekt aller Zeiten versammelt. Bald arbeiteten dort über 10.000 Menschen in eilig aus dem Boden gestampften Holzhütten. Um den großen Anforderungen gewachsen zu sein, hatten die Entschlüssler sogenannte Bomben entwickelt: ständig tickende Automaten, die alle Einstellmöglichkeiten von Enigma systematisch durchprobierten. Binnen weniger Stunden hatten diese Maschinen den Tagescode von Enigma geknackt. Und nun taten sie es täglich, um den Befehlen und weiteren Kriegsstrategien der Deutschen auf die Schliche zu kommen. Ein weiterer Rückschlag war die Einführung des Sonars bei der englischen U-Boot-Flotte vor wenigen Monaten gewesen. Diese hatte den deutschen Booten schwer zugesetzt. Zu viele waren aufgespürt und zerstört worden.
Die Nautilus war das erste deutsche U-Boot, das ebenfalls über ein Sonar verfügte, das man durch Industriespionage in England nach Deutschland gebracht hatte. Und durch eben diese wurde sie auch zum einzigen Atom-U-Boot auf der gesamten Welt. Sie übertrumpfte alle anderen Unterseeboote an Schnelligkeit und schaffte locker an die 30 Knoten unter und über Wasser, während der Feind zwischen fünf und fünfzehn Knoten langsamer war. Auch konnte der nur bis zu 130, höchstens 150 Meter tief tauchen, während die Nautilus noch in einer Tiefe von 500 Metern operieren konnte. Ein gewaltiger Vorteil, den sie in den letzten Wochen unter Beweis stellen sollte.
“Irgendwas im Sonar, Leutnant?", fragte Friedrich Semmel, der Kapitän der Nautilus.
Der Angesprochene lauschte in seine Kopfhörer, während er den flimmernden Monitor beobachtete, dessen Funktion darin bestand, den Unterschied zwischen dem Hintergrundgeräusch und einem in einer bestimmten Richtung befindlichen Objekt darzustellen. Jedes Objekt innerhalb der Reichweite erschien als helle Linie auf einen grauen Hintergrund.
“Viel Oberflächenaktivität durch den Sturm, sonst nichts, Kapitän."
“Gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Leitender Ingenieur, wie ist unser Waffenstatus?"
Der Erste Maschinist sah von seiner Konsole auf. “Zwei Torpedos feuerbereit auf Ihr Kommando, Kapitän."
“Gut."
Der Leutnant sah plötzlich von seinem Monitor auf. “Ich habe unser Objekt geortet, Kapitän. Die USS Crabbin."
Der Angesprochene fuhr herum. “Vorzüglich! Ihr kennt unseren Auftrag, Jungs. Ab jetzt gilt's. Navigator, zehn Grad nach oben!"
“Aye, aye."
Semmel registrierte die Ruhe an Bord mit äußerster Zufriedenheit. Er hatte mit seiner Mannschaft den Plan D schon tausendmal besprochen. Jeder auf der Nautilus wusste, was er zu tun hatte. Und das war gut so. Denn die Fracht, die die USS Crabbin mit sich führte, bedeutete Alarmstufe Rot für das nationalsozialistische Regime. Durch Zufall hatte man von diesem Transport erfahren, der aus neuentwickelten Waffen der USA bestand, die auf irgendeiner Insel der Philippinen in Stellung gebracht und gegen Deutschlands Verbündeten Japan eingesetzt werden sollten. Doch dazu sollte es laut Hitler und der NSDAP nicht kommen.
“Kapitän, die USS Crabbin ist jetzt noch 200 Meter voraus."
Semmel nickte. “Leitender Ingenieur, auf Sehrohrtiefe."
“Sehrohrteife, aye, aye."
Während das U-Boot emporstieg, drückte Semmel das Gesicht an den Gummiwulst des Periskops und starrte in die Dunkelheit. Das für Nachtsicht konzipierte Gerät zerlegte die Finsternis über der Wasserlinie in Grauschattierungen, doch der Sturm und die heran rollenden Wogen reduzierten die Sicht erheblich. Ein Blitz. Die tobende Sulusee war in helles Licht getaucht, und für einen kurzen Augenblick erblickte Semmel den Umriss des Frachters.

zwei Minuten später an Bord der USS Crabbin

Grollend entlud sich das tropische Gewitter über dem Ozean. Das Meer schlug hohe Wellen, die messerscharfen Schwertern gleich ineinander schlugen, sich sprengten, auftürmten und ihre Gischt, die einem Schauerregen gleich in den Himmel schoss, in den Wind streute. Die USS Crabbin wurde wie ein Papierboot hin und her geschleudert, trieb völlig ausgeliefert zwischen den Wellen. Das Wasser schlug mit all seiner Kraft, die es zu entwickelten im Stande war, gegen den Rumpf. Hohe Wellen stiegen empor, ihre Ausläufer überspülten das Deck. Grell zuckte ein Blitz durch die schwarzen Wolken, ein heftig krachender Donner folgte, der die Menschen an Bord kurz innehalten ließ und ihnen bei dem Anblick des tobenden Ozeans, der Welle um Welle, Gischt um Gischt aus sich heraus schleuderte, den Atem nahm.
Captain Matthew Cornon starrte müde in sein Whiskyglas. Nachdenklich fuhr er sich durch den vollen grauen Bart und über die von schwarzen Ringen und tiefen Falten umrandeten Augen. Dann schüttelte er den Kopf.
“Nein, Smith. Wir können nicht umkehren. Wir müssen Basilian Island erreichen."
“Aber Captain", wandte der Steuermann ein. “Es ist unmöglich, die Insel bei diesem Sturm anzulaufen..."
“Wenn ich jetzt umkehren würde, wäre ich ja blöd!", schrie Cornon. “Wir machen hier keine Spazierfahrt, Smith! Wir haben Krieg! Und wenn wir diese verfluchten Dinger, die unter meinen Füßen im Frachtraum liegen, nicht zum vereinbarten Termin nicht nach Basilian Island bringen, werden wir nicht nur 'nen Haufen Ärger kassieren, darauf können Sie Gift nehmen!"
“Meinetwegen", brummte Smith und starrte durch das Bullauge auf den zürnenden Ozean. “Das ist immer noch besser als Ersaufen."
“Es wird keiner ersaufen, verstanden?", brauste Cornon auf. “Wir werden es nach Basilian Island schaffen! Ist das jetzt endlich klar?"
Smith und Miller sahen sich vielsagend an.
“Wir können jeden Moment auf ein Riff auflaufen. Das Schiff ist kaum steuerbar. Bei dem Sturm ist das auch kein Wunder. Wir könnten doch Sabah anlaufen, bis sich das Gewitter gelegt hat..."
“Nichts da, Smith! Der Zeitplan wird eingehalten!", befahl Cornon unerbittlich.
Das Schiff wurde von einer gewaltigen Welle erfasst und hart zur Seite gerissen. Das Stampfen der Maschinen klang mühsam und schwerfällig aus der Tiefe des Schiffleibes. Von irgendwoher erscholl ein dumpfes Rumpeln.
Auf der Kommandobrücke waren alle Lichter eingeschaltet. Besorgt überprüfte Smith immer wieder die wichtigsten Skalen und Displays: Radarschirm, Echolot, Kompass. Er beugte sich zur Sprechanlage vor, seine Stimme war heiser vor Anspannung.
“Wir verlieren Druck auf beiden Maschinen, Captain. Wenn wir unter fünf Knoten abfallen, kann ich bei dieser Strömung und diesem Sturm den Kurs nach Basilian Island nicht mehr halten."
Er konnte den Maschinenraum nicht sehen, aber er konnte sich vorstellen, wie es da unten aussah. Der Ingenieur wischte sich mit dem Unterarm die Schweißperlen ab. Dabei hinterließ er auf der Stirn eine breite Spur von Schmieröl.
“Der Druck fällt!", rief er verzweifelt. “Wir tun, was wir können!"
Als schaurige Untermalung seiner Worte setzte hinter den Männern unvermittelt ein hartes, metallisches Rumpeln ein. Der Ingenieur und seine Crew standen wie erstarrt.
Die Drehzahl der Maschinen sank ab, begleitet von mahlenden und knirschenden Geräuschen, die den Männern durch Mark und Bein gingen. Ihre Blicke richteten sich wie gebannt auf die Anzeigegeräte, deren Zeiger den Nullpunkten entgegen sanken, als würden sie von unsichtbaren Kräften angezogen.
Auf der Brücke schrie Cornon in das Mikrofon der Sprechanlage.
“Holt das Letzte heraus! Die letzten Reserven!"
“Es gibt keine Reserven mehr", antwortete der Ingenieur dumpf.
Auf einmal verdunkelte sich das Licht. Die Lampen flackerten und erloschen im nächsten Moment vollends.
“Schaltet die Notstromversorgung ein!", brüllte der Captain.
Doch es blieb dunkel.
“Verdammte Scheiße!", fluchte Cornon. Einen Atemzug lang stand er da, als würde er kraftlos in sich zusammensinken. Dann rief er dem Unteroffizier zu: “Senden Sie SOS! Verbinden sie mich mit der Coast Guard und besorgen Sie mir dann eine Verbindung mit der Seenotstelle in San José! Dallidalli!"
Der Mann gehorchte, während Smith zum Hauptdeck hinaufrannte, die Signalfeuerpistole in den schweißnassen und zitternden Händen haltend. Er nahm jeweils drei Stufen mit einem Sprung, griff nach dem Geländer und zog sich aus dem Schacht, auf das sturmgepeitschte Deck hinaus. Gegen den schneidenden Wind und die eisige Gischt ankämpfend, die ihm in den Augen brannte, arbeitete er sich zur Reling vor, klammerte sich mit der linken Hand daran fest, während er die Signalpistole in der rechten anhob und den Lauf auf die über ihm dahinjagenden Wolken richtete.
Jäh drang ein urgewaltiges Kreischen und Knarren durch die Stille. Ein Ruck lief durch den Schiffsrumpf, als er an seiner Unterseite aufgeschlitzt wurde wie eine Sardinenbüchse.
Cornon und der Rest der Männer an Bord hielten sich fest. Am liebsten hätten sie sich die Ohren zugehalten, denn das Aufreißen des Rumpfes war ein grauenhaftes Geräusch.
“O mein Gott!", flüsterte der Captain.
An Deck drückte Smith auf den Abzug. Ein grelles Gleißen schoss hinaus in die Schwärze der Nacht.
Das Aufreißen des Rumpfes schien nicht enden zu wollen. Und dann, irgendwann in diesen Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit dehnten, geschah es: Ein deutscher Torpedo schoss aus der Tiefe des Ozeans herauf und zerfetzte das Heck der USS Crabbin. Der freigewordene Druck der Superwaffe schob das Schiff über das Riff hinüber, zurück in tieferes Wasser. Der Frachtraum wurde schier in der Luft zerrissen. Mit ihm ging die Fracht des Schiffes hoch. Eine gewaltige Explosion erschütterte den amerikanischen Frachter, der jeden Moment zu bersten drohte.
Smith schrie, als er den Halt verlor und über die Reling in die tosende See geschleudert wurde. Eisige Kälte empfing in. Nach Luft schnappend tauchte er wieder auf, den Blick fassungslos auf den Frachter gerichtet, der gleich der legendären Titanic in der Mitte durchbrach. Dort, wo einst der Maschinenraum gewesen war, schlugen hohe Flammen empor, Explosionen erschütterten Schiff und See.
Smith klammerte sich an eine aus dem Deck geborstene Planke und schwamm los, fort von dem Schiff, um dessen Sog zu entkommen, der es stetig nach unten zog. Und dann brachten die Wellen, die die USS Crabbin zischend überspülten und mit sich in die Tiefe rissen, endgültige Dunkelheit. Mit schrecklichem Getöse türmten sich die Wellen über das von Menschenhand erschaffene Gebilde, umschlossen es wie eine riesige Hand, die ein zerbrechliches Spielzeug umschließt und zerdrückt. Gurgelnd vergrub die auch noch weiterhin tobende See das Schiff unter sich und gab es nie wieder preis...

eine Viertelstunde später

Smith war viel zu erschöpft, um Erleichterung zu verspüren, als er körnigen Sand unter seinem Körper fühlte, festen Boden, über den die Ausläufer der Wellen leckten. Es war kalt und windig, der Mann fror am ganzen Leib, doch war er zu entkräftet, um aufzustehen und seine Kleidung auszuwringen und sich zu bewegen. Das einzige, wozu er fähig war, war zu hoffen, dass sein Signal gesehen worden war und dass man nach Überlebenden der Katastrophe suchen würde. Ein japanisches Schlachtschiff vielleicht, besser ein philippinisches Fischerboot.
Smith hörte hastende Schritte im Sand, die sich ihm rasch näherten. Erleichtert hob er den Kopf, sich einbildend, die Rettung sei bereits an Ort und Stelle. Er suchte den Strand nach Menschen ab, erblickte jedoch nicht einen. Das einzige, was er sah, war eine große schlanke Gestalt, haarlos und hässlich, die rasch auf ihn zukam. Als sie vor dem Mann stehen blieb, blickte Smith in die kalten Augen des Grauens hinauf. Und seine Schreie erfüllten die von Regen gepeitschte Nacht...

Sonntag, der 24.September 1998

Minto war ein idyllisches kleines Nest im Osten des US-Bundesstaates Pennsylvania. Die schmalen Straßen wurden zu beiden Seiten von mehreren Einfamilienhäusern und Gehöften gesäumt, nur in der gerade mal zweispurigen Main Street gab es vereinzelte Reihenhäuser, die meist kleinere Geschäfte beinhalteten: einen Bäcker, einen Metzger, einen kleinen Kiosk und ein Gemischtwarenladen, in dem man lebensnotwendige Artikel erstehen konnte. Außerdem gab es noch ein kleines Rathaus, eine weißgetünchte Kirche, die Anfang dieses Jahrhunderts gebaut worden war, und ein in der Regel unterbesetztes Hotel. Minto war weit davon entfernt, als “Stadt" bezeichnet zu werden. Es handelte sich lediglich um eine Ansammlung von Gehöften, die Getreide und Mais anbauten und vom Verkauf diverser Milchprodukte lebte. In den letzten paar Jahren waren lediglich einige Menschen zugezogen, die die Stadtluft nicht mehr ertragen konnten und sich nach einem ruhigen Leben auf dem Land sehnten. Und dementsprechend geschah in dem Dorf kaum etwas, was Aufsehen erregte.
Bis auf eine Sache...
Es war ein Sonntag, als es geschah. Die meisten Einwohner Mintos waren zur morgendlichen Messe in die Kirche gegangen. Demnach war es still in den Straßen, und nur selten hörte man einen Hund bellen oder eines der Rinder auf den Weiden blöken.
Auch im Haus der Phils war es still. Terry war allein. Der Elfjährige hatte sich mit einer Tasse dampfendheißem Kakao und einem Teller Gebäck auf der Wohnzimmercouch in eine Decke eingemummelt und schaute sich Men in Black an. Er kannte den Film inzwischen auswendig, so oft hatte er ihn schon gesehen. Aber Will Smith war einfach ein toller Typ und die eingängige Musik des Filmes ein echter Ohrwurm. Und vor Allem vertrieb er die lästige Langeweile, die Terry zu befallen drohte. Der Junge hockte auf der beigen Couch, zog die Beine an sich heran und schlang die Arme um seine Knie, während er amüsiert die Szene mit dem Alienbaby anschaute, diesem rosanen Geschöpf mit Tentakeln und mandelförmigen Augen, das in den Armen von Will Smith lag und zu ihm aufzublicken schien.
Terry nippte an seinem Kakao und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Seine Mum würde erst in einer knappen halben Stunde zurückkommen, wenn die Messe so lange dauern würde, wie sonst auch. Rachel Phils ging jeden Sonntag in die Kirche. Sie war sehr katholisch erzogen worden und ihrem Glauben über all die Jahre treu geblieben. Seit dem Tod von Terrys Vater schien es beinahe, als hätte sich ihre Gläubigkeit sogar noch gefestigt. Allerdings hatte sie ihren Sohn nie dazu gezwungen, sie zur Sonntagsmesse zu begleiten. Terry mochte Kirchen nicht und mit Gott wusste er recht wenig anzufangen. Seine Mutter akzeptierte seine Meinung ebenso, wie er ihre akzeptierte.
Browser, der große schwarze Labrador der Nachbarsfamilie, schlug an, und Terry drehte den Kopf, um aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße blicken zu können. Irgend jemand musste dort entlanggehen. Dem war auch so. Terry erkannte Ed Webber, den pensionierten Anwalt, der nun den kleinen Kiosk in der Main Street hatte. Der Mann lief leicht gebeugt, sein faltiges Gesicht erschien verknöchert und von beinahe grauer Farbe. Terry wusste nicht, wie alt Webber war, doch es hätte ihn nicht verwundert, wenn der Mann behaupten würde, hundertunddrei zu sein.
Allerdings war Ed Webber nicht interessant genug, um ihm so lange nachzuschauen, bis er aus Terrys Blickwinkel verschwinden würde, und so schenkte der Junge seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm. Er streckte seine rechte Hand nach dem Teller mit den Plätzchen aus und schob sich einen Butterkeks in den Mund.
In diesem Moment erscholl ein markerschütternder Schrei, und Terry fuhr erschrocken hoch. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er aus dem Fenster und ließ mit bleichem Gesicht seinen halbaufgegessenen Keks fallen, als er sah, was sich draußen abspielte.
Ed Webber lag am Straßenrand und versuchte verzweifelt, wieder auf die Füße zu kommen. Er schrie und schlug um sich. Auf seinem Rücken saßen zwei grüne Tiere, das eine hatte sich im Hals des Mannes, das andere in der zerschlissenen Jacke verbissen. Um den schreienden Webber herum standen noch drei weitere grüne Tiere. Sie waren recht groß, etwa wie ein Kind. Sie liefen auf den Hinterbeinen, die Vordergliedmaßen benutzten sie wie Arme. Sie sahen beinahe aus wie Kängurus, doch die Köpfe passten absolut nicht, denn sie waren massiger, sehr kantig und mit teilweise roten Kämmen versehen. Sie sahen aus wie die Köpfe von Echsen.
Die Wesen sprangen um und auf dem alten Mann herum, bissen ihm in die Arme und Beine, teilweise auch ins Gesicht, rissen tiefe, ausgefranste Wunden. Teilweise zerrten sie sogar ganze Fleischbrocken aus dem Körper des Mannes, der noch immer schrie und ungelenk nach den Biestern schlug, die jedoch geschickt auswichen.
Im Nachbarsgarten warf sich Browser laut bellend gegen den Zaun, seine Lefzen waren hochgezogen und sein kräftiges Gebiss entblößt. Der schwarze Labrador führte sich auf wie toll, dennoch nahmen die Echsen nicht einmal Notiz von ihm. Unverdrossen fuhren sie fort, den alten Webber zu attakieren.
Terry schien wie aus einer langen Trance zu erwachen. Nach den ersten Sekunden des Schocks raffte er sich auf und stürzte zum Fenster. Dabei zog er das Tablett von Tisch, das seine Mum benutzt hatte, um die Kekse zu backen. Noch dazu griff Terry nach dem Schürhaken, der neben dem Ofen stand. Er erreichte das Fenster und riss es auf.
“Mister Webber!", schrie er, während er sich mit dem Tablett und dem Haken aus dem Fenster lehnte. Heftig begann er, mit dem Haken auf das Metall einzuschlagen. Der dadurch produzierte Lärm ließ die grünen Tiere von dem alten Mann ablassen und verwirrt umherschauen.
“Haut ab!", schrie Terry und hämmerte noch heftiger auf das Tablett.
Die Tiere sahen ihn verwirrt an, nickten mit den Köpfen. Eines zischte sogar in seine Richtung. Dennoch wirkten sie verunsichert.
Terry schleuderte kurzentschlossen den Schürhaken nach ihnen und traf eines der Tiere an der Flanke. Das Wesen jaulte auf und sprang erschrocken zur Seite. Die anderen duckten sich und wichen zurück.
Terry nahm die Glasschüssel, die unter dem Fenster auf einem kleinen Vertiko stand, und warf auch sie nach den Tieren. Die Schüssel knallte vor den Füßen der Wesen auf den Asphalt und zersprang in tausend Stücke. Die Glassplitter flogen weit, trafen die Beine der Tiere und fügte ihnen die eine oder andere Wunde zu. Fiepend und zischend wichen die grünen Wesen zurück und ergriffen letztendlich die Flucht. Mit großen Sprüngen eilten sie davon und verschwanden im nahen Wald.
Terry sprang aus dem Fenster nach draußen und lief auf Ed Webber zu, der noch immer auf der Straße lag. Browser rannte pausenlos am Zaun des Nachbarsgarten hin und her und bellte wütend. Die dunklen Hundeaugen blitzten zornig auf und starrten in Richtung Wald.
Einen halben Meter von Webber entfernt blieb Terry stehen und sah zu dem Mann hinab, der mit dem Gesicht auf dem Asphalt lag.
“Mister Webber?" Sanft berührte der Junge den Verletzten an der Schulter und rüttelte ihn leicht. “Mister Webber?"
Doch der Mann regte sich nicht. Und als Terry ihn umdrehte, sah er in weitaufgerissene tote Augen...

am frühen Nachmittag
Minto

Terry bezweifelte, jemals zuvor in seinem Leben so viele Polizeiwagen auf einmal gesehen zu haben. Die gesamte Straße war erfüllt vom Sirenengeheul der Ambulanzwagen, dem Rauschen der Walkie-Talkies und dem Stimmengewirr der Menschen. Zwei Sanitäter schoben gerade die Trage, auf der der tote Ed Webber lag, in das Fahrzeug des Red Cross und verscheuchten unwillig eine Handvoll Reporter, die aus der Umgebung angereist war, um das Spektakel mitzuverfolgen. Polizeibeamte, egal ob in Uniform oder in Zivil, durchkämmten die Vorgärten und den nahen Waldesrand, suchten vergeblich nach Spuren, die Aufschluss über die Art des Angreifers gaben.
Terry stand neben dem leitenden Inspektor Gilbert, der gerade beobachtete, wie zwei Beamte die Silhouette des Leichnams mit Kreide deutlicher nachzogen. Beim Abtransport des Mannes waren die Konturen an einigen Stellen deutlich verwischt worden.
“Ich weiß, was für Tiere das gewesen sind", sagte der Junge, während er den Inspektor fest anblickte.
Gustavo Gilbert wandte den Blick von den Beamten ab und starrte Terry lange und ungläubig an.
“Du hast es gesehen?"
“Ja, Sir. Es waren Echsen. Grüne Echsen, die auf den Hinterbeinen liefen. Einige von ihnen hatten so komische rote Dinger auf den Köpfen..."
“Zweibeinige Eidechsen, ja?", wiederholte Gilbert, und man konnte deutlich den Spott aus seiner tiefen Stimme heraus hören.
“Ja, ich habe eines von ihnen gezeichnet." Der Junge hielt ein Bild in die Höhe.
Der Inspektor warf nur einen flüchtigen Blick darauf.
“Wohl zuviel Jurassic Park geguckt, was?", schnaubte Gilbert und machte eine abwertende Geste. “Los, geh' nach Hause, Junge, und lass uns in Ruhe arbeiten."
“Aber Sir!" Terry schnappte nach Luft. “Ich habe sie gesehen!" Er lief hinter dem Mann her, der sich von ihm abgewandt hatte und zu einem der Polizeiwagen hinüberging. “Sie sahen genau so aus, ich schwöre es!"
Der Inspektor fuhr unwirsch herum, seine Augen funkelten. “Ich habe gesagt, dass du verschwinden sollst! Na wird's bald?"
“Aber..."
Der stumm ausgestreckte Zeigefinger Gilberts, der die Straße hinabdeutete, war deutlich genug. Mit hängenden Schultern trottete Terry davon, während ihm der Inspektor kopfschüttelnd hinterhersah.
“Verrücktes Kind!", schnaubte er abfällig, während er in den Wagen einstieg und nach dem Funkgerät griff.

23.48 Uhr in Washington, D.C.

Es war fast Mitternacht. Die Luft war angenehm kühl, und eine leichte Brise strich über die Stadt hinweg. Trotz der späten Stunde pulsierte das Leben in Washington weiter, einer Metropole, die nie zur Ruhe kam. Die grellen Leuchtreklamen der Bars und Lokale in der G-Street im Südosten der Stadt blinkten einladend. Straßendirnen hingen in dunklen Hauseingängen herum, traten ein, zwei Schritte vor, wenn einer vorbeikam, von dem sie sich ein paar schnelle Dollars für eine schnelle, gefühllose Nummer erhofften, Geld für Schnaps oder einen Druck Heroin. Zigarettenspitzen, die wie Glühwürmchen im Dunkel aufblitzten. Ein paar angetrunkene Jugendliche, die laut schwätzend und lachend über den Bürgersteig schlenderten. Ein schief an der Hauswand lehnender Betrunkener, der seinen Rausch im Schmutz der Straße ausschlief. Inder, Mexikaner, Schwarze, genau war das im diffusen Licht der Straße nicht auszumachen, redeten wild gestikulierend aufeinander ein. Hütchenspieler knieten vor einer matterleuchteten Tür, umringt von zehn Männern, und spielten ihr betrügerisches Spiel - skrupellose Gauner, die immer gewannen. Dauernd wurden arglose Touristen in Hofeingängen gefunden, niedergestochen, auf brutalste Weise ermordet, nur weil sie sich über die zweifelhaften Methoden dieses Spiels beschwert hatten. Zwei Streifenpolizisten bewegten sich gemächlich die Straße entlang, die Blicke stur geradeaus gerichtet. Denn nachts waren in Washington auch die Polizisten nicht frei von Angst.
Zwei Gestalten in langen dunklen Trenchcoats bogen in die 4th Street, die bis zur Virginia Avenue verlief. In dieser Gegend begann das Leben immer erst Nachts. Wenn woanders die Menschen schliefen, kamen sie hier aus ihren Löchern gekrochen und schwärmten durch die Straßen. Huren, Freier, Transvestiten, kriminelle Subjekte, Individuen, die sich nur im schützenden Mantel der Nacht sicher fühlten. Kaum eine Nacht ohne Messerstecherei, wüste Schlägereien oder sogar Tote. Tote, oft kaum gekannt, von irgendwoher gekommen und hier zur Hölle gefahren, weil sie die Spielregeln in diesem Viertel nicht beachtet hatten. Tote, deren Namen keine Zeitung druckte, die von keiner Polizei registriert wurden, die in keiner Statistik auftauchten. Tote, die mit Beton an den Füßen im Potomac versenkt wurden. Tote, die scheinbar nie existiert hatten.
Die Beiden im Trenchcoat gingen mit gemäßigten Schritten die Straße entlang, die sanft zur Verginia Avenue hin abfiel. Die größere Gestalt blickte sich ununterbrochen um, eine Mischung aus Vorahnung und Spannung in den haselnussbraunen Augen. Unter einer Straßenlaterne wurden die Gesichtszüge deutlich. Es war ein einsfünfundachtzig Meter großer Mann mit dunklem Haar, an dem die kühle Abendbrise zerrte. Unter dem nachtschwarzen Mantel trug er einen mausgrauen Anzug mit blütendweißem Hemd und perfekt sitzender dunkelblauer Krawatte. Sein Gesicht wies weiche Züge auf, eigentlich viel zu weich, um einen Bundesagenten in diesem Mann zu erkennen, dennoch vermittelte er ein Bild von Professionalität. Sein Blick war wissend und wachsam zugleich, seine Bewegungen geschmeidig und flink. Trotz seine Größe erschien der Mann äußerst wendig. Als der Wind seinen Mantel blähte, konnte man deutlich den im Hüftholster aufblitzenden Griff einer Smith & Wesson erkennen.
Die Gestalt neben ihm war einen ganzen Kopf kleiner. Die einssechzig große schlanke Frau trug ein dunkles Kostüm mit passender Bluse unter ihrem marineblauen Mantel. Ihr schulterlanges rotbraunes Haar wippte bei jedem Schritt und ihre graublauen Augen musterten ihren Begleiter mit unverholener Verärgerung.
“Sie sind total verrückt, Mulder!", schleuderte sie ihm ungehalten entgegen. “Was bringt Sie dazu, Jake Harvin ausgerechnet in diesem... diesem Drecksloch zu vermuten?"
“Menschen umgeben sich gerne mit den Dingen, die ihnen ähneln, Scully", versuchte er zu ulken. Sein Lächeln verschwand jedoch, als ihn ihr vorwurfsvoller Blick streifte. Er räusperte sich und fuhr in seriösem und ernsthaftem Ton fort: “Ich habe in seiner Wohnung die Adresse eines hier ansässigen Lokales gefunden. Auf dem Zettel standen noch ein paar Zeilen, außerdem der Name Alan Sherim, der übrigens der Inhaber dieser Spelunke ist. Es schien, als sei er ein guter Freund von Harvin... - Außerdem, wer würde ihn hier schon suchen?"
“Idioten wie wir?", vermutete sie mit einer kräftigen Prise Zynismus.
Mulder schüttelte verständnislos den Kopf. “Was ist heute bloß mit Ihnen, Scully? Das Fluchen überlassen Sie doch sonst immer meiner Wenigkeit..."
“Wenn Ihre Wenigkeit allerdings mal wieder auf die verrücktesten Gedanken kommt, kann ich mich nicht zurückhalten! Das hier ist das kriminellste und heruntergekommenste Viertel der gesamten Stadt, und ausgerechnet hier müssen Sie die sprichwörtlichen Stecknadeln im Heuhaufen suchen!"
“Wenn ich es nicht tue, wer dann?", entgegnete er und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach vorn. “Da ist es. Das Sinner's Inn."
“Genau so habe ich mir das Ding vorgestellt!", zischte sie. “Der beste Ort, um kurz nach Mitternacht die Kehle durchgeschnitten zu bekommen!"
Wahrlich machte das Gebäude keinen besonders Vertrauen erweckenden Eindruck - so wie all die Gebäude dieses Stadtviertels. Links und rechts des alten Backsteinbaus lagen zwei leere Läden, von denen einer halbzerstört zu sein schien. Die beiden Schaufenster waren eingeworfen worden, Glasscherben lagen überall auf dem ohnehin stark verschmutzten Gehsteig. Vor dem anderen Laden türmten sich verbeulte Mülltonnen übereinander, die teilweise schon gerostet waren. Eine fette Ratte huschte zwischen den Tonnen hindurch und verschwand um die Ecke in einer dunklen Seitengasse.
Das Sinner's Inn selbst war ebenso heruntergekommen, wie die Läden - bloß dass eine flimmernde Leuchtreklame wenigstens Ansätze von menschlichem Leben anzeigte. Das Gebäude aus Backstein und Kieselbeton hatte ein halbzerfallenes Schindeldach und altmodische Erkerfenster, die mehr an die eines Kerkers als an die eines Hauses erinnerten.
Mulder blieb vor der alten verwitterten Eichentür stehen und starrte sie unschlüssig an. Dann versuchte er, durch die verrauchten Fensterscheiben ins Innere des Gebäudes zu blicken. Vergeblich. In dem milchigen Blau konnte er nur schemenhaft den Tanz von Licht und Schatten ausmachen, aber keine Personen erkennen.
“Ich bin sicher, dass er da drin ist!", brummte er und starrte lauernd auf die Tür, so als würde sie sich jede Sekunde öffnen.
Scully neben ihm seufzte bloß. “Mulder, das hier ist eine Sackgasse, glauben Sie mir!"
“Ich bin anderer Auffassung", entgegnete er und suchte die Fassade mit geübtem Auge ab.
“Wie immer", sagte sie mit spöttischem Blick und verschränkte die Arme vor der Brust. Widerwillig betrachtete sie das zwielichtige Gebäude, das ihr tiefstes Unwohlsein entlockte. Nicht einmal mit Latexhandschuhen würde sie das Sinner's Inn berühren. Angeekelt betrachtete sie das Wandstück rechts von ihr, wo mehrere Kakerlaken die Regenrinne emporkrochen. Angewidert wandte sie den Blick ab und ließ ihn weiter nach rechts wandern, bis zu der kleinen Nebengasse, die neben dem Gebäude verlief und in die Dunkelheit führte.
Sie streckte den Arm aus und tastete nach seinem Rücken.
“Mulder?"
Sie zupfte heftig an seinem Mantel, und ihr Partner drehte sich mit fragendem Blick um. Sie wies in die Gasse.
“Dort steht Harvins Wagen."
Mulder erkannte den verbeulten grünen Pick-Up sofort. Seine Augen blitzten hell im Dunkel der Nacht auf. Sein Instinkt hatte ihn mal wieder nicht getäuscht! Er fuhr herum und trat an die Tür. Mit der Faust schlug er dreimal gegen das feuchte Holz.
“FBI, öffnen Sie unverzüglich die Tür!", donnerte er, seine sonst so angenehme gemessene Stimme nahm einen autoritären Ton an, der keinen Widerstand duldete. Er hämmerte erneut gegen die Tür, um anschließend ins Innere des Gebäudes zu lauschen.
Nichts regte sich.
“Wenn Sie nicht öffnen, werden wir gewaltsam eindringen!"
Keine Reaktion.
Bevor Scully auch nur die Stimme erheben konnte, hatte sich Mulder schon mit voller Wucht gegen die Tür geworfen. Die rostigen Angeln gaben unter einem ohrenbetäubenden Quietschen nach, und die Eichentür schwang ins Innere des Gebäudes.
Es war leer.
Nur karge Reste zeugten noch von der einstmaligen Kneipe: eine heruntergekommene Theke stand am anderen Ende des Raumes, daneben waren ein paar Tische und Stühle gestapelt. Der mit Holzplanken bedeckte Boden war von unzähligen Schuhen belaufen worden und wirkte stumpf und morsch. Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke herab und spendete spärliches Licht.
“Hier ist niemand", stellte Scully nüchtern fest.
Mulder schüttelte unwillig den Kopf. “Hier muss jemand sein!"
Sie sah schweigend zu, wie er den Raum durchkämmte, hinter die Theke schaute und zur Hintertür hinausspähte. Doch er blieb erfolglos.
“Ich begreife das nicht", murmelte er, und Scully konnte Enttäuschung in seinen Augen lesen. Der Jäger war auf eine falsche Fährte geraten.
In diesem Moment spürte sie einen Arm, der sich fest um ihren Hals legte. Sie riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Im Rücken spürte sie deutlich den Lauf einer Pistole, der sich in ihre Wirbelsäule zu bohren schien. Fast gleichzeitig fuhr Mulder herum und starrte den Mann mit der Skimaske an.
“Nehmen Sie hübsch die Pfötchen hoch, Sie verflixter Bulle, sonst passiert Ihrer liebreizenden Begleitung etwas!", bellte der Mann. “Na wird's bald!"
Mulders Hand, die nach der Waffe im Hüftholster hatte greifen wollen, zuckte zurück. Er starrte den Fremden an, der den Lauf seiner Pistole nun an Scullys Hals hielt.
“Hände hoch!", kommandierte er.
Mulder gehorchte. Langsam hob er beide Hände an. Bloß nichts überstürzen. Ganz ruhig bleiben...
Zwei weitere Männer erschienen im Raum. Auch sie trugen Skimasken, und in ihren Händen hielten sie Baseballschläger. Auf ein Kopfnicken des anderen hin näherten sie sich dem regungslos dastehenden Mulder.
“Es war ein Fehler von Ihnen, hierher zu kommen!", sagte der hinter Scully mit drohendem Ton. “Ein großer Fehler!"
Die Augen des Agenten funkelten wütend. “Wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind, wieso nehmen Sie dann nicht endlich Ihre lächerliche Maske ab, Harvin?"
Jake Harvin grinste. “Sie haben mich also erkannt? Nun, dann hat meine Verkleidung wirklich keinen Sinn mehr." Er lockerte den Griff um Scullys Hals, hielt seine Pistole jedoch weiterhin in Position. Mit der nun frei gewordenen Hand zog er sich die Maske vom Kopf, und Mulder sah für kurze Zeit die wohlvertrauten Züge des Mannes. Schon im nächsten Moment war der jedoch aus dem Blickfeld des Agenten verschwunden. Mit einem erstickten Schrei sank er zu Boden. Scully hatte in keinster Weise vergessen, was man ihr in Bezug auf Kampfsport in Quantico beigebracht hatte. Die Pistole war aus Harvins Hand gefallen und über den stumpfen Boden in Richtung Theke geschlittert.
Mulder reagierte blitzschnell. Bevor einer der beiden Schläger die Chance erhielt, ihm eins mit seiner Waffe überzuziehen, fuhr er herum und wehrte den Baseballschläger des einen mit dem Unterarm ab, ehe er dem anderen die geballte Faust ins Gesicht katapultierte. Die Augen hinter der Maske blitzten in flüchtiger Überraschung auf, dann verdrehten sie sich. Mulder schlug ein zweites Mal zu, und der Angreifer sank stöhnend zu Boden.
Inzwischen hatte sich der andere erneut auf den Agenten gestürzt, sein Schlag traf Mulder mit der Wucht eines Omnibusses auf die Schulter. Einen Moment lang schien es, als würde er unter dem schweren Hieb zu Boden gehen, doch schon einen Sekundenbruchteil später wich der Schmerz der unbändigen Wut. Während der Schläger ein zweites Mal ausholte, packte Mulder mit der rechten Hand einen alten gusseisernen Stieltopf, der auf der Theke stand. Mit der Wendigkeit einer Raubkatze wich er dem Baseballschläger aus, bevor er den Topf gegen den Schädel des Angreifers donnern ließ. Der taumelte unter dem pochenden Schmerz, der seine Schläfe zu betäuben schien, und brach schließlich mit einem heiseren Röcheln zusammen.
Mulder vergewisserte sich mit einem flüchtigen Blick, dass die beiden Kumpane Harvins auch wirklich außer Gefecht waren, bevor er sich nach seiner Partnerin umwandte.
“Scully? Ist alles in Ordnung?"
Sie hatte Jake Harvin bereits Handschellen verpasst und erhob sich seufzend vom Boden. “Ja, ich bin okay."
Er rieb sich die schmerzende Schulter, doch seinen Lippen gelang es dennoch, sich zu einem Lächeln zu verziehen.
“Sehen Sie, ich hatte mal wieder Recht! Sie geben einen aus!"

am folgenden Tag
Washington, D.C.

Als die Ampel auf Grün umsprang, heulte der Motor des alten Busses auf und das Vehikel fuhr an. Terry starrte regungslos aus dem Fenster auf die amerikanische Hauptstadt hinaus. Der Bus schnurrte die National Mall entlang. Rechts konnte Terry das Weiße Haus sehen, weiter vorne erhob sich das berühmte Washington Monument. Bei einer Reise in die Hauptstadt schien eine Stadtrundfahrt mit dem Bus mit inbegriffen zu sein.
Am Morgen, als er die Zeitung durchgeblättert hatte, um etwas über den Todesfall von Ed Webber zu lesen, war er auf einen Bericht über eine Vorlesung in Massachusetts gestoßen, in der ein gewisser Fox Mulder als Gastdozent über paranormale Phänomene geredet hatte. Der Journalist, der den Bericht verfasst hatte, hatte nicht mit abfälligen Kommentaren in Bezug auf diesen Mann gespart, im Gegenteil. Er hatte erwähnt, dass Fox Mulder “grünen Männchen" hinterherjage und dass mit ihm der Beweis erbracht wäre, dass “das FBI nicht ernst zu nehmen" sei. Er hatte außerdem geschrieben, dass sich Mulder besonders mit Geschichten über “Monster und Geister" beschäftigte und ihnen gegenüber sogar ein großes Interesse zeige. Terry hatte sofort gewusst: das war sein Mann! Vielleicht der einzige, der ihm Glauben schenken würde.
Er hatte sich kurzentschlossen in den Bus gesetzt und war in die Hauptstadt gefahren, die nur etwa zwanzig Minuten von Minto entfernt lag. Der Bus würde am Jefferson Denkmal halten, und Terry würde sich von dort aus auf den Weg zum J. Edgar Hoover Gebäude machen, der Zentrale des Federal Bureau of Investigation - allerdings nicht ohne ein deftiges Mittagessen. Terry knurrte erbärmlich der Magen. Doch er war sicher, dass er in der Nähe des Denkmals einen Imbiss finden würde...

etwas später im “Guinnes"
Jefferson Memorial

Special Agent Fox Mulder seufzte schwer und schloss für einige Sekunden die Augen. Halbherzig massierte er seine Stirn, wobei er sich einbildete, dass diese kochend heiß sei und sein Kopf jeden Moment einem überhitzten Dampfkessel gleich platzen müsse. Seine Schulter schmerzte noch von der Begegnung mit dem Baseballschläger in der gestrigen Nacht. Jesus, langsam drohte das Fass wirklich überzulaufen.
“Geht es dir nicht gut?"
Die mitfühlende Stimme Rosis ließ ihn den Kopf anheben. Die junge Kellnerin blickte in die ihr wohlbekannten sanften Augen ihres langjährigen Bekannten, registrierte dessen Müdigkeit und einen Hauch Wehmut. Sie ließ den feuchten Lappen, mit dem sie den Tresen abgewischt hatte, auf den Tisch fallen und setzte sich ihm gegenüber.
“Meine Güte, du siehst aus, als hättest du drei Tage lang nicht geschlafen."
“Genauso fühle ich mich auch", murmelte er, und sie hörte wohl den Zynismus aus seiner Stimme heraus. Er nahm einen Schluck aus seinem Bierglas und starrte auf den Park hinab. Das “Guinnes" war ein kleiner Imbiss am Ufer des Potomac, unweit des Jefferson Memorials. Allerdings hatte es der Inhaber gut verstanden, seinen Imbiss einigermaßen attraktiv zu gestalten. Die offene Terasse, auf der eine Ansammlung von weißen Tischen aus Holzimitaten stand, war von mehreren Säulen umschlossen, um die man Blumentöpfe mit diversen Gewächsen gestellt hatte. Die ruhige Lage und der malerische Ausblick auf den Park, die Gedenkstätte und den gemächlich dahinfließenden Strom machten das “Guinnes" zu einem wahren Idyll.
“Ich glaube, ich brauche dringend Urlaub", murmelte Mulder. “In letzter Zeit wächst mir einfach alles über den Kopf..."
“Hast du wieder Ärger mit dem glatzköpfigem Miesepeter, Mulder?", erkündigte sich Rosi, ohne zu bemerken, dass ein knapp elfjähriger Junge, der unweit von ihnen an einem der Tische saß, bei dem Namen Mulder ruckartig den Kopf hochriss.
Der Agent hob die rechte Hand. “Wenn es bloß nur das wäre!", knurrte er.
Rosi schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, während sie aufstand. “Keep smiling, old boy", witzelte sie. “Ich bringe dir noch ein Bier, okay?"
“Lieber eine Zitronenlimonade." Mulder grinste voller Ironie. “Ich bin noch im Dienst."
“Wie du möchtest." Rosi entschwand mit fliegenden Haaren in Richtung Tresen.
Sie war noch nicht lange fort, als Mulder Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um und blinzelte verwirrt, als er den Jungen sah, der mit fragendem Blick hinter ihm stand.
“Sie sind Agent Mulder?", fragte der Junge und blickte den Mann mit einer Mischung aus Neugierde und Respekt an.
Mulder nickte langsam. “Ja, wieso?"
Der Junge deutete auf den freien Stuhl an Mulders Tisch.
“Darf ich mich setzen?"
Der Agent zuckte mit den Schultern. “Tu dir keinen Zwang an."
Er beobachtete seinen unverhofften Besucher, der sich setzte und ihn nervös musterte. Er wirkte irgendwie verstört.
“Ich heiße Terry Phils", sagte der Junge. “Ich komme aus Minto."
Mulder streckte ihm die Hand hin. “Schön, dich kennen zu lernen, Terry. Ich bin Fox Mulder." Er grinste, als er den scheuen Blick des Jungen bemerkte, als er dem Agenten die Hand schüttelte - und auch das nur leicht. “Du kannst mich ruhig Fox nennen", fügte Mulder demnach hinzu, um Terry die Angst zu nehmen.
“Gerne.... - Fox."
Terry betrachtete den Agenten neugierig. Mulder war jünger, als er es sich vorgestellt hatte. Er hatte ein glattes faltenloses Gesicht, aufmerksame und intelligent dreinblickende haselnussbraune Augen und widerspenstiges dunkelbraunes Haar. Er musste Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein, schätzte Terry. Der freundliche Blick und seine angenehme ruhige Stimme machten Mulder auf Anhieb sympatisch und ließen Terrys anfängliche Furcht verfliegen. Der Agent entsprach in keinem Punkt dem Bild des Verrückten, das die Morgenzeitung von ihm angefertigt hatte.
“Ich bin extra nach Washington gefahren, um mit Ihnen zu sprechen", sagte er. Terry rutschte auf dem Stuhl zurecht und blickte seinen Gegenüber mit festem Blick an. “Weil Sie wahrscheinlich der Einzige sind, der mir glaubt."
Mulder blinzelte. “Soll das heißen, dass du alleine hier bist, ohne deine Eltern?"
Terry nickte.
“Und deine Eltern - die wissen davon?"
“Nein." Als Terry den vorwurfsvollen Blick des Agenten bemerkte, fügte er hastig hinzu: “Aber es ist wichtig. Ich musste kommen."
“Deine Mum und dein Dad werden nach dir suchen."
“Mein Dad lebt schon lange nicht mehr. Und meine Mum ist berufstätig. Sie kommt erst in einer Stunde nach Hause", erwiderte Terry ruhig.
Mulder blickte auf die Uhr. “Bis der nächste Bus kommt ist es dunkel. Und Washington ist selbst bei Tag kein sicheres Pflaster. Ich werde dich lieber nach Hause fahren..."
“Aber zuvor muss ich mit Ihnen reden!", beharrte Terry.
In diesem Moment kam Rosi mit der Zitronenlimonade. Sie blickte verwirrt auf Terry hinab.
“Wer ist denn dieser junge Bursche?"
“Terry Phils aus Minto." Mulder grinste. “Bringe ihm doch bitte auch eine Limonade, Rosi."
Terry schnappte nach Luft. Das bedeutete, dass sich der Agent Zeit für ihn nehmen würde! Erleichtert und entspannt lehnte er sich in seinem Korbstuhl zurück, während Rosi kurz nickte und dann wieder verschwand.
Mulder sah den Jungen auffordernd an. “Okay, dann schieß los."
Terry nickte. “Wie ich schon gesagt habe, ich komme aus Minto. Und da ist gestern ein Mann gestorben. Er hieß Ed Webber und war früher Anwalt, ein sehr guter sogar, sagt Mum. Er war schon ziemlich alt. Jedenfalls sah er so aus."
“Und du kanntest diesen Mann gut?", fragte Mulder.
“Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe gesehen, wie er gestorben ist." Terry machte eine kurze Pause und sah den Agenten beschwörend an, bevor er ein gefaltetes Blatt Papier auf den Tisch legte. “Wissen Sie vielleicht, was für ein Tier das sein könnte?"
Mulder runzelte die Stirn, griff nach dem Blatt und faltete es auseinander. Mit Filzstift war ein Bild darauf gemalt worden. Und das sogar recht ordentlich für einen elfjährigen Jungen.
“Hast du das gemalt?" Er tippte auf das Blatt und hob interessiert die Augenbrauen.
Terry nickte. “Ja, das war das Tier, das Webber umgebracht hat. Genau gesagt waren es sogar fünf Tiere. Sie haben ihn angegriffen und überall gebissen."
Mulder besah sich erneut das Bild, registrierte die detailvoll gezeichnete Gestalt und knabberte nachdenklich an seiner Unterlippe. Das Tier, das Terrys Bild zeigte, war haarlos und zweibeinig mit langen schmalen Vorderläufen und einem Echsenkopf mit spitzen Zähnen im leicht geöffneten Maul. Die Augen erinnerten an die von Schlangen, die klauenbewehrten Füße des Tieres sahen aus wie die eines großen Vogels.
“Du bist sicherlich sehr gut in Kunst", bemerkte Mulder lächelnd. “Aber bist du sicher, dass das Tier genau so aussah?"
“Absolut sicher", erwiderte Terry ruhig. “Ich habe sie gesehen, nachdem ich zum Fenster gelaufen war und hinausgeschaut habe. Sie waren etwa so groß." Der Junge hielt die Hand etwa hundertdreißig Zentimeter über dem Boden. “Sie hatten Webber umzingelt und bissen ihn ständig. Ich habe sie dann mit einem Schürhaken vertrieben, aber es war scheinbar zu spät. Als die Tiere weg waren, und ich zu Webber ging, war er schon tot. Dabei hatte er keine wirklich große Wunde oder so, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber da, wo er geblutet hat, war überall so weißes Zeug. Ich habe es nicht angefasst, weil es so gestunken hat. Und als die Polizei kam und mich fragte, was ich gesehen hatte, glaubten sie mir nicht. Sie sagten, so Tiere wie auf meinem Bild gäbe es nicht. Ich hätte mir zu oft Jurassic Park angesehen." Terry machte eine abfällige Handbewewegung. “Jedenfalls habe ich dann heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass Webber von einem Hund angefallen worden sei. Aber der einzige Hund, der bei uns in der Straße wohnt, ist Browser. Und der würde nie einen Menschen anfallen. Außerdem habe ich diese Tiere da gesehen. Ich habe mir das nicht eingebildet."
“Wie ein Vieh aus Jurassic Park sieht das da allerdings aus", sagte Mulder und deutete auf die Zeichnung. “Wie ein richtiger Dinosaurier."
Terry zuckte mit den Schultern. “Es sieht so aus, wie ich es gesehen habe."
“Würdest du das schwören?"
Terry hob mit ernstem Gesichtsausdruck die Hand. “Bei meinem Leben, ich lüge nicht. Ich habe Der Klient im Fernsehn gesehen und weiß, dass man das FBI nicht belügen darf, weil man bestraft wird, wenn rauskommt, dass man es doch getan hat." Terry sah den Agenten mit einem direkt flehenden Blick an. “Bitte, Sie müssen mir glauben! Ed Webber ist nicht der Einzige, der in den letzten Wochen umgekommen ist. Zwei Kinder sind gestorben. Ich habe eines davon in der Zeitung gesehen, es hatte ähnliche Wunden wie Ed. Bei ihm handelte es sich angeblich um einen Angriff eines Wolfs. Unsere Wohngegend grenzt direkt an einen Wald, müssen Sie wissen. Aber ich habe darin noch nie Wölfe gesehen..."
Mulder hatte während den letzten Sätzen des Jungen merklich die Augenbrauen gehoben.
“Bitte", sagte Terry verzweifelt. “Es ist so ein schreckliches Gefühl, wenn man weiß, dass einem niemand glaubt, obwohl man die Wahrheit sagt, verstehen Sie das?"
Mulder blinzelte kurz. “Ja", sagte er langsam. “Ich weiß, wie das ist, Terry..." Und nach einer kurzen Pause: “Ich werde dich zusammen mit meiner Partnerin nach Hause fahren, okay? Und bei der Gelegenheit werden wir uns mal ein wenig umsehen und mit der Polizei reden."
Terry lächelte. “Danke... Fox."
Kapitel 2 by Kit-X
eine knappe halbe Stunde später

Mulder setzte den Blinker und verließ den Highway. Der Wagen folgte nun einer schmalen Landstraße in Richtung Minto.
“Stimmt das, was man über Sie erzählt?", fragte Terry, der es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hatte, und blickte auf Mulders Gesicht im Autospiegel. Er sah deutlich, wie sich der Mund des Agenten zu einem belustigten Grinsen verzog.
“Was erzählt man denn so über mich?"
“Na ja, dass Sie Außerirdische und so etwas jagen."
“Wir kümmern uns um ungewöhnliche Fälle, Terry", erwiderte Dana Scully, bevor ihr Partner etwas sagen konnte. Ihre Augen blitzten warnend in Mulders Richtung. “Fälle, die nicht erklärbar erscheinen. Aber der Schein trügt oft, und demnach gibt es fast immer ganz vernünftige Erklärungen, die den Fall zu lösen vermögen."
Mulder neben ihr äffte sie nach, indem er ihren Gesichtsausdruck übernahm und den Mund synchron zu ihren Worten bewegte. Er kannte Scullys Psalm inzwischen auswendig. Sie schaffte es jedes Mal, ihre Arbeit mit den X-Akten für andere Menschen zu normalisieren und ihn, Mulder, weniger verrückt aussehen zu lassen, da sie wusste, dass man seine Ansichten im Allgemeinen nicht teilte. Doch obwohl ihm klar war, dass Scully ihn durch ihr kühles und berechenbares Auftreten in Schutz nahm, ärgerte es ihn mitunter doch sehr, dass sie die Wahrheit vertuschte - so, wie alle anderen auch.
“Aber nicht immer, oder?", fragte Terry derweil. “Ich meine, es gibt doch sicherlich Fälle, die man nicht lösen kann, oder hinter denen vielleicht doch mehr steckt..."
“Manchmal", sagte Scully widerwillig. “Eher sehr, sehr selten."
“Sie glauben also nicht an Außerirdische?"
Mulder trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und pfiff leise vor sich hin. Er tat bewusst unschuldig, und wagte es nicht einmal, zu der Frage des Jungen Stellung zu nehmen. Er würde sich ohnehin nur einen strafenden Blick Scullys einfangen. So erhielt er nur einen warnenden, der etwa so viel bedeutete wie: “Setz dem Jungen bloß keine Flausen in den Kopf!" Laut und deutlich sagte sie “Nein, das tun wir nicht!" Ihre Augen suchten den Kontakt zu seinen, und er verstand sehr wohl, was sie von ihm wollte: “Bestätige, was ich gesagt habe, oder schweige auf ewig!"
“Nein, eigentlich nicht", sagte er daher. Er konnte seine Worte ja jederzeit widerrufen. Außerdem lag seine Betonung auf eigentlich.
Sie fuhren an den ersten Häusern vorbei. Wie es schien, handelte es sich wirklich um ein beinahe winziges Dorf.
“Wo genau wohnst du, Terry?"
Der Junge beugte sich nach vorn und deutete auf eines der Häuser. “Dort, in dem Weißen."
Mulder parkte den Wagen vor dem hübsch anzusehenden Gebäude mit dem großen Vorgarten, in dessen Mitte sich ein großer Apfelbaum befand. In der Einfahrt stand ein grauer Mercedes.
“Deine Mum scheint schon zu Hause zu sein", bemerkte Scully.
“Ja, sieht so aus."
Der Motor verstummte, und sie stiegen aus. Gerade versank die Sonne am Horizont und ließ diesen blutrot erstrahlen. Im Nachbarsgarten sprang ein großer schwarzer Labrador auf und bellte kurz, als er die ihm fremden Leute sah. Terry dagegen begrüßte er mit einem freundlichen Schwanzwedeln.
Sie stiegen die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Terry wollte gerade seinen Schlüssel ins Schloss stecken, als die Tür von innen aufgerissen wurde. Eine dunkelblonde Frau Mitte dreißig, in Jeans und locker sitzender Bluse, sah auf den Jungen hinab.
“Wo bist du gewesen, Terry?", fragte sie scharf. Ihr Blick streifte die beiden Agenten. “Und wer sind diese Leute?"
Mulder räusperte sich und zeigte seinen Ausweis. “Ich bin Special Agent Fox Mulder, und das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully. Wir sind wegen des Todesfalls am gestrigen Vormittag hier, Miss Phils." Mulder stellte mal wieder seine Fähigkeit unter Beweis, eine heikle Situation für alle Parteien zu entschärfen. “Ihr Sohn war so freundlich, uns hierher zu bringen, damit wir uns den Tatort ansehen können. Wir sind aus Washington und kennen uns nicht in Minto aus. Daher war es ein Glücksfall für uns, dass wir Terry auf der Main Street aufgabeln und nach dem Weg fragen konnten."
“Auf der Main Street?", fragte Miss Phils, während ihr Sohn einen dankbaren Blick in Mulders Richtung warf.
“Ja, ich hatte mich mit Don in der Eisdiele getroffen und war gerade auf dem Rückweg nach Hause", sagte Terry.
Miss Phils nickte zögerlich. “Aha." Sie musterte Scully und Mulder eingehend. “Allerdings verstehe ich nicht, warum man das FBI eingeschaltet hat. Webber ist von einem Hund angegriffen worden und hat dabei einen Schock erlitten, den er auf seine alten Tage einfach nicht mehr verkraften konnte. Soweit ich weiß, hat man einen Herzinfakt als Todesursache diagnostziert."
“Man ist sich noch nicht ganz einig", erwiderte Mulder.
“Und nun wollen Sie wohl Inspektor Gilbert befragen, was?"
Danke für das Futter, dachte Mulder und nickte. “Auch das. Doch zuerst möchten wir uns den Tatort ansehen, der ja vor Ihrem Haus liegt."
“Ja, leider." Miss Phils warf ihr Haar zurück. “Der gestrige Tag war nicht besonders schön für uns. Stundenlang wuselte die Polizei hier herum. Und natürlich auch haufenweise Nachbarn." Sie deutete auf eine Stelle der Straße. “Da ist es. Sie können es kaum übersehen, das gelbe Band klebt noch überall auf dem Asphalt. Die Kreidestriche sind auch noch da."
Mulder nickte. “Danke, Ma'am."
Er drehte sich um und ging den schmalen Weg zur Straße zurück. Scully folgte ihm.
Der Platz, an dem Ed Webber von den Tieren, seien es nun Hunde oder Terrys Echsen gewesen, angegriffen worden war, war wirklich nicht zu übersehen. Deutlich markierten weiße Linien die Konturen des Körpers. Auch Fetzen der gelben Zellophanbanderole klebten noch immer auf dem Asphalt. Mulder ging neben der Silhouette in die Hocke und betrachtete die Straßendecke. Ein paar dunkle Blutspuren und Glassplitter, die von der Schüssel stammen mussten, die Terry aus dem Fenster geworfen hatte. Mulder streckte den rechten Arm aus und griff nach einer größeren Scherbe, deren Ränder mit Blut verklebt waren.
“Damit habe ich eines der Tiere getroffen", hörte er Terry hinter sich sagen. “Das Glas hat ihm die Flanke aufgerissen."
Mulder drehte seinen Oberkörper um neunzig Grad, um den Jungen ansehen zu können, und hielt die Scherbe hoch. “Also stammt das Blut hier von dem Angreifer?"
“Ja."
“Ganz sicher? Ich meine, es könnte auch Webbers Blut sein..."
“Nein, ich habe ihn nicht getroffen." Der Junge deutete auf eine Stelle, wo die Scherben besonders häufig herumlagen. Das Glas glänzte im letzten Licht des Tages. “Die Schüssel ist hier runtergegangen, mehr als zwei Meter von Ed entfernt."
“Dann werde ich das Blut untersuchen lassen."
Mulder ließ die blutverschmierte Scherbe in ein kleines Tütchen gleiten und verschloss es gründlich, bevor er es in seine Manteltasche gleiten ließ und aufstand.
“Weißt du noch, wo die Tiere hingelaufen sind, Terry?", fragte Scully derweil, und strich sich eine Strähne ihres nussbraunen Haares aus den Augen.
Der Junge nickte. “Natürlich in den Wald. Wohin sollten sie denn sonst laufen?" Er deutete zu den nahen Bäumen hinüber.
Mulder klopfte den Straßenstaub von seinem Knie. “Und weißt du auch noch, wo genau sie in den Wald gelaufen sind?"
Terry kniff die Augen zusammen und dachte kurz nach. “Ja, ich denke schon."
“Zeig mir die Stelle."
Der Junge ging voran und die beiden Agenten folgten. Er führte sie zu einer windschiefen Birke, deren Wipfel durch einen der letzten Stürme abgeknickt war. Terry deutete darauf.
“Sie sind unter dem Baum da hindurchgelaufen."
Scully besah sich den Baum, während Mulder erneut in die Hocke ging und mit den Fingern oberflächlich über das Laub strich, das den feuchten, nach Moos und Humus duftenden Boden bedeckte. Plötzlich spürte er eine Vertiefung unter den Fingerkuppen und strich einige Blätter beiseite.
“Scully, sehen Sie sich das an."
Sie beugte sich hinab und starrte auf die Stelle, auf die ihr Partner deutete. Der weiche Waldboden war eingedrückt worden und zeigte nun eine untrügliche Fußspur. Sie war dreizehig und bot Scullys gespreizter Hand genügend Platz.
“Jesus, von wem oder was stammt denn das?"
“Von diesen Tieren", sagte Terry. “Sie hatten Vogelfüße, die genauso aussahen. Wie die vom Strauß."
“Diese Spur sieht jedenfalls danach aus, als ob ein Strauß hier im Wald spazieren gegangen wäre..."
Mulder schüttelte langsam den Kopf. “Sträuße haben kleinere und zierlichere Füße und nur zwei Zehen. Und auch nicht so extrem spitze Krallen. Außerdem: Haben Sie schon einmal etwas von einem freilaufenden Strauß mitten in Pennsylvania gehört?"
“Nein." Scully klopfte sich die Hände ab und blickte zurück auf die Straße, wo die gelben Klebebänder auch von ihrem Standort aus zu erkennen waren. “Ich würde mir gerne mal die Leiche des Mannes ansehen..."
Mulder derweil kniff die Augen zusammen und griff nach einem kleinen Gegenstand, der unweit der Fußspur auf der Erde lag, und hob ihn hoch. Es war ein Zahn...

eine Stunde später
pathologisches Institut von Philadelphia

Dr. Siegmund Stahl war ein kleiner untersetzter Mann Mitte fünfzig. Er sah aus wie Danny deVito, wie Mulder belustigt feststellte. Selbst die Art sich zu bewegen und auszudrücken ähnelte dem Schauspieler sehr. Der leitende Pathologe des Institutes öffnete die Tür zur Leichenhalle und durchquerte den großen Raum mit schnellen und irgendwie unbehänden Schritten. Vor der Schublade mit der Nummer 24 blieb er stehen und zog kurz und fest an dem Griff. Die Lade fuhr mit einem rumpelnden Geräusch heraus und Mulder spürte die Kühle, die das Fach und die darin befindliche Leiche umgab.
“Wir haben gestern Abend die erste Autopsie vorgenommen. Den jetzigen Ergebnissen nach ist der Bursche nicht an seinen Wunden, sondern an einem Herzinfakt gestorben, eine seines Alters angemessene Art, auf einen unverhofften Angriff eines großen Tieres zu reagieren."
“Sie haben in Ihrem Bericht erwähnt, dass Sie einen Hund, genauer einen Dobermann, für den Angreifer halten, obwohl die Art der Bisse nicht darauf schließen läßt", sagte Scully, während sie die obduzierte Leiche musterte. Sie zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche und streifte sie über. Mit grunzelter Stirn untersuchte sie die ausgefransten Wundränder.
“Ich habe keine besseren Erklärungen finden können, Agent Scully", erwiderte Dr. Stahl. “Jedenfalls war ein Tier mit äußerst scharfen Zähnen am Werk."
“Mit diesen etwa?" Mulder hielt das Fundstück aus Minto in die Höhe. “Das hier haben wir unweit des Tatortes gefunden."
Der Pathologe beugte sich vor, um den Zahn näher in Augenschein zu nehmen.
“Ja, das könnte durchaus sein."
“Wissen Sie, von welchem Tier das stammen könnte?"
Dr. Stahl zuckte mit den Schultern. “Tut mir leid, da werden Sie schon einen Experten zu Rate ziehen müssen. Ich bin kein Zoologe, Agent Mulder."
Scully derweil war der schaumige Speichel an den Wundrändern aufgefallen. Sie verrieb ihn zwischen den Fingern und roch vorsichtig daran. Der Speichel stank scheußlich, äußerst streng und irgendwie verwest.
“Haben Sie den untersuchen lassen?", fragte sie und deutete auf den Speichel.
“Wir haben ihn ins Labor geschickt", antwortete Dr. Stahl. “Allerdings haben wir noch kein Ergebnis erhalten."
Scully nickte bloß, während sich Mulder vernehmlich räusperte.
“Sobald die Ergebnisse da sind, würden Sie so liebenswürdig sein, uns diese zukommen lassen?"
Der Pathologe sah ihn verwirrt an, nickte jedoch. “Wenn Sie das wünschen..."

QDCI-Gebäude / Baltimore

Mulder zeigte dem Schrankenwart seinen Ausweis und durfte passieren. Der Fallbaum wurde hochgezogen und er ließ den dunklen Ford anfahren. Die breite Straße führte einige Meter weit bis zu einer hohen Steinmauer, die mit Stacheldraht und Videokameras versehen war. Ein zweiter Wächter überprüfte Mulder und seinen Wagen, bevor er ihm die Weiterfahrt gewährte.
“Jesus, dieses Ding ist ja besser abgesichert, als Braddleford!", knurrte Scully auf dem Beifahrersitz, während sie im Rückspiegel beobachtete, wie das eiserne Tor hinter ihnen sofort wieder geschlossen wurde. Ihr Partner musste ihr insgeheim Recht geben. Doch er zuckte bloß mit den Achseln und konzentrierte sich wieder auf das Fahren.
Vor ihnen lag das drei Hektar große Industriegebiet der Quinn Co-perations Dream Images. Der gewaltige Gebäudekomplex nahm allein schon zweieinhalb Hektar dieser Fläche ein. Die riesige Firma war von raffinierter und außergewöhnlicher Architektur, ganz im Stil des alten Griechenlands errichtet. Mehrstöckige Flachdachgebäude, weiß getüncht und mit dunkelroten Säulen versehen, waren vorherrschend. Zahllose Aufgänge und Treppen verirrten sich zwischen den unzähligen Gebäudetrakten. Nichts an dieser Firma ließ darauf schließen, dass modernste Technik in ihr wohnte. Überhaupt sah sie so gar nicht wie eine Industrieanlage aus.
Sie passierten das gewaltige Tor mit dunklen Flügeltüren, und Mulder manövrierte den Wagen durch die etwas schmalere Straße in den großen Innenhof, der als Parkplatz für die Obersten der Quinn Co-operations Dream Images, kurz QCDI, diente. Sie parkten zwischen einem dunklen Mercedes und einem schnittigen Audi TT und stiegen aus.
Die QCDI war ein einziges Labyrinth - für die, die nicht täglich dort arbeiteten. Mulder und Scully hatten Schwierigkeiten, den Aufgang zur Chefetage zu finden. Sie eilten die langen Korridore entlang, sahen unzählige Abteilungen an sich vorbeiziehen. Hier in dieser Firma wurde beinahe jeder Beruf ausgeübt. Es wimmelte nur so vor Physikern, Chemikern und Mathematikern, Ingenieuren, Laboranten und Designern, ebenso gab es unzählige Sekretärinnen, Boten und Arbeitskräfte, die dafür sorgten, dass der Gebäudekomplex immer einen blitzblanken Eindruck machte. Lieferanten polterten mit ihren Gepäckwagen durch die Flure, eine ältere Frau kümmerte sich um die unzähligen Topfpflanzen im Gang. Einige junge Männer in wehenden weißen Kitteln rauschten an den beiden Agenten vorbei, Leute aus der biologischen und medizinischen Abteilung tauschten Daten aus. Ein dicker Anwalt diskutierte ungehalten mit einer störrischen Sekretärin, die sich weigerte, ihm Zugang zur nanotechnischen Sektion zu erteilen.
Mulder seufzte und hastete die nächste Treppe hinauf, Scully auf den Fersen. Hier ging es deutlich ruhiger zu. Das war auch kein Wunder, denn hier lag der Bereich der großen Tiere. Rechtsanwälte, Prokuristen und natürlich die Leiter der Firma hatten hier ihre Büros.
Sie traten in den Vorraum des Junior - Chefs. Eine dunkelhäutige Sekretärin blickte von ihrer Arbeit auf und zog fragend die Augenbrauen hoch.
“Ja bitte?"
“Ich bin Special Agent Fox Mulder, das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully." Er legte seinen Ausweis vor. “Ich suche einen Mann namens Jonathan Quinn."
Die Frau deutete mit der linken Hand hinter sich. “Gehen Sie ruhig hinein, Sir. Er hat zwar gerade eine Besprechung, aber Sie dürfen ihn sicherlich stören." Ihr ausgestreckter Zeigefinger wies auf auf eine rotbraune und mit edlen Mustern verzierte Holztür.
“Danke." Mulder nahm seinen Ausweis wieder an sich, ging zusammen mit Scully zur Tür hinüber, klopfte kurz an und öffnete sie.
Der Raum war hell und geräumig. Eine Tischgruppe, die wie ein Hufeisen angeordnet war, stand mitten im Zimmer. Etwa ein Dutzend Männer waren darum versammelt und verfolgten aufmerksam die Präsentation eines merkwürdigen silbernen Gerätes von knapp zehn Metern Länge, das ein schlaksiger Mann in Jeans und Pullover vorstellte.
“Der Dark Star ist das erste für Radar unsichtbare Spionageflugzeug, verehrte Herren. Dieses kleine Baby hier wird ferngesteuert und eignet sich für die gefährlichsten Missionen."
“Für das Radar unsichtbar, Mister Corney?"
“Natürlich. Ein Teil der Strahlung wird von einer speziellen Oberflächenbeschichtung geschluckt, die Reststrahlen in alle Richtungen gestreut. Das liegt daran, dass die Maschine nur wenige scharfe Kanten hat. Der kleine Spion hier ist 500 km/h schnell und fotografiert aus einer Höhe von neun Kilometern mit einer Bildauflösung von 30 Zentimetern."
“Ach ja? Und das soll ich Ihnen glauben?", grinste einer der Männer, ein alter seriöser Herr der durch sein selbstbewusstes Auftreten den Eindruck vermittelte, recht viel Einfluss zu haben.
“Das können Sie ruhig tun, Mister Duncan", erwiderte ein anderer, der weitaus jünger erschien. Der Mann hatte hellblondes Haar und strahlend blaue Augen, sein Anzug saß perfekt und seine Stimme wies auf Autorität hin. Mulder grinste. Das war Jonathan - kurz: Jonas - in seiner Starrolle.
Der junge Wissenschaftler zog ein großes Foto aus seiner Aktentasche und legte es dem Mann mit Namen Duncan vor die Nase. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen und seine Augen blitzten. Mulder wusste, dass Jonas sich sicher war, den Fisch im Netz zu haben. Jonathan Quinn war eigentlich seines Amtes Paläoarchäologe, vertrat aber auch nebenbei die Firma seines Vaters, deren Ruf selbst über die Grenzen der USA hinaus reichte.
“Man sagt zwar, dass man sich nicht in die Privatsphäre anderer einmischen soll, doch habe ich dieses Gebot zwecks eines kleinen Versuchs gebrochen. Außerdem hat es mich schon immer interessiert, wie Sie so wohnen." Er lachte kurz. “Man kann sogar deutlich Ihren Gärtner Paul erkennen, der gerade die Blätter aus dem Pool fischt."
Duncan starrte auf die Fotografie und schüttelte überrascht den Kopf. “Das haben Sie mit diesem Spion aufgenommen?"
“Exakt."
“Unglaublich..."
“Und das hier ist einer der Paläste unseres geschätzten Saddam Husseins. Ich glaube, den kennen noch nicht so viele. Er wurde erst vor drei Monaten fertiggestellt."
Jonas erntete wahres Erstaunen.
“Dieses Ding..." Duncan räusperte sich. “Was wollen Sie dafür?"
“Wir haben noch keine Preise festgelegt."
“Ich will nicht die Flugzeuge kaufen, Mister Quinn. Ich will ihre Pläne."
Jonas lachte auf. “Wie bitte? Glauben Sie etwa, ich wäre so blöd und würde diese Entwicklung, dieses revolutionäre Programm, an dem ich und meine Firma lange und intensiv gearbeitet haben, so einfach mir-nichts-dir-nichts verkaufen? Vergessen Sie es. Sie sind hier, um sich den Dark Star anzusehen und der CIA schmackhaft zu machen. Hergestellt wird er hier bei uns. Und ich sage Ihnen gleich, dass dieses Flugzeug keiner Massenproduktion unterliegt. Die Spione werden allesamt getestet und äußerst streng bewertet. Die QCDI ist für ihre Präzision und Perfektion bekannt." Er lächelte Duncan freundlich an. “Kommen Sie wieder, wenn Sie die Modelle für einen akzeptablen Preis kaufen möchten. Dann reden wir weiter."
“Nur eines der Modelle wird mir reichen, um die Pläne dazu anfertigen zu lassen!", brauste der Alte auf.
“Wenn Sie meinen. Sie werden allerdings bloß die Pläne für ein Modellflugzeug herausbekommen, aber nicht die unseres Dark Star, denn die Materialien, die wir verwenden, sind weder Ihnen noch sonst irgendeinem Schlaumeier Ihrer Bande geläufig. Sie unterliegen größter Geheimhaltung und ich werde mich hüten, auch nur andeutungsweise zu erwähnen, aus welchen Materialien wir den Spion hergestellt haben. Ich sage Ihnen nur so viel: Jedes andere Material würde dafür sorgen, dass der Dark Star entweder bei seinem ersten Probestart verglüht oder Ihnen, sobald Sie den Hebel umlegen, um die Ohren fliegt. Sie haben die Wahl. Wie Sie sich entscheiden, kann mir egal sein. Die Dinger hier werde ich so und so los. Ich brauche Sie nicht, aber Sie brauchen mich. Vergessen Sie das nicht. Und nun muss ich Sie bitten, den Raum zu verlassen, ich habe nämlich noch weitere Termine. Das wäre ja was, wenn ich mir von Ihnen meinen Arbeitstag durcheinander bringen lassen würde. - Agent Mulder, Agent Scully, machen Sie es sich doch bitte schon einmal bequem."
Die Beiden folgten der Aufforderung und ließ sich auf einem freien Stuhl sinken. Interessiert beobachteten sie das Geschehen um sich herum. Murmelnd packten die Männer zusammen, nur Duncan kochte. Man sah ihm seine Wut in jeder Bewegung an. Beinahe widerwillig verließ er mit den anderen den Raum.
Die Tür fiel zu und Jonas schickte einen hilfesuchenden Blick nach oben.
“Es ist jedesmal das Gleiche! Die glauben ständig, einen übers Ohr hauen zu können!" Er ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und sah zu den beiden Agenten auf. “Und ihr zwei, was treibt euch zu mir?"
“Das hier."
Scully reichte ihm eine durchsichtige und an dem Verschluss beschriftete Plastiktüte, die ein kleines Objekt enthielt. “Wir sind gerade auf dem Rückweg nach Washington, und weil Mulder mal wieder nicht mit dem Ausfeilen seiner Theorien warten will, dachten wir, dass wir auf einen Sprung vorbeikommen, und du dir das Ding mal anschaust."
Jonas hatte die Tüte schon unter die Lupe genommen, bevor sie überhaupt ausgesprochen hatte. Sie enthielt einen Zahn. Er war knapp zwei Zentimeter lang und spitz zulaufend. Eindeutig der Zahn eines Raubtieres. Eines recht großen sogar. Die Spitze war leicht bräunlich gefärbt. Je breiter der Zahn wurde, um so heller wurden die Schattierungen. An der nach innen gekrümmten Seite war die Kante äußerst scharf und leicht abgeflacht. Jonas fuhr sie mit der Fingerkuppe nach und spürte, wie der Zahn in seine Haut einschnitt.
“Wo habt ihr das Ding her?"
“Aus Minto."
“Bei Annapolis?"
Scully nickte.
Jonas besah sich den Zahn genauer. Für Luchs und Wolf zu breit, für einen Bären zu spitz zulaufend. Außerdem war der Schmelz viel zu dick. Äußerst ungewöhnlich.
“Ich kann das Ding keinem lebenden und mir bekannten Tier zuordnen..."
“Einem ausgestorbenen Wesen vielleicht?", fragte Mulder.
Jonas zuckte mit den Schultern. “Der Form, der atypischen Abflachung an der Innenkrümmung und der Beschaffenheit des Zahnschmelzes nach..." Er zögerte kurz. “Na ja, Dilophosaurus, wenn mich nicht alles täuscht. Aber diese Raubechse ist seit etwa 65 Millionen Jahren ein als ausgestorben zu klassifizierendes Reptil..."
“Ein Dinosaurier also?", fragte Mulder.
“Ja."
“Und es gibt wirklich kein dir bekanntes Raubtier mit solchen Zähnen?"
Jonas überlegte kurz. “Entweder ein zu groß geratener Wolf oder ein Tigerhai mit Lungen und Beinen."
Er gab den Zahn zurück, und Scully nickte dankend, bevor sie ihn wieder in ihrer Handtasche verschwinden ließ.
“Zu welchem Fall gehört das Ding?", erkundigte sich Jonas.
Mulder faltete die Hände unter dem Kinn. “Nun, um ehrlich zu sein, zu keinen uns zugeteilten Fall. Ich hatte heute lediglich eine Begegnung mit einem Jungen namens Terry Phils, der in Minto wohnt und Zeuge wurde, wie ein alter Mann von zweibeinigen Echsen angegriffen und zu Tode gebissen wurde. Dem Polizeibericht zufolge wurde der Mann allerdings von einem großen Hund oder Wolf angegriffen und zerfetzt."
Jonas nickte. “Nun ja, einen Wolf lasse ich unter Umständen auch noch durchgehen", räumte er ein, ohne allerdings sehr davon überzeugt zu sein. Er seufzte und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. “Oh verdammt!"
“Musst du weg?"
“Ja." Jonas zuckte hilflos mit den Schultern. “Entschuldigt, dass ich euch abwürgen muss, aber mein Flug geht gleich. Auf Java haben wir einen Abnehmer eines neuen Computerchips für Architektur-Simulationen. Wir haben einen mächtigen Stress in letzter Zeit, und ich bin echt viel unterwegs..."
Mulder nickte. “Wir wollten auch nicht lange stören. Trotzdem, danke für deine Hilfe." Er und Scully erhoben sich und gingen in Richtung Tür. Im Rahmen blieb der Agent noch einmal kurz stehen und drehte sich um. “Wenn du mal wieder Zeit hast, komm mich doch einmal in Washington besuchen. Ich muss dir mein neues Büro zeigen." Er zwinkerte kurz, hob die Hand zum Abschied und verließ anschließend den Raum.

etwa eine Stunde später

Kurz vor Washington war der Verkehr vollkommen zusammengebrochen. Mulder konnte nicht einmal ahnen, wie lange die Schlange vor ihm noch war. Scully war auf dem Beifahrersitz eingenickt. Jedenfalls erschien es ihm so, als ob sie schliefe. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter.
“Schalten Sie in Gottes Namen den Motor ab, Mulder", murmelte sie, wie um seine Theorie zu widerlegen. “In den nächsten zwanzig Minuten werden wir ohnehin keinen Zentimeter vorwärts kommen."
“Vielleicht haben Sie Recht", gab er nach und ließ den Motor des Wagens verstummen. Seufzend lehnte er sich in seinem Sitz zurück und gähnte.
“Haben Sie vor, mitten auf dem Highway ein Nickerchen zu halten?", fragte er mit einem leichten Lächeln.
“Wie soll ich denn sonst die Zeit totschlagen? Ich habe ohnehin in den letzten Stunden kaum die Augen zugetan."
Hinter ihnen hupte ein verärgerter Fahrer mit voller Kraft. Der Krach begann Mulder auf die Nerven zu fallen. Er kurbelte das Fenster herunter und fixierte den Ungeduldigen mit grimmiger Miene.
“Wenn man mit Krach machen die Straße freiräumen könnte, wäre ich schon längst in Miami!", rief er ärgerlich.
Der Mann hinter ihnen starrte mit wutverzerrtem Gesicht zurück und zeigte den Stinkefinger. “Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß! Hauptsache, Sie machen, dass Sie endlich Ihre lahme Kiste in Gang kriegen!"
Mulder hätte ihm am Liebsten eine passende Antwort auf diese Frechheit gegeben, doch Scully zupfte ihm hastig am Arm, bevor er die Tür aufstoßen und zu dem Mann laufen konnte, um sich für dessen Beleidigung zu revancieren.
“Hey, Sie müssen die Statistiken über Streit im Stau nicht beweisen!"
Er ließ sich nur widerwillig in seinen Sitz zurücksinken. “Jedenfalls kann ich diese Statistik nun vollkommen nachvollziehen", knurrte er.
Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war viertel vor sieben.
“Also, unser Flugzeug nach New York werden wir nicht mehr kriegen. Dazu wäre schon ein Wunder nötig. - Was ist, Mulder? Haben Sie eines auf Lager?"
“Natürlich. Jeden Moment wird eine Baukolonne eintreffen und extra für uns eine Ausfahrt anlegen. Aber vielleicht sind die grünen kleinen Männchen vom Mars schneller und sorgen dafür, dass dieser widerliche Stau endlich sein Ende findet!"
Der Wagen kämpfte sich knappe zehn Meter weiter, bevor sie erneut stehen bleiben mussten. Scully seufzte tief.
“Vergessen Sie's, Mulder, wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen."
“Na, wenn das so ist", sagte er schulterzuckend, bevor er den Wagen nach rechts lenkte, wo ein kleines Lokal am Straßenrand stand. “Dann könnten wir uns theoretisch auch eine nervliche Pause gönnen und einen Kaffee trinken. Was halten Sie davon?"
Sie hob die Augenbrauen, während der Motor verstummte. “Das würde Ihren Entschluss, hier für einige Zeit Wurzeln zu schlagen, auch nicht ändern. Schließlich stehen wir ja schon auf dem Parkplatz."
Er grinste und stieg aus. Sie verdrehte die Augen zum Himmel. Er war einfach unverbesserlich.
“Na los, kommen Sie schon!", sagte er lachend, nachdem er die Beifahrertür aufgerissen hatte, und versuchte Scully vom Sitz zu scheuchen. “Wünschen Madame getragen zu werden, oder kann sie selbst aufstehen?"
“Meinen verspannten Gliedern nach sollte ich mich lieber gar nicht bewegen", murrte sie, stieg jedoch gehorsam aus dem Wagen. Gemeinsam mit Mulder schlenderte sie zu dem kleinen Lokal hinüber.
“Gratulation, Mulder. Sie haben mal wieder ein Vier-Sterne-Restaurant ausgesucht", bemerkte sie trocken.
“Tja, ich habe einen Blick für so etwas." Er hielt ihr die Tür auf und trat nach ihr ins Innere des Gebäudes.
Das Lokal schien auf den ersten Blick hell und sauber zu sein. Scullys Miene entspannte sich. Keine dunkle Highway-Spelunke, sondern ein direkt gemütliches Restaurant.
Mulder wählte für sie den hintersten Tisch - wie meistens - und streckte sich genüsslich auf der Eckbank aus. Scully setzte sich ihm gegenüber und musterte die Umgebung. An der Längsseite des Lokales befand sich die von einigen kleinen Lampen beleuchtete Bar, die Tischgruppen, die sich im Raum verteilten, waren von blumengeschmückten Mauern voneinander getrennt. Einige gerahmte Kunstdrucke und Schwarzweißaufnahmen hingen an den Wänden, Topfpflanzen verliehen den Räumlichkeiten eine erheiternde Note. Eine Kellnerin wischte die Tische links von ihnen, nickte ihnen kurz zu, um ihnen Bescheid zu geben, dass sie sich gleich um sie kümmern würde, und eilte zur Bar hinüber.
Inzwischen hatte Mulder die Speisekarte herangezogen und studierte sie eingehend. Anerkennend hob er die Augenbrauen. “Hier gibt es auch frischen Fisch aus eigener Zucht. Was ist, Scully? Hätten Sie Lust auf Forelle?"
Sie zögerte kurz, nickte dann aber. “Ja, eigentlich schon."
Die Bedienung kam zu ihnen, begrüßte sie freundlich und fragte nach der Bestellung.
“Zweimal das Menü Nummer 8", sagte Mulder, nachdem er sich noch einmal von Scully durch einen stummen Blick hatte bestätigen lassen, dass sie das von ihm gewählte Essen auch wirklich wollte.
“In Ordnung, Sir." Sie notierte die Ziffern. “Und was wünschen Sie zu trinken?"
“Zitronenlimonade, kalt."
Scully nickte zustimmend. “Für mich auch, bitte."
“Kommt sofort", lächelte die Kellnerin. “Selten sind sich Gäste so einig." Sie grinste und entschwand.
“Verkehrte Welt", kommentierte Mulder die Worte der jungen Frau, kaum dass sie verschwunden war. “Wo wir uns doch sonst nie einig sind..."
Sie blinzelte kurz. Er nahm sich mal wieder selbst auf die Schippe.
“Wir können uns Zeit lassen", sagte sie sachlich, während sie auf ihre Uhr blickte. “Die nächste Maschine geht erst in anderthalb Stunden."
“Hoffentlich hat sich bis dahin der Stau aufgelöst", erwiderte Mulder.
Einer der Stammgäste an der Bar war an die Jukebox gegangen und hatte sich einen Titel von Styx ausgesucht. Die sanften Klänge von Babe erfüllten das Lokal.
Die Getränke kamen, und Mulder konnte wie immer nicht bis zum Essen warten. Auf einen Zug leerte er beinahe das halbe Glas.
“Sie scheinen kurz vor dem Verdursten zu sein", bemerkte Scully trocken.
“Kein Wunder", brummte er.
Sie seufzte. “Meine Güte, ich freue mich schon tierisch auf den Papierkram, der uns in Washington erwartet..."
Er grinste säuerlich. “Oh ja, Skinner wird uns sicherlich wieder wie Zitronen ausquetschen, nur um ja zu erfahren, wie wir die Frechheit besitzen konnten, uns einfach in die Angelegenheiten einer benachbarten Polizeibehörde einzumischen und auf Grund dessen unseren Flug nach New York zu verpassen, wo wir einen Fall zu bearbeiten hätten."
“Skinner glaubt sicherlich wieder, dass Sie mich zu dieser Aktion überredet und somit einen schlechten Einfluss auf mich haben", sagte sie mokant.
“Habe ich den?", fragte er unschuldig.
Die Kellnerin brachte den Fisch und die beiden Agenten machten sich hungrig darüber her. Es schmeckte vorzüglich, darin waren sie sich - welch Wunder - einmal einig.
Mulder spießte einen Happen zartes Fischfilet auf die Gabel und blickte seine Partnerin bedeutungsvoll an. Sie drückte ein Zitronenscheibchen über ihrem Fisch aus und erwiderte seinen Blick.
“Was ist?" Sie sah ihn forschend an und schüttelte daraufhin wild entschlossen den Kopf. “Nein, Mulder, das hier ist keine X-Akte!"
“Aber es ist außergewöhnlich, das müssen Sie zugeben", murrte er und sah sie beinahe beleidigt an. “Ich weiß, wann etwas natürlich und erklärlich ist, Scully."
“Ach ja? Daran zweifle ich manchmal recht stark."
Er rutschte auf der Eckbank zurecht und leerte sein Glas. “Das in Minto war jedenfalls kein Angriff von irgendeinem Wolf oder Hund", sagte er. “Und Sträuße zerhacken keine Menschen und sabbern dabei auch noch."
“Es wird eine rationale Erklärung für diese Sache geben, Mulder!"
Er seufzte, ersparte sich jedoch ein Wortgefecht mit ihr, das wohl unweigerlich folgen würde, würde er weiterhin auf seine These pochen. Und auf eine Auseinandersetzung mit Scully hatte er im Moment weder Lust noch die nötige Kraft, um ihren Argumenten Stand halten zu können. Und so schwieg er und aß seinen Fisch.
Nach dem Essen warf Mulder einen kurzen Blick nach draußen und wurde mit der ernüchternden Tatsache konfrontiert, dass sich der Stau nicht aufgelöst, sondern sogar noch verschlimmert hatte - sofern das überhaupt noch möglich war.
“Es sieht so aus, als säßen wir im wahrsten Sinne des Wortes fest", sagte er.
“Na super." Scully strich müde über ihr Haar. “Dann hoffe ich bloß, dass die Zimmer hier so gut sind wie das Essen."
“Sofern überhaupt noch welche frei sind..."
Mulders Befürchtung war berechtigt. Die wenigen Zimmer, die das Lokal zu bieten hatte, waren annähernd ausgebucht. Die Agenten konnten gerade noch das letzte für sich beanspruchen - noch dazu ein Einzelzimmer.
Scully ließ sich mit einem Seufzer auf das kleine Bett fallen und starrte an die beige getönte Decke hinauf.
“Warum haben eigentlich immer wir so viel Glück?", fragte sie, während er sich erschöpft auf die Bettkante sinken ließ und den Kopf auf beide Hände stützte. Es gelang ihr nicht, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken, und es kam ihr so vor, als würden ihr jeden Augenblick beide Augenlider unwiderruflich zufallen.
“Weil wir keine normalen Agenten sind?", vermutete er, jedoch ohne die Spur von Schalk, sondern richtig resigniert, wie Scully trotz ihrer Müdigkeit erstaunt feststellte.
“Vielleicht", antwortete sie langsam und knautschte das Kissen zurecht. “Ich habe das Gefühl dass, wenn ich jetzt einschlafe, nie wieder aufwachen werde."
Er lächelte kurz. “Und ich dachte, ich wäre der einzige, dem man die letzten Reserven aus den Knochen gesaugt hat."
Sie stemmte sich unter größter Anstrengungen, so schien es jedenfalls, in die Höhe, streifte ihren Mantel von den Schultern und suchte das Zimmer nach einer brauchbaren Kleiderablage ab, fand schließlich einen geeigneten Stuhl, warf ihren Mantel über die Lehne und begann sich anschließend, auch von den restlichen Kleidungsstücken zu befreien. Mulder hatte ihre Kulturbeutel, die sie ständig mit sich führten, aus dem Wagen geholt, doch nach einigem Herumwühlen stellte sie fest, dass sie kein einziges frisches Hemd mehr besaß, das als Schlafgewand verwendbar war.
“Mist", murmelte sie und wühlte den Beutel noch ein zweites Mal durch. Ihre Suche blieb erfolglos.
Mulder derweil schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Er warf ihr ein weißes T-Shirt zu, das er aus seinem Gepäck geangelt hatte.
“Ich weiß nicht, ob es Ihnen passt, aber für heute Nacht dürfte es reichen."
“Danke."
Er nickte bloß und verschwand im Bad, um sich die Zähne zu putzen und sie alleine zu lassen, damit sie sich ungestört umziehen konnte. Sie knöpfte ihre Bluse auf, zog sie aus und legte sie so ordentlich wie möglich über den Stuhl. Sie verzog das Gesicht, denn sie wusste nur zu genau, dass das Kleidungsstück am nächsten Morgen so und so Falten haben würde. So viel zur perfekten Erscheinung von FBI-Agenten, dachte sie bei sich, löste den BH und warf auch ihn über die Stuhllehne. Dann griff sie nach Mulders T-Shirt und schlüpfte hinein, schüttelte kurz ihr Haar und suchte dann in ihrem Kulturbeutel nach ihrer Zahnbürste.
Mulder kehrte aus dem Badezimmer zurück. Er hatte sein Hemd ausgezogen und warf es mit der linken Hand auf einen Sessel, während er mit einem Handtuch in der rechten sein nasses Haar frottierte. Er grinste Scully fröhlich an.
“Hey, das steht Ihnen gut."
Er warf ihr die Tube mit Zahncreme zu, die sie in der hohlen Hand auffing, vom Bett aufstand und sich an ihm vorbei ins Badezimmer schob.
“Moment."
Sie drehte sich mit fragendem Blick um.
Mulder deutete auf das Bett. “Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich mir eine der Decken klaue, oder?"
“Wieso?"
“Meinen Sie, ich will auf dem Boden erfrieren, jetzt wo ich nicht einmal ein T-Shirt für heute Nacht habe?"
Sie lachte. “Im Bett ist genug Platz, und wenn Sie brav sind, dürfen Sie da auch die ganze Nacht drin bleiben."
Er verzog das Gesicht zu einer teils spöttischen, teils belustigten Grimasse. “Hey, wofür halten Sie mich? Don Juan?"
Sie erwiderte nichts darauf und verschwand im Badezimmer. Sie brauchte gerade mal fünf Minuten, schließlich hatte sie es eilig, ins Bett zu kommen. Sie fühlte sich wie am Boden zerschlagen, und auch der Schwall Wasser, den sie sich ins Gesicht klatschte, machte sie nicht mehr munter. Sie angelte nach ihrem Handtuch, trocknete sich hastig ab und verließ den Raum.
“Rutschen Sie ein Stück", sagte sie und scheuchte Mulder auf die linke Seite des Bettes, wo er sich ohne zu protestieren in die Kissen knäulte und die Augen schloss. Er musste wirklich müde sein, eine Eigenschaft, die Scully nur selten an ihm erleben konnte.
Sie kroch unter die Decke, knetete ihr Kissen zurecht und streckte den Arm aus, um das Licht zu löschen. Sanfte Dunkelheit breitete sich im Raum aus. Scully atmete tief ein, und hörte ein leises Rascheln der Decke aus Mulders Richtung. Sie berührte seine nackte Schulter, als sie ihre Hand unter ihr Kissen schob, und spürte die angenehme Wärme, die sein Körper ausstrahlte.
“Schnarchen Sie?", fragte sie unvermittelt.
“Nein, wieso? Tun Sie es etwa?"
Sie grinste. “Ich bezweifle es."
Er murmelte zufrieden vor sich hin. “Gut. Dann stehen mir ja ein paar friedliche Stunden bevor..."
“Und was ist, wenn Sie wieder träumen?"
Er schwieg einen kurzen Moment. Ihre Sorge war berechtigt, denn kaum verstrich eine Nacht ohne diesen Traum, den Traum, der ihn schon so lange quälte.
“Ich hoffe, dass ich es nicht tue", sagte er, und Scully wusste, dass er die Wahrheit sprach. Doch sie wusste auch, dass sein Traum nicht beeinflussbar war.
Scully ließ sich mit einem leisen Seufzen in ihre Kissen zurücksinken und schloss die Augen. Draußen trommelte der Regen auf das Dach des Motels. Der Stau hatte sich in den letzten zwanzig Minuten vollkommen aufgelöst und Ruhe war eingekehrt, lediglich hier und da von einem kurzen Rascheln unterbrochen. Der Himmel war bewölkt, die Nacht pechschwarz. Ideale Tarnung für sie. Und als der Mond für einige Sekunden durch die Wolkendecke brach, fiel sein Licht auf eine Gruppe kleiner Wesen, die, sobald sie den Lichtschimmer bemerkten, leise fiepend die Köpfe hoben und dann mit hastigen Sprüngen im nahen Unterholz verschwanden...
gegen zwei Uhr in der Nacht

Scully hatte geglaubt, dass sie nicht einmal ein Erdbeben aus dem Schlaf schrecken könne. Doch der plötzliche Tritt gegen ihr Bein ließ sie dennoch auffahren. Im ersten Augenblick der Orientierungslosigkeit sah sie sich um, bevor sie begriff, wo sie war. Sie blinzelte, und plötzlich wusste sie, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte.
“Mulder?"
Sie beugte sich zu ihm, und sah den Schweißfilm auf seinem Gesicht, in dem sich Schmerz und Angst widerspiegelten. Seine Lider flackerten. Er träumte, Scully wusste es. Und sie wusste auch, dass das Schlimmste noch vor ihm stand. Sanft berührte sie seine Schulter, spürte, wie er am ganzen Leib zitterte. Nie zuvor hatte sie seinen innerlichen Schmerz so sehr gespürt wie jetzt.
“Mulder!"
Sie schüttelte ihn heftig, bis er endlich erwachte, wie ein Stehaufmännchen im Bett hochfuhr und mit glasigen Augen an die Decke starrte. Er schnappte nach Luft und schüttelte sich krampfhaft, bevor sich sein verklärter Blick auflöste und er seine Umgebung erfasste.
“Jesus", murmelte er, und Scully sah, wie Tränen auf seinen Wangen glitzerten. Ein Schauer durchlief sie. Sie kannte seinen Traum, doch seine Reaktion darauf zeigte ihr erst, wie sehr ihm diese Nachtmahr unter die Haut ging. Sie streckte ihre Hand aus und berührte sein Gesicht, wischte die heißen Tränen von seiner Wange.
“Ist alles in Ordnung, Mulder?"
Er nickte zögernd. “Ja, ich denke schon." Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in die Kissen zurücksinken, und sie rutschte näher an ihn heran. Sie spürte immer noch die Angst in ihm und hatte das tiefe Bedürfnis, ihn zu trösten.
“Versuchen Sie zu schlafen, Mulder", sagte sie leise, während sie den Arm um ihn legte und sich an seine Seite schmiegte. “Ich bin bei Ihnen, okay?"
Er nickte dankbar, seine Hand suchte den tröstenden Kontakt zu ihr. Sie wehrte sich nicht, als er über ihr Haar strich und sie sanft an sich drückte. Sie hoffte, dass ihre unmittelbare Nähe half, seine Alpträume zu bändigen und ihn ruhig schlafen zu lassen, ohne schreiend aufwachen zu müssen, mit weitaufgerissenen Augen, die ins Angesicht des Grauens geblickt hatten, mit blutendem Herz, das bei dem Gedanken an Samantha schmerzte. Das Verschwinden seiner Schwester würde ihn niemals in Ruhe lassen, dachte Scully bei sich und empfand tiefes Mitleid für ihn.
Er kuschelte seinen Kopf in ihre Halsbeuge, und kurz darauf spürte sie, wie sein Atem ruhig und gleichmäßig wurde. Sein Gesicht nahm entspannte Züge an, der Traum hatte sich verflüchtigt und war dem Tiefschlaf gewichen. Scully fuhr mit der rechten Hand durch sein weiches Haar und küsste ihn auf die Stirn.
Schlaf gut, Mulder, dachte sie bei sich und ließ sich tiefer in die Kissen sinken. Schlaf gut...

Jakarta / Java / Indonesien

Die Sonne ging gerade auf, als sich Piero und seine beiden Klassenkameraden Salvatore und Alfredo auf den Weg zurück in die Innenstadt machten. Die vertrauten Geräusche des Hafens schollen zu ihnen herüber, in der sanften Morgenprise rauschten die weitausladenden Äste der Koniferen, die den Wegrand säumten. Alfredo pfiff schon seit einigen Minuten vor sich hin, darum blickte er recht verwirrt, als Salvatore ihn plötzlich anstieß und den Zeigefinger auf den Mund legte.
“Hörst du das?", fragte er leise.
Auch Piero hatte es vernommen. Verwirrt blieb er stehen und lauschte.
Ein leises Zischen erklang von irgendwo.
“Eine Schlange?"
Salvatore schüttelte den Kopf. “So nahe am Hafen?", zweifelte er.
“Außerdem klingt es nicht nach Schlange", pflichtete ihm Alfredo bei. “Es muss etwas Größeres sein..."
In diesem Moment teilte sich das Dickicht neben ihnen, und etwas sprang laut fauchend heraus. Die Jungen sahen blitzende Zähne im aufgehenden Licht der Sonne, kalte blassgelbe Augen mit schmalen Pupillen. Ein widerlich süßlicher Geruch breitete sich aus. Hinter dem Wesen tauchte noch ein weiteres auf, kurz darauf ein drittes.
Salvatore schrie auf und wollte davonlaufen, als ihn etwas an der Wange traf. Als er sich instinktiv darüberwischte, stellte er fest, dass es eine schaumige übelriechende Flüssigkeit war. Angewidert streifte er das Zeug von seiner Haut, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und heftig nach Luft schnappen ließ. Er beugte sich vornüber und keuchte, aus den Augenwinkeln sah er, wie eines der Wesen über Alfredo herfiel und ihm mit dem krallenbewehrten Fuß den Bauch aufschlitzte.
Salvatore würgte, als ihm die Magenflüssigkeit die Speiseröhre hinaufstieg, doch er konnte sich nicht übergeben. Das Bild, das sich ihm darbot, war zu schrecklich. Der Junge stand unter dem Zustand des Schocks, regte sich nicht, konnte lediglich heftig atmen.
Blutlachen breiteten sich auf dem Boden aus, als die Wesen große Fleischbrocken aus dem zur Unkenntlichkeit zugerichteten Alfredo rissen. Salvatore hörte, wie Piero schrie, bevor ihm die Kehle durchgebissen wurde. Die Wesen schrien und fauchten, fiebten und zischten, während sie ihr grausiges Mahl hielten. Und dann spürte Salvatore, wie ihn etwas an der Schulter packte und zu Boden riss. Ein scharfer Gegenstand durchfuhr die Haut seines Beines, und der Junge schrie. Er erhob die Hände gegen den Angreifer, der zischend über ihn herfiel und ihm die Haut zerfetzte. Das Wesen packte Salvatores Arm und drehte ihn aus dem Gelenk. Der Junge brüllte, sah panisch zu den eiskalten Augen hinauf, die ihn anstarrten, sah das Maul, dass sich um seinen Arm schloss. Dann verlor er das Bewusstsein...
Kapitel 3 by Kit-X
am frühen Morgen

Die Millionenstadt Jakarta, Metropole des indonesischen Reiches und Eisenbahnknotenpunkt der Sunda-Insel Java, war der sengenden Hitze, die über den Vierteln brütete, beinahe schutzlos ausgesetzt. Das hinderte die Einwohner jedoch nicht daran, den täglichen Markt zu besuchen, der sich über mehrere Straßen der Altstadt verteilte. Kaufleute und Händler boten Unmengen von Anbauprodukten der Insel an: Reis, Maniok, Zuckerrohr, Mais, Soja, Tee, Kaffee, Tabak, Kopra, Kautschuk, Sisal, Chinin und Indigio. Von den überall anzutreffenden Moscheen erklangen die Rufe der islamischen Religion, die den Buddhismus schon im 14. Jahrhundert vertrieben und durch den moslimischen Glauben ersetzt hatte - aber nur oberflächlich. Zu viele Menschen verschiedener Kulturen lebten in Jakarta, um bloß einen einzigen Glauben zu repräsentieren. In Glodok, dem Chinesenviertel beispielsweise, waren noch nie Gebete des Korans ausgesprochen worden, und man hütete sich, den dem Brahmanismus gegenüber andersartig erscheinenden Glauben in das tägliche Leben einfließen zu lassen.
Am Stadtrand sammelte sich der Schwerverkehr. Stinkende Lastwagen und unzählige Pkws standen im Stau. Die Absperrung machte die Straße zum Hafen unerreichbar. Zwei Polizisten regelten den Verkehr. Jedenfalls versuchten sie es. Das laute Hupkonzert und die qualmenden Abgase machten es den Beamten nicht leicht.
“Sir, wir müssen so schnell wie möglich die Sperre aufheben."
Hauptinspektor Mantjur schüttelte entschieden den Kopf. “Nein, das ist leider unmöglich."
“Aber Sir..."
“Entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun."
Der Inspektor ließ die beiden Beamten stehen und eilte zu den unzähligen Polizeiwagen und Ambulanzfahrzeugen hinüber, die sich allesamt um eine knapp sechs Quadratmeter große Stelle gesammelt hatten. Als Außenseiter war es unmöglich zu erkennen, was dort vor sich ging. Und genau das war Absicht.
Das Rauschen der Funkgeräte und das eifrige Treiben der Sanitäter übertönte das Säuseln des Windes, der durch den kleinen Hain aus Koniferen und Farngewächsen strich. Es übertönte auch die aufgeregten Rufe der Männer vom Red Cross, die gerade zwei Menschen in einen der Ambulanzwagen verluden. Die Körper der Opfer waren mit weißen Tüchern verdeckt, Sanitäter sammelten sich um die Kopfteile. Mantjur war es unmöglich zu erkennen, was dort eigentlich vorging. Er stieß einige Leute zurück und trat dann in die Mitte des Platzes.
“Mantjur?"
Der Inspektor blieb stehen. “Vince? Was ist hier passiert?"
Der stämmige Amerikaner seufzte bloß schwer. “Ich bezweifle, dass Sie das wissen wollen..."
Er nickte zu drei Männern hinüber, die sich über einem scheinbar leblosen Körper beugten. Der Inspektor zögerte nicht lange und ging zielstrebig darauf zu. Vince folgte ihm in einigem Abstand. Er hob mit gemischten Gefühlen die ergrauten Augenbrauen.
“Sind Sie sicher, dass mit Ihrem Magen alles in Ordnung ist?"
“Ich habe schon viele zerstückelte Körper gesehen."
“Aber nicht solche!"
Mantjur drängte einen der Männer zu Seite. Der Beamte wandte sich nur allzu gerne von dem Schaubild ab, das sich dem Inspektor nun darbot: Ein etwa sechzehnjähriger Junge lag dort auf dem feuchten Humusboden. Sein Hemd war blutdurchtränkt, sein Bein war aufgerissen.
“Was ist mit ihm passiert?"
Jonathan Quinn, der sich noch immer über den Schwerverletzten beugte, seufzte schwer. “Das würde ich auch gerne wissen." Er hob das Hemd des Jungen mit einer seiner durch Latexhandschuhe geschützten Hand an. Mantjurs Blick fiel auf einen klaffenden Riss an der Schulter. Der ganze Körper zitterte, das Gesicht des Jungen war blass. Als der Inspektor einen zweiten Blick auf die Schulter warf und Details erkannte, spürte er, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Die Wunde war lang und ausgefranst, das Fleisch an den Wundrändern war zerfetzt, wie aufgerissen. Die Schulter war ausgerenkt, helle Knochen lagen bloß. Mantjur konnte die Adern im offenen Fleisch pulsieren sehen.
“Jesus", murmelte er, während er hastig nach Luft schnappte.
“Ich bin zwar kein Fachmann, aber es sieht so aus, als sei er von einem Tier angefallen worden", sagte Jonas so sachlich wie möglich, doch seine Stimme war dünn und gepresst.
“Das fällt mir schwer zu glauben", erwiderte Mantjur langsam, jedoch bestimmt. “Tierangriffe sehen anders aus. Bis auf Schulter und Bein ist der Körper unversehrt. Keine Kratzspuren, keine Bisswunden..."
Er verstummte, als Jonas die Hände des Jungen anhob und sie ihm zeigte. Bei dem Anblick lief es dem Inspektor kalt den Rücken hinunter. Sie waren übersät mit Schnittwunden und Blutergüssen, nicht nur an den Handinnenflächen, auch an den Gelenken und Unterarmen. Aus einigen Wunden trat noch Blut, an anderen war es schon zu dunkelroten, fast schwarzen Krusten geronnen.
“Sehen Sie? Er hat sich gegen irgend etwas gewehrt. Daher die Wunden. Und riechen Sie das, Mantjur?", fragte Jonas.
Der Javaner rümpfte die Nase.
“Es stinkt."
“Ja. Und zwar ziemlich. Es ist der Gestank von verfaultem Fleisch. Und sehen Sie den weißen Schaum?"
Jonas deutete auf einige Schlieren in der Wunde.
“Ja."
Der junge Amerikaner berührte den zähflüssigen Geifer und verrieb ihn zwischen seinen Fingern. “Es ist Speichel."
“Welches verfluchte Tier sollte einen Menschen derart zurichten?", fragte Mantjur fassungslos.
In diesem Moment schien der Junge zu Bewusstsein zu kommen. Mit einem Ruck setzte er sich kerzengerade auf, und einer der nebenstehenden Beamten kreischte bei diesem Anblick vor Entsetzen auf. Sanitäter eilten herbei, um den Verletzten auf eine Trage zu schaffen.
Jonas stand auf und hob die blutverschmierte Hand, um die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen. Auf Spanisch rief er ihnen zu, das Blut des Jungen und auch den Speichel in seinen Wunden analysieren und die Ergebnisse der örtlichen Polizei zukommen zu lassen. Zugleich warnte er die Sanitäter davor, den schäumenden Geifer ungeschützt zu berühren, da er infektiös sein könnte und gab ihnen weitere Anweisungen, die Mantjur nur häppchenweise verstand. Jonas redete schnell und trotzdem flüssig, seine Spanischkenntnisse übertrafen die des Inspektors um Weites.
Der verletzte Junge begann plötzlich zu stöhnen und warf den Kopf hin und her, seine Augen waren weit aufgerissen. “Los muelas!", japste er. “Los muelas!"
Mantjur sah fragend in die Runde. “Was sagt er?"
“Zähne", gab Jonas die spanischen Worte wieder. “Er spricht von Zähnen."
“Frag ihn, was passiert ist!"
Jonas nickte und wandte sich an den zitternden Jungen. Er versuchte, eindringlich und dennoch beruhigend zu klingen. “Què has hecho? Què le pasa?"
“Me duelen los piernas y los brazos y..." Der Verletzte fing an zu wimmern. “Que me encuentro mal, que me encuentro mal..."
Der Javaner verfiel in eine Art Singsang. Er wiederholte die Worte immer und immer wieder.
“Er sagt, dass seine Beine und Arme schmerzen und dass es ihm sehr, sehr schlecht geht", sagte Jonas langsam.
“Das sehe ich", knurrte Mantjur. “Ich will wissen, was passiert ist!"
Jonas wiederholte seine Frage: “Què le pasa?"
“He visto muelas. Ha sido! Ha sido!"
“Quièn? Contesta!"
Schweißperlen liefen über die Wangen des Jungen. “La voz alta! Alta! Muy alta! Muy rápido. Y muy feo! Verde y marrón! Y muelas! Los muelas!"
Plötzlich spuckte er einen Schwall Blut, hustete, krümmte sich zusammen. Einer der Sanitäter versuchte, dem Jungen ein Stück Holz zwischen die zusammengebissenen Zähne zu schieben, doch Jonas hielt ihn hastig zurück, da der Mann sonst mit dem dem eventuell infektiösen Speichel in unweigerlichen Kontakt kommen würde. Selbst wenn der Sanitäter versucht hätte zu helfen, es hätte keinen Sinn mehr gehabt. Der Junge zuckte noch einmal zusammen, erschlaffte und lag dann still da. Leblos, bleich und blutüberströmt, ein Bild aus einer Schauermär, einem schlechten Horrorfilm.
Mantjur hielt sich die Hand vor den Mund und fuchtelte mit der anderen ungestüm in der Luft herum.
“Bringen Sie ihn weg!", japste er.
“Was hat er noch gesagt?", fragte einer der Beamten langsam. “Wovon hat er gesprochen?"
“Das würde ich auch gerne wissen." Jonas starrte den toten Jungen nachdenklich an. “Er sagte etwas von lauten Schreien und sprach von etwas Schnellem und Hässlichem. Es sei grün und braun gewesen. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne..." Er sprach nicht aus, sondern wandte sich an die Männer der Ambulanz, die den Leichnam anhoben und gestikulierte ihnen, vorsichtig zu sein. “Hey! Ojo! Un poco de ojo!"
Die Sanitäter legten den Leichnam auf die Trage und brachten ihn fort. Ein anderer reichte Jonas ein feuchtes Desinfektionstuch. Nachdenklich starrte der Amerikaner auf die Stelle, wo der Junge zuvor gelegen hatte.
“Er war nicht sehr viel jünger als ich. Vielleicht drei Jahre", sagte er leise. “Was ein grauenhafter Tod..."
“Wer hat die Polizei informiert?", fragte der Inspektor.
“Der alte Fischer in dem Haus dort drüben." Vince deutete nach Westen. “Die Beamten haben ihn schon befragt. Doch alles, was er sagen konnte war, dass er die drei Jungs gesehen hat, die hier entlangliefen. Sie kamen wahrscheinlich gerade von dem Feriencamp unten am Fluss. Und dort drüben bei den hohen Farnen sollen dann zwei grüne Dinger aus dem Gebüsch gesprungen sein..."
“Grüne Dinger?", wiederholte Mantjur stirnrunzelnd.
“Ja. Sie sollen unmenschliche schrille Laute von sich gegeben haben. Spitze Schreie. Und gefaucht hätten sie auch noch, gezischt wie Schlangen. Und sie waren schnell."
“So, wie es der Junge beschrieben hat", sagte Jonas und warf das Desinfektionstuch in einen Mülleimer. Er starrte nachdenklich auf den Boden, der von Spuren übersät war. Eindeutige Spuren des Kampfes, der Verzweiflung und der Gewalt. Überall dieser stinkende weiße Speichel. Aber keinerlei Hinweise auf die Identität der Angreifer. Im nahen Unterholz raschelte und fiepte es. Vermutlich Ratten, die den süßlichen Duft des Blutes rochen. Grüne Dinger. Schreckliche Zähne. Schnell, hässlich... Jonas seufzte und hoffte inständig, dass ihm Fox weiterhelfen konnte.

zwei Tage später
J. Edgar Hoover-Building
Washington, D.C.

Es war ein Arbeitstag wie jeder andere in Washington, D.C. - so schien es jedenfalls. Doch Special Agent Fox Mulder hatte schon immer einen gewissen Instinkt für unvorhersehbare Ereignisse gehabt, ein untrügliches Gespür, das ihn bisher nie betrogen hatte. Er fühlte es ganz genau, nein, er wusste es sogar: Heute würde noch etwas geschehen, was sein Weltbild über den Haufen werfen würde - und nicht nur das seine.
Er warf seine Aktentasche auf seinen Schreibtisch, registrierte die beiden blau ettikierten Schnellhefter darauf, drehte beherzt seinen Stuhl zurecht und ließ sich mit einem Seufzer hinein fallen.
“Sie sehen so aus, als bräuchten Sie einen Kaffee."
Mulder hob den Kopf und blickte in das freundlich lächelnde Gesicht seiner Sekretärin.
“Sie können Gedanken lesen, Bette!", sagte er erleichtert.
“Schwarz?"
“Rabenschwarz."
Bette nickte und verließ den Raum. Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte auf das Schild an der Tür, die die Sekretärin aufgelassen hatte.

Abteilung 78 / X
Fox W. Mulder / Dr. Dana K. Scully

Mulder grinste. Irgendwie war es die Ironie des Schicksals, die da auf dem Schild stand. Noch vor einem halben Jahr hätte sein Vorgesetzter, der Assistant Director Walter Skinner, nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, die Leute, die im J. Edgar Hoover - Building ein und aus gingen, auch noch auf seinen schwierigsten Agenten aufmerksam zu machen, denjenigen, der sich mit Dingen befasste, auf die andere mit einem Naserümpfen zu reagieren pflegten. Erst der Zwischenfall vor wenigen Wochen hatte ihn buchstäblich dazu gezwungen, den beiden Agenten ein Büro im dritten Stockwerk des Gebäudes zu verschaffen. Mulder war schon lange nicht mehr allein mit seinen Ansichten über paranormale Phänomene. Skinner - und noch einige andere - hatten nicht gezögert, dem hochgradig engagierten Agenten Steine in den Weg zu legen, doch irgendwie hatte es Mulder bisher immer geschafft, diese hinter sich zu lassen. Auch Special Agent Dana Scully, die auf Grund ihrer nüchternen Vorgehensweise, die auf rein wissenschaftlich belegten Fakten beruhte, Mulder zugewiesen worden war, um seine Arbeit zu behindern, war zu einer Verbündeten geworden. Sie teilte zwar nicht immer seine Ansichten - Mulder bezweifelte, ob ihm das überhaupt gefallen würde, denn manchmal brauchte er die teils hitzigen Diskussionen mit ihr -, dennoch wusste sie, dass Mulders Arbeit wichtig war, und dass in den X-Akten unzählige Wahrheiten verborgen lagen.
Bette brachte den Kaffee, und Mulder nickte dankend.
“Haben Sie die beiden Akten schon durchgesehen?", erkundigte sie sich und tippte auf die Ordner, während Mulder nach seiner Lesebrille griff, den Kopf schüttelte und an seinem Kaffee nippte. “Nein, ich war in Gedanken." Er stellte die Tasse zurück auf den Tisch und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Fast gleichzeitig hörte er vertraute Schritte im Korridor und blickte erwartungsvoll auf die Tür.
Dana Scully, adrett gekleidet und mit wehendem rotbraunen Haar, schneite ins Zimmer. Die vierunddreißigjährige Agentin hatte ihr Siegeslächeln aufgesetzt und wedelte fröhlich mit einem Blatt Papier.
“Was ist das?" Mulder deute darauf.
Sie warf ihre Tasche neben den Schreibtisch, umrundete ihn und reichte Mulder mit funkelnden Augen das Papier.
“Ad acta!", sagte sie triumphierend. “Der Fall ist gelöst. Sie hatten Recht mit Ihrem Verdacht in Bezug auf Trevers. Das Ding da war keine X-Akte."
“Das habe ich doch schon von Anfang an gesagt!", murrte er und überflog die Zeilen. Was, zum Teufel, sollte der Mord an einem Senator mit ihrer Abteilung zu tun haben?
“Möchten Sie auch einen Kaffee, Miss Scully?", fragte Bette derweil.
“Danke, aber ich habe reichlich gefrühstückt." Dana angelte nach den beiden Ordnern auf Mulders Schreibtisch.
“Wie Sie wünschen." Die Sekretärin schloss die Tür hinter sich. Die beiden Agenten waren unter sich.
“Dann kann ich den Hefter ja abgeben", sagte Mulder und schob das Blatt zurück. Mit der rechten Hand griff er hinter sich in das Wandregal und tastete nach dem Ordner, den er am Vorabend dort abgelegt hatte. Er griff ins Leere. Mulder zog die Augenbrauen zusammen, wandte den Kopf und starrte auf das Brett.
“Wo ist er denn?"
Er vollführte eine 180°-Drehung in seinem Sessel und inspizierte das Regal.
“Ich werde das Ding doch nicht vorschriftsmäßig abgelegt haben..." Er erschauderte. “Welch ein Gedanke!"
Scully amüsierte sich über seine ironische Art, sich über sich selbst lustig zu machen.
“Haben Sie vielleicht schon mal mit dem Gedanken gespielt, dass Bette die Akte schon mitgenommen hat?"
“Möglich." Er blickte noch einmal kurz zum Wandregal, wie um sich zu überzeugen, dass er den Ordner auch nicht übersehen hatte. “Ich werde sie nachher fragen..."
Die Tür schwang auf, und ein hochgewachsener, kräftiger Mann trat ein. Mulder hob die Augenbrauen.
“Oha, der Chef persönlich! Haben wir schon wieder was ausgefressen?"
Assistant Director Walter Skinner, den Mulder des Öfteren als den “Nicht-mit-mir"-Boss bezeichnete, stand vor dem Schreibtisch, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Die steingrauen Augen blitzten streng unter den buschigen Brauen hervor. Der fast kahlköpfige Ex-Marine war etwas kleiner als Mulder, dennoch wusste der Agent, dass ihm sein Vorgesetzter mit einer Hand das Kreuz brechen könnte - wenn er dazu gewillt war. Bei den oftmals lautstarken und überaus turbolenten Unterredungen mit Skinner befürchtete Mulder manchmal ernsthaft, dass Skinner von seiner Kraft Gebrauch machen könnte - doch war der Assistant Director ein viel zu logisch denkender Mensch mit einem wahrhaft brillianten Verstand, sodass er trotz seiner Weißglut, in die ihn Mulder allzuoft trieb, seine Beherrschung nie verlor.
Scully hoffte, dass die heutige Begegnung Skinner - Mulder einigermaßen ruhig verlaufen würde, und dass keiner der Beiden seine Stimme erheben würde, um dem anderen unwirsch über den Mund zu fahren. Scully wusste nur allzu gut, dass beide, ihr Partner sowie ihr Vorgesetzter, über einen wahrhaft imensen Dickschädel verfügten, den so gut wie nichts zum Einlenken brachte. Außerdem gab es unzählige andere Aspekte, die dazu beitrugen, dass sich die beiden Männer selten einig waren. Zum einen waren da Skinners undurchsichtige Beziehungen - sowohl zu den etablierten Militärkreisen als auch zu den grauen Eminezen im Hintergrund -, die den Assistant Director zu einem prädestinierten Ziel von Mulders Paranoia machten, andererseits waren es die unorthodoxen Ermittlungsmethoden und die exotische Sicht der Dinge Mulders, die zu einem ständigen Ärgernis Skinners geworden waren.
Der Assistent Director warf wortlos einen prall gefüllten Briefumschlag auf den Schreibtisch.
Mulder grinste. “Was ist das? Die Stromrechnung für mein Büro?"
“Nein, ein neuer Fall." Skinner ließ sich in einen freien Stuhl fallen.
Misstrauisch beäugte Mulder den Umschlag. “Ich werde das verfluchte Gefühl nicht los, dass mir das da drin nicht gefallen wird..."
“Ich bin vom genauen Gegenteil überzeugt", erwiderte der Assistant Director, und ihm gelang sogar ein leichtes Lächeln.
Mulder ließ den Inhalt des Umschlages auf seinen Schreibtisch klatschen. Das Meiste waren Fotos und Berichte.
“Was, in drei Teufels Namen, ist das?", fragte er unwillig.
Skinner tat amüsiert. “Kaum haben Sie ein neues Büro, werden Sie anspruchsvoll." Er deutete auf den ehemaligen Inhalt des Umschlages. “Da sind schon die beiden Flugtickets nach New York mit drin. Sie werden am Montag fliegen, gleich nach dem Ablauf Ihrer Urlaubszeit. Zuvor jedoch möchte ich Sie beide noch einmal hier in diesem Raum sehen."
Mit diesen Worten erhob sich der Assistant Director, nickte dem verblüfft dreinschauenden Mulder kurz zu und verließ anschließend das Büro.
“Haben Sie das gesehen?", raunte er, kaum, dass Skinner verschwunden war.
“Was denn?" Scully sah von dem Bericht auf.
“Er hat gelächelt!"
Sie schmunzelte. “Haben Sie etwa geglaubt, er sei dazu nicht fähig?"
“Genau das!"
Scully angelte sich den Schlüsselbund auf Mulders Schreibtisch. “Ich werde mal kurz ins Labor runtergehen. Ich muss die Ergebnisse vom Brain Powder - Fall noch abholen..."
Er legte den Kopf schief. “Kommen Sie dabei zufällig am Sandwichautomaten vorbei? Ich komme mir vor, wie ein ausgehungerter Wolf..."
“Rotkäppchen ist aus", sagte sie lächelnd, schon im Türrahmen stehend. “Das gleiche wie immer?"
“Yeap."
Sie nickte. “Gut, ich bin in etwa zehn Minuten wieder da."
Mulder blickte ihr kurz nach, bevor er sich über den Inhalt des von Skinner gebrachten Briefumschlages beugte. Interessiert studierte er die Fotos. Ja, das könnte wirklich...
Jemand klopfte an, und der Agent hob blinzelnd den Kopf, als der Besucher in den Raum trat. Mulder musste unwillkürlich lächeln, als er Quinns überraschtes Gesicht sah.
“Willkommen in meinem privaten Königreich", grinste er.
In Mulders Büro hatte sich seit seinem letzten Besuch einiges verändert, stellte Jonas fest, als er sich umsah. In dem Raum sah es zwar genauso chaotisch aus, wie es in Büros, die unter Mulder Obhut gerieten, eben aussah, doch war einiges anders. Das fing schon mit dem Raum selbst an. Es war ein geräumiges Zimmer, das durch eine Fensterfront in helles Licht getaucht wurde und im dritten Stock der FBI-Zentrale lag. Mulders altes Büro war im Keller gewesen, klein und dunkel, vollgestopft mit Akten. Jonas konnte sich nur allzu lebhaft daran erinnern. Er wusste zwar, dass das Büro im Keller ausgebrannt war - mit ihm auch die X-Akten. Skinner hatte die Abteilung kurzerhand geschlossen - zum inzwischen zweiten Mal, wie Jonas wusste. Mulder und Scully hatten daraufhin normale Fälle bearbeiten müssen, Fälle, denen sich das FBI täglich annahm.
Und nach normalen Fällen, die ein normaler FBI-Agent bearbeitete, und für die es ganz natürliche Erklärungen gab, sah das Büro auch aus. Ein paar gerahmte Poster an der Wand, davon eines mit einer Karikatur eines pinken Außerirdischen, aber das war auch schon alles, was entfernt auf Paranormales hinwies. Keine Zeitungsausschnitte mehr, die Mulder an die Wände zu pinnen pflegte. Eher gesagt war es seine Angewohnheit, die Wände mit eben diesen Ausschnitten zu tapezieren, bis man kein Weiß mehr entdecken konnte. Hier war das ganz anders. Das Einzige, was noch an das alte Büro erinnerte, waren die Stapel von Aktenordnern, Büchern, Mappen und Papierstößen, die den Schreibtisch wie gewöhnlich überluden.
“Schön, dass Sie mich mal wieder beehren, Dr. Perturbatio", grinste Mulder, als er seinen Besucher erkannte, und stellte das Radio leiser, in dem Mark Morrison gerade den “Return of the Mack" besang.
“Auch erfreut Sie zu sehen, Spooky Mulder", erwiderte Jonas vergnügt und schüttelte seinem alten Freund nur allzu gerne die Hand. Fox Mulder lachte. Der verschmitzt dreinschauende, knapp siebenunddreißigjährige Mann, der jedoch dank seines faltenlosen und durch die weichen Züge beinahe jugendlichen Gesichtes um die zehn Jahre jünger aussah, hatte das braune Haar, dessen Widerspenstigkeit er mal wieder nicht hatte bändigen können, mit einer raschen Bewegung der rechten Hand aus der Stirn gestrichen. Er hatte an der Universität Oxford Verhaltenspsychologie studiert und eine Abhandlung über Serienkiller und Okkultismus geschrieben, woraufhin das FBI auf ihn aufmerksam geworden war und ihn angeworben hatte. Mulder hatte zuerst als Profiler beim Bundeskriminalamt gearbeitet, als Agent also, der darauf spezialisiert war, Serienkiller zu jagen. Seit acht Jahren jedoch hatte er sich fest den X-Akten verschrieben, die das FBI mit einem Nasenrümpfen zu betrachten pflegte - und die, so wie es aussah, nicht mehr existierten.
“Was, zum Teufel, ist das hier?" Jonas vollführte eine Bewegung, die das gesamte Büro umfasste. “Hier sieht es ja so... normal aus."
Mulder grinste. “Gewöhnungsbedürftig, nicht wahr?" Er zwinkerte vergnügt. “Aber lass dich nicht täuschen. Dieses Büro erfüllt den gleichen Zweck, wie mein altes. Nur ist das hier etwas größer."
“Und heller."
“Das stimmt." Mulder griff in eine Tüte Sonnenblumenkerne auf dem Tisch, steckte sich einen Kern in den Mund und knackte die Schale, woraufhin er fortfuhr: “Die erste Woche konnte ich nicht ohne Sonnenbrille hier rein." Er grinste und warf die Schale in einen Aschenbecher, der als Mülleimer für Kleinstabfall - eben Schalen - diente. Rauchen und Zigaretten selbst waren Mulder zuwider - vor Allem Morleys. Aber man konnte die Ascher ja auch für andere, weniger gesundheitsschädliche Zwecke verwenden. Der Agent griff nach einen neuen Sonnenblumenkern und lächelte. “Außerdem ist dieses Ding nicht mehr so intim, wie das andere, wenn du verstehst, was ich meine. Im Keller hatte ich meistens meine Ruhe, hier oben ist tagtäglich die Hölle los. Auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Einlebephase habe ich aber inzwischen hinter mir, glaube ich. Es ist schon ein anderes Feeling, nicht mehr zu den grauen Mäusen zu gehören, die irgendwo im Keller ihr unbeachtetes Leben fristen, sondern zur oberen Schicht..."
“Und die X-Akten?"
Mulder tippte mit der Schuhspitze gegen einen Aktenschrank. “Die beiden untersten Schubladen. Dank meiner penetranten Gewohnheit, alles doppelt und dreifach zu machen, habe ich noch einige Kopien der Akten, die beim Brand verlorengegangen sind. Sonst würde ich mich nun fühlen wie Königin Kleopatra nach dem Brand der Bibliothek in Alexandria." Er grinste.
“Sie sind wieder geöffnet?"
Mulder nickte, während er erneut in die Tüte mit Sonnenblumenkernen griff. “Seit dem 6. September."
“Wie das?"
Sein Freund hob bloß kurz die Hand, um sie sofort wieder fallen zu lassen. Ausweichend blickte er aus dem Gardinenschlitz nach draußen.
“Die Verschwörung?"
Mulder zögerte kurz, zuckte dann mit den Schultern. “Skinner ist wohl mal wieder der Wankelmütigkeit seines Willens zum Opfer gefallen."
Er machte eine abwertende Handbewegung, und Jonas wusste, dass Mulder nicht darüber reden wollte - noch nicht.
Ein kurzes Schweigen kehrte ein, in dem niemand den an Sommer, Sonne, Meer und Jamaika erinnernden Reggae-Song von Aswad störte. “It must be an invisible sun", trällerte der Lead-Sänger Brinsley Forde, und bei dem Wort 'invisible' musste Jonas sofort an die mysteriösen Tiere in Jakarta denken.
“Na spuck's schon aus, Jonas", sagte Mulder endlich. “Du bist doch nie und nimmer grundlos hier."
“Leider hast du Recht", erwiderte sein Freund seufzend. “Ich brauche deine Hilfe. Und wenn möglich auch eine kurze Stellungnahme von Scully."
Mulder wurde schlagartig ernst. “Was ist passiert?"
“Etwas, was eventuell in euer Aufgabenfeld fallen könnte..."
“Na dann schieß los", erscholl eine Stimme hinter ihnen, und die beiden Männer drehten sich um. Dana Scully stand im Türrahmen und hatte sich mit der linken Schulter gegen die Wand gelehnt. Auffordernd sah sie ihren Partner und dessen Besucher an, während sie Mulder das in Frischhaltefolie eingewickelte Sandwich zuwarf.
“Guten Morgen, Dana." Jonas reichte ihr die Hand. “Tut mir leid, falls ich euch mit dieser Sache aufhalten sollte, aber ich brauche wirklich euren Rat."
Scully zog sich den letzten freien Stuhl heran und setzte sich. “Ich bin ganz Ohr."
Jonas legte einen Packen Fotos auf den Tisch.
“Diese Fotos hat man am achten dieses Monats in Jakarta aufgenommen. Es handelt sich dabei um die Leichen drei Jugendlicher, die allesamt auf die gleiche Weise zu Tode kamen. Durch den Angriff von... von irgend etwas." Er tippte auf die Bilder. “Diese Wunden sind an allen Körpern vorzufinden. Klaffende Risse in der Haut, ausgefranste Wunden, zerfetztes Fleisch, wie nach einem Angriff großer Tiere. Das Problem dabei ist, dass kein Raubtier der Körpergröße, das den Verletzungen zuzuordnen wäre, mitten in der Großstadt lebt."
“Vielleicht ist ja ein Tiger aus dem Zoo ausgebrochen", murmelte Mulder und knackte einen weiteren Sonnenblumenkern. Allerdings dachte er etwas ganz anderes, als das was er sagte. Er begann schon, Parallelen zu dem Vorfall in Minto zu ziehen.
“Dem war aber nicht so. Und selbst wenn, ein einziges Tier hätte niemals drei junge Männer an ein und derselben Stelle töten können. Außerdem bezweifle ich, dass der Tiger seine Beute so achtlos hätte liegenlassen. Er hätte sie teilweise aufgefressen."
“Und, weiter?"
“Einer der Jungen war noch am Leben, als wir am Tatort ankamen. Doch sehr viel sagen konnte er nicht mehr. Er sprach lediglich von furchtbaren Zähnen und einem Ding, dass er als schnell und äußerst hässlich beschrieb. Und grün sei es gewesen. Etwas Ähnliches berichtete zuvor ein Fischer, der behauptete, die Wesen im Unterholz verschwinden gesehen zu haben."
“Es handelte sich also um mehrere Angreifer?", hakte Scully nach.
“Ja." Er zog einen kleinen Glaszylinder aus der Jackentasche. “Und bei der Analyse einer Probe des Speichels, die ich der Wunde eines Jungen entnommen hatte, kam heraus, dass dieser Hämatoxin enthält."
Mulder und Scully tauschten einen kurzen Blick aus. Das Gleiche hatte die Analyse des Speichels ergeben, den man an den ausgefransten Wundrändern von Webbers Leiche entdeckt hatte.
“Meines Wissens nach findet man dieses Gift nur in Sekreten von Reptilien", sagte Scully zögernd.
“Reptilien, ja?"
“Ich denke schon."
“Und welches ist groß genug, um das da tun zu können?"
Jonas deutete auf die Fotos.
Sie zuckte mit den Schultern. “Keine Ahnung, um ehrlich zu sein."
Mulder grinste. “Ein Dinosaurier vielleicht?" Seine Äußerung hätte in den Ohren eines Fremden wie ein Scherz geklungen, doch Jonas und Scully wussten, dass man bei Mulder lieber vorsichtig sein sollte. Was als Ulk erschien, meinte der Agent allzu oft ziemlich ernst.
Dennoch schürzte sie spöttisch die Lippen. “Wissen Sie denn nichts Naheliegenderes, etwas, was nicht verrückt ist?"
Er hob beide Hände. “Wenn Sie etwas Besseres wissen, dann sagen Sie es mir. Ich habe für jede Theorie ein offenes Ohr."
Doch Scully schwieg.
“Und noch etwas." Jonas hob die Hand, um die Aufmerksamkeit der Beiden wieder auf sich zu lenken. “Als ich in Jakarta den Autopsiebericht der drei Opfer angefordert habe, teilte man mir durch die sprichwörtliche Blume mit, dass diese nie existiert hätten. Es seien niemals die Leichen von drei Jugendlichen eingewiesen worden, und der angebliche Vorfall soll niemals stattgefunden haben. Die Zuständigen dementierten jedes einzelne Wort. Demnach fand man in den Tageszeitungen keinen einzigen wahren Bericht über den Todesfall."
Mulder hatte bei dem Wort niemals ruckartig den Kopf gehoben und lauschte interessiert. Als Jonas schwieg, nickte er langsam und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück.
“Okay, Jonas. Ich habe begriffen." Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr. “In einer halben Stunde werde ich Olson im Pentagon anrufen und ihn auf den Fall ansetzen. Wäre ja gelacht, wenn die CIA nichts herausbekommen sollte. Ich werde den Typen das Thema mal richtig schön schmackhaft machen und ihnen von einem - sagen wir mal - neuen Virus erzählen, das durch den Tourismus auch in die USA gelangen könnte. Und mit unserem Verbindungsmann Furlong in Jakarta werde ich auch einmal ein ausführliches Gespräch führen. Und was dieses Hämatoxin angeht... na ja, das überlasse ich Ihnen, Scully. Ich soll ja schließlich nicht der Einzige sein, der etwas schafft."
Sie warf ihm ein ironisches Lächeln zu. “Vielen Dank, Mulder!"
Er ließ seinen Stuhl zurückrollen und schnellte aus dem Sitz. “Okay, dann mal kräftig in die Hände gespuckt!"

einen Tag später
University of Maine / Orono

“Mir wurde gesagt, dass ich einen Raum betrete, in dem ausschließlich Leute sitzen, die nicht erst seit Kurzem in der Paläontologie und Geologie tätig sind. Ich finde mich nun also einem Haufen alter Hasen gegenüber, die ganz sicher nicht sonderlich begeistert von dem sein werden, was ich nun Ihnen allen vor die Füße werfen werde. Vielleicht hat man Sie vor mir gewarnt, oder Sie haben eventuell noch nichts von mir gehört und sind völlig unwissend, was Sie hier und heute erwartet. Denn meine Aufgabe ist es, Ihr Weltbild von Grund auf über den Haufen zu werfen."
Ein unüberhörbares Raunen ging durch den Saal. Der junge Mann am Podest konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Er hob die Hand, um seine Zuhörer zur Ruhe zu bringen.
“Aber bevor wir beginnen, sollte ich mich wohl erst einmal vorstellen. Mein Name ist Jonathan Quinn, und dass ich diese Aufgabe zu bewältigen habe, ist allein der Wille meines Professoren. Er behauptet, ich sei ein guter Aufschwätzer und hätte lieber Anwalt oder Moderator werden sollen. Und da sich jener genannter Professor nicht traut, das mir vorliegende recht brisante Thema zu präsentieren, habe ich nun die Aufgabe, mein besagtes Talent als Aufschwätzer zu nutzen, um Sie von der sogenannten Doctrina Lacuna zu überzeugen, ein Thema, mit dem ich mich die letzten fünf Monate recht intensiv beschäftigt und einige Arbeiten dazu abgelegt habe, die mir den Spitznamen Dr. Perturbatio eingebracht haben, was wie Sie vielleicht wissen, Verwirrung bedeutet. Verwirren werde ich auch Sie, denn das habe ich in der Universität bereits immer fertiggebracht. Selbst die Professoren leiden unter meinen Theorien, die sie kategorisch ablehnen, weil ich darin Ergebnisse verschiedener Wissenschaftler aufführte, die in die Sparte der sogenannten Verbotenen Archäologie fallen. Verboten ist sie aus dem Grund, weil ihre Thesen, Artefakte und Beweise nicht in das Bild passen, das seit Jahrzehnten oder länger besteht und in das sich recht viele Altertumsforscher regelrecht verbissen haben und es unter keinen Umständen wankend machen lassen wollen. In diesem Fall kann ich mir den Vergleich mit der Kirche nicht verkneifen, denn jahrhundertelang behauptete eben diese, die Erde sei rund. Selbst stichhaltige Beweise konnten diese Auffassung nicht ändern. Doch irgendwann hat auch die älteste und für unvorstellbare Zeit mächtigste Instutition der Welt nachgeben müssen. Und eine solche Verwerfung des alten Weltbildes steht nun auch Ihnen bevor. Stellen Sie sich vor, Sie seien die Kirche, und ich sei Galilei. Sie halten am Althergebrachten fest, und ich schleudere Ihnen nun entgegen, dass das, was Sie glauben zu wissen, falsch oder zumindest unvollständig ist. Sie werden sich vielleicht schon fragen: Was will dieser Spinner da vorne überhaupt? Nun, ich will es Ihnen frei heraus und ohne große Umschweife sagen: Die von Ihnen verfechtete Geschichte der Evulotion ist in Wirklichkeit ganz anders geschrieben worden."
Jonas machte eine kurze Pause, um nicht gegen das Murmeln der Anwesenden ansprechen zu müssen. Einige etwas ältere Männer zogen teils spöttische teils säuerliche Grimassen. Erst als einer der anwesenden Studenten, der der Vorlesung beiwohnte, aufstand und sich beschwerte, dass er den Vortrag äußerst gerne zu Ende hören würde, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Jonas räusperte sich kurz und nahm anschließend den gefährlich dünnen Faden des von unzähligen Wissenschaften verpöhnten Theorienstrickmusters wieder auf.
“Diese Andersartigkeit der Evulotion, verehrte Damen und Herren", fuhr er fort, “nimmt der Paläontologie das hart erarbeitete Licht und lässt sie wieder dort stehen, wo sie an ihren Anfängen stand: Im Dunklen. So zum Beispiel glaubten Sie bisher, der Neandertaler sei in den Irrpfaden der Evulotion in eine Sackgasse geraten und der Cro-Magnon-Mensch sei ein direkter Vorfahre des modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens. Ich behaupte, das ist falsch."
Wieder Raunen, diesmal lauter als zuvor. Ein vollbärtiger Wissenschaftler aus der ersten Reihe erhob sich empört.
“Wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?"
“Sagte ich nicht, dass ich Ihr Weltbild zerstören würde?", fragte Jonas mit einem belustigten Lächeln. Der Neunzehnjährige setzte seinen jugendlichen Charme gekonnt ein. Er wirkte amüsiert über den aufbrausenden Zuhörer. Jonas hatte nichts anderes erwartet. Mit seinen Reden war er schon immer auf massive Zweifler gestoßen - so wie Mulder, wie er sich insgeheim eingestehen musste. Doch ebenso wie er gab er deswegen nicht auf. Er lächelte den Wissenschaftler freundlich an und wies auf dessen Stuhl. “Setzen Sie sich ruhig wieder, Mister Waterville, ich werde Ihnen erklären, auf was genau diese Behauptung, die ich eben gerade ausgesprochen habe, beruht."
“Na, da bin ich aber gespannt!", knurrte der Vollbärtige.
“Bis heute ist die Unvollständigkeit des fossilen Befundes in der Paläontologie ein kritischer Faktor geblieben", erklärte Jonas ruhig. “In den meisten populären Darstellungen der Evulotion wird die Vorstellung vermittelt, dass Sedimentschichten einen kompletten Befund der fortschreitenden Entwicklung irdischen Lebens aufbewahren. Doch konnten Geologen, die sich mit der Sache befasst haben, mit mancher erstaunlichen Entdeckung aufwarten. Tjeerd H. von Andel beispielsweise untersuchte eine Schichtfolge von Sandstein- und Schiefertonablagerungen in Wyoming, die offenbar zumindest teilweise einmal unter einer größeren Wassermasse gelegen hatten, die etwa dem heutigen Golf von Mexiko entsprach. Die Ablagerungsgeschwindigkeit von Sedimenten im Golf von Mexiko ist bekannt. Als van Andel diese Geschwindigkeitsraten auf die Wyoming-Schichten anwandte, kam er zu dem Ergebnis, dass die Ablagerung dieser Schichten innerhalb von 100.000 Jahren erfolgt sein müsse. Und doch waren sich die Geologen und Paläontologen darin einig, dass die Schichtfolge einen Zeitraum von 6 Millionen Jahren umfasste. Das heißt, es fehlen 5,9 Millionen Jahre, die sich in geologischen Schichten hätten niederschlagen müssen. Van Andel kam zu dem Schluss, dass die vorgefundene Felsschicht nur einen kleinen Bruchteil der vorhandenen Zeit zu ihrer Formation gebraucht hat. Und so ist es wohl offensichtlich, dass der geologische Befund überaus unvollständig ist."
“Entschuldigen Sie, aber was hat das mit Ihrer Behauptung vorhin zu tun?", fragte eine dunkelhaarige junge Frau. Die Frage war nicht in dem ungehaltenen und direkt wütenden Tonfall gestellt worden, den der Vollbärtige an den Tag gelegt hatte, nein, sie klang direkt interessiert. Jonas war zufrieden. Die Ersten schienen es ihren Ohren erlaubt zu haben, sich seine Anführungen anzuhören. Das war doch schon einmal ein Anfang.
“Auf diese Frage werde ich gleich eingehen, Miss..."
“Pacal. Kirochima Pacal."
“Danke. Also, ich werde Ihre Frage, die Sie mit gutem Recht gestellt haben, so ausführlich wie möglich beantworten. Wenn Sie mir die letzten ein, zwei Minuten aufmerksam zugehört haben, werden Sie wohl über das Ergebnis des Herren van Andeln gestoßen sein. Stellen Sie sich das doch einmal vor: Von 6 Millionen Jahren fehlen 5,9 Millionen Jahre, deren Spuren man im Sedimentgestein hätte finden müssen. Das bedeutet, dass sogenannte Schlüsselelemente der Evulotion vielleicht für alle Zeit außer Reichweite bleiben. Ein gutes Beispiel hierfür wäre, dass seit dem Kambrium vor etwa 600 Millionen Jahren theoretisch an die 4,1 Millionen Arten von Meereslebewesen existiert haben müssten. Gefunden wurden allerdings nur knapp 93.000 fossil erhaltene Arten. Die Erde hat nicht die Aufgabe, Vergangenes für alle Zeit haltbar und für Nachfolgendes nachweisbar zu machen. Was das alles mit der menschlichen Evulotion zu tun hat, hat mich Miss Kirochima Pacal gefragt. Nun, van Andels Ergebnisse besagen nicht mehr und nicht weniger, als dass aus einem Zeitraum von 6 Millionen Jahren in den erhaltenen Schichten vielleicht nur 100.000 Jahre repräsentant sind. In den nichtregistrierten 5,9 Millionen Jahren hätten selbst fortgeschrittene Zivilisationen genügend Zeit gehabt, nahezu spurlos zu kommen und zu gehen..."

zur gleichen Zeit in Washington

Special Agent Fox Mulder griff zielbewusst in die offene Lade seines Aktenschrankes und holte eine blau etiketierte Mappe heraus. Mit gemischten Gefühlen überprüfte er die Nummer. Ja, das musste er sein: der Anhaltspunkt, den er brauchte. Er schlug das Deckblatt um und überflog die einst von ihm verfassten Zeilen:

Akten-Nummer: X545184 angelegt am: 30.06.1996

Betr.: Tod eines Paläontologen nach Kontakt mit mumifizierter Echse (Borneo)

Nach Bericht eines Augenzeugen starb der US-amerikanische Paläontologe Dr. Daniel Chain kurz nachdem er eine mumifizierte Echse, ein Überbleibsel aus der späten Kreidezeit, berührt hatte. Urplötzlich habe Chain Schwindelanfälle bekommen, kurz darauf habe sich ein Schwarzer Schleier eingestellt. Innerhalb von knapp dreißig Sekunden kamen Schmerzen im rechten Arm und dem rechten Schulterbereich dazu, die ihn anschließend lähmten und bewegungsunfähig machten. Nach ca. sechs Minuten setzten alle Steuerapparate des Körpers aus (Aussage des Zeugen, eines Mediziners namens Dr. med. Pete Pendrell), nach neun Minuten wurde Chain als physisch tot diagnostiziert. Der Leiche entnommenen Proben haben ergeben, dass in Chains Blut eine große Menge von starken Toxinen (genauer: Hämatoxinen) enthalten war...

Mulder hielt inne, las den Absatz erneut. Bei dem Begriff “Hämatoxin" blieb er hängen. Dann wanderte sein Blick weiter nach unten, wo der Name der mumifizierten Echse vermerkt war. Er starrte einen Moment lang darauf, teils ungläubig, teils beinahe zufrieden. Dann griff er nach dem Telefon und wählte. Schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende.
“Vermittlung, was kann ich für Sie tun, Sir oder Madam?"
Mulder zog sein Adressbuch heran. “Verbinden Sie mich mit Indonesien, Java, bitte. Nummer 73-185..."

eine halbe Stunde später

Jonas warf seine Unterlagen auf den Beifahrersitz und wollte gerade in seinen Wagen steigen, als Kirochima Pacal über den Parkplatz der Staatsuniversität auf ihn zugelaufen kam. Sie hatte den energischen Schritt einer höchst selbstbewussten Frau, ihr tiefschwarzes Haar trug sie offen. Wie ein Fetzen der Nacht wehte es im auffrischenden Wind, der über die auslaufenden Uplands strich, die bis zu den White Mountains hinaufreichten, der höchsten und längsten Bergkette von Maine. Der nordöstlichste Bundesstaat der USA zeigte jederorts seine Vielfältigkeit. Die azurblauen ausgedehnten Seen inmitten unberührter Landschaftsstriche ließen den Flair Kanadas einfließen, an der Atlantikküste wiederum sorgten Fjorde und skandinavische Bauten dafür, dass Norwegen seinen Schwesterstaat in Amerika fand. Im Winter verwandelte sich Maine in eine atemberaubende Schneelandschaft, im Frühjahr in ein blühendes Paradies, um ab September in allen nur erdenklichen Farben des Indian Summers zu erstrahlen. Im Moment war es Sommer, mediterane Temperaturen prägten die Mode. Maine war kein Staat voller Großstädte und Vergnügungsparks, Highways und Touristen, nein, es war ein Staat mit Privilegien. Nirgendwo sonst in Amerika war der Lebensstandard der Menschen höher als hier. Wer in Maine wohnte, galt als wohlhabend. Schließlich verdiente man hier im Durchschnitt 8000$ monatlich, mehr als doppelt so viel wie im mittleren Westen. Kirochima Pacal schien zu dieser Verdienstklasse zu gehören, denn sie war recht exklusiv gekleidet. Das schwarze Kostüm hob ihre schlanke Gestalt hervor, der kurze eng anliegende Rock betonte diesen Eindruck noch. Die junge Frau bewegte sich wie eine Gazelle, schnell und anmutig. Sie beschleunigte ihren Schritt - Jonas fragte sich, wie das bei diesen hohen Schuhen, die sie trug, überhaupt noch möglich war - und winkte ihm mit der rechten Hand hastig zu.
“Warten Sie mal bitte kurz?"
Jonas schlug die Fahrertür wieder zu und wartete neben seinem Wagen auf sie. Sie war nicht einmal sonderlich außer Atem, als sie ihn erreichte. Lächelnd reichte sie ihm die Hand.
“Miss Pacal?"
“Ach, Sie kennen mich noch?"
Er grinste. “Ich habe ein recht gutes Gedächtnis mit allen Vor- und Nachteilen."“Ich bin hoffentlich nicht Letzteres."
“Nein, da kann ich Sie beruhigen."
Sie strich sich eine Haarsträhne zurück. “Was ich sagen wollte, ähm... - Wie soll ich Sie eigentlich anreden?"
“Das wollten Sie sagen?" Jonas' Grinsen wurde breiter.
“Nein, natürlich nicht, ich wollte bloß..."
“Ja, ja, das habe ich schon verstanden. Mir ist es eigentlich egal, wie Sie mich nennen."
“Ich dachte, Sie bestünden auf einen Doktortitel oder so. Man weiß ja nie. Diese Leute werden nämlich immer jünger." Sie zeigte ihre blendendweißen Zähne. “Gehören Sie zu denen?"
“Zu denen, die einen haben, oder zu denen, die so angesprochen werden wollen?"
“Beides."
“Ich habe zwar einen, aber der ist noch so frisch, dass es mir schwerfällt, mich an ihn zu gewöhnen. Das ist fast wie Heiraten. Man bekommt einfach noch einen Namen dazu." Er zog belustigt die Augenbrauen hoch.
“So ähnlich ist es mir auch ergangen. Aber das mit dem Gewöhnen geht ganz schnell."
“War das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich Sie mit Ihrem Titel ansprechen soll?"
“Nein. Nennen Sie mich ruhig Kirochima. Sie sind einer der wenigen, die sich diesen Namen auf Anhieb merken konnten. Das sollte ich würdigen."
“Sie kommen aus Thailand?"
“Ich dachte, Sie haben Archäologie studiert?"
“Und Paläontologie. Diese beiden Bereiche liegen dermaßen dicht beieinander, dass das Sinn ergibt."
“Wie lange haben Sie studiert? Acht Semester?"
“Nein, nur drei."
“Wie bitte?"
Jonas grinste. “Mein Professor hielt mich für oberschlau und hat mich gleich nach dem ersten Jahr in die Doktorarbeit reingesteckt. Bei Vorlesungen habe ich die Herrschaften immer recht passabel auf Trab gehalten, weil ich ihnen ihre Theorien und ihre Konzepte völlig zerworfen habe."
“Ein kleiner Querulant, was?"
“Nein, nicht direkt. Es ist einfach so, dass sie einem immer noch den Wissenstand der siebziger Jahre vermitteln. Das betrifft nicht die Technik, sondern die Wissenschaft selbst. Der Apatosaurus heißt noch Brontosaurus, verbringt die meiste Zeit im Wasser und ernährt sich von Algen. Affen sind direkte Verwandten des Menschen, Quastenflosser ausgestorben und so weiter. Sie kennen das sicher."
“Ja, sehr gut sogar."
“Tja, und so konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, den Leuten den sprichwörtlichen Stock zwischen die Füße zu stecken."
Kirochima lachte. “Die dachten wohl, dass Sie die Doktorarbeit nicht schaffen und die Uni verlassen würden."
“Das glaube ich nicht. Schließlich wussten sie, dass ich mit dieser Wissenschaft sozusagen aufgewachsen bin. Durch die Arbeiten meines Vaters habe ich ziemlich viel mitgelernt. Und das hat sich positiv auf meine Ausbildung ausgewirkt."
“Waren Sie vorher auf dem Collage, oder sind Sie gleich zur Universität gekommen?"
“Ich habe Umwege stets gehasst."
“Verstehe." Sie legte den Kopf schief. “Würden Sie auch einen Umweg nach Hause ablehnen?" Als sie seinen verwirrten Blick bemerkte, musste sie schmunzeln. “Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen, was Ihre Theorie eventuell bestätigen könnte."
“Wovon sprechen Sie?"
“Wäre Frankfort ein Umweg für Sie?"
“Weniger. Wieso?"
“Ich wohne da."
“Aha. Ich soll Sie also mitnehmen, weil Sie keine andere Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen?"
Sie grinste. “Das auch. Aber was ich eigentlich will ist, dass Sie sich meinen Fund ansehen."

auf dem Weg nach Frankfort

“Mein Vater ist viel in den Bergen unterwegs. Kletterexpeditionen waren schon immer seine Leidenschaft." Kirochima lehnte sich im Beifahrersitz des Alfa 156 zurück. Leise Musik von Garth Brooks drang aus den Lautsprechern. “Am Liebsten war er in Utha in den Wasatch-Gebirgen, westlich der Rockys. Er wusste, dass ich Fossilien aus aller Welt sammle, bevorzugt Fossilien der letzten sechzig bis siebzig Millionen Jahre. Und so brachte er mir als Geschenk eine knapp sechs Zentimeter dicke Schieferplatte mit, in der ein Skelett eines kleinen Velociraptors eingeschlossen war, ein junges Tier, beinahe noch ein Baby. Doch der Stein enthält noch weitaus mehr."
“Und das wäre?"
“Knochenüberreste eines Orohippus bumilus."
“Eines Urpferdchens?"
“So ist es. Der junge Velociraptor hatte sich in dessen Genick verbissen, der Oberkiefer liegt eindeutig über den Halswirbeln des Pferdchens."
“Versuchen Sie mir gerade auf die sanfte Tour zu erklären, dass beide, Velociraptor und Orohippus bumilus, zur selben Zeit gelebt haben?"
“So ungefähr." Kirochima lehnte sich nach vorn. “Die nächste Abfahrt links bitte."
Jonas bog in die schmale Landstraße ein. Nach wenigen Metern sahen sie das Schild mit dem Schriftzug 'Frankfort - 4 miles' am Straßenrand auftauchen.
“Und Sie sind noch im Besitz dieses... dieses Fossils?"
“Natürlich, oder glauben Sie, ich gebe ein solch faszinierendes und wertvolles Stück einfach her?"
“Seit wann haben Sie es?"
“Knapp zwei Wochen. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich Sie getroffen habe."
“So?"
“Ja. Ich vertraue Ihnen. Sie würden mir nicht sofort einreden, ich würde spinnen, mir das Fundstück wegnehmen und dann in irgendeinem Lager vergraben, wo es niemals an die Öffentlichkeit kommt und die Wissenschaft wandelt." Sie blickte ihn an. “Das würden Sie doch nicht, oder?"
“Dem Gesetz nach sind größere Fossilien, und besonders die, die für die Wissenschaft wichtig sind, an Museen abzugeben", sagte Jonas langsam.
Kirochima blickte ihn mit gemischten Gefühlen an.
“Andererseits", fuhr er fort und lächelte spitzbübisch, “habe ich mich selbst auch nicht immer an das Gesetz gehalten. Und mit dem, was Sie eben gesagt haben, haben Sie Recht. Wissenschaftler lassen sich nicht gerne ihr Weltbild durcheinanderwerfen. Die sind da sturer als jede andere Art von Mensch. Ich bin froh, dass Sie das Ding behalten haben."

zur gleichen Zeit im Moro Gulf
Mindanao / Philippinen

Im milden Nachmittagslicht ratterte der Hubschrauber im Tiefflug den Strand entlang, genau über dem Rand des dichten Dschungels. Das letzte Fischerdorf war vor zehn Minuten unter ihnen vorbeigehuscht. Jetzt gab es nur noch den tiefen, undurchdringlichen philippinischen Dschungel, Mangrovensümpfe und Meile um Meile verblassenden Sandstrand. Jerome Furlong saß neben dem Piloten und starrte durch das Fenster auf die vorbeiziehende Küstenlinie hinunter. Straßen gab es keine in dieser Gegend, zumindest keine, die Furlong sehen konnte.
Furlong war ein stiller, bärtiger Amerikaner von 42 Jahren, ein Freilandbiologe, der bereits ein Viertel seines Lebens auf Mindanao verbracht hatte. Ursprünglich war er auf die Philippinen gekommen, um die Artenbildung des Budengs zu studieren, doch dann war er auf den Philippinen geblieben und arbeitete jetzt als Berater des Nationalparks Berg Apo, im Südosten Mindanaos.
“Wie lange noch?", fragte er den Piloten.
“Fünf Minuten, Señor Furlong."
Furlong drehte sich um.
“Jetzt sind wir gleich da", sagte er.
Aber der Mann auf dem Rücksitz antwortete nicht und zeigte auch sonst keine Reaktion. Er saß nur da, die Hand am Kinn und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster.
Benjamin Grahm trug einen ausgebleichten Khaki-Anzug, auf dem Kopf einen australischen Buschhut und um den Hals ein abgenutztes Fernglas. Doch trotz seines saloppen Aussehens wirkte er ernsthaft und versunken wie ein Gelehrter.
“Wo sind wir hier?"
“Mindanao."
Grahm starrte in den Dschungel hinab. “Ich sehe keine Straßen", stellte er fest. “Wie wurde das Ding denn gefunden?"
“Ein paar Camper", sagte Furlong. “Sind mit dem Boot gekommen und am Strand gelandet."
“Wann war das?"
“Gestern. Die haben das Ding nur einmal angesehen und sind gerannt wie der Teufel."
Grahm nickte. Mit angezogenen Beinen, die Hände unter dem Kinn, sah er aus wie eine Gottesanbeterin. Das war auch sein Spitzname an der Universität gewesen. Zum Teil wegen seines Aussehens, zum Teil aber auch wegen seiner Neigung, jedem, der nicht seiner Meinung war, den Kopf abzureißen.
“Warst du schon einmal auf den Philippinen?", fragte Furlong.
“Ja. Schon einige Male", erwiderte Grahm. Und dann schwenkte er unwirsch die Hand, als wollte er sich nicht länger mit Small talk belästigen lassen.
Furlong lächelte. In all den Jahren hatte sich Grahm überhaupt nicht verändert. Er war noch immer einer der brillantesten und zugleich unbequemsten Männer der Wissenschaft. Die Beiden waren in New York Kommilitonen gewesen, doch dann hatte Grahm den Doktorantenkurs verlassen, um seinen Abschluss in Vergleichender Zoologie zu machen. Grahm meinte damals, er habe kein Interesse an der Art zeitgenössischer Freilandforschung, die Furlong so faszinierte. Mit für ihn typischer Verächtlichkeit hatte er dessen Arbeit einmal als weltweites Affenscheißesammeln tituliert.
Im Gegensatz zu seinen Mitstudierenden fühlte sich Grahm zur Vergangenheit hingezogen, zu der Welt, die es nicht mehr gab. Und diese Welt studierte er mit äußerster Intensivität. Er war berühmt für sein fotographisches Gedächtnis, seine Arroganz, seine scharfe Zunge und die unverhüllte Freude, mit der er Fehler seiner Kollegen herausstellte. Wie ein alter Freund Furlong einmal bemerkte: “Grahm vergisst nie einen Ausrutscher und er sorgt dafür, dass man selbst ihn auch nicht vergisst."
“Señores", meldete sich der Pilot. “Die Illana Bay liegt vor uns."
“Dort ist es", sagte Furlong und deutete nach unten.
Der Strand war eine saubere weiße Sichel, die vollkommen verlassen im Nachmittagslicht lag. Am Südende sahen sie eine einzelne, dunkle Masse im Sand. Aus der Luft wirkte sie wie ein Felsen oder vielleicht ein großer Haufen Tang. Die Masse war formlos und hatte einen Durchmesser von etwa anderthalb Metern. Im Umkreis waren viele Fußabdrücke zu sehen.
“Wer war hier?", fragte Grahm seufzend.
“Die Leute vom Gesundheitsdienst haben es heute besichtigt."
“Was haben sie gemacht? Es angerührt? Irgendwas verändert?"
“Das weiß ich nicht", erwiderte Furlong.
“Der Gesundheitsdienst!", wiederholte Grahm kopfschüttelnd. “Was wissen die denn schon? Du hättest sie gar nicht in die Nähe lassen dürfen, Jerome!"
“Hey", entgegnete Furlong. “Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Sie wollten es zerstören, ohne auf dich zu warten. Wenigstens habe ich es geschafft, dass es bis zu deiner Ankunft intakt geblieben ist. Aber ich weiß nicht, wie lange sie noch warten werden."
“Dann machen wir uns mal an die Arbeit", sagte Grahm. Er schaltete sein Mikro ein. “Warum kreisen wir noch? Es wird schon dunkel! Landen Sie sofort! Ich will mir das Ding aus der Nähe ansehen!"

Frankfort

Also, wenn Sie mich fragen, sollten Sie das Ding gut verstecken."
Jonas legte Feinhaarpinsel und Taschenlampe beiseite. “Der Raptor hat sich wirklich in dieses Urpferd verbissen. Es ist einfach unglaublich! Zwischen diesen beiden Kreaturen liegen mehrere Millionen Jahre!"
“Ja, ich weiß."
“Wo genau hat Ihr Vater das noch mal gefunden?"
“Das weiß ich eben nicht. Es war irgendwo zwischen Watsach und Salt Lake City. Die Gebirge dort sind recht ausgedehnt und zerklüftet, ein Plateau gleicht dem nächsten. Ich habe meinen Vater auch schon gefragt, doch er kann sich nicht an einem exakten Punkt auf der Karte festlegen. Selbst der Radius, den er geschätzt hat, ist zu ungenau."
Jonas warf einen Blick auf sein Messgerät. “Der Kalium-Argon Datierung nach ist diese Versteinerung 3,9 Millionen Jahre alt, stammt somit aus dem Miozän, eventuell auch aus dem Pliozän der Tertiärformation. Wissenschaftlichen Analysen zufolge ist dieses Zeitalter der mögliche Beginn der Menschheitsentwicklung."
“Funktioniert dieses Gerät auch richtig?"
“Natürlich. Das ist das modernste tragbare Messgerät, dass man in der Geochronologie finden kann. Es stellt mit Hilfe des Kalium-40-Zerfalls fest, aus welcher Zeitepoche das Fossil stammt. Ist 'ne komplizierte Sache, die eigentlich nur chemisch zu erklären ist."
“Das würde bedeuten, dass die Dinosaurier gar nicht vor fünfundsechzig Millionen Jahren ausgestorben sind. Jedenfalls nicht vollständig. In unseren Sedimentschichten fehlen so viele Überreste verschiedener Epochen, dass wir gar nicht mit Sicherheit sagen können, welche Wesen bereits auf Erden gelebt haben, schon gar nicht für wie lange, so, wie Sie es in Ihren Vortrag angesprochen haben."
Jonas nickte langsam. “Ja. Vielleicht sind sie doch nicht mit einem Schlag ausgelöscht worden, sondern sind schrittweise ausgestorben, über Jahrmillionen hinweg..."
“Oder sie leben noch immer."
Jonas musste an den Vorfall von letzter Woche denken. Er sah noch immer die schrecklichen Wunden des Jungen vor sich, hörte seine verzweifelten Schreie, sah seine Panik in den glänzenden dunklen Augen. Laute Schreie, etwas Schnelles und Hässliches. Es war braun und grün. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne... Zwei grüne Dinger sprangen aus dem Gebüsch... Sie fauchten und waren schnell... Verdammt, dachte Jonas bei sich. Mulder hatte ja gar keine Ahnung, welche Wahrheit sich hinter seiner spontanen Vermutung verbarg!

derweil auf den Philippinen

Ben Grahm lief über den Strand auf die dunkle Masse zu. Schon aus der Entfernung konnte er den Verwesungsgestank riechen. Der Kadaver war fast bis zur Hälfte im Sand eingesunken, eine dichte Fliegenwolke umschwirrte ihn. Die Haut war vom Faulgas aufgebläht, was die Identifikation erschwerte.
Ein paar Meter vor dem Tier blieb er stehen und holte seine Kamera hervor. Sofort kam der Pilot zu ihm gelaufen und drückte ihm den Arm nach unten.
“No permitido!"
“Was?"
“Es tut mir leid, Señor. Fotografieren ist nicht gestattet."
“Warum denn nicht?", fragte Grahm. Er wandte sich an Furlong, der über den Strand auf sie zugetrabt kam. “Jerome, warum keine Fotos? Das könnte ein wichtiger..."
“Keine Fotos!", wiederholte der Pilot und nahm Grahm die Kamera aus der Hand. Er betrachtete Grahm mit einem merkwürdigen Blick, vermischt aus Wut und Angst.
“Jerome, das ist doch absurd!"
“Fang erst einmal mit deiner Untersuchung an", sagte Furlong und unterhielt sich dann auf spanisch mit dem Piloten, der scharf und wütend antwortete und heftig gestikulierte.
Grahm sah einen Moment lang zu und wandte sich dann ab. Zum Teufel damit, dachte er. Die können sich noch ewig streiten. Bewusst durch den Mund atmend, eilte er weiter. Der Gestank wurde stärker, je näher er dem Tier kam. Ihm fiel auf, dass trotz der Größe des Kadavers keine Vögel, Ratten oder andere Aasfresser an ihm nagten. Es gab nur Fliegen. Und zwar in solchen Schwaden, dass sie die ganze Haut bedeckten und den Umriss des toten Tieres verhüllten. Trotzdem war deutlich zu sehen, dass es ein Tier von beachtlicher Größe gewesen war, etwa wie eine Kuh oder ein Pferd. Die von der Sonne ausgetrocknete Haut war aufgeplatzt und schälte sich ab, eine Schicht schmieriges gelbes Unterhautfett war darunter zu erkennen. Und wie das stank! Grahm verzog das Gesicht. Er zwang sich, näher zu treten und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf das Tier. Obwohl es die Größe einer Kuh hatte, war es eindeutig kein Säugetier. Die Haut war haarlos. Sie schien ursprünglich grün gewesen zu sein, mit dunkleren Streifen dazwischen. Die Epidermis wies vieleckige Knötchen unterschiedlicher Größe auf, das Muster erinnerte entfernt an das einer Echse.
Aber für eine Echse war der Kadaver geradezu riesig. Grahm schätzte das Lebendgewicht des Tieres auf etwa hundert Kilogramm. Nirgendwo auf der Welt gab es Echsen, die so groß wurden, höchstens die Komodo-Warane, die in Indonesien lebten.
Grahm ging langsam um den Kadaver herum zum Kopfende des Tieres. Nein, dachte er. Das ist keine Echse. Der Kadaver lag auf der Seite, die linke Brustkorbhälfte ragte in die Luft. Die Hälfte des Tieres war eingegraben. Die Reihe der Höcker, die die stacheligen Auswüchse des Rückrades markierten, befand sich nur wenige Zentimeter über dem Sand. Der lange Hals war gebogen, der Kopf unter dem Rumpf versteckt wie der Kopf einer Ente unter dem Flügel. Grahm sah ein Vorderglied, das klein und schwach wirkte. Er würde es später ausgraben und untersuchen, aber bevor er irgend etwas an dem Fund veränderte, wollte er ihn fotografieren. Er sah sich nach Furlong und dem Piloten um, die sich noch immer stritten. Keiner von ihnen sah zu Grahm hinüber.
Rasch zog er eine zweite Kamera hervor, die er in der Brusttasche getragen hatte. Sie war sehr klein, lieferte aber Bilder von guter Qualität. Grahm trug immer mehrere Fotoapparate mit sich herum, denn langsam kannte er das ewige Spiel, das die Leute bei jedem neuen spektakulären und unerklärlichen Fund abzogen. Er trat einen Schritt zurück und knipste nacheinander Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Auch Nahaufnahmen von der Hautstruktur hielt er fest. Die letzten drei Bilder des Filmes nutzte er für eine Gesamtdarstellung des Tieres.
Etwas weiter oben am Strand schrie Furlong noch immer den Piloten an, der weiterhin beharrlich den Kopf schüttelte. Diese Bananenrepublikbürokraten, dachte Grahm und grinste. Wenn die wüssten!
Er hörte ein Knattern und als er den Kopf hob, sah er einen zweiten Hubschrauber, der über der Bucht kreiste und einen dunklen Schatten auf den Sand warf. Der Hubschrauber war weiß wie eine Ambulanz, mit roter Beschriftung auf der Seite. Im grellen Schein der untergehenden Sonne konnte Grahm sie jedoch nicht entziffern. Er wandte sich wieder dem Kadaver zu und stellte fest, dass das Hinterbein des Tieres, im Gegensatz zu Vorderlauf, sehr muskulös war. Das deutete darauf hin, dass dieses Tier aufrecht ging. Und um so länger Grahm den Kadaver musterte, um so mehr wuchs seine Überzeugung, es hier auf keinen Fall mit einer Echse zu tun zu haben.
“Es tut mir leid", sagte Furlong, der zu ihm getreten war. “Der Pilot bleibt bei seinem Verbot."
“Dann soll er sich zum Teufel scheren!", knurrte Grahm.
Weiter unten am Strand landete der weiße Hubschrauber. Das Knattern der Rotoren wurde schwächer. Männer in Uniformen sprangen heraus.
“Jerome? Was glaubst du, was das für ein Tier ist?"
“Na ja, ich kann nur raten", sagte Furlong. “Ich würde sagen, es ist ein bis jetzt noch unbekannter Leguan. Es ist natürlich sehr groß und offensichtlich nicht auf den Philippinen heimisch. Meine Vermutung ist, dass das Tier aus Indonesien stammt oder von einer..."
“Nein, Jerome", sagte Grahm. “Es ist kein Leguan."
“Bevor du weiterredest, solltest du wissen, dass in dieser Gegend verschiedene bis dahin unbekannte Echsenarten aufgetaucht sind. Niemand weiß so recht, warum. Vielleicht hängt es mit der Rodung des Regenwaldes zusammen, oder es hat andere Gründe. Aber neue Arten tauchen auf. Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal eine nicht identifizierte..."
“Jerome, das ist keine verdammte Eidechse!", zischte Grahm.
“Du lässt dich wahrscheinlich von der Größe täuschen", sagte Furlong. “Aber Tatsache ist, dass wir hier auf Mindanao gelegentlich auf anomale Formen stoßen..."
“Jerome", entgegnete Grahm kalt. “Ich lasse mich nie und von nichts täuschen!"
Vor dem weißen Hubschrauber standen die Männer in einer Gruppe zusammen und legten sich weiße Operationsmasken an.
Ben Grahm wandte sich wieder dem Kadaver zu. “Die Diagnose ist leicht gestellt, wir brauchen nur den Kopf freizulegen oder eines der Glieder. Zum Beispiel diesen Schenkel hier, der, wie ich glaube... Ach was, gib mir dein Messer!"
“Warum?"
“Gib es mir einfach!"
Furlong zog sein Taschenmesser heraus und legte den Griff in Gregorys ausgestreckte Hand.
Plötzlich hörten sie Geschrei und als sie aufblickten, sahen sie, das die Männer aus dem Hubschrauber über den Strand auf sie zugelaufen kamen. Sie trugen Behälter auf den Rücken und schrien etwas auf spanisch.
“Was wollen die denn?", fragte Grahm stirnrunzelnd.
“Sie wollen, dass wir zurücktreten", sagte Furlong seufzend.
“Sag ihnen, wir sind beschäftigt", knurrte Grahm und wandte sich wieder dem Kadaver zu.
Aber die Männer schrien weiter, und plötzlich war lautes Fauchen zu hören. Grahm drehte sich um und sah wie die Flammenwerfer angezündet wurden, die große rote Feuerstrahlen ins Abendlicht stießen. Er rannte um den Kadaver herum.
“Nein!", schrie er. “Das ist ein unschätzbares..."
Der Erste der Uniformierten packte Grahm am Arm und zog ihn von dem Tier fort.
“Machen Sie, dass Sie von diesem Ding wegkommen!", fuhr er ihn an.
“Was zum Teufel soll denn das?", schrie Grahm und riss sich los. Doch im selben Augenblick sah er, dass es zu spät war. Die Flammen hatten den Kadaver bereits erfasst. Die Haut färbte sich schwarz, das Methan, das sich unter der Haut gesammelt hatte, entzündete sich in knallenden, blauen Stichflammen. Rauch stieg in dichten Schwaden in den Himmel.
“Aufhören!", schrie Grahm. Er wandte sich an Furlong. “Mach, dass sie aufhören!"
Aber Furlong rührte sich nicht, starrte nur den Kadaver an. Der Rumpf knisterte in den Flammen, das Fett brutzelte. Unter der verbrennenden Haut kamen die flachen Rippen des Skelettes zum Vorschein. Plötzlich drehte sich der gesamte Rumpf, der Hals reckte sich in die Flammen, in Bewegung versetzt von der schrumpfenden Haut. Und in den Flammen sah Grahm eine lange, spitze Schnauze, Reihen scharfer Raubtierzähne und leere Augenhöhlen. Und das Ding brannte wie ein mittelalterlicher Drache, der sich lodernd in die Lüfte schwingt...
Kapitel 4 by Kit-X
Rockport / Maine

Das Telefon läutete. Leah Wildey fuhr schlaftrunken aus den Kissen und tastete mit zugekniffenen Augen nach dem Hörer.
“Hallo?"
“Leah?"
“Ach, du bist es, Onkelchen." Ihr gelang ein Lächeln. “Was gibt's denn?"
“Ist Jonas schon aus Indonesien zurück?"
“Ja."
“Wo ist er jetzt?"
Leah wusste es nicht, war aber auch zu faul, um aufzustehen und nachzusehen, wo er steckte. “Soll er dich zurückrufen?", fragte sie daher.
“Nein, ich bleib' am Apparat. Hol ihn bitte."
Leah seufzte und kroch aus dem Bett. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel und versuchte, mit den Händen ihre Frisur ein bisschen in Ordnung zu bringen. Sie hatte aschblondes strähniges Haar, das sofort struppig wurde, wenn es mit Sonne, Salzwasser oder Wind in Berührung kam. Die Sommersprossen machten alles noch viel schlimmer, stellte sie fest.
“Du siehst aus wie ein Pekinese!", sagte sie laut zu sich selbst, und gab es auf, sich einigermaßen zurecht zu machen. Schließlich hatte sie Jonas schon oft genug so gesehen. Sie hüllte sich in ihren Morgenmantel und huschte auf den Korridor.
Die Tür zu Jonas' Zimmer stand offen, und sie trat ein. Das Bett war unberührt, aber Jeans und T-Shirt lagen quer über einem Stuhl, die Schuhe nachlässig in die Ecke geworfen.
Leah musste lachen. Sie konnte sich schon denken, wo ihr Cousin war. Sie ging zu Sarahs Zimmer hinüber und öffnete leise die Tür.
Bingo!
Durch die Ritzen der Jalousie strömte helles Sonnenlicht ins Zimmer. Die vor dem Fenster stehende Eiche ließ ihre Äste im sanften Morgenwind auf und ab schaukeln, ihre Blätter tanzten als Schatten auf der Wand und auf dem Bettlaken, das die Beiden im Schlaf von sich gestrampelt hatten. Jonas lag mit dem Rücken auf dem Bett, den Kopf zur Seite gedreht. Einige Strähnen seines blonden Haares fielen in seine Stirn, sein Gesicht war entspannt und sanft. Sarah hatte ihren Kopf in seiner Halsbeuge vergraben, ihre rechte Hand lag auf seiner Brust. Sarah sah wunderschön aus, jetzt im Schlaf, mit ihrem langen, rötlichglänzenden Haar, dass wie ein seidenes Tuch um ihre Schultern lag. Das Sonnenlicht spielte auf ihrem Rücken, schien ihr einen Anzug aus schillernden Flecken auf die Haut zu zaubern.
Leah tippte ihrem Cousin auf die Schulter. Sofort öffnete Jonas die Augen, deren strahlend blaue Farbe im Sonnenlicht hell aufblitzte.
“Was ist?", fragte er leise, um Sarah nicht zu wecken.
“Dein Dad ist am Telefon", flüsterte sie. “Er will dich sprechen."
Jonas nickte und löste sich sanft aus Sarahs Umarmung. Sie gähnte kurz und drückte ihr Gesicht in das Kissen.
“Was ist los?", brummte sie.
“Nichts. Bleib ruhig liegen." Jonas hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange und kroch aus dem Bett. Rasch fuhr er in seine Shorts und folgte Leah in das Wohnzimmer, wo das Telefon stand. Er griff nach dem Hörer.
“Hi, Paps."
Leah krabbelte zurück auf die Couch und zog die Decke über sich. Sie kuschelte sich in ihr Kissen und blickte zu Jonas, der mit dem Telefon in der Hand durchs Wohnzimmer wanderte. Er klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und angelte mit der nun freigewordenen Hand ein Croissant aus dem Weideflechtkorb auf dem Tisch, den Mrs. Adams bereits für das Frühstück gedeckt hatte.
“Ja, ich bin heute daheim. Wieso fragst du?"
Jonas lauschte in den Hörer, das Croissant hielt er noch immer in der Hand. “Ben? Hier? Was hat den denn in die langweiligen New England-Staaten getrieben?" Er riss ein Stück seines Blätterteigstückchens ab und steckte es sich in den Mund. Wieder einen Moment lang Schweigen. Dann nickte Jonas. “Ja, verstehe. Gegen zwölf Uhr. Wann kommst du? Halb eins? ... Was soll das heißen, du bist in Bogota? ... Archäologische Ausgrabungen. Und wann kommst du wieder? ... Nächste Woche? Na toll! Und was soll dann Ben hier? Ich dachte, er will mit dir sprechen! ... Okay, ich kümmere mich um ihn."
Er legte auf.
“Na, was wollte er?", fragte Leah neugierig und klaute ihm ein Stück vom Croissant.
Jonas wuschelte sich durch das Haar. “Ein alter Freund von Paps schneit heute vorbei. Paläontologe. Heißt Benjamin Grahm. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Er hat jedenfalls eine E-Mail geschickt, in der steht, dass er heute kommen will. Als Grund gab er lediglich Mindanao an. Was immer er auch damit gemeint hat."
Er blickte auf die große Wanduhr. Es war bereits viertel nach zehn. In diesem Moment klingelte es wieder. Dem Ton zufolge war es das Handy. Jonas eilte in den Flur und fischte das Mobiltelefon aus seiner Jackentasche.
“Ja?"
“Guten Morgen, Dr. Perturbatio."
Jonas blinzelte. “Fox? Woher hast du meine Nummer?"
“Diese Frage war eindeutig die Dümmste, die du mir jemals gestellt hast", knurrte Mulder am anderen Ende. “Ich wäre kein guter FBI-Agent, wenn ich nicht einmal eine läppische Handynummer herausbekommen könnte."
“Und du hast höchstwahrscheinlich einen guten Grund, mich anzurufen, was?"
“Durchaus. Schließlich habe ich für dich mein ganzes Büro auf den Kopf gestellt."
“Dann muss es ja jetzt richtig ordentlich bei dir sein."
“Blödmann!" Am anderen Ende raschelte es kurz. “Nein, ich habe gerade mit Jerome Furlong gesprochen, der sich zur Zeit auf den Philippinen aufhält. Auf Mindanao wurde vor zwei Tagen ein Tierkadaver entdeckt, der vom Meer an den Strand gespült worden war. Er war gestern zusammen mit einem Paläontologen namens Benjamin Grahm dort, um ihn sich anzusehen. Kurz bevor sie es verbrannt haben."
Darum also Mindanao, schoss es Jonas durch den Kopf, als er an Bens Nachricht dachte.
“Das Ding war so groß wie eine Kuh und wog etwa hundert Kilo", fuhr Mulder derweil fort. “Und es war ein Reptil. Jerome behauptet, es würde sich um eine Echse handeln, eine neue Spezies, versteht sich. In Indonesien, Lateinamerika und dem Amazonasbecken tauchen in letzter Zeit des Öfteren neue Arten auf, das ist nichts Verwunderliches. Aber nichts zuvor hatte solch merkwürdige Eigenschaften, wie dieses Ding in Mindanao. Jerome berichtete mir, dass dies das vierte Tier in diesem Jahr wäre. Doch über die Vorigen weiß er nichts Genaues. Sie sind alle vernichtet worden. Machen die von der Gesundheitsbehörde mit allen anomalen Formen, die sie entdecken. Irgendwann werden sie sich selbst vergasen. In Indonesien und auf den Philippinen zerstören die alles Fremde, was da so kreucht und fleucht. Sie haben Angst, dass die Viecher irgendwelche unbekannten Krankheiten einschleppen und damit den Tourismus beeinträchtigen könnten. Denk nur einmal an Malaysia. Die Japaner haben ebenfalls Angst. Es könnte ja etwas überspringen. Vor allem jetzt, wo die Epidemiologen neue Krankheiten entdeckt haben..."
“Welchen Ursprungs?", fragte Jonas. “Viral?"
“Keine Ahnung", bedauerte Mulder. “Bis jetzt wurde noch kein Erreger gefunden. Aber ein Virus kann es eigentlich nicht sein, weil die Antikörperkonzentration sich nicht erhöht und die Auszählung der weißen Blutkörperchen keine Unterschiede aufweist. Die Epidemiologen stehen vor einem Rätsel. Keiner von ihnen weiß, mit was wir es da zu tun haben. Sie können nur mit Sicherheit sagen, dass es eine echte Enzephalitis ist."
“Eine Hirnhautentzündung also", bemerkte Jonas sachlich.
“Exakt. Die Infizierten werden von rasenden Kopfschmerzen befallen, erleiden geistige Verwirrung, Fieber, Delirium..."
“Gab es bereits Todesfälle?"
Mulder verneinte. “Bisher nicht, soweit ich weiß. Der Spuk geht nach höchstens drei Wochen zu Ende."
“Und man glaubt, dass diese Krankheit von den anomalen Formen herrührt, die man nun vermehrt findet?"
“Man vermutet einen Zusammenhang."
Jonas überlegte kurz und versuchte, die Puzzlestücke von Informationen sinnvoll zusammenzusetzen. “Gab es auf den Philippinen in letzter Zeit mysteriöse Todesfälle durch Tierangriffe?", fragte er.
“Auf diese Frage habe ich schon gewartet", sagte Mulder, und Jonas hörte, wie er nach einem Blatt Papier griff. “Die Antwort lautet: Ja. Den Eingeborenen nach sogar recht häufig. Ein Mann beispielsweise berichtete, dass sein Sohn von einem großen gefährlichen Tier getötet und zerfleischt wurde. Jede Hilfe kam zu spät. Als sie den Jungen fanden, sahen sie nur noch einen großen Schatten im Dickicht verschwinden. Das Vieh hat seine Beute halbgegessen zurückgelassen."
“Wie appetitlich", stöhnte Jonas und legte die Stirn in Falten. “Hat irgend jemand den Jungen untersucht, bevor sie ihn begraben haben?"
“Nein. Sie haben ihn sofort in Plastiktüten gewickelt, damit die Amuk nicht überspringt. Es würde einen Menschen zerstören und durch Speichel übertragen werden."
“Amuk?" Erinnerungen an eine einige Jahre zurückliegende Reise meldeten sich. Jonas wurde immer unruhiger. “Sprachen die Eingeborenen auch vom Ungeheuer Amok?"
“Ja. Weißt du etwa, was das ist?"
“Ja. Einige fernöstliche Kulturen sprechen von einem mythologischen Ungetüm, das im Dschungel lebt, sich mit dem Nebel bewegt und in der Lage ist, an mehreren Orten gleichzeitig anzugreifen. Die Malaiien nennen dieses Ungetüm Amuk, was in ihrer Sprache wütende Raserei bedeutet. Daher die Metapher des Amoklaufens."
“Ich dachte, du hättest Paläontologie und nicht Okkultismus studiert", murrte Mulder. “So etwas in der Art stand auch in meinem Handbuch über fernöstliche Kulte und Riten." Wieder raschelte es. “Hör zu, Jonas, was dieses Hämatoxin betrifft... - Ich habe ein wenig in den X-Akten herumgegraben, und bin dabei auf etwas gestoßen, was dich interessieren könnte."
“Ach ja?"
“Ja. Das Hämatoxin, das man ausschließlich in den Sekreten von Klapperschlangen und Gila-Monstern wiederfindet, tauchte auch bei einem anderen Lebewesen auf, und zwar einem..."
“Dinosaurier?"
“Wenn du ein Hellseher bist, wieso belästigst du mich dann mit deiner Arbeit?", entgegnete Mulder mürrisch. “Wenn du jetzt auch noch den Namen des Viehs kennst, lege ich sofort auf."
“Nein, ich kenne ihn nicht."
“Ich bin erleichtert. Sagt dir Dilophosaurus irgend etwas?"
“Ja, durchaus."
“Man hat 1954 mumifizierte Überreste dieses Viechesam Strand von Basilian Island gefunden und festgestellt, dass die Drüsen im Maul genau dieses Gift enthielten."
“Danke für den Tipp, Fox. Wusstest du eigentlich, dass deine Theorie ausnahmsweise mal den Nagel auf den Kopf trifft?"
“Was heißt hier ausnahmsweise?", brummte Mulder. “Ich habe bisher immer den richtigen Riecher für so etwas gehabt."
“Du könntest dir den Beweis für deine Theorie holen...", entgegnete Jonas grinsend.
“Wie meinst du das?"
“Indem du mit uns nach Mindanao reist."
“Ich? Mit euch?"
“Ja, wieso nicht? Du hast doch schließlich Urlaub."
“Woher weißt du das?"
“Ich wäre kein guter Freund, wenn ich das nicht wüsste. Also, wie sieht's aus?"
Mulder zögerte einen Moment. “Nach Mindanao? Mit eurer Privatmaschine?"
“Ja."
“Gut", erwiderte der Agent vergnügt. “Wenn dem so ist, werde ich mal versuchen, Scully zu einer richtigen Dschungelexkursion zu überreden."
“Sie hasst es zu fliegen, Fox!"
“Ich weiß. Heute Abend sind wir bei euch."
Jonas starrte auf sein Handy, nachdem Mulder aufgelegt hatte. Typisch, den Burschen hatte mal wieder das Jagdfieber gepackt!

kurze Zeit später in Mulders Apartment
42-2630 Hegal Place, Alexandria, Verginia 23242

Mulder feuerte zwei frische Jeans in seine Reisetasche, wo sich schon die restlichen Kleidungsstücke für den Abenteuertripp nach Mindanao stapelten, packte eine große Tüte Sonnenblumenkerne obenauf und griff anschließend nach dem Reißverschluss. Vergebliche Liebesmüh', das Ding klemmte. Die Tasche war eindeutig zu voll. Mürrisch betrachtete Mulder erneut den Inhalt, überlegte, auf was er verzichten konnte. Schweren Herzens nahm er die Sonnenblumenkerne wieder heraus, startete einen neuen Versuch, die Tasche zu schließen, und zerrte mehr oder weniger grob am Reißverschluss, der endlich doch nachgab.
“Geht doch!", knurrte Mulder. Er feuerte die prall gefüllte Tüte auf den Wohnzimmertisch und angelte nach seinem halbaufgegessenen Thunfisch-Sandwich. Hungrig biss er hinein, während er einen hastigen Blick auf die Uhr warf. Viertel vor zehn.
Wo, zum Teufel, bleibt sie nur?, fragte er sich. Fast gleichzeitig hörte er ein energisches Klopfen. Er eilte zur Tür, um sie zu öffnen.
“Sie können Gedanken lesen, Scully!", grinste er ihr entgegen.
Sie rauschte an ihm vorbei, warf einen prall gefüllten Seesack in die Ecke und streifte sich den Mantel ab. Mulder schloss hastig die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer, wo sie stehen blieb, die Arme herausfordernd vor der Brust verschränkt, mit durchdringendem Blick in den blaugünen Augen.
“Mulder, ich bitte um eine Erklärung!"
Er versuchte, seine Sonnenblumenkerne in dem Frontfach seiner Tasche unterzubringen. “Wir verreisen."
“Stellen Sie sich vor, so viel weiß ich schon", erwiderte sie spöttisch. “Also?"
“Wir fliegen nach Mindanao", eröffnete er ihr kühl.
Sie sah ihn ungläubig an. “Auf die Philippinen? Wieso?"
Die Tüte passte natürlich nicht in die Vordertasche. Mulder gab es auf und nahm sich vor, auf seinen Lieblingssnack zu verzichten. “Ich dachte, wir könnten unseren Urlaub mal gemeinsam verbringen...", sagte er an Scully gewandt.
Sie hob die Augenbrauen. Ihre Stimme klang beinahe drohend.
“Mulder!"
“Was denn?"
“Da steckt doch was dahinter!"
Er blickte auf. “Was sollte denn dahinterstecken?", fragte er unschuldig - für ihren Geschmack eindeutig zu unschuldig. Sie lächelte kaum merklich. “Ich kenne Sie! Darum weiß ich, dass etwas dahinter steckt!"
“Sie sind 'ne Spielverderberin!", knurrte er beleidigt. “Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich wäre etwas weniger durchschaubar..."
“Glauben Sie mir, Mulder, das sind Sie oft genug! Für andere sogar weitaus mehr, als für mich! - Also, warum Mindanao?"
Er sah sie mit nun ernst gewordener Miene an. “Können Sie sich noch an Jonas' Besuch erinnern?"
“Natürlich, wieso fragen Sie?" Doch bevor er ihr antworten konnte, hatte sie selbst bereits die Lösung gefunden. Entnervt verdrehte sie die Augen zur Decke. “Himmelsherrgott, Mulder! Sie wollen doch nicht allen Ernstes Phantomechsen hinterher jagen?"
“Sie sind existent, Scully!"
“Ich bitte Sie! Wie oft hatten wir diese Diskussion schon? In meinen Augen schon einmal zu oft! Ich werde doch nicht ans Ende der Welt fliegen, nur um durch den Dschungel zu kriechen, um dort imaginäre Überbleibsel aus dem Mesozoikum zu suchen! Einmal Big Blue hat mir gereicht, Mulder! Wahrscheinlich wird auch in den Fällen Minto und Jakarta etwas ähnliches vorliegen. Irgendein Reptil, sei es ein Alligator oder ein Waran..."
“Meines Wissens nach gibt es keine Alligatoren in Pennsylvania", fiel ihr Mulder ins Wort. “Und Warane auch nicht. Kommen Sie schon, Scully! Wer weiß, was uns auf Mindanao erwartet!"
“Genau davor graust es mir ja", erwiderte sie sarkastisch, kapitulierte jedoch vor seinem Dickschädel. “Na schön, dann lassen Sie uns halt das Wochenende in der grünen Hölle verbringen!"

einige Stunden später

“Du glaubst ja gar nicht, wie schwer es ist, einen Job zu finden!"
Jonas kritzelte mit einem Kuli auf dem Telefonbuch herum. Strichmännchen wanderten über die großflächige Werbung von Burger King. Über ihnen prangte in fetter Schrift Big Whopper: Only $1.50.
“Wieso? Ich dachte, du hattest gestern ein Vorstellungsgespräch bei Miller's?"
“Hatte ich auch."
“Und?"
“Der Typ war das Letzte!", fauchte Steve am anderen Ende. “Ich komme in sein Büro, und alles was er mir sagt, ist, dass ich selbst sehen muss, wo was fehlt und wo etwas nötig ist. Er mag es nicht, wenn er seine Leute immer auf alles stoßen muss."
“Und? Weiter?"
“Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm ein sauberes Oberhemd besorgen soll."
Jonas grinste. “Weißt du, Steve, ich verstehe sehr gut, warum du keinen Job findest."
“Blödmann!"
In diesem Moment klingelte es, und Bandit, der bisher schläfrig in der Sonne gedöst hatte, sprang laut kläffend auf.
“Sorry, Steve. Ich muss Schluss machen. Ich ruf' dich später noch einmal an."
“Ja, aber vergiss es nicht wieder!"
Hornochse, dachte Jonas und legte auf. Mürrisch wuschelte er sich durch das nasse Haar.
“Sei still Bandit!", befahl er seiner kleinen Bulldogge, die bellend die Treppe hinuntersprang und ihr Kläffkonzert im Flur fortsetzte. Jonas folgte Bandit und verscheuchte ihn aus dem Flur. Wieder klingelte es, und Jonas riss die Tür auf.
Ein großgewachsener Mann in Khaki-Hose und brauner Weste stand vor ihm. Er trug eine zierliche Brille auf der Nasenspitze und zupfte nervös an seinem Hut. Er schien um die Vierzig zu sein.
“Ben!" Jonas zog die Tür vollständig auf.
Der Paläontologe blinzelte. “Jonas! Bist du's? Herrje, ich hätte dich beinahe nicht mehr erkannt!" Er lächelte und drückte ihn kameradschaftlich an sich. “Tut mir leid, wenn ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt hereinplatze, aber ihr habt sicherlich meine Nachricht bekommen. Ist David zu sprechen?"
Jonas zögerte. “Er ist nicht zu Hause. Er kommt erst nächste Woche wieder."
Der Paläontologe verzog die Miene. “Hat er denn meine E-Mail nicht bekommen? Ich muss unbedingt mit ihm reden! Es ist eine äußerst wichtige Angelegenheit."
“Dann komm doch rein!", lachte Jonas und machte eine einladende Geste.
“Wie?"
“Na ja, vielleicht kann ich dir ja auch weiterhelfen, hm?"
Grahm zögerte, nickte aber dann. “Vielleicht kannst du das wirklich."
Er trat ein und Jonas schloss die Tür hinter ihm.
Neugierig sah Grahm sich um. Der Flur war mit einem dunkelroten Teppich ausgelegt, helles Sonnenlicht fiel durch die Fenster und ließ den antiken Kronleuchter an der Decke funkeln. Ein zierliches Schränkchen aus Nussbaum stand neben der unauffällig in einer Ecke eingearbeiteten Garderobe. Rechts führte eine mit dunkelrotem Teppich belegte Treppe ins erste Stockwerk. Das blankpolierte Holz glänzte in der Sonne.
“Sehr schön habt ihr's hier", sagte Grahm anerkennend und bückte sich zu Bandit hinunter, der an seinem Bein hinauf sprang.
Jonas wies auf eine der Türen. “Dort drüben ist das Wohnzimmer. Mach es dir bequem. Ich komme gleich."
Grahm nickte, erhob sich wieder, ging den Flur entlang und stieß die Tür zum angewiesenen Zimmer auf. Das Wohnzimmer war groß, und geschmackvoll eingerichtet. An der Frontwand stand ein offener Kamin aus weißen, ebenmäßigem Stein, über ihm war die Wand getäfelt. Überall hingen romantische Landschaftsbilder. Rechts und links vom Kamin befand sich jeweils ein Erker. Gobelins und prachtvolle Wandteppiche zierten die Seiten des Zimmers.
Kenji Shing, der zweiundzwanzigjährige Assistent von Dr. David Quinn, sah von seinem Buch auf, als Grahm eintrat.
“Hi Ben! Schön, dass du dich mal wieder bei uns blicken lässt!"
Er stand auf und reichte dem Paläontologen die Hand, der diese lächelnd schüttelte.
“Ich freue mich auch, euch wieder zu sehen. Nur schade, dass David nicht da ist."
“Wenn es so wichtig ist, wird er sich vielleicht dazu bewegen lassen, frühzeitig aus Kolumbien zurückzukehren", meinte der Inder.
“Vielleicht", erwiderte eine Stimme hinter ihm. Grahm fuhr herum und erkannte Jonas, der im Türrahmen stand. Er hatte sich angezogen, trug nun eine etwas ausgebleichte Levi's und ein rotes T-Shirt, das er in die Jeans gezogen hatte. Er wies auf die Sofaecke. “Setz dich doch, Ben."
Grahm folgte seiner Aufforderung, und auch Jonas und Kenji setzten sich.
“Jetzt schieß los. Was ist passiert?" Jonas lehnte sich zurück. “Du warst auf Mindanao, nicht wahr?"
“Ja." Ben rutschte tiefer in den Sessel hinein und zupfte seinen Hemdkragen zurecht. “Dort wurde vor zwei Tagen ein Tierkadaver entdeckt, der vom Meer an den Strand gespült worden war..."
“Ein Reptil."
Der Paläontologe sah auf. “Ja, woher weißt du das?"
“Man hat mir bereits von dem Vorfall berichtet. Du warst mit Jerome Furlong da?"
Grahm schüttelte verwirrt den Kopf. “Arbeitest du beim Geheimdienst?"
“Ich nicht." Jonas grinste. “Hast du Fotos gemacht?"
“Natürlich!"
Grahm holte einen Stoß Bilder aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Jonas griff danach und sah sie langsam und aufmerksam durch. Genau, wie er vermutet hatte...
“Sieht ja nicht gerade appetitlich aus", murmelte der Inder, während Jonas bei dem Foto mit der Gesamtansicht des Tieres innehielt. “Das Vieh ist ja nur so von Fliegen und Maden übersät."
Jonas wurde immer nachdenklicher je mehr Bilder er sah. Graubraune Haut mit Grün durchsetzt, ein scheinbar zweibeiniges Wesen mit kräftigen Läufen, was für Schnelligkeit sprach. Nur der Kopf war leider auf keinem einzigen Bild erkennbar. Doch das machte nichts. Er wusste bereits, was das da auf den Bildern war.
“Dieses Tier... - Hast du Gewebeproben oder so genommen?"
“Ja, wieso fragst du?"
“Wissenschaftler müssen alles ganz genau wissen, dass weißt du doch", scherzte Kenji, um die Atmosphäre aufzulockern. Das Thema ging ihm im wahrsten Sinne des Wortes an den Magen und er hoffte, dass es bald beendet sein würde.
“Wie, Wissenschaftler?"
“Weißt du noch nicht, dass Jonas seinen Abschluss in Paläontologischen Wissenschaften und Archäologie gemacht hat?"
Grahm schüttelte den Kopf. “Nein, davon wusste ich bisher noch nichts. Aber es bleibt doch beim du, oder?"
Er lachte kurz und herzhaft auf, auch Kenji grinste breit. Jonas hatte Schwierigkeiten, fröhlich zu wirken. Er konnte die Mundwinkel so weit nach oben ziehen wie er wollte, seine Augen verzerrten die Mimik. Seine Gedanken waren bei den Jungen in Jakarta, die den mysteriösen Wesen zum Opfer gefallen waren. Und nicht nur sie.
Grahm zog ein Päckchen aus der Tasche und stellte es auf den Tisch. Mit raschen Bewegungen öffnete er es und nahm einen Stahlzylinder von der Größe einer Faust heraus. Er zerriss die Zollbanderole und schraubte den Deckel auf. Gas zischte heraus, dann schwacher weißer Kondensationsnebel. Die Außenhaut des Zylinders beschlug sich. Grahm kippte den Inhalt auf den Tisch. Es war eine Tüte, die ein fransiges Stück grünen Fleisches von etwa fünf Zentimetern im Quadrat enthielt. Kenji betrachtete kritisch den Inhalt der Tüte.
“Was, zum Teufel, ist das?", fragte er widerwillig.
“Eine Gewebeprobe", antwortete Grahm. “Ich konnte sie dem Tier entnehmen, bevor es verbrannt wurde. Ich habe es genau untersucht. Die Gewebestruktur stimmt mit keinem einzigen der heute lebenden und im geringen Grade bekannten Tiere überein..."
“Wie könnte es auch", erwiderte Jonas und wies auf die Probe. “Das da stammt von einer Unterart des Coelurus, eines zwei Meter langen Raubsauriers. Ich habe Rekonstruktionen dieses Tieres oft genug gesehen, um zu wissen, was das da auf dem Foto ist. Fox hatte von Anfang an Recht..."
“Mal wieder", sagte jemand hinter ihnen, und Jonas drehte sich um. Fox Mulder stand im Türrahmen und stellte seinen Reisekoffer auf den Boden. Er trug einfache Jeans und ein helles T-Shirt. Irgendwie sah er ohne seinen gewohnten Anzug merkwürdig aus, stellte Jonas fest.
“Tagchen, alle miteinander", begrüßte sie der FBI-Agent fröhlich. Hinter ihm trat Scully in den Raum. Sie trug ebenfalls Jeans und darüber eine sandfarbene Bluse. Mit einem erleichterten Seufzer ließ sie ihren Seesack auf den Boden sinken und fuhr sich mit der rechten Hand durch das nussbraune Haar. Mulder bedachte sie mit einem vergnügten Lächeln.
“Sie hat mal wieder eindeutig zu viel eingepackt!", erklärte er und duckte sich lachend, als sie drohend die Hand hob.
“Ich packe nie zu viel ein, verehrter Mister Mulder! Das dort ist das absolute Minimum an Utensilien, das ich für drei Tage nun einmal benötige!"
“Drei Tage im Dschungel", warf er mit erhobenen Augenbrauen ein. “Da interessiert es niemanden, ob Sie perfekt geschminkt sind, oder nicht."
“Ich habe kein Make-up eingepackt!", erwiderte sie bissig.
“Ach ja?" Er schnappte ihren Seesack und hob ihn prüfend in die Höhe. Gespielt nachdenklich legte er die Stirn in Falten. “Lassen Sie mich schätzen... - Drei komplette Kostüme, mehrere Blusen und Röcke, drei Kilo Lippenstift, ebensoviel Make-up in fünf verschiedenen Farbtönen, einen Vorratspack an Wimperntusche..."
Sie riss ihm ihr Gepäckstück aus der Hand und funkelte ihn an. “Sie sind ein Widerling, Mulder! Warten Sie nur, bis ich eine Gelegenheit finde, Ihren Koffer zu inspizieren!"
Er zuckte gleichgültig die Schultern. “Machen Sie nur. Sie werden nichts Spektakuläres finden."
“Wer sind diese Leute?", fragte Grahm misstrauisch und beäugte die beiden Neuankömmlinge, die nicht aufhörten, einander zu foppen.
Jonas räusperte sich. “Special Agent Fox Mulder und Special Agent Dana Scully. Sie werden uns nach Mindanao begleiten..."
“Das FBI?" Grahm schnappte nach Luft. “Wieso das verdammte FBI?"
“Weil es seine Nase überall reinstecken muss?", vermutete Mulder und grinste. “Nein, Dr. Grahm, wir sind aus privaten Gründen und ganz außerhalb der Dienstzeit hier."
“Wie beruhigend", knurrte Grahm.
Jonas tippte auf den Computerbildschirm, um das Interesse des Paläontologen wieder darauf zu richten.
“Wir haben noch einiges zu besprechen, Ben."

zur gleichen Zeit
150 Meter vom Landgut der Quinns entfernt

Jerry Dawson gähnte und drückte sich den Knopf tiefer ins Ohr, um ja nichts zu verpassen. Er rutschte auf dem Fahrersitz seines grauen Taurus hin und her und versuchte, die Ziegeln der Toreinfahrt des Landguts zu zählen. Der kleine Kassettenrecorder auf seinem Schoß drehte sich, auf dem Beifahrersitz lag sein Notizbuch neben zwei zerdrückten Big-Mäc-Schachteln. Dawson sah zu dem riesigen Gebäudekomplex hinüber und grinste.
“Dachtest wohl, du wärst uns entkommen!", knurrte er. “Pah! Wenn man schon zu blöd ist, um eine Wanze im Hut zu entdecken!"
Dawson grinste. Er wusste, das Ben Grahm seinen geliebten australischen Buschhut niemals absetzte. Nicht einmal zum Haarewaschen, wie er immer scherzhaft behauptete. Diese Gewissheit hatte Dawson ausgenutzt und in einem günstigen Moment den Hut auf seine Weise präpariert. Die Wanze funktionierte ausgezeichnet.
Dawson warf einen flüchtigen Blick auf das Anwesen vor ihm. Die in zartem Flieder gestrichenen Gebäude mit ihren schwarzen Schieferdächern erhoben sich beinahe majestätisch zwischen alten knorrigen Eichen und großen Ahornbäumen. Der Springbrunnen mitten im Hof gab dem Landgut noch eine veredelnde Note. Ebenso die beiden großen Löwen aus Marmor, die links und rechts von der Treppe auf ihren Steinsockeln saßen, die mächtigen Pranken erhoben, den Kopf stolz erhoben. Sie waren die stillen Wächter.
Dawson ließ seinen Blick über die Wohnhausanlage gleiten, über die große Veranda, die Galerie, die Terrasse mit Blick aufs Meer, geschmückt mit zahlreichen Rhododendren und Dahlien, einen beinahe mediteranen Touch annehmend, wenn die Sonne - so wie jetzt - vom wolkenlosen Himmel schien und das Meer ruhig und tiefblau war. Nicht weit entfernt bohrte sich der Leuchtturm am Rande der Klippen in den bedeckten Frühlingshimmel.
Eine Wahnsinnshütte!, dachte Dawson anerkennend.
In seinem Empfänger hörte er die Stimme des jungen Quinn und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.
“Sind noch andere Formen dieser Tiere aufgetaucht?"
Und dann das unverwechselbare, hektische Geplapper Gregorys: “Ich weiß es nicht, ich habe doch bereits erwähnt, dass jede auftauchende anomale Form so schnell wie nur möglich beseitigt wird."
Dawson kritzelte Jonas Quinn auf seinen Notizblock. Langsam konnte er die einzelnen Namen zuordnen. Der junge Mann mit dem deutlich indischen Akzent meldete sich nun zu Wort.
“Wer weiß? Vielleicht verstecken sich noch andere Arten im dortigen Dschungel. Sie haben ja selbst gesagt, dass Sie nur eines der Tiere zu sehen bekamen."
“Richtig", antwortete Grahm. “Dieser Teil der Insel ist so gut wie unbewohnt. Dort könnte sich ein Brachiosaurus herumtreiben, ohne dass es irgend jemand merken würde."
Dawson griff in die Tüte auf dem Armaturenbrett und aß die letzten beiden Pommes, obwohl sie schon kalt waren.
“Auf Mindanao ist das tropische Klima vorherrschend. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Außerdem liegt die Insel mitten im südöstlichen Erdbebengebiet. Und, was das Wichtigste ist: Auf dieser Seite der Insel gibt es vulkanische Gase."
Dawson notierte eifrig.
Grahm räusperte sich. “Woher weißt du das, Jonas?"
“Das ergibt die Spektralanalyse, die der Computer vorgenommen hat. Weißt du etwas über die vulkanische Explosion, die 1883 die Insel Krakatau zerstörte, die nur wenige Seemeilen westlich von Java liegt und heute Pulau Rakata heißt? Neben dieser Katastrophe verblassen die nuklearen Explosionen, die von den Menschen ausgelöst werden, zur Bedeutungslosigkeit."
“Schön, aber was hat das mit den Sauriern zu tun?", fragte Grahm.
“Nun, damals verschwand die Insel fast vollständig unter den Wellen, und auf dem, was von Krakatau und den Nachbarinseln übrigblieb, schien das Leben ausgelöscht. Die Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere waren katastrophal. Aber schon wenige Monate später war eine winzige Spinne mit Hilfe ihrer vom Wind getragenen Spinnfäden auf der Insel gelandet. Sie verhungerte wahrscheinlich. Aber nach vierzehn Jahren wurden auf der Insel 132 Insekten- und Vogelspezies und 61 Pflanzenarten angetroffen."
“Und? Weiter?"
“Das Leben findet einen Weg, Ben. Immer und in jeder Situation. Diese Insel ist der beste Beweis dafür. Genauso ist es mit den Sauriern auf Mindanao..."
Klugscheißer, dachte Dawson und notierte Mindanao.
“Sie haben sich einen Platz zum Überleben geschaffen", drang nun die Stimme dieses FBI-Agenten namens Mulder durch den Empfänger. “Und zwar dort, wo andere Wesen wie wir Menschen niemals wohnen würden. In einem der vulkanreichsten Erdbebengebiete der Erde. Und dabei erfordert das nicht einmal allzu viel Anpassung von Seiten dieser Tiere. Wie Forschungen ergaben, lebten die Dinosaurier in einer Welt, die genauso aussah. Sie sind den hohen Schwefelgehalt und die vulkanischen Gase gewohnt."
“Was sind das für Zacken auf der Karte?", fragte Grahm.
“Methan", antwortete Scully. “Offensichtlich gibt es dort eine ziemlich große Methanquelle."
“Ist das auch vulkanisch?"
“Möglich. Methan wird bei vulkanischen Aktivitäten freigesetzt. Aber nur bei größeren Eruptionen. Die andere Möglichkeit ist, dass es organischen Ursprungs ist."
“Das heißt im Klartext?"
“Große Pflanzenfresser und..."
Dann kam etwas, was Dawson nicht verstehen konnte, und der Inder sagte: “Soll ich die Karte ausdrucken lassen?"
“Tu das", sagte Jonas. “Und ich mache mich jetzt auf die Socken. Kevin hasst es, zu warten."
Als Dawson kurze Zeit später zum Haupthaus hinüber sah, erschien ein schlanker, doch sehr muskulöser Junge an der Haustür. Er lief zu einem roten Alfa Romeo 156 hinüber. Das musste dieser Jonas sein, dachte Dawson und holte seinen Fotoapparat hervor. Der Junge stieg ein und der Motor startete. Dawson lenkte seinen Taurus in den Waldweg hinein und blieb zwischen einigen dichten Büschen stehen. Der Alfa brauste vorbei, ohne dass der Fahrer den fremden Wagen bemerkte.
Dawson überlegte kurz, ob er dem jungen Quinn folgen sollte, aber er hatte jetzt Wichtigeres zu tun. Er drehte den Zündschlüssel, hob das Telefon ab und wählte.

Biogenetics Laboratories
Plainfield / New Jersey

Doug Spear öffnete die Tür mit der Aufschrift TIERGEHEGE. Sofort begannen die Hunde zu bellen, die in viereckigen Käfigen eingesperrt waren, die in langen Reihen den Raum durchschnitten. Spear ging den Korridor entlang, zu dessen Seiten sich drei Meter hoch die Käfige stapelten. Die Biogenetics Co-operation in New York brauchte eine ausgedehnte Tierversuchsanlage.
Gary Eustrak, der Boss dieser Firma, lief neben ihm und wischte mürrisch über den glänzenden Satin seines Jacketts.
“Ich hasse diesen Scheißladen!", knurrte er. “Warum wollten Sie, dass ich hierher komme?"
“Weil wir uns über die Zukunft unterhalten müssen", antwortete Spear.
“Hier stinkt's!", sagte Eustrak und sah auf seine goldene Uhr, die er lässig um sein rechtes Handgelenk trug. “Also raus damit, Doug!"
“Da drin können wir reden."
Spear führte ihn zu einer gläsernen Kontrollkabine in der Mitte des Raumes. Die Glaswände dämpften den Hundelärm. Aber durch die Fenster konnten sie zu den Tieren hinübersehen.
“Es ist etwas ganz Simples", sagte Spear und begann, auf und ab zu gehen. “Aber ich glaube, es ist wichtig."
Doug Spear war 39 Jahre alt, hatte ein nichtssagendes glattes Gesicht und schüttere Haare. Er wirkte jugendlich und freundlich. Aber der Schein trog. Der babygesichtige Spear war der skrupelloseste und aggressivste Gentechniker seiner Generation. Seine Karriere war begleitet von Skandalen. Er spielte sich als Forscher auf, hatte aber nie eine Idee, die nicht jemand vor ihm gehabt hatte. Doch er war ein Meister im sogenannten Entwickeln von Forschung, was nichts anderes hieß, als dass er frühreife Arbeiten klaute und für sich verwendete. Darin war er genauso Skrupel- wie konkurrenzlos. Er betrieb das Gebiet umfangreiche Industriespionage besonders intensiv und mit einer gewissen Euphorie. Eustrak machte sich natürlich keine Illusionen über Spear. Er mochte ihn nicht und mied ihn, wo er nur konnte. Spear ging immer Risiken ein, nahm Abkürzungen und dabei war Eustrak unbehaglich zumute. Aber der Boss von Biogenetics Co-operation wusste auch, dass in der modernen Biotechnologie ein hoher Konkurrenzdruck herrschte. Und um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchte jede Firma einen Mann wie Spear. Und was Spear machte, machte er gut.
“Die Welt verändert sich, Gary. Es gibt Probleme, denen sich unsere Firma im 21. Jahrhundert gegenübersehen wird."
“Die wären?"
Spear wies nach draußen auf die bellenden Hunde. “Seien wir doch einmal ehrlich, Gary: Jedes Jahr wird der Druck auf uns größer. Haufenweise Demonstrationen, Beschwerdebriefe und schlechte Presse. Und nur, damit wir keine Tiere mehr zu Versuchszwecken benutzen. Am Anfang waren es nur naive Eiferer und Hollywoodsternchen, die es sich leisten können, ihre schöne Klappe aufzureißen. Aber jetzt ist es eine mächtige Bewegung. Sogar Philosophieprofessoren argumentieren, dass es unethisch sei, Affen, Hunde, ja sogar Ratten den entwürdigenden Prozeduren der Forschung zu unterwerfen. Wir hatten sogar schon Proteste wegen unserer Ausbeutung der Tintenfische, obwohl die Viecher überall auf der Welt auf der Speisekarte stehen. Und ich kann Ihnen sagen, Gary, dieser Trend reißt nicht so schnell ab. Irgendwann wird einer dieser Spinner sagen, wir dürfen keine Bakterien mehr ausbeuten, um genetische Produkte herzustellen."
“Also! Kommen Sie, Doug!"
“Warten Sie es ab! Es wird passieren. Außer wir haben etwas, was nicht angeschwärzt werden kann. Etwas, was seit Langem als ausgestorben gilt, also in den Augen der Menschen nicht lebt. Etwas, was wir patentieren lassen können, etwas, das uns gehört."
“Auf was wollen Sie hinaus?"
Spear räusperte sich.
“Nun, auf Mindanao findet man in letzter Zeit des Öfteren fremdartige Tiere. Etwas zu groß geratene Leguane. Nur, es sind keine."
Eustrak starrte auf seine säuberlich geschnittenen Fingernägel. “Spucken Sie es endlich aus, Doug."
“Ich habe ein paar Leute von uns dorthin geschickt. Sie haben sich zwei der Viecher angesehen und Gewebeproben entnommen. Hat viel Überredung gekostet. Die von den Philippinen möchten diese Kadaver nämlich so schnell wie nur möglich loswerden. Sie haben Angst, dass es eine Verbindung zwischen diesen Tieren und einer neuen Krankheit auf der Insel gibt, die mit keinem Medikament beizukommen ist. Sie wissen dort nicht einmal, wie das Zeug übertragen wird. Es gibt keinen Virus, keine Bakterie. Ich habe dem Regierungsvorsitzenden auf Mindanao erklärt, dass wir die Kadaver genauestens untersuchen müssen, um festzustellen, ob ihre Vermutung mit dieser Krankheit stimmt. Die sind sofort darauf angesprungen. Jedenfalls haben wir die Viecher analysiert. Die Ergebnisse waren erstaunlich. Denn bei diesen Tieren handelte es sich erstens um einen Triceratops und zweitens um einen Compsognathus."
“Um Dinosaurier?"
“Exakt. Keine Ahnung, warum die Viecher auf Mindanao all die Jahre überlebt haben, aber das ist letztendlich auch egal. Wir haben den Indonesiern jedenfalls eingebläut, dass die Tiere diese Krankheit übertragen und noch weit gefährlichere Viren in sich tragen würden. Wir haben angeordnet, dass sie jeden Kadaver, den sie finden, verbrennen sollen. Das natürlich aus dem einfachen Grund, damit keiner dieser verrückten Wissenschaftler auf die Dinos aufmerksam wird. Die könnten uns sonst alles versauen."
“Was versauen?" Eustrak wurde langsam müde.
“Das wir diese Viecher für unsere Versuchszwecke benutzen können! Unsere Biologen haben festgestellt, dass diese Dinosaurier einen fast identischen Hormonhaushalt wie die Säugetiere haben. Das heißt: Schluss mit all den Affen, Hunden, Ratten. Und Schluss mit diesen lästigen Protesten von Greenpeace und den anderen Spinnern."
Eustrak horchte auf. “Schön und gut, aber wie wollen Sie an diese Viecher rankommen?"
“Dafür ist schon gesorgt", grinste Spear. “Ich habe der philippinischen Regierung angeboten, die lästigen Krankheitserreger auszumerzen. Sie waren von meinem Vorschlag total begeistert und wollen im Gegenzug sogar unsere Firma unterstützen. So haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!"
“Sie sind ein Genie, Doug!", sagte Eustrak und ein breites Grinsen huschte über sein bisher gelangweiltes Gesicht.
“Ich weiß", erwiderte Spear.
Eustrak ließ sich auf einen der freien Stühle in der Kabine sinken und lächelte kaum merklich. “Worauf warten Sie noch, Doug? Schaffen Sie diese Viecher her!"

zur gleichen Zeit

“Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, was?" Dr. Kirochima Pacal wirkte beinahe vorwurfsvoll. “Mir scheint, ich habe Ihrem jugendlichen Hirn ganz gewaltige Flausen in den Kopf gesetzt."
“Vielleicht auch das", erwiderte Jonas ruhig. “Doch hat mir unser Computer unwiderlegbare Fakten geliefert. Dieses Tier ist mit Hilfe einer DNS-Analyse untersucht worden. Es handelt sich eindeutig um einen Stenoychosaurus."
“Was genau ist das für ein Vieh?"
“Es gehört zu den Sichelkrallensauriern und wird von vielen Wissenschaftlern als äußerst intelligent angesehen. Es war ein schlanker und recht wendiger Jäger." Jonas warf einen Blick auf den Computerbericht. “Außerdem fanden wir eine große Menge Toxine in den Geweben und Blutresten der Probe. Genauer gesagt handelt es sich dabei um ein Hämatoxin, eine Substanz, die in den meisten Lebewesen Bewusstlosigkeit und Lähmung hervorruft. Im Tierreich gibt es einige Reptilien, die dieses Gift benutzen, wie etwa das Gila-Monster oder die Klapperschlange. Es scheint, als sei der Stenoychosaurus von einem solchen Wesen gebissen worden und dadurch verendet. Was uns stutzig machte, sind die Kampfspuren auf den Fotos. Das Tier ist von kleinen Kratzern übersät, die Bauchdecke ist aufgerissen und beträchtliche Teile des Magen-Darm-Traktes scheinen heraus gefressen worden zu sein. Das Gila-Monster würde niemals solche Mengen verspeisen, schon gar nicht die Gedärme. Und Klapperschlangen gibt es in Indonesien nicht, auch keine großen Raubtiere wie Tiger, die sind auf den Inseln nahezu ausgerottet. Nun, wir haben noch ein Tier gefunden, dass über Giftdrüsen mit Hämatoxin verfügt. Ein mumifizierter Körper dieser Gattung wurde vor knapp acht Monaten auf Borneo gefunden. Es waren Überreste eines Dilophosaurus, eines Raubsauriers aus dem späten Jura. Im Maul fand man Drüsen, die Hämatoxin enthielten. Es scheint, als habe der Jäger seine Beute durch Bisse gelähmt und sie dann gefressen."
“Oh, ich verstehe. Sie haben gleich zwei Überlebende der Sauriergeneration gefunden, was?"
“Eine mit Sicherheit. Und die Informationen über die Mumie habe ich aus den X-Akten."
“Die X-Akten vom FBI?"
“Welche denn sonst? Kennen Sie noch andere?"
“Wie sind Sie denn an die gekommen?"
“Ich habe einflussreiche Freunde."
“Aha. - Und warum erzählen Sie mir das alles?"
“Nun ja, weil ich dachte, Sie hätten Interesse, unsere Expedition nach Mindanao zu begleiten. Ich brauche noch einen kühlen Kopf. Grahm ist zu euphorisch und verliert zu schnell seine Objektivität. Und bei Mulder weiß ich auch nicht, ob er nicht dessen Euphorie teilt."
“Sie brauchen sich gar nicht bei mir einschleimen, Jonathan!", knurrte sie. Und nach einem kurzen Zögern: “Wann fliegen wir?"

Chesperito Cantina
Jersey City / New Jersey

Doug Spear saß zusammengesunken in einer dunklen Ecke der Chesperito Cantina in Jersey City. Das mexikanische Restaurant war nicht sehr voll, die Mittagspause war schon lange vorbei und bis zum Feierabend waren es noch zwei, drei Stunden.
Spear nippte an seinem Bier. Neben ihm saß Jake Pount, der Professor für Biologie in Lewiston und verschlang mit Begeisterung eine Portion huevos rancheros. Eigelb vermischte sich auf seinem Teller mit grüner salsa. Spear wurde schon bei dem Anblick übel. Er wandte sich ab, konnte aber noch hören wie sich Pount geräuschvoll die Lippen leckte.
Außer den beiden Männern und einer aufgetakelten Frau Mitte vierzig, die an der Bar saß, war niemand im Raum. Aus vergammelten Lautsprechern schepperte ein alter Song der Beatels. Spear summte Let it be und versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seit über einer Stunde saß er schon in diesem verdammten Restaurant.
Pount aß seine Eier zu Ende und schob den Teller weg. Dann zog er das kleine Notizbuch hervor, das er überallhin mitnahm.
“Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, wie wir die Sache deichseln."
“Was denn deichseln?", fragte Spear gereizt. “Es gibt nichts zu deichseln, außer wir schaffen es, nach Mindanao zu kommen."
Im Reden klopfte er mit einem kleinen Foto von Ben Grahm auf den Tisch. Drehte es um. Starrte die Rückseite an. Dann die Vorderseite. Er seufzte und sah auf die Uhr.
“Doug", sagte Pount geduldig. “Auf diese Insel zu kommen, ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, wie wir unsere Entdeckung der Welt präsentieren."
Spear zögerte einen Augenblick. “Unsere Entdeckung", wiederholte er. “Das gefällt mir, Jake. Das ist sehr gut. Unsere Entdeckung."
“Na, das ist doch die Wahrheit, nicht?", erwiderte Pount mit unverbindlichem Lächeln und fuhr mit theatralischer Stimme fort. “Diese Tiere sind ausgestorben. Und wir entdecken sie wieder. Ich weiß nicht, wie man es sonst nennen sollte. Wie schon Goethe sagte..."
“Okay", sagte Spear. “Dann machen wir also eine Entdeckung. Und dann? Halten wir eine Pressekonferenz ab?"
“Natürlich nicht!", rief Pount und zog dabei eine entsetzte Miene. “Eine Pressekonferenz wäre total fehl am Platz. Damit würden wir uns offen dem Kritikern repräsentieren. Eine Entdeckung dieser Spezies muss auf besondere Art behandelt werden. Es muss darüber berichtet werden, Doug."
“Berichtet?"
“Ja. In der Literatur. BBC Wildlife, zum Beispiel. Natur könnte ich mir auch gut vorstellen..."
In diesem Moment betrat Jerry Dawson das Restaurant. Er hatte seine beiden Auftraggeber schnell entdeckt und steuerte zielstrebig auf ihren Tisch zu. Er nickte zur Begrüßung, setzte sich und bestellte bei der Kellnerin Kaffee.
Spear starrte ihn missmutig an. “Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit", sagte er scharf. “Also fangen wir an."
“Okay. Wie Sie wollen." Dawson öffnete einen Umschlag, zog Papiere und Fotos heraus und reichte sie Spear.
Doug ging die Fotos langsam durch. Das erste zeigte Grahm. Den erkannte Spear drei Meilen gegen den Wind. Auf dem Zweiten sah man einen großen, kräftigen Mann Anfang fünfzig mit dunklem, nach unten hin graumeliertem Haar und scharfen Gesichtszügen.
“Wer ist das?"
“Dr. David Quinn", sagte Dawson. “Wissenschaftler auf verschiedenen Gebieten. Ein alter Freund von Grahm. Der wollte Quinn heute Nachmittag einen Besuch abstatten, doch er war nicht da."
Spear sah auf. “Einen Besuch? Aus welchem Grund?"
“Die Sauriergeschichte. Scheint so, als ob Grahm irgendwie doch an einen der Kadaver rangekommen ist."
Spear nickte bloß und ging die Fotos weiter durch. Das Dritte zeigte einen muskulösen, stämmigen Mann mit weißem Haar. Er schien aber nicht älter als vierzig oder fünfundvierzig zu sein. Er hatte stechende, graublaue Augen und machte den Eindruck, als könne er jeden mit dem kleinen Finger zerquetschen, der ihm in die Quere kam.
“Das ist Vince Barrett. Arbeitete früher bei der CIA, ist gut befreundet mit Kommandant Bennett. Lebt heute wie Dr. Quinn auf einem großen Landgut an der Küste. Barrett ist bekannt für seine Scharfsinnigkeit und seinen Zynismus."
“Ein Regierungsfreund", knurrte Pount. “Kann ja heiter werden."
Spear betrachtete das nächste Foto, auf dem ein etwa zwanzigjähriger junger Mann zu sehen war. Er hatte markante Gesichtszüge und blondes Haar. Blaue Augen blitzten selbstbewusst unter den buschigen Augenbrauen hervor.
“Jonathan Quinn, der Sohn des Wissenschaftlers. Ist dreiundzwanzig und nicht gerade auf den Kopf gefallen. War sehr gut in der Schule, hat sich aber geweigert, aufs College zu gehen und ist gleich auf die Uni. Hat schon seinen Abschluss gemacht. Er hat Grahm heute anstelle seines Vaters empfangen."
“Und der?" Spear deutete auf einen dunkelhäutigen jungen Mann mit Turban mit abgeklärtem Blick und breiten Schultern.
“Kenji Shing. Zweiundzwanzig. Kommt ursprünglich aus Kalkutta. Über seine Eltern weiß man nichts. Er arbeitet als Assistent bei dem Wissenschaftler."
Spear betrachtete ein hübsches junges Mädchen mit rötlichglänzenden Haaren und grünen Augen.
“Das ist Sarah, die Tochter von Barrett. Ist mit dem jungen Quinn zusammen. Schon längere Zeit. Sie geht ebenfalls nicht aufs College, obwohl sie ein sehr gutes Abschlusszeugnis bei der Highschool hatte."
Spear war inzwischen schon bei einem braunhaarigen Jungen mit spitzbübischem Blick und bernsteinfarbenen Augen.
“Kevin McTemper, 1995 von dem Wissenschaftler adoptiert. Elf. Geht in Rockport zur Schule."
Das letzte Foto zeigte das Landgut. Spear pfiff leise durch die Zähne.
“Dieser Quinn scheint ja ein Millionär zu sein", sagte er. “Bei dem Grundstück."
“Milliardär", sagte Dawson. “Ihm gehört der Multikonzern QCDI."
Pount lehnte sich zurück.
“Und mit diesem Clan hat sich unser guter alter Freund Grahm nun angebändelt?"
“So ist es." Dawson legte drei weitere Fotos auf den Tisch. “Und diese Leutchen hier sind nun auch noch mit von der Partie."
“Wer ist das?" Spear tippte auf das erste Bild.
“Kirochima Pacal, eine Hobbypaläontologin. Sie wird mit nach Mindanao reisen."
“Aha." Spear betrachtete die beiden anderen Fotografien.
“Hey, die kenne ich doch von irgendwoher...", murmelte er.
“Könnte sein", sagte Dawson ausweichend. “Jedenfalls, wenn Sie in letzter Zeit mit dem FBI zu tun hatten..."
“Verdammt! Was haben denn die im Projekt zu suchen?"
“Nun ja, Agent Mulder scheint ein guter Freund vom jungen Quinn zu sein..."
“Mulder?" Spear blickte auf, seine Augen blitzten. “Special Agent Fox William Mulder?"
“Ja, Sir."
“Na großartig!"
“Sie fliegen noch heute los", sagte Dawson, und ihm wurde langsam unwohl. “Um sechs Uhr. Direktflug nach Mindanao."
Spear blinzelte. “Wäre doch gelacht, wenn wir denen nicht zuvorkommen würden!"
Er blickte auf die Uhr. “Jetzt ist es drei. Wenn wir es schaffen, noch in einer Stunde zu starten, haben wir einen Vorsprung von zwei Stunden."
Pount hob die Hand, um der Kellnerin zu zeigen, dass er zahlen wollte. “Worauf warten wir denn dann noch?", fragte er.

über dem indischen Ozean

Die Dragon-Fly befand sich in exakt zweitausend Metern Höhe. Jonas überprüfte die Anzeigegeräte und warf einen Blick auf den Benzintank. Sie waren non-stop von Rockport nach Indonesien geflogen und hatten keinen Umweg nach Kolumbien machen müssen, denn Dr. Quinn hatte sich felsenfest geweigert, die Ausgrabungsstätten zu verlassen. Jonas kannte auch sehr genau den Grund seines Vaters. Dieser Grund hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und hieß Alice. Meine Güte, sein Vater konnte einfach nicht von ihr lassen! Was soll's, dachte Jonas bei sich. Dann fliegen wir halt ohne ihn!
Kevin saß gelangweilt auf seinem Sitz, sein Dinosaurierlexikon auf dem Schoß. Aus dem Fenster zu sehen machte ohnehin keinen Sinn, denn außer der dichten Wolkendecke, die über dem Pazifik hing, war nichts zu erkennen. Gähnend lehnte er sich zurück.
Scully, die neben ihm saß, lächelte. “Unser Dinoexperte scheint ja nicht gerade aufgeregt zu sein."
“Woher wollen Sie das denn wissen?", entgegnete der Junge, der plötzlich wieder hellwach war. “Natürlich bin ich aufgeregt. Der Flug ist nur so langweilig."
“Nur noch zwanzig Minuten", sagte Jonas ruhig und ließ die Dragon-Fly langsam an Höhe verlieren. “Wir überfliegen gerade Indonesien."
“Weckt mich, wenn wir da sind", murmelte Mulder, der es sich auf gleich drei Sitzen bequem gemacht und sich ein Kissen unter den Kopf geschoben hatte. Er hatte es bisher immer geschafft, beim Fliegen zu schlafen - selbst bei Turbolenzen.
Kevin blickte durch das Fenster nach draußen. “Warum ist es eigentlich noch immer hell?", fragte er. “Wir sind doch schon um sechs Uhr Abends losgeflogen."
“Denke an die Zeitzonen", erinnerte ihn Sarah lächelnd.
“Das stimmt", bestätigte Jonas. “Hier auf Mindanao ist es jetzt erst sieben Uhr morgens. Wir sind jetzt eineinhalb Stunden geflogen. Das muss man zur Zeitangabe mitrechnen."
“Sieben Uhr! O mein Gott! Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen und in die Schule!"
Jonas lachte. “Du hast mir nicht genau zugehört. Bei uns zu Hause ist es jetzt halb acht. Du bist also noch nicht einmal im Bett!"
“O Mann! Diese blöde Zeitverschiebung kapiere ich nie!", stöhnte Kevin und klappte demonstrativ sein Dinosaurierbuch auf.
In diesem Moment stieß Ben Grahm einen entsetzten Schrei aus. Er sprang von seinem Sitz auf und starrte fassungslos auf seinen australischen Buschhut, den er in den Händen hielt.
“Was ist los?" Kenji trat neben den Paläontologen.
“Sieh's dir an!", rief Grahm und tippte mit zitternden Fingern auf die Unterseite des Hutes. “Sieh dir das an!"
Der Inder kniff die Augen zusammen. “Eine Wanze!"
Fast zeitgleich fuhr Mulder wie ein Stehaufmännchen in seinem Sitz hoch. “Eine Wanze?"
“Hey, ist das so eine, wie sie James Bond hat?", fragte Kevin nun eifrig.
“Ja. Genau so eine", bestätigte Vince. “Irgend jemand scheint es äußerst interessant zu finden, dich zu bespitzeln, Ben."
“Kein Wunder", brummte Jonas. “Wenn jemand etwas über die Sache mit den Dinosauriern wissen will..."
“Aber wer außer euch weiß schon etwas davon?", fragte Grahm verzweifelt.
“Furlong", sagte Kenji.
Der Paläontologe schüttelte heftig den Kopf. “Furlong ist ein guter Freund von mir. Er würde mich nie bespitzeln. Außerdem weiß er überhaupt nichts von den Dinosauriern."
“Aber wer bleibt denn da noch?", fragte Vince und zertrat die Wanze am Boden. Knirschend zerbarst das Metall.
“Ich weiß es nicht!", jammerte Grahm. “Absolut nicht!"
“Dann will ich nur hoffen, dass dieser Jemand uns nicht auf Mindanao in die Quere kommt. Könnte unangenehm für beide Seiten werden", brummte der ehemalige CIA-Agent.
Der Jet verlor mehr und mehr an Höhe. Der Dschungel unter ihnen ließ immer deutlichere Konturen erkennen. Straßen waren selten. Und asphaltiert war schon mal keine.
Der Flugplatz von Pikit lag einige Meilen abseits von der mittelgroßen Stadt, sozusagen mitten in der Pampa. Von oben erschien er wie eine einfache Lichtung im weiten Urwald.
Mit einem hörbaren Zischen öffneten sich die Landeklappen und das Fahrgestell fuhr heraus. Ein Ruck ging durch die Dragon-Fly, als sie auf dem staubigen Beton der Landebahn aufsetzte.
“So eine lausige Landebahn ist mir seit Vietnam nicht mehr untergekommen!", knurrte Vince.
Die Dragon-Fly drehte und kam nur wenige Meter vom Hangar stehen. Das stetige Donnern der Düsen ließ nach, das Dröhnen der Motoren verstummte. Zischend öffnete sich die Laderampe am hinteren Teil des Flugzeuges. Ein dunkelhäutiger Mann mit kurzgeschnittenen Haaren und gepflegtem Schnauzer sprintete durch den Laderaum in das Cockpit.
“Mein Name ist Alfredo Rodriguez. Ich komme wegen der Pass-Kontrolle."
Jonas reichte ihm einen Packen Papiere, den Vince schon zusammengestellt hatte. Er hatte Erfahrungen mit den strengen Überwachungen der östlichen Zölle. Er stand mit verschränkten Armen neben Jonas und beobachtete Rodriguez aufmerksam und kritisch.
Der Zollbeamte ging die Papiere durch, las einige davon eingehend.
“Sie sind keine Touristen?", fragte er beiläufig.
Ben Grahm, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, meldete sich nun zu Wort.
“Nein, das sind wir nicht. Ich bin Paläontologe und habe hier weitaus Wichtigeres zu tun, als dem Tourismus zu frönen!"
Rodriguez lächelte freundlich und mit leichtem Schalk. “Sie sind mir durchaus nicht fremd, Señor Grahm. Meine Fragen sind reine Routine."
Ben murmelte etwas Unverständliches, schenkte dem Zollbeamten rasch ein honigsüßes Lächeln und verfiel wieder in Schweigen.
Rodriguez grinste breit und ging weiter die Papiere durch.
“Wissen Sie, Señor Grahm ist ein häufiger Gast hier", sagte er an Jonas gewandt. “Wir kennen langsam seine Eigenheit, sich jedes Mal erneut in seiner ganz speziellen Art vorzustellen. Aber wir haben uns daran gewöhnt." Der Zollbeamte blickte sich kurz im Inneren des Flugzeuges um. “Acht Personen, wenn ich nicht irre", stellte er fest. “Scheint ja dieses Mal eine sehr große Expedition zu werden."
“Nun ja, so könnte man es nennen."
“Wo genau wollen Sie denn hin?"
“Oh, wir haben kein genaues Ziel", sagte Vince. “Jedenfalls keines mit Namen."
“Wir erkunden den Dschungel", fuhr Grahm dazwischen.
Rodriguez hob scheinbar erstaunt die Augenbrauen. “Wie? Sie auch?"
Jonas legte die Stirn in Falten. “Was soll das heißen? Wir auch?"
“Nun, vor etwa zwanzig Minuten landete hier ein Flugzeug mit einer Gruppe von etwa fünfzehn Männern, ebenfalls Amerikanern."
“Und die wollten in den Dschungel?", fragte Jonas.
Der Zollbeamte nickte. “So ist es."
Jonas wechselte einen kurzen Blick mit Kenji und Vince, bevor er sich wieder an Rodriguez wandte.
“Sagen Sie, wollten die Männer zufällig auf das Hochplateau im Norden?"
“Si, Señor Quinn. Woher wissen Sie das?"

Pikit / Mindanao

Die Seilbahn, die Touristen und Wissenschaftler vom Tal ins mindanaoische Hochland brachte, schien nicht gerade das neuste Modell zu sein. Spear betrachtete die Gondel, die langsam auf die vierzehnköpfige Gruppe zukam.
“Was eine alte Klapperkiste!", schnaubte Dawson. “Warum musste ich eigentlich mitkommen? Ich habe eh schon die ganze Drecksarbeit erledigt! Ich habe die Wanze unter Gregorys Hut gesteckt und ihn über den halben Globus verfolgt und belauscht..."
“Und Sie werden die Sache auch weiter durchziehen!", knurrte Spear. Natürlich hätte der Gentechniker liebend gerne auf die Gesellschaft Dawsons verzichtet, doch er hatte ihn nicht in New Jersey zurücklassen können. Er vertraute Dawson genauso wenig wie jedem anderen. Er schleppte ihn lediglich mit sich herum, damit er in einem unbeobachteten Moment nicht irgend etwas an die Presse, oder noch schlimmer, an irgendeinen anderen Konzern verraten konnte. Und Spear schwor sich eines: Sobald Dawson auch nur ein einziges Mal nach der falschen Pfeife tanzte, würde er ihn sofort und ohne Umschweife abknallen. Spear kannte in dieser Hinsicht, wie in so vielen Dingen, keine Skrupel.
“Ich glaube, ich spinne!", sagte plötzlich Pount und deutete nach rechts zum kleinen Schuppen, wo eine alte Frau saß und das Geld für die Gondelfahrten kassierte.
“Verdammt!", zischte Spear, als er die Gruppe erkannte, die gerade auf der Bildfläche erschienen war. “Grahm und sein Gefolge."
“Du sagtest doch, wir hätten zwei Stunden Vorsprung!", knurrte Pount.
Dawson zuckte mit den Schultern. “Vielleicht sind sie früher losgeflogen."
Spear schickte ihm einen drohenden Blick und schulterte dann seinen Rucksack. Er nickte zur Gondel hinüber.
“Lasst uns einsteigen, bevor die noch herkommen."
“Aber jetzt sind sie direkt hinter uns", sagte Pount. “Die werden uns im Dschungel spielend einholen."
Spear grinste breit. “Nicht, wenn etwas Unvorhersehbares passiert. So eine Art... Unfall."

zur gleichen Zeit

Jonas beobachtete misstrauisch wie die Männergruppe in die Gondel stieg. Er stieß Vince in die Seite und nickte zu ihnen hinüber.
“Also, die dort drüben sind garantiert nicht hier, um das Leben der einheimischen Tiere zu studieren..."
Vince nickte. “Dieses Gefühl habe ich auch. Bei den Visagen!" Vince nickte auf die Gondel mit den Männern, die sich nun langsam in Bewegung setzte. “Die Typen dort sind vielleicht Kerle von der Presse oder Großwildjäger, die auf eine Trophäe der besonderen Art aus sind."
“Oder etwas ganz anderes", murmelte Mulder, und fing sich prompt einen warnenden Blick von Scully ein.
“Da kommt unsere Gondel", sagte Sarah.
Sie schulterten ihr Gepäck und stiegen in den leicht schwankenden Kasten ein. Ein junger Spanier klappte von außen die Tür zu und bläute den Passagieren zum bereits vierten Mal ein, diese während der Fahrt nicht zu öffnen. Dann ging ein Ruck durch die Gondel und sie setzte sich gemächlich schaukelnd in Bewegung.
“Was ein alter Kasten", murmelte Kevin und blickte aus dem Fenster auf den sich langsam entfernenden Boden hinab, der rasch in tiefsten Dschungel überging.
“Wie lange fahren wir mit dem Ding?", fragte Sarah.
Vince blickte auf die Uhr. “Nicht lang, zehn Minuten ungefähr."
Sie schwiegen eine Zeit lang und sahen aus den Fenstern auf den schier unendlichen grünen Dschungel hinunter, der sich in etwa fünfzehn Metern Tiefe unter ihnen wölbte. Manchmal sahen sie bunte Vögel zwischen den Zweigen aufflattern, die sich raschelnd im Wind bewegten.
Vier Minuten vor dem Ziel ging urplötzlich ein abrupter Ruck durch die Gondel. Sie schwankte einen Moment und blieb dann mitten in der Luft stehen.
“Was zum Teufel ist jetzt los?", fragte Sarah und sah sich um. “Warum fahren wir nicht weiter?"
Im Lautsprecher, der in der hinteren Ecke der Gondel hing, knackte es.
“An alle Fahrgäste. Hier spricht Station B. Aus einem bisher ungeklärten Gründen kam es zum Stillstand der Gondeln..."
“Da muss aber ein ganz schöner Trottel am Werk gewesen sein", murmelte Kenji.
Mulder lehnte sich gähnend in seinem Sitz zurück. “Schlafenszeit. Vor vier, fünf Stunden passiert hier garantiert nichts mehr."
“So lange bleibe ich keinesfalls hier drin!", protestierte Kirochima Pacal.
Jonas zog den Reißverschluss seines Rucksacks auf und holte ein Seil heraus. Er entfernte die Klebestreifen, mit denen der feste Bast zusammengehalten wurde und warf einen Blick auf das Etikett.
“Dreißig Meter", murmelte er. “Das dürfte reichen."
“Reichen für was?", fragte Scully verstört.
Statt zu antworten, schob Jonas die Seitentür der Gondel auf und lehnte sich vor.
“Jonas! Bleib hier!", rief Sarah. Doch ihr Freund hatte sich schon über die Trittfläche auf das Dach der Gondel geschwungen.
“Was zum Henker hast du vor?", schrie Grahm durch das offene Fenster. “Komm sofort vom Dach runter, oder willst du Selbstmord begehen?"
Vince legte dem Paläontologen beruhigend die Hand auf die Schulter. “Lass ihn nur. Ich bin sicher, dass Jonas weiß, was er tut."
Das Seil fiel mit einem ratternden Geräusch längs vom Dach. Das Ende reichte bis weit unter die Gipfel der Bäume.
“Klettert runter!", befahl Jonas vom Dach aus. “Und beeilt euch!"
Vince hatte das Seil gepackt, schulterte drei Rucksäcke auf einmal und schwang sich aus der Gondel. Rasch ließ er sich am Seil hinabgleiten und verschwand schon bald im Grün der Baumwipfel.
Mulder zuckte mit den Schultern, packte das Seil und folgte Vince in die Tiefe.
“Der Nächste!"
Kirochima schüttelte den Kopf. “Ich kann das nicht!", sagte sie.
Kenji nickte ihr lächelnd zu.
“Kommen Sie. Ich nehme Sie auf den Rücken."
Jonas überprüfte ununterbrochen den Knoten, mit dem er das Seil an der Halterung der Zahnradbahn befestigt hatte und beobachtete aufmerksam die Umgebung.
Nacheinander verließen sie die Gondel. Gerade ließ sich Sarah mit dem letzten der Rucksäcke am Seil hinab gleiten, als Jonas eine merkwürdige Vibration verspürte, die die Gondel ins Schwanken brachte.
Jonas riss den Kopf hoch und starrte auf das dicke Drahtseil, an dem die Gondel hing. Es zitterte in unregelmäßigen Abständen, prallte manchmal zurück, als ob es irgend jemandem Widerstand leisten würde.
“Hey! Hör auf zu wackeln!", rief Sarah von unten mit ärgerlicher Stimme.
“Das bin nicht ich!", antwortete Jonas. “Da säbelt jemand am Seil!"
Er hörte ein unterdrücktes “O Scheiße" von Sarah und spürte, wie die Gondel gefährlich ins Wanken kam.
“Wir müssen runter! Und zwar so schnell wie möglich!", schrie er und packte das Seil. Er kletterte an der Seite der Gondel hinab und hatte schließlich nichts mehr als nur noch Luft unter den Füßen. Der Dschungel unter ihm schien fern, viel zu fern.
Ein metallisches Kreischen zerfetzte die Stille. Jonas sah, wie die Gondel gefährlich kippte.
“Scheiße!", murmelte er.
Sarah blickte nach oben. “Jonas!"
Doch es war zu spät. Die ganze Gondel ächzte und knarrte, das Seil riss mit einem Geräusch, das wie ein Peitschenknall klang. Jonas ließ sich hastig weiter nach unten gleiten, rutschte, verlor beinahe den Halt. Verzweifelt klammerte er sich fest und blickte nach unten. Die Baumwipfel befanden sich etwa fünf Meter unter ihm. Zu weit, dachte er.
Sarah war bereits im undurchdringlichen Grün verschwunden. Er war alleine. Über ihm hing die Gondel in der Schräge. Mit einem entsetzlichen Kreischen riss sich der metallene Kasten von der Halterung und fiel.
Jonas wurde totenblass, als er die Gondel auf sich zufallen sah. Er warf einen gehetzten Blick nach unten in den Dschungel. Was soll's?, dachte er und ließ das Seil los. Er fiel nach hinten und stürzte haltlos in die Tiefe. Er spürte, wie die oberen Zweige der Bäume Rücken und Arme peitschten. Etwas schlug hart gegen seine Schulter und er biss die Zähne zusammen. Mit den Armen griff er um sich, suchte nach einem festen Halt. Er bekam etwas Dickes zu fassen, klammerte sich mit allen Kräften daran fest. Der Ast federte ein wenig unter Jonas' Gewicht nach und stoppte seinen Fall. Ohne allzu lange zu überlegen und eventuell der durch die oberen Baumschichten krachenden Gondel zum Opfer zu fallen, hangelte sich Jonas rasch nach hinten und schwang sich auf einen weiter unten gelegenen Ast von stärkerer Dicke. Nur Bruchteile von Sekunden später krachte die Gondel über ihm in ein dichtes Astgewirr - und blieb hängen.
Jonas starrte nach oben. Sein Atem kam in abgehackten Stößen, sein Bauch brannte vor Schmerz. Tief Luft holend blickte er auf die Gondel, die nur anderthalb Meter über ihm hing.
Noch ein Krachen. Die Gondel bewegte sich.
Jonas packte den nächsten Ast und schwang sich nach unten. Er kletterte oft in Bäumen, und das sogar sehr gut. Und das war ein guter Baum zum Klettern. Die Äste lagen dicht beieinander, fast wie eine Treppe.
Die Gondel schwankte heftiger.
Jonas krabbelte hastig nach unten, glitt über die feuchten Äste und spürte klebrigen Baumsaft an seinen Händen. Er war noch nicht weit gekommen, fünf oder sechs Meter vielleicht, als die Gondel ein letztes Mal ächzte und dann langsam, ganz langsam, vornüber kippte. Jonas sah die große rote Aufschrift an den Seiten des länglichen Kastens, sah, dass fast alle Fenster heraus gebrochen waren. Dann löste sich die Gondel, krachte gegen den Ast, an dem Jonas eben noch gehangen hatte, und raste immer schneller auf ihn zu.
Und blieb plötzlich stecken.
Jonas' Gesicht befand sich nur Zentimeter von der stark zerbeulten Schnauze der Gondel entfernt. Das Blech war eingedrückt und nach unten hin verbogen. Wie ein böse verkniffener Mund.
Jetzt befand sich Jonas noch knapp sechs Meter über dem Boden. Die Äste wurden langsam weniger, vergrößerten ihre Abstände. Er griff um sich, ertastete einen Halt und hangelte sich weiter nach unten. Über sich sah er, wie sich die Äste unter dem Gewicht des zerbeulten Kastens verbogen. Plötzlich krachte es, die Gondel stürzte auf ihn zu. Und weil Jonas wusste, dass er ihr nicht entkommen und nicht schnell genug hinunter klettern konnte, ließ er einfach los.
Mehrmals schmerzhaft gegen die Äste schlagend, fiel Jonas in die Tiefe und hörte dabei die Gondel durch die Äste hinab krachen wie ein jagendes Tier. Als er plötzlich weiche Erde unter seiner Schulter spürte, rollte er zur Seite und drückte sich an den Stamm des Baumes, während die Gondel mit einem lauten metallischen Knirschen aufprallte und einen heißen Funkenregen versprühte, der Jonas die Haut versengte und zischend auf der feuchten Erde verglühte.
Jonas rappelte sich auf, lehnte sich gegen das Wrack der Gondel, und atmete erleichtert auf.
“Wenn ich diese Mistkerle erwische!", zischte er atemlos.
“Jonas!"
Er drehte sich um. Sarah lief um die zerbeulte Gondel herum und fiel ihm um den Hals.
Vince wandte sich Grahm zu. “Sieht aus, als hätten wir es mit wirklich skrupellosen Typen zu tun. Das erfordert verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und noch größere Vorsicht und Aufmerksamkeit, als bereits nötig."
“Ja. Und mehr Ausdauer", knurrte Kevin. “Wir dürfen jetzt nämlich den ganzen restlichen Weg zum Hochplateau laufen! Und das sind noch mindestens zwei Kilometer bergauf."
Vince schulterte seinen prall gefüllten Rucksack.
“Dann würde ich sagen, dass wir uns lieber schleunigst auf den Weg machen, bevor die Mittagshitze einsetzt! Also bewegt euch!"
Jonas stöhnte und wischte sich mit dem Hemdsärmel über sein verschwitztes Gesicht.
“Hitze hatte ich heute wirklich schon genug", brummte er und folgte den anderen den schmalen Bergpfad zum Hochplateau entlang.
Kapitel 5 by Kit-X
Zwischen Pikit und Parang / Mindanao

Jonas sah sich den Dschungel an, der sie umgab. Er war dicht und undurchdringlich. Der reinste Urwald, von Menschenhand unberührt. Jonas lauschte dem Geräusch des Windes und dem Rascheln der Palmblätter, von denen Wasser tropfte. Und er hörte noch etwas anderes: Etwas, das wie der Ruf eines Vogels klang, jedoch tiefer und dumpfer. Er spitzte die Ohren und hörte es noch einmal.
“Was ist das für ein Vogel?", fragte er.
Grahm lauschte und zuckte mit den Schultern. “Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich noch nie etwas Derartiges gehört", sagte er.
Jonas tastete nach der schwarz eloxierten Lindstradt-Pistole, die er in seinem Gürtel trug. Er zog sie heraus, kontrollierte zweimal den Sicherungsriegel und steckte die Waffe wieder zurück. Ihm war unwohl. Um sich herum sah er nichts anderes als Grün. Grün, grün, grün! Unten, oben, rechts und links. Die Baumkronen über ihm waren so dicht, dass nicht einmal das helle Licht der Sonne bis zum feuchten Waldboden durchdringen konnte. Es herrschte eine bedrückende Dämmerung.
Die neunköpfige Gruppe war erst wenige Minuten unterwegs. Doch ihre Kleider waren bereits durchnässt. Spektakuläre Augenblicke gab es keine, denn sie waren von allen Seiten von dichtem Dschungel umgeben und konnten nur wenige Meter weit sehen. Die Farnwedel waren riesig, so lang und so breit wie ein Männerkörper. Die Pflanzen selbst waren über sechs Meter groß und hatten raue, stachelige Stängel.
“Ich habe das Gefühl, dass hier noch nie eine Menschenseele zuvor war", murmelte Vince, während er mit einer Machete einen schmalen Pfad in das dichte Blattwerk schlug. “So stelle ich mir den Garten Eden vor!"
“Na ja, der Garten Eden wäre gesperrte Zone für diese Leute, die uns den Gondelabsturz beschert haben", sagte Mulder mürrisch.
Vince hob plötzlich die Hand und bedeutete ihnen, stehen zu bleiben. Mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger spähte er auf die Lichtung vor ihnen.
“Was ist los, Vince?" Jonas beugte sich vor und folgte den Blicken des Ex-CIA-Agenten. Die Lichtung war recht groß. Der feuchte Boden war von Fußspuren übersät, verkohlte Äste und Asche lagen herum.
“Sie sind hier gewesen!", murmelte er. Er warf einen abschätzenden Blick zu den Baumwipfeln, durch die gefiltertes Licht fiel, das aber an einer Stelle abrupt aufhörte. Ein gerader Schnitt schien sich durch den Himmel zu ziehen. Hinter ihm herrschte absolute Dunkelheit, durchzogen von einigen braunen Stellen. Das, was Jonas sah, waren steile Berghänge.
“Wir sind direkt unter dem Hochplateau", sagte er leise. “Die Typen müssen von da oben wieder runtergestiegen sein, nachdem sie das Seil der Gondel durchgetrennt haben."
“Sie glauben also nicht, dass sich die Saurier dort oben befinden."
“Scheint so..."
“Das ist auch kein Wunder", erwiderte Kenji. “Das da oben ist kultiviertes Nutzland."
Jonas richtete sich auf. “Dort oben werden wir also nichts finden. Ich glaube kaum, dass sich urzeitliche Reptilien in der Nähe des Menschen aufhalten."
“Sollen wir diesen Typen folgen?" Sarah wies auf die Fußspuren. “Die werden kurzen Prozess mit uns machen, wenn sie uns bemerken. Die wollen alle nur erdenklichen Verfolger abschütteln."
Jonas winkte ab. “Wer auch immer sie sind, sie werden uns nicht bemerken. Wir werden vorsichtig sein. Und wenn wir sie gefunden haben, werden wir sie bewusst in eine Richtung lenken, bei der wir nicht mehr Gefahr laufen, ihnen zu begegnen."

gegen acht Uhr am Abend

Es dämmerte langsam. Die Fußspuren waren nach wie vor gut erkennbar, die Fremden schienen sich wohl in Sicherheit zu wägen. Trotzdem wurde Gregorys Gruppe immer vorsichtiger. Die Männer vor ihnen würden sich sicher bald einen Rastplatz suchen.
Jonas hielt aufmerksam die Augen offen, suchte die Bäume ab, an denen sie vorbeigingen. Als Sarah ihn für kurze Zeit aus den Augen ließ, war er plötzlich verschwunden. Unsicher sah sie sich um.
“Jonas?"
Im nahen Gebüsch raschelte es kurz, sie hörte etwas zischen und urplötzlich verstummen. Kurz darauf trat Jonas zwischen einigen Büschen wieder hervor. Über der Schulter lag ein Leinensack.
“Was ist da drin?" Sarah deutete auf das ihr unbekannte Gepäckstück und Jonas grinste.
“Boiga dendrophila", sagte er.
Scully, die vor ihnen ging, zuckte kurz zusammen und drehte sich um.
“Wie bitte?"
“Das war lateinisch."
“Das habe ich bemerkt, Dummkopf!", entgegnete Sarah ungeduldig. “Ich fragte, was da drin ist!"
“Wie ich sagte, Boiga dendrophila." Er lächelte geheimnisvoll. “Ein in Indochina und den indopazifischen Inseln recht weitverbreitetes und im Augenblick sicherlich recht wütendes Tier."
“Was ist das?" Sarah klang drohend.
“Eine Mangroven-Nachtbaumnatter, wenn ich mich nicht irre", sagte Mulder.
“Wie bitte?"
Jonas grinste. “Also, besser übersetzen kann man's wirklich nicht."
“Du bist bekloppt!", zischte sie. “Wirf den Sack weg!"
“Warum sollte ich? Darf ich denn keine Rachegelüste haben?"
Sie zog die Stirn kraus. “Rachegelüste?"
“Ja. Du erinnerst dich sicherlich: die Gondel, diese schrägen Typen, die jetzt vor uns durch den Dschungel latschen..."
“Du bist doch vollkommen verrückt."
“Keine Sorge, die Natter war schon vom älteren Kaliber. Gegen ihren jüngeren Artgenossen hat sie sich im Kampf nicht behaupten können. Sie hat nämlich keine Giftzähne mehr. Der Jüngere hätte sie totgebissen, wäre ich nicht heran gestampft und hätte sie gestört. Die alte Schlange konnte nicht so schnell abhauen wie die junge, und so habe ich sie mir geschnappt. Als sie in den Stock biss, habe ich mich überzeugen können, dass sie keine Giftzähne mehr hat. Aber woher sollen das die Söldner vor uns wissen? Sie werden 'nen Heidenschrecken bekommen, und mehr will ich ja nicht. Schließlich hatten wir den auch, als die Gondel abstürzte."
Sarah schwieg. Sie gab sich geschlagen. Wenn er sagte, die Schlange sei alt, dann würde das stimmen. Er hatte sich schließlich lange genug mit diesen Viechern beschäftigt, um zu wissen, wie man sie zu beurteilen hatte.
Vince, der noch immer an der Spitze ging, hob die Hand. Sofort blieben sie stehen.
“Da vorne sind sie."
Sie standen auf der Spitze eines Hügels. Unter sich sahen sie einen großen freien Platz in dessen Mitte ein großes Feuer brannte. Mehrere Männer saßen um den Platz herum, der zwar warm war, dafür aber Moskitos fernhielt.
“Es sind vierzehn", murmelte Ben. “Eine gewaltige Truppe!"
“Eine gewaltig dumme Gruppe", erwiderte Mulder. “Sie setzen sich seelenruhig mitten hinein in die Mangroven. Dschungelexperten sind die da nicht. Sonst müssten sie wissen, dass in dem ganzen Brackwasser um sie herum haufenweise hochgiftige Schlangen herumschwimmen. In der Dunkelheit sehen sie sie nicht und treten drauf. Und das mögen Schlangen gar nicht."
“Wenn sie den Dschungel nicht kennen, warum zum Teufel ko,men sie dann hierher? Ich meine, wer ist so blöd und setzt sein Leben aufs Spiel?"
“Leute, die scharf auf Geld sind", murrte Kenji.
Vince nickte. “Das müssen die Typen sein, die die Wanze in Bens Hut eingebaut haben, um uns zu verfolgen und ständig im Auge haben zu können."
“Bist du sicher?"
“Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Jonas richtete sich auf. “Ich werde ein mich wenig auf die Lauer legen."
Sarah sah ihn besorgt an. “Pass auf dich auf, ja?"
“Klar doch."
Er schulterte den Leinensack und schlich los. Von einem Augenblick zum nächsten war er im hohen Gestrüpp verschwunden.
Vince legte seiner Tochter beruhigend die Hand auf die Schulter. “Hab keine Angst um ihn", sagte er. “Ihm wird nichts geschehen. Er kann sich besser anschleichen als Winnetou."
“Und wenn er in ein Sumpfloch tritt?"
“Er wird schon gut aufpassen. Außerdem war er schon öfter im Dschungel als wir alle zusammen. Er kennt ihn besser als die Großstadt."
Mulder grinste. “Und die ist ja auch 'ne Art Dschungel."

im Lager von Spear

Pount lehnte sich zurück und starrte in die Dunkelheit, die sie umgab. Von überall her drangen Geräusche zu ihnen, Geräusche, die er nie zuvor in seinem Leben gehört hatte. Und sie machten ihm Angst. Dieser verfluchte Urwald war so gewaltig, scheinbar ohne Ende. Es war, als würde er niemanden loslassen, der sich einmal in ihn hineingewagt hatte. Er zuckte bei jedem Geräusch zusammen, das er vernahm, als fürchte er sich davor, der Teufel könne persönlich erscheinen und ihn in die Hölle reißen.
Die Gestalt, die sich über ihm im Baum bewegte, auf einen starken Ast robbte, dessen großflächige Blätter sie verbargen und außerhalb des Feuerscheins hielten, bemerkte er jedoch nicht.
Jonas war in eine einigermaßen bequeme Position gerutscht und blickte nun gespannt nach unten. Er studierte die Gesichter der Männer, die unter ihm am Feuer saßen und sich beständig umblickten. Nur einen schien alles kalt zu lassen. Er saß nicht weit vom Baum entfernt und aß seelenruhig eine Portion Gulasch. Er hatte ein babyhaftes Gesicht mit kalten Augen. Jonas kannte dieses Gesicht. Er hatte es oft in der Zeitung gesehen. So weit er wusste, hieß dieser Kerl Doug Spear und war ständig in krumme Geschäfte der Pharmaindustrie verwickelt. Was, zum Teufel, wollte der hier?
Pharmaindustrie. Jonas' Gehirn begann zu kombinieren. Herstellung neuer Produkte, die aus teils exotischen Pflanzen gewonnen wurden. Suchten diese Männer nach solchen Pflanzen? Nein, das konnte nicht sein. Wer nach Pflanzen sucht, muss Ahnung von ihnen haben, sich demnach auch im Dschungel auskennen. Nein, Pflanzen waren es nicht, die sie suchten. Warum hätten sie denn sonst Ben mit Wanzen abgehört?
Jonas wusste, was sie suchten. Sie suchten Dinosaurier. Aber wofür? Für die Pharmaindustrie? Wozu brauchte die Pharmaindustrie Dinosaurier?
Jonas sponn den angefangenen Faden weiter. Produkte herstellen. Produkte, die getestet werden mussten. Getestet von Tieren.
Wollten sie Dinosaurier benutzen, um neue Medikamente zu testen? Wozu das?
Er horchte auf, als er einen der Männer unter sich sprechen hörte:
“Was ist, wenn wir keine Dinosaurier finden?"
“Wir werden welche finden." Das war Spear.
“Ich halte das für ein Hirngespinst. Die Dinger sind ausgestorben."
“Komisch, warum habe ich dann drei von ihnen vor mir auf dem Seziertisch gesehen? Es waren Dinosaurier, Thomas, und sie sind hier."
Eine andere Stimme mischte sich ein: “Aber warum sollen wir die aufstöbern? Ich meine, warum tun wir das für Sie? Sie arbeiten für Biogenetics, in der Pharmabranche. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wofür brauchen Medikamentenmixer Dinosaurier?"
“Wir stellen nicht nur Medikamente her", sagte ein anderer.
Spear räusperte sich und warf dem Voreiligen einen vernichtenden Blick zu. Die Frage war an ihn gerichtet gewesen, und er wollte sie beantworten, nicht irgend jemand anderes.
“Wir brauchen sie für unsere Experimente", sagte er betont ruhig. “Wir haben herausgefunden, dass der Stoffwechsel der Saurier dem unseren sehr ähnlich ist. Daher könnten diese Tiere zur Erprobung vieler neuer Produkte verwendet werden."
“Aber warum brauchen sie dazu Dinosaurier? Ich meine, sie haben doch genug Hunde und Ratten und so."
“Das schon."
“Und?"
“Denken Sie an Greenpeace."
“An Greenpeace?"
“Ja."
“Warum?"
“Denken Sie darüber nach, was die zu Tierversuchen mit Hunden und Ratten und so weiter sagen."
“Sie protestieren dagegen."
“Genau."
“Und Sie glauben, dass sie nicht protestieren würden, wenn Sie dazu Dinosaurier verwenden?"
“So ist es."
“Ich verstehe nicht ganz..."
“Dinosaurier, Mike, sind abstoßende, zu groß gewordene Eidechsen mit widerlichem Maulgeruch und verkorksten Proportionen. Sie sind die Missgeburten der Erde. Niemand würde sich darum kümmern, wenn wir mit denen experimentieren würden."
“Na ja, da bin ich mir nicht so sicher. Forscher werden sich auf diese Viecher stürzen."
“Sie werden nie etwas von diesen Tieren erfahren", sagte Spear barsch. “Wir werden jeden in dem Glauben lassen, mit einfachen Echsen zu experimentieren, die wir selber züchten, was auch stimmen wird. Und dann werden auch die Medien endlich ihre vorlaute Klappe halten und sich auf andere Konzerne stürzen."
Jonas auf seinem Ast hätte Spear am Liebsten auf den Kopf gespuckt. Nahe genug saß er ja.
“Was ist mit diesem Quinn und Grahm?", hörte er Spears Nachbarn fragen.
“Was soll mit denen sein?"
“Na ja, wofür wollten die die Viecher?"
“Weiß ich doch nicht. Wahrscheinlich der Welt davon erzählen. Der Messias kehrt nicht zurück, doch die Saurier tun es. Irgend so was in dem Stil."
“Was glauben Sie, was mit ihnen passiert ist?"
“Was soll schon mit denen passiert sein? Ihre Gondel ist abgestürzt. Sie sind tot und werden uns nie wieder stören."
Bleib nur bei deinem Glauben!, dachte Jonas bei sich, während er den Knoten der Schnur löste und vom Leinensack zog. Er hörte das leise Zischen, und spürte, wie sich die Schlange im Beutel wand.
“Sei eine liebe Natter und sorg' für ein wenig Wirbel auf deine alten Tage", flüsterte Jonas der ungeduldigen Schlange zu, die mit ihrem Kopf gegen den Stoff drückte, der von Jonas' Hand zugedrückt den Ausgang versperrte. Sie spürte, dass sie bald herausgelassen werden würde und wartete darauf, sich an diesem zweibeinigen Wesen zu rächen, das sie so einfach gepackt und in diesen dunklen Sack gesteckt hatte.
“Na, na, nicht so ungeduldig", tadelte Jonas, während er den Sack langsam umdrehte, so dass die Öffnung nach unten wies. Er zog die Hand fort, und die Schlange fiel aus dem Beutel. Dumpf klatschte sie auf Pounts Schoß, der mit einem gellenden Schrei aufsprang und sich an den Baum drückte.
Die Mangrovennatter, vom Fall etwas benommen, richtete sich wie eine Kobra auf dem Boden auf, züngelte gefährlich und starrte Pount aus giftgelben Augen an.
“O mein Gott, eine Giftschlange!", rief einer der Männer entsetzt. “Das ist eine Natter! Eine Mangrovennatter!"
“Ganz recht, eine wütende kleine Mangrovennatter, deren Selbstbewusstsein im Gegensatz zu ihren Zähnen nicht verlorengegangen ist", grinste Jonas in seinem Baum.
Unter ihm gab es einen allgemeinen Tumult, der Jonas Gelegenheit gab, sich unbemerkt zu verdrücken. Schüsse fielen, doch keiner schien das Ziel zu treffen. Schließlich kehrte Ruhe ein und Jonas hörte einen lauten Ruf:
“Die Schlange ist weg!"
Inzwischen war der Lauscher schon fast wieder auf dem Hügel angelangt.

am nächsten Tag

Am Morgen gingen sie gegen acht Uhr los. Spears Gruppe war schon bei Dämmerung aufgebrochen. Die nächtliche Begegnung mit der Giftschlange hatte ihnen wohl nicht sonderlich behagt, und es schien, als hätten sie Angst, sie könne zurückkommen.
Gregorys Gruppe untersuchte genau, in welche Richtung Spear gegangen war. Die Fußabdrücke der Männer führten nach Nordwest, also schlugen sie den östlichen Weg ein. Langsam marschierten sie einen sanft abfallenden Hügel hinab.
“Ich habe das Gefühl, dass hier noch nie eine Menschenseele zuvor war", murmelte Vince, während er mit einer Machete einen schmalen Pfad in das dichte Blattwerk schlug. “So stelle ich mir den Garten Eden vor!"
In diesem Augenblick hörten sie ein tiefes, grollendes Geräusch, einen unirdischen Schrei von irgendwo aus dem Wald vor ihnen. Nur Sekunden später kam ein Antwortschrei aus einem anderen Teil des Waldes.
Vince riss die Augen auf.
“Das war doch kein Vogel!", murmelte Kenji.
Jonas schwieg und starrte in das undurchdringliche Grün. Hatte sich da nicht gerade etwas bewegt?
Mulder ging neben ihm in die Knie und untersuchte den Boden.
“Sieh dir das an!"
Er bückte sich. Im weichen Waldboden waren deutlich dreizehige Fußabdrücke zu sehen. Einige von ihnen waren sehr groß. Jonas' gespreizte Hand passte locker hinein. Es blieb sogar noch Platz frei.
“O mein Gott!", murmelte er und sah zu Vince auf, der neben ihm zum Stehen gekommen war.
“Sie sind hier." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und eine ausschweifende Geste. “Hier im Tiefland."
Wie zur Bestätigung hörten sie wieder den dumpfen Schrei und sie blickten auf, suchten in dem undurchdringlichen Grün nach dem Tier, zu dem dieser Schrei gehörte.
Jonas' Hand lag auf seinem Gürtel, bereit, sofort die Pistole zu ziehen und zu schießen. Die Bilder aus Jakarta schwirrten in seinem Kopf herum. Was würde ihnen begegnen? Die mysteriösen Monster, denen vier Jungen der javanischen Hauptstadt den Tod verdankten? Die Monster, die auf Mindanao Jagd auf Kinder machten? Die Monster, deren Gift so stark war, wie das der gefürchteten Klapperschlange?
Die Farne neben ihnen begannen zu rascheln, etwas strich an ihnen vorbei. Es war groß, mit schuppiger Haut und einem Muster aus Knoten auf dem Rücken. Längliche schwarze Streifen zogen sich über die erdbraune Haut. Ein riesiger Schädel mit länglichem Hornvorsatz am Hinterkopf hob sich aus dem dichten Blattwerk. Dunkelbraune Augen blinzelten auf. Sie wirkten wie die Augen einer Kuh. Ruhig und gleichgültig. Das Tier blinzelte erneut und stieß ein dumpfes Dröhnen aus, das wie der Ton eines Nebelhornes klang. Sofort kamen die Antwortschreie von scheinbar überall her.
“Ein Dinosaurier", flüsterte Grahm. “Ein echter gottverdammter Dinosaurier!"

derweil nicht weit entfernt

Spear wischte sich mürrisch den Schweiß von der Stirn und ging am Flussufer in die Hocke, um sein Gesicht mit dem kühlen Nass zu benetzen. Seine Begleiter taten es ihm gleich, denn die drückend schwüle Feuchtigkeit des Dschungels bereitete ihnen Kopfschmerzen.
“Jetzt latschen wir schon Ewigkeiten durch dieses beknackte Gewächshaus, und trotzdem haben wir noch keines von diesen Viechern gefunden!", knurrte Pount und tauchte sein grünes Taschentuch ins Wasser. “Die ganze Zeit, wo sie niemand will, kommen sie aus ihren Löchern. Sobald sich einer für sie interessiert, sind sie weg!"
Jerry Dawson, der neben ihm auf dem kiesigen Boden saß, der das Ufer säumte, seufzte nur und wagte es erst gar nicht, etwas dazu zu sagen. Er wusste, das weder Spear noch Pount ihn ausstehen konnten. Und er wusste auch von dem schlechten Ruf der beiden Männer. Warum nur bist du mit ihnen ins Geschäft gekommen, du Vollidiot!, warf er sich selbst vor und blickte schweigend in das undurchdringliche Blätterdach.
Plötzlich stutzte er. Er roch einen fauligen Gestank und hörte lautes Rascheln in den Büschen auf der anderen Seite des Flusses. Dann ein leises Grunzen. Und wieder Rascheln.
In diesem Moment fiel Jerry ein, dass Fleischfresser in freier Wildbahn bevorzugt an Bach- und Flussläufen jagten und ihre Beutetiere angriffen, wenn diese sich zum Trinken hinab beugten und dadurch abgelenkt und verletzlich waren.
"Doug!", zischte er, und Angstschweiß brach ihm aus. “Doug!"
“Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie Ihr verdammtes Maul halten sollen!"
“Aber..."
“Schnauze, verdammt!", fuhr ihn Spear an.
In diesem Moment hörten sie ein schrilles Kreischen, und als sie sich umdrehten, sahen sie, wie einer ihrer Männer in die Büsche gezerrt wurde. Er schrie laut und versuchte, sich zu wehren. Dawson sah kurz einen großen Fuß mit einer gekrümmten Klaue auf der Mittelzehe. Dann verschwand der Fuß. Die Büsche schwankten weiter.
Plötzlich drang von allen Seiten furchterregendes tierisches Geschrei aus dem Wald. Dawson sah ein großes Tier, das direkt auf ihn zustürmte, und erstarrte. Das Tier flog über ihn hinweg, er spürte den Luftzug, den es mit sich zog, roch den bestialischen Gestank, den es ausströmte. Einen süßlichen, verdorbenen Gestank nach Fleisch.
Dawson duckte sich und die scharfen Klauen des Tieres verfehlten ihn nur knapp. Doch das Vieh kümmerte sich nicht darum, griff sofort den Nächsten an, der sich ihm bot.
Dawson lag zusammengerollt auf dem Boden, zitterte wie Espenlaub, spürte, wie sein Herz wild hämmerte, ihm beinahe den Brustkorb sprengte. Er hörte schreckliche Schreie um sich herum, hastende Schritte, aggressives Brüllen. Neben seinem Ohr fauchte etwas laut und er erstarrte von Neuem. Er sah einen grünbraunen Kopf über sich, spürte, wie übelriechender Atem sein Gesicht streifte, hörte wieder dieses Fauchen, dieses boshafte Zischen. Doch er rührte sich nicht, wagte nicht einmal, mit der Wimper zu zucken.
Der Kopf fuhr zurück, das Tier machte einen behenden Satz zur Seite und schnappte nach Hannope, einem Freilandbiologen, der mit nach Mindanao gekommen war. Dawson sah, wie das Tier zum Sprung ansetzte, den Fuß mit der Sichelkralle hob und sie anschließend auf den Mann hinabsausen ließ, der schreiend zu Boden stürzte. Das Tier stieß wieder zu. Blut spritzte, und Dawson glaubte, vor lauter Angst sterben zu müssen. Es drehte sich ihm der Magen um, als sich das Tier bückte und einen großen Brocken Fleisch aus Hannopes Leib riss, an dem noch ein blutdurchtränkter Stofffetzen baumelte. Ein zweites Tier kam fauchend dazu und begann, sich mit dem ersten um die Beute zu streiten.
Dawson spürte die Kühle des schlammigen Flusswassers, das gegen seinen Körper schwappte. Mit einer raschen Bewegung war er im Fluss, fühlte, wie ihn das Wasser gänzlich umschloss. Es musste einen gewaltigen Platsch gegeben haben, als er sich in den Fluss hatte fallen lassen und es war mehr als wahrscheinlich, dass die Fleischfresser auf ihn aufmerksam geworden waren und nun am Ufer darauf warteten, dass er wieder auftauchte. Oder würden sie ihm gar folgen? Die Angst schnürte ihm die Kehle zu und mit einem kraftvollen Stoß schnellte er nach vorn, dem entgegengesetzten Ufer zu.
Prustend stieß er durch die Wasseroberfläche und blickte sich um. Er sah drei der Tiere am Ufer stehen. Sie betrachteten ihn, legten die Köpfe schief und quiekten. Das Quieken wurde zu einem schrillen Gebrüll und sie begannen mit den Köpfen zu nicken und auf und ab zu springen.
Jerry Dawson zog sich aus dem Wasser. Auf der anderen Flussseite sah er etwa ein Dutzend Tiere, die insgesamt fünf von Dawsons Begleitern gerissen hatten. In einer der blutigen Massen, über die sich die schuppigen und haarlosen Tiere beugten, glaubte er, Pount zu erkennen. Ein grünes Taschentuch lag in der verkrampften Hand des Kadavers.
Lautes Gebrüll scholl durch den Dschungel, die Räuber hoben die blutüberströmten Schnauzen und sahen zum Gebüsch hinüber, aus dem sie gekommen waren. Die Zweige teilten sich und zwei grüne Tiere traten ans Ufer, ebenfalls auf zwei Beinen laufend. Sie waren größer als die anderen, auf ihren Köpfen erhoben sich Schädelauswüchse. Das eine Tier war grasgrün, der Schädelkamm ausgeprägt und leuchtend rot, das andere Tier war schlicht gefärbt, eine Mischung aus braungrün und grau. Kalte gelbe Augen blitzten, hörbar stießen die Wesen ihren Atem aus. Die kleinen flinken Räuber am Flussufer senkten die Köpfe und zischten die Fremden an, ihre Schwänze standen kerzengerade in der Luft, die Flanken bebten vor Aufregung.
Dawson stand starr auf der anderen Seite des Flusses und blickte auf das Schauspiel, dass sich ihm darbot. Der Rotschädel erhob sich zu seiner vollen Größe, der lachsfarbene Halslappen blähte sich auf. Es war eindeutig ein männliches Tier, worauf Färbung und Imponiergehabe hinwiesen. Es öffnete das Maul und fauchte, kleine spitze Zähne glänzten im Sonnenlicht.
Die kleinen Jäger am Ufer hörten auf zu hüpfen. Sie gurrten und wackelten mit ihren relativ schmalen Vordergliedmaßen, die sie wie Arme gebrauchten. Sie begannen aufgeregt zu quieken, als der Rotschädel zwischen sie trat und einen der Kadaver an sich riss. Wütend schnellten die kleineren Raubsaurier vor, zwei schafften sogar den Sprung auf den Rücken des größeren Gegners. Sie krallten sich an den Seiten fest, während sie erzürnt in den Rücken des Futterräubers bissen. Der wandte sich um, schnappte nach einem der kleinen Plagegeister und riss ihn von seinem Leib herunter. Die kräftigen Kiefer schlossen sich um den schlanken Hals und bissen zu. Leblos fiel der kleine Saurier zu Boden, sofort stürzten sich weitere seiner Artgenossen auf den Rotschädel, der den Kopf nach hinten bog und dann ruckartig nach vorne warf. Dawson hörte ein kurzes Klatschen, sah die großen Schaumkleckse auf dem Körper eines kleinen Räubers, der zischte, kurz darauf jedoch begann, aufgeregt hin und her zu laufen und sich zu Boden zu werfen. Verzweifelt versuchte das Tier, den Schaum auf seiner Haut loszuwerden. Der Rotschädel warf erneut den Kopf nach vorn, Schaumkleckse landeten auf dem Kopf eines weiteren Gegners, gelang in dessen Augen. Das Tier begann panisch zu schreien, strich hektisch mit seinen Vorderläufen über die Augen, taumelte. Sein Artgenosse, der sich auf dem Boden wand, wurde immer ruhiger, röchelte nur noch. Die anderen quietschten furchtsam, fiepten, legten die Köpfe schief und wichen zurück. Der Rotschädel blähte erneut seinen Kehlsack auf, ein rasselndes Geräusch, das einer Klapperschlange glich, drang aus seinem Maul. Die Gegner duckten sich, pfiffen aufgeregt und sprangen dann panisch davon, um kurz darauf im Gebüsch zu verschwinden. Der Rotschädel blähte kurz die Nüstern, beugte sich dann zu seinem erbeuteten Kadaver hinab und begann zu fressen. Nun kam auch das Weibchen heran, das sich die ganze Zeit über zurückgehalten hatte. Es riss mit ruckartigen Bewegungen Fleisch aus der Flanke eines erlegten Gegners, der andere war inzwischen auch zu Boden gegangen und schrie jämmerlich. Er blieb unbeachtet, bis seine Schmerzenslaute dem Rotschädel überdrüssig würden. Mit einem kräftigen Biss in die Kehle brachte er den Sterbenden zum endgültigen Schweigen.
Dawson spürte erneute Übelkeit. Diese spuckenden Zweibeiner auf der anderen Seite des Flusses waren noch furchteinflößender als die kleinen Jäger. Sie mussten giftig sein, anders konnte sich Dawson die Schmerzen der mit Schaum bedeckten Tiere nicht erklären.
Er wollte nur noch fort, weit weg von diesem schrecklichen Schauplatz eines beispiellosen Massakers. Er wandte sich um. Dabei trat er versehentlich auf einen morschen Ast, der laut unter seinen Füßen knackte. Der Rotschädel riss den Kopf hoch und starrte Dawson an. Seine Augen waren eisig. Der Saurier ließ von seinem Mahl ab und trat ans Ufer, setzte den rechten Fuß ins Wasser. Immer weiter watete er ins Wasser hinein, hielt dabei zielstrebig auf Dawson zu. Und der sah zu seinem größten Entsetzen, wie das Tier zu schwimmen begann.
Jerry wurde bleich. Dann nahm er die Beine in die Hand und lief Hals über Kopf in den Dschungel, ohne zu wissen, welche Richtung er einschlug. Zweige peitschten seine Arme, seine Schultern und seinen Rücken. Doch er spürte es nicht. Alles, was er wahrnahm, war das stetige Zischen und die hastenden Schritte hinter ihm...

derweil

Jonas war wie elektrisiert. Fassungslos starrte er auf die riesige Echse, die den Kopf nach ihm umdrehte und erneut ihren nebelhornartigen Schrei von sich gab. Er sah den langen, hornartigen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf des Tieres und erinnerte sich an die Hohlraum-Theorie, die Dr. David Norman vor einigen Jahren über den Parasaurolophus und seinen merkwürdigen Schmuck aufgestellt hatte. Demnach war dieser Schädelauswuchs hohl und fungierte als Resonator für jenes dumpfe Brüllen, welches das Tier im Moment gerade von sich gab.
“Er hatte Recht", murmelte er und griff sich wie zur überraschenden Erkenntnis an den Kopf.
Scully sah ihn verständnislos an. “Wer hatte Recht?"
“Norman!", antwortete Jonas. “Er vermutete, dass der Knochenfortsatz des Parasaurolophus nicht nur hohl war, sondern zur Kommunikation untereinander diente. Diese Tiere haben keine Stimmbänder! Wie die Meerschweinchen, die in der Nase Geräusche erzeugen. Genau das tun diese Tiere: Sie nehmen die Atemluft auf und leiten sie weiter in den hohlen Schädelkamm, der dort die Töne produziert."
Sie blickten wieder zu dem Saurier hinüber, der sich wie ein wahrer Koloss zwischen den dichten Farnwedeln emporhob. Dann drehte sich das gesamte Tier, die trockenen Blätter raschelten. Dumpfe Schritte erschütterten den Boden, als der Parasaurolophus durch das Dickicht stampfte und schließlich auf der Lichtung stand. Nun konnte ihn Jonas genau sehen. Der massige, braunschwaze Körper wurde von den kräftigen Hinterbeinen getragen, ein dicker jedoch relativ platter Schwanz diente als Stütze. Die Vorderläufe waren schmal und endeten in fünfzehigen Fingern mit hornartigen Zehen. Der Hals war lang und im Vergleich zum restlichen Körper sehr zierlich. Der längliche Schädel mit dem kleinen Entenschnabel und den hochgesetzten Nüstern wirkte wie der eines Pferdes. Die lange, gekrümmte Schädelwucherung wies einen segelähnlichen Hautlappen auf, der am Hals hinunterwuchs und die wohl sehr eigenartigen Proportionen des Kopfes unauffälliger erscheinen ließ.
Das Tier stand wie einem Maler zum Modell, und die neun Menschen, die gegen es wie Zwerge erschienen, konnten sich nicht an ihm satt sehen.
“Ich würde das niemals glauben", murmelte Scully. “Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen sehen würde..."

an einem anderen Ort

Jerry Dawson war allein. Allein in der Undurchdringlichkeit des gewaltigen Dschungels. Er hörte nur seinen eigenen Atem und das leichte Rauschen der dichtstehenden Farnwedel. Die dröhnenden Schritte, die ihm noch bis vor Kurzem gefolgt waren, waren verstummt.
Dawson sah sich um. Das stechende Grün, das ihn umgab, bereitete ihm Kopfschmerzen. Er schloss die Augen und lehnte sich müde zurück, spürte die angenehme Kühle des dicken, feuchten Baumstammes an seinem schmerzenden Rücken. Er wusste nicht, wie lange und wie weit er gelaufen war. Er besaß zwar Karten, sowie einen Kompass, doch er hatte trotz allem Schwierigkeiten, seine derzeitige Position zu bestimmen. Er war gerannt wie der Teufel, hatte sich weder um Bachläufe, Abhänge oder sich im Dschungel verlierende Pfade gekümmert. Das Einzige, was er wusste, war, dass er bergab gelaufen war. Und eins konnte er mit Sicherheit sagen: Egal, wo er sich nun befand, das Hochplateau war es sicherlich nicht.
Jerry zog eine Karte hervor und suchte den Flusslauf, an dem er und seine Begleiter von den Sauriern angegriffen worden waren. Dass es sich bei diesen fleischfressenden Tieren um Saurier gehandelt hatte, wusste Dawson genau. Es waren Velociraptoren gewesen, in großen Gruppen jagende Raubtiere, Wesen, mit für Dinosaurier höchst erstaunlicher Intelligenz. Boshaft intelligent! dachte Dawson. Ihm wurde noch immer schlecht, wenn er daran dachte, wie die Raptoren fünf seiner Gefährten wahrlich in Stücke zerrissen hatten. Doch welches Wesen der Rotschädel gewesen war, wusste Dawson nicht.
O nein, er hielt wahrhaftig nicht viel von Dinosauriern. Die Großen stanken und sabberten und hatten zudem gerade mal ein Gehirn von der Größe eines Pingpongballs. Und die Kleineren bissen einem lieber den Arm ab, anstatt einen anzugrinsen. Dawson hatte noch nie einen Saurier grinsen sehen. Noch nicht. Er konzentrierte sich wieder auf die Karte.
Schließlich fand er den Fluss, nahe am Rand des Hochplateaus. Dawson fuhr ihn mit den Zeigefinger entlang, bis er die Stelle fand, an der sie Rast gemacht hatten, bevor die Raptoren aufgetaucht waren. Dawson hatte den Fluss überquert und war in den Dschungel gelaufen, also nach Westen, den abschüssigen Grad des Plateaus hinab. Er konnte sich nicht daran erinnern, auf eine Straße oder gar eine Siedlung gestoßen zu sein und versuchte, seinen Weg durch den dichten Urwald nachzuvollziehen. Schließlich glaubte er, seinen jetzigen Standpunkt geortet zu haben. Er befand sich zwischen den Hochplateau und Pikit. Im Westen wurde der Regenwald langsam lichter und zwischen den hohen Baumkronen konnte Dawson die Spitze des Parang sehen, eines knapp dreitausend Meter hohen Berges.
Jerry faltete die Karte wieder zusammen und stand auf. Er musste nach Gregorys Gruppe suchen. Nur hatte er keinen Schimmer, ob sie den Gondelabsturz überlebt hatte. Er konnte es nur hoffen.
Nur mit dem Kompass in der Hand machte er sich auf den Weg. Er schlug nordöstliche Richtung ein und marschierte los...

an einem anderen Ort

Doug Spear wischte sich das Blut, das ihm ins Gesicht gespritzt war, mit dem Hemdsärmel ab und blickte sich um. Bei seiner Flucht vor den Raptoren hatte er kaum darauf geachtet, wohin er getreten war. Die Folge war ein recht unsanfter Sturz von einer Felsenklippe gewesen. Doch sein Fall war nach fünf Metern von weichem Moss gebremst worden. Die Pflanzen bedeckten den Fels in derartiger Fülle, dass sie weicher waren, als tausend übereinandergestapelte Decken. Ihnen war es zu verdanken, dass Spear noch lebte. Er rappelte sich auf und untersuchte seine Beine, um festzustellen, ob sie gebrochen waren. Doch ihm schien nicht passiert zu sein. Er hatte nur einige kleine Verletzungen in Form von Schürfwunden und Kratzern davongetragen.
Spear stellte zufrieden fest, dass er ohne Schwindelgefühl stehen konnte. Er trat an den Rand des Felsvorsprungs, auf dem er gelandet war, und blickte in die Tiefe. Etwa fünfzehn Meter unter ihm konnte er Wiesen, Wälder und einen großen See ausmachen. Versteckt zwischen einigen Bäumen erkannte er eine Handvoll Häuser. Nahe der Felswand erhob sich ein recht großes Gebäude, das unverkennbar einen Tempel darstellen sollte. Lebten hier inmitten des Dschungels tatsächlich Menschen? Oder war Spear während seiner Flucht vor den Raubsauriern etwa wieder so nahe an die bewohnten Gebiete der Insel herangekommen? Neugierig geworden suchte er nach einem Weg, den Fels hinabzusteigen. Er fand einen schmalen Pfad, der rechts von ihm bergab führte und folgte ihm mit sicheren Schritten. Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, bis er den Fuß des Felsens erreicht und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Nur wenige Meter von ihm entfernt erhob sich der Tempel in majestätischem Stillschweigen. Auch von der Siedlung in der Nähe des Sees drang kein Laut zu Spear hinüber.
Er zuckte mit den Schultern. Wenn er schon mal hier war, konnte er sich ja auch gleich einmal umschauen. Er hatte während der Flucht seine Waffe verloren und kam sich demnach etwas schutzlos vor. Vielleicht konnte er hier etwas Brauchbares finden. Er ging auf den Tempel zu, passierte das mächtige Portal und trat ins Innere, das Allerheiligste.
Der Saal war von gigantischer Größe. Links und rechts trugen massive Säulen das kunstvoll verzierte Dach des Bauwerks. Am hintersten Ende entdeckte Spear eine Art Altar, über dem eine hell glänzende Statue stand.
Er kniff die Augen zusammen, als er das goldene Schimmern wahrnahm. Sollte dieses Götzenbild etwa wirklich aus dem Material bestehen, dass er spontan vermutete?
Von Gierde erfasst näherte sich Spear dem Altar. Einen halben Meter davon entfernt blieb er stehen und besah sich die Statue erneut. Ja, es war durchaus möglich...
Er streckte die Hand aus und berührte die kühle Oberfläche. Dann packte er die Statue - schließlich war sie nicht so groß - und hob sie von ihrem Podest herab. Dabei stellte Spear überrascht fest, wie leicht das Götzenbildnis war. Es schien hohl zu sein. Misstrauisch schüttelte er es heftig mit beiden Händen. Ein metallisches Klopfen drang aus Inneren des Gebildes und wuchs in dem gewaltigen Saal zu einem ohrenbetäubenden Klopfen an. Spear stellte die Statue hastig ab. Noch immer neugierig untersuchte er die Oberfläche. Dabei erfühlten seine Finger einen winzigen Hebel. Als Spear diesen herunterdrückte, klappte der Bauch der Statue auf. Ein gleißender Gegenstand fiel heraus. Spears Augen wurden groß. Was er vor sich auf dem Boden sah, war ein Medaillon aus reinstem Diamant!
Er riss das Schmuckstück an sich und ließ es hastig in seiner Tasche verschwinden. Nervös sah er sich im Saal um, konnte jedoch keine verdächtige Bewegung erkennen. Er stellte die Statue auf den Podest zurück. Sie mochte zwar nicht allzu schwer sein, doch den Steilhang wollte sie Spear dennoch nicht hinaufschleppen. Noch einmal überzeugte er sich davon, dass er allein war, dann verließ er mit eiligen Schritten den Tempel, hastete zu dem Pfad, den er im Fels entdeckt hatte, und begann den Aufstieg. Er musste seine Männer finden und hierher zurückkehren, um die Statue zu holen. Aber zuerst musste er die Dinosaurier finden. Davon hing sein Auftrag - und der damit verbundene Preis - ab. Und Geld war Geld. Man konnte nicht genug davon haben...

am späten Abend

Die kleine Gruppe hatte auf der Lichtung ihr Lager aufgeschlagen, nachdem der Parasaurolophus weitergezogen war. Das Einzige, was noch an das riesenhafte Tier erinnerte, waren seine gigantischen Fußabdrücke.
Jonas hatte sich an einen Baumstamm angelehnt und das Reisetagebuch aufgeschlagen. Dort wollte die Gruppe jeden Dinosaurier, dem sie begegnete, eintragen. Jonas versuchte, den Parasaurolophus zu skizzieren. Er starrte auf das Blatt, auf dem nun das merkwürdige Tier mit dem länglichen Hornfortsatz am Hinterkopf zu sehen war.
“Irgendwie hat er ja komische Proportionen", sagte er an Mulder gewandt, der neben ihm saß. Der FBI-Agent blickte kurz von dem Buch auf, in dem er gerade las und betrachtete Jonas' Zeichnung.
“Meinst du dein Bild oder den Saurier?"
“Den Saurier natürlich, du Stoffel", knurrte Jonas, leicht beleidigt über Mulders Bemerkung. Er betrachtete sein Bild. “Ich finde, er sah irgendwie aus wie Frankensteins Monster. Der Para wirkte, als hätte man ihn aus den Körperteilen verschiedener Tiere zusammengeflickt. Dieser dicke, stämmige Körper, die relativ kurzen, schmalen Vordergliedmaßen und dann dieser im Vergleich zum Rest so zierliche Kopf."
“Komisch sah er wirklich aus", grinste Mulder. “So 'ne Mischung aus Kuh und Kamel. So gelangweilt. Ich bezweifle, dass der Bursche besonders intelligent ist."
In diesem Augenblick raschelte es im Gebüsch und die Männer rissen den Kopf hoch. Jonas tastete instinktiv nach seiner Lindstradt-Pistole, die er seit dem Morgen nicht mehr abgelegt hatte. Die Sträuchergruppe vor ihm ließ er dabei nicht aus den Augen. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine Hand zu sehen, die einige Zweige losließ, die raschelnd nach oben schwangen.
“Hey, Sie! Kommen Sie sofort heraus, oder ich schieße!", rief Mulder laut, während er seine Waffe auf das Gebüsch richtete.
Es verstrich nicht einmal der Bruchteil einer Sekunde, bis der Mann mit hocherhobenen Händen aus den Büschen trat. Er war etwa mittelgroß und hatte dunkelbraunes, kurzgeschnittenes Haar. Seine Kleidung war an einigen Stellen zerfetzt und der Mann trug einige Schürfwunden im Gesicht und an den Armen.
“Bitte, Agent Mulder, schießen Sie nicht."
Jonas und der Agent ließen die Pistolen sinken und steckten sie wieder in die Gürtel.
“Sie sind dich einer von Spears Leuten."
“Woher wissen Sie das?"
“Ich habe Sie gestern Nacht zusammen mit den anderen Typen gesehen", antworte Jonas knapp.
“Gestern Nacht? Wann denn?"
“Als ihr euer Lager, so beknackt wie ihr wart, mitten in den Sümpfen aufgeschlagen und euch über Dinosaurier und Biogenetics unterhalten habt und eine nette Schlange vom Baum gefallen ist."
“Woher..." Der Mann schüttelte den Kopf.
“Die Schlange war ein kleines Geschenk von mir", erklärte Jonas ruhig. “Als Dank für die nette Unterbrechung während der Gondelfahrt."
“Das war Spears Plan, ich hatte damit nichts zu tun. Er hat mich lediglich mitgenommen, dass ich in den Staaten nichts ausplaudere, was die Dinosaurier betrifft."
“Aha. Nett, das zu hören. Trotzdem wüsste ich zu allererst gerne Ihren Namen, Mister."
“Jerry Dawson."
Jonas kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. “Aha. Und woher kennen Sie Fox' Namen?"
“Das ist eine verdammt lange Geschichte", sagte der Fremde mit müder Stimme. “Ich laufe schon stundenlang durch diesen Dschungel, auf der Suche nach Menschen, die mich aus dieser Hölle hier herausbringen können. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, euch zu finden. Fünf der Leute von Spears Gruppe sind tot, die anderen spurlos verschwunden. Oben am Fluss wurden wir von Raptoren überfallen..."
Mulder hob die linke Augenbraue. “Sagten Sie gerade Raptoren? Velociraptoren?"
Dawson nickte. “Ja. Sie kamen so schnell und lautlos, dass wir sie erst bemerkten, als es schon zu spät war. Dass ich entkam, war reines Glück. Ich weiß nicht, wie viele außer mir überlebt haben. Und ich weiß auch nicht, wo sie sind. Ich will es gar nicht wissen... Ich bin froh, wenn ich Spear niemals wieder begegne."
Jonas und Mulder tauschten verwirrte Blicke.
Jerry Dawson ließ sich müde auf den Boden sinken. “Ich glaube, ich bin Ihnen eine ausführliche Erklärung schuldig. Was bleibt mir anderes übrig, um Sie vor diesem Mistkerl zu warnen. Denn da bin ich mir sicher: Wenn auch alle Männer umgekommen sind, Spear lebt!" Dawson atmete tief durch. “Doug Spear ist einer der skrupellosesten Menschen, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Er arbeitet für die Biogenetics Co-operation, einem Großkonzern der Pharmaindustrie in New Jersey. Ein ganz übles Unternehmen mit haufenweise Dreck am Stecken, wie Spear selbst. Tierversuche gehören dort zum Alltag, und keiner der dort arbeitenden Leute scheint das zu stören. Nur die Greenpeace. Die hat Protest gemeldet, als sie herausbekommen hat, was hinter den Mauern der Biogenetics passiert. Jedenfalls haben die dem Konzern gewaltig Feuer unter dem Hintern gemacht. Und Spear begann, sich nach Ersatz für seine Hunde und Ratten umzusehen. Er suchte nach Tieren, die keine Menschenseele mehr für Tiere halten würde, Wesen, die er für sich patentieren lassen könnte. Ganz einfach Tiere, die nur ihm alleine gehören, und denen er machen kann, was er will."
“Und dann hat er von den merkwürdigen Vorfällen auf Mindanao gehört", murmelte Mulder.
“So ist es", bestätigte Dawson. “Spear hat gleich Lunte gerochen und ist mit einem wissenschaftlichen Team nach Cotabato gereist, wo ein Exemplar dieser anomalen Formen zu Untersuchungszwecken aufbewahrt wurde. Man befürchtete nämlich, dass die urplötzlich auftauchende Hirnhautentzündungsepedemie von eben diesen merkwürdigen Tieren herrührte. Spear warf alle Wissenschaftler aus dem Raum heraus, untersuchte das Tier, stellte fest, dass es ein Dinosaurier war, und wusste sofort, dass seine Suche nach dem richtigen Tier ein Ende gefunden hatte. Den Bewohnern von Mindanao tischte er auf, dass das von ihnen gefundene Tier nicht nur Hirnhautentzündungen hervorrufen würde, sondern noch weitaus bösartigere Beschwerden und Krankheiten. Er befahl ihnen, jedes tote Tier, das sie finden, zu verbrennen und Spear bot ihnen an, sich auf der Insel auf die Suche nach den Tieren zu machen und sie auszurotten. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, denn die Inselbewohner fürchteten um die negative Auswirkung auf den Tourismus, die diese Tiere und die mit ihnen verbundene Krankheit auslöste."
“So bekam Spear sozusagen die Lizenz zum Jagen", knurrte Jonas.
Jerry nickte. “Die bekam er. Doch er jagte nicht nur die Dinosaurier. Er jagte auch jeden Menschen, der sich in sein Geschäft einzumischen drohte. So auch Grahm. Und schließlich auch Sie."
Jonas legte die Stirn in Falten. “Aha! Er war das mit der Gondel!"
“Ja. Das war er. Er wollte verhindern, dass Sie das Hochplateau erreichen, und am Liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Sie bei diesem Unfall allesamt gestorben wären. Doch ich hoffe, dem ist nicht so..."
“Nein. Wir sind noch alle am Leben und ohne schwerwiegende Verletzungen davongekommen", sagte Jonas ruhig. “Aber wie hat Spear von uns erfahren?"
“Nun, durch die Aufgaben, die er mir aufgebürdet hat. Er setzte mich sozusagen als seinen privaten kleinen Spion ein. Ich habe Grahm auf Schritt und Tritt verfolgt. Durch eine Wanze in seinem Buschhut, die ich dort angebracht hatte, habe ich ihn niemals verloren. Und durch ihn bin ich schließlich auch über Sie gestolpert."
In diesem Moment scholl ein dumpfer, dröhnender Laut zu ihnen hinüber. Die drei Menschen sahen überrascht auf. Es war ein nebelhornartiger Ton, wie der der Parasaurolophen. Doch höher, weicher. Beinahe dem Gesang der Buckelwale ähnlich.
Jerry Dawson wollte aufspringen, um besser sehen zu können, doch Mulder packte seinen Arm und zog ihn zurück.
“Sie können ruhig sitzen bleiben, Jerry. Diese Tiere sind nicht zu übersehen."
Der Mann sah Jonas verwirrt an und folgte dann mit den Blicken in die Richtung, in die der FBI-Agent wies.
Und dann sah er sie.
Die kleinen Köpfe auf den langen, schlanken Hälsen befanden sich in über elf Metern Höhe. Aufmerksam schwenkten sie hin und her, betrachteten die Welt unter ihnen merklich gelassen. Die Köpfe und Hälse gehörten zu großen, stämmigen Körpern mit kräftigen Beinen und langen, dicken Schwänzen, die gerade ausgestreckt über dem Boden hin und her pendelten. Die Haut der insgesamt drei Tiere war grau, die Bauchseite fast weiß. Über die breiten Rücken zog sich eine dunkle Schattierung, die in feine Sprenkelung überging und schließlich im mittelhellem Grau verschwand. Die Tiere bewegten sich langsam, doch keinesfalls träge.
“Was... was sind das für Viecher?", fragte Jerry.
“Nun, der Größe und den typischen Merkmalen nach sind das Diploducus", sagte Jonas. “Sie sind die schlanksten Sauropoden. Ihre Gesamtlänge beträgt mitunter siebenundzwanzig Meter. Allein vierzehn Meter dieser Länge betragen die peitschenartigen Schwänze, sieben Meter die Hälse. Bleiben also gerade noch sechs Meter für den Körper."
“Wirklich komische Maße", murmelte Jerry.
Mulder nickte. “Das stimmt. Aber trotz allem wirken diese Tiere in keinem Fall unvollkommen. Auch wenn sie wie die verrückte Mischung aus Elefant und Giraffe aussehen."
Die drei Menschen schwiegen und blickten zu den sanften Riesen hinauf, die in gerade mal zehn Metern Abstand an ihnen vorbeizogen. Jonas spürte wie der Boden unter ihm bei jedem Schritt der Tiere erzitterte, hörte, wie die Zweige über ihm schwankten und raschelten. Und doch hatte er keine Angst.
Die Riesen zogen gemächlich an der Menschengruppe vorbei. Einer von ihnen reckte den Hals in die Höhe, so hoch, wie es dem Tier möglich war. Es konnte von dort oben den gesamten Umkreis überblicken. Der Kopf schwenkte kurz suchend hin und her. Dann stieß der gewaltige Sauropode wieder diesen nebelhornartigen Ruf aus. Und von irgendwoher aus dem Dschungel kam die Antwort. Zwischen den Baumkronen tauchten mehrere schlanke Köpfe auf, wiederholten ihren Ruf und bewegten sich auf die drei Sauropoden auf der Lichtung zu. Es waren neun Tiere von unterschiedlicher Größe, zwei von ihnen nicht höher als ein Elefant. Vermutlich zwei nur wenige Monate alte Jungtiere. Die Diploducus trafen auf der Lichtung zusammen, schienen miteinander zu verschmelzen. Und die drei Menschen schauten schweigend zu, wie die gewaltigen Wesen in einträchtiger Ruhe und geordneter Herdenformation nach Westen zogen, der untergehenden Sonne entgegen...

am nächsten Tag

Vince schob das riesige gelbe Gummiboot ans Flussufer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. “Sagt mal, konnte es euch nicht etwas früher einfallen, den Fluss zu nehmen? Dieses Mistding hier bei dieser Affenhitze in der Gegend rumzuwuchten ist nicht gerade ein Kinderspiel!"
“Komm schon, Vince! Du bist nicht der Einzige, der schwitzt!", knurrte Jonas, während er einen Teil der Ausrüstung im Boot verstaute.
Mulder grinste. “Ich möchte sowieso wissen, wer auf die verrückte Idee kam, das Gummimonster mitzuschleppen! Derjenige hätte auch an die Elefanten denken müssen, die das Zeug hätten tragen sollen."
Scully derweil blickte mehr als argwöhnisch drein. “Ich bezweifle, dass wir da alle reinpassen. Wir sind zehn Personen plus Ausrüstung..."
“Auf dem Karton stand zwölf Personen", knurrte Vince. “Also passen wir da auch rein. Klar?"
Mulder zog die Brauen hoch. “Ich frage mich nur, ob diese zwölf Personen alle gestanden haben, oder ob man sie übereinander gestapelt hat!"
Jerry Dawson, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, legte den Zeigefinger auf die Lippen. “Pst", zischte er und sein Gesicht wurde bleich.
Die anderen wechselten verwirrte Blicke.
“Was ist los, Jerry?", fragte Jonas verständnislos.
Der Mann blickte sich hastig um, jede Farbe schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein.
“Riecht ihr denn nichts? Diesen fauligen, widerlichen Geruch?"
“Das kommt vom Fluss", erwiderte Kenji. “Verrottende Baumstümpfe oder so was."
“Nein", murmelte Dawson. “Ich kenne diesen Geruch..." Er blickte sich erneut um, schien wie ein scheues Reh im Wald. “Wir werden gejagt", raunte er. “Sie sind hier!"
Plötzlich verstand Jonas. “Sie meinen die Raptoren?"
Der Mann nickte. “Sie müssen es sein. Sie oder der Rotschädel... Und hört ihr nicht die Vögel?"
Sie hörten gar nichts. Der Wald schien wie ausgestorben. Kein Laut durchbrach die gespenstische Stille, außer das leise Rauschen des Flusses. Kein Vogel war zu hören, kein munteres Geschwätz, das die Gruppe bisher ununterbrochen begleitet hatte. Es schien, als hätte man die Zeit angehalten...
“Was für Rotschädel?", fragte Mulder irritiert. Bisher hatte Jerry noch nicht von ihnen gesprochen.
“Schnell, schiebt das Boot in den Fluss!", befahl Vince. “Holt die Beutel mit dem Proviant! Wir müssen so schnell wie nur möglich von hier fort! Sarah, Kirochima, Dana, ab ins Boot!"
Und dann ging alles ganz schnell. Das Boot war bereits im Wasser, und Jonas und Mulder nahmen gerade die drei schweren Taschen mit den Essensvorräten an sich, als die Bäume barsten und ein Vogelschwarm laut kreischend aufflog. Und dann brach die gewaltige Echse aus der Dschungelwand heraus.
Jonas hörte, wie Mulder aufschrie und ließ den Proviantsack fallen. Das riesige Tier brüllte und kam rasch auf sie zu. Es jagte sie.
“Ins Boot!", schrie er, obwohl diese Worte überflüssig waren.
Sie hatten gerade das Flussufer erreicht, als das Monster bis auf zehn Meter an sie herankam. Sie warfen sich in die blaugrünen Fluten und schwammen eilig dem Schlauchboot zu, das schon fast die Mitte des Flusses erreicht hatte.
Das Raubtier trat ans Ufer. Seine gewaltigen, dreizehigen Füße gruben sich tief in den weichen Schlamm ein, wühlten die weiche Erde auf. Das Monster beugte sich nach vorn, konnte die beiden Flüchtenden jedoch nicht mehr mit seinem riesigen, weit aufgerissenem Maul erreichen. Ärgerlich warf die Echse den Kopf zurück und brüllte.
“Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Raptoren wesentlich kleiner vorgestellt!", rief Mulder seinem Freund zu, als sie die Ringe an der Bootswand packten.
“Das ist ja auch ein T-Rex", antwortete Jonas atemlos.
Mulder blickte zu dem Saurier hinüber, der wütend am Flussufer stand und brüllte. Ein ohrenbetäubendes Brüllen, ein Laut aus einer anderen Welt.
“Ein Rex!", murmelte er. “Ein gottverdammter T-Rex!" Er griff nach Phil' Hand, die die seine packte und ihn in das Boot zog.
“Mein Gott, was würde ich darum geben, wenn dieses Mistvieh wie vermutet ausgestorben wäre!", knurrte Sarahs Vater, während er auch Jonas aus dem Wasser zerrte. “Ich hoffe nur, dass der Bursche nicht schwimmen kann!"
“Natürlich kann er schwimmen!", knurrte Grahm.
Der Tyrannosaurier sprang mit einem gewaltigen Satz ins Wasser, das hohe Wellen schlug. Die sich auftürmende Gischt spritzte bis zum Boot hinüber. Die Echse stand bis zum Bauch im Fluss und watete eilig vorwärts. Knappe zwanzig Meter trennten ihn nun vom Boot.
Vince griff nach den Paddeln und ließ sie ins Wasser. Jerry ging ihm sofort zur Hand und schon bewegte sich das Schlauchboot flussabwärts.
“Noch muss er nicht schwimmen", sagte Sarah, während sie den Dinosaurier beobachtete. “Vielleicht folgt er uns nur, soweit er kann und kehrt dann ans Ufer zurück, wenn es ihm zu tief wird."
“Vergiss es!", knurrte Jonas. “Alle Reptilien können schwimmen. Da, siehst du?" Er deutete auf den T-Rex, der nun bis zur Brust im Wasser lag. Nur den Kopf hielt er hoch über der Oberfläche. Plötzlich ragte nur noch der obere Teil des Kopfes - nämlich Augen und Nüstern - aus dem Wasser.
“Er sieht aus wie ein Krokodil", murmelte Scully.
“Er sieht nicht nur so aus, Dana. Er schwimmt auch wie eines", sagte Jonas und beobachtete die schlenkernden Bewegungen des kräftigen Schwanzes, die das Wasser hinter dem Dinosaurier aufrührten. Hinter dem massigen Kopf sah er die Krümmung des Rückens und die Zacken am Schwanz, der immer wieder die Wasseroberfläche durchbrach. “Genau wie ein Krokodil", sagte er leise. “Das größte Krokodil der Welt..."
Der Tyrannosaurus war nun nahe heran. Die Menschen im Boot konnten seinen schnaufenden Atem hören. Das Tier warf den Kopf zurück, riss das riesige Maul weit auf, schnappte in einem unverhofften Vorschnellen nach dem Boot und verfehlte den Gummiwulst nur knapp. Der gewaltige Schädel klatschte zurück ins Wasser und das Schlauchboot tanzte auf den aufgeworfenen Wellen. Der Raubsaurier tauchte unter, bis nur noch blubbernde Luftblasen zu sehen waren. Dann war der Fluss plötzlich ganz still.
Kevin hielt sich an den Handgriffen am Gummiwulst fest und sah nach unten.
“Ist er ertrunken?"
“Nein. So ein Biest ersäuft nicht einfach", erwiderte sein Bruder und blickte auf die Luftblasen, die schwache Kräuselung auf der Wasseroberfläche. Und die kam direkt auf sie zu...
“Haltet euch fest!", rief Vince, als der Kopf unter dem Gummiboden aus dem Wasser auftauchte, das Boot durchbog, in die Luft hob und herumwirbelte. Ein Teil der Ausrüstung kippte über die flache Gummiwand und klatschte in das aufwirbelnde Wasser. Das Boot glitt zurück und schlug hart in die sich auftürmenden Fluten.
“Tut was!", jammerte Kirochima. “Tut doch was!"
Mulder zog seine Pistole aus dem Gürtel. Die Waffe sah erbärmlich klein aus in seiner Hand, aber wenn er das Tier an einer empfindlichen Stelle traf, ins Auge oder in die Schnauze...
Der Tyrannosaurier tauchte neben dem Boot auf, öffnete den Rachen und brüllte. Mulder zielte und schoss. Die Kugel blitzte im Sonnenlicht auf und traf den Saurier in die Wange. Er schüttelte den Kopf, so als wolle er eine Stechmücke verscheuchen, und brüllte erneut.
Jerry und Vince legten sich in die Riemen und das Boot kam schnell voran. Der Tyrannosaurier schnaubte, schüttelte einige Male kräftig seinen massigen Schädel und starrte das gelbe Schlauchboot an, das sich rasch von ihm entfernte. Er ließ sich ins Wasser zurückfallen und einen Moment lang fürchtete die Gruppe im Boot schon, er würde erneut die Verfolgung aufnehmen. Doch zu ihrer Erleichterung machte das gewaltige Raubtier kehrt und schwamm zurück zum Ufer.
“Was ein Monstrum", murmelte Kevin. “Der war doch mindestens fünf Meter hoch!"
“Sechs", verbesserte Grahm. “Es soll sogar noch größere Exemplare gegeben haben."
“Was wissen Sie über dieses Tier?", fragte Scully und starrte zu dem Tyrannosaurus hinüber, der ans Ufer gestiegen war. Wasser tropfte von seinem massigen Körper und aus dem riesigen Maul.
“Nun, dieser Raubsaurier konnte eine Länge von über vierzehn Metern erreichen..."
“Sprechen Sie doch bitte in der Gegenwart, Grahm", sagte Mulder und deutete zu der Echse hinüber, die den Kopf zurückwarf und wütend auf den Fluss hinaus brüllte.
Der Paläontologe nickte. “Sie haben Recht. Nun, der Rex ist das größte Landraubtier, das jemals auf Erden gewandelt ist. Er wiegt etwa sieben Tonnen. Seine Zähne haben mitunter die Länge von achtzehn Zentimetern. Jahre spekulierte die Wissenschaft darüber, ob der Rex ein gewandter gefährlicher Jäger, oder eher ein schwerfälliger Aasfresser gewesen ist..."
“Diese Frage hat sich wohl jetzt erübrigt", knurrte Mulder.
“Ich schätze, dass Sie damit Recht haben", erwiderte der Paläontologe. “Ich hoffe nur, dass wir dem Rex so schnell nicht wieder begegnen..."

derweil an einem anderen Ort

Enak hob heftig blinzelnd den Kopf, als er lautes Poltern im Tempel vernahm. Mit gerunzelter Stirn starrte er zu dem Bauwerk hinüber. Sanft schob er eines seiner Hausschweine, das gerade um eine Wurzel bettelte, beiseite, und eilte durch das Feld von Binsengräsern hindurch, überquerte die daran angrenzende Wiese und sprang die Stufen zum Hauptportal hinauf, das sperrangelweit offen stand. Jemand musste im Gebäude sein.
Vorsichtig spähte Enak ins Innere des Tempels. Was er sah, ließ ihn vor Schreck totenbleich werden. Er sah zwei kräftige Männer, die gerade die Statue vom Podest genommen hatten und diese nun aus dem Tempel heraustrugen. Neben ihnen her ging ein dritter Mann mit einem schwarzen Stock in den Händen.
Enak vergaß jede Vorsicht. Er war der Wächter, er hatte auf das Heiligtum Acht zu geben. Wild entschlossen stellte er sich den Männern in den Weg und hob beide Hände in die Höhe.
Er wollte den Eindringlingen gerade befehlen, anzuhalten, als der Mann, der neben den Trägern lief, den merkwürdigen Stock auf ihn richtete. Enak sah es darin aufblitzen, fast gleichzeitig spürte er einen stechenden Schmerz in der Schulter. Instinktiv presste er seine Hand darauf. Als er eine merkwürdig warme Flüssigkeit zwischen den Fingern spürte und die Hand hob, sah er, dass sie blutüberströmt war. Kreidebleich hob er den Kopf. Der Mann mit dem bösen Stock war bereits heran. Enak starrte in eiskalte Augen in einem merkwürdig glatten Gesicht. Der Mann schlug so schnell zu, dass Enak keine Chance hatte, auszuweichen. Der Wächter taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel rittlings die Treppe hinunter. Hart prallte sein Körper auf die steinernen Stufen, immer und immer wieder. Enak wurde schwarz vor Augen. Ein lautes Knacken in der Halswirbelsäule war zu hören, fast zeitgleich verlor der Wächter das Bewusstsein und starb. Ohne ihn zu beachten eilten die drei Männer zusammen mit der Statue an ihm vorbei, ohne auch nur das geringste Schuldgefühl zu verspüren...
Kapitel 6 by Kit-X
An einem anderen Ort

Sie waren schon über zwanzig Minuten auf dem Fluss unterwegs, als etwas von unten an ihr Boot stieß und es dabei unwirsch zur Seite warf. Jerry hätte vor Schreck beinahe das Paddel fallengelassen und Vince umfasste das seine fester, um es im Notfall als Waffe benutzen zu können. Mit wahren Adleraugen durchsuchte er das grünliche Flusswasser. Doch es war so dunkel und so tief, dass man nur wenige Zentimeter klar hineinsehen konnte. Das Einzige, was Vince erhaschte, war ein kurzer Blick auf einen Schatten, der unter ihrem Boot hervorglitt und in der Tiefe verschwand.
„Was war das?", fragte Kevin und lehnte sich weit über die Gummiwand des Bootes hinaus. Jonas packte ihn am Kragen seines Shirts und zog ihn zurück.
„Deine Neugier bringt dich noch irgendwann einmal um, Kev."
„Ich will doch nur wissen, was es war!", erwiderte sein jüngerer Bruder trotzig.
„Es war groß und das reicht mir", knurrte Kirochima.
„Ach, Jerry?" Mulder fiel seine Frage wieder ein, die durch die massive Störung des T-Rex unbeantwortet geblieben war.
„Was?"
„Sie sprachen vorhin von einem Rotschädel. Was meinten Sie damit?"
„Ich kenne den Namen dieses Dinosauriers nicht", bedauerte Dawson. „Aber sein Aussehen werde ich nie vergessen."
„Erzählen Sie."
„Es war ein Raubsaurier, etwa fünf Meter lang. Vielleicht auch länger. Er wirkte äußerst schlank und wendig, war auffällig grün gefärbt. Jedenfalls das Männchen. Es hatte noch einen roten Hautlappen am Hals, den es aufblähen konnte. Und es hatte einen Kamm auf dem Kopf, ebenfalls rot. Das Weibchen war mehr graubraun, weniger auffällig halt. Es blieb mehr im Hintergrund, als der Rotschädel die Raptoren angriff."
„Er hat die Raptoren angegriffen?", echote Grahm.
„Ja. Er wollte ihre Beute haben. Als die Raptoren diese verteidigen wollten, hat sie das Viech angespuckt. Es war so'n weißer Schaum. Überall, wo dieses Zeug auf der Haut war, schienen die Raptoren Schmerzen zu haben. Einer hatte das Zeug in die Augen bekommen und schrie entsetzlich. Bei einem dauerte es nicht mal drei Minuten, bis er tot war, dem anderen hat der Rotschädel die Kehle durchgebissen, weil ihm sein Geschrei scheinbar auf den Geist ging."
„Dilophosaurier", murmelte Mulder leise. „Na großartig!"
„Sie kennen diese Viecher?"
„Ich habe mumifizierte Überreste dieses Tieres gesehen. Und der Beschreibung nach müsste es dieser Saurier sein. Es gibt nicht viele Räuber mit Kopfschmuck."
„Und was hat es mit seiner Spucke auf sich?"
„Sie enthält Hämatoxin", antwortete Scully, und Jonas musste unweigerlich an die verletzten Jungen in Jakarta denken. „Das ist ein Gift, dass den Körper mit der Zeit lähmt, wie bei Schlangenbissen, demnach auch zum Tod führt. Das Hämatoxin beeinflusst auch die Nerven, reizt sie, verursacht Panik und Schmerz."
„Gibt es Gegenmittel?"
„Sicherlich gibt es die. Aber ob diese auch auf den Dilophosaurus anwendbar sind, weiß ich nicht. Die Zusammensetzung könnte um geringe..."
„Kevin!"
Jonas schüttelte missbilligend den Kopf, als er sah, dass sich sein Bruder wieder weit über die Bootswand beugte. „Entweder du fällst ins Wasser, oder das Vieh von vorhin taucht auf und zieht dich mit runter!"
„Ach Quatsch!"
In diesem Moment schoss ein riesiger Kopf aus dem Fluss. Wasser spritzte und ergoss sich einer Regendusche gleich über die Bootsinsassen. Kevin prallte von der Bootswand zurück und starrte erschrocken auf das Tier, das nun vor ihm im Wasser lag.
„Mein Gott, was ist das?", hauchte er.
Ben Grahm krabbelte über einige Taschen und lugte über die Bootswand.
„Ach herrje, ein Mosasaurus!", rief er erschrocken aus.
Kirochima runzelte die Stirn und wich so weit wie nur möglich vor dem Tier zurück. „Ist dieser... dieses Mosadingsbums.... ist es gefährlich?"
Grahm starrte auf den knapp zwölf Meter langen Saurier, der ruhig im Wasser dümpelte, den Kopf schief legte und die Menschen im Boot neugierig beäugte. Er sah aus wie ein Krokodil. Nur war seine Haut glatt, wies kaum Schuppen auf. Die kräftigen Paddel lagen fast bewegungslos im Wasser, korrigierten nur gelegentlich den Kurs. Ansonsten war das gesamte Tier völlig ruhig und regungslos.
„Eigentlich ist er gefährlich", stotterte Grahm. „Jedenfalls behaupten das Norman und noch so einige andere Wissenschaftler. Und eigentlich lebte, äh, lebt, dieses Tier im salzigen Meer und nicht im Süßwasser."
„Was den Lebensraum angeht, haben die sich wohl getäuscht", murmelte Mulder. „Ich hoffe, dass sie sich bei seiner Gefährlichkeit auch geirrt haben..."
Als wolle der Mosasaurus seine Meinung dazu kundtun, öffnete er das Maul und gab ein kurzes, keckerndes Schnattern von sich. Er hob den Kopf, stupste leicht die gelbe Gummiwand des Bootes an und schnatterte erneut.
„Na, jedenfalls wirkt es auf mich nicht so, als wolle er uns fressen", murmelte Jonas.
„Ich glaube, die Forscher haben eine Menge falsches Zeug über diese Tiere verbreitet", sagte Sarah. „Jedes, das wir bisher sahen, hat deren Theorien widerlegt."
„Bis auf die Raptoren", knurrte Jerry.
„Das würde ich noch nicht sagen", erwiderte Jonas. „Sie haben sie nur beim Angriff erlebt. Über ihre soziale Struktur aber wissen Sie nichts."
Kevin beugte sich weit über die Bootswand. „Ob sich der Bursche streicheln lässt?"
„Eher beißt er dir die Hand ab", schnaubte Vince.
Der Mosasaurus ließ sich näher an das Boot herantreiben. Er rollte sich auf die Seite und begann wieder zu keckern.
„Irgendwie erinnert mich dieses Vieh ja an Flipper", grinste Mulder. „Auch wenn das eine Beleidigung für den Delphin ist."
Jonas beugte sich vor und streckte seine Hand aus. Der Mosasaurus wich nicht zurück, als er ihn am Hals berührte und er machte auch keinerlei Anstalten, ihn anzugreifen.
„Fühlt sich komisch an", murmelte Jonas. „Ich hätte eine Haut wie bei Schlangen oder Eidechsen erwartet. Aber die hier ist wie Gummi." Er befühlte die Haut des Sauriers, der sich die Streicheleinheiten willig gefallen ließ.
„Statt Whale-Watching gibt's jetzt Dino-Watching, was?", feixte Vince.
„Ist doch auch ganz cool", erwiderte Jonas und strich über den harten, zackigen Knochenkamm auf dem Rücken des Mosasaurus. Das Tier drehte den Kopf und Jonas hatte das Gefühl, dass es ihn direkt anblickte. Es schnaubte leise und gab dann einen merkwürdigen, gurrenden Laut von sich.
„Der Bursche scheint verschmust zu sein", grinste Sarah.
Ein lauter Schrei ertönte über ihnen. Jonas blickte auf und sah einen gewaltigen Vogel über sich kreisen. Er hatte einen langen kräftigen Schnabel und einen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf. Seine Flügel hatten eine Spannweite von etwa sieben Metern. Jonas registrierte verwundert, dass der Vogel keine Federn trug.
„Was ist das?"
„Ein Pteranodon", sagte Grahm, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand fragte. „Der größte Flugsaurier, der jemals gelebt hat. Die Wissenschaftler behaupten, er wäre ein Fischfresser gewesen."
„Wenn sie sich da mal wieder nicht geirrt haben!", knurrte Mulder.
Das Pteranodon sauste spiralförmig nach unten, ein huschender dunkler Schatten, der in einem Schwall warmer Luft, einen säuerlichen Geruch hinter sich herziehend, an ihnen vorbeirauschte.
„Wow!", rief Kirochima. „Der ist aber groß. Ben, sind Sie sicher, dass der harmlos ist?"
„Ja, eigentlich schon..."
Das Pteranodon flog zurück. Er kam von hinten und strich knapp über ihre Köpfe hinweg. Grahm sah kurz den zahnbewehrten Schnabel und den pelzigen Körper. Wie eine große Fledermaus, dachte er. Er war überrascht, wie zart und zerbrechlich dieses Tier wirkte. Die riesigen Flügel bestanden nur aus einem feinen, rosafarbenen Membran, das so dünn war, dass das Licht der Sonne hindurch schien.
„Au!", rief Scully plötzlich und fasste hastig nach ihrem Kopf. „Er hat mich gebissen!"
„Er hat was?", fragte Grahm.
„Er hat mich gebissen!", wiederholte die Agentin, und zog die Hand weg. Blut war an ihren Fingern.
Mulder rutschte zu ihr hinüber. Er duckte sich gerade noch rechtzeitig vor einem neuen Angriff des Flugsauriers. Das Tier glitt nur knapp über ihm hinweg und riss im Vorüberfliegen sein Hemd in Fetzen.
„Ah, sie fressen Fische?", knurrte er. „Ich wusste nicht, dass ich wie einer aussehe."
Der Flugsaurier war wieder heran, stürzte erneut auf das Boot zu. Kevin duckte sich, spürte die scharfen Klauen auf seiner Haut. Er hörte das ohrenbetäubende Kreischen des Pteranodon, sah nichts anderes, als die wild schlagenden Flügel.
Vince holte mit dem Paddel aus und schlug dem Flugsaurier auf den Rücken. Das Tier kreischte auf, ließ von Kevin ab und wollte davonfliegen. Doch durch den Schlag war es benommen, gewann nicht genug an Höhe. Als sich Kevin aufrappelte, konnte er gerade noch sehen, wie der Mosasaurus aus dem Wasser schnellte, dabei seinen ganzen gewaltigen Körper nach vorne warf und sich dabei fast vollständig aus dem Wasser hob. Das Tier riss sein Maul auf, das zuschnappte und mit dem rechten Flügel zwischen den Zähnen tauchte der Saurier zurück in die aufklatschenden Fluten. Dabei zog er das Pteranodon, das laut kreischte und mit dem linken Flügel um sich schlug, mit sich in die Tiefe. Gurgelnd schloss sich die Wasseroberfläche über dem schreienden Opfer.
„Alles in Ordnung?", fragte Jonas besorgt.
Kevin nickte atemlos. „Nur ein paar Kratzer, nichts weiter", sagte er. „Danke, Vince."
Sarahs Vater nickte nur und ließ das Paddel zurück ins Wasser gleiten.
„Wo ist der Saurier?", fragte Kevin.
„Unter Wasser", antwortete Grahm. „Er frisst seine Beute."
„Sehr freundlich von ihm, dass er das Biest aus der Luft heraus geschnappt hat", brummte Scully und griff erneut nach ihrem Kopf.
„Das beweist, dass er ein ausgezeichneter Jäger ist", sagte Mulder. „Und wir sollten froh darüber sein..."

etwas später

Es war etwa vier Uhr. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, dachte Jonas. Zweifelnd blinzelte er ins Licht. Vielleicht war es sogar noch später.
„Au!", schrie Kevin, als ihm Scully mit einem mit Desinfektionsmittel getränktem Wattebausch über den Rücken strich. „Herrje, wollen Sie mich umbringen? Was ist denn das für ein Höllenzeug?"
„Reines Jod", erwiderte Scully.
Der Junge stöhnte. „Konnten Sie nichts anderes nehmen? Etwas, was nicht weh tut?"
„Was nicht brennt kann auch nicht helfen." Scully setzte ihre Prozedur fort. Kevin zuckte unter einer erneuten Jodattacke zusammen.
„Mann, wenn ich noch einmal so einen Flugsaurier sehen sollte, knalle ich ihn lieber gleich ab!"
„Mich erstaunt, dass er uns angegriffen hat", sagte Ben Grahm, während er zuschaute, wie Kenji aus einem Holzklotz eine kleine Figur schnitzte. „Schließlich waren wir zehn Leute, noch dazu in einem knallgelben Schlauchboot. Grelle Farben schrecken wilde Tiere doch für gewöhnlich ab..."
„Nun, der Unterschied liegt darin, dass dieses Pteranodon kein normales wildes Tier war!", knurrte Kevin und rappelte sich vom Boden auf, nachdem Scully ihre schmerzhafte Prozedur endlich beendet hatte. „Es ist und bleibt ein Saurier und gehört seit Jahrtausenden ausgestorben!"
„Was mich wundert, ist, dass diese Tiere nur hier auf den Philippinen und in Indonesien vorkommen. Es scheint, als wären die Saurier eine Einzigartigkeit wie die die Reptilien auf Galapagos."
„Nur, dass die nicht beißen, kratzen und bis zu sechs Metern hoch sind", brummte Mulder. „Und dass Leguane Menschen fressen, glaube ich auch nicht."
„Ja, schon", wandte Grahm ein. „Aber warum hatte eben dieses Pteranodon die Insel nicht verlassen? Es konnte schließlich fliegen. Oder der Mosasaurus. Der hätte durch das Meer nach... na ja, meinetwegen Buxtehude schwimmen können."
„Das hat mich auch schon nachdenklich gemacht", stimmte ihm Sarah zu. „Warum bleiben all diese Tiere hier und verlassen die Inseln nicht?"
„Oh, ich glaube, dass einige die Inseln verlassen haben", sagte Mulder. „Ein Mosasaurus zum Beispiel könnte dafür verantwortlich sein, dass die Legende vom Seeungeheuer von Loch Ness entstand. Oder denkt an den Kongo. Seit Jahren gibt es Berichte von Pygmäen über einen großen Sauropoden in den dichten Wäldern des Bokambu. Und im Bergdschungel von Irian Java gibt es angeblich ein Tier von der Größe eines Nashorns, das ein übriggebliebener Ceratopsier sein könnte. Nicht zu vergessen die Legenden aus dem Amazonasbecken. Man berichtet, dass dort ein großes Tier gesehen wurde, das aufrecht lief und einen Pferdekopf hätte. Womöglich ein Hadrosaurier."
„Oha, Spooky Mulder hat neues Futter entdeckt", seufzte Scully.
„Das sind alles nur Legenden", sagte Jonas. „Es gibt keinerlei Beweise für die Existenz dieser Tiere. Man hat nie ein Foto von ihnen gesehen. Und das von Nessie hat sich angeblich als Flopp entpuppt. Soll ein Gummitier oder so was ähnliches gewesen sein."
„Und was ist mit diesen berühmten Seeungeheuern aus den griechischen Sagen? Diese schlangenartigen Tiere mit Pferdeköpfen und roten Mähnen? 1966 zogen US-Marinesoldaten solch ein Riesengeschöpf an Land. Es war ein gewaltiger Riemenfisch, sieben Meter lang und 250 Pfund schwer. Oder Tasmanische Tiger. Sie galten als ausgestorben, doch nun hat man wieder welche gesichtet. Krypto-Zoologen vermuten sogar, dass im Mariannen-Graben Carchardon megalodon und fußballfeldgroße Kraken überlebt haben. Megalodon gilt seit einigen tausend Jahren als ausgestorben, ebenso die Monsterkraken. Man hat vor einigen Jahren aber eine Krake von acht Metern Länge und einem Gewicht von einer knappen Tonne durch Zufall entdeckt. Sie wurde an den Strand von Neufundland gespült. Und es soll noch größere geben. Im Great Barrier Reef hat man sogar einen zwanzig Meter langen Panzerfisch fotografiert, der seit über 20 Millionen Jahren ausgestorben sein soll. Und was ist mit den Manatis, dem Proteus anguinus, dem Vi-Quang-Bovide oder dem Quastenflosser? Sie alle galten als vom Erdball verschwunden, doch man hat sie allesamt wieder entdeckt." Mulder blickte sich nach seiner Partnerin um. „Scully, der Vorfall in Minto! Warum sollten nicht Dinosaurier für den Tod von Webber verantwortlich gewesen sein? Oder die Sache in Jakarta..."
Etwas raschelte im Gebüsch und die Menschen hoben erschrocken die Köpfe - und erstarrten, als sie die Tiere erkannten, die aus den Sträuchern auf sie zukamen.
„Raptoren", hauchte Jerry. Er spürte, wie seine Knie unter ihm nachgaben.
Die mannsgroßen grünen Raubsaurier mit den sandfarbenen bis mittelbraunen Streifen auf Rücken und Schwanz wippten mit den Köpfen und gaben eine Art Fiepen von sich. Sie kamen von allen Seiten, umzingelten die Menschen, die in ihrer Mitte mehr und mehr zusammenschrumpften.
„Es sind zu viele", murmelte Kenji. „Wären es zwei oder drei, okay. Aber es sind zwölf..."
„Nicht mehr lange", knurrte Vince und zog seine Pistole. Auch Jonas, Scully und Mulder hatten bereits ihre Waffen in der Händen. Jonas zielte auf einen großen Raptor mit einer länglichen Narbe quer über dem Gesicht. Er war auf dem rechten Auge blind, über das sich ein breiter roter Einschnitt zog. Irgendwie erinnerte der Saurier an Twoface aus den Batman-Filmen. Und wie dort schien dieses verunstaltete Geschöpf der Anführer der ganzen räudigen Bande zu sein. Jonas entsicherte die Pistole, sein Finger zog sich um den Abzug...
„Nein, nicht schießen!", schrie eine fremde Stimme. „Bitte, nicht schießen!"
Jonas sah auf und erblickte einen Mann in einem merkwürdigen Gewand, der urplötzlich auf der Lichtung stand. Er war von Kopf bis Fuß in helles Leder gehüllt, sein Gesicht war hinter einer bunten Maske verborgen, die an den Kopf eines Dinosauriers erinnerte.
„Huhu, Mister Voodoo", raunte Mulder ironisch, ließ seine Waffe jedoch nicht sinken. „Ich wusste ja gar nicht, dass man auch im Dschungel Fasching feiert..."
„Lassen Sie die Waffen stecken, Gentleman", sagte der Fremde. „Die Raptoren werden Ihnen nichts zu Leide tun. - Havano-Kavo!"
Kaum hatte der Fremde diese merkwürdigen Worte ausgesprochen, als die Raptoren auch schon die Köpfe senkten, ein leises Fiepen von sich gaben, und dann langsam zurückwichen. Sie lösten ihre Umzingelung auf und sammelten sich rechts von dem ganz in Wildleder gekleideten Mann zu einer Gruppe zusammen.
Die Männer und Scully ließen ihre Pistolen sinken und starrten entgeistert auf die schlanken Raubsaurier, die dem Fremden zu gehorchen schienen wie eine Meute Jagdhunde ihrem Herren.
„Wer... wer sind Sie?", fragte Kenji verwirrt.
Der Mann strich einem der Raptoren beinahe zärtlich über den Rücken. „Nun, die Bewohner von Akunga nennen mich Dim-Kalir."
„Und wie kommt es, dass Sie unsere Sprache sprechen?"
„Das ist eine lange Geschichte. Ich komme ursprünglich aus London und heiße James Cartwright. Ich arbeitete als Biologe auf Java und Borneo. Doch vor sechs Jahren stürzte mein Flugzeug wegen einem Triebwerkausfall über diesem Dschungel hier ab. Mein Pilot hat das nicht überlebt. Und mich schnappten die Eingeborenen. Sie hätten mich beinahe ihren Göttern geopfert. Doch diese litten an einer scheinbar unheilbaren Seuche. Ich fand ein wirksames Mittel gegen sie, rettete den Göttern das Leben und gleichzeitig auch mein eigenes. Ich erlangte bei den Eingeborenen großes Ansehen. Man ernannte mich sogar zum Medizinmann. So viel zu meiner bisherigen Laufbahn."
„Götter?" Mulder blinzelte verwirrt. „Was für Götter?"
Dim-Kalir lächelte. „Einige von ihnen stehen gerade direkt vor Ihnen."
„Die Dinosaurier?"
Der Medizinmann nickte. „Ja, die Dinosaurier."
„Wirklich nette Götter", brummte Scully. „Picken dir auf dem Kopf herum oder legen großen Wert darauf, dich zu zerfleischen."
„Das machen sie mit allen Fremden", sagte Dim-Kalir. „Das ist ihre einzige Chance, zu überleben und Akunga vor dem Untergang zu bewahren."
„Was ist Akunga?"
„Unsere Stadt."
Vince schüttelte breit grinsend den Kopf. „Das muss alles ein schlechter Traum sein. Eine Stadt inmitten des Dschungels, bewacht von einer Tierspezies, die schon seit langer Zeit als ausgestorben gilt, und die ihrem Meister aufs Wort gehorcht."
„Das ist kein Traum, sondern reinste Wahrheit", sagte Dim-Kalir. „Unsere Stadt braucht diese Wächter. Doch guten Menschen gegenüber sind sie friedlich."
Mulder beugte sich zu Jonas hinüber und raunte: „Ich weiß, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, bla, bla, bla - aber dieser Typ ist total verrückt."
Jonas lachte, und der Agent fuhr erschrocken zusammen, als ihm Dim-Kalir einen leichten Wink gab. „Kommen Sie her."
„Wer? Ich?"
„Ja. Sie sind ein skeptischer Mensch, und solche wie Sie muss ich immer zuerst überzeugen."
Jonas und Scully prusteten los. Die Agentin deutete vergnügt auf ihren Partner.
„Skeptisch? Der? Niemals!"
Kenji zuckte mit den Schultern. „Tja, verdrehte Welt."
Mulder derweil beäugte misstrauisch die Gruppe der zwölf Raptoren. „Ich weiß nicht so Recht..."
Dim-Kalir lächelte. „Haben Sie keine Angst. Kommen Sie."
„Die beißen mich auch nicht?"
„Sicherlich nicht."
Mulder seufzte, steckte die Pistole zurück in den Gürtel, und trat mit zögerlichen Schritten zu dem Medizinmann, der neben einem der Saurier stand. Es war ein im Gegensatz zu den anderen relativ kleiner Raptor. Er reichte dem Mann gerade mal bis zum Bauchnabel. Es schien ihn nicht zu beunruhigen, dass Mulder näher kam. Er gähnte sogar und ließ sich auf den Boden sinken. Er lag nun dort unten auf der Erde, wirkte wie ein Dackel neben seinem Herren.
„Streicheln Sie ihn", sagte der Medizinmann.
Mulder holte tief Luft und ging dann vor dem Tier in die Hocke. Der Raptor blickte zu ihm auf und fiepte. Als der Agent vorsichtig die Hand ausstreckte und ihn am Kopf berührte, schloss der kleine Saurier die Augen und gurrte.
„Ja, das mag er", sagte Dim-Kalir und schmunzelte. „Das ist ein ganz verschmuster Bursche, unser Kleiner."
„Auf mich wirken diese Tiere nicht gerade verschmust", knurrte Jerry. „Ich musste mit ansehen, wie sie fünf Männer schier in der Luft zerrissen haben."
„Jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Das Gleiche gilt für den Dschungel und seine Bewohner, auch für die Raptoren", entgegnete der Medizinmann und holte einige kleine Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. Die Beutel waren an geflochtenen Lederschnüren befestigt. Dim-Kalir bückte sich zu Mulder hinunter, der nun weniger scheu den Raptoren streichelte, und hängte ihm einen der Beutel um den Hals.
„Was ist das?", fragte er und musterte die merkwürdige Gabe.
„In dem Säckchen ist eine bestimmte Kräutermischung enthalten. Sie signalisiert den Dinosauriern durch ihren Geruch, dass Sie keine Feinde, sondern Freunde für sie sind. Sie können die Kräuter schon aus großer Entfernung riechen."
„Riecht irgendwie ein bisschen nach Pfefferminz", murmelte Scully und wog den Beutel in der Hand. „Und nach Melisse. Nur intensiver."
Dim-Kalir lachte. „Das dachte ich zuerst auch, als man mir den Beutel gegeben hat. Aber diese Pflanzen wachsen nur hier im Dschungel. Die Blätter in dem Säckchen stammen von grasartigen Pflanzen mit lila Blüten. Die Eingeborenen nennen sie Gahni-Dah. Es gibt sie nur hier und ich bezweifle, dass Sie dieses Gewächs in irgendeinem botanischen Lehrbuch finden werden."
„Nicht das Erste, was man in keinem Buch vorfindet, nicht wahr, Sarah?", fragte Jonas mit einem leichten Schmunzeln.
„Du sagst es", seufzte sie und verstaute den kleinen Lederbeutel unter ihrem T-Shirt.
Dim-Kalir kraulte den Raptoren am Hinterkopf und blickte die Besucher fragend an.
„Warum sind Sie hier?", erkundigte er sich.
„Nun, das ist eine lange Geschichte", murmelte Benjamin Grahm.
„Das macht nichts", erwiderte der Medizinmann. „Wir haben Zeit. Bis zur Stadt sind es knapp anderthalb Stunden Fußmarsch."
Er stieß einen merkwürdigen, gurrenden Laut aus und die Raptoren setzten sich in Bewegung. Acht von ihnen verteilten sich im Dschungel, vier stapften in geschlossener Formation den schmalen Pfad entlang, der zwischen hohen Bäumen und unübersichtlichem Blattwerk in das dahinterliegende und undurchdringliche Grün führte.
„Kommt", sagte Dim-Kalir, während er den Raptoren folgte. „Wir müssen uns beeilen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Akunga sein wollen..."

später

Jonas wusste nicht, wie lange sie bereits durch den Dschungel gewandert waren. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit und er glaubte beinahe, die Zeit wäre zu dem Augenblick, als sie in das alles verschlingende Grün eingetaucht waren, stehengeblieben. Er warf einen kurzen Blick zu Vince hinüber, der zusammen mit Grahm und Dim-Kalir vor ihm ging. Zwei Raptoren bildeten die Spitze, bewegten sich zielstrebig durch das Gewirr von weitausladenden Farnwedeln, hohen Büschen und moosbewachsenen Bäumen nach Norden. Manchmal sahen sie sich um, so als wollten sie sich vergewissern, dass die Menschengruppe ihnen auch noch immer folgte.
Jonas lauschte auf das leise Murmeln von Ben Grahm, verstand aber nichts von dem, was er sagte. Dim-Kalir hörte dem Paläontologen aufmerksam zu, nickte zwischendurch und sprach hier und da ein Wort.
Etwas raschelte, und Jonas sah sich erschrocken um. Der Raptor, der neben ihm ging, spähte misstrauisch in die Wipfel der Bäume hinauf, erblickte den großen Tukan, der sich auf einem der unzähligen Äste niedergelassen hatte, und senkte beruhigt wieder den Kopf. Jonas musterte den Raubsaurier. Es war ein schlankes und wendiges Tier, das sich trotz seiner Größe von knapp zwei Metern so leise und geschmeidig bewegte wie eine Katze. Die sandbraunen Augen huschten aufmerksam hin und her, registrierten jede Bewegung in dem dichten Grün des Dschungels. Jedes Geräusch schien das Tier zu analysieren, jeden Geruch auf mögliche Hinweise von Gefahr zu überprüfen. Manchmal blickte es zu Jonas. Es war meist ein abschätzender Blick, nicht misstrauisch, aber neugierig. Der Wissenschaftler fragte sich, was dieses Tier wohl über ihn dachte. Wenn es überhaupt dachte. Doch es musste diese Fähigkeit besitzen, war zu erstaunlich und komplex in seinem Verhalten, dass es nicht hätte denken können. Dieser Saurier dort war intelligent, Jonas spürte es.
„Sie scheinen Ihre Scheu vor diesen Tieren verloren zu haben, Dr. Quinn."
Jonas wandte den Kopf und bemerkte dem Medizinmann, der nun neben ihm ging.
„Nun, ich fragte mich gerade, ob sie wegen uns so aufmerksam sind, oder ob es für sie auch etwas gibt, was ihnen Angst macht."
„Das gibt es, leider."
„Die Dilophosaurier?"
„Ja. Haben Sie sie schon gesehen?"
„Nicht ich, einer unserer Begleiter."
„Sie sind ein großes Problem für uns", sagte Dim-Kalir. „Sie sind unberechenbar, scheinbar dauernd im Blutrausch. Sie töten mehr Tiere, als sie fressen können. Ich möchte nicht wissen, was passieren würde, wenn sie unsere Stadt finden würden..."
Der Pfad, auf dem sie sich noch immer nach Norden bewegten, wurde schmäler. Sie konnten nun gerade noch so nebeneinander gehen. Nach einer Biegung ging es steil bergauf, Felsbrocken tauchten aus dem Grün des Dschungels auf, wurden zur Wand. Nach wenigen Metern wuchs der Fels in etwa zehn, zwölf Metern Höhe über der Gruppe zusammen, vor der nun der Eingang einer dunklen Höhle klaffte.
„Was ist das?", fragte Kirochima beklommen.
„Das Schattenreich", antwortete Dim-Kalir. „Die Verbindung von Urwald und Götterstadt."
Es war nicht völlig dunkel in dem Höhlengang. Das Gestein wies an vielen Stellen Risse auf, durch die Licht von oben fiel. Wie dünne Nadeln und Messerklingen stachen diese Fäden und Balken aus Licht durch den Fels und hellten die Dunkelheit ein wenig auf. Die Wände waren zerklüftet und mächtige Gesteinsbrocken und Platten ragten immer wieder wie die scharfen Zähne eines versteinerten Raubtiermauls in den Gang, der gewiss nicht von Menschenhand geschaffen war. Jedoch hatten sich Menschen dieser Felsverwerfung bedient, die einen bequemen Durchgang von mehreren Metern Breite und Höhe geschaffen hatte.
Der Gang machte einen scharfen Knick nach links und helles Sonnenlicht flutete ihnen entgegen. Die Raptoren begannen zu zirpen und nickten mit den Köpfen. Das grelle Licht blendete ihre empfindlichen Augen und auch Jonas musste für einen Moment die Augen schließen. Als sie aus dem Halbdunkel der Höhlenpassage traten, empfing sie ein kühler, angenehmer Wind, der ihre Kleidung blähte und durch ihre Haare strich. Gleißendes Sonnenlicht schien vom wolkenlosen Himmel und fiel hinab in das vor ihnen liegende Tal.
Der Anblick, der sich ihnen bot, war überwältigend.
„O mein Gott", murmelte Sarah fassungslos.
„Einfach unglaublich", stimmte ihr Kenji mit belegter Stimme zu.
Das Tal, ein tiefer Kessel mit ovaler Form, erstreckte sich über eine Länge von etwa acht Kilometern und maß an seiner breitesten Stelle knapp zwei Kilometer. Inmitten von paradiesischen Seen und saftigem Grün lagen Tempelanlagen, deren Hauptgebäude sich unmittelbar vor einer Felswand befand. Der Tempel hatte gewaltige Ausmaße, schien über zwanzig Meter in den Himmel zu ragen. Über der monumentalen Säulenhalle waren die Konturen von drei riesigen Gottheiten aus dem Fels gemeißelt, die dem Betrachter ihr Profil darboten und halb Mensch, halb Tier waren. Tiefe symmetrische Ausbuchtungen und Einschnitte im Fels auf der Westseite des Tales wiesen darauf hin, dass die Tempelanlagen aus dem Fels errichtet worden waren, den man gleich aus diesen Steinbrüchen vor Ort gewonnen hatte.
„Was sind das für Statuen?", fragte Mulder und zeigte auf den Haupttempel.
„Die drei mächtigsten Gottheiten der Bewohner Akungas", sagte der Medizinmann. „Die erste Statue, die mit dem schuppigen Körper und dem Menschenkopf, ist Kana-Tem, der Herr über die Saurier und der Götterstadt. Die Figur des Mädchens mit dem Fischschwanz und den großen Drachenflügeln ist die Göttin der Elemente, also Luft, Wasser, Himmel und Erde. Man nennt sie Alina-Mai. Und die kleine Statue ganz links, das Kind mit der Kugel in den Händen heißt Hanii und ist die Hoffnung."
Sie standen noch eine ganze Weile dort oben, sahen auf das farbenprächtige Panorama hinab, das sich unter ihnen erstreckte. Sie bewunderten die idyllischen Seen, die riesige Tempelanlage und die Vielzahl an Sauriern, die sich dort unten zwischen den Bäumen und auf den Wiesen bewegten. Das schillernde Abendrot warf einen tieforangenen Schimmer auf das Tal und ließ es sanft leuchten.
Dim-Kalir stieg, angeführt von den Raptoren, den sandigen Pfad in das Tal hinab. Der Rest folgte ihm. Bereits nach wenigen Minuten erreichten sie den Fluss, der als Wasserfall aus zwanzig Metern Höhe durch das Felsgestein ins Tal schoss und folgten ihm nach Süden, wo sich große Palmengewächse zu weiten Haien ausdehnten. Als sie sich diesem Gebiet näherten, entdeckten sie kleine, aus solidem Stein gemauerte Häuser, die den Pfad zur linken und rechten Seite säumten.
„Die Menschen hier leben in Harmonie mit der Natur", sagte der Medizinmann. „Ich habe nie zuvor ein Volk erlebt, das den Wurzeln seiner Vorfahren derart treu geblieben ist."
Sie kamen an einem etwas größeren Steinhaus vorbei. Eine dunkelhäutige Frau, nur mit Leder bekleidet, hockte neben einem großen Dinosaurier im Gras. Sie hatte eine Art Schüssel unter den Bauch des Tieres geschoben. Ihre Hände kneteten geduldig und mit geübten Griff die Bauchunterseite des Dinosauriers. Es war ein stattliches Tier, ein wenig kleiner als der indische Elefant. Sein Schädel lief in ein gewaltiges Nackenschild über, ein spitzes Horn zierte seine papageienähnliche Schnauze.
„Ein Styracosaurus", sagte Grahm wie aus der Pistole geschossen. „Wahnsinn, was ein Prachtkerl!"
„Ihr Kerl ist ein Weibchen", lächelte Dim-Kalir.
Kevin runzelte die Stirn. „Was tut die Frau da?", fragte er verwirrt.
„Sie melkt die Dana. Dana ist das akungaische Wort für Weibchen."
„Ach ja?", echote Scully, und Mulder grinste.
„Ich wusste gar nicht, dass Ihr Name Akungaisch ist", feixte er. „Und vor Allem, dass er so passend ist. Stellen Sie sich vor, es würde Männchen heißen..."
„Sie melkt sie?", wiederholte der Paläontologe ungläubig. „Sie melkt einen Dinosaurier? Ein Reptil?"
Dim-Kalir lächelte. „Der Styracosaurus gehört zu den wenigen Arten von Dinosauriern, die Milch geben und damit ihre Jungen säugen. Sie bringen diese auch lebend zur Welt, legen also keine Eier, wie die meisten anderen."
„Sie wollen mir also sagen, dass das da ein...", Scully zögerte, „ein Säugetier ist?"
„Genau das", bestätigte der Medizinmann. „Ich konnte es zuerst auch nicht glauben. Auch ich war davon überzeugt, dass alle Dinosaurier Reptilien sind. Nun, da habe ich mich wohl geirrt."
Sarah musterte zweifelnd den massigen Kopf des Tieres. „Na, ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese Spezies ihre Jungen lebend auf die Welt bringt."
„Doch, doch." Der Medizinmann strich der Dana über die spitze Schnauze. „Das Junge steht mit ihr von Proportion und Eigenschaften im Verhältnis wie das Kalb mit der Kuh. Die Jungen werden natürlich ohne Horn und Nackenschild geboren. Das wächst ihnen erst nach und nach wie den Hirschen das Geweih."
Die Frau im Ledergewand erhob sich mit der großen Schüssel in der Hand vom Boden. Sie war zu Dreivierteln mit weißlicher, dickflüssiger Milch gefüllt. Die Frau begrüßte den Medizinmann mit einem freundlichen Nicken, blickte dann neugierig zu den ihr fremden Besuchern hinüber und neigte den Kopf.
„Sah-ni mala?", fragte sie.
„Gina di fenani", erwiderte Dim-Kalir lächelnd.
Kevin neigte sich zu seinem Bruder hinüber.
„Was hat die Frau gesagt?"
„Woher soll ich das wissen?", erwiderte Jonas leise. „Ich spreche kein Akungaisch."
„Ich schätze, sie hat gefragt, wer wir sind", vermutete Kirochima.
„Folgt mir", sagte Dim-Kalir. „Ich zeige euch nun eine freie Hütte, in der ihr die Nacht verbringen könnt. Danach müsst ihr mich leider entschuldigen, denn ich habe heute Abend sehr viel zu tun. Ich werde euch dann Morgen die Stadt und die Tempel zeigen. Bis dahin wird sie Julin um euer Wohlergehen kümmern." Er wies auf die Frau, sagte etwas auf Akungaisch zu ihr, und sie nickte zustimmend. Dann wandte er sich wieder an seine Besucher.
„Kommt nun. Die Hütte ist nicht fern..."

kurz nach Mitternacht
Akunga / Mindanao

Jonas schien nicht gerade sehr tief geschlafen zu haben, denn er schien der Einzige zu sein, der durch das entfernte Pochen einer Trommel geweckt wurde, das von irgendwoher in die von Mondlicht nur schwach erhellte Hütte hallte. Er schlug zögerlich die Augen auf und starrte in die Dunkelheit. Die Trommeln stoppten nicht, fuhren stetig fort. Jonas streckte sich, gähnte kurz und erhob sich dann von dem Schlaflager, das von Julin errichtet worden war. Neugierde hatte ihn gepackt. Er trat an das Fenster, durch das angenehm kühle Luft ins Innere der Hütte strömte, atmete tief durch und spähte in die Nacht hinaus. Von den Seen kam ein flackernder Feuerschein herüber, und von dort kam auch die Trommel, die ihre Melodie beständig einhielt und immerfort wiederholte. Es war kein hektisches Trommeln, eher melancholisch und schleppend. Wie das Trommeln zu einer Zeremonie.
Jonas ließ vom Fenster ab und schlüpfte in seine Jeans. Seinen Oberkörper ließ er unbedeckt. Die Nacht war mild und relativ windstill. Also würde er sicherlich nicht frieren.
Jonas blickte sich noch einmal kurz in der Hütte um, vergewisserte sich, dass auch wirklich alle schliefen, und schlich sich dann geräuschlos in die laue Nacht hinaus.
Ein leichter Windstoß umstrich ihn, als er lautlos durch die scheinbar schlafende Stadt lief. In keinem der Häuser brannte Feuer. Sie schienen alle leer zu stehen. Jonas hob den Blick, sah den großen Haupttempel, der sich nur unweit von ihm erhob. Das Feuer an den Seen erhellte die drei aus Stein gehauenen Gottheiten, ließen sie wie geisterhafte Wesen in der Dunkelheit erscheinen, auf deren Haut das Licht unruhig hin und her zuckte.
Jonas ging durch einen kleinen Palmenhain und stand plötzlich auf einem großen, freien Platz, der sich zwischen dem Tempel und den Seen erstreckte. In seiner Mitte brannte ein riesiges Feuer. Und an den Rändern waren etwa alle zehn Meter Fackeln in den Boden gesteckt worden, die die Grenzen des Platzes markierten.
Auf den Stufen des Tempels, die fünf Meter in die Höhe führten und etwa zwanzig Meter lang waren, saßen unzählige Menschen. Ihre Gesichter, in denen Anspannung und Erwartung lag, wurden von dem großen Feuer schwach erhellt. Auf der anderen Seite des Platzes stand ein kleiner Tempel, auf dessen Stufen ebenfalls Menschen saßen. Weniger als beim Haupttempel. Jonas erkannte Dim-Kalir, der auf der obersten Stufe saß und ihn entdeckt zu haben schien. Er winkte ihm zu, forderte ihn auf, zu ihm zu kommen.
Zögernd näherte sich Jonas dem Tempel, ging langsam, nicht übereilt. Er wollte die Ruhe, die auf dem gesamten Platz herrschte und nur vom stetigen Pochen der Trommeln unterbrochen wurde, nicht stören. Als er die Treppe erreichte, rückte einer der Männer zur Seite, um ihn durchzulassen. Jonas dankte mit einem freundlichen Lächeln, wusste nicht, was er sonst tun sollte, um nicht unhöflich zu erscheinen. Er kannte die Sprache der Akunganer nicht, wusste nicht, mit welchen Worten man hier seinen Dank ausdrückte.
Doch das schien den Mann nicht zu stören. Im Gegenteil. Er lächelte zurück, die Augen unter seinen buschigen Brauen blitzten dabei fröhlich auf. Er tippte seinem Hintermann auf die Schulter und sagte etwas zu ihm. Sofort rutschte auch dieser zur Seite und machte Jonas den Platz frei, so dass er die obere Stufe erreichen konnte, auf der Dim-Kalir saß und ihm lächelnd entgegenblickte.
„Setzen Sie sich zu mir", sagte er, als Jonas schließlich neben ihm stand. Dieser leistete der Aufforderung des Medizinmanns gehorsam Folge, blickte neugierig auf all die Menschen, die sich auf dem Platz versammelt hatten.
„Ganz unbewusst haben Sie diesem Mann dort unten eine große Freude bereitet", sagte Dim-Kalir und wies auf den, der Jonas den Weg zu ihm freigemacht hatte.
„Wieso?", fragte Jonas. „Was habe ich denn gemacht?"
„Ein freundliches Lächeln verbunden mit einem Kopfnicken bedeutet hier die größte Ausdrucksweise von Dank im freundschaftlichen Sinne", erklärte der Medizinmann. „Und der Mann hat sich darüber sehr gefreut. Die Akunganer sind ein sehr gefühlsbetontes Volk. Sie haben beispielsweise keine Worte für Dinge wie Liebe, Freundschaft, Freude und Dank. Dafür gibt es nur Gesten, da die Leute hier glauben, dass diese mehr zählen, als Worte. Gesten werden daher immer ernst genommen."
Jonas hörte dem Medizinmann fasziniert zu. „Das heißt, dass Worte nicht genug Bedeutung haben, um für derartige Gefühle gebraucht zu werden?"
Dim-Kalir nickte anerkennend. „Sie sind ein kluger und einfühlsamer junger Mann, Dr. Quinn. Die Akunganer werden Ihnen viel Respekt entgegenbringen."
Jonas blickte wieder auf den Platz hinunter.
„Was passiert hier gerade? Ist das ein Fest?"
Der Medizinmann nickte. „Ja, das ist es. Es wird einmal im Jahr am neunten Vollmond gefeiert. Dies ist der Tag, an dem die Akunganer dem größten aller Götter huldigen, Kana-Tem."
„Dem Gott, den man an dem großen Tempel dargestellt hat?"
„Ja." Der Medizinmann wies auf eine kleine matt glänzende Statue, die in der Mitte des Platzes stand. „In dieser Darstellung von ihm ist seine Kraft gefangen. Das jedenfalls behaupten die Leute hier. Als Kana-Tem starb, hat ein tapferer Mann dessen Herz aus dem Leib geschnitten, in große Bananenblätter eingewickelt und dann in die Statue, die innen hohl ist, gelegt. So jedenfalls berichtet es die Legende. Und in dem Herzen Kana-Tems ruhen die Kräfte des Gottes und leben innerhalb der Statue weiter. Sie steht eigentlich immer im großen Tempel, aber zur Zeba holen wir sie für einen Abend nach draußen, um ihr Opfer darzubringen."
„Zur Zeba?", fragte Jonas stirnrunzelnd. „Heißt so dieses Fest?"
„Ja." Dim-Kalir nickte. „So ist es. Diese Menschen glauben normalerweise nicht an die Unsterblichkeit der Seele, müssen sie wissen. Die gehört für sie fest zum Körper, wie das Blut, das durch ihre Adern fließt. Daher ist es bei ihnen die oberste Priorität, jeden Tag ihres Lebens zu genießen und die Erfahrungen, die sie sammeln, an die Nachkommen weiterzugeben. Lediglich bei ihren Göttern machen sie eine Ausnahme. Die sind unvergänglich."
Jonas nickte. Er musste an Kenji denken, und ein schelmisches Lächeln glitt über seine Lippen. Der Inder würde der Auffassung der Akunganer verwirrt entgegentreten. Mit derartigen Lebenseinstellungen war sein Freund noch nie zuvor berührt worden. Jonas war froh, dass Kenji ihn nicht begleitet hatte. Die Worte von Dim-Kalir hätten ihn nicht nur durcheinandergebracht, sondern auch den Glauben an seine Religion angezweifelt.
„Sobald die Sonne im Zenit steht, wird hier auf dem Platz ein Festessen aufgetragen, ebenfalls um dem Gott zu huldigen. Das Herz eines erlegten Beutetieres wird dabei von zwei Kindern vor der Statue verbrannt, damit Kana-Tem daraus neue Kraft für das nächste Jahr schöpfen kann."
„Die Kinder spielen in Akunga auch eine große Rolle, nicht?", fragte Jonas.
„Ja", antwortete Dim-Kalir. „Sehen Sie nicht die dritte Statue am Haupttempel? Das ist auch ein Kind. Die Hanii. Sie hält die Welt in ihren Händen."
„Also sind die Kinder die Vertreter der Hoffnung?"
„So ist es. Durch sie ist die Zukunft der Stadt gesichert. Es mag vielleicht unbegreiflich klingen, aber hier in Akunga gilt das Wort eines Kindes genauso wie das Wort eines Erwachsenen. Mitunter auch mehr. Denn Kinder, so sagt man, haben einen reinen unverdorbenen Geist und lassen sich nicht so leicht beeinflussen." Der Medizinmann streckte seine auf dem harten Stein steif gewordenen Glieder und gähnte ausgiebig. „Sie können an dem morgigen Festessen teilnehmen, wenn Sie wollen. Aber zuvor werde ich Ihnen allen noch die Stadt zeigen. Das ist notwendig, damit Sie verstehen, warum Sie die Existenz von Akunga in keinem einzigen Wort erwähnen dürfen, wenn Sie wieder in die Zivilisation zurückkehren."

um die Mittagszeit
Mindanao

Doug Spear schob wütend einige Farnwedel zur Seite, wobei er sich an einem Dornenbusch das ohnehin schon recht zerschlissene Hemd aufriss. Er fluchte ein wenig, ließ jedoch nicht mit den Augen von den Fußspuren ab, die sich deutlich vom weichen Boden abhoben. Es waren dreizehige Klauenabdrücke von mindestens drei Tieren, begleitet von Menschenspuren. Einige von ihnen stammten von Nikes. Und es gab im ganzen verdammten philippinischen Dschungel nur einen einzigen, der diese Schuhe trug: Dawson.
Ivan Frederikson, ein strohblonder Schwede, der als Biochemiker bei der Biogenetics Co-operation in New York arbeitete, schüttelte missmutig den Kopf.
„Warum, zum Teufel, rennen Sie diesem bekloppten Typen hinterher, Doug?", fragte er mürrisch. „Wollen Sie etwa, dass wir diesen Raptoren auch noch zum Opfer fallen?" Er blickte kurz in die Runde. Viele waren nicht übriggeblieben. Da wäre zuerst Colin Webb, ein Großwildjäger und Ex-Söldner, ein gedrungener, stämmiger Mann von 42 Jahren, barsch und stets missmutig in seiner Art. Lyle Everad, ausgebildeter Zoologe und wohl der verfressenste Mensch auf Erden, schob gerade den bereits hundertsten Schokoriegel in sich hinein. Sein Gewicht schien eine halbe Tonne zu betragen, sein fettes Mondgesicht mit den winzigen Schweinsaugen und der dicken Kartoffelnase glänzte stets von Schweiß. Ray Burton, Paläobiologe und begeisterter Anhänger der Scientologie, hatte ein merkwürdiges Gewächs in den Händen, das er interessiert untersuchte. Und Melvin Turner, gerade mal sechzehn Jahre alt, machte einen relativ geknickten Eindruck. Sein Vater, Dr. Vance Turner, gefeierter Paläontologe in ganz Amerika, war bei dem Angriff der Raptoren zu Tode gekommen. Sein Verlust war ein tiefer Einschnitt in Melvins Leben, doch weder Doug Spear noch einer der anderen Männer nahmen Rücksicht auf sein trauerndes Herz. Der Junge war von Anfang an bloß Ballast für sie gewesen, sie hatten ihn nur mitgenommen, weil Vance darauf bestanden hatte. Doch der war nun tot und keiner musste nun mehr seinen Ansprüchen gerecht werden. Auch nicht denen seines Sohnes.
Sechs Leute, dachte Frederikson bei sich. Noch dazu ohne irgendwelche Verpflegung und Ausrüstung. Das Einzige, was sie alle bei sich trugen, waren Waffen. Messer, Pistolen und Gewehre. Frederikson hätte seine gerne gegen einen Big-Mäc getauscht. Doch hier im Dschungel auf einen McDonald zu stoßen, wäre mehr als märchenhaft gewesen.
„Hey, Doug!", rief er unwirsch. „Ich habe Sie etwas gefragt!"
Spear hielt inne, drehte sich und starrte den Schweden wütend an. „Warum ich diesem Dawson hinterherlaufe? Weil ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen werde, darum! Außerdem hast du wohl vergessen, warum wir hergekommen sind! Ohne Dinosaurier gehe ich nicht aus diesem Dschungel heraus, klar?"
Ivan und Melvin wechselten vielsagende Blicke. Der Schwede hatte das Gefühl, er und der Junge wären die einzig Vernünftigen in dieser Gruppe. Fettbacke und dem Scientologen war es egal, was Spear wollte. Und Webb dürstete nach Blut.
„Aber Doug..."
„Keine Widerrede!", fuhr ihn Spear an. „Es bleibt wie zu Anfang beschlossen!"

derweil nicht weit entfernt

Die Sonne stand im Zenit und ließ das sanft dahinströmende Wasser des Flusses glänzen. Ein knapp zwanzig Meter langer Sauropode beugte seinen langen Hals zum Trinken herab, beobachtete dabei neugierig die Gruppe von Kindern, die lachend im Fluss schwamm. Sie jagten einander, spritzten sich gegenseitig nass und kletterten auf dem platten Rücken eines gutmütigen Ankylosaurus herum, der behäbig im Wasser trieb und eine ideale Insel bildete.
Jonas deutete zu dem merkwürdig anmutenden Dinosaurier hinüber.
„Sieh dir diese lebende Festung an!", sagte er, während er das etwa zehn Meter lange Tier betrachtete, das bis zur Hälfte im Wasser stand. Man konnte lediglich seinen massigen Schädel mit den dicken, stumpfen Hornfortsätzen sehen, der über das Wasser ragte. Die runde abgeflachte Schnauze durchpflügte den Fluss nach Algen und Tang. Der Rücken des Ankylosaurus war breit und relativ flach. Knochenplatten, hier und da mit Dornen gespickt, bedeckten ihn beinahe vollständig. Der lange Schwanz mit der schweren Knochenkeule pendelte durchs Wasser, trieb den Saurier vorwärts wie ein Motorboot.
„Ein wahres Monstrum", murmelte Sarah. „Aber es scheint gutmütig zu sein. Jedenfalls macht es ihm nichts aus, dass die Kinder auf ihm herumtoben und ihn als Sprungbrett benutzen."
„In keinem wissenschaftlichen Buch stand etwas darüber, dass sich Panzerdinosaurier gerne im Wasser aufhalten und dort ihre Nahrung suchen", sagte Jonas, während er Ramienfasern zu einem Seil zusammenflocht. Ramien, kleine ostasiatische Nesselgewächse, wuchsen fast überall im Tal. Aus deren Rinde wurden reißfeste, seidig glänzende Fasern gewonnen, die man bevorzugt zur Herstellung von Textilien und Seilwaren benutzte. Auch die Bewohner Akungas hatten sich die guten Eigenschaften des malaiischen Gewächses zu Nutze gemacht und stellten allerlei lebenswichtige Dinge daraus her.
Jonas hatte einen dicken Büschel der Fasern über das rechte Bein gelegt, das er von sich ausgestreckt hatte, und flocht schmale Seile, die später zu einem dicken, strapazierfähigen Strick zusammengeknüpft werden sollten. Sie würden eines brauchen, um das Hochplateau zu erklimmen, auf dem sich der kleine Flugplatz befand. Denn das sie Akunga bald verlassen mussten, wussten sie. Jonas arbeitete schon eine knappe Stunde an dem Seil und schien nicht zu ermüden. Und trotz der flimmernden Hitze zeigte sich nicht ein Schweißtröpfchen auf seinem Körper. Er sah aus, als wäre er gerade erst nach draußen gekommen. Nur der goldene Bronzeton auf seiner Haut verriet, dass er schon entschieden länger in der Sonne saß. Er reckte kurz seinen Oberkörper, um die steif gewordenen Halsmuskeln zu entspannen, und fuhr dann mit seiner Arbeit fort.
„Du hast wohl vergessen, dass außer uns noch keiner auf dieser Welt leibhaftige Dinosaurier gesehen hat", erwiderte Sarah. „Erst recht kein Wissenschaftler."
„Grahm wird viel zu schreiben haben", grinste Jonas. „Er brennt schon richtig darauf, seinen Kolle... - Hey! Was soll das?"
Verdutzt starrte er auf den Saurier, der vor Kurzem noch aus dem Fluss gesoffen hatte, und sich nun über den Ramienhaufen beugte. Ein halbes Kilo Fasern hing aus seinem Maul. Der Saurier kaute zufrieden, gab ein dumpfes Brummen von sich.
„Der scheint das Zeug zu mögen", feixte Sarah. „Jetzt erklärt sich auch, warum die Akunganer ihre Häuser nah bei den Felsen gebaut haben, wo der Baumwuchs besonders dicht ist. Die Langhälse würden ihnen sonst das Dach vom Kopf fressen."
„Im Moment frisst das Vieh mein Seil", knurrte Jonas und beeilte sich, einen Teil der Ramienfasern vor dem hungrigen Riesen in Sicherheit zu bringen, der sich bereits mit der Zunge die zweite Portion in das große Maul gebaggert hatte. „Lass das liegen!", fuhr Jonas den Saurier an, als sich dieser erneut herabbeugte, und gab ihm einen Klaps auf die prustenden Nüstern. „Das glaubt mir doch kein Mensch! Ein Apatosaurus frisst mir doch tatsächlich... - Hey, lass das endlich!"
Der Sauropode kassierte einen weiteren Klaps, blinzelte verwirrt und trötete. Dabei stieß sein Kopf nach vorn und puffte Jonas in die Seite.
„Das soll wohl bedeuten, dass er sich von dir nichts sagen lässt", grinste Sarah.
Jonas brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schob den Kopf des Sauriers von sich, der ihn prustend beschnüffelte. Das Tier gurrte, hob den Kopf zurück in schwindelerregende Höhen und blickte einem Schwarm Flugsaurier hinterher, der über ihm kreiste. Es waren Pterodactylen, kleine Segler mit spitzen, leicht gebogenen Schnäbeln. Sie stießen laute Schreie aus, die entfernt an die Laute von Raben erinnerten. Doch waren die Daktylen schön. Die Unterseite ihrer Körper trugen leuchtende braune und weiße Schattierungen. In der Mittagssonne glitzerten feine haarähnliche Schuppen. Ein schillerndes Grün kennzeichnete die Schnäbel der Männchen, die Farbe der Weibchen war blau. Ihre schmalen gebogenen Flügel wurden von einem ausgeklügelten System aus Sehnen, Bändern, Haut und Muskeln gesteuert. Ein leichtes Zucken in Oberschenkel und Knie korrigierte die Spannung der Flügelmembran zwischen Vorder- und Hinterbein. Hautlappen an der Leitkante wurden von einem besonderen, zinkenähnlichen Knochen bewegt, der am Handgelenk ausgewachsen war. Sie spannten und lösten sich ständig, um die Effizienz des Luftstroms auf den Flügeln optimal zu nutzen. Selbst wenn die Daktylen so niedrig flogen, dass sie sich kaum in der Luft zu halten schienen, arbeitete die Flügelmaschinerie absolut fehlerfrei. Verringerte sich die Fluggeschwindigkeit beim langsamen Aufstieg, öffneten die Handgelenkknochen einen Schlitz in der Leitkante, ließen einen Teil des Luftstroms hindurch und verhinderten so, dass der Flügel an Auftrieb verlor.
„Was für merkwürdige Wesen", murmelte Sarah und fuhr sich durch das glänzende Haar. „Irgendwie ist hier alles merkwürdig... aber trotzdem schön... - Weißt du, an was mich dieses Tal hier erinnert?"
Jonas blickte von seiner Arbeit auf. „Hm?"
„An den Garten Eden."
Ihr Freund grinste breit. „Klingt nicht schlecht... - Wenn du meine Eva bist..."
Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß und sah zu ihm auf. „Reicht es auch, wenn ich ganz einfach nur deine Sarah bin?"
„Vollkommen!", lächelte er, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich. Sie lächelte, legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich hinunter. Er ließ das Geflecht aus Ramienfasern sinken, beugte sich zu ihr und küsste sie. Sanft strich er über ihr Gesicht und durch ihr Haar. Sie griff nach seinem Kopf, schob ihn leicht abwärts, so dass seine Lippen ihren Hals berührten, lehnte sich zurück und ließ sich liebkosen. Seine Arme schlossen sich um ihre Taille, er spürte ihre Hände, die sanft durch sein Haar strichen.
„Erwischt!", rief jemand hinter ihnen, und Jonas stöhnte gequält. Mit leicht mürrischen Gesichtszügen tauchte er wieder aus Sarahs Halsbeuge auf.
„Kevin! Dieses Tal ist drei Quadratkilometer groß und du bist ausgerechnet hier!"
Sein jüngerer Bruder grinste breit. „Was ist schlimm daran? Störe ich euch bei irgend etwas?"
„Wenn ich ja sage, verschwindest du dann?"
„Nö."
„Nerv' jemand anderen."
„Das geht leider nicht", bedauerte Kevin. „Ben, Jerry und Kirochima ziehen mit dem Medizinmann durch das Dorf und lassen sich dort alles erklären und Kenji hockt mit den beiden Fibbis am Computer."
Kevin setzte sich ans Flussufer und ließ die Beine im Wasser baumeln. Er zog eine Kette hervor und ließ sie vor Sarah baumeln.
„Die hat mit ein Junge aus dem Dorf geschenkt. Dim-Kalir hat mir erklärt, dass sie von den Leuten hier als Glücksbringer angesehen wird. Sie wird aus Leder, Raptorzähnen und so merkwürdigen dunkelgrünen Steinen hergestellt."
Jonas nahm ihm die Kette aus der Hand und hielt sie ins Licht.
„Das sind Malachiten", sagte er. „Ich wusste ja gar nicht, dass es in Akunga Kupfererzlagerstätten gibt."
„Bist du sicher, dass das da Kupfercarbonat ist?", fragte Sarah zweifelnd. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier Kupfererz gibt. Das wird vorwiegend in Amerika, Australien und jenseits des Uralgebirges gefunden."
Jonas betrachtete die Steine genauer. Sie waren alle smaragd- bis schwarzgrün, mit hellgrünem Strich. Sie waren nur oberflächlich geschliffen worden, der splitterige, schalige Bruch war noch deutlich zu sehen. „Achaten können es nicht sein. Denn in der Natur können diese Steine nicht derart leuchtende Farben hervorbringen. Und für einen Chrysopras ist die Farbe zu dunkel und die Stücke zu glatt und dicht. Die vom Chrysopras sind sehr rissig, und außerdem sind die grünen, von Nickelsilicaten hervorgerufenen Farbschattierungen auf diesen Steinen viel zu unregelmäßig verteilt, als dass man sie für derart große Schmuckstücke verwerten könnte. Und für Smaragden sind die Dinger hier zu dunkel."
„Alles klar, Herr Professor!", grinste Sarah. „Du bist ja besser als Scully!"
„Das hier habe ich auch noch bekommen." Kevin holte einen Beutel hervor, der mit kleinen, rundgeschliffenen Steinen gefüllt war. Sie waren kornblumenblau und glänzten in der hellen Mittagssonne.
„Saphire", sagte Jonas. „Ganz zweifellos. Und noch dazu so viele auf einmal."
„Sie sehen aus wie Murmeln", sagte Sarah und drehte die Steine in den Fingern.
„Die Kinder hier benutzen sie auch als Murmeln", erwiderte Kevin. „Im Dorf spielen viele von ihnen damit."
„Auch kein für die Philippinen typisches Mineral. Na ja, in Thailand wurden mal ein paar Saphire gefunden, aber das liegt viel weiter im Nordwesten."
Sarah grinste. „Ist das nicht wie ein Traum? Kinder spielen mit Edelsteinen Murmeln, die Menschen machen sich nichts aus Geld und Gut, und noch dazu wohnen sie in einem perfekten von einer atemberaubenden Schönheit geprägtem Ökosystem."
„Vielleicht war dein Vergleich mit dem Garten Eden gar nicht so falsch", grinste Jonas.
Kapitel 7 by Kit-X
auf dem Plateau

Spear ließ seinen Blick über das weite Tal schweifen. Er saß zwischen einigen Büschen, nicht weit vom großen Wasserfall entfernt, wo die schillernden Fluten aus dem Berginneren in die Tiefe schossen. Neben ihm saßen Ivan und die anderen, die Blicke, ebenso wie er selbst, auf das atemberaubende Panorama unter ihnen gerichtet.
„Wer sagt's denn? Da sind sie ja! Ganze Herden von ihnen!", sagte Colin Webb und robbte weiter vor. „Mein Gott, gegen diese Tiere ist ein ausgewachsenes Nashorn ja direkt langweilig für einen Wilderer, der sein Handwerk versteht..."
„Du wirst noch früh genug Trophäen einheimsen können", knurrte Spear. „Und bis ich dir nicht die Erlaubnis dazu gebe, lässt du deinen Bärentöter hübsch auf dem Rücken, klar?"
„Was glauben Sie? Ob dieser Dawson hier irgendwo ist?", fragte Ray Burton.
„Wenn er nicht vorher von einer Herde Raptoren zerrissen wurde", knurrte Webb mürrisch.
„Gebt mir ein Fernglas!", befahl Spear.
Lyle Everard wühlte in seinem Rucksack herum und drückte seinem Boss eins in die ausgestreckte Hand. Spear hielt es nicht für nötig, sich zu bedanken, und startete seine Rundschau.
An einem Ende des Tals erhoben sich riesige Tempalanlagen. Spear sah die drei eingemeißelten Gottheiten am Haupttempel, die sich in den Himmel zu wachsen schienen.
„Was ist das?", fragte Ivan neben ihm.
„Woher soll ich das wissen!", fauchte ihn Spear an. „Bin ich etwa ein Hellseher?"
Er schwenkte das Fernglas und sah nun die riesigen Seen, die aus dem Fluss entwuchsen. Kinder badeten darin. Sie sahen aus wie südamerikanische Waldmenschen. Saurier tummelten sich scheinbar überall. Am und im Wasser, auf den Hügeln, in den Wäldern und bei den Steilwänden, mit denen das Tal von der Außenwelt abgeschlossen wurde.
„Dort unten stapft der Reichtum unserer Zukunft herum", knurrte er und ein breites Grinsen legte sich auf seine schmalen Lippen. „Wir werden reich, Jungs! Stinkreich!"
Er ließ das Fernglas erneut schwenken. Dabei fiel sein Blick auf den großen Sauropoden am Fluss. Neben ihm saß eine kleine Gruppe von Menschen, die sich zu unterhalten schien.
„Everad?"
„Hm?"
„Welche Haarfarbe haben normalerweise alle Ostasiaten?"
„Schwarz, was sonst?"
„Bist du ganz sicher, dass es da keine Ausnahmen gibt?"
„Die einzigen Ausnahmen sind Nichtasiaten", erwiderte Lyle grinsend, während er sich ein Snickers in den Mund schob. Seine ohnehin schon viel zu dicken Backen schienen an Masse zu gewinnen. „Wieso fragen Sie?"
„Weil die Drei da unten nicht gerade wie Eingeborene aussehen. Ein Mädchen mit langen roten Haaren, ein kleiner Braunhaariger und ein Blonder mit breiten Schultern."
„Und?"
„Du Trottelgesicht!", zischte Spear. „Denk doch mal scharf nach! An was erinnern dich diese Bälger?"
Lyle Everard schluckte sein Snickers hinunter und pulte die Erdnussreste aus den Zähnen. „Also, Dawson ist nicht dabei. Der hat dunkelbraune..."
„Vollidiot!", schrie ihn Spear an. „Die Schmarotzer da unten gehören zu Grahm! Na, klingelt's jetzt endlich bei dir? Ist der Groschen gefallen?"
Lyle runzelte die Stirn und ließ in seinem Zähnepulen inne. „Ich dachte, die sind mit der Gondel abgestürzt und tot..."
Spear schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Mann! Langsam kommt er drauf!"
„Sie glauben also, dass die den Absturz in den Dschungel überlebt haben?"
„Es sieht ganz danach aus", murmelte Rob.
„Das ist allerdings nicht gut für sie!", knurrte Colin Webb.
Spear hob beschwichtigend die Hand. „Immer mit der Ruhe, großer Jäger! Wer weiß? Vielleicht können die uns bei unserem Unterfangen noch nützlich werden? Schließlich haben sie und Dawson uns ja auch hierher geführt."
„Sie glauben, dass sich dieser Trottel Grahm und seiner Bande angeschlossen hat?"
„Es sieht ganz danach aus", knurrte Spear. „Und glaube mir, für das wird der Junge noch bitter bezahlen!"

gegen drei Uhr Nachmittags
Akunga

Die Stimmung vor dem großen Haupttempel war fröhlich und ausgelassen. Man hatte lange Tischreihen aufgestellt, auf der allerlei Speisen standen. Es war ein Festtag. Der Tag der Zeba. Und alle Bewohner von Akunga nahmen daran Teil. Es wurde gegessen, getrunken und gelacht, nirgendwo sah man einem Menschen mit traurigem Gesicht.
„Was ist das?" Sarah beäugte misstrauisch den tiefen Holzteller, den man vor ihre Nase gestellt hatte.
„Hidu-Munali", antwortete Dim-Kalir. „Es schmeckt sehr gut. Das Fleisch stammt von den Sauriern, die ihr Chompsognathen nennt. Es ist sehr zart und äußerst delikat. Das dort ist ein Mus, das aus den hiesigen Früchten gekocht wird. Es schmeckt ähnlich wie Preiselbeerkompott. Man isst es zusammen mit dem Matak, dem hiesigen Fladenbrot aus Stärke, das aus Palmenmark gewonnen wird. Das da, was aussieht wie Spinat, ist eine der wohl vitaminreichsten Pflanzen unserer Erde. Sie wächst nur hier und ist bis auf den Eingeborenen jedem unbekannt. Man nennt sie Schuning, was so viel wie gutes Kraut bedeutet. Vom Geschmack her könnte man es mit in Essig eingelegter Sellerie vergleichen. Und das ist Junchitschui, eine weitverbreitete Frucht in Akunga. Sie schmeckt ein wenig wie Aprikose."
Sarah tauchte ihren Finger in das orangefarbene Mus und steckte ihn dann in den Mund.
„Hm, nicht schlecht."
Während sie aßen, beobachteten die Fremden alles ringsum, sogen es in sich auf: Die Tänzerinnen vor dem Tempel, die Männer um den großen Bratspieß, den sie über dem Feuer drehten und auf dem das üppige Fleisch duftend vor sich hin briet. Die Kinder, die lachend mit ihren Saphiren Murmeln spielten. Die kleinen zweibeinigen Saurier, die zwischen den Tischen hin und her huschten und darauf warteten, dass auch für sie etwas abfiel. Eine Handvoll Daktylen hatte sich auf die weitausladenden Äste eines alten von Moos und Flechten bewachsenen Baumes gesetzt und stießen sich hin und wieder ab, breiteten ihre Schwingen aus und suchten von oben nach Beute. Zwei Hunde saßen schwanzwedelnd vor mehreren Männern, die sich lachend und schwatzend über das Essen hermachten, und bettelten um einen Happen Fleisch. Ein weißgelber Kakadu erhob sich laut zeternd von seinem Platz am Bratspieß, als ihn ein Raptor fauchend ansprang. Der Vogel kreischte, zwickte den Raubsaurier im Flug mit seinem kräftigen Schnabel in die Flanke und gesellte sich dann zu den Daktylen im Baum.
Jonas beobachtete nachdenklich die braunbepelzten Flieger mit den weißen Mustern auf der Brust und den gelborangenen Schnäbeln, während er aß.
„Warum verlassen sie dieses Gebiet nicht?", fragte er plötzlich.
Dim-Kalir, der neben ihm saß, hob den Kopf. „Die Flugsaurier?"
„Nicht nur die. Was ist mit dem Mosasaurier, dem wir auf dem Fluss begegnet sind? Ich dachte immer, er würde im Meer leben."
„Oh, manchmal tun sie es", erwiderte der Medizinmann. „Aber nur sehr selten und nur einige Arten von ihnen, meistens kleine Saurier, wie die Compsognathen. Alle Dinosaurier, die größer sind als Menschen, gibt es nur noch auf einem einzigen Fleckchen Erde, nämlich hier. Die Verhältnisse in Akunga sind folgendermaßen: Die Luft hier enthält mehr Kohlendioxid und dafür weniger Sauerstoff, eine wahrhaft optimale Bedingung für jede Art von Reptil. Vor einigen Millionen Jahren war dieser Unterschied noch viel extremer. Doch diese Luftzustände änderten sich vor knapp achtzig Millionen Jahren langsam, Stück für Stück, bis sie die heutigen Messwerte erreicht hatten. Und diese sind für die meisten Dinosaurier in mehr als zweiundneunzig Prozent der heutigen Erdfläche tödlich. Sie vertragen diese gravierenden Klimaunterschiede absolut nicht. Die Großen sind allesamt Kaltblüter. Sie können nur in Tropengebieten wie diesen hier leben. Und davon gibt es nicht viele."
„Welche können die Insel verlassen?", fragte Mulder, und seine Stimme klang ernst. Als der Medizinmann ihn verständnislos anblickte, fügte der Agent hinzu, dass es viele Todesfälle gegeben habe, die man beispielsweise auf Dilophosaurier zurückführen könne. Die Speichelproben aus Jakarta würden das nur belegen.
„Ja, sie können die Insel verlassen", sagte Dim-Kalir dumpf, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte. „Leider."
„Und? Welche noch?"
„Die Compsognathen, wie bereits erwähnt. Die kleinen warmblütigen Räuber halt."
„Und die Flugsaurier? Die Meeresechsen? Was ist mit denen?"
„Die Flieger sind warme Thermik gewöhnt, ohne viel Wind. Und die Meerechsen, wie ihr sie nennt, vertragen weder den heutigen Salzgehalt noch die Temperatur des Indischen wie Pazifischen Ozeans. Dazu kommt noch die zunehmende Umweltverschmutzung mit Stoffen, die es zur Zeit der Dinosaurier nicht gab und die für sie Gift sind."
Sarah wurde nachdenklich. „Das bedeutet, dass Akunga der letzte Ort auf Erden ist, wo diese Tiere noch vorzufinden sind, weil sie nirgendwo sonst überleben können."
„So ist es", nickte Dim-Kalir. „Sie sind die letzten Vertreter ihrer Art, einer Welt angehörend, die nur noch hier existiert, weitab der Zivilisation."
„Jetzt verstehe ich, was Sie gestern Abend gemeint haben", sagte Sarah leise. „Ich meine, dass wir niemanden davon erzählen, auch nur andeuten dürfen, dass es ein Überbleibsel des Mesozoikums gibt, einer..."
„Vergessenen Welt", vervollständigte Scully den Satz. „Und es ist das Beste, wenn sie unter uns bleibt und niemals an die Öffentlichkeit dringt."
„Dann sollten sie lieber auch ihre Schreiberei lassen, Ben", feixte Kenji mit einem schelmischen Seitenblick auf Grahm.
„Aber diese Dilophosaurier", wandte Mulder ein. „Sie sind eine Gefahr für die Menschen. Das können Sie nicht dementieren, Dim-Kalir. Vier registrierte Menschenleben gehen schon auf das Konto dieser Echsen. Es wird sie bestimmt überall auf den Pazifikinseln geben, vor Allem in Indonesien."
„Was soll ich dagegen tun?" Der Medizinmann hob hilflos die Schultern. „Ich habe diese Wesen nicht unter Kontrolle, so wie die Raptoren..."
In diesem Moment fielen ohrenbetäubende Schüsse und ein entsetztes Geschrei ging durch die Reihen der Akunganer. Jonas ließ vor Schreck den Schenkelknochen fallen, an dem er eben gerade noch genagt hatte, und blickte auf.
Dort, mitten auf dem Festplatz, wenige Schritte vom Tempel entfernt, stand eine Handvoll Männer, bis zu den Zähnen bewaffnet mit schweren Jagdgewehren und Pistolen. Einen von ihnen erkannte Jonas sofort. Es hätte viel bedurft, um dieses babyhafte, doch in jeder Form linkische Gesicht zu vergessen: Das Gesicht Spears...

„Kommen wir auch pünktlich zum Fest?"
Diese Worte, dermaßen zynisch ausgesprochen, ließen Jonas vor Zorn zittern. Auch Jerry neben ihm zitterte. Aber aus Angst vor seinem Boss, der so plötzlich auf der Bildfläche erschienen war.
Spear schritt gemächlich, eher arrogant, dieser Begriff passte einfach besser, auf die kleine Gruppe der Amerikaner zu. Als sich ihm fauchend einer der Raptoren entgegenstellte, hob er seine Maschinenpistole. Die Schüsse hallten im Tal wieder, waren dermaßen ohrenbetäubend, dass sich die Menschen ängstlich die Ohren zuhielten. Die Salve aus Spears Waffe zerriss den Raptoren schier in der Luft. Mit einem heiseren Schrei bäumte sich das Tier auf, knickte dann ein und schlug dumpf auf dem Boden auf. Es zuckte, wimmerte kläglich. Überall war Blut.
Die anderen Raptoren heulten wütend auf, wollten sich auf Doug stürzen, der erneut seine Pistole hob. Dim-Kalir riss entsetzt die Arme hoch. „Havano-Kavo!", rief er panisch. „Havano-Kavo!"
Die Raubsaurier hielten inne, wichen langsam zurück. Doch das mörderische Funkeln in ihren bernsteinfarbenen Augen wollte nicht weichen. Bedrohlich zischend und knurrend traten sie neben den Medizinmann, doch ihre Flanken bebten, die Beinmuskeln spielten. Sie warteten nur darauf, dass ihnen ihr Meister den Befehl zum Töten gab, um ihren Artgenossen zu rächen, der noch immer wimmernd auf der Erde lag, von einer sich weiter ausbreitenden Blutlache umschlossen. Ein Raptor beugte sich über ihn, fiepte traurig und stupste sanft mit der Schnauze gegen die Schulter des Sterbenden. Doch der war zu schwach, um den Kopf zu heben. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge, der Atem erfolgte schnell. Das Tier röchelte von Krämpfen geschüttelt, das Maul öffnete sich zu einem heiseren Schmerzensschrei.
Sarah senkte rasch den Blick. Tränen standen in ihren Augen und sie hielt sich hastig die Ohren zu, als der markerschütternde Schrei des Raptoren über den Festplatz hallte. Jonas nahm sie in die Arme, wiegte sie beruhigend hin und her. Voll entfesselter Wut starrte er Spear an, der beim Anblick des leidenden Sauriers nicht einmal mit der Wimper zuckte.
„Geben Sie dem Tier um Gottes Willen den Gnadenschuss!", schrie ihn Mulder an.
„Warum sollte ich eine weitere Kugel für diese Bestie verschwenden?", entgegnete der Biogenetiker und beobachtete mit widerlichem Wohlgefallen das von höllischen Schmerzen gepeinigte Tier, das schreiend austrat, mit dem Kopf in die schlammige Erde schlug, immer mehr Blut verlor und von einem weiteren Krampf gepackt wurde.
„Sie können ihn doch nicht so leiden lassen!", rief Jonas fassungslos.
„Ich kann machen, was ich will", gab Spear eiskalt zurück. „Und jetzt halten Sie's Maul, sonst enden sie so wie dieses Vieh!"
Spear bemerkte nicht, dass einer seiner Begleiter, ein stämmiger Mann mit blondem Haar und skandinavischem Aussehen, neben den sterbenden Raptoren trat, der erneut schrie. Der Schrei ging in ein klägliches Wimmern über, unterbrochen von stoßweisem Röcheln. Aus seinem Maul floss Blut. Der Mann hob sein Gewehr, zielte auf den Schädel des leidenden Tieres und drückte ab. Der Schuss krachte, unsägliche Stille folgte. Der Raptor war tot.
Spear fuhr herum. „Warum hast du das getan, Ivan?", fauchte er. „Das Vieh hätte auch ohne deine Hilfe verrecken können!"
Frederikson ließ das Gewehr sinken und sah seinem Boss mit einem stechenden Blick an. „Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt. Außerdem war nie die Rede davon, Tiere auf diese Weise umzubringen, Doug. Kein Wesen verdient es, so zu sterben."
„Werde mir bloß nicht sentimental, du Schwachkopf!" Spear schnaubte abfällig. Dann wandte er sich wieder um. Seine widerwärtig eisblauen Augen musterten die Amerikaner.
„Schön Sie einmal persönlich kennen zu lernen, Grahm", sagte er höhnisch. „Und Sie, Dr. Quinn. Oder Sie, Agent Mulder. Wie verrückt! Ein Treffen inmitten der Undurchdringlichkeit des Dschungels, ist das nicht verrückt? Und noch dazu ein Wiedersehen! Ein Wiedersehen mit unserem alten Freund Jerry! Welcher Trottel hat dir geholfen, bis jetzt am Leben zu bleiben?"
Dawson schwieg, zitterte unter den Blicken Spears. Er schloss die Augen und wünschte sich, das alles wäre nur ein böser Traum und er würde jeden Moment aufwachen. Schweißgebadet und verängstigt, aber in Sicherheit. Doch er träumte nicht.
Spear trat näher an ihn heran, so nahe, dass Dawson seinen schlechten Atem nach billigem Whisky riechen konnte.
„Weißt du, was Exekution ist?", zischte Doug. „Weißt du es?"
Dawson schwieg.
„Weißt du, was man im Mittelalter mit Ketzern gemacht hat?", raunte Spears Stimme wie aus den Tiefen der Gruften der Hölle. „Mit den Zauberern und Hexen?"
Dawson schwieg.
„Weißt du, was man mit den Juden gemacht hat, im Zweiten Weltkrieg unter Hitler? Na, weißt du es?" Spear trat noch näher, seine Augen wirkten wie zwei messerscharfe Dolche. Ganz nah kam er, feuerte diese Dolche auf den zitternden Dawson und zischte boshaft, zischte voller Mordlust, doch laut genug, dass es jeder vernehmen konnte: „Das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was ich mit dir machen werde! Was ich mit euch allen machen werde!"
„Boss, das war nicht..."
„Schweig, Ivan!", brüllte Doug. „Hier bestimme ich! Und wenn dir das nicht passt, dann stell dich zu denen dazu und lass dich niedermetzeln, so wie es sich für Verräter gehört!"
Der Schwede schwieg und auch Melvin, der neben ihm stand, war unwohl.
„Sperrt diese Bastarde in den Tempel!", befahl er und zeigte auf die Akunganer. „Wenn einer muckst, wird er sofort erschossen! Mach das deinen verblödeten Waldaffen klar, Medizinmann! Und der Rest kommt in die Hütte dort hinten! Bewacht sie gut, die hebe ich mir zum Schluss auf! Los, dallidalli!"

etwas später

Ivan Frederikson war tief aufgewühlt. Was Spear da vorhatte, hatte nichts mehr mit der Sache zu tun, wegen der sie nach Mindanao gereist waren. Kein bisschen, um genau zu sein. Was brachte diesen Verrückten dazu, unschuldige Menschen umzubringen, die nicht einmal wussten, aus welchem Grund sie sterben sollten? Wenn Ivan ehrlich sein sollte, wusste er es auch nicht. Sein Groll gegen Doug wuchs mit jeder weiteren Minute, in der er dem Biogenetiker ausgesetzt war. Und er fasste einen Entschluss.
Während Spear, Everad und Burton die Eingeborenen in den Tempel trieben und Webb alle Raptoren abknallte, die es wagten, sich ins Geschehen einzumischen, brachte Ivan zusammen mit Melvin die Amerikaner und den Medizinmann zur angewiesenen Steinhütte. Dabei beobachtete der Schwede die Gruppe genau. Da wäre zuerst Ben Grahm, der Mann, der Spear so verhasst war - aus welchen Gründen auch immer. Neben ihm gingen Dawson und dieser ehemalige Geheimdienstagent Barrett. Eine etwa fünfundzwanzigjährige Asiatin folgte mit gesenkten Blicken. Sie hatte dem braunhaarigen Jungen, der, soweit Ivan wusste, Kevin hieß, den Arm tröstend um die Schulter gelegt. Dann kam der Inder, ein gutaussehender junger Mann mit grobknochigem Gesicht und schulterlangen, im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden Haaren. Nach ihm folgten die beiden FBI-Agenten. Den Abschluss bildete der Medizinmann mit Jonathan Quinn und dem Mädchen.
Als sie die Hütte erreichten, ließ Ivan die Gefangen eintreten und wies Melvin an, an der Tür stehen zu bleiben und sofort zu melden, wenn sich Spear oder einer der anderen auch nur entfernt blicken ließ. Dann trat er ebenfalls in die Hütte, schob die Tür hinter sich bis auf einen Spaltbreit zu, so dass Melvin alles hören konnte, was im Inneren der Hütte geschah und zündete eine Fackel an. Was er sah, waren zehn Gesichter, teils wütend, teils erschüttert, teils beinahe mordlustig. Ivan stellte das Gewehr an die kalte Steinwand und trat dann einige Schritte davon weg.
„Hört zu, ich habe nicht vor, euch zu erschießen. Ich werde euch überhaupt nichts antun. Was Spear vorhat, schlägt bei mir keine Wurzeln. Und bei Melvin auch nicht." Er wies auf den Jungen vor der Tür. „Aber die anderen drei halten fest zu diesen Biopfuscher. Vor allem Colin Webb."
Vince beäugte Ivan voller Misstrauen. „Wenn Sie mit Spears Machenschaften nichts zu tun haben wollen, warum halten Sie uns dann dieser Hütte fest?"
„Ich möchte nicht nur, dass Ihnen nichts geschieht. Ich habe auch Angst um mich und Melvin. Spear ist zu allem fähig. Wir werden nicht alleine mit ihm fertig..."
„Und was ist mit all den Menschen, die außer uns sterben müssen? Vielleicht jetzt im Moment, irgendwo im Tempel?", fragte Mulder mit einem wütenden Funkeln in den haselnussbraunen Augen.
„Er wird sie wahrscheinlich nicht töten. Aber auch sie können wir nur befreien, wenn wir zusammenhalten", sagte Ivan eindringlich.
„Woher sollen wir denn wissen, dass wir ihm trauen können?", zischte Grahm. „Wer weiß, ob das nicht alles eine Falle ist?"
Vince trat näher an Ivan heran. Seine Blicke schienen den Schweden zu durchleuchten wie Röntgenstrahlen.
„Wie heißen Sie?"
„Ivan Frederikson. Der Junge dort draußen heißt Melvin Turner. Er ist eigentlich nur auf Wunsch seines Vaters mitgekommen. Doch der ist von den Raptoren getötet worden. Genauso wie sieben weitere Männer. Zum Glück war auch Pount unter ihnen. Würde dieser Drecksack noch leben, sähe die Sache noch schlimmer aus."
Jerry Dawson tippte Vince auf die Schulter. „Ich glaube, dass wir Ivan trauen können. Ich kenne ihn schon länger und bezweifle, dass er dazu fähig wäre, uns umzubringen. Und Melvins Vater war ein loyaler Mann, ein guter Paläontologe..."
„Ja, ich kannte ihn auch", stimmte Grahm zögerlich zu. „Er war zwar ein wenig still und zurückgezogen, doch wahrlich nicht auf den Kopf gefallen..."
Vince warf noch einmal einen kurzen Blick auf Frederikson und nickte dann. „Gut. Wir vertrauen Ihnen."
„Ich danke Ihnen. Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, unversehrt wieder aus diesem Dschungel herauszukommen."
„Tja, die Frage ist nur, wie", murmelte Grahm. „Wir sind zwölf Leute gegen vier schwerbewaffnete und zudem skrupellose Männer, die vor nichts zurückschrecken..."
„Eigentlich sind wir nur acht", sagte Vince. „Kevin ist noch ein Kind und Sarah und Miss Pacal..."
„Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Dad", schritt seine Tochter beinahe ärgerlich ein. „Ich habe schon ganz andere Dinge durchgestanden!"
„Und ich will auch dabei sein!", rief Kevin dazwischen.
„Du bleibst hübsch da, wo es sicher ist!", brummte Jonas.
„Warum sollte ich? Das hast du auch nie gemacht! Du warst überall dabei! Und da warst du noch sehr viel jünger als ich!"
„Du musst mir das ja nicht alles nachmachen, oder?"
„Aber..."
„Jonas hat Recht, Kevin", sagte Vince bestimmt. „Du, Sarah und Miss Pacal, ihr werdet euch so gut wie möglich aus dem ganzen Geschehen hier heraushalten. Und Dim-Kalir sollte lieber auch eine ruhige Kugel schieben."
„Mir bleibt gar nichts anderes übrig", erwiderte der Medizinmann. „Mein Körper macht nicht mehr allzu viel mit. Schließlich wird jeder mit der Zeit älter..."
„Anstatt darüber zu diskutieren, wer sich an unserer Aktion beteiligt, sollten wir diese erst einmal planen!", ergriff Mulder das Wort.
„Es gibt nur eine Möglichkeit", erwiderte Dim-Kalir. „Zarus, der Vollstrecker."
Jonas runzelte die Stirn. „Zarus? Sie wollen jetzt allen Ernstes auf einen Gott vertrauen?"
Der Medizinmann lächelte. „O ja. Zarus ist ein existierender Gott, der Sohn des Kana-Tem. So erzählt man wenigstens in Akunga. Zarus lebt aber nicht hier im Tal, sondern draußen im Dschungel. Wäre er hier, würde er Akunga zerstören mit seiner Wucht und Gewalt. Sein Zerstörungseifer würde ihn dazu verleiten."
„Könnten Sie endlich mal Klartext reden?", murmelte Grahm. „Ich verstehe absolut nicht, wovon Sie sprechen. Wer ist Zarus?"
„Das Tier, das ihr die Tyrannenechse nennt."
„Der T-Rex?"
Dim-Kalir nickte. „Ja. Nur er kann mit Spear unbeschadet abrechnen. Schüsse aus Maschinenpistolen sind für ihn nur Mückenstiche, solang nicht seine Augen getroffen werden. Das ist seine einzige empfindliche Stelle. Sobald er im Tal ist, wird er alles vernichten, was nicht hierher gehört. Und zwar alle Menschen ohne das Gahni-Dah..."
„Was ist das?", fragte Ivan.
Der Medizinmann holte zwei Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. „Das hier ist es. Es ist ein Kraut, das von den Dinosauriern als Freund angesehen wird. Der, der einen Beutel davon um den Hals trägt und nach Gahni-Dah riecht, ist in den Augen jedes Sauriers jemand, der beschützt werden muss. Jeder andere muss getötet werden. Das ist das Gesetz von Akunga."
Dim-Kalir hängte Ivan den einen Beutel um den Hals, den anderen ließ er von Kevin zu Melvin bringen, der noch immer vor der Tür stand und Wache hielt.
„Sie haben noch nicht gesagt, wie wir diesen Zarus in das Tal bekommen", sagte Jonas. „Wenn er draußen im Dschungel lebt, außerhalb der steilen Felswände, wie kann er denn zu Akunga gelangen?"
„Durch den Tempel. Die Rückwand dieses Gebäudes ist mit einem Mechanismus versehen. Wenn dieser betätigt wird, öffnet sich das Tor zwischen der Inneren Welt und dem Dschungel. Es ist extra für die großen Saurier geschaffen worden, die nicht durch das Schattenreich zwischen hier und dort hin und her gehen können."
„Wo verbirgt sich dieser Mechanismus?", fragte Scully. „Wenn er im Tempel selbst ist, haben wir kaum eine Chance, ihn zu betätigen."
„O nein, er ist nicht in diesem Tempel dort draußen", sagte Dim-Kalir. „Der Tempel Hin, das Tor, liegt etwa sechs Kilometer von hier entfernt, am anderen Ende des Tales."
„Sechs Kilometer durch den Dschungel?" Grahm schüttelte entmutigt den Kopf. „Wie, zum Teufel, sollen wir da bloß so schnell wie möglich hinkommen?"
„Das ist kein großes Problem", erwiderte Dim-Kalir und lächelte. „Kommen Sie mit mir!"
Sie verließen die Hütte, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass weder Spear noch die Söldner sie sehen konnten. In gebückter Haltung huschten sie unter den mannshohen Farnsträuchern hindurch. Dim-Kalir führte sie verschlungene Pfade entlang, über mit Felsbrocken durchsetzte Bäche und unter dem Blätterdach gewaltiger Koniferen hindurch. Die Dschungelstadt musste bereits einige hundert Meter hinter ihnen liegen.
„Wohin führen Sie uns?", raunte Grahm, als sie sich durch dichte Zykadophytenwedel kämpften.
„Zu einem geheimen Ort", antwortete der Medizinmann gedämpft. „Zu der Lura."
„Was ist denn das schon wieder?", grummelte Mulder.
„Das unterirdische Labyrinth von Akunga", erwiderte Dim-Kalir. „Der geweihte Ort, den nur sehr wenige Menschen betreten dürfen."
Sie huschten weiter, vorbei an unzähligen urigen Pflanzen, die auf der restlichen Welt schon teilweise ausgestorben waren, vorbei an Koniferen, Ginkobäumen, Schachtelhalmen, Bennettitaceen und Araukarien, bis der Medizinmann endlich stehen blieb und auf eine massige Sumpfzypresse deutete.
„Wir sind jetzt da."
Er ging um den gewaltigen Baum herum, dessen kräftige Wurzeln teils überirdisch lagen und an einigen Stellen einen Durchmesser von einem halben Meter haben mussten. Dünnes, ausgefranstes Wurzelwerk hing wie ein gewaltiger Vorhang über dem Boden. Dim-Kalir schob es zur Seite und trat in einen dahinter liegenden Hohlraum. Seine Begleiter folgten ihm.
Der Hohlraum war gewaltig. Menschen mussten ihn unter größter Anstrengung ausgehoben haben. Stufen aus hartem Lehm führten von der Oberfläche in ihn hinab. Der Hohlraum war etwa zehn Meter hoch und etwa dreimal so lang. An der gegenüberliegenden Längsseite führten unzählige Tunnel tiefer in das Erdreich hinein.
„Das ist die Lura", sagte Dim-Kalir und strich beinahe andächtig über die erstaunlich glatten Lehmwände. „Sie ist so alt wie die Stadt selbst, aber noch immer nicht vollkommen. Seit Jahrhunderten baut man hier unten, legt weitere Tunnel an, die überall in das Tal führen sollen."
„Gibt es auch schon einen, der zum Tor führt?", erkundigte sich Sarah, während sie die gewaltige Kuppel über sich bestaunte. Mit bunten Farben aus Lehm waren Figuren an die Wände gemalt wurden, die den Höhlenmalereien aus der Steinzeit ähnelten. Sie unterschieden sich jedoch in der Qualität. Man konnte genau erkennen, wieviel Mühe sich die Künstler mit ihren Bildern gegeben hatten.
„Nein, leider nicht. Der Tunnel ist noch in Arbeit. Aber wir können einen Gang benutzen, der uns unter dem größten Teil des Urwaldes hindurchführt und uns somit einen äußerst beschwerlichen Weg erspart."
Er ging auf einen der Korridore, die ins scheinbare Nichts zu führen schienen, zu. Vor dem Durchgang nahm er eine lodernde Fackel von einem Halter in der Wand und ging voran, hinein in den Tunnel.
Jonas' Augen weiteten sich vor Erstaunen, als das unruhig flackernde Licht der Fackel auf die Höhlenzeichnungen fiel, die den gesamten Gang zu zieren schienen. Er sah wundervolle Bilder von den Tempeln und Darstellungen der Feste Riten. Ganze Geschichten wurden dort in Bildern erzählt, Legenden von tapferen Helden und Mythen von den Göttern, Kämpfe zwischen Mensch und Saurier, Triumphzüge durch die Straßen von Akunga und sportliche Spiele. Über welch Kulturgut diese Dschungelstadt verfügte, dachte er bei sich. Unglaublich!
„Diese Gewölbe sind wie eine riesige Bibliothek", sagte Dim-Kalir vor ihm. „Alle Ereignisse werden hier an den Wänden festgehalten, auf dass sie die Ewigkeit überdauern und den Nachkommen von dem Leben der Ahnen erzählen. Wer weiß, vielleicht wird man auch von Ihnen berichten..."
Der Gang teilte sich und sie hielten sich nach rechts. Der folgende Tunnel war nur kurz und sie erreichten einen zweiten Kuppelraum, der zwar kleiner als der unter der Sumpfzypresse war, aber über ebenso schöne Bilder verfügte. In der Mitte dieses Raumes stand eine Art Tisch mit Bank, auf der eine junge Frau saß und ihnen überrascht entgegenblickte.
„Das ist Malia." Dim-Kalir deutete auf die junge Frau. „Sie bewacht diesen Teil des Tunnelsystems an jedem neunten Mond. Sie spricht auch Ihre Sprache, denn ich habe sie ihr gelehrt, als ich hierher kam, da sie sich sehr an meine Herkunft interessierte und mich verstehen wollte. Sie wiederum hat mir geholfen, die Sprache Akungas zu lernen. - Malia, mein Kind, komm zu uns."
Sie folgte der Aufforderung des Medizinmannes und stand auf. Mit behenden Schritten kam sie zu der Gruppe hinüber. Im gedämpften Licht konnte Jonas ihr ebenmäßiges Gesicht und die großen dunklen Augen erkennen, die sie neugierig musterten. Malia war eine wahre Schönheit, ihre langen Haare umspielten ihr hübsches Gesicht, ihr Körper war schlank und behende und ihre Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Raubkatze.
„Begrüße unsere Gäste, Malia", sagte der Medizinmann lächelnd. „Sie kommen von weit her, noch sehr viel weiter als ich, doch sprechen sie meine Sprache. Sie sind Freunde und werden Akunga nichts zu Leide tun. Sie sind hier, um uns zu beschützen."
„Dek hat mir bereits erzählt, was geschehen ist. Weiße Männer mit schwarzen todbringenden Stöcken sind gekommen und haben unser Volk gefangengenommen. Wir sind ratlos, großer Schamane."
„Wir werden zum Tempel des Tores gehen und Zarus rufen. Er muss kommen und uns helfen, bevor die Menschen in der Hand des bösen weißen Mannes sterben", erwiderte Dim-Kalir. Jonas bemerkte, dass sich die Beiden ähnlich unterhielten, wie es die Indianer in den berühmten Karl May - Filmen taten. Mulder neben ihm schien das Gleiche zu denken, denn er beugte sich zu ihn und raunte ihm unter vorgehaltener Hand zu:
„Ja, und dann, mein Bruder, wird die Kavallerie in Form einer Raptorherde erscheinen und uns alle erretten. Und wir werden ein Fest feiern, zu Ehren des großen Dino-Maitu!"
Jonas grinste, stieß dem Agenten jedoch trotzdem warnend in die Seite. Mulder hatte nun einmal die Eigenschaft, überall mehr oder weniger unangenehm aufzufallen, denn nicht jeder verstand seine Art von Humor.
„Ich möchte, dass Kevin, Marvin und die Frauen hier bleiben", sagte Dim-Kalir. „Bis auf Sie, Agent Scully. Und ein oder zwei Männer sollten auch bleiben und auf die Zurückgebliebenen aufpassen, damit ihnen nichts geschieht. Währenddessen werde ich den Rest zum Tempel führen."
„Ich bleibe bei Marvin", sagte Ivan bestimmt.
„Und ich werde auch bleiben", sagte Vince.
Jonas nickte zustimmend. Vince Barrett war ein Bär von einem Mann und er würde die ihm Anvertrauten bis zum bitteren Ende verteidigen, falls Spear sie entdecken und ihnen etwas antun wollen würde.
„Kann ich auch hier bleiben?", fragte Jerry vorsichtig. „Ich wäre Ihnen allen sicherlich keine große Hilfe, denn ich bin ein miserabler Schütze. Außerdem fürchte ich mich vor Dinosauriern."
„Wie Sie wünschen, Jerry", erwiderte Grahm. „Dann ziehen wir eben zu fünft los."
„Zu sechst", verbesserte Dim-Kalir. „Malia wird uns begleiten." Mit diesen Worten wandte er sich an Vince: „Ich bitte Sie, in keinen der Tunnel zu gehen, solange wir fort sind. Die meisten von ihnen sind für die, die sich hier nicht auskennen, mehr als unübersichtlich und könnten auch zur tödlichen Falle werden."
Der ehemalige CIA - Agent nickte. „Ich werde darauf achten, dass sich niemand entfernt."
Dim-Kalir nickte zufrieden. Dann gab er seiner Truppe einen kurzen Wink und führte sie in eine der Gänge hinein.
„Wir werden den Tempel vor Anbruch der Dämmerung sicherlich nicht mehr erreichen", sagte Malia. „Es könnte sein, dass wir irgendwo im Dschungel unser Nachtlager aufschlagen müssen."
„Na toll!", murrte Mulder. „Scully, haben Sie Ihr Moskitonetz dabei?"
„Sie waren es doch, der gesagt hat, ich soll nichts Unnötiges einpacken", erwiderte sie, während sie trockenes dünnes Wurzelwerk, das von der Decke herabhing, zur Seite schob, um darunter hindurchgehen zu können.
„Unter unnötig verstehe ich etwas anderes!", murrte er. „Ihren Kleiderschrank, zum Beispiel."
Sie gingen schweigend weiter, bis sie nach einer knappen Viertelstunde scheinbar vor dem Ende des Tunnels standen. Mulder sah nichts als Wand und runzelte die Stirn.
„Hat hier der Zimmermann vergessen, ein Loch zu lassen?"
„Nicht doch", lächelte Dim-Kalir und schob einen weiteren Wurzelvorhang zur Seite. Angenehmes Abendlicht strahlte ihnen entgegen. Sie stiegen einige Lehmstufen hinauf und standen schließlich auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, der weit über den Dschungel reichte.
„Der Tempel liegt in dieser Richtung" Dim-Kalir deutete den Hügel hinab, wo nach einem halben Kilometer Wiesenfläche dichter Urwald begann. In der Ferne konnten sie vernebelte Berghänge erkennen.
„Sollen wir etwa bis dorthin laufen?", fragte Scully. „O Gott!"
„Nein, dass müssen wir nicht", erwiderte der Medizinmann. „Sofern Sie Erfahrungen mit dem Reiten von Sträußen haben..."
„Sträußen?", echote Grahm.
„Vielleicht sollte ich lieber Gallimimus sagen, so nennen Paläontologen dieses Tier." Ohne auf die irritierten Gesichter seiner Begleiter zu achten, zog Dim-Kalir eine kleine Flöte hervor und blies hinein. Er entlockte dem winzigen Instrument einen langezogenen hellen Ton, der bis zu den links von ihnen liegenden Steilhängen hallte und dort als Echo zu ihnen zurückgeworfen wurde.
Mulder verzog spöttisch die Lippen. „Was ist das? Eine Hundepfeife?"
Er hatte kaum ausgesprochen, als sich eine Gruppe zweibeiniger Tiere aus dem Schatten der Bäume eines unweit gelegenen Palmenhaines löste und sich zu ihnen hinüberlief. Jonas legte die Hand über die Augen, um das helle Sonnenlicht abzuschirmen, und betrachtete die flinken Wesen, die sich rasch näherten. Sie waren etwa vier Meter lang, hatten kräftige Hinterläufe, die darauf schließen ließen, dass sie schnelle Sprinter waren. Sie hatten schlanke lange Hälse mit kleinen Köpfen, die in breiten und flachen Schnäbeln endeten. Die langen Kiefer trugen keine Zähne. Mit den relativ kurzen Armen konnten diese Tiere wohl kaum Beute ergreifen. Jonas vermutete, dass sie zu der Gattung der vogelähnlichen Dinosauriern gehörten.
„Gallimimus, dressierte Reittiere", sagte Dim-Kalir. Er gab den Echsen einen Befehl auf Akungaisch. Die Vogelfußdinosaurier ließen ihre Hinterläufe einknicken und legten sich auf den Boden. Sie bogen ihre Hälse wie überdimensionale Schwäne, überhaupt sahen sie diesen Vögeln sehr ähnlich, auch wenn sie keine Federn trugen.
„Wir werden auf ihnen zum Tempel reiten", erklärte der Medizinmann. „Es sind genau sechs Tiere, genau so viele, wie wir brauchen."
Jonas nickte. „Gut. Dann machen wir uns mal auf zu dem Tempel."
„Was heißt hier wir?", fragte Mulder. „Du wirst doch nicht etwa von mir erwarten, auf eine dieser wilden Bestien zu steigen?"
„O doch!"
„Niemals!"
Jonas lehnte sich zu ihm hinüber und sah ihn beschwörend an. „Ich werde dich dort brauchen, Fox! Wir brauchen jeden, der mit Waffen umgehen kann! Wer weiß, welche Viecher da im Dschungel lauern!"
„Das ist es ja gerade, was mir nicht passt!", entgegnete Mulder grimmig. „Ich habe kein Interesse, an der Spitze des Speiseplans eines Dilophosaurus zu stehen."
„Willst du etwa alleine durch den Tunnel zurückgehen?", erwiderte Jonas. „Du wirst dich verirren!"
„Sie können den Tieren vertrauen, Agent Mulder", schritt Dim-Kalir ein. „Es sind keine gefährlichen Räuber wie die Dilophosaurier. Sie ernähren sich von Eiern, Insekten und Kleintieren, würden aber niemals Wesen von unserer Größe angreifen. Außerdem sind sie gut abgerichtet."
„Na schön", murmelte Mulder, allerdings weniger begeistert. „Wenn es unbedingt sein muss..."
„Dann lasst uns keine Zeit verlieren!" Jonas schwang sich auf den Rücken des nächsten Gallimimus. Er schien sich trotz der scharfen Schnäbel der großen Tiere nicht vor ihnen zu fürchten. Grahm, Malia und Dim-Kalir taten es ihm gleich, und sogar Scully traute sich auf den Rücken eines Tieres. Und Mulder war zu stolz, um sich eine Blöße zu geben. So stieg auch er auf einen Gallimimus, auch wenn ihm dabei mehr als unwohl war.
Kaum saßen alle auf den Rücken der Tiere, als Dim-Kalir einen erneuten Befehl gab und sich die Saurier beinahe zeitgleich erhoben. Mulder glaubte, der Boden unter ihm würde schwanken, als sich sein Reittier in Gang setzte. Er spürte jede Bewegung des Gallimimus, die muskulösen Hinterläufe griffen weit aus. Die Tiere streckten ihre langen Schwänze gerade aus, um mit deren Hilfe das Gleichgewicht besser halten zu können. Ihre stromlinienförmigen Körper waren optimal für den schnellen Lauf ausgestattet. Behände liefen die Vogelfußdinosaurier den Hügel hinab und über die angrenzende Wiesenfläche, dem Dschungel zu, der sich rasch näherte.
„Der Gallimimus ist das prähistorische Gegenstück zum Geparden", rief Dim-Kalir von seinem Tier herüber. „Seine Spitzengeschwindigkeit liegt bei knapp hundertzehn Stundenkilometern."
„Jesus!", stöhnte Mulder, der sich mehr oder weniger am Hals seines Reittieres festzuklammern versuchte. „Aber hoffentlich wird der Bursche nicht mit mir auf dem Rücken zu Schumi! Der ist mir jetzt schon zu schnell!"
„Wir verstoßen aber noch nicht gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung", scherzte Jonas, dem der Ritt auf den Vogelfußdinosauriern offenbar gefiel, denn sein Lächeln wirkte keinesfalls aufgesetzt. „Wir bewegen uns gerade mit etwa fünfzig Kilometern pro Stunde."
„Alles, was über ein Moped hinausgeht, ist mir auf dem Rücken eines solchen Dings zu schnell!", erwiderte Mulder. Er hätte sich nie träumen lassen, einmal auf einer Art übergroßem Strauß zu reiten. Er hatte ja noch nicht einmal auf einem Pferd gesessen. Das war ihm als Stadtkind bisher erspart geblieben.
„Immer lächeln", sagte Jonas und grinste beinahe unverschämt - jedenfalls kam es Mulder so vor. „Und ein bisschen schneller!"
„Noch schneller? Das Vieh galoppiert ja schon wie toll!"
„Das nennst du Galopp?", erwiderte der junge Wissenschaftler und lachte. „Wo bleibt dein Mut, Fox? Wer sich auf den Rücken eines schnellen Sprinters schwingt, soll nicht nach dem Trampelpfad des Esels Ausschau halten!"
„Wo hast du denn diesen bescheuerten Spruch her?", entgegnete Mulder und duckte sich, als sein Gallimimus unter den Ästen der ersten Bäume hindurchschoss. Das Tier wich behende jedem Hindernis aus oder setzte mit einem eleganten Sprung darüber hinweg - auch wenn es Mulder dabei den Magen umdrehte.
Die Vogelfußdinosaurier bewegten sich dermaßen sicher durch das Gewirr des Dschungels, dass selbst Mulder nach einiger Zeit Vertrauen zu den flinken Tieren fasste. Doch dass er die Angst vor den Tieren abstreifen konnte, bedeutete noch lange nicht, dass er auch die ihn befallende Übelkeit verlor. Er wurde nach wie vor mächtig auf den Saurierrücken durchgeschüttelt, und er bezweifelte, dass ihm jemals zuvor in seinem Leben schon einmal so schlecht gewesen war. Doch er biss tapfer die Zähne zusammen und versuchte sich von seinem rebellierenden Magen wegzukonzentrieren, heftete den Blick auf den wippenden Kopf seines Reittieres und die vor ihm liegende Fülle von exotischen Pflanzen und Bäumen. Große Aras flatterten laut schreiend über sie hinweg, kleine Affen - Mulder glaubte, dass man sie in Fachkreisen als Kobolde bezeichnete - sprangen über ihren Köpfen von Ast zu Ast und machten es sich zum Spiel, die merkwürdige Gruppierung zu verfolgen. Eine Raubkatze wurde durch die stampfenden Füße der Saurier aufgeschreckt und flüchtete mit einem heiseren Fauchen ins nahe Dickicht. Schillernde Schmetterlinge von unglaublicher Größe schwirrten an ihnen vorbei, ließen sich auf gigantische Blüten nieder, die - wie Mulder fand - schrecklich nach Aas stanken.
„Das ist die größte Blume der Welt!", rief Grahm entzückt. „Die Titanwurzelblüte! In der freien Natur wächst sie normalerweise nur auf der indonesischen Insel Sumatra. Sie ist eine der allerseltensten Pflanzen der Welt! Diese Blüte ist ein Wunderwerk der Natur. Sie ist 2,3 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 1,3 Meter! Das sind gigantische Ausmaße!"
„Mit einem wahrlich gigantischen Gestank!", gab Mulder zurück und hätte sich am Liebsten die Nase zugehalten, traute sich jedoch nicht, den Hals seines Gallimimus loszulassen und beim nächsten Sprung des Tieres einen Freiflug in den feuchten Waldboden zu riskieren.
Nur Minuten später durchbrachen die Tiere die mannshohe Farne, die sich vor ihnen auftaten und standen urplötzlich vor einem träge dahinfließenden Strom. Sie verlangsamten ihr Tempo und stiegen nacheinander in die Fluten.
„Hey, mir ist nicht nach Freibad!", protestierte Mulder, als er spürte, wie das Wasser seine Beine hinaufkroch, als seine Echse immer weiter in den Fluss hineinwatete.
„Der Zewe wird uns schneller zum Tempel bringen", erwiderte Malia. „Er fließt nur einen halben Kilometer von ihm entfernt durch den Dschungel."
„Soll das heißen, dass wir uns einfach von dem Fluss treiben lassen sollen?", fragte Grahm.
Die junge Akunganerin nickte. „Ja. So kommen wir vielleicht doch noch heute nach Kullab."
„Was ist denn das schon wieder?", fragte Scully müde. Sie hatte die Beine angezogen und auf dem Rücken ihres Gallimimus über Kreuz gelegt.
„Das ist der Name des Dorfes, das den Tempel umschließt", sagte Dim-Kalir, der nur wenige Meter von ihr entfernt war.
Das Wasser schwappte leicht gegen die Flanken der zügig dahinschwimmenden Tiere. Es war so klar, dass man bis auf den Grund des Flusses hinabschauen konnte, der in etwa fünf Metern Tiefe lag. Schillernde Fischschwärme schossen an ihnen vorbei. Manchmal tauchte einer der Saurier den Kopf ruckartig ins Wasser, um einen Fisch zu erhaschen. Die Tiere versorgten sich selbst mit dem nötigen Wegproviant, um nach dem Dauerlauf wieder zu Kräften zu kommen.
Nach einer scharfen Biegung ragten vor ihnen urplötzlich hohe Felsen auf. Der Fluss hatte sich seinen Weg durch das Steinmassiv gefressen und eine breite Höhle in den Fels gespült, in den die Saurier nun ohne Scheu eintauchten. Die Höhle entpuppte sich als langgestreckter Tunnel, der quer durch das Felsgestein führte. Die feuchten Wände glänzten im schwachen Licht des breiten Eingangs, durch den sie hereingekommen waren. Von irgendwoher tropfte Wasser von der Decke, ein beständiges Blub durchbrach die angenehme Stille, die innerhalb des Tunnels herrschte. Schatten huschten ab und zu über die Wände, leises Gezeter drang von den oberen Winkeln zu der kleinen Gruppe hinab.
„Der Liebestunnel!", kommentierte Mulder und duckte sich, als eine Fledermaus nur knapp über seinem Kopf hinwegstrich. „Und der kostet nicht mal Eintritt!"
Der Ausgang vor ihnen verbreitete sich, je näher sie ihm kamen. Jonas fiel auf, dass die Dinosaurier wirklich wie überdimensionale Enten oder Schwäne aussahen, so wie sie inmitten des Flusses dahintrieben. Jetzt hätten sie bloß noch schnattern müssen.
Sie passierten den Ausgang. Vor ihnen lag ein weiter und doch verwinkelter See, in dem gerade die Sonne einem sinkenden Schiff gleich unterzugehen schien und das Wasser blutrot färbte. Links von ihnen schloss dichtester Dschungel bis ans Flussufer auf, rechts erhoben sich Schilfwälder von etwa acht Metern Höhe. Binsengräser, Schwimmfarn, Knöterich, Sumpfrosen und Hahnenfußgewächse überwucherten die moorigen Inseln, die quer über den See verteilt waren. Vereinzelt fanden auch Bäume, Pappeln, Tamarisken und Weiden festen Wurzelgrund. Immer wieder öffneten sich fischreiche Lagunen, in denen Millionen und Abermillionen von Wasservögeln ihre Nahrung fanden. Adler kreisten im Aufwind, ganze Herden von riesenwüchsigen Wildschweinen wühlten im Schilf, das nur grob die Umrisse mehrerer Hütten verbarg. Sie hatten Kullab erreicht.
Die Dinosaurier schwammen an das seichte Ufer und trugen ihre Reiter durch die morastigen Schilfgürtel. Mulder war froh, weit genug vom schlüpfrigen Boden entfernt zu sein, denn er hatte die inzwischen vierte Schlange entdeckt, die sich leise zischelnd durch das Brackwasser und durch die Schilfstauden hindurchwand. Es waren Mangrovennattern, und dass diese Schlangen giftig waren, wusste Mulder wahrlich gut - und das hatte nicht einmal etwas mit Jonas' spektakulären Fang vor zwei Tagen zu tun, als dieser ein älteres Exemplar dieser Schlange auf den Schoß von Jake Pount hatte purzeln lassen.
Die Vogelfußdinosaurier trugen ihre Reiter zum Dorf hinüber, das noch etwa hundert Meter entfernt war. Jonas kniff die Augen zusammen. Er sah Häuser, aber keine Menschen. Akunga war eine lebendige Stadt, hier herrschte das Schweigen eines mittelalterlichen Friedhofes.
„Wohnt hier denn keiner?", fragte er daher an Dim-Kalir gewandt.
„Doch", erwiderte der Medizinmann. „Enak, der Wächter, wohnt zusammen mit seinem Vieh hier, zu dem auch die Schweine im Schilfgürtel gehören. Allerdings ist es heute wirklich sehr still in Kullab."
Die Saurier stoppten vor der Ansammlung kleinerer Hütten und legten sich nieder, um ihre Reiter absteigen zu lassen. Mulder war heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und ein flüchtiger Blick in Scullys Richtung sagte ihm, dass es ihr ähnlich erging.
Dim-Kalir steuerte eine der Hütten an und trat ein.
„Enak?", hallte seine fragende Stimme durch den Raum. „Enak, wo bist du?"
Doch so sehr er auch rief, er erhielt keine Antwort.
„Das verstehe ich nicht", sagte Malia, und die Sorge stand ihr deutlich im Gesicht geschrieben. Ihre Blicke streiften die karg eingerichtete Hütte. Ein Lager aus Heu und Moos auf der rechten Seite, eine Art Tisch mit Bank in der Mitte, links rituelle Kultgegenstände wie Masken und Götzen.
Dim-Kalir trat an den Tisch, auf dem eine mit Hirsebrei gefüllte Holzschale stand. Er steckte prüfend den Finger hinein. Der Brei war kalt und klebrig, so als würde er schon sehr lange hier stehen.
„Irgend etwas stimmt hier nicht", murmelte er.
„Dim-Kalir!" Der Ruf erscholl von draußen. Der Medizinmann hob den Blick und eilte vor die Tür der kleinen Hütte. Suchend blickte er sich um. Er sah Jonas und Mulder auf den Stufen des Tempels stehen. Zu ihren Füßen lag eine regungslose Gestalt.
„Bei allen Göttern!", hauchte er. Er rannte los, Malia war ihm dicht auf den Fersen. Erst am Tempel angelangt verlangsamten sie ihre Schritte. Langsam stiegen sie die wenigen Stufen bis zu den beiden Männern hinauf, die sich über die Leiche eines Akunganers beugten.
„Enak, der Wächter", sagte Dim-Kalir leise. Fassungslos starrte er auf den verrenkten Körper, der vor ihm auf den Stufen lag. Um ihn herum waren überall Blutspritzer verteilt. Ein Messer, mit dem sich der Mann wahrscheinlich zur Wehr hatte setzen wollen, war ihm aus der Hand geglitten.
„Er ist schon mindestens vierundzwanzig Stunden tot", stellte Scully fest, die sich über den Mann gebeugt hatte und ihn nun untersuchte. „Man hat ihm in die Schulter geschossen. Eigentlich zu weit vom Herzen entfernt, als dass er daran hätte sterben können. Er muss die Treppe hinabgefallen sein und sich dabei das Genick gebrochen haben." Sie tastete die entsprechenden Bereiche ab und nickte dann. „Ja, die Halswirbelsäule ist mehrfach gebrochen."
Der Blick des Medizinmannes verfinsterte sich.
„Doug Spear", murmelte Grahm. „Jerry hatte Recht. Er muss noch leben..."
„Er oder einer seiner vielen Söldner", nickte Jonas. „Oder vielleicht mehrere..."
„Aber was sollen diese Typen hier gesucht haben?", fragte Dr. Grahm fassungslos. „Was könnte diese Männer dazu bewegt haben, einen Menschen zu töten?"
„Mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst", erwiderte sein jüngerer Kollege.
„Relikien beispielsweise." Mulder deutete zum großen Portal. „Da drinnen gibt es bestimmt einiges, was sich zu klauen lohnt..."
Dim-Kalir erbleichte. „Die Statue!"
Er hastete an seinen verdutzt dreinschauenden Begleitern vorbei. Scully sah ihm verwirrt hinterher.
„Was für eine Statue?"
Doch sie bekam keine Antwort.
Mulder war dem Medizinmann bereits gefolgt und trat nun hinter ihm in das Innere des Tempels. Er sah, wie Dim-Kalir erstarrte, seine Schultern schienen einzufallen und seine Haltung erinnerte an die eines alten Mannes - eines Mannes, der der aus England Stammende eigentlich auch war.
„Sie ist weg."
Mulder folgte den Blicken Dim-Kalirs und entdeckte einen Altar, über den sich ein reichlich verzierter Podest erhob. Auf dem musste das Heiligtum gestanden haben.
„War sie aus einem Edelmetall oder so etwas?", erkundigte sich der Agent, während er den Podest näher besah.
„Sie war aus reinem Gold", erwiderte der Medizinmann tonlos und mit leerem Blick.
„Kann man sie denn nicht ersetzen?"
Dim-Kalir hob den Kopf. Sein Blick war beinahe zornig. „Ich trauere nicht um das Stück Metall, Agent Mulder. Vielmehr macht mir der Verlust dessen zu schaffen, was in dieser Statue enthalten war! Nämlich der Schlüssel zur Außenwelt!"
Mulder blinzelte. „Ich verstehe nicht..."
„Die Statue ist hohl", fiel ihm der Medizinmann ins Wort. „Sie enthält ein Amulett aus Diamanten. Es ist extra so geschliffen worden, dass es genau in den Mechanismus des Tores passt. Ohne dieses Amulett können wir Zarus nicht in die Dschungelstadt holen..."

eine knappe Stunde später

Als die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden war und der Mond bereits den Himmel regierte, strich eine würzige Brise über Kullab hinweg. Der Geruch nach Regen hing schwer in der Luft. Prall gefüllte Wolken zogen über das Firmament und sorgten für ein Schattenspiel auf dem Boden. Schwarze Gestalten und Umrisse fegten dort wie Geister über die Erde, in den Binsengräsern raschelte es. Manchmal war der Wind sogar im Stande, den hohen Schilfrohren flötenartige Töne zu entlocken, deren melancholischer Klang bis zu der Ansammlung kleiner Hütten vordrang.
Die Stimmung in der ehemaligen Behausung des toten Enaks war getrübt. Die Gruppe hatte den Wächter nahe dem Tempel begraben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und zu vermeiden, dass Raubtiere durch den Blutgeruch angelockt wurden.
Ein Ferkel, das Malia geschlachtet hatte, hing über dem offenen Feuer und verbreitete einen angenehmen Duft. Jonas spürte, wie sein Magen knurrte. Schon seit Stunden hatten weder er noch die anderen etwas gegessen. Und als ihm die junge Akunganerin ein etwa steakgroßes Stück des Fleisches reichte, spürte er auch, wie er Appetit bekam. Beinahe gierig machte er sich über das Essen her.
„Nun stehen wir vor einem großen Problem", sagte Dim-Kalir leise. „Dass die Statue verschwunden sein könnte, hatte ich nicht einkalkuliert..."
„Soll das bedeuten, dass wir nun nichts mehr für die Menschen von Akunga tun können?" Grahm sah ihn beinahe erschrocken an.
„Nicht, ohne ein sehr, sehr großes Risiko einzugehen..."
Ein tiefes Rumpeln ließ die Hütte erzittern, das sich krachend irgendwo an den Felswänden entlud. Der Regen, der sich schon lange zuvor angekündigt hatte, setzte ein. Als Jonas kurz den Vorhang aus gegerbtem Leder anhob, um durch eines der Fenster nach draußen blicken zu können, sah er kaum mehr als eine Wand aus Wasser, hinter der jeder Gegenstand zu verschwimmen schien.
Sie beendeten schweigend ihr Mahl. Unzählige Male hörten sie das bedrohliche Donnergrollen, und mit jeder Minute schien der Regen stärker zu werden. Aber auch wenn das Dach nur aus Schilfteppichen und vereinzelten Holzelementen bestand, es hielt dicht.
Dim-Kalir saß schweigend neben dem noch sanft kokelnden Feuer, in dem Malia herumstocherte, um die loi, eine Früchtesorte, zu wenden, die sie in die heiße Glut geworfen hatte. Dr. Grahm betrachtete gedankenverloren eine Holzschnitzerei, die er in den Händen hielt. Mulder hatte in seiner Tasche noch eine Handvoll Sonnenblumenkerne gefunden und war gerade dabei, diesen spärlichen Vorrat zu vertilgen. Scully hatte sich neben ihm auf seiner Jacke zusammengerollt, wo sie tief und fest schlief. Auch Jonas schien sehr müde zu sein. Dösend lehnte er mit dem Rücken an der Wand, die Augen geschlossen. Nur ein zeitweises Flackern der Lider verriet, dass er noch halbwegs wach war.
Malia angelte die Früchte aus der Asche. Sie waren etwa so groß wie Kiwis und hatten eine recht harte Schale, die mit der von Nüssen vergleichbar war. Mit der Machete schlug die Akunganerin die Gebilde auf und löste das saftige Fruchtfleisch aus dem Inneren. Sie kostete kurz, nickte anerkennend, und reichte dann auch den anderen von der loi.
Nach dem - mit Verlaub - wohlschmeckenden Nachtisch spürte auch Mulder, wie ihn die Müdigkeit ergriff. Er gähnte ausgiebig, bevor er sich neben Scully auf den Boden sinken ließ, einen Rucksack als Kissen gebrauchend. Und es dauerte nicht lange, bis sich auch die anderen schlafen gelegt hatten.

am nächsten Morgen

Mulder blinzelte in das grelle Licht, das durch das Fenster ins Innere der Hütte fiel. Jemand hatte die Vorhänge zur Seite gezogen. Es musste schon recht spät sein. Die Sonne stand bereits am Himmel und brach durch das grüne Blätterdach der Zykaden, die die Hütte säumten.
Mulder setzte sich schwerfällig auf und blickte in die Runde. Scully schlief noch immer neben ihm, und nur anderthalb Meter weiter lag Jonas auf dem Boden. Aber bis auf sie war die Hütte leer.
„Dr. Grahm?" Mulder war ans Fenster getreten und spähte angestrengt nach draußen. „Dim-Kalir? Sind Sie da irgendwo?"
„Pst!"
Malia war so rasch vor ihm aufgetaucht, dass Mulder erschrocken einen Schritt zurückwich und dabei beinahe das Gleichgewicht verlor.
„Jesus, haben Sie mich erschreckt!", stammelte er.
Malia legte die Stirn in Falten. „Wer ist Jesus?"
„Och, nicht so wichtig." Mulder grinste. „Wissen Sie, wir sagen das oft, wenn wir uns erschrecken oder wir sehr erstaunt sind."
„Ach so." Sie lächelte und reichte ihm ein Packet aus Baumblättern durch das Fenster. „Darin sind Nüsse. Die können Sie in die heiße Asche legen, Nach einer knappen Viertelstunde sind sie gut. Dann können Sie sie essen. Außerdem habe ich hier noch Beeren, und in der Hütte liegen noch Fleischreste von gestern. Die würde ich allerdings lieber aufheben für unseren Heimritt. Der wird auf jeden Fall länger sein, als der nach Kullab."
„Na prima." Mulder klang wenig begeistert. „Wo sind Dim-Kalir und Dr. Grahm?"
„Unten am See, Wasser holen. Wir werden welches brauchen. Es wird Zeit, dass wir unseren Reiseproviant zusammenstellen." Sie hob den Bogen in ihrer rechten Hand. „Darum werde ich mich jetzt auch mal aufmachen, um noch ein Ferkel zu schießen. Es wird nicht lange dauern."
„Aber wir haben noch Dosen in den Rucksäcken", sagte er.
Sie schüttelte unwillig den Kopf. „Ich bitte Sie! Das ist doch kein richtiges Essen!"
Und schon war sie verschwunden.
Mulder blinzelte, zuckte dann aber mit den Schultern. Wenn Malia unbedingt jagen wollte, dann sollte sie. Er ging zur Feuerstelle hinüber, legte einen kleinen Haufen Reisig und trockenes Schilf darauf, schob einige Äste dazwischen und zündete das ganze Gebilde schließlich an. Als die Flammen knisterten und prasselten, warf er das Päckchen hinein und schob mit einem Stock heiße Asche darüber. Er bohrte gelangweilt in den Flammen, rührte in verkohlten Holzstückchen herum. Plötzlich blinzelte er. Das Geräusch war sehr leise gewesen, dennoch hatte er es vernommen. Er und Scully kannten sich mehr als fünf Jahre, und innerhalb dieser Zeit hatten sie gelernt, nicht nur auf den anderen einzugehen und ihn zu respektieren, sondern ihn und seine Geräusche aus allem anderen herauszuhören. Und so erstaunte es ihn gar nicht, dass ihn seine Intuition mal wieder nicht getäuscht hatte. Sein Blick traf den seiner Partnerin, die verschlafen in die Sonne blinzelte und sich langsam von ihrem Lager aufrichtete.
„Guten Morgen", sagte er lächelnd.
Sie gähnte ausgiebig. „Morgen... - wenn es überhaupt noch Morgen ist, nach dem Stand der Sonne zu urteilen. - Wie lange sind Sie schon wach?"
„Ein paar Minuten oder so." Er wendete mit dem Stock das mit Nüssen gefüllte Päckchen in der glimmenden Asche. Kleine Funken sprühten in alle Richtungen.
In diesem Moment kehrte Malia mit der versprochenen Jagdbeute zurück. Sie legte das wohlgenährte Ferkel neben die Feuerstelle und begann, es auszunehmen.
„Dim-Kalir und Dr. Grahm werden auch gleich hier sein", sagte sie, während die die Keulen über das Feuer hielt. „Sobald wir gefrühstückt haben und unser Proviant zusammengestellt ist, werden wir weiterreiten."
Mulder verzog das Gesicht. „Na super, mir tut ja noch von gestern der Hintern weh!"
Kapitel 8 by Kit-X
eine knappe Stunde später

Die Gallimimus-Echsen trotteten gemächlich den ausgetretenen Pfad entlang, der an dem Tempel von Kullab vorbei in den Dschungel führte. Rechts graste eine Herde Anatosaurier im flachen Ufergürtel des Sees, labte sich an Wasserpest, Algen und Schilfhalmen. Die Tiere tauchten ihre großen Köpfe mit den breiten Schnäbeln tief ins Wasser und ästen die bemoosten Steine ab, verschlangen kleine Fische, Insektenlarven und Libellen.
Kurz nachdem der Schatten der ersten Bäume auf sie gefallen war, hielten sie plötzlich an. Jonas bemühte sich, das Gleichgewicht auf seinem Reittier zu halten, das scheu zur Seite wich und wie angewurzelt stehen blieb, den Blick starr auf einen großen Stein gerichtet, der am Wegrand stand und mit zahlreichen Bildzeichen verziert war.
„Was ist los?", fragte er verwundert. „Warum bleiben wir stehen?"
„Darum." Dim-Kalir deutete auf den Stein, der schief im sumpfigen Boden steckte. Er war grau und alt und teilweise mit Moos bedeckt. Die Zeichen jedoch, die sicherlich vor langer Zeit hineingemeißelt worden waren, konnte man noch deutlich erkennen.
„Das ist ein Wegweiser", erklärte Malia und übersetzte die akungaischen Worte in die englische Sprache. „Ihr, die Ihr als Feind hierherkommt, kehrt den gleichen Weg zurück, oder der Wald möge euch verschlingen! Ihr, die Ihr als Freund kommt, betretet diesen Pfad in Frieden, und möget Ihr Euer Ziel finden. Und möget Ihr Euch nicht verirren. Und die Geister des Waldes sollen Euch bewachen..."
„Früher hat es eine Burg gegeben, dort, wo nun dichter Dschungel ist", sagte Dim-Kalir. „Doch diese Burg ist verfallen, als die Zahl der Akunganer zurückging. Es war einfach zu zeitaufwendig, das Gebäude in Schuss zu halten. Ich glaube, dass von ihm nur noch Ruinen übrig sind."
„Und dieser Wegweiser war für die anderen Urvölker dieser Gegend gedacht", fuhr Maila fort. „Nur sind diese in den letzten Jahrhunderten beinahe gänzlich verschwunden."
Mit einem Zungenschnalzen trieb sie ihren Gallimimus an, der sich zögernd in Bewegung setzte und weiter dem Pfad folgte, der in den Dschungel führte. Die anderen schlossen bald auf.
„Es gibt viele Lieder über diesen Teil des Tales", raunte Dim-Kalir. „Das, was ihr um euch herum seht, ist der Wilde Wald, der geweihte Ort der Ahnen."
Noch während er sprach, hatte Malia begonnen, mit leiser weicher Stimme zu singen. Das Lied schien erfüllt von Magie, Zauber und Melancholie:

„Ich hörte von einer rauen Burg,
Erbaut bei Berg und Strom.
Das war dereinst, doch nun nicht mehr,
Denn dort bei Berg und Strome
Stehen nunmehr Bäume - Träume.
Wer kommt des Wegs daher?"
„Indiana Jones featuring Lara Croft", brummelte Mulder.
Malia blinzelte verwirrt. „Wer ist das?"
Der Agent grinste und hob abwertend die Hand. „Das ist nicht so wichtig."
Sie ritten schweigend weiter, bis sie eine von Efeu und Farnen umwucherte Höhle erreichten. Dim-Kalir steuerte zielbewusst darauf zu, und Mulder seufzte resigniert.
„Jesus, nicht schon wieder so 'n dunkles Loch!"
„Es ist aber der kürzere Weg - und vor Allem der sicherere." Der Medizinmann sah ihn beschwörend an. „Hier draußen können wir jederzeit auf eine Herde wild gewordener Dilophosaurier stoßen, denen wir schutzlos ausgeliefert sein würden. Da drin allerdings werden wir unter keinen Umständen auf ein solches Monster treffen!"
„Ja, sicher doch. Nur weil die Biester hässlich sind, sind sie noch lange nicht blöd!", knurrte Mulder, kapitulierte aber, als er sah, dass alle anderen dem Medizinmann ins Innere der Höhle folgten. Widerwillig trieb er seinen Gallimimus an und schloss rasch zu Scully auf.
„Ich hoffe bloß, dass der Bunker noch nicht vermietet ist!", raunte er ihr zu.
In der Höhle war es finster. Die feuchten Wände zogen sich etwa fünf Meter oder mehr in die Höhe und bildeten eine gewaltige Kuppel. Ein langer dunkler Gang führte ins scheinbare Nichts.
„Wir sollen doch nicht etwa da runter?" Mulder deutete auf den Tunnel. „Jesus, ich hoffe, mein Pferdchen hat eine gute Ausbildung zum Blindenhund genossen!"
„Tut mir leid, Agent Mulder", erwiderte Dim-Kalir. „Wir werden zu Fuß gehen müssen. Der Tunnel wird dort hinten flacher, und wir würden uns wahrscheinlich die Köpfe anstoßen. Die Echsen werden wir hier zurücklassen."
„Na super", murmelte nun auch Grahm. „Ich glaube, dass mir diese Gruselgrotte auch nicht mehr so sympathisch ist..."
„Mulder?", fragte Scully in die Dunkelheit.
„Trick siebzehn!", antwortete er, und der Strahl einer Taschenlampe flammte auf. Das helle Halogenlicht streifte Steinwände und Felsvorsprünge, wanderte zu Stalagtiten, die von der Decke herabhingen, und zu Stalgmiten, die wie Lanzen aus dem Boden wuchsen. Der Strahl der Taschenlampe tanzte weiter, bis er urplötzlich innehielt.
„Grundgütiger!", hauchte Mulder, und hätte das kleine Gerät in seiner Hand beinahe fallen lassen, so erschrocken war er.
Ein gewaltiges grünes Gebilde bewegte sich vor ihnen. Der Strahl der Taschenlampe huschte über verknotete Haut. Ein kleiner Kopf wurde sichtbar, träge Augen blickten zu der Gruppe hinüber. Mit einem dumpfen Brummen setzte sich der Koloss in Bewegung und trampelte an ihnen vorbei, dem Höhlenausgang zu. Die gewaltigen Knochenplatten auf dem Rücken des Tieres ließen es wie eine lebende Festung erscheinen.
„Ein Stegosaurus", sagte Grahm, während er dem sich weiter entfernenden Dinosaurier hinterherblickte. „Und was für ein Prachtexemplar!"
„Kommen Sie!", sagte Dim-Kalir ungeduldig. „Wir sollten uns beeilen! Der Weg durch die Höhlen ist lang!"
Sie folgten ihm in den Tunnel. Dieser wurde nach einigen Metern wirklich schmäler. Mulder musste schon nach wenigen Minuten gebückt gehen, dennoch stieß er sich hier und da den Kopf an den tiefhängenden Stalagtiten, wobei er mehr oder weniger laut fluchte. Auch Scully fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut. Bisher hatte sie nie auch nur die Vermutung angestellt, in engen Räumen panisch zu werden, doch nach und nach schienen sich die ersten Anzeichen von Klaustrophobie einzustellen.
Sie passierten unzählige Kreuzungen, wandten sich einmal nach links und einmal nach rechts, kletterten enge Schächte hinauf, um dann wieder schlüpfrigen Pfaden in die Tiefe zu folgen. Es schien beinahe so, als wolle sie Dim-Kalir absichtlich verwirren. Manchmal waren die Gänge so eng, dass sie seitlich hindurchgehen mussten, mit Rücken und Gesicht gleichzeitig an der Wand, die feucht, kalt und modrig war. Scully griff nach Mulders Arm, als ihre Beine unter ihr nachgaben, und ließ sich von ihm mitziehen.
„Ich glaube, dass ich in den letzten zehn Minuten mindestens zwölf neue Religionen entdeckt habe!", knurrte ihr Partner mürrisch, während er ihr half, sich zwischen zwei nahe beieinander stehenden Felsvorsprüngen hindurchzuquetschen. Sie schob sich durch den engen Spalt, stolperte dabei fast über eine kaum sichtbare Erhebung im Boden. Mulder packte gerade noch rechtzeitig ihre Hand und zog sie hoch, bevor sie gegen die kantigen Felsen fallen und sich daran verletzen konnte. Sachte half er ihr auf die Beine und führte sie weiter den Gang entlang.
Nach einer scheinbaren Unendlichkeit verbreiterte sich der Tunnel. Scully traute sich endlich, Mulders Hand wieder loszulassen, auch wenn sie noch immer leicht taumelte.
„Richten Sie das Licht bitte nicht an die Decke oder in die oberen Nischen", bat Dim-Kalir. „Sie könnten die Fledermäuse aufschrecken, die hier zu hunderten Zuflucht finden."
„Also sind wir nahe am Ausgang?", fragte Scully hoffnungsvoll.
„Ja. Kommen Sie."
Die Höhle war riesig, fast größer als die erste. Links von ihnen lag ein tiefdunkler See, der so klar war, dass man bis auf den Grund hinabsehen konnte, wo sich einige große Gestalten bewegten. Breite Körper mit kräftigen Paddeln und langen schlanken Hälsen, auf denen kleine Köpfe mit zähnestarrenden Mäulern saßen. Erstaunlich wendig und flink folgten die gewaltigen Tiere den vor ihnen flüchtenden Fischen, machten hier und da erfolgreiche Beute.
„Cryptocleidus", sagte Grahm, und er klang wie ein Fremdenführer der Sorte Neckermann-Reisen. „Fischfresser aus dem späten Jura."
„Solange sie bleiben, wo sie sind, können sie sein, was sie wollen", stellte Mulder nüchtern fest, der inzwischen schon den Ausgang entdeckt hatte, dessen helles Licht so unwahrscheinlich verlockend schien. „Verschwinden wir hier."
Sie hatten sich der breiten Öffnung im Fels bis auf knappe zwanzig Meter genähert, als ihnen ein drohendes Fauchen entgegenscholl. Die Gruppe erstarrte.
Jonas suchte mit Adleraugen den breiten Tunnel vor ihnen ab. Das Fauchen klang nicht wie das der Dilophosaurier oder Raptoren. Im Gegenteil. Es klang so... vertraut.
Dann entdeckte er das gelbe Augenpaar im Schatten des Felsens, das die Gruppe mit starren Blicken fixierte. Ein schlanker und doch muskulöser Körper, bedeckt mit sandbraunem Fell. Auf den ersten Blick hätte Jonas das Wesen für einen Löwen gehalten, doch beim genaueren Hinsehen registrierte er die langen spitzen Zähne, die im gedämpften Licht aufblitzten.
„Ein Säbelzahntiger", murmelte er. „Na großartig! Das hat uns gerade noch gefehlt!"
Die prähistorische Raubkatze löste sich aus dem Schatten der Felsen und schlich in gebückter Haltung auf die Gruppe zu. Das Nackenhaar war gesträubt, die Ohren angelegt. Der Säbelzahntiger zog die Lefzen hoch und bleckte die Zähne. Ein gefährliches Knurren entrann sich seiner Kehle.
Jonas, der an der Spitze der Gruppe gegangen war, wich immer weiter zurück, bis er gegen Dim-Kalir prallte, der die auf sie zukommende Raubkatze mit blicklosen Augen anstarrte.
„Tun Sie doch was!", zischte Grahm. „Das Vieh verspeist uns glatt zum Mittagessen!"
„Sofern man ihm nichts anderes gibt", erwiderte Mulder, der urplötzlich eine große Dose in der Hand hielt. Er bückte sich, stellte die Dose auf den Boden und öffnete sie mit Hilfe seines Taschenmessers.
„Was tun Sie da?", fragte Malia verständnislos.
„Sagten Sie nicht, dass Sie nichts von Dosenfutter halten?" Mulder grinste sie schief an. „Warum also soll ich das schwere Zeug noch weiter mit mir herumschleppen? Außerdem kann man damit unserem netten Freund hier eine kleine Freude bereiten."
Er drehte die Dose um und ließ den Inhalt auf den Boden klatschen. Auffordernd blickte er zu der Raubkatze auf, die sich ihnen weiterhin näherte, jedoch merklich schnupperte. Der Geruch des handwarmen Essens stieg ihr in die Nase und lockte sie näher an die Gruppe heran.
„Miez, miez, miez! Komm, jetzt gibt's Büchsenfutter! Ravioli von Maggie!"
Mulder wich ein, zwei Schritte zurück, als der Säbelzahntiger vor dem Häufchen aus mit Fleisch gefüllten Nudeln in Tomatensauce stehen blieb und erneut schnupperte. Neugierig beugte sich das Tier hinab, leckte an den Ravioli - und begann zu fressen.
Ungläubig starrten die anderen auf die friedlich gewordene Raubkatze, deren Nackenhaar sich gelegt hatten. Beinahe gierig fraß sie die Nudeln.
Mulder zuckte mit einem breiten Grinsen mit den Schultern, als ihm die fassungslosen Blicke seiner Begleiter trafen. „Tja, Säbelzahntiger würden Maggie kaufen. Die wissen wenigstens, was gut schmeckt. Mit Wiskas hätte ich den Burschen sicherlich nicht ködern können..."
Rasch öffnete er eine weitere Dose und schüttete auch deren Inhalt auf den Boden.
„Solange der Kerl was zu futtern hat, wird er uns kaum jagen. Klingt doch logisch, oder?"
Die Katze machte sich über die zweite Portion Ravioli her. Sie war so sehr mit Fressen beschäftigt, dass sie sich nicht einmal umwandte, als die sechsköpfige Gruppe hinter ihr vorbeihuschte und durch die Höhlenöffnung nach draußen trat.
Gewaltiges Getöse empfing sie. Und anstatt eines tiefen Urwalds oder einer weiten Ebene erwartete sie ein weißer Dunst, der weiter vorn zu einer gewaltigen sich bewegenden Wand wurde, die nach unten zu stürzen schien.
Sie standen hinter einem gewaltigen Wasserfall.
„Super!", kommentierte Mulder gewohnt ironisch. „Und wie kommen wir hier runter?"
„Neben dem Wasserfall führt ein Pfad nach unten", sagte Dim-Kalir. „Er führt in zwei Richtungen. Wenden wir uns nach links, so werden wir jenseits von Akunga in der Außenwelt ankommen. Gehen wir aber nach rechts, kommen wir in einem Bogen zurück in das Reich der Dschungelstadt."
In diesem Moment teilte sich der Vorhang aus herabschießendem Nass, und der gewaltige Schädel eines Raubsauriers stieß durch die Wasserwand.
Mulder starrte entsetzt den weit aufgerissenen Rachen an. Scully klammerte sich erschrocken an seinem Arm fest, während sich Grahm kreischend zu Boden warf. Der Kopf schwang hin und her und zog sich dann wieder zurück. Doch der Schatten des Kopfes auf der Wand stürzenden Wassers blieb.
Gerade noch rechtzeitig zog Jonas Malia tiefer in die Nische, denn wieder stieß der Kopf brüllend und mit gierig zuckender Zunge durch das Wasser. Tropfen spritzten in alle Richtungen vom Kopf weg. Dann zog er sich erneut zurück.
Scully drängte sich zitternd an Mulder, der sie an die Felswand zurückgezogen hatte. „Ich hasse diese Viecher langsam!", sagte sie und presste sich an den feuchten Stein. Aber die Nische war nicht tief genug. Keiner von ihnen konnte sich vor dem lauernden Monster verstecken.
Wieder stieß der Kopf durch das Wasser, aber diesmal langsamer, und der Unterkiefer kam auf dem Boden zu liegen. Der Saurier schnaubte, die Nüstern blähten sich, er atmete die Luft ein. Nur die Augen waren noch hinter der Wasserwand. Er kann uns nicht sehen, dachte Mulder. Er weiß, dass wir hier sind, aber er kann uns nicht sehen.
Die gewaltige Echse schnupperte.
„Was macht er denn?", fragte Scully.
„Pscht!"
Mit einem tiefen Knurren öffnete sich das Maul, die Zunge kroch heraus, bläulichschwarz und an der Spitze gespalten. Über einen Meter lang, reichte sie bis zur hintersten Wand der Nische. Mit einem kratzenden Geräusch glitt sie über die kantigen Steine. Die Menschen drängten sich dicht gegen die Wand. Die Zunge bewegte sich langsam nach links, dann nach rechts und tastete feucht klatschend den Boden ab. Mulder sah die Muskelbewegungen der Zunge, die an einen Elefantenrüssel erinnerte. Die Zunge glitt an der rechten Wand der Nische entlang und stieß schließlich gegen Scullys Beine. Die Agentin schnappte nach Luft, schrie jedoch nicht auf, auch wenn in ihrem Gesicht das blanke Entsetzen zu lesen war.
„Vielleicht sollte ich dem auch etwas zu essen anbieten", versuchte Mulder zu scherzen. „Ich habe noch 'ne Portion Lasagne im Rucksack..."
Die Zunge hielt inne und schlängelte sich an Scullys Körper hoch...
„Bewegen Sie sich nicht", flüsterte Mulder.
...an ihrem Gesicht vorbei, auf Mulders Schulter und schließlich um seinen Kopf. Mulder kniff die Augen zusammen, als der schleimige Muskel sein Gesicht bedeckte. Die Zunge war heiß und nass und stank wie Urin.
Die Zunge umklammerte Mulders Kopf und zog ihn sehr, sehr langsam auf den geöffneten Rachen zu.
„Mulder..."
Er konnte Scully nicht antworten, denn sein Mund war von der flachen schwarzen Zunge bedeckt. Er konnte sehen, aber nicht reden. Scully zerrte an seiner Hand.
Die Zunge zog Mulder auf das schnaubende Maul zu. Er spürte den heißen keuchenden Atem auf seinen Beinen. Scully hielt ihn weiterhin fest, kam aber nicht gegen die Muskelkraft des Sauriers an. Schließlich ließ Mulder Scully los und drückte mit beiden Händen gegen die Zunge. Er versuchte, sie sich über den Kopf zu schieben, konnte sie jedoch keinen Zentimeter bewegen. Selbst als er die Hacken mit seiner ganzen Kraft in den schlammigen Boden grub, zerrte ihn die Zunge Zentimeter um Zentimeter weiter.
Scully umschlang seine Taille und hängte sich an ihn, schrie auf ihn ein, aber Mulder war hilflos. Er sah Sterne, und allmählich überkam ihn eine eigentümliche Ruhe, ein friedliches Gefühl der Unausweichlichkeit, während er Stück für Stück weitergezerrt wurde...
Ein lauter Knall riss ihn zurück in die Wirklichkeit. Plötzlich erschlaffte die Zunge und löste sich. Mulder spürte sie von seinem Gesicht gleiten. Ein ekliger weißer Schaum überzog seinen Körper, die Zunge fiel schlapp zu Boden. Die Kiefer klappten zu, Zähne gruben sich in die Zunge. Dunkles Blut spritzte heraus und vermischte sich mit dem Schlamm. Aus den Nüstern kam stoßweises Schnauben.
„Was ist denn jetzt los?", fragte Mulder irritiert.
Langsam, sehr langsam glitt der Kopf aus der Nische, im Schlamm eine lange tiefe Spur hinterlassend. Schließlich war er ganz verschwunden, und sie sahen nur noch die silbrige Wand fallenden Wassers. Und als sich Mulder umwandte, sah er Scully mit noch immer weit von sich gestreckter Pistole einen knappen halben Meter entfernt stehen.
„Danke, Scully", sagte er matt. „Sie haben was gut bei mir."
Sie nickte kaum merklich und ließ die Waffe wieder in ihrem Holster verschwinden. „Lasst uns schnellstens abhauen!", sagte sie grimmig. „Wer weiß, wann das Vieh wieder Hunger bekommt!"

zwei Stunden später

Sie hatten das Reich Akungas unversehrt und ohne spektakuläre Zwischenfälle wieder erreicht. Auch Mulder hatte sich wieder gefasst. Er war ziemlich erleichtert, als er in der Ferne das Dach eines Tempels zwischen den Baumkronen entdeckte.
„Ist das da vorne schon Akunga?", fragte er hoffnungsvoll.
Dim-Kalir schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Agent Mulder, aber das ist bloß ein kleiner Tempel, der zu den Burgruinen der Vorfahren gehört. Hier lebt nur Piak, der Wächter des Westens."
Mulder seufzte resigniert. Er war totmüde, nach all den Strapazen der letzten Stunden konnte er ein paar Stunden Schlaf mehr als gebrauchen. Aber die würde er höchstwahrscheinlich noch nicht bekommen.
Der Wald wurde lichter, bis er sich schließlich teilte und eine große Lichtung preisgab. Darauf standen viele Gebäude. Es war eine ganze Stadt mit Häusern, Mauern, Türmen und Treppen. Im Schatten der umliegenden Bäume wirkte sie beinahe gespenstisch, diese Stadt, alt und verkommen, halb zerfallen mit unzähligen schwarzen huschenden Schatten. Es war eine tote Stadt, arg zugerichtet und verlassen, mit bröckelnden Mauern, die Häuser waren nichts weiter als Ruinen. Und doch wirkte sie mächtig und schön.
„Dieser Ort war einmal voller Leben", sagte Dim-Kalir wehmütig. „Hunderte von Jahren ist das her. Nur das Zentrum der Stadt steht hier noch. Sie war einst sehr viel größer, doch ist das meiste von ihr vom Dschungel geschluckt worden."
„Die Natur holt sich zurück, was ihr einst gehörte", bemerkte Mulder mit leiser Stimme und betrachtete andächtig die Ruinen vor sich.
Dim-Kalir führte die Gruppe an den zerfallenen Häusern vorbei, ins Innere der Stadt. Sie passierten Altare und andere Opferstätten, Brunnen und Tränken, noch immer erkennbare Feuerstellen und finster dreinblickende Statuen, die, teils von Efeu umrankt, auf sie hinabzustarren schienen. Sie stiegen die abgetretenen Stufen zum Tempel, dem noch am Besten erhaltenen Gebäude, hinauf und betraten die im Dämmerlicht liegende Innenhalle. Ein ihnen wohlbekannter Geruch kam ihnen entgegen, und Mulder blieb beinahe augenblicklich stehen, die Augen aufmerksam auf das Durcheinander von Holzbänken, umgefallenen Statuen und Stofffetzen vor ihnen gerichtet.
„Hier stimmt etwas nicht", murmelte er, während er Scully zurückhielt, die schon vorausgehen wollte. „Hier riecht es nach Tod und Verwesung... - Sagten Sie nicht, dass Piak einen kleinen Teil des Tempels bewohnt?"
„Ja..." Dim-Kalir war sichtlich unwohl zumute. Sein Gesicht wurde blass. „Er wird doch nicht... - so wie Enak..."
Mulder stürzte voran, stieg über eine umgefallene Steinsäule und blickte sich suchend um. Als er entdeckt hatte, was er suchte, presste er seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
„Jesus, was, zum Teufel, ist das?"
„Das müssten Sie doch am Besten wissen!", schnappte Grahm spöttisch. Und mit einem herablassenden Tonfall fügte er hinzu: „Spooky!"
„Ja, natürlich!" Mulder verbeugte sich mit einem ironischen Gesichtsausdruck vor dem Paläontologen. „Darf ich mich vorstellen? Sprengler, Gespensterjäger. Ich habe bloß meine Detektoren für paranormale Aktivitäten vergessen! Und Slimer ist mit irgendeiner Monsterbraut durchgebrannt!"
„Mulder!" Scully boxte ihm sanft, aber warnend in die Seite.
Er hob die Hände zur Kapitulation. „Okay, okay, ich höre ja schon auf. Dennoch bleibt meine Frage unbeantwortet: Was ist das?"
Die Leiche, die halb verborgen unter einer Bank lag, war von Fliegen und Maden übersät. Die Kleidung war zerfetzt, das Haar lang und grau, das Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzogen, hohlwangig, leer, beinahe geisterhaft. Ohne Zweifel, der Kadaver war nicht der eines Dinosauriers oder der eines anderen Tieres, aber auch nicht der eines Menschen. Die Proportionen stimmten nicht, die Hände ähnelten krallenbewehrten Klauen, die aus je drei Fingern bestanden. Die Haut war ledrig und glänzte schleimig. Das Kopfhaar war dünn und stand in scheinbar alle Richtungen ab.
„Ein Ghoul!", hauchte Dim-Kalir.
Mulder riss entsetzt die Augen auf und trat hastig zwei Schritte zurück. „Was sagen sie da?", flüsterte er.
„Die Aasfresser", sagte Malia mit tonloser Stimme. „Die Ghouls. Sie sind die Geschöpfe aus dem Untergrund und gelten seit mehreren Jahrzehnten als ausgestorben. Ich dachte, unser Volk hätte sie alle vernichtet..."
„Anscheinend nicht. Das da ist höchsten fünf oder vier Tage tot", sagte Scully, während sie sich die Nase zuhielt. Der Gestank, den die Leiche ausströmte, war wirklich unerträglich.
„Es trägt Piaks Kleidung", sagte Dim-Kalir blass. „Es hat ihn umgebracht, gefressen und seine Kleider angelegt!"„Und wer hat es getötet?", fragte Mulder.
„Sie gehen mir auf den Geist mit Ihrer Fragerei!", blaffte Grahm.
„Wir müssen hier verschwinden", sagte Malia. „So schnell wie möglich. Dieser Ort ist verflucht!"
Sie verließen eilig den Tempel und rannten durch die Stadt, sich bei jedem Schritt panisch nach allen Seiten umsehend. Wer konnte auch nur ahnen, ob nicht hinter dem einen oder anderen Haus ein grausiges Monster lauerte, ob nicht ein Ghoul hinter den Statuen versteckt stand oder im Brunnen ausharrte. Die alte Legende war wieder zum Leben erwacht...

unweit der Ruinenstadt

„Wenn die Ghouls überlebt haben, dann sollten wir uns beeilen, diesen Teil des Tals schnellstmöglich hinter uns zu lassen", sagte Dim-Kalir. „Ich möchte gar nicht daran denken, was passieren könnte, wenn wir einigen von ihnen begegnen..."
„Sagt die Legende denn nicht, dass man diesen Wesen mit geweihtem Silber beikommen könnte?", erkundigte sich Mulder, der direkt hinter dem Medizinmann dem schmalen Dschungelpfad folgte.
„Ja, das stimmt. Aber auch das hier ist wirkungsvoll." Der Alte zog ein goldenes Amulett hervor, in das einige Zeichen eingeritzt worden waren. „Jedoch ist das die einzige Waffe gegen die Aasfresser, die ich besitze. Wir bräuchten mehr. Für den Extremfall..."
Jonas zog eine Kette unter seinem T-Shirt hervor. Es war ein silberner Stierkopf an einem schwarzen Stoffband.
„Wie wäre es damit?", fragte er.
Dim-Kalir nahm die Gabe mit einem leichten Nicken entgegen. „Besser als nichts."
„Scully hat Silberknöpfe." Mulder deutete auf die Bluse seiner Partnerin. „Die könnten wir doch auch nehmen..."
„Wenn Sie mir ein Shirt auftreiben können, gern", erwiderte sie. „Außer dieser Bluse habe ich nämlich nichts dabei. Der Rest liegt noch in der Hütte in Akunga."
„Wir nehmen einfach die unteren Knöpfe und Sie verknoten die Bluse. Das ist der letzte Schrei, Scully."
Sie seufzte ergeben. „Na schön. Hat jemand eine Schere oder ein Taschenmesser für mich?"
Mulder grinste, während er dabei zusah, wie sie die unteren Knöpfe entfernte und die Bluse unter der Brust verknotete. Nun sah sie endgültig aus, wie eine Dschungelabenteurerin, outfitmäßig eine gewisse Ähnlichkeit mit Lara Croft aufweisend.
„Hey, so sollten Sie mal bei Skinner auftauchen! Dem Burschen würden Sie glatt das verkalkte Gehirn verdrehen, in diesem Aufzug!", feixte Mulder.
„Ach, schaffe ich das bei Ihnen noch nicht?", gab sie schlagfertig zurück, während sie Jonas wieder sein Taschenmesser gab, mit dessen Hilfe sie die Knöpfe abgetrennt hatte.
„Kommen Sie, lassen Sie uns weitergehen!", drängte Dim-Kalir. „Um so schneller wir diesen Teil des Tals verlassen, umso besser!"

eine knappe Viertelstunde später

Sie waren nicht weit gegangen, als sich ihnen eine Gruppe von Männern in den Weg stellte. Es waren sieben an der Zahl, allesamt mit Speeren und langen Buschmessern, die sie in ihren Gürteln trugen, bewaffnet. Von ihrem Aussehen ähnelten sie den Menschen aus Akunga, doch war ihre Ausstrahlung eine andere. Sie war kriegerisch und misstrauisch, nicht freundlich und offen.
„Uruks!", entfuhr es Dim-Kalir, und er wich erschrocken einen Schritt zurück.
Mulder beobachtete, wie einer der Fremden seine rechte Hand hob und auf das Waldstück hinter sich deutete. Dazu sprach er in einer für Mulder unverständlichen Sprache. Er wusste nicht, ob es Akungaisch war, doch er hatte das untrügliche Gefühl, dass dieser von Dim-Kalir als Uruks bezeichnte Stamm sehr viel mit der Dschungelstadt zu tun hatte.
„Was wollen die?", fragte Jonas leise.
„Wir sollen ihnen folgen", sagte Malia leise.
„Das können wir nicht!", protestierte Grahm. „Wir müssen zurück in die Stadt!"
„Wenn wir ihnen nicht aus freien Stücken folgen, werden sie uns mit Waffengewalt dazu zwingen", erwiderte Dim-Kalir düstern.
Kaum hatte er ausgesprochen, als sich auch schon sieben Speerspitzen auf sie richteten.
„Geht!", befahl der Medizinmann. „Leistet ihnen keinen Widerstand! Tut einfach, was sie verlangen!"
Die Uruks umzingelten sie und trieben sie vor sich her in den Wald. Jeweils drei Männer gingen links und rechts von ihnen, ein einzelner bildete das Schlusslicht. Sie bedachten ihre Beute mit drohenden Blicken, die so eisig waren, dass Jonas glaubte, jeden Moment festfrieren zu müssen.
„Wohin bringen sie uns?", fragte er an Dim-Kalir gewandt.
„In ihr Dorf", raunte der Medizinmann. „Sie wollen meinen Rat."
„Können sie denn nicht etwas freundlicher darum bitten?", knurrte Mulder, der hinter ihnen ging.
Der Wald lichtete sich, und sie folgten nun dem Uferstreifen eines Sees. Weiter vorn ging es leicht bergauf.
„Haben Sie noch die Silberknöpfe, Agent Mulder?", fragte Malia.
„Ja, wieso?"
„Weil wir sie vielleicht brauchen werden, denn seit jeher haben Ghouls bei den Uruks gelebt."
„Na großartig!", kommentierte Scully.
„Der Stamm und die Ghouls führen so eine Art Zweckgemeinschaft", erklärte die Akunganerin leise. „Die Untoten beschützen die Uruks, dafür verlangen sie frisches Fleisch als Gegenleistung."
„Na hoffentlich steht heute nicht Paläontologenfilet und Agentenfutter auf den Speiseplan", murmelte Mulder.
Scully bedachte ihn mit einem wütenden Blick. „Wäre es nach mir gegangen, wären wir gar nicht hier und wären andauernd in Gefahr, von irgendwelchen Raubechsen oder Dämonen aufgefressen zu werden!"
Sie kamen zu dem Baumstück über dem See. Für einen Moment sah Mulder weder die finsteren Gestalten, die sie mit ihren Speeren weiter vorantrieben, noch Scullys mürrisches Gesicht. Ihm schwindelte. Diese Bäume! Riesige Robinien, Koniferen, Ginkos und Zypressen. Äste, Wurzeln und Stämme waren mit Moos und vielfarbigen Pilzen besetzt. Von Baum zu Baum verliefen Hängebrücken und Bohlenstege. Wohnnester und Waben hingen bis in den Kronenraum. Kletternetze schaukelten auf den Boden, Schilfbedachungen, Sonnensegel und Grasmatten überdachten gegeneinander versetzte Plattformen. Mooswände standen dazwischen, bunte Perlvorhänge schaukelten über Hängematten. Efeugewächse durchflochten die Plattformen. Nirgends ein rechter Winkel. Die ganze Struktur wuchs vom Waldboden bis in die Wolken, fiel und stieg an und setzte sich unübersehbar durch das Waldstück fort. Ein Hausboot, stellte sich Mulder vor. Nein, ein Riesenschiff unter gebauschten Segeln, das der Wind über die Berge in ferne Welten entführte. Ein grünes Raumschiff.
„Das Dorf der Uruks", sagte Malia leise.
Die bewaffneten Männer trieben sie die Kletternetze hinauf auf die unterste Plattform. Aus den Wohnnestern und Waben starrten ihnen unzählige Augenpaare entgegen. Ein finster dreinblickender Mann kam ihnen entgegen, begleitet von einem knapp zehnjährigen Jungen
„Das ist der Häuptling", sagte Dim-Kalir. „Kabip. Das bedeutet der Schreckliche."
„Es wird immer besser", murmelte Mulder leise vor sich hin.
Kabip trat vor Dim-Kalir, begrüßte ihn knapp, und begann auf ihn einzureden. Der Medizinmann nickte einige Male, erwiderte hier und da etwas. Dann deutete er auf Scully.
„Lai b'ana", sagte er.
„Was sagen Sie ihm da?", fragte die Agentin, und ihrer Stimme war zu entnehmen, dass ihr mehr als bloß unwohl war.
„Eine Frau liegt in den Wehen. Es gibt Komplikationen bei der Geburt, und der ansässige Schamane kann mit seinen Liedern und Tänzen nicht helfen", erklärte Dim-Kalir. „Ich habe ihm gesagt, dass Sie Ärztin, also eine Weise, sind und dass Sie helfen können."
„Aber..."
Der Medizinmann unterbrach ihren Protest. „Der Junge wird Sie zu der Hütte führen. Er heißt Oci."
Oci trat auf Scully zu, griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her, zu einer kleinen Holzhütte, die weiter hinten auf der Plattform stand. Die anderen folgten automatisch, während Dim-Kalir zurückblieb, um weiter mit Kabip zu reden.
An der Hütte angekommen, öffnte Oci die Tür und führte Scully ins Innere. Auf dem Boden hatte man einen Erdhaufen aufgehäuft, auf dem ein kleines Feuer brannte und etwas Licht in den Raum brachte. Ebenfalls erhellten einige Fenster das Innere. Auf einem Felllager, im rückwärtigen Teil der Hütte, lag eine hochschwangere junge Frau, vielleicht nicht älter als achtzehn. Ihr Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Oci deutete auf sie, dann drehte er sich um und verließ die Hütte.
Sully kniete sich neben der Frau nieder, tastete langsam den prallen, nackten Bauch ab.
„Das Kind liegt falsch herum", stellte sie nüchtern fest. „Wir müssen einen Kaiserschnitt vornehmen."
„Hier? Mitten im Dschungel?" Grahm sah sich beinahe panisch um. „Agent Scully, die Frau hier wird das nicht überleben!"
„Vertrauen Sie ihr einfach, okay?", sagte Mulder eindringlich, während er den Wissenschaftler aus der Hütte schob. „Passen Sie einfach auf, dass niemand in dieses Haus kommt, und alles ist in Ordnung! Lassen Sie Dim-Kalir die ganze Sache erklären! Wir werden uns darum kümmern."
Grahm sah ihn finster an. „Wenn es Ihnen nicht gelingt, diese Frau dort zu retten, werden diese Voodoo-Priester Sie für Teufel halten und bei lebendigem Leibe rösten!", zischte er. „Und ich lege nur ungern mein Leben auf die Waageschale!"
„Verschwinde jetzt, Ben!", fuhr ihn Jonas ungestüm an. „Pessimisten können wir hier nicht gebrauchen!" Er packte ihn am Arm und beförderte ihn mehr oder weniger sanft vor die Tür und zog sie anschließend hinter sich zu.
„Sie müssen mir helfen, Mulder." Scully hatte sich über die wimmernde Frau gebeugt und befühlte ihre Stirn, strich anschließend über den prallen Bauch. „Ich brauche heißes Wasser zum Desinfizieren, Nadel und Faden, wenn es geht, auch Tücher..."
Ihr Partner hatte bereits den Rucksack abgesetzt und durchwühlte die Taschen. Schere, Nadel und Garn fand er recht schnell. Er fand auch einen Topf, füllte ihn mit dem Wasser, das er in der Trinkflasche mitgeführt hatte, und hängte ihn über das Feuer.
„Haben Sie so etwas schon mal gemacht?", erkundigte er sich, während er die Schere in das dampfende Wasser hielt, um sie zu desinfizieren.
„Um die Wahrheit zu sagen, nein", gab sie zu. Jedoch klang ihre Stimme dermaßen ruhig und konzentriert, dass ihre Antwort Mulder nicht beunruhigte. Er vertraute ihren Fähigkeiten als Ärztin. Sie würde schon wissen, was zu tun war. Er zog ein großes Badetuch aus dem Rucksack und reichte es Scully, die es der Frau unterschob, um wenigstens ein einigermaßen hygienisches Umfeld zu schaffen.
„Wir haben nicht einmal ein Narkosemittel", murmelte Scully. „Sie wird höllische Schmerzen haben..."
„Warten Sie." Mulder inspizierte den Verbandskasten und die kleine Hausapotheke, die sie vorsichtshalber mitgenommen hatten. „Wir haben Morphin da... Für alle anderen Mittel würden wir einen Beatmungsapparat brauchen, Morphin würde lediglich die Schmerzausschaltung und Entspannung hervorrufen..."
„Besser als nichts." Scully zog sich Latexhandschuhe über und nahm anschließend das kleine Fläschchen und eine Kanüle entgegen. „Würden Sie sie bitte auf die Seite drehen, Mulder? Ich muss die Epiduralanästhesie durch Injektion des Lokalanästhetikums in den Periduralraum des Wirbelkanals einleiten..."
„Müssen Sie ausgerechnet hier mit Fachchinesisch anfangen?", beschwerte er sich, griff aber unverzüglich nach der wimmernden Frau, um sie sanft auf die Seite zu drehen.
„Das heißt, dass der Bauchraum durch vorrübergehende Unterbrechung der Erregungsleitung der Nerven betäubt wird. Der Periduralraum umgibt das Rückenmark." Scully bereitete die Injektion vor und betrachtete die Frau. „Ich werde einen horizontalen Schnitt knapp oberhalb des Schambeins machen. Diese Art von Schnitt heilt am Besten..." Sie blickte auf. „Und Sie werden mir wohl oder übel zur Hand gehen müssen, denn allein schaffe ich das nicht."
Er lächelte matt. „Zum Glück gehöre ich nicht zu denen, die bei dem Anblick von Blut in Ohnmacht fallen..."
Scully verabreichte die Spritze, und Mulder drehte die Frau daraufhin wieder auf den Rücken. Er schob ein Fell unter ihren Kopf und redete beruhigend auf sie ein. Scully blickte kurz zu ihm, während sie die desinfizierte Schere aus dem brodelnden Wassertopf fischte. Die Frau konnte ihn zwar nicht verstehen, aber vielleicht bewirkte der sanfte, ruhige Ton seiner gedämpften Stimme irgend etwas. Jedenfalls griff sie mit flehendem Blick nach seiner Hand. Mulder drückte sie leicht.
„Es wird alles gut", versprach er. „Wir kriegen das schon hin..."
Die Tür der Hütte öffnete sich, und Malia schlüpfte hinein. Sie kniete neben der Frau nieder, betrachtete kurz das Tun der beiden Agenten.
„Sie ist die Frau des Häuptlings", sagte sie leise. „Sari."
„Na super!", murmelte Mulder. „Scully, Sie wissen auch ganz sicher, was Sie da tun?"
Sie sah ihn nur kurz an.
„Beruhigen Sie sie", sagte Mulder an Malia gewandt. „Sagen Sie ihr, dass wir versuchen, sie und ihr Kind zu retten, und dass wir sie nicht im Stich lassen werden. Sagen Sie ihr, dass Scully eine Heilerin ist, und dass sie weiß, was zu tun ist."
Malia nickte und begann, leise auf Sari einzureden.
Mulder streifte sich ebenfalls Latexhandschuhe über und rutschte zu Scully hinüber, die bereits den Schnitt gemacht hatte. Sari hatte kaum gezuckt, das Morphin schien zu wirken. Fruchtwasser quoll aus der Öffnung im Unterleib, vermischt mit etwas Blut.
Scully dehnte vorsichtig die Haut, das Licht, das durch die Fenster in die Hütte gelang, fiel auf das Segment unterhalb des Uterus.
„Nehmen Sie das Kind vorsichtig heraus, Mulder, ganz langsam, damit der Schnitt nicht noch weiter aufreißt. Schieben sie ihre Hand unter sein Becken und heben Sie es ganz vorsichtig an. Bloß keine Eile..."
Sie blickte kurz zu Sari, die vertrauensvoll zu Malia aufblickte, die ihr die Hand hielt und beruhigend auf sie einredete. Als Scully wieder den Blick wandte, sah sie, dass Mulder bereits das Kind herausgehoben hatte, so wie sie es ihm gesagt hatte. Mit der rechten Hand hielt er seinen Rücken, mit der linken stützte er das Köpfchen.
„Ganz schön glitschig, der Bursche", kommentierte er.
„Halten Sie den Kleinen an den Beinen fest, mit dem Kopf nach unten, damit der Schleim aus dem Mund laufen kann", wies ihn Scully an, während sie in den Einschnitt griff, um auch die Plazenta zu entfernen.
„Barbarische Sitten!", knurrte er, tat aber, was von ihm verlangt wurde.
Scully überprüfte die bereits herausgenommene Plazenta, ob sie auch komplett abgegangen war, und nickte zufrieden.
Mulder angelte mit der freien Hand nach der Schere, die Scully wieder in den Topf mit heißem Wasser hatte gleiten lassen. Mit der linken Hand presste er nahe am Bauch des Neugeborenen die Nabelschnur ab, bevor er sie durchtrennte. Das Baby schnappte zum ersten Mal in seinem Leben nach Luft und schrie.
„Sie sind ja richtig begabt, Mulder", bemerkte Scully mit einem merklichen Lächeln. „Säubern Sie den Kleinen, während ich den Schnitt wieder vernähe."
Sie machte sich an die Arbeit, konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, nach dem Kind nun auch noch die Mutter zu retten. Der Faden war glücklicherweise reißfest, würde aber dennoch leicht zu entfernen sein, sobald die Wunde verheilt war.
Als sie endlich fertig war und vor Erleichterung seufzend aufblickte, sah sie, wie Mulder Sari das Neugeborene reichte, das er mit warmen Wasser gewaschen und anschließend in ein weiteres Badetuch eingewickelt hatte. Der Kleine hatte schon lange aufgehört zu schreien, wirkte gesund und kräftig. Alle Gliedmaßen waren korrekt ausgebildet und die Augen nicht getrübt.
„Alles dran!", grinste Mulder, so als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Gute Arbeit, Frau Doktor."
Auch Sari wirkte - trotz Erschöpfung und Narkosemittel - sehr glücklich. Sie wiegte den Kleinen im Arm hin und her, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf das Näschen und sagte: „Pat."
„Was heißt das?", erkundigte sich Scully.
Malia lächelte. „Sie hat ihm gerade seinen Namen gegeben, Pat. Das bedeutet Wunderkind."
In diesem Moment schwang die Tür auf und Kabip trat herein. Er sah sich nur kurz um, erblickte den gesunden Knaben in Saris Armen und nickte zufrieden.
„Oni", sagte er.
„Das bedeutet gut", übersetzte Malia leise.
Sari derweil begann aufgeregt auf ihren Mann einzureden, ihre Augen glänzten und ihre Stimme klang direkt aufgeregt.
„Sie erzählt von Ihnen", sagte Malia und deutete auf Scully. „Und davon, dass Sie sie gerettet haben. Sie seien eine Zauberin."
Scully lächelte. Doch erstarb ihr Lächeln im selben Augenblick, als ihr Blick den des Häuptlings traf - denn der war finster.
„Was ist denn dem über die Leber gelaufen?", murmelte Mulder neben ihr.
„Lai oilo chana kiro", donnerte der Häuptling und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Scully.
„Was hat er gesagt?", fragte Mulder an Malia gewandt, die totenbleich war.
„Er sagte, sie beherrsche die schwarze Magie, sie sei eine böse Frau...", übersetzte sie zögernd.
„Der hat sie ja wohl nicht alle!" Mulder packte Scully am Arm und zog sie auf die Füße. „Kommen Sie, wir gehen! Bei so viel Dankbarkeit fällt mir wahrlich nichts mehr ein!"
Doch bevor sie die Hütte verlassen konnten, stellten sich ihnen vier bewaffnete Männer entgegen. Der erste von ihnen packte Scully und wollte sie von Mulder fortreißen. Als er protestieren wollte, wurde er von einem anderen brutal in die Magengrube geschlagen. Mulder schnappte nach Luft und beugte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorn.
„Mulder!"
Scullys Ruf ließ ihn den Blick heben. Er sah, wie sie sich vergeblich gegen die vier Männer wehrte, die sie über einen langen Steg nach unten brachten, auf einen großen Platz, in dessen Mitte eine große Statue stand, umgeben von zwei steinernen Altaren. Mulder versuchte, den stechenden Schmerz zu ignorieren, und richtete sich auf. Er sah, wie Scully an die Statue gefesselt wurde.
„Was machen sie da?", fragte Jonas, der hinzugekommen war, doch er bekam keine Antwort.
Mulder packte Dim-Kalir grob an Kragen seines Ledergewandes und rüttelte ihn heftig. „Was machen sie mit ihr?", donnerte er, und der Medizinmann duckte sich beinahe erschrocken, von der Wut des sonst so friedfertigen Mannes überrascht. „Na los, spucken Sie's aus!"
„Sie wollen sie Shaim, dem großen Feuergott, opfern", antwortete Malia, während Dim-Kalir weiterhin beharrlich schwieg. „Zu diesem Zweck werden sie Agent Scully dem übergeben, was Shaims Element ist: dem Feuer..."
Sie hatte kaum ausgesprochen, als Mulder den Medizinmann abrupt los- und zu Boden fallen ließ. Er wandte sich um und wollte loslaufen, doch packte ihn Dim-Kalir am Arm und zog ihn grob zurück.
„Wenn Sie die Zeremonie stören, wird man auch Sie töten!", zischte er. „Sie haben ja gar keine Ahnung, welche Macht dieses Volk besitzt! Wir könnten uns nie gegen es wehren! Wenn Sie Ihre Partnerin jetzt zu befreien versuchen, setzen Sie unser aller Leben aufs Spiel!"
„Hören Sie, ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sie Scully bei lebendigem Leib rösten, bloß weil sie einer Frau frevelhafterweise das Leben gerettet hat, klar? Dieses Dschungelvolk sollte ihr dankbar für das sein, was sie getan hat, statt dessen sieht der Häuptling eine Bedrohung in ihr. Und der paranoiden Ansichten eines Verrückten willen werde ich Scully nicht einfach sterben lassen! Ich hoffe, wir haben uns verstanden!"
„Sie werden sich für unseren Tod verantworten müssen, Agent Mulder!", zischte Dim-Kalir. „Niemand hier wird Sie bei Ihrem wahnwitzigen Vorhaben unterstützen!"
„Ich werde es auf jeden Fall tun", sagte Jonas mit fester Stimme. „Es ist nicht unsere Art, einen Freund im Stich zu lassen, auch wenn wir dabei Schaden tragen könnten!"
Der Medizinmann funkelte die beiden Männer an, zu denen sich nun auch noch Grahm und Malia gesellten. Unwirsch deutete er auf den Platz, auf dem man inzwischen ein großes Feuer entfacht hatte, um das eine große Anzahl von jungen Mädchen in Baströcken tanzte.
„Dann rennt doch in Euer Verderben! Ich werde überleben, egal, was geschieht, aber Sie sind allesamt dem Tod geweiht, wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen!"
Die letzten Worte schrie er, denn die Wut packte ihn, als sich die Vier von ihm abwandten und die Anhöhe hinunterliefen, zu der Stelle, wo Scully an die Statue gefesselt stand. Um sie herum tanzten die Mädchen, ihre langen Baströcke flogen bei jeder Drehung. Ihr rhythmisches Lied schien mit jedem Wort anzuschwellen, die Schritte wurden schneller, Füße stampften auf dem Boden und wirbelten Staub auf. Der Reisighaufen, den man um Scully herum angehäuft hatte, fing Feuer, als eines der Mädchen einen brennenden Ast hineinwarf. Mulder erstarrte nur kurz in seiner Bewegung. Er konnte einfach nicht glauben, was er sah. Doch die vor Angst und Entsetzen weit aufgerissenen Augen Scullys trieben ihn weiter voran. Wut und Angst vermischten sich in ihm, er glaubte beinahe zu spüren, wie Adrenalin durch seinen Körper schoss, es ihm ermöglichte, sich todesmutig in die Meute von Uruks zu werfen und sich einen Weg in die Mitte des Platzes freizuboxen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Einige der Männer versuchten, sich ihm in den Weg zu stellen, doch Mulder stieß sie grob beiseite.
Ein merkwürdig süßer Geruch hing in der Luft, der sich mit dem Rauch vermischte.
Endlich trat er auf den freien Platz. Die Mädchen hatten aufgehört zu tanzen und zu singen, satt dessen starrten sie den Störenfried mit kalten - beinahe hasserfüllten - Blicken an.
Mulder kümmerte sich nicht darum. Er rannte auf Scully zu, um die bereits hohe Flammen schlugen. Er sah sie husten und vergeblich nach Atem ringen. Er hatte sie fast erreicht, als eines der Mädchen vor ihn trat - jedenfalls schien es einmal ein Mädchen gewesen zu sein. Das hübsche Gesicht war zu einer hässlichen Fratze geworden, die Hände zu krallenbewehrten Klauen, die zarte Haut zu einer fast durchsichtigen und verknoteten Membran. Das Wesen sah aus, wie halbtot.
Ein Ghoul, schoss es Mulder durch den Kopf. Also war die Legende wahr. Er sah sich gehetzt um. Er erblickte Jonas, Ben und Malia, die unweit von ihm auf dem Platz standen und schockiert die Schreckensgestalten anstarrten, die sie umzingelten. Mulder sah, wie Jonas' Augen wütend aufblitzten und er eine Faust ballte, und er wusste, dass er nicht fliehen würde. Er würde kämpfen. Ebenfalls Grahm. Und auch Malias Angst schien wilder Entschlossenheit zu weichen. Kampfbereit standen sie da, Rücken an Rücken, auf die Attacke der Ghouls wartend.
Mulder wurde bereits von einer dieser Kreaturen angegriffen. Der heimtückische Tritt des Wesens traf ihn in die Kniekehle. Während ein fürchterlicher Schmerz sein Bein durchzuckte, bemühte sich Mulder verzweifelt, auf den Füßen zu bleiben. Durch einen kräftigen Stoß des Ghouls verlor er jedoch das Gleichgewicht und krachte gegen einen der Altare. Dann schlug er mit dem Rücken auf den Boden. Doch war er während des Falls aufmerksam genug gewesen, um den erneuten Angriff des Monsters zu registrieren. Mit einer schier ungeahnten Kraft schoss er vom Boden auf und versetzte dem Körper des Ghouls einen kräftigen Stoß. Das Wesen fasste sich jedoch schnell und begann, mit Mulder zu ringen. Sie taumelten über dem Platz, ineinander verkrallt wie wütende Tiere. Während des Kampfes konnte Mulder einen kurzen Blick in Scullys Richtung erhaschen. Die Flammen verbargen seine Partnerin beinahe vollständig. Mulders Panik wuchs ins Unermessliche. Er wusste im Nachhinein nicht mehr wie, aber es gelang ihm, den Ghoul in die Knie zu zwingen. Mit der freien Hand tastete er in seiner Hosentasche nach Scullys Silberknöpfen, die Dim-Kalir geweiht hatte, kurz bevor die Uruks aufgetaucht waren und sie in dieses Dorf verschleppt hatten. Mulder nahm den Knopf zwischen Daumen und Zeigefinger und presste ihn gegen die Stirn des Ghouls, der daraufhin ein merkwürdiges gluckerndes Geräusch von sich gab. Jede Bewegung des Untiers erstarb. Grünbraune Flüssigkeit rann in breiten Strömen aus der Stelle, in die sich der Silberknopf schier hineingefressen hatte, gleich einer ätzenden Säure, die den Untoten Stück für Stück zerfraß. Man konnte beinahe dabei zusehen, wie sich der Ghoul Stück für Stück auflöste. Kein Hautfetzen wurde verschont, nicht einmal Staub blieb zurück. Die Kreatur hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst.
Inzwischen hatten auch Jonas, Grahm und Malia mit ihren Gegnern zu kämpfen, die ihnen zahlenmäßig eindeutig überlegen waren. Und sie griffen an.
Jonas beherrschte Pangamot, eine philippinische Kampfsportart, und in diesem Moment war er froh darüber. Pangamot war der härteste Kampfsport der Welt. In ihm steckte die pure Kraft, der Schlüssel zur Gewalt und zum Tod. Jonas hatte sich dem Pangamot zugewandt, nachdem seine Tante und seine damals vierjährige Cousine von Söldnern auf brutalste Weise ermordet worden waren. Seine ganze Wut und Ohnmacht hatte er in seine Ausbildung gesteckt, und er war einer der Besten im Gebiet des Kampfsportes - bloß hatte er es zuvor nie gewagt, gegen einen Menschen zu kämpfen, aus Angst, diesen beim Wettkampf zu töten - was beim Pangamot nicht ungewöhnlich war.
Jonas sah sich suchend um. Irgendwo musste doch etwas sein, was er als Waffe gebrauchen konnte...
Einer der Ghouls war plötzlich über ihm. Jonas sah nur die scharfen Krallen, die nach ihm griffen, und warf sich instinktiv zur Seite. Die Klauen zerfetzten die Luft neben ihm.
Mit einer raschen Bewegung zog Jonas dem Wesen die Füße unter dem Körper weg, so dass es der Länge nach hinschlug. Gleichzeitig sprang Jonas auf und warf sich auf den Angreifer. Der bäumte sich auf und warf seinen Gegner zurück. Die Beiden rollten über den harten Boden, das Kampfgetümmel und die lauten Schreie ringsherum ignorierend. Schließlich gelang es dem Ghoul, Jonas am Boden festzu nageln, und er presste ihn brutal zu Boden. Jonas stöhnte, schmeckte Blut im Mund. Höllische Schmerzen durchzuckten ihn. Er schnappte unter dem schweren Gewicht des mutierten Ungeheuers nach Luft, tastete verzweifelt mit dem noch freien linken Arm um sich und bekam etwas Hartes zu fassen. Es war ein schweres Stück Holz. Er umklammerte es mit den Fingern und zog es dem Ghoul über den Kopf. Das Untier taumelte zurück und Jonas vergaß den stechenden Schmerz, nutzte die Chance, um schnell aufspringen zu können. Aber auch der Ghoul hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Mit einem wütenden Kreischen stürzte er sich auf seinen Gegner. Doch nun kam ihm Jonas zuvor. Blinde Wut war in ihm aufgewallt, hatte sich in ihm gesammelt. Mit ihr kam die Kraft und die Geschicklichkeit. Jonas packte das Wesen, funkelte es mit einem wilden, fast mordlustigen Blick an. Der Ghoul starrte zurück.
Derweil wich Grahm dem wütenden Schlag eines weiteren Ghouls aus. Gleichzeitig holte er aus und streckte das Wesen mit einem kräftigen Faustschlag zu Boden. Der Ghoul stöhnte, rappelte sich aber sofort wieder auf. Mit einem schrillen Kampfschrei wirbelte er herum, ein zerborstenes Stück Holz in den Händen, mit dem er weit ausholte...
Malia schlug einen schwungvollen Salto rückwärts, ihr rechter Fuß traf das Wesen, das sie angreifen wollte, hart unter dem Kinn. Es jaulte auf, taumelte zurück. Doch schnell hatte es sich wieder gefasst und packte seine Gegnerin voller Zorn und entfesselter Wut. Malia stöhnte vor Schmerz, als ihr die Kreatur den Ellenbogen brutal in den Bauch stieß. Sie glaubte, ihr würde sich der Magen umdrehen. Sie sah den Ghoul über sich, der zu einem weiteren Stoß ausholte. In diesem Moment packte ihn jemand an der Kehle. Das Wesen röchelte, versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien. Malia kam wieder auf die Füße, sah, dass Jonas den Mutanten erbarmungslos gegen den Altar drückte. Er funkelte das grässliche Ding an. Seine Kleidung war zerfetzt und teilweise blutdurchtränkt, sein Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Er atmete nur stoßweise, doch seine Augen brannten wie Feuer.
Mulder derweil hatte sich von dem klammernden Griff eines weiteren Ghouls befreit und eilte auf die Statue zu, wo Scully noch immer festgebunden inmitten des knisternden Feuers stand, das gierig nach ihr leckte. Er hörte sie erneut husten und rannte los, die wütenden Monster rings um sich kaum wahrnehmend.
Mulder durchbrach die Feuerwand, ignorierte die segende Hitze, zog sein Taschenmesser hervor und ließ die Klinge durch den festen Bast von Scullys Fesseln fahren, die in die alles verschlingenden Flammen fielen. Scully, inzwischen ohnmächtig geworden, fiel vornüber. Mulder fing sie gerade noch rechtzeitig auf, schob seine Arme unter sie und hob sie empor. Der Qualm und die Hitze ließen seine Augen brennen und tränen, und er musste den sich bildenden Schleier hinfortblinzeln, um wieder einigermaßen klar sehen zu können. Hustend hastete er vorwärts und durchbrach mit gesenktem Kopf die Wand aus schwarzem Ruß, glimmenden Funken und züngelnden Flammen. Nach Atem ringend stand er auf dem Platz, wo der Kampf noch immer anhielt.
Während sich Mulder in die Flammen gestürzt hatte, hatte sich Jonas einen Speer erkämpfen können, den er über dem Knie in zwei gleich große Teile gebrochen hatte. Die metallene Spitze hatte er entfernt, dafür den silbernen Stierkopf, den er zuvor als Kette um den Hals getragen hatte, an ihre Stelle gesetzt. Die aus dem Speer entstandenen Stöcke benutzte er nun als Waffe - und wie er sie benutzte!
Mulder starrte den jungen Wissenschaftler verblüfft an, der inmitten der Horde von Ghouls zu tanzen schien, so leichtfüßig und geschmeidig bewegte er sich. Es schien, als hätte er jeden einzelnen Muskel seines Körpers unter Kontrolle. Dabei wirbelte er die beiden Stöcke in wahnwitziger Geschwindigkeit herum; sie glitten unglaublich schnell und mit komplizierten Bewegungen durch die Luft. Jonas benutzte die Stöcke zuerst wie Keulen, dann wie Messer oder Schwerter. Seine Bewegungen waren schnell, kraftvoll und zornig. Mulder konnte deutlich hören, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten, um kurz darauf einen angreifen Ghoul zu treffen, der von der Silberspitze getroffen zu Boden sank, um sich dort Schritt für Schritt aufzulösen.
Jonas bedrängte zwei weitere Angreifer mit den Stöcken, die in seinen Händen zu einer ungeheuerlichen Waffe geworden zu sein schienen. Sein Atem ging rau und stoßweise, während er blitzschnelle tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing den Hieb eines der Ghouls ab, sank auf die Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Das Wesen fiel jaulend vornüber. Jonas sprang fort, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Die Luft schien von seiner Kampfeswut erfüllt zu sein. Und trotz seiner unglaublichen Technik, mit der er sich der Ghouls erwehrte, schien er nicht siegen zu können - denn der Feind war ihm zahlenmäßig um das zwanzigfache überlegen...
In diesem Moment durchbrachen unzählige, sich flink bewegende Gestalten das Unterholz. Mulder sah bloß ihre Schatten in der Dunkelheit, hörte das vertraute Fauchen. Er sah die waagerecht vom Körper weggestreckten Schwänze, die schmalen Köpfe mit den weit aufgesperrten Mäulern und die gefährlichen Sichelkrallen auf der Mittelzehe der kräftigen Hinterbeine.
Velociraptoren.
Die kleinen Raubsaurier schossen auf den Platz, sprangen mit einer erstaunlichen Zielsicherheit die nächstbesten Ghouls an und rissen deren unmenschliche Körper in Fetzen. Die Luft war erfüllt von Schreien und Kreischen, Fauchen und dem untrüglichen Krachen und Knacken von durchgebissenen Knochen. Der Geruch von Verwesung, Blut und verbrannter Haut breitete sich aus.
Jonas und Malia nutzten die Gunst der Stunde, um sich unbemerkt vom Kampfgetümmel, das zu eskalieren drohte, zu entfernen.
Scully derweil war aus ihrer Ohnmacht erwacht, hustete, rang gierig nach rettendem Sauerstoff. Zögernd schlug sie die Augen auf, sah in Mulders rußgeschwärztes Gesicht.
„Bin ich schon tot?", fragte sie beinahe flüsternd.
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Aber wenn wir hier nicht schnellstens verschwinden, könnten wir es bald sein..."
Die Zwei anderen waren endlich heran. Sie alle hatten Verletzungen davongetragen, doch noch immer waren sie kräftig genug, um sich auf den Beinen halten zu können.
„Wo ist Grahm?", schrie ihnen Mulder entgegen, als er sah, wie auch Dim-Kalir auf sie zukam.
Malia wies stumm auf eine Gruppe von Ghouls, die sich über einen zerfetzten Körper beugten.
„Ich konnte ihn nicht retten", stammelte Jonas neben ihr. „Es ging so schnell, auf einmal waren drei von ihnen über ihm..."
Mulder ließ Scully vorsichtig auf den Boden gleiten. Sie schien einen Moment unsicher auf den Beinen zu sein, fand schließlich dennoch ihr Gleichgewicht. Mulder wollte sie stützen, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
„Danke, aber ich schaffe das schon!"
Jonas hatte sie bereits erreicht. Hastig deutete er in die Richtung des nahen Waldes. „Los! Lasst uns abhauen!"
Sie rannten los.

zur gleichen Zeit in Akunga

Vince lief nervös in dem unterirdischen Kuppelraum auf und ab, den Blick auf seine Armbanduhr geheftet.
„Ich verstehe das nicht", murmelte er. „Sie müssten schon längst wieder hier sein..."
„Vielleicht haben sie Umwege machen müssen", versuchte ihn Kenji zu beruhigen. „Wer weiß, was da alles durch den Dschungel turnt..."
Vince blieb kurz stehen und sah den Inder an.
„Bald wird es anfangen zu dämmern", sagte er langsam. „Wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht zurück sind, werde ich losgehen und sie suchen!"

derweil am anderen Ende des Tales

Jonas wusste nicht, wie lange und wie weit sie gelaufen waren, als die Beine unter ihm nachgaben. Er konnte einfach nicht mehr. Er hatte schreckliches Seitenstechen, außerdem machte ihm die Wunde am rechten Oberschenkel zu schaffen, die ihm einer der Ghouls mit seinen widerlichen klauenbewehrten Fingern aufgerissen hatte.
„Stopp!", keuchte er. „Ich muss mich ausruhen..."
Die anderen blieben mit beinahe dankbaren Gesichtsausdrücken stehen, Auch sie waren müde und ausgelaugt von den Ereignissen des Tages, aber auch die Angst saß ihnen noch tief in den Knochen.
„Wir sind weit genug vom Lager der Uruks entfernt", sagte Dim-Kalir schweratmend. „Gönnen wir uns ein paar Minuten Rast, bevor wir weiterziehen..."
Mit einem erleichterten Seufzer ließen sie sich nieder. Mulder hatte noch eine Flasche Wasser in seinem Rucksack und ließ sie herumreichen.
„Der arme Ben", murmelte Jonas leise. „Wenn ich diese Mistviecher in die Finger bekomme, werde ich sie allesamt in ein Silberbad tauchen!"
„Wir müssen unbedingt zurück nach Akunga", sagte Dim-Kalir matt. „Hier draußen ist es viel zu gefährlich, schon allein durch die Anwesenheit der Uruks und der Ghouls..."
„Aber auch Spear ist nicht zu verachten", hielt ihm Jonas entgegen, während er mit Kieselsteinen in einen nahen Baum zielte. „Und der lauert in Akunga, zusammen mit einer Handvoll bis zu den Zähnen bewaffneten Männern..."
„Er kann nicht für alle Ewigkeiten dort bleiben", erwiderte Scully. „Irgendwann wird er die Stadt verlassen, spätestens dann, bis er gefunden hat, wonach er sucht..."
Jonas seufzte und feuerte einen weiteren Kieselstein in das Blattwerk des Baumes. Es gab einen dumpfen Knall, und Jonas befürchtete schon, irgendein Tier getroffen zu haben, doch fast gleichzeitig brach ein Ding, das etwa kürbisgroß war, durch das untere Geäst und landete kaum hörbar auf dem weichen Waldboden.
Malia sprang erschrocken auf. „Jens!", schrie sie.
Die anderen hoben ruckartig die Köpfe.
„Sie haben ein Nest von ihnen vom Baum geholt", knurrte Dim-Kalir, während er beobachtete, wie Insekten von der Größe mitteleuropäischer Hornissen aus dem Bau krochen und ihn brummend umrundeten. „Diese Insekten gehören zu den giftigsten der Welt. Ein Stich allein reicht aus, um einen Menschen zu töten."
Jonas wurde bleich. „Verdammt! Ich wusste doch nicht, dass..."
Er kam nicht weiter. Die Insekten hatten aufgehört, um ihr Nest zu fliegen. Sie änderten den Kurs und kamen zielbewusst auf sie zu.
„Lauft!", schrie Malia. „Lauft!"
Und wieder rannten sie. Sie brachen durch hüfthohes Flattergras und Farne, hasteten durch Nesselgewächse und Büsche.
Dim-Kalir deutete geradeaus. „Los, da vorne ist ein Fluss!"
Sie hörten das unheilverkündende Surren und Brummen der Rieseninsekten hinter sich, und sie beschleunigten noch ihre Schritte. Endlich lichtete sich der Wald vor ihnen, wich einem kiesigen Flussufer. Jonas, der mit Malia an der Spitze lief, zögerte keinen Moment. Er warf sich in die Fluten, die eisige Kälte des Wassers ignorierend. Mit kräftigen Schwimmbewegungen schnellte er vorwärts, die Luft anhaltend und den Blick auf die Wasseroberfläche über sich gerichtet, über der der Schwarm von Jens schwirrte.
Würden sie sich überhaupt noch irgendwo in diesem verfluchten Tal aufhalten zu können, ohne von irgendwelchen Wesen bedroht zu werden?
Langsam ging Jonas die Luft aus, und er war froh, dass sie bereits das andere Ufer erreicht hatten. Im Schutz von Schilf und vereinzelten Seerosenblättern tauchte er auf und blickte sich aufmerksam um.
Die Jens schwirrten knapp zehn Meter entfernt über der Stelle, wo sie in den Fluss gesprungen waren.
„Los, raus hier!", kommandierte er, während er sich langsam aufrichtete. „Lasst uns verschwinden, bevor sie merken, dass wir nicht mehr da sind, wo sie uns vermuten."
Sie stiegen die Böschung hinauf und huschten in die nahen Büsche. So leise wie möglich entfernten sie sich vom Ufer.
„Ich möchte nicht wissen, das wievielte unfreiwillige Bad das hier inzwischen war", murrte Mulder, während er versuchte, die größte Nässe aus seinem T-Shirt zu wringen.
Scully seufzte. „Das ist doch... - Autsch!" Erschrocken tastete sie mit ihrer rechten Hand nach ihrem Oberarm. Mulder gab dem Insekt geistesgegenwärtig einen heftigen Klaps, und das Tier fiel tot zu Boden. Es war ein Jen.
„Nein, nicht schon wieder!" Scully starrte auf den deutlich zu erkennenden Einstich auf ihrem Arm, der bereits rot zu werden begann. „Warum immer ich?"
„Bei allen Göttern!" Malia betrachtete erst den Arm, dann das tote Insekt auf dem Boden. „Ihre Stiche sind tödlich! Wenn wir binnen achtzehn Stunden kein Gegenmittel finden, werden Sie an dem Gift sterben!"
Scully wurde blass.
„Es gibt ein Gegenmittel", beeilte sich Dim-Kalir zu sagen, als er ihr schockiertes Gesicht sah. „Den grünen Teufel, eine Quallenart, die in Küstennähe lebt. Dessen Eiweiße sind äußerst wirkungsvoll gegen das Insektengift."
„Und wo kriegen wir diesen grünen Teufel her?", erkundigte sich Mulder.
„Vom Strand." Malia deutete nach Osten. „Er ist nicht weit von hier. In zwei Meilen Entfernung beginnt das Meer..."
Kapitel 9 by Kit-X
derweil in Akunga

Vince und die anderen blickten verstört auf, als sie die Stimmen hörten, die durch die unterirdischen Gänge zu ihnen vordrangen.
„Da kommt wer", murmelte Sarah.
„Es ist aber nicht Spear", fügte Kenji hinzu.
Er hatte Recht. Was den Kuppelraum betrat, war eine etwa zehnköpfige Gruppe von Akunganern. In ihren Gesichtern konnte man Angst und Verzweiflung lesen, die Frauen unter ihnen weinten leise.
„Was ist passiert?" Ivan blickte verstört von einem zum anderen.
Einer der Akunganer, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzen Haar, trat vor.
„Akunga ist überfallen worden", sagte er.
Vince musterte ihn. „Sie sprechen unsere Sprache? Wer sind Sie? Und wieso ist Akunga überfallen worden? Ich dachte, Spear sei noch immer hier..."
„Das ist er auch, wenn er nicht gefressen wurde." Der Mann ließ sich auf einen Baumstumpf fallen, der als Stuhl diente. „Ich bin Piak und war bis vor Kurzem der Wächter eines unweiten Tempels. Eure Sprache beherrsche ich, da Dim-Kalir sie mich lehrte. Und was Akunga heimgesucht hat, ist nicht euer weißer Teufel mit den spuckenden Stöcken, denn diese sind auch nicht wirkungsvoll genug gegen die neue Plage." Er blickte auf. „Es sind Dilophosaurier in der Stadt."
„Wie bitte?" Vince sah ihn entgeistert an.
Piak nickte. „Sie haben unsere Häuser zerstört, unsere Vorräte geplündert und unzählige Menschen getötet. Es sind an die fünfzig oder mehr. Wir", er deutete auf die Menschen hinter sich, „sind die einzigen, die überlebt haben."
„Großer Gott!", entfuhr es Ivan.
„Was ist mit Jonas und den anderen?", fragte Sarah ängstlich. „Wenn sie direkt in die Stadt gehen, anstatt zuerst hierher zu kommen?"
Keiner wagte es, ihr darauf eine Antwort zu geben...

etwas später am Strand

Vor Malia lag etwas, das Mulder an ein gelb-grünses, transparentes Phantom mit langen Fangarmen erinnerte. Der gelatineartige Körper begann im austrocknenden, hellen Licht der Sonne zu schrumpfen.
Mulder berührte flüchtig die Qualle und zog die Hand hastig wieder zurück. Mit deutlichem Ekel betrachtete er die Schleimspur, die das Wesen auf seiner Haut hinterlassen hatte. Der Schleim erinnerte an erstarrtes Fett und fluorierte wie eines dieser Leuchtstäbchen, die man auf Festen an ausgefallenen Ständen erstehen konnte. Mulder schüttelte unwillig die Hand, glühende Strückchen Protoplasma flogen durch die Luft.
„Das kann man doch nicht essen!", knurrte er. „Selbst eine Auster ist noch beißfest dagegen!"
„Man kann es aber schlucken", erwiderte Malia, während sie die Fangarme und Nesseln entfernte und von den Ausläufern der Wellen zurück ins Meer tragen ließ. Es gab genug Fische, die sich um die Überreste des gallertartigen Tieres streiten würden.
„Der grüne Teufel ist ein altes Heilmittel", erklärte Dim-Kalir. „Seit Jahrhunderten verwendet man seine Inhaltsstoffe als Antidot gegen gefährliche Insektenstiche."
Malia ließ ein etwa drei Zentimeter dickes Stück auf Scullys Hand gleiten. Die Agentin verzog angewidert das Gesicht, als sie den kalten Glibber zwischen ihren Fingern spürte.
„Widerlich!", brummte sie. „Einfach nur widerlich!"
„Schleimig, jedoch vitaminreich!", ulkte Mulder mit einem breiten Grinsen. „Hakuna matata!"
„Das war nicht komisch", entgegnete sie. „Verdammt, ich kann das nicht essen!"
Mulder deutete auf die Überreste der Qualle. „Malia, kann ich bitte auch ein Stück haben? Sieht so aus, als ob ich als Vorkoster agieren müsste."
„Aber..."
Er hielt ihr die offene Hand hin und sah sie bedeutungsvoll an. Sie zuckte mit den Schultern, schnitt ein ebensogroßes Stück heraus, wie sie es Scully gegeben hatte, und reichte es dem Agenten, der rasch die andere Hand darüberlegte. „Hups, dageblieben!", tadelte er, während er so tat, als wolle die glibberige Masse von seiner Hand rutschen. Dabei nahm er das Stück unauffällig in die andere Hand. Er blickte zu Scully.
„Versprechen Sie mir etwas?"
„Was?"
„Dass ich dieses Ding nicht umsonst herunterwürge. Wenn ich es tue, tun Sie es auch!"
Sie seufzte. „Na schön..."
Er nickte zufrieden. Scully beobachtete, wie er den Kopf zurücklegte und die Qualle schluckte - oder besser, wie er so tat, als würde er es tun. Er schien ein guter Schauspieler zu sein, denn sie bemerkte seinen Schwindel nicht. Mit einem ergebenen Seufzer würgte sie das Quallenstück hinunter, bevor der Ekel sie daran hindern konnte, denn der kalte Glibber auf der Zunge war nichts im Vergleich zu Wackelpudding, noch dazu mit Salzgeschmack. Sie schloss die Augen und schluckte tapfer die Qualle. Mulder nutzte die Gelegenheit, um seine Glibbermasse ungesehen von ihr loszuwerden und ließ sie ins Meer plumpsen. Scully derweil verzog das Gesicht und schüttelte sich.
„Einfach nur abartig", kommentierte sie und hob wieder den Blick.
„Na ja, gewöhnungsbedürftig", erwiderte er mit einem leichten Schmunzeln, das eigentlich ihr Misstrauen hätte regen müssen. Doch es schien ihr entgangen zu sein.
Er streckte ihr die Hand hin, um ihr vom Boden aufzuhelfen. „Das war's doch schon! Ist doch besser, als 'ne Spritze..."
Sie schüttelte hastig den Kopf. „Finde ich gar nicht!"
Er lachte bloß. Seine Fröhlichkeit war ansteckend und entlockte selbst ihr ein Lächeln. Er deutete auf zwei Echsen, die knapp achtzig Meter von ihnen entfernt im Sand saßen. Es waren Dimetrodons, vierbeinige Raubtiere aus dem frühen Trias. Sie sahen aus wie zu groß geratene Warane mit gigantischen, von Sehnen durchzogenen Hautlappen auf den Rücken, die sie als Sonnensegel benutzten. Die Tiere aalten sich in der Abendsonne, wirkten träge und schläfrig.
„Wissen Sie, woran mich diese Beiden dort stark erinnern?"
„An wen?"
„An Dieter Bohlen und Thomas Anders im Sonnenstudio."
Sie lachte, und er war froh, dass ihre Hoffnungslosigkeit, die sie auf dem ganzen Weg hierher ausgestrahlt hatte, aus ihrem Gesicht gewichen war.„Kommen Sie", sagte Dim-Kalir. „Wir müssen uns ein Lger für die Nacht suchen. Morgen bei Sonnenaufgang geht es weiter."

etwas später in Akunga

Spear drückte sich gegen die moosbedeckte Wand des halbzerstörten Hauses. Er hörte das verräterische Schnaufen seines Gegners, der nur wenige Meter entfernt von ihm lauerte, halbverborgen im Gebüsch. Doch den knallroten Hautlappen konnte man einfach nicht übersehen.
Spear entsicherte sein Gewehr und zielte. Der Schuss halte durch die kalte Abendluft und zerfetzte den Kopf des Raubtieres, das mit einem kaum hörbaren Schrei zu Boden sank, noch einmal kurz mit den Hinterläufen zuckte und dann bewegungslos liegenblieb.
„Mistvieh!", knurrte Spear, während er mit der Fußspitze gegen die toten Leib trat. Dann schlich er weiter, alle Sinne darauf programmiert, die lauernden Dilophosaurier zu erfassen, die überall in der Stadt herumschlichen. Gleichzeitig suchte er nach den Spuren seiner Männer. Einige von ihnen mussten den Angriff doch überlebt haben!

gegen Mitternacht am Strand

Er war schon spät in der Nacht. Mulder hatte keine Ahnung, warum er aufgewacht war. Er lauschte, konnte jedoch kein verdächtiges Geräusch hören, das dafür verantwortlich sein konnte, dass sein innerer Wecker ihn aus dem Tiefschlaf geschreckt hatte. Verwirrt blickte er sich um.
Die anderen schliefen alle, stellte er beruhigt fest. Warum, zum Teufel, wachte er also auf? Hatte er vielleicht wieder geträumt?
Mulder schüttelte den Kopf. Nein, daran würde er sich erinnern. Er blickte sich ein weiteres Mal um, etwas in ihm zwang ihn dazu, aufzustehen und sich umzusehen.
Leise schritt er über den Platz. Das Feuer, das in ihrer Mitte gebrannt hatte, glimmte noch immer. Dunkles Rot erhellte schwach die Umgebung.
Vor Scullys Schlafsack blieb er stehen und ging in die Knie. Als er ihr Gesicht musterte, sah er, dass sie wach war.
„Warum schlafen Sie nicht?", fragte er leise.
Sie sah ihn schweigend an, bevor sie sich auf die Ellenbogen stützte und leicht aufrichtete. „Ich habe Zweifel, Mulder", sagte sie matt.
„Zweifel?" Er setzte sich neben sie und sah sie forschend an.
„Ja." Er konnte hören, wie sie leise seufzte. „Dim-Kalirs grüner Teufel hat noch keine Wirkung gezeigt. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich noch schlechter als zuvor."
Er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern, spürte, dass diese zitterten.
„Er hat doch selbst gesagt, dass es einige Stunden dauern kann, bis das Mittel seine volle Wirkung entfalten kann", versuchte er sie zu beruhigen.
„Was ist, wenn es das aber nicht tut?"
Sie blickte ihn an, und er konnte ihre Angst und Verzweiflung in den vor Tränen nass schimmernden Augen sehen.
„Fox...", sagte sie, und der Klang ihrer bebenden Stimme jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken - nicht zuletzt, weil sie ihn mit seinem Vornamen angesprochen hatte. Sollte sich auf Grund dieses unschönen Zwischenfalls ihre Beziehung etwa neu definieren? Er blickte sie forschend an.
„Ich habe Angst, Fox", sagte sie leise, bestätigte aber seinen vorherigen Gedankengang. Dann konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sein besorgtes Gesicht verschwamm vor ihren Augen und in ihrem Hals wurde der Kloß unerträglich. Verzweifelt begann sie zu schluchzen.
Er legte ihr tröstend die Arme um die zitternden Schultern, drückte sie mit einem kaum hörbaren Seufzer an sich und wiegte sie sanft hin und her.
„Es wird schon alles gut werden, glaub' mir", wisperte er und hauchte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Er schmeckte das Salz ihrer Tränen und spürte, wie auch seine Augen feucht wurden. Langsam bekam auch er große Angst.
„Und ganz egal was passiert, oder wie es weitergeht, ich werde dich nicht im Stich lassen, okay?", fügte er leise hinzu.
Sie lächelte kaum merklich.
„Das weiß ich doch..."
Sie blickte zu ihm auf und strich eine Haarsträhne aus seiner Stirn. Dann schlang sie die Arme um seine Schultern und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sein beruhigender Herzschlag ließ sie entspannen. Sie schloss die Augen und lauschte, während ihre Hände sanft über seinen Rücken strichen.
Er legte den Kopf schief und blickte ihr lächelnd in die Augen. „Du schaffst das schon, Dana..."
Sie verspürte ein Kribbeln, als er sie so ansah. Da war etwas in seinem Blick, das sie verwirrte. Sie spürte seine Hand, die ihre Wange berührte, legte die ihre darauf, blickte ihm forschend in die warmen, haselnussbraunen Augen, überlegte, wie oft sie sich in den annähernd sechs Jahren, in denen sie sich nun schon kannten, so nahe gewesen waren. Mulder war ihr bester Freund, das hatte sie nie zu leugnen gewagt. Er war ihr gegenüber immer verlässlich und loyal gewesen, hätte schon das eine oder andere Mal bereitwillig sein Leben gegeben, um das ihre zu retten - wie sie auch. Er hatte kaum gefordert, dafür viel gegeben. Und Scully wollte seine Freundschaft um keinen Preis aufs Spiel setzen, hatte Angst, dass sich etwas Gravierendes zwischen ihnen ändern könnte, hatte Angst, diese langjährige Freundschaft zu zerstören. Sie glaubte, dass auch er sich lange Zeit davor gefürchtet hatte. Vielleicht war genau das der Grund dafür, dass sie sich bisher nie ihre wahren Gefühle füreinander gestanden hatten.
Sie spürte, wie etwas auf ihrer Wange unangenehm kitzelte. Sie wollte es wegwischen, doch Mulder kam ihr zuvor. Mit einer raschen, doch sanften Bewegung strich er über ihre Schläfe.
„Nur eine Fliege", sagte er und lächelte. Doch seine Finger wichen nicht von ihrer Wange. Lange sah er sie an, seine braunen Augen waren voller Wärme.
„Weißt du, dass du wunderschön bist?", fragte er, ohne das sein Blick von ihrem Gesicht wich.
Sie errötete.
„Fox..."
Er fasste ihr zärtlich unters Kinn und schob sanft ihren Kopf hoch, so dass sie ihn ansehen musste. Sein Blick ließ ihren letzten tief verborgenen Widerstand schwinden. Sie wusste, dass sie sich nicht würde wehren können. Er war zu nah, zu sanft...
Sie schloss die Augen, als er sich langsam zu ihr hinabbeugte und sie küsste. Zögernd legte sie ihre Arme um seine Schultern, spürte seine Wärme, seine Sanftheit. Die Ruhe, die er ausstrahlte, ließ ihre Nervosität wie von Zauberhand verschwinden. Sein Kuss war innig, aber nicht verlangend oder gar drängend. Sie tastete nach seinem Kopf, strich über seine Wangen, erwiderte seinen Kuss. Erst zögerlich und ein wenig schüchtern. Doch schon bald entspannte sie sich, umschloss ihn fester, schmiegte sich an ihn. Sie spürte seinen leichten, ruhigen Atem, seine weichen Lippen auf den ihren. Ihre Hände fuhren durch sein Haar, strichen über sein Gesicht. Sie spürte, wie seine Hand unter ihr T-Shirt fuhr, wie sie warm und so unglaublich sanft über ihren Rücken strich, ihren Bauch, dann ihre Brust berührte.
Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum, genoss seine Küsse, seine Zärtlichkeiten. Sie schloss die Augen und seufzte leise, ihre Lippen schienen sich nicht mehr von den seinen zu lösen wollen.
„Ich liebe dich, Dana", hörte sie ihn flüstern, und ihr Herz schlug noch schneller, als es das ohnehin schon tat.
Sie küsste ihn voll aufkommender Leidenschaft, wohl wissend, dass das, was sie taten, gegen jegliche Regeln verstieß. Doch diese Regeln waren für sie nichtig geworden.
Es gab etwas, das wichtig genug war, um diese Regeln zu missachten...
Ihn.
„Ich liebe dich auch, Fox..."
Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als sie sich schließlich wieder voneinander lösten. Sie brauchten keine Worte, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die Sprache ihrer Augen reichte ihnen völlig. Sie lächelte ihn an, bevor sie vertrauensvoll in seinen Armen einschlief, tief im Innern von Zufriedenheit erfüllt und sich bei ihm sicher fühlend. Und sie spürte, wie ihre Hoffnungslosigkeit verflog und einem langen Tiefschlaf wich. Es war, als hätte dieser Moment, diese wundervollen Minuten, ihr neuen Lebensmut eingehaucht...

am nächsten Morgen

Nebelschwaden verhüllten den Urwaldboden, ließen ihn zwischen dem schier undurchdringlichen Weiß verschwinden. Nur schwach schien das Sonnenlicht durch die Baumkronen auf die noch schlafende Gruppe hinab, während sich das Leben im Wald zu regen begann. Die ersten Vogelstimmen wurden laut, einige Aras flatterten im nahen Geäst und machten sich auf Nahrungssuche. Ein verirrter Tarpir huschte über die Lichtung und verschwand im nahen Unterholz. Der leichte Wind trug das entfernte Geschrei von Brüllaffen herüber.
Scully blinzelte, als ein Tautropfen auf ihrer Wange landete. Sie öffnete langsam die Augen und hob den Kopf.
Sie lag noch immer dicht an Mulder geschmiegt. Er hatte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gelehnt, sein linker Arm umschloss sie sanft. Sie blickte in sein entspanntes Gesicht - er schlief noch immer tief und fest.
Scully lächelte und legte ihren Kopf zurück an seine Schulter, atmete den frischen Morgenduft ein und genoss die Ruhe um sich herum. Keine Schreie, keine Hektik, keine Monster. Und was das Wichtigste war: sie lebte. Sie spürte deutlich, dass es ihr wesentlich besser ging, als am Abend. Der grüne Teufel hatte also doch noch seine Wirkung gezeigt, so ekelhaft er auch gewesen war.
Oder war es dieser atemberaubende Kuss in der Nacht gewesen, der ihre Lebensgeister wieder erweckt hatte? So wie bei Dornröschen?
Sie lächelte.
Sie hörte es leise rascheln und blickte sich um. Dim-Kalir war wach geworden und rappelte sich gerade vom Boden auf. Er klopfte einige Moosfasern und Grasstängel von seinem Gewand und beugte sich zu Jonas hinunter. Kaum hatte er ihn sanft geschüttelt, als der junge Wissenschaftler auch schon hellwach war.
„Ist es schon Morgen?", erkundigte er sich.
Der Medizinmann nickte bloß und ging auch die anderen wecken.
Jonas kroch aus seinem Schlafsack, streckte sich, wobei er ausgiebig gähnte, und wuschelte sich kurz durch das blonde Haar. Dabei fiel sein Blick auf die beiden Agenten, die dicht aneinandergeschmiegt unweit von ihm saßen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er deutete auf Mulder.
„Weck' ihn, bevor es Dim-Kalir tut", grinste er. „Ich denke, dass er dich so früh am Morgen sehr viel lieber sieht..."
„Blödmann!", entgegnete sie, lachte aber. Sie beugte sich zu Mulder und küsste ihn kurz.
„Aufwachen!", raunte sie ihm zu.
Er blinzelte kurz. „So wollte ich schon immer mal geweckt werden", murmelte er, noch halb im Schlaf, öffnete jedoch die Augen. Fast gleichzeitig verzog er das Gesicht und griff sich an den Rücken. „Jesus, ich schlafe nie wieder im Sitzen!" Er rieb die verspannten Muskeln und rappelte sich auf, etwas unwillig auf das rege Treiben schauend, das sich nun in ihrem kleinen Lager breit machte. Malia und Jonas rollten die Schlafsäcke zusammen, während Dim-Kalir für das Frühstück sorgte. Der Duft von getrocknetem Fleisch, gerösteten Nüssen und frischen Früchten hing in der Luft und machte Mulder endlich munter.
Sie aßen schweigend, sammelten ihre Siebensachen zusammen und machten sich erneut auf den Weg. Noch waren es an die acht Meilen in die Dschungelstadt. Der lichte Hain nahe des Strandes verdichtete sich, wich tiefstem Dschungel. Noch immer waberte der Frühnebel zwischen den Farnen, machte eine weite Sicht mitunter unmöglich.
Mulder spürte, wie der Boden unter ihnen weicher und schlammiger wurde. Auch änderte sich das Landschaftsbild. Die Bäume standen nicht mehr so eng beieinander, waren dafür stämmiger, die Wurzeln teilweise kniehoch. Gräser und Farne wurden seltener, wichen vereinzelten Schilfstauden und kargen Büschen. Es lag auf der Hand, sie wanderten mitten durch ein Sumpfgebiet hindurch.
„Führt denn kein anderer Weg zurück?", erkundigte sich Scully mürrisch, während sie ihren rechten Fuß aus dem Schlamm zerrte, wo er knöcheltief eingesunken war.
Dim-Kalir, der an der Spitze ging, zuckte bloß mit den Schultern. „Wenn ihr durch das Gebiet der Uruks gehen wollt, sicherlich..."
„Nein, danke! Dann lieber Sumpf!"
„Wir stecken mitten drin in den Magroven", sagte Jonas leise. „In den wandernden Wäldern..."
„Wandernde Wälder?", wiederholte Mulder mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja. Die ständig meerwärts drängenden Mangroven schaffen neues Land am Küstenbereich, erweitern somit Inseln und Landstriche. Diese Pflanzen vertragen selbst großen Salzgehalt im Boden. Ihr Überleben ist einzig und allein dadurch gesichert, dass Flutwellen des Meeres dieses Gebiet hier mitunter überfluten." Jonas deutete auf einen schmalen Baum, in dessen Umkreis unzählige Stöcke oder Äste aus dem Boden lugten. „Das da ist eine Sonneratia, eine sogenannte Pioniermangrove. Ihre Wurzel zeigen nach oben und lugen über die Erdoberfläche. Darum werden sie auch Atemwurzeln genannt. Sie stehen so dicht beieinander, das man kaum hindurchgehen kann."
Etwas neben ihnen platschte, und sie sahen eine Gruppe Schlammspringer, die, aufgeschreckt durch die Anwesenheit der Menschen, in das flache Wasser flüchten. Ein Ibis, der wohl Jagd auf die kleinen Lungenfische hatte machen wollen, klapperte wütend mit dem Schnabel und stelzte über einige Wurzeln zu einer anderen Wasserlache, um sein Glück dort zu versuchen.
Urplötzlich hörten sie einen Schrei und rissen die Köpfe hoch. Dim-Kalir war gestolpert und in ein größeres Schlammloch gefallen. Jonas hatte ihn festhalten wollen, war dabei jedoch selbst mitgerissen worden.
„Los, zieht uns raus!" Jonas versuchte, sich an einer der vielen Wurzeln am Rand des Schlammloches festzuhalten und gleichzeitig Dim-Kalirs Hand nicht loszulassen. Der zähe Schlamm - eher Treibsand - war tief, Jonas konnte keinen Boden unter den Füßen spüren, obwohl er bis zum Bauch darin stand. Und noch dazu schien sie der Schlamm weiter nach unten zu ziehen, langsam aber stetig.
Malia, die rasch herbeigeeilt war, packte seine Hand. Mit den Füßen stemmte sie sich gegen eine der Wurzeln und zog aus Leibeskräften.
Nur ungern gab der Sumpf seine Beute frei...
Inzwischen hatte sich auch Mulder zu ihnen vorgekämpft. Er erreichte das Schlammloch genau in dem Moment, in dem Jonas Dim-Kalirs Hand entglitt. Der Medizinmann trieb weiter in die Lache hinaus, wurde nun noch schneller in die Tiefe gezogen, als zuvor.
Mulder reagierte schnell. Er holte ein Seil aus dem Rucksack, knüpfte eine Schlinge und warf diese wie ein Cowboy auf Rinderfang über den Medizinmann, der sich hastig daran festklammerte.
Scully half Mulder, Dim-Kalir aus dem Schlammloch zu ziehen. Jonas hatte inzwischen den Rand der Lache erreicht und sich aus eigenen Kräften aus dem Schlamm gezogen, der mit einem dumpfen Blubbern nachgegeben hatte. Der Medizinmann jedoch war noch über einen Meter vom rettenden Ufer entfernt, als das Krokodil auftauchte.
Mulder starrte entsetzt auf den gewaltigen Leib, der sich in die Schlammmasse schob. Die Echse war kräftig genug, um gegen den Sogeffekt anzukämpfen, und näherte sich schnell dem vor Angst bleich gewordenen Medizinmann - zu schnell.
„Los, ziehen Sie!", schrie er panisch.
Doch die Raubechse hatte ihn bereits erreicht. Das riesige Maul öffnete sich, spitze Zähne glänzten matt im spärlichen Licht der Morgensonne, die sich noch immer hinter Nebelschwaden versteckt hielt.
Malia schrie entsetzt auf, als sich das monströse Ungetüm in Dim-Kalirs Leib verbiss, und Scully wandte rasch den Blick ab. Mulder hatte seine Waffe gezogen und zielte auf das Krokodil, gab mehrere Schüsse ab - doch die Kugeln konnten den hornartigen Panzer der Echse nicht durchdringen. Mit der erschlafften Beute im gewaltigen Maul drehte es um und brachte sich mit einigen kräftigen Schwanzstößen zum Ufer zurück...

gegen drei Uhr am Nachmittag

Endlich hatten sie Akunga erreicht. Die letzten vier Meilen hatten sie ohne Rast zurückgelegt, der Verlust von zwei Freunden ließ sie viel zu ängstlich werden, um eine Pause einzulegen. Schweigend waren sie durch den Dschungel und an Flussufern entlang gewandert, und jetzt sahen sie das vertraute Tempeldach Akungas endlich wieder vor sich. Ihre lange Reise war völlig umsonst gewesen, sie hatten ihre Mission nicht erfüllen können. Noch dazu hatten sie Grahm und Dim-Kalir verloren. Demnach war die Stimmung gedrückt, als sie die ersten Häuser erreichten.
Die bedrückte Stimmung verwandelte sich schlagartig in blankes Entsetzen, als ihr Blick auf die Siedlung fiel.
Leere Häuser und Hütten, umgestürzte Zäune. Überall lagen Gegenstände und Holsscheite herum. Der schmale Weg, der an der Siedlung vorbei zum Tempel führte, war von Leichen übersät. Überall Blut, teilweise sogar abgerissene Gliedmaßen. Einige Körper waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden, der Gestank von Verwesung und geronnenem Blut hing schwer in der Luft.
Malia wandte sich ab. Sie konnte ihren Magen nicht unter Kontrolle halten, sie musste sich einfach übergeben.
Mulder kniete sich neben der nächstgelegenen Leiche nieder und betrachtete sie schweigend. Aufgeschlitzter Unterleib, zerkratzte und von Blutergüssen übersäte Arme und Hände, schmerzverzerrtes Gesicht, weißer Schaum an den Wundrändern.
„Dilophosaurier", sagte er leise. „Sie haben Akunga überfallen..."
„Was ein Massaker!", murmelte Jonas tonlos. „O mein Gott!"
„Lasst uns zur Zypresse gehen", drängte Malia mit bleichem Gesicht. „Wer weiß, vielleicht sind noch welche von ihnen in der Stadt! Nur im unterirdischen Labyrinth sind wir vor ihnen sicher!"
Mulder nickte und erhob sich. „Gut, lasst uns gehen..."

eine Viertelstunde später

Der Abendhimmel begann sich mit grauen Wolken zuzuziehen, die von Osten her über das Tal zogen. Noch waren es die Ausläufer, reichlich zerfetzt und voller Lücken. Doch am Steilhang türmten sich bereits dunkle Wolken mit gezackten Rändern von schweflig gelber Färbung. Ab und zu grollte es dumpf in der Ferne. Aus einer blau-schwarzen Wolkenwand am Horizont zuckten Blitze. Aber noch war das Gewitter weit weg, als sie die Zypresse erreichten. Malia führte sie in das unterirdische Gewölbe und durch die Gänge des Labyrinthes, bis zu dem Kuppelraum, wo sie den anderen Teil ihrer Gruppe vor zwei Tagen zurückgelassen hatten.
Vince kam ihnen entgegen, kaum dass sie die unterirdische Höhle betreten hatten.
„Grundgütiger, wo seit ihr so lange gewesen!", sagte er atemlos. „Ihr habt ja gar keine Vorstellung, was hier inzwischen geschene ist!"
„Habt ihr das Tor öffnen können?" Piak blickte sie hoffnungsvoll an. „Und wo ist Dim-Kalir?"
„Du bist noch am Leben, Piak?", fragte Malia erstaunt. „Wir dachten, der Ghoul hätte dich getötet."
Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe den Tempel schon vor drei Tagen verlassen..." Dann wurde er blass. „Hast du eben Ghoul gesagt? Sie existieren also immer noch?"
„Lass Jonas erzählen, Piak", sagte sie müde. „Ich kann es nicht."
„Und wo ist Ben", fragte Kevin dazwischen, dem die Abwesenheit des Paläontologen aufgefallen war.
Malia ließ sich schweigend auf einen Holzscheit sinken und überließ es Jonas, die Antworten auf die vielen Fragen zu geben, Antworten, die ihr gar nicht gefielen und die ihr Schmerz und Übelkeit bereiteten.
„Es gab mehrere unliebsame Zwischenfälle", sagte der junge Wissenschaftler langsam. „Als wir am Tempel ankamen, fanden wir dessen Wächter Enak tot vor. Er war angeschossen und die Tempelstufen hinabgestoßen worden, vermutlich von Spear oder seinen Männern, die in Kullab gewesen sein mussten. Dabei scheinen sie auch die Statue mit dem darin enthaltenen Amulett gefunden und mitgenommen zu haben. Jedenfalls war beides weg."
Jonas konnte sehen, wie die Hoffnung in den Augen der anderen erstarb und fuhr schweren Herzens fort. „Auf dem Rückweg nach Akunga nahm uns eine Gruppe Uruks gefangen und brachte uns in ihr Dorf, wo es schließlich zu einem Kampf zwischen uns und einer Gruppe von Ghouls kam. Dabei wurde Dr. Benjamin Grahm getötet. Wir konnten ihm nicht mehr helfen..."
Kevin schluckte schwer.
„Nachdem wir den Ghouls entkommen waren - Dank der Hilfe einer Raptorenherde - wurde Agent Scully von einem Jen gestochen, und wir mussten ein Antidot gegen das tödliche Insektengift besorgen. Dim-Kalir führte uns daraufhin zum nahen Meer, wo wir einen grünen Teufel fingen, eine Qualle, die das Leben von Agent Scully rettete. Wir übernachteten nahe des Strandes und marschierten heute bei Sonnenaufgang los. Dabei durchquerten wir die Mangroven..."
„Und?" Piak schien zu ahnen, dass noch eine schlechte Nachricht folgen würde.
Jonas seufzte. „Dim-Kalir wurde von einem Krokodil getötet, nachdem er in ein Schlammloch gefallen war..."
„O Gott", murmelte Sarah und Piak senkte den Blick.
„Ihr bringt wahrlich keine guten Neuigkeiten", sagte er leise.
„Vielleicht können wir ja für welche sorgen!", erscholl eine Stimme hinter ihnen.
Sie wirbelten herum. Spear - zusammen mit seinen Handlangern - stand am Eingang zum Kuppelraum. Vier Gewehrläufe richteten sich auf sie...

im unterirdischen Kuppelraum

„Spear!" Jonas spuckte den Namen schier aus, so angewidert war er von diesem Mann. „Hätte bloß die Gerchtigkeit gewaltet und Sie von Dilophosauriern aufschlitzen lassen!"
„Na, na, wer wird denn so unfreundlich sein, Dr. Quinn?" Der Biogenetiker grinste beinahe unverschämt. „Hat man Ihnen denn keine Manieren beigebracht?" Er richtete den Lauf seiner M-16 auf ihn und entsicherte die Waffe. „Sie haben ja gar keine Ahnung, mit wem Sie sprechen!"
„Mit dem Abschaum der Menschheit?" Jonas zuckte nicht mal mit den Wimpern, auch dann nicht, als ihm Spear neben die Füße schoss. Die Akunganer wichen schreiend und mit entsetzten Gesichtern zurück.
„Sie leben gefährlich, Dr. Quinn!", donnerte Spear. „Ich an Ihrer Stelle würde mein loses Mundwerk zügeln!"
„Und ich an Ihrer Stelle würde mir einen Kopfschuss verpassen, um diesem Planeten noch eine Zukunft zu geben!", brummte Mulder grimmig.
Ein weiterer Schuss in die staubtrockene Erde, weitere Schreie und weinende Frauen. Die Kugel traf auf einen Stein, prallte davon ab und traf Kirochima, die mit einem kurzen Aufschrei zu Boden sank. Einer der Akunganer beugte sich rasch über sie, doch es war zu spät. Die junge Wissenschaftlerin war tot.
„Das gilt auch für Sie, Agent Mulder!", bellte Spear, ohne auf die tote Frau zu achten. „Mit Ihren unverschämten Bemerkungen machen Sie sich nicht gerade beliebt bei mir!"
„Das will ich ganz sicher auch nicht!", zischte dieser, ein heftiger Stoß in die Rippen brachte ihn jedoch zum Schweigen. Scully sah ihn bedeutungsvoll an, ihre Augen sprachen Bände. Provoziere ihn nicht noch mehr, das könnte tödlich für dich enden!
Spear musterte die Menschengruppe im Raum, verzog geringschätzig die Lippen, als er Ivan und Melvin zwischen den anderen stehen sah.
„Elender Verräter!", zischte er und starrte Frederikson boshaft an.
„Ich habe schon oft gesagt, dass ich von dem, was du hier abziehst, nichts halte", erwiderte der Skandinavier ruhig. Im nächsten Moment sank er tödlich getroffen zu Boden. Spear zierte sich nicht, seine Waffe zu gebrauchen, das hatte er oft genug erwiesen.
„Fahr zur Hölle!", zischte er und trat mit der Stiefelspitze gegen den Sterbenden.
Im selben Augenblick schlug jemand hart über seinen Hinterkopf, und Spear fiel stöhnend über Ivan. Fast gleichzeitig versuchte Webber, Mulder die Pistole aus der Hand zu reißen, die er Spear über den Kopf gezogen hatte. Doch der Agent war zu schnell, wich dem Söldner aus und stieß ihm grob den Ellenbogen in den Unterleib. Webber dachte für einen Moment, dass er keine Luft mehr bekommen würde, sein Gesicht lief rot an.
„Dreckskerl!", schrie ihn Mulder an, und Scully musste ihn festhalten, um ihn daran zu hindern, Webber mit eigenen Händen zu erwürgen.
Spear inzwischen hatte sich wieder aufgerappelt. Mit blutrünstigen Blicken starrte er auf Mulder.
„Das werden Sie bereuen!", zischte er, bevor er sich auf den Agenten stürzte.
Mulder stieß Scully hastig beiseite, damit sie die Wucht von Spears Angriff nicht zu spüren bekam. Er selbst drehte sich dabei behände aus dem festen Griff des Biogenetikers und streckte ihn mit einem harten Kinnhaken erneut zu Boden. Dabei fiel ein glitzernder Gegenstand aus Spears Brusttasche.
„Das Amulett!", rief Malia.
Vince hatte es bereits aufgehoben, wehrte dabei Everad ab, der sich einer Dampfwalze gleich auf ihn stürzte.
Burton ging mit ausgestrecktem Messer auf Scully los, die das Amulett geschickt auffing, doch bevor er sie erreichen konnte, traf ihn eine Kugel mitten ins Herz. Tot fiel der Mann zu Boden.
Inmitten des Kampfgetümmels hatte sich Spear unauffällig zum Ausgang verdrücken können. Mit einen gellenden Pfiff erweckte er Webbers und Everads Aufmerksamkeit, und die Beiden rannten sofort los.
„Bleiben Sie stehen!", donnerte Mulder, die Waffe gerade von sich gestreckt. Er schickte einige warnende Schüsse hinter den Männern her, doch die beschleunigten noch ihre Schritte und verschwanden in der Dunkelheit des Tunnels.
Jonas legte seine Hand auf Mulders Arm und drückte ihn sachte hinunter. „Vergiss sie, Fox. Wir haben das Amulett. Warum sollen wir die Drecksarbeit erledigen, wenn Zarus selbiges tun kann?"
Mulder atmete tief durch. Die unbändige Wut über die Brutalität und Eiseskälte Spears brodelte noch immer in ihm. Doch er ließ die Pistole sinken und steckte sie zurück in das Hüftholster. Er blickte zu Scully hinüber, die sich neben Ivan gekniet hatte. Der Schwede umfasste ihre Hand und drückte sie leicht. Sein Hemd war blutdurchtränkt. Mulder wusste, dass ihm nicht mehr zu helfen war.
„Wenn es einen Himmel gibt, werde ich ihn bald kennen lernen", sagte Ivan leise. „Doch die Gerechtigkeit habe ich noch nicht gesehen." Er blickte zu der Agentin auf, die mitfühlend über seine Hand strich. „Lassen Sie wenigstens diese Stadt Gerechtigkeit erfahren, Agent Scully. Bringen Sie diesen Zarus hierher, damit er Spear ausmerzt, ebenso die Rotschädel. Das ist mein einziger Wunsch. Werden Sie ihn mir erfüllen?"
Malia, die neben ihn getreten war, nickte. „Das werden wir, Ivan. Auch in Akunga gibt es ein Tor. Wir werden es so schnell wie möglich öffnen."
„Dann beeilen Sie sich, öffnen Sie es, bevor es zu spät ist. Es sind schon genug unschuldige Menschen gestorben. Es wird Zeit, dass das aufhört..." Er hustete, atmete schwer. Er hatte bereits viel zu viel Blut verloren. Vor seinen Augen begann es schwarz zu flimmern. „Passt auf Melvin auf", flüsterte er, bevor er für immer die Augen schloss.
Scully erhob sich langsam, blickte auf den toten Frederikson hinab. „Er hat Recht." Sie sah auffordernd in die Runde. „Es wird Zeit, dass wir dem hier ein endgültiges Ende setzen!"
Malia stand ebenfalls auf. „Ich gehe sofort", sagte sie bestimmt.
„Und ich werde dich begleiten", ließ sich Jonas vernehmen und er klopfte gegen die Pistole in seinem Gürtel. „Zur Sicherheit."

in Akunga

Spear hastete die Stufen zum Haupttempel hinauf und bedeutete seinen beiden Begleitern, sich zu beeilen.
„Los, wir schnappen uns die Statue und verschwinden!", rief er. „Hier wird es mir langsam wirklich zu heiß!"

kurz darauf

Sie liefen über den durchgeweichten Boden, der sich im rauschenden Regen weiter zu verflüssigen schien. Es war bereits dunkel geworden, denn die schwarzen, tiefhängenden Wolken ließen es nicht zu, den Sonnenuntergang zu betrachten.
„In welchem Tempel befindet sich das Tor?", fragte Jonas, während er einige Farnwedel beiseite schob.
„Im Haupttempel", erwiderte Malia. „Der Mechanismus befindet sich aber im Tempel der Hiu, der liegt nebenan. Außer dem Amulett benötigt man noch den Ruf des T-Rex, der heißt Zarus met lehi. Mit diesen Worten lockt man ihn an und signalisiert gleichzeitig, dass Feinde in der Stadt sind."
Sie duckten sich unter den tiefhängenden Ästen einer Konifere und brachen durch das Gebüsch. Sie hatten den freien Platz vor den Tempeln erreicht.
Jonas wusste nicht mehr, von wo der Dilophosaurus gekommen war. Er wurde sich seiner Anwesenheit erst bewusst, als das Tier schon hoch aufgerichtet vor ihnen stand und den Kopf zurückwarf. Die zähflüssige Spucke schoss durch die Luft, und hätte Jonas sicherlich ins Gesicht getroffen, hätte sich Malia nicht dazwischengeworfen. Der Speichel landete mit einem Klatschen auf ihrer Brust und dem linken Oberarm.
Der Dilophosaurus zischte und wippte mit den Kopf. Seinen Schwanz kerzengerade von sich weggestreckt, wartete er darauf, zum Sprung ansetzen zu können.
„Lauf!", schrie Malia, während sie sich die Spucke von der Haut strich, wohlwissend, dass das nichts nützen würde. Die Lähmung und die Schmerzen hatten bereits eingesetzt. Sie verzog das Gesicht und taumelte. Als Jonas sie stützen wollte, schlug sie seine Hand fort.
„Du sollst laufen!", schrie sie ihn an. „Du hast das Amulett, also lauf!"
Sie schien an ihren Worten förmlich zu ersticken. Von höllischen Schmerzen gepeinigt sank sie zu Boden. Der Dilophosaurus sprang, und Jonas konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen. Er rollte sich zur Seite und blieb auf dem vom Regen durchnässten Boden liegen, fassungslos auf das grausige Bild starrend, das sich ihm darbot. Er sah, wie sich die Raubechse herabbeugte und Malia den Bauch aufriss. Blut spritzte, die inneren Gedärme quollen heraus. Der Dilophosaurier beugte sich über die erlegte Beute und riss ihr die Eingeweide aus dem Fleisch.
Jonas spürte Übelkeit und Hass zugleich. Hass auf die widerliche Echse, die so brutal über einen unschuldigen Menschen hergefallen war und ihn nun dermaßen bestialisch zurichtete. Doch er konnte Malia nicht mehr retten, sie war tot. Doch obwohl er das wusste, fiel es ihm schwer, aufzuspringen und weiter zu laufen, die Stufen zum Tempel hinauf, ohne sich dabei umzusehen. Er musste das Tor öffnen, oder sie alle wären verloren. Er musste es tun. Für sich. Für Ivan. Für Malia, die sich geopfert hatte. Für seine Begleiter. Für die Überlebenden Akungas. Er musste es für alle tun.
Er rannte durch die langgestreckte Innenhalle. Ein greller Blitz, der über den Himmel zuckte, ließ gespenstische Schatten zwischen den Steinsäulen tanzen. Alles schien zum Leben erwacht zu sein.
Schwer atmend erreichte er den Altar. Vor sich sah er ein Symbol im Stein, von seiner Gravierung mit denen auf dem Amulett identisch. Das musste er sein, der Tormechanismus. Jonas riss das Amulett von seinem Hals und presste es in das Symbol. Kaum hatte er das getan, als ein dumpfes Grollen durch die Felswand fuhr und die Bäume zu schwanken begannen. Das Tor zum Dschungel öffnete sich...
Jonas stieg die wenigen Stufen hinauf, die zum Portal führten. Durch den Tunnel hindurch konnte er einen weiten Blick über den Dschungel bis hin zum Tambuku erhaschen. Dort regnete es noch nicht, der Himmel war klar. Die Sonne tauchte den Himmel in ein kräftiges Rot, das an die Farbe von Venenblut erinnerte. Jonas spürte den Wind, der durch den Tunnel in den Tempel kam. Im Osten zuckten vermehrt Blitze durch die schwarze Wolkendecke, Donnergrollen schallte über das Land.
Jonas beugte sich vor, soweit er nur konnte und schrie in den undurchdringlichen Dschungel hinaus:
„Zarus met lehi!"
Und von irgendwoher, weit, weit weg, erscholl wie zur Antwort ein heiseres Brüllen. Baumwipfel bebten und schwankten, ein Schwarm rotblauer Papageien flog laut kreischend auf. Die Vögel flogen nach Westen, dem Sonnenuntergang entgegen, der Licht und Schatten trennte und das Bindeglied zwischen Tag und Nacht war. Bald war der Schwarm nur noch ein Gewirr von schwarzen Punkten im leuchtenden Orange der sich zum Schlafen legenden Sonne. Im selben Augenblick erreichte die Wolkenfront den Horizont, und es begann auch außerhalb Akungas zu regnen...

im Haupttempel

Spear zuckte erschrocken zusammen, als sich die gesamte Westwand des Tempels wie von Geisterhand in Bewegung setzte. Loser Stein fiel von der Decke, Staub hüllte die sich bewegende Wand ein, die ein mittleres Erdbeben schuf, während sie grollend und knirschend zur Seite rollte. Er starrte auf den hohen Gang, der freigelegt worden war. Er war knapp zwanzig Meter hoch und einige hundert Meter lang. Weit hinten in der Dunkelheit ein helles Licht und saftiges Grün, deutlich erkennbares Blattwerk tropischer Bäume.
„Was, zum Teufel, ist das?", fragte Everad und vergaß sogar, das letzte Stück seines Snickers in den Mund zu schieben.
„Ich habe keine Ahnung", murmelte Webber. „Sieht mir so aus wie ein Notausgang..."
Spear schnaubte unwirsch. „Hört auf mit dem Geschwätz! Los, schnappt euch die Statue und dann nichts wie weg!"
In diesem Moment scholl eine Stimme durch den Tempel. Sie schien von überall her zu kommen, aus allen Ritzen und Winkeln des steinernen Gebäudes. Sie prallte an den Wänden ab, ihr Echo schallte tausendfach aus allen Richtungen.
„Zarus met lehi!"
Spear suchte die Wände ab, als ob er dort den Verursacher der Stimme vermutete, als ihm Webber zaghaft auf die Schulter tippte.
„Hören Sie das?", fragte er mit zitternder Stimme.
„Was zum Teufel soll ich hören?", fauchte der Biogenetiker.
Webber legte lediglich den Zeigefinger auf die Lippen.
Und dann hörten es alle: Dumpfes Stampfen, das den Boden erzittern ließ. Geräuschvolles Schnaufen und Schnauben das mit jeder Sekunde anschwoll. Ein heiseres Fauchen, das aus dem Gang in den Tempel drang. Und noch immer dieses Stampfen, lauter mit jedem Atemzug. Bedrohlicher mit jedem Herzschlag.
„Was ist das?", flüsterte Everad.
Sie starrten in die Dunkelheit des Tunnels. Eine dunkle Gestalt bewegte sich dort drinnen, verharrte dann an der Grenze zwischen Licht und Schatten. Spear sah einen massigen Körper mit knotiger, furchiger Oberfläche wie die Rinde eines Baumes. Aber es war kein Baum...
Er blickte noch höher hinauf - und sah plötzlich den Kopf des Tyrannosaurus Rex. Das Tier stand einfach da und sah zu den Männern hinunter. Donnergrollen erscholl, ein Blitz zuckte am schwarzen Himmel. Der Dinosaurier warf den Kopf zurück und brüllte das grelle Licht an.
DAS MÄCHTIGSTE RAUBTIER, DAS DIE WELT JE SAH. DER FÜRCHTERLICHSTE ANGRIFF IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT.
Lyle Everad spürte, dass seine Knie unkontrolliert zitterten und seine Hosenbeine flatterten wie Fahnen. Gott, hatte er Angst! Und er wollte nicht hier sein. Nicht hier in diesem verfluchten Tempel mit diesem monströsen Raubtier vor sich. Er wusste, wie so ein Dinosaurierangriff aussah. Er wusste, was mit den Leuten passierte, die angegriffen wurden. Er hatte die verstümmelten Körper seiner Begleiter gesehen, die die Raptoren zurückgelassen hatten. Es stand ihm noch deutlich vor Augen. Und das hier war ein Rex. So viel größer. Der mächtigste Fleischfresser, der je auf Erden gewandelt war!
„O mein Gott", murmelte Webber leise.
Der Tyrannosaurus brüllte. Es war entsetzlich, ein Schrei aus einer anderen Welt. Lyle Everad spürte, wie sich Wärme in seiner Hose ausbreitete. Er hatte sich in die Hose gepinkelt. Es war ihm peinlich und gleichzeitig hatte er Todesangst. Aber er musste etwas tun. Irgend etwas. Verdammte Scheiße!
Der Tyrannosaurus trat nun vollständig ins Licht. Er war ein Gigant von knapp dreizehn Metern Länge und neun Metern Höhe. Seine Haut war von grüner Färbung, die Bauchseite heller als der Rücken. Seine scharfen Zähne blitzten im schwachen Abendlicht auf, als schaurige Untermalung setzte draußen der Regen ein, und Donnergrollen begleitete den raschen Schritt nach vorn, näher an Spear und seine Männer heran. Sie hörten, wie die riesigen Nüstern des Tieres die Luft einsogen, sie geruchlich erfassten. Mit einem lauten Schnauben stieß der Rex die Luft wieder aus, legte den Kopf schief und fauchte leise.
„Ich will hier raus!", stammelte Everad. „Verdammt noch mal, ich will hier raus!"
Im nächsten Moment schoss der T-Rex brüllend vor. Sein Kiefer schloss sich um Lyles Bein, der versuchte, zur Seite zu springen und sich so vor der Tyrannenechse zu retten. Doch Zarus war schneller als erwartet. Er biss erbarmungslos zu. Knochen splitterten, und Everad schrie vor Schmerz. Er konnte sich nicht mehr bewegen, war wie gelähmt. Er konnte nur noch schreien. Der Raubsaurier hob ihn hoch, schüttelte ihn in der Luft, klatschte ihn voller Wucht auf den Steinboden auf, wie eine Ente einen erbeuteten Fisch erschlägt. Lyle war schon vorher benommen, spürte den Aufprall nicht mehr, der ihm die Halswirbel brach und die Rippen zerschmetterte.
Spear und Webber starrten wie versteinert auf den toten Lyle, starrten auf den mächtigen Rex, der brüllend den Kopf zurückwarf. Dann, wie vom Blitz getroffen, erwachte Doug aus seiner Starre. Er riss die Maschinenpistole hoch und schoss. Er schoss wie ein Bekloppter. Der Raubsaurier wandte ihm seinen massigen Kopf zu, blinzelte und duckte sich. Spear glaubte, dass es das Tier aus Furcht und Schmerz tat. Doch damit hatte er sich getäuscht. Es duckte sich zum Sprung. Und ehe sich Spear versah, landete der Saurier vor ihm. Die Erde erbebte unter seinem Gewicht, Spear verlor den Halt und stürzte. Er spürte den kalten Boden unter sich, rollte sich hastig zur Seite. Er hörte wie Webber schoss und der Tyrannosaurus sich nach ihm umwandte. Ein Schritt nach rechts, ein Vorschnellen des großen Schädels. Colin Webber brüllte, schlimmer und markerschütternder noch, als es Everad getan hatte. Spear sah, wie der Rex den Kopf hob. Ein blutüberströmter Arm baumelte aus seinem Maul. Doug blieb fast das Herz stehen. Der Saurier beugte sich wieder zu dem schreienden Webber hinunter, das widerliche Geräusch von zerbrechenden Knochen hallte durch den Tempel. Spear sprang auf, riss das ihm entglittene Maschinengewehr an sich und rannte los. Er rannte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war. Er hörte, wie sich der T-Rex schnaubend von Webber abwandte und ihm fauchend nachsetzte. Vier, fünf ausgreifende Schritte und er hatte Spear eingeholt. Der Saurier riss sein riesiges Maul auf, die messerscharfen Zähne glänzten im gleißenden Licht des Blitzes, schäumender Geifer tropfte auf den Boden. Der T-Rex brüllte. Spear warf sich nach vorn, schoss durch das Eingangsportal des Tempels nach draußen, wo er in einer Schlammlache landete. Sein gewaltiger Verfolger schnellte mit dem Kopf nach vorn, verfehlte seine Beute knapp. Das Tier duckte sich, um durch das Portal nach außen treten zu können. Derweil hatte sich Spear schon wieder aufgerafft. Mit fliegendem Atem eilte er weiter, Zweige schlugen gegen seinen Körper, als er durch das Gebüsch hastete, dem Wasserfall zu, von dem aus der Weg aus dem Tal heraus führte. Er hörte das dumpfe Schnauben des Raubtieres hinter sich, spürte den Boden unter den schweren Schritten erbeben. Er rannte, rannte, so schnell er konnte. Er wusste nicht, wie lange er gelaufen war, als er bemerkte, dass es still um ihn geworden war. Im Schutz hoher Farnwedel blieb er stehen und lauschte. Kein Schnauben, kein Brüllen, nicht einmal ein sanftes Schwanken des Bodens. Der T-Rex war weg...

im kleinen Tempel

Jonas wirbelte herum, als er Schritte hinter sich hörte. Erleichtert atmete er auf, als er Mulder erkannte.
„Der T-Rex ist da", sagte der Agent knapp.
„Ich weiß." Jonas blickte auf das Amulett in seiner Hand. „Ich habe Spears Männer schreien hören. Sie waren im Haupttempel, als das Tor geöffnet wurde."
„Und Spear?"
Der Wissenschaftler seufzte. „Er konnte entkommen, doch Zarus setzte ihm nach. Ich weiß nicht, ob er ihn erwischt hat."
„Ich bezweifle es", sagte Mulder düster. „Der Rex ist nämlich auf der Jagd nach Dilophosauriern."
Sie traten durch das Portal nach draußen. Es nieselte noch ein wenig, doch die Wolkendecke begann sich bereits aufzulösen. Blutroter Himmel war hier und da zwischen den Wolkenfetzen zu erkennen.
Mulder streckte die Hand aus.
„Da ist er!"
Jonas folgte seinem Blick und entdeckte Zarus, der regungslos inmitten eines nahen Palmenhaines stand.
„Was macht der da?" Jonas kniff die Augen zusammen. „Warum bewegt der sich nicht?"
„Ich habe keine Ahnung..."
Sie näherten sich der Echse, bis sie etwa hundert Meter von ihr entfernt zwischen einigen Cycadeen stehenblieben. Sie blickten zu Zarus hinüber. Der Riese duckte sich unter dem Blattwerk der Baumkronen und starrte zum nahen Wasserfall hinüber, auf eine Gruppe von Dinosauriern. Jonas kniff die Augen zusammen.
„Das sind Dilophosaurier", murmelte er. „Vier Männchen."
„Na großartig", entgegnete Mulder.
Sie beobachteten schweigend die Echsen, die sich über etwas gebeugt hatten, mit ihren Köpfen hinab stießen, um sich kurz darauf wieder mit rötlichen Brocken in den Mäulern zu erheben, die sie wie Vögel und Krokodile ungekaut hinunterschlangen. Sie hatten Beute gemacht.
Zarus öffnete sein gewaltiges Maul und brüllte. Die Dilophosaurier rissen abrupt die Köpfe hoch, ihre Zungen fuhren über ihre blutverschmierten Schnauzen. Sie blähten ihre Hautlappen auf, als der Rex auf sie zukam. Zarus war nicht so intelligent wie die Raptoren, trotzdem wusste er, dass die Dilophosaurier nicht in das Tal der Götterstadt gehörten. Sie gehörten überhaupt nicht in sein Revier. Sie waren Feinde. Und Feinde musste man angreifen.
Die kleineren Räuber duckten sich, ihre Augen funkelten boshaft. Zwei von ihnen warfen bereits die Köpfe nach vorn, die hämatoxinhaltige Spucke landete auf dem Bauch des Königs der Raubechsen. Zarus fauchte, schnappte nach dem vorderen Dilophosaurus. Jonas und Mulder hörten merkwürdige Eulenrufe, die scheinbar von den giftigen Raubsauriern kam. Fast zeitgleich hoben sich unzählige Köpfe aus den nahen Farnfeldern. Jonas biss sich auf die Unterlippe und wich seitlich zum Flussufer hin aus, um im Notfall schnell flüchten zu können. Denn die Tiere in den Farnen waren allesamt Dilophosaurier, die ihren Artgenossen nun zur Hilfe kamen. Mulder folgte ihm in gebückte Haltung.
„Mann, dass sind ja an die zwanzig Giftkanonen", knurrte er.
Die merkwürdigen Eulenrufe ausstoßend, umzingelten sie den Tyrannosaurus, sprangen ihn an und verbissen sich an seinen Flanken. Jonas wusste, dass die Tiere das Hämatoxin auch durch Bisse übertrugen. Zarus war groß, kleine Dosen, die ausreichten, um Menschen und Säugetiere zu töten, machten ihm nichts aus. Aber dieser Fülle von Angreifern konnte er unmöglich gewachsen sein. Die Raubechse brüllte, versuchte vergeblich, die vielen Dilophosaurier von sich abzuschütteln. Doch vergeblich. Die kleineren Jäger waren dem König ohne Zweifel überlegen.
Die beiden Männer duckten sich am Ufer. Würden die Rotschädel den Kampf gewinnen und Zarus töten, würde Akunga seinen größten Schutz verlieren. Die Stadt wäre dem Untergang geweiht...
Plötzlich spürten sie, wie die Erde unter ihnen zu beben begann. Sie blickten den Flusslauf hinab und registrierten überrascht zwei große Tiere, die in ihre Richtung stürmten. Das erste war etwa zwölf Meter lang und olivgrün gefärbt. Den mit drei Klauen versehenden Vordergliedmaßen entnahm Jonas, dass es sich um einen Allosaurus handeln musste. Das Tier bewegte sich schneller, als es sich Jonas jemals hätte vorstellen können. Den Schwanz steif in die Höhe gestreckt sprintete der Allosaurus durch das flache Flussbett, gefolgt von einem zweiten Tier, das wesentlich größer war, beinahe von gigantischen Ausmaßen. Selbst Zarus wirkte merklich kleiner neben ihm, obwohl das Tier ihm beinahe identisch war. Also musste es ein naher Verwandter des Tyrannosaurus Rex sein, und das war der Größe nach zu urteilen der Tarbosaurus. Er trug eine auffällige Zeichnung am Kopf und einige Höcker auf der Schnauze.
„Die Kavallerie kommt", murmelte Mulder neben ihm.
Jonas bemerkte, dass die beiden großen Raubechsen noch immer direkt auf ihren Standort zuhielten.
„Lauf, Fox!", zischte er. „Los!"
Sie rannten los. Mit raschen Sprüngen durchquerten sie den Fluss, der an dieser Stelle eine flache Furt bildete, knapp acht Meter hinter ihnen schoss der Allosaurus vorbei, gefolgt von seinem größeren Verwandten. Beide hielten auf den Kampfplatz zu, wo sich Zarus noch immer vergeblich gegen die Übermacht der Dilophosaurier wehrte und langsam aber sicher an Kraft verlor. Wie ein Komet schoss der Allosaurus dazwischen, völlig unerwartet von den Rotschädeln. Mit einem lauten Brüllen schnappte er nach einem der kleinen Räuber, der dem unverhofften Angreifer nicht mehr ausweichen konnte. Der Tarbosaurus brachte Panik in die Randformation der Dilophosaurier. Mit kräftigen Tritten brachte er gleich zwei der Rotschädel zur Strecke, sein gewaltiger Kiefer schloss sich um einen dritten. Von einer Sekunde auf die nächste änderte sich die Situation. Noch waren die Carnosaurier den kleineren Dilophosauriern zahlenmäßig unterlegen, doch erlaubte es ihre Kraft und Größe, sich erfolgreich gegen die Rotschädel aufzulehnen, die sich jedoch nicht ergeben wollten. Verbissen griffen sie wieder und wieder an, gebärdeten sich wie ein Schwarm Killerhaie, der Blut gerochen hatte. Erst als der letzte Rotschädel tot zu Boden fiel, kehrte Ruhe ein.
Der Platz war übersät von toten Dilophosauriern. Überall war Blut. Ein Blick allein genügte, um die Lichtung als Ort eines gewaltigen Massakers anzusehen - eines ähnlichen Massakers, das die Rotschädel am Tag zuvor in Akunga angerichtet hatten. Jonas spürte, wie es ihn innerlich vor Abscheu schüttelte, dennoch hoffte er inständig, dass bei dem blutigen Kampf wirklich alle Dilophosaurier umgekommen waren.
Die Schlacht war vorbei. Zarus hatte einige Wunden davongetragen, doch ansonsten ging es ihm gut. Zusammen mit seinen beiden Helfern trabte er gemächlich durch das Flussbett, den Tempeln zu, durch dessen Tor sie wieder in ihr eigentliches Revier zurückkehren würden...

eine halbe Stunde später

Rumpelnd fuhr die Wand wieder vor, nachdem die drei Carnosaurier in den Dschungel zurückgekehrt waren. Sie waren nun verschwunden, und mit ihnen die Gefahr, die ganz Akunga bedroht hatte - Saurier wie Menschen.
Piak strich mit einem leisen Seufzen sein Gewand glatt, nachdem die Steinwand mit einem dumpfen Grollen das Tor vollständig verschlossen hatte. Er hatte die Nachfolge Dim-Kalirs angetreten und war nun der Medizinmann Akungas, dessen Bewohner kaum mehr zählten, als die Finger an zwei Händen.
„Mir scheint, die alte Ordnung ist wieder einigermaßen hergestellt", sagte er. „Jedenfalls vorübergehend."
„Wieso nur vorübergehend?", fragte Sarah.
„Ist das denn nicht offensichtlich?", erwiderte der neue Medizinmann, während sie durch das Portal nach draußen traten. „Glauben Sie denn allen Ernstes, dieses Tal hier hätte eine Zukunft?" Er machte eine ausschweifende Geste. „Die Dilophosaurier sind nun zwar ausgelöscht, doch es gibt noch andere Gefahren für Akunga. Sie wissen es vielleicht nicht, aber früher war das Land von Akunga viel größer. Ganz Mindanao und auch die restlichen Philippinen waren das Reich der Saurier. Doch die Klimaveränderungen während der letzten viertausend Jahre trieben sie alle von den Philippinen fort. Die Inseln gewannen immer mehr und mehr an Gebirgen, die Vegetation dagegen wurde karger. Die Luftströme wurden kälter und die Stürme und Unwetter häufiger. Die Dinosaurier mussten sich nach Mindanao zurückziehen. Wegen des mangelnden Lebensraumes wurden es immer weniger. Viele Arten starben aus. Meistens Großtiere. Von den ehemals dreizehn Sauropodenarten sind lediglich zwei geblieben, die Familie der Hadrosaurier ist auf einen winzigen Rest von vier, fünf Arten zusammengeschrumpft. Die einstmals weitverbreiteten Raubech. sen verschwanden nach und nach, da auch ihre Nahrung verschwand. Nur wenige von ihnen überlebten. Auch Zarus ist dem Tode geweiht. Er ist der letzte Tyrannosaurier auf Mindanao. Von dem etwas kleineren Carnotaurus sind lediglich sieben Exemplare geblieben. Die einzigen aktiven Räuber mit Zukunft sind die Raptoren und die Promsognathen. Keiner von ihnen geht über zwei Meter hinaus, sie sind also relativ klein im Vergleich zu Zarus. Um so größer die Tiere sind, desto geringer ist ihre Chance, noch einige Jahrhunderte zu leben. In aller spätestens zwei- bis dreihundert Jahren wird es weder den Diploducus, noch den Carnotaurus, den Parasaurolophus oder den Styracosaurus geben. Und wenn die Bevölkerung der Erde weiterhin zunimmt, wird das Ende Akungas schon viel früher bevorstehen. Die Philippinen sind inzwischen vollständig besiedelt, in Mindanao fängt man langsam damit an. In weniger als zwanzig Jahren wird der Dschungel um uns herum gerodet, die Steinbrüche ausgebeutet und die Tempel plattgewalzt sein. Und mit dem Tal werden auch die Dinosaurier untergehen..."
Die dunklen Wolken hatten sich ausgeregnet, waren zu weißen, bauchigen Kumuluswolken geworden. Ein sanfter Wind strich durch die Bäume, ließ die feuchten Blätter rascheln und einen kleinen Schauer auf die Erde niederprasseln. Ein gepanzerter Ankylosaurus kroch aus dem Unterholz, sein breiter Keulenschwanz fegte einige halbverfaulten Äste zur Seite. Laut zeternd hüpfte ein Compsognathus zwischen den Zweigen hervor, sprang den gepanzerten Riesen fauchend an, der völlig gleichgültig blieb, und verschwand dann mit einigen kleinen Sätzen zwischen den weitausladenden Farnwedeln.
„Und wenn die Dinosaurier hier sterben, dann stirbt das letzte Überbleibsel des Mesozoikums", nickte Mulder, und wirkte beinahe versonnen. „Erst dann werden sie nur noch in den Märchen der Kinder existieren und in ihrer Phantasie. Als riesige Monster und Drachen, die Feuer speien und die Welt terrorisieren, oder als die sanften Riesen, die mit ihren kleinen Menschenfreunden weit weg fliegen, in das Reich der Träume, wo nichts unmöglich ist... Sie waren immer Mythen, und sie werden es immer bleiben, auch wenn sie nun wirklich endgültig vom Erdboden verschwinden, ohne dass die Menschen wissen, dass es sie überhaupt bis zum heutigen Tage gab. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht soll es gar nicht anders sein. Sollen sich die abertausend Wissenschaftler doch weiterhin in der Luft zerreißen und streiten, ob der T-Rex nun ein Räuber oder ein Aasfresser war und wie diese rätselhaften Wesen vom Erdball verschwunden sind. Sie werden es nie erfahren. Und während sie sich streiten, werden sich die Kinder mit ihrem einfachen unverdorbenen Verstand ihre eigene Vorstellung von Dinosauriern schaffen. Und mit dieser kommen sie der Wahrheit näher, als der intelligenteste Paläontologe der Welt. Denn nur Kinder sind dazu fähig, diese Tiere wieder zum Leben zu erwecken. Sie sehen sie in ihren Träumen, wie sie über die Steppen und durch die Wälder ziehen, sehen ihr Leben wie einen Film, nehmen Teil an dem, was ihnen geschieht. Erwachsene dagegen bauen meist nur auf Fakten. Sie sehen Knochen, können zurückvollziehen, wie die Gestalt des Tieres zu Lebzeiten war und können feststellen, wann und wo sie gelebt haben. Aber sie sehen sie nicht laufen, nicht schwimmen, nicht fliegen, nicht leben. In der Welt dort draußen herrscht zuviel Verwirrung durch zuviel Wissen. Wissen, was im Grunde eigentlich kein Wissen ist. Und davon gibt es so viel Widersprüchliches und Verwirrendes, dass sich der Mensch in der Masse verliert, alles, was er hört, in sich aufsaugt, sich selbst aber nur noch wenig Platz zum Träumen lässt..."
Inzwischen hatten sie das Schattenreich erreicht, die Höhle, die Akunga mit dem umliegenden Regenwald verband. Dem einzigen stets offenen Weg in die Vergangenheit, einem Pfad, der sich in einer Welt verlor, die teilweise mehr als 60 Millionen Jahre alt war.
Jonas schüttelte Piak die Hand. „Sie können sich darauf verlassen, dass die Außenwelt durch uns von diesem Paradies niemals auch nur ein einziges Wort erfährt. In welcher Hinsicht auch immer."
„Ich vertraue Ihnen, Dr. Quinn", sagte der Medizinmann. „Und nun müssen Sie den Raptoren vertrauen. Sie werden Sie bis zum Hochplateau bringen, von wo aus ihr zurück nach Pikit fahren könnt. Ich bitte euch, die Lederbeutel, die ihr um den Hals tragt, auf dem Hochplateau zu verbrennen, damit das Gahni-Dah keinem Unbefugten in die Hände fällt."
Die Menschen nickten.
„Dann bleibt mir nicht mehr, als Ihnen allen noch eine gute Reise zu wünschen", sagte der Medizinmann. „Sie werdet uns in guter Erinnerung bleiben."
„Sie auch", erwiderte Jonas mit einem leichten Lächeln. „Und... danke."
„Für was denn?", fragte Piak, doch er kannte die Antwort. Er blickte auf die Raptoren. „Jenji salai."
Die Tiere hoben die Köpfe, streckten sich und traten zum Höhleneingang. Sie warteten, bis sich auch die Gruppe in Bewegung setzte, und führten sie dann in das Schattenreich. Nach und nach verschwand jeder der Menschen im Dunkel der Höhle. Ein letzter Gruß, ein freundschaftlicher Händedruck, ein ehrlicher Dank. Dann tauchte auch schon der Letzte in die Höhle ein, die ihn umschloss wie einen schützenden Mantel. Piak stand noch lange am Eingang und horchte auf ihre Schritte. Als die Sonne mit ihrem gleißenden Schein das Tal erleuchtete und es in aller Schönheit erstrahlen ließ, von irgendwoher der dumpfe Laut eines Hadrosaurier erklang und der Schatten eines Daktylus rasch über die Steilwände nach oben glitt, begann der Medizinmann seinen Abstieg. Vor ihm lag Akunga wie die Stadt Atlantis: Schön, atemberaubend und zum Untergang geweiht. Er zupfte eine Blüte von einem der Cycadeengewächse und drehte sie in den Fingern. Sie war purpurrot, ihre Pollen von einem strahlenden Gelb. Sie ist schön, dachte er, aber das Zeichen für das Ende der Dinosaurier. Er zupfte die Blütenblätter ab, roch an ihnen, saugte ihren lieblichen Duft ein. Dann ließ er sie sich von einer sanften Windböe aus der flachen Hand reißen, die sie weit in den Himmel hinauftrugen, hinein in das wärmende Licht der Sonne...

sechzehn Stunden später
Cape Canaveral / Florida

Das Institut für Mikro- und Weltraumtechnik befand sich in einer Ansammlung von Gebäuden, die westlich des Raumbahnhofes lagen und früher als Lagerhallen gedient hatten. In einer der großen Hallen, die nichts weiter war, als ein Raum voller Stühle, wurden beinahe jeden zweiten Tag Seminare abgehalten. Vorne am Rednerpult machte Professor Shimoyama, eine dramatische Pause, bevor er seine Vorlesung fortsetzte.
„Immer mehr Wissenschaftler nehmen sich nicht mehr den Menschen zum Vorbild für ihre Automaten, sondern Insekten. Der Grund dafür ist der: Gerade die einfachen menschlichen Fähigkeiten erwiesen sich als zu kompliziert für Roboter. Spezialfähigkeiten hingegen wie exzellentes Schachspiel oder präzise Werkzeugführung beim Schweißen werden von Robotern leicht übertroffen: Der Weltmeister wurde kürzlich von einer Maschine im Schachspiel geschlagen, und Schweißroboter haben in der Autoproduktion viele Facharbeiter ersetzt. Kaum nachzuahmen sind jedoch die Grundfähigkeiten des Menschen: Gleichgewicht halten, über unebenen Grund laufen, einen Gegenstand auf dem Tisch erkennen, ein Wurstbrot schmieren. Das alles erscheint uns mehr als trivial - aber nur, weil wir mit einem ungeheuer leistungsfähigen Wahrnehmungs- und Steuerungsapparat ausgestattet sind, der diese Aufgaben mühelos erledigt. Beim Versuch, solche Fähigkeiten auch den Maschinen beizubringen, mussten sich die Wissenschaftler immer weiter ins Detail vertiefen, und so finden heute weltweit unzählige Konferenzen statt, in denen die Forscher über kleine und kleinste Spezialgebiete berichten: Sprachverständnis, Denkmodelle, Stereosehen, Pfadplanung, Positionsbestimmung, Sensortechnik, Kollisionsvermeidung, neuronale Netzwerke, Kraftkontrolle, maschinelles Lernen und so weiter. Die Forscher sind wie ein Schwarm von Pfadfindern, die einen Weg durch den Dschungel suchen, wie schon der Roboterforscher Uwe Zimmer sagte. Ob einer der Dschungelpfade zum Ziel führt, ist ungewiss. Vorerst sind vielen der Pfadfinder die menschlichen Fähigkeiten zu undurchdringlich. Sie üben sich daher erstmal an Insekten. Die besitzen nur 10.000 bis eine Million Nervenzellen - weniger, als bei uns allen allein in der Netzhaut eines einzigen Auges tätig sind. Außerdem laufen Insekten auf sechs Beinen, was ihren Gang sehr stabil macht. Drei davon berühren immer den Boden, das Tier kann also nicht umfallen. Jedenfalls nicht so leicht. Ihre Steuerungsmechanismen sind einfach, robust - und milliardenfach bewährt. Doch bei ihren Versuchen, Insekten nachzubauen, lernten die Forscher vor allem eines: Ehrfurcht vor den Fähigkeiten der kleinen Wesen. Denn die Insektenkonstruktion ist extrem tragfähig. Eine Ameise kann das 20fache ihres Eigengewichts transportieren, eine Kakerlake immerhin das Zwei- bis Dreifache. Herkömmliche Industrieroboter hingegen heben nur etwa 20 Prozent ihres Eigengewichts. Das zeigt, wie weit der Entwicklungsweg ist. Zweitens: Die Koordination der Beine ist komplizierter als erwartet. Sechsbeinige Insekten sind wahre Meister im Laufen und Klettern in unwegsamen Gelände. Achthundert Nervenzellen steuern jedes einzelne Bein der Stabheuschrecke. Das hört sich übersichtlich an, ist es aber nicht. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich nämlich heraus, dass die Nervenzellen der Insekten wesentlich komplizierter sind als menschliche: Sie können in ihren verzweigten Fortsätzen verschiedene lokale Regelungsaufgaben gleichzeitig erledigen. Jede Nervenzelle ist quasi ein eigenes Lebewesen, jede einzelne müsste durch einen eigenen Computer nachgeahmt werden. Die Beinsteuerung einer Stabheuschrecke in jedem Detail zu kopieren schied deshalb schlichtweg aus..."
Shimoyama sah auf, als die Tür aufging, und automatisch folgten die meisten seiner Zuhörer seinen Blicken. Ein hochgewachsener braunhaariger Mann trat ein, gefolgt von einer rothaarigen Frau mit kinnlangem Haar. Shimoyama blinzelte verwirrt und ihm wurde unwohl. Er fragte sich, was der Mann hier wollte. Er kannte ihn. Und er wusste, dass überall, wo er auftauchte, etwas lief. Seine Zuhörer wussten das wohl nicht, doch das war nur gut so. Lee räusperte sich, sammelte seine Papiere ein und klopfte sie auf dem Pult zu einem ordentlichen Stoß zusammen. „Es tut mir sehr leid, aber ich muss dieses Seminar leider beenden. Wir machen Morgen an der gleichen Stelle weiter."
Ein Gemurmel ging durch die Menge. Nach und nach standen die Leute auf, griffen nach ihren Notizblöcken und Jacken, und verließen nach und nach den Saal.
Shimoyama sah seinem Besuchern entgegen, die sich dem Pult näherten.
„Warum bist du hier, Fox?", fragte er und man merkte ihm an, dass ihm nicht ganz wohl zumute war.
Mulder und seine Begleiterin blieben vor dem Pult stehen.
„Ich brauche deine Hilfe, Yama."
„Meine Hilfe?" Lee ließ seine Unterlagen in einem Schnellhefter verschwinden und schlug das Deckblatt zu. „Doch hoffentlich nicht für derartig ausgefallene Dinge wie letztes Jahr?"
„Nein", sagte Mulder ruhig. „Ich brauche lediglich eine... - Ja, nennen wir es mal Auskunft."
„So, so. Eine Auskunft. Doch nicht etwa über irgendwelche Personen, hinter denen du mal wieder her bist, oder?"
Mulder ersparte sich eine Antwort auf diese Frage.
„Was weißt du über Biogenetics?"
Lee Shimoyama stieg die kleine Treppe hinab, die zum Pult hinaufführte, und blieb vor den beiden Besuchern stehen. „Darf ich fragen, warum du Informationen darüber haben willst?"
„Fragen darfst du, aber ich darf nicht darauf antworten."
Shimoyama nickte. „Das habe ich mir schon fast gedacht. Ihr Typen vom FBI seid doch alle gleich. Ihr könnt einem einen wahren Krater in den Bauch fragen, aber sagen, worum es geht, das könnt ihr nicht. - Wer ist das da eigentlich?" Er wies auf Mulders Begleitung.
„Das ist meine Partnerin, Special Agent Dana Scully", stellte sie Mulder vor.
Sie reichte dem Professoren mit einem freundlichen Lächeln die Hand. „Schön, Sie kennen zu lernen, Dr. Shimoyama..."
„Bitte, sag' Yama zu mir. Ich sieze nur Leute, die ich nicht leiden kann - also meine Schwiegermutter und den Gerichtsvollzieher. Aber wenn der noch öfter zu uns kommt, werden wir vielleicht noch Freunde." Shimoyama nickte den beiden Agenten zu. „Na los, kommt mit!"
Er ging auf die Tür zu und Mulder und Scully folgten. Sie sah ihn fragend an.
„Ist der immer so?"
Ihr Partner grinste. „Er ist eigentlich schwer in Ordnung. Das merkt man aber meist erst, wenn man ihn näher kennt."
Sie gelangten über eine schwarze Freitreppe in den ersten Stock des Gebäudes. Shimoyama öffnete eine Tür mit der Aufschrift Sperrbereich - Ab hier für Unbefugte kein Zutritt. Sie folgten dem Korridor, der sich irgendwo in der Ebene verlief, in der Dämmerung liegend, die über der ganzen ersten Etage lag. Eine Wand war ganz aus Glas, man sah auf einen Balkon hinaus, auf dem, von feinen Nebelschwaden umweht, Palmen standen. Etwa nach fünfundsiebzig Metern kamen sie zu einer Glastrennung mit weiteren Schildern:

Biogefahr! Vorsicht!
Dieses Labor entspricht USG P4/EX3 der Genetikprotokolle.

VORSICHT!
Teratogene Stoffe

GEFAHR
Anwendung von radioaktiven Isotopen
Karzinogenes Potential

„Achtet nicht auf die Schilder. Die haben wir nur aus rechtlichen Gründen angebracht. Ich kann euch versichern, dass hier absolut nichts passieren wird."
Er führte sie durch die Tür, nickte dem Wachposten auf der anderen Seite zu, und bog in einen schmäleren Seitengang ab.
„Natürlich werden auf dieser Ebene auch noch andere Experimente als die mit unseren Robotern gemacht. Aber das brauche ich euch wohl nicht zu erklären. Auf einem Raketenversuchsgelände wie Cape Canaveral läuft so einiges ab. Im Moment untersuchen sie das Gestein von den beiden Marsmonden Phobos und Deimos und der Venus. Und das nur, weil so ein Spinner ankam und behauptete, es hätte einen zehnten Planeten in unserem Sonnensystem gegeben, der Phaeton hieß..."
Scully schenkte Mulder ein schelmisches Lächeln. Er grinste bloß.
„Das Ding ist angeblich vor 175 Millionen Jahren bei der Kollision mit einem Planetoiden explodiert", fuhr Shimoyama fort. „Seine Bruchstücke haben sich überall im Sonnensystem verteilt. Und da diese Spinner von Wissenschaftlern, allen voran dieser Quatschkopf von Däniken, bei ihrer Behauptung von wegen Außerirdischen bleiben wollen, sagen sie, auf diesem Phaeton hätte eine hohe Zivilisation gelebt, die daran Schuld ist, dass die Karte der Sumerer vor 4000 Jahren statt neun zehn Planeten aufweist, ägyptische Karten die Erde vom All aus zeigen und dass diese rätselhafte Felsmarkierung in Nazca entstand, die ja angeblich eine Navigationshilfe für landende Raumschiffe gewesen sein soll. Alles Papperlapapp! Alles Unsinn! Diese Leute verschwenden nur Zeit, Nerven und vor allem Geld. Geld, das man für weitaus wichtigere Dinge als diesen Schnickschnack braucht. Außerirdische vom zehnten Planeten! Also wirklich!"
Sie erreichten eine Tür mit der Aufschrift Mikrotechnik. Shimoyama steckte seine Codekarte in den Schlitz, das Licht blinkte auf und die Tür öffnete sich.
Mulder sah einen kleinen, in grünes Licht getauchten Raum. Vier Techniker in Laborkitteln spähten in doppelläufige Stereomikroskope oder betrachteten Bilder auf hochauflösenden Videobildschirmen. Überall lagen kleine Geräte herum, Kästen waren vollgestopft mit winzigen metallenen Bauteilen und Schrauben.
Shimoyama trat an einen der Kästen heran. Zur Verwunderung von Scully enthielt dieser Kakerlaken und Heuschrecken.
„Was machst du denn damit?", fragte sie.
„Nun, vorhin in meinem Seminar sprach ich über die Möglichkeit, Roboter nach dem Insektenprinzip zu bauen, das ja sehr vorteilhaft ist. Aber auch sehr schwer. Doch viel interessanter als ein Roboter mit Insektenintelligenz ist doch eigentlich ein Insektenkörper mit Menschenintelligenz. Diese Tiere hier können durch eine Fernsteuerung dirigiert werden. Sie tun alles, was man ihnen befiehlt." Er deutete auf eine der Kakerlaken, die eine Art Rucksack auf dem Rücken trug. „An den Enden dieses Elektrogepäcks befinden sich in der Nähe der Fühler winzige Nickel-Chrom-Heizstäbe. Kakerlaken reagieren stark auf Wärme, wenden sich davon ab. Dieser Bursche hier kann durch Variierung von Wärme gesteuert werden. Wir haben es sogar geschafft, eine Kakerlake durch eine Röhre von gerade mal 40 Millimetern zu dirigieren." Der Wissenschaftler war an einen verwaisten Schreibtisch getreten und zog einen Ordner aus der untersten Schublade. Kopfschüttelnd reichte er ihn dem Agenten. „Was auch immer du wieder im Schilde führst, Fox, erlaub dir in Bezug auf diesen Konzern hier keine Späße, denn die haben keinen Humor."
„Das weiß ich inzwischen", sagte Mulder ironisch und schlug das Deckblatt zurück. Er zog die Augenbrauen hoch.
„Was ist GenSys?"
„Die Tochterfirma der Biogenetics", antwortete Shimoyama. „Sie ist noch recht neu. Die haben das Ding für neue Tests aufgebaut. Irgendwelche Produkte, die sie an Eidechsen testen wollen..."
Mulder sah Scully bedeutungsvoll an. „Sieht so aus, als müssten wir schon wieder verreisen..." Dabei deutete er auf die Adresse von GenSys...
Kapitel 10 by Kit-X
zwölf Stunden später
Rhein-Main-Flughafen
Frankfurt / Deutschland

„Letzter Aufruf zum Flug nach Amsterdam!", hallte es durch den Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, der schier aus den Nähten zu platzen schien. Tausende von Menschen strömten durch die breiten Gänge und Korridore, sammelten sich vor den Schaltern oder der Gepäckausgabe.
Mulder angelte ihre wenigen Gepäckstücke vom Fließband und schlängelte sich zwischen den wartenden Menschen hindurch in die Mitte der gewaltigen Halle, wo Scully nahe der Sky Line auf ihn wartete. Die Sky Line war eine vollautomatische Hochbahn, mit der man kostenlos und innerhalb von zwei Minuten den Terminal wechseln konnte.
„Am Terminal 1 kann man Autos leihen", verkündete sie und tippte auf einen großen Aushang an einer der Glaswände. „Welchen hättest du denn gerne? Einen BMW Z3, einen Ford Focus, einen VW New Beatle oder gar einen schwarzen Porsche?" Sie grinste.
„Mal sehen." Er warf ihren Seesack über die Schulter, klemmte sich eine Tasche unter den Arm und nahm seinen Koffer in die nun freie rechte Hand. „Jedenfalls ist für alles gesorgt. Ich habe uns ein Zimmer im Holiday Inn gebucht, direkt vor Ort. Außerdem habe ich mich mit Stadtkarten und diversen Faltplänen eingedeckt, damit wir uns im verrückten Straßenverkehr Deutschlands nicht verirren. Die Leute hier sollen allesamt fahren wie Bekloppte."
„Keine Vorurteile!", lächelte sie und dirigierte ihn in die Hochbahn. „Wir werden unsere eigenen Erfahrungen diesbezüglich sammeln können!"
Das Gefährt hielt sein Versprechen und setzte sie nach knapp zwei Minuten nahe des Flugsteig C von Terminal 1 ab. Sie durchquerten die große Empfangshalle und traten durch eine Glastür nach draußen. Es war gegen zwei am Nachmittag und die Sonne schien warm und hell vom Himmel. Man mochte gar nicht glauben, dass es bereits Oktober war.
Sie mieteten einen Wagen - Mulders Wahl fiel auf einen perlmuttfarbenen Alfa 156 - und verließen den Rhein-Main-Flughafen, der zu den größten Europas zählte. Über die Ausfahrt gelangten sie auf die Bundesstraße B 43, die direkt in die Metropole führte.
Frankfurt am Main war die größte Stadt des Landes Hessen, zusätzlich weltweit als eine der wichtigsten deutschen Handel-, Industrie-, Börsen- und Messestädte bekannt. Gegen amerikanische Millionenstädte wirkte Frankfurt mit seinen 654.000 Einwohnern winzig, dennoch war internationaler Flair vorherrschend.
Sie überquerten den Main bei Niederrad und folgten der Gutleutstraße den Fluss entlang. Links von ihnen huschte der Frankfurter Hauptbahnhof vorbei, der bedeutendste Bahnknotenpunkt Europas, dicht gefolgt von „Mainhatten", der kleineren Ausgabe des amerikanischen Vorbildes in New York. Mulder bog in den Untermainkanal ab und folgte der Straße bis zur Alten Brücke. Eine Straßenbahn schlängelte sich an ihnen vorbei, an der Kreuzung sprang die Ampel auf rot, und Scully hatte genug Zeit, sich den berühmten Frankfurter Dom, der zur linken Hand lag, zu begutachten.
Mulders Handy machte sich bemerkbar. Er murrte, doch bevor er nach dem kleinen Nervtöter greifen konnte, hatte Scully das Mobiltelefon schon aus seinem Mantel geangelt.
Er blickte sie nur kurz an. „Wenn das jetzt Skinner ist, können wir uns auf ein Donnerwetter gefasst machen..."
Es war Jonas.
„Die Biogenetics existiert nicht mehr", meldete er.
Scully legte die Stirn in Falten. „Wie bitte?"
„Ja. Ich bin heute hingefahren, weil ich mir einige Informationen vor Ort holen wollte. Tja, als ich ankam, war die Abrissbirne schon tätig gewesen."
Scully suchte den Blickkontakt zu Mulder.
„Abgerissen", murmelte sie, und dem Gesichtsausdruck ihres Partners konnte sie entnehmen, dass er verstanden hatte. „Und wahrscheinlich sind auch alle Beweise mit den Trümmern fortgeschafft worden..."
„Die meisten, ja." Scully hörte leises Rascheln, als Jonas seine Unterlagen heranzog. „Aber ich habe an der Umzäunung des Geländes mehrere Plakate gefunden, die von einer Tierschutzorganisation stammen. Sie prangern in ihren Schriften den Pharmakonzern wegen unethischen Verhaltens an. Ich habe mich mit diesen Leuten in Verbindung gesetzt. Einer von ihnen hat früher einmal selbst bei Biogenetics gearbeitet. Er heißt Frank Joseph. Er gab mir einige Akten und Fotos, die uns weiterhelfen können. Auf jeden Fall war das, was sich hinter den Mauern dieser Firma abspielte, die reinste Sauerei, um es milde auszudrücken. - Ach, bevor ich es vergesse: Ein gewisser Gary Eustrak, ehemals Boss der Biogenetics, hat nun den obersten Posten bei GenSys inne. Ihr seid also auf der richtigen Spur..."

einige tausend Kilometer entfernt

Doug Spear lehnte sich in seinem Sitz zurück und starrte durch das Fenster auf den Pazifik hinab. In etwa einer halben Stunde würden sie Mindanao erreichen. Dass die erste Expedition gescheitert war, bedeutete noch lange nicht, dass Spear aufgeben würde. GenSys sah das ähnlich. Dieses Mal würde er Erfolg haben, er wusste es...

gegen 16.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit
Langenselbold / Deutschland

Mulder hielt an der Kreuzung und nutzte die Gelegenheit, um in die Tüte mit den Käseröllchen zu langen. Interessiert begutachtete er die Gebäude um sie herum. Rechts ein Supermarkt und - unübersehbar - ein Bestattungsinstitut, das seine Grabsteine im Hof feilbot, außerdem eine mittelgroße Baustelle direkt am Eck. Ein großes Schild zeigte das Gebäude, wie es einmal aussehen sollte. Mulders Deutschkenntnisse waren recht dürftig, dennoch konnte er aus dem kurzen Text erschließen, dass hier eine Einkaufspassage im Miniformat mit dem Namen „Kinzig-Center"entstehen sollte.
Auf der linken Seite erhoben sich mehrstöckige Reihenhäuser, geradeaus entdeckte Mulder ein Schreibwarengeschäft, eine stillgelegte Tankstelle, einen Getränke-Shop und einen zweiten Supermarkt.
Sirenengeheul schreckte ihn aus seinen Beobachtungen. Ein weiß-grüner Polizeiwagen raste links von ihnen über den Bürgersteig und legte sich scharf in die Kurve, um dann in Richtung Supermarkt Nummer zwei zu verschwinden.
„Holen die gerade ihre Pizza ab?", ulkte Mulder, und Scully neben ihm grinste.
Die Ampel sprang auf grün um, und Mulder bog links ab, in dieselbe Richtung, in die auch der Polizeiwagen gefahren war. Doch er folgte der unvermeidlich als Hauptverkehrsstraße erkennbaren Asphaltsstrecke nicht sehr lange, denn das Hotel lag dem Supermarkt beinahe gegenüber. Es war nicht sehr groß, aber schon allein der internationale Name Holiday Inn versprach angenehmen Komfort.
„Wollen wir nicht zuerst mal zur GenSys fahren und uns den Konzern einmal ansehen?", fragte Scully. „Sie schließen sicherlich bald, und nachher bin ich unter Garantie viel zu müde, um noch in irgendeinem Pharmakonzern herumzulaufen und nach Leuten zu suchen, die nicht mehr da sind..."
Mulder schaltete den Blinker aus und fuhr geradeaus weiter. „Schön, wenn du möchtest", sagte er leichthin, und Scully konnte aus seiner Stimme heraus hören, dass ihm ihr Vorschlag mehr als Recht war.
Sie fuhren weiter die Straße entlang, passierten dabei ein Reisebüro, eine Bank, eine Dphilie und einen Eissalon, bevor Mulder erneut links abbog. Die Zahl der Geschäfte nahm ab, rechts konnte Scully eine alte Kirche sehen, deren Turmspitze sich in den Himmel bohrte, links führte eine Auffahrt zum alten Rathaus und dem angrenzenden Schlossgarten. Einige Meter nach der Kirche schwenkte der Wagen nach rechts und fuhr bergab, eine recht enge Straße entlang.
„Wenn ich die Karte noch genau im Kopf habe, müsste der Konzern einige hundert Meter weiter vorne sein, in der Nähe eines Möbellagers", murmelte Mulder, während er sich eine weitere Käsestange in den Mund schob. „Sie ist noch nagelneu, erst vor zwei Wochen fertiggestellt worden. Ursprünglich gehörte das Gelände diesem Möbelkonzern, Walther heißt der, wenn ich mich nicht irre. Aber GenSys hat ein Angebot gemacht, dass die nicht hatten ausschlagen können. Und das ist gerade mal drei Tage her..." Er wandte Scully den Kopf zu. „Verdächtig, was?" Er grinste. Scully kannte dieses Grinsen nur allzu gut. Es bedeutete, dass er sich ganz sicher war, auf der richtigen Fährte zu sein. Und insgeheim musste sie zugeben, dass sie der gleichen Ansicht war.
Links von ihnen lagen nun einige Wiesen, weiter vorn konnten sie den gewaltigen Gebäudekomplex der GenSys erkennen.
„Weißt du eigentlich, dass wir unseren Urlaub schon seit ungefähr drei Stunden überzogen haben?", erkundigte sie sich nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr, die noch die Washingtoner Zeit anzeigte. Sie war zu faul gewesen, die Uhr umzustellen. In der Heimat war es nun zehn Uhr am Morgen, und Skinner würde wahrscheinlich einem wilden Tiger gleich seine Runden im Büro ablaufen, von Minute zu Minute einen dunkleren Rotton im Gesicht annehmend und nur darauf wartend, seine Wut in Form eines gewaltigen Donnerwetters auf einen unschuldigen Agenten niedergehen zu lassen, der sich dummerweise in dessen Reichweite begeben hatte. Scully wunderte sich schon, dass ihr Handy in den letzten Stunden noch nicht geklingelt hatte. Doch sie war davon überzeugt, dass der Assistant Director des FBI nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.
Sie sollte Recht behalten. Kaum stellte Mulder den Motor des Mietwagens ab, nachdem er eine Parklücke gefunden hatte, schrillte das Handy in ihrer Manteltasche Alarm.
Mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck drückte sie auf den Knopf und hielt das Mobiltelefon an ihr linkes Ohr, während sie mit der rechten Hand die Tür aufstieß, um auszusteigen.
„Scully?"
„Wo, zum Teufel, stecken Sie?", bellte Skinner ungehalten.
Bingo, absolutes Bingo!
„Legen Sie wirklich Wert darauf, das zu erfahren?", fragte sie vorsichtig.
„Und wie ich Wert darauf lege, Agent Scully! Seit drei Stunden hätten Sie hier in diesem Gebäude sein sollen, aber anscheinend haben Sie sich dazu entschlossen, Ihren Urlaub ohne mein Wissen zu verlängern! Übrigens, wo ist Mulder?"
„Bei mir."
„Das dachte ich mir fast! Also, wo sind Sie?"
„In einer kleinen südhessischen Stadt namens Langenselbold, und zwar auf dem Parkplatz eines dort ansässigen Pharmakonzerns."
„Langenwas? Wo ist das?"
„In Deutschland", tadelte Scully. „Ihre Kenntnisse in Bezug auf Geographie scheinen nicht gerade die Besten zu sein..."
„Deutschland?", donnerte Skinner, und Scully musste das Handy einige Zentimeter vom Ohr weghalten, um keinen bleibenden Hörschaden davonzutragen. „Sie sind ja wohl total bescheuert! Wenn das auf Mulders Mist gewachsen ist, dann werde ich ihn..."
Mulder verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse und gab seinen „Herr-im-Himmel-hilf-mir"-Blick zum Besten..
„... höchstpersönlich durch den Reißwolf drehen!", fuhr Skinner derweil ungehalten - besser: stinksauer - fort. „Wenn Sie glauben, diese Exkursion von FBI-Spesen bezahlen zu können, haben Sie sich aber mächtig getäuscht!"
„Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie nicht wissen, wo wir sonst noch überall waren", unterbrach ihn Mulder, der Scully das Handy abgenommen hatte. „Das könnte noch sehr viel teurer kommen, zum Beispiel der einwöchige Aufenthalt auf Mindanao, die Rückreise nach Maine, die Fahrt von dort zurück nach Washington und der anschließende Flug nach Germany, wo wir jetzt gerade sind. Und, so wie es im Moment aussieht, werden wir hier höchstwahrscheinlich noch ein, zwei Tage bleiben müssen."
„Müssen?!?" Skinner schnappte hörbar nach Luft. „Warum, in drei Teufels Namen, müssen Sie in Deutschland bleiben?"
„Weil wir gerade dabei sind, einen äußerst wichtigen Fall zu bearbeiten. In diesem Sinne haben wir überhaupt gar keinen Urlaub gehabt, Sir."
„Was für einen Fall, Agent Mulder?"
Der Agent seufzte unwillig. „Im Moment habe ich keine Zeit, Ihnen alles zu erläutern, aber Sie können sich ja einmal etwas schlau machen, was Biogenetics Co-operation und GenSys betrifft. Ersteres hatte seinen Sitz bis vor Kurzem in New Jersey, vor dem Zweiten stehen wir gerade. Wir sehen Sie dann in den nächsten Tagen."
Mulder drückte den Knopf, ohne auf Skinners Gezeter zu reagieren, das unüberhörbar aus dem Handy scholl. „Der soll erst mal zu Atem kommen", knurrte er und nickte dem Gebäude zu, das sich vor ihnen erhob. „Los, gehen wir rein."
Die Empfangshalle war groß, hoch und steril. Mulder musste sofort an ein Krankenhaus denken, und sofort erschien ihm GenSys noch suspekter, als zuvor.
An der Rezeption blieben sie stehen. Eine dunkelhaarige Frau feilte dort ihre überdimensionalen Fingernägel. Beinahe vorwurfsvoll - wie konnten es zwei Fremde bloß wagen, sie bei einer solch wichtigen Beschäftigung zu stören? - blickte sie auf.
Mulder zog seinen Ausweis aus der Manteltasche seines Trenchcoats. „Special Agent Fox Mulder, ich suche einen Mann namens Doug Spear."
Die Frau blickte ihn verwirrt an. „Das FBI?" Sie schüttelte den Kopf. „Also, das fehlt uns jetzt wirklich noch!" Sie pustete über ihre Nägel. „Wir sind hier in Deutschland, Agent Mulder, nicht in den Staaten. Ich glaube kaum, dass das FBI hier irgend etwas zu sagen hat."
„Das hat es durchaus, Mrs..."
„Schmidt."
Mulder nickte kurz. „Mrs. Schmidt. Doug Spear wird eines Verbrechens beschuldigt, und jüngsten Informationen zu Folge arbeitet er hier in dieser Firma. Und da ist es ganz egal, ob das hier Deutschland, China oder gar der Kongo ist! Also, wo ist er?"
Mit einem Seufzer richtete sich Frau Schmidt auf, griff nach dem Telefon und wählte eine internen Nummer.
„Was sagen wir Skinner, wenn wir ihm Spear anschleppen?", fragte Mulder an Scully gewandt.
„Die Wahrheit."
„Na super! Aber wie bitte schön sollen wir das machen? Für die Vorfälle in Akunga haben wir keine Beweise. Wir können ihn nur für das schuldig sprechen, was er hier getan hat, was schriftlich belegt ist..."
Frau Schmidt unterbrach ihr Gespräch.
„Mr. Spear ist nicht da", sagte sie, während sie auflegte. „Er ist heute morgen nach Mindanao geflogen."
Mulder und Scully sahen sich erschrocken an.
„Nach Mindanao, sagen Sie?" Mulder musterte die Frau misstrauisch. „Mit wem?"
„Allein." Frau Schmidt fuhr fort, ihre Nägel zu bearbeiten. „Er hat sich Urlaub genommen..."
Mulder zuckte ratlos mit den Schultern. „Na dann. Verzeihen Sie die Störung."
„Nicht doch."
Mulder und Scully waren schon fast an der Tür, als ihm noch etwas einfiel.
„Ach, Mrs. Schmidt?"
Sie blickte mit einer Mischung aus Unwillen und Geduld auf.
„Wo wohnt Gary Eustrak, der Inhaber dieses Konzerns?"
„Was geht Sie das an?"
Mulder betrachtete sie wütend. „Wo wohnt er?"
Sie streckte die Hand von sich weg und begutachtete ihre Fingernägel. „Sie haben das Zauberwort noch nicht gesagt, Agent Mulder..."
Er trat an die Theke, lehnte sich zu ihr vor, schlug seinen Mantel beiseite, so dass sie die Waffe an seinem Hüftholster erkennen konnte, und sagte ganz langsam und von oben herab: „FBI!"

zur gleichen Zeit auf Mindanao

Spear presste sich vor Angst am ganzen Körper zitternd an die Felswand und starrte auf die zischenden Zweibeiner, die mit geduckten Köpfen und gebleckten Zähnen auf ihn zu schlichen. Es waren drei mittelgroße Raubechsen, grasgrün mit rotem Kamm und Halslappen. Eine von ihnen stieß einen Ruf aus, der wie der einer Eule klang. Ein anderes Tier blähte den Hautlappen auf und rasselte gefährlich. Dann warf es den Kopf nach vorn, die schaumig-klebrige Masse landete auf Spears Hals und Oberkörper. Verständnislos berührte er den Schaum, rieb ihn zwischen den Fingern.
Spucke.
Dieses Vieh hatte ihn doch tatsächlich angespuckt.
Spear wollte gerade seine Maschinenpistole heben, um den unverschämten Biestern Respekt einzuflößen, als ihn ein höllischer Schmerz dazu zwang, die Waffe fallen zu lassen. Stöhnend griff er nach seinem Hals, der ihm wie ein Stück wundes Fleisch erschien. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Seine Schultern begannen zu brennen, das Herz schlug wie verrückt. Vor Qual wimmernd sank er auf den Boden, krampfte die Arme um den Oberkörper und biss die Zähne zusammen. Doch es wurde immer schlimmer. Er hörte ein hyänenartiges Gelächter über sich, sah den Kopf des Sauriers, der ihn angespuckt hatte. Das Tier schien ihn anzugrinsen, das imposante Gebiss verzog sich zu einer hämischen Grimasse. Dann öffnete sich das Maul, fauliger Atem stieg in Spears Nase. Doch er hatte keine Chance, sich davor zu ekeln. Der Raubsaurier stieß hinab und packte den Mann am rechten Arm, schien ihn daran festzuhalten. Spear schrie, als ihm das Tier mit dem rechten klauenbewehrten Fuß blitzschnell die Bauchdecke aufriss. Die anderen Tiere kamen heran, beugten sich über die frischerlegte Beute. Spear spürte kaum noch, wie ihm die Eigenweide herausgerissen wurde, als er seinen letzten Schrei ausstieß, der durch den gezielten Biss eines Räubers erstickt wurde...

etwas später
Reitzeberg 8 / Gründau / Deutschland

Gary Eustrak seufzte unwillig und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Gesprächspartner trug einen etwas ramponierten Anzug und hätte eigentlich mal wieder zum Friseur gemusst. Er entsprach ganz und gar nicht dem stereotypen Bild eines FBI-Agenten. Selbst sein Name war... ungewöhnlich... Fox. Eustrak begann zu kombinieren. Fox war das amerikanische Wort für Fuchs, man benutzte diesen Ausdruck allerdings auch in der Umgangssprache, um auszudrücken, dass man jemanden reingelegt oder überlistet hatte, oder um deutlich zu machen, dass man jemanden attraktiv fand. Und zusätzlich gab es da noch diesen Indianerstamm, der einmal irgendwo bei den fünf großen Seen gelebt hatte.
Eustrak liebte es, aus Namen Schlüsse zu ziehen. Er dachte über den Nachnamen des Agenten nach. Mulder, fast gleichklingend mit moulder, also Schatten oder Form. Schatten, kaum sichtbar, aber immer da, alles erfassend... Im Kopf definierte er Mulders Namen neu: Schlauer Schatten.
Und die Partnerin? Diese Dana Scully?
Er begann, verwandte Worte zu suchen. Dana klang ähnlich wie der Name eines philippinischen Kampfsports, Scully wie eines der unzähligen amerikanischen Begriffe für stark. Starke Kämpferin, assoziierte Eustrak.
Er ahnte, dass er mit den Namensbedeutungen gleich wichtige Charakterzüge der Beiden erfasst hatte.
„Sie wollen also Informationen über Doug Spear?", fragte er langsam.
Mulder nickte. „So ist es. Wir brauchen Unterlagen über seine Arbeit der vergangenen Jahre, insbesondere der Arbeit bei Biogenetics in diesem Jahr."
„Und wofür, wenn ich fragen darf?"
Mulder lächelte. „Reine Routine, Mr. Eustrak. Die Staatsanwaltschaft verlangt Hintergrundinformationen über den Angeklagten."
„Angeklagt? Spear? Wegen was?"
Mulder zog eine Mappe aus seinem Aktenkoffer, blätterte darin, bis er die entsprechende Seite gefunden zu haben schien. „Mord an Dr. Kirochima Pacal, Archäologin, ebenfalls an Ivan Frederikson, ehemals Angestellter bei Biogenetics, Diebstahl mehrerer Wertgegenstände, mehrmalige Anstiftung zum Mord, Beamtenbeleidigung, Tätlichkeit in vier Fällen..." Mulder hob den Blick. „Ich könnte Ihnen noch einiges mehr nennen, Mr. Eustrak. Aber ich denke, als grober Überblick sollte das genügen."
Der Inhaber der GenSys schlug die Beine übereinander. „Sieh an, sieh an. Und wissen Sie auch, was ich hier drin stehen habe?"
Er tippte auf eine Mappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
„Nein, was?"
„Sämtliche Unterlagen über Mindanao, Agent Mulder, der Ort, wo wir auf Geheiß - was sage ich - auf eindeutigen Befehl der philippinischen Regierung einen Krankheitsüberträger ausmerzen sollten. Die Papiere, auf die diese Operation beruht, sind allesamt vom amtierenden Präsidenten unterzeichnet worden. Ich weiß sehr wohl, dass Sie auch auf Mindanao waren, und wenn Sie es wagen sollten, Doug Spear anzuklagen, dann schleppe ich Sie wegen Mordes an zwölf Männern meines Teams vor Gericht! Haben wir uns verstanden?"
Eustrak erhob sich und deutete auf die Tür. „Dürfte ich Sie nun bitten, zu gehen? Ich bezweifle, dass es noch irgend etwas zu besprechen gibt."
Mulder starrte zu ihm hinauf, und einen Moment lang schien es so, als wolle sein Temperament wieder mit ihm durchgehen. Er verspürte den dringenden Wunsch, Eustrak einer Herde von Dilophosauriern zum Fraß vorzuwerfen, und am Liebsten hätte er das auch gesagt. Scullys Blick bewahrte ihn davor. Er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte. Widerwillig stand er auf, strich seinen Anzug glatt und griff nach seinem Mantel.
An der Tür angekommen, schickte er dem Firmenbesitzer einen letzten warnenden Blick.
„Ich kriege Sie noch, Eustrak!", zischte er, bevor er, gefolgt von Scully, aus dem Haus rauschte.
„Fox!" Sie versuchte ihn einzuholen, als er das Grundstück verließ und über die Straße zu ihrem Wagen ging. Sie packte ihn am Ärmel seines Mantels und zwang ihn, sich zu ihr umzudrehen. Der Blick, der ihr begegnete, war ihr nur allzu vertraut.
„Heute Nacht wird GenSys einen Besuch abgestattet bekommen!"
„Fox, ich bitte dich! Tu nichts, was du später bereust!", sagte sie eindringlich.
Er schüttelte unwirsch den Kopf. „Es muss sein! Eustrak ist schuldbeladen! Ich habe seine Akten durchgesehen! Er kann mir gar nichts, Dana! Und wenn ich erst einmal die Beweise für Spears zwielichtige Geschäfte habe, kann er einpacken! Er wird für das bluten, was da auf Mindanao passiert ist!"
Er riss die Tür des Mietwagens auf und ließ sich auf den Sitz fallen. Scully umrundete den Wagen und stieg ebenfalls ein. Während sie die Beifahrertür zuschlug, konnte sie einen kurzen Blick auf Eustraks Haus erhaschen. Sie sah eine Gestalt hinter den Vorhängen, und sie wusste, dass es der Firmenbesitzer war.
„Er ist ein einflussreicher Mann, Fox", sagte sie, als sie sich wieder ihm zuwandte. „Du solltest ihn nicht unterschätzen..."
Ich tue es jedenfalls nicht, dachte sie.
„Er sollte allerdings auch mich nicht unterschätzen", erwiderte er grimmig. „Und ich habe das Gefühl, dass genau das der Fall ist!"

derweil im Haus von Eustrak

Nach dreimaligem Freizeichen hob Keutel endlich ab.
„Was gibt es?", murrte er.
„Ich habe einen Auftrag für dich, Gerhart", raunte Eustrak.
„Ach ja?"
„Ja. Die beiden vom FBI waren gerade hier. Und für meinen Geschmack wissen sie zu viel. Verstehst du, was ich meine?"
„Durchaus."
Eustrak zog einen Teil der Gardinen zur Seite und starrte durch das Fenster nach draußen. Der Alfa fuhr langsam die schmale Straße hinunter und bog dann rechts ab.
„Sie werden nach Beweisen suchen, notfalls auch auf illegalen Wegen", sagte er langsam. „Verbrennt Spears Büro und das Aktenlager. Noch heute Nacht."
„Aber..."
„Nichts aber." Eustrak zog eine Davidoff aus dem Zigarettenpäckchen auf dem Wohnzimmertisch. „Heute Abend, Gerhart. Lasst es wie einen Unfall aussehen..."

gegen zwei Uhr in der Nacht
GenSys - Anlage / Langenselbold

Der Strahl der Taschenlampe huschte unruhig über das Eingangsportal der GenSys. Mulder fand schließlich den kleinen Kasten, zog die Karte aus seinem Mantel und jagte sie durch den Schlitz. Das Lämpchen blinkte auf, die Tür öffnete sich.
„Wo hast du das her?", zischte Scully neben ihm, die verstohlen umherblickte. Auf der nahegelegenen Bundesstraße war zwar so gut wie kein Verkehr, und die Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Seite waren zu weit entfernt, als dass man sie von dort aus sehen könnte. Nur ein Reiterhof lag etwa zweihundert Meter von ihnen entfernt, nur als schwarzer Schatten erkennbar, der sich in den Nachthimmel erhob. Ein paar Pferde grasten auf den Koppeln, manchmal drang ein leises Wiehern zu dem Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite hinüber. Alles war ruhig, kein Mensch weit und breit. Dennoch fühlte sich Scully aus einem unerklärbaren Grund beobachtet.
„Beziehungen", nuschelte er, während er ihr die Tür aufhielt und hinter ihr ins Innere des Gebäudes schlüpfte.
Die Empfangshalle sah bei Nacht auch nicht anders aus als bei Tag. Genauso kahl und genauso steril. Sie eilten durch den hohen Raum, die Absätze ihrer Schuhe klapperten über glänzenden Marmor.
„Weißt du, wo Spears Büro ist?"
Er nickte. „Gleich hier unten, Nummer 21."
„Hast du diese Information von dem gleichen Kerl, von dem du auch die Karte stibitzt hast?", fragte sie.
„Ja." Am Ende des Korridors blieb er stehen. „21, hier ist es."
Er stieß die Tür auf und trat in den Raum. Es war ein erstaunlich großes Büro, vollgestopft mit Aktenschränken.
Mulder zog den Sessel vor den Schreibtisch, setzte sich und schaltete den Computer ein. Während Scully die Aktenschränke durchwühlte, sah er Spears privaten Dateien ein. Leise murmelte er vor sich hin, während er die Dokumente auf Disketten speicherte: „Neues Pharmazeutika, Erprobung erfolgt an Coelurus in Pikit, genetische Untersuchung von Paläo-DNS, geplantes Kloning ausgestorbener Spezies und Verwendung dieser Tiere zu Versuchszwecken..." Mulder hielt inne und schüttelte den Kopf. „Was ein widerlicher Schweinehund!", murmelte er.

Im benachbarten Aktenlager hielt Keutel sein Feuerzeug unter den mit Benzin getränkten Stapel unbeschriebenen Papiers...

Mulder zog die letzte Diskette aus dem Laufwerk und ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden...

Die Flammen fraßen sich durch den Papierstapel, griffen auf die benachbarte, offene Aktenschublade über. Der Feueralarm ging los...

Scully riss den Kopf hoch, als das Licht über ihr rot zu blinken begann. Das durchdringende Heulen des Alarms jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
„Fox!"
Mulder war bereits aufgesprungen.
„Los, verschwinden wir!"
Er packte ihren Arm und zog sie durch die Tür nach draußen. Sie prallten beinahe mit einem Mann zusammen, der durch die Tür in das Büro hinein stürmen wollte. Er trug einen Benzinkanister in der rechten Hand und starrte die beiden Agenten verdattert an. Doch seine Überraschung wich fast augenblicklich einem eisigen Blick. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck holte er aus. Scully kniff die Augen zusammen, als Benzin in ihr Gesicht spritzte. Als sie sie wieder öffnete, rannte der Mann bereits davon. Das restliche Benzin hatte er über dem Gang verteilt.
„Hey, bleiben Sie stehen!"
Mulder war bereits hinter ihm her.
Der Mann zögerte kurz. Scully sah, wie ein Streichholz im Dunkel aufblitzte. Fast gleichzeitig stürzte sie los.
„Fox!"
Eine wahre Flammenwand stob empor, kaum dass das brennende Streichholz zu Boden gefallen war. Mulder riss schützend den Arm hoch. Das Feuer breitete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aus und umschloss die beiden Agenten nun vollständig. Und es kam immer näher an sie heran.
Mulder schlüpfte aus seinem Mantel und warf ihn fort. Das Kleidungsstück war wie ein halbes Kilo TNT, denn der Fremde hatte es ja buchstäblich in Benzin getränkt. Scully tat es Mulder gleich.
Er packte sie und rannte los, die Flammenwand durchbrechend. Seine Hose fing dabei Feuer, doch erst auf der anderen Seite der Flammenwand wagte er, stehenzubleiben und die brennende Hose mit der hohlen Hand zu löschen. Dabei schüttelte ihn ein heftiger Hustanfall.
Scully neben ihm hatte bereits ihre Waffe gezogen. Sie zielte auf den Fremden, der nun schon fast das Eingangstor erreicht hatte.
„Bleiben Sie endlich stehen, Mister!"
Es geschah innerhalb von Sekundenbruchteilen. Mulder hob den Blick, sah nur kurz die Waffe in der Dunkelheit aufblitzen. Noch bevor der Knall des Schusses erscholl, warf er sich nach vorn - und sank getroffen zu Boden, die Hand auf die Schulter gepresst, wo die Kugel saß, die Scully gegolten hatte. Dennoch schaffte er es, seine Pistole auf den Flüchtenden zu richten und zu schießen.
Der Mann schrie kurz auf, bevor das rechte Bein unter ihm nachgab.
Mulder lag schwer atmend auf dem Boden, die Hand noch immer auf die Wunde gepresst, aus der beständig Blut floss. Ihm wurde schwarz vor Augen. Das letzte, was er sah, war Scullys entsetztes Gesicht, als sie sich über ihn beugte. Dann verlor er das Bewusstsein...

am nächsten Tag
Stadtkrankenhaus Hanau

„Sie können jetzt zu ihm."
Scully öffnete leise die Tür zu Mulders Krankenzimmer und trat ein. Er lag scheinbar schlafend im Bett. Vor wenigen Minuten hatten sie ihm erst die Schläuche abgenommen. Mulder war statt mit reinem Sauerstoff unter Überdruck mit dem Blutersatzstoff Perfluberon beatmet worden, der über einen Schlauch direkt in die Lunge gepumpt wurde. Die Chemikalie konnte große Gasmengen binden, sie führte dem Körper konzentrierten Sauerstoff zu und entsorgte Kohlendioxid. Anders als bei konventioneller Beatmung spülte Perfluberon Schleim und Wasser aus den Lungenbläschen und verhinderte deren Kollaps. Die Beatmungstechnik eignete sich bei Lungenentzündung, Lungenschaden durch Rauchgas und der Wiederbelebung Ertrunkener. Mulders Lunge hatte sehr unter der starken Rauchentwicklung im Inneren des GenSys-Gebäudes gelitten, aus diesem Grund hatte man das Perfluberon den anderen Behandlungsmethoden vorgezogen.
Scully setzte sich auf seine Bettkante und blickte auf ihn hinab.
„Wie geht es dir?"
Er öffnete die Augen. „Als wäre ich von einem Bus überfahren worden", ulkte er und lächelte matt.
Sie beugte sich zu ihm und küsste seine Stirn. „Du hast mir schon wieder das Leben gerettet...", sagte sie.
„Ich weiß." Diesmal gelang ihm ein Grinsen.
„Sobald du entlassen wirst, sollen wir nach Washington zurückkehren", sagte sie. „Skinner platzt jetzt schon." Sie seufzte leise. „Und wir haben mal wieder keine Beweise. Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet, denn unsere Mäntel sind ja zur Gänze verbrannt..."
Er grinste noch immer.
„Mach mal die Schublade dort auf." Er nickte auf sein Nachtschränkchen.
Sie runzelte die Stirn, tat aber, wie ihr befohlen. Sie zog die Lade auf, spähte hinein - und begann zu lachen.
„Ich glaube das einfach nicht!", rief sie fröhlich aus.
Mulder nickte zufrieden. „Tja, ich habe doch gesagt, dass mich Eustrak nicht unterschätzen sollte!"
Scully schmunzelte. „Oh ja, dass hätte er besser nicht tun sollen..."
Sie schwiegen.
In der Schublade lagen drei Disketten mit der Aufschrift Eustraks Ende...

eine Woche später
University of Maine
Orono

„Dr. Quinn, Ihre wiederaufgegriffene und neu bearbeitete Theorie der Doctrina Lacuna hat weltweit für Aufsehen gesorgt und neue Perspektiven geschaffen. Die Hoffnung auf revolutionäre Funde ist von Neuem erwacht. Eine neue Blütezeit der Paläontologie und Archäologie scheint uns bevor zu stehen. Was glauben Sie, wird es bahnbrechende neue Funde geben, die unser bisheriges Weltbild völlig auseinander werfen könnten?"
Der Reporter der „Geology" blickte den jungen Wissenschaftler auffordernd an. Dr. Jonathan Quinn war ein beliebtes Thema in Wissenschaftskreisen, seitdem er die Vorlesung in der Universität gehalten hatte. Es gab viele, die ihm zustimmten und viele, die seinen Ansichten gegenüber skeptisch blieben. Aber Interesse an ihm zeigten alle. Und das bereits über Maine hinaus. Der Startschuss seiner Karriere als Paläontologe war gefallen. Von nun an konnte es nur noch besser werden.
Jonas ließ sich einige Sekunden Zeit. Er spürte die Spannung im Raum und die aufmerksamen Augenpaare, die auf ihn gerichtet waren und auf seine Antwort warteten. Sogar ein Fernsehteam war da. Der Rummel um seine Person war noch ungewohnt, vielleicht empfand er es auch nur so, weil er sich als einer der Jüngsten unter der großen Masse von Wissenschaftlern bewegte, als einer, der nicht lang um seinen Titel hatte kämpfen müssen. Bisher war ihm alles leichtgefallen, also würde er auch die neue Situation meistern können. Er strich sich eine blonde Haarsträhne zurück, die ihm soeben in die Stirn gefallen war und nickte dann.
„Ja, Mister Braney, das glaube ich." Er musste kurz lächeln, als die Bilder Akungas an ihm vorüber strichen. „Es werden ständig Funde gemacht, ob sie wichtig und revolutionär sind, entscheidet der Zeitgeist. Das, was uns heute noch als nebensächlich erscheint, könnte schon morgen unser Leben verändern. Wissen Sie, es ist wie mit der Mode. Was gefragt ist, das wird angeboten, das andere muss dafür in den Hintergrund treten, auch wenn Designer neue Variationen dafür erfinden. Ob etwas wichtig ist, ist nicht die Entscheidung eines Einzelnen, sondern die der Masse."

derweil im FBI-Hauptquartier
Washington, D.C.

Skinner runzelte die Stirn und blickte seinen Gegenüber über den Rand seiner Brillengläser hinweg forschend an. Fox Mulder saß entspannt auf seinem Stuhl, der Verband um seine Schulter war unter dem dunklen Anzug nur noch zu erahnen. Der Agent hatte sich rasch erholt - schließlich war es nicht das erste Mal gewesen, dass man ihn angeschossen hatte. Insgeheim, so dachte er, hatte er seine wahrlich schnelle Genesung wohl Scullys liebevoller Fürsorge zu verdanken. Sie war wirklich kaum von seiner Seite gewichen. Er schenkte ihr einen kurzen warmen Blick, während Skinner las. Jesus, er liebte sie, mehr als er jemals zu Lieben geglaubt hätte...
Der Assistant Director räusperte sich.
„Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass dieser Bericht hier von Ihnen stammt?" Er tippte auf den orange ettikierten Schnellhefter vor sich.
Mulder blickte seinem Vorgesetzten direkt und ohne mit der Wimper zu zucken in die Augen, während Scully rasch zu Boden sah, um ihr Schmunzeln vor dem Assistant Director zu verbergen.
„Ja, Sir. Wieso fragen Sie?"
„Das hier ist nicht Ihr Stil..." Skinner setzte seine Brille zurecht. „Ich bin von Ihnen alles andere als das hier gewöhnt, Agent Mulder, waghalsige, unorthodoxe Theorien über Außerirdische, Vampire, Verschwörungen, Monster..." Er schüttelte seufzend den Kopf. „Aber so etwas habe ich noch nie von Ihnen gesehen."
„Was ist falsch daran?", fragte Mulder unschuldig.
Der Assistant Director blinzelte kurz. „Gar nichts, Mulder, rein gar nichts... - Wäre dieser Bericht von Agent Scully geschrieben worden, hätte es mich gar nicht gewundert, aber bei Ihnen..." Er deutete auf einen der Absätze. „Das hier zum Beispiel: Dass der Mord an den drei Jugendlichen in Jakarta / Indonesien, der scheinbar unter mysteriösen Begleitumständen von Statten gegangen ist, kann ich nicht bestätigen. Den Aussagen des einzigen Augenzeugen zufolge handelte es sich bei dem Angreifer um einen großen Waran oder ein ostasiatisches Reptil, das bisher noch nicht katalogisiert worden ist, da es erst jetzt durch die vermehrte Abholzung des Regenwaldes in Stadtnähe getrieben worden sein könnte. Den Verdacht einiger Anwesenden auf prähistorische Ungeheuer teile ich nicht. Auch die Möglichkeit, dass derartige Wesen überlebt haben könnten, schließe ich auf Grund unzähliger wissenschaftler Fakten aus... - Mulder, das ist der Bericht eines Skeptikers, und als solcher gelten Sie ja nicht gerade..."
Der Agent lächelte Skinner freundlich an. „Ich kann Ihnen versichern, Sir, skeptisch war ich keineswegs. Aber wenn nichts Ungewöhnliches an der Sache dran ist, kann ich so tief bohren, wie ich will, ich werde nichts finden..."
Scully neben ihm nickte bedächtig.
Sein Vorgesetzter seufzte ergeben, auch wenn sein Misstrauen blieb. „Wohl wahr, Agent Mulder", sagte er, und legte den Schnellhefter ad acta...

gleichzeitig in Orono

„Ich habe gehört, dass Sie gerade eine Expedition nach Mindanao, einer der größten Inseln der Philippinen hinter, sich haben", fuhr der Reporter fort. „Dabei begleiteten Sie die Paläontologen Dr. Kirochima Pacal und Dr. Benjamin Grahm. Ebenfalls zwei FBI-Agenten, und zwar die Special Agenten Fox Mulder und Dana Scully, zuständig für die sogenannten X-Akten. Unterbrechen Sie mich, falls ich etwas Falsches sage..."
„Nein, bisher ist alles richtig."
„Aus verschiedenen Quellen habe ich erfahren, dass Sie auf der Suche nach einem Tier waren, dass für viele mysteriöse Todesfälle auf der Inselwelt Ostasiens verantwortlich ist, beispielsweise der schrecklichen Tragöde in Jakarta, wo drei Jungen durch den Angriff unbekannter Wesen in den Tod gerissen wurden. Meine Frage an Sie: Haben Sie das Tier gefunden?"
Jonas lächelte kulant. „So weit ich weiß, waren an diesen Unfällen zu neunzig Prozent Warane Schuld. Eine eigentlich recht seltene Art, die durch die Abholzung des Regenwaldes ihren Schutz mehr und mehr verliert und sich auf die Suche nach neuem Lebensraum machen muss..."

derweil in Washington, D.C.

Zurück in ihrem Büro zog Mulder einen dicken Schnellhefter zwischen einigen Büchern hervor, klebte ein blaues Etikett an den Rand, auf das er mit akribischen Buchstaben No. 162, Akunga geschrieben hatte und stempelte das erste Blatt ab, nachdem er seinen zweiten Bericht - den wahren - unterzeichnet hatte.
„Das hier ist einfach noch nichts für diese Welt", sagte er. „Obwohl dieser Fall mehr als faszinierend ist. Wenn ich mir überlege, dass..."
Scully nahm ihm lächelnd den Ordner aus der Hand, den er bereits wieder aufgeschlagen hatte, und klappte ihn rasch wieder zu. „Lass die Sache doch ganz einfach auf sich beruhen", sagte sie. „Vergiss einfach alles, was wir gesehen haben. Es ist nie geschehen."
„Aber bedenke doch bloß diese Möglichkeit! Die Tatsache, dass nach wie vor prähistorische Spezies auf diesem Planeten leben, belegt doch, dass.."
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Wie, zum Teufel, kann man dich bloß zum Schweigen bringen?"
Mulder grinste. „Gar nicht." Er legte den Kopf schief und holte merklich Luft, um mit seiner Rede fort zu fahren, doch bevor er auch nur einen Laut herausbringen konnte, hatte Scully ihn schon an sich gezogen.
„Du forderst es heraus! Wenn du also nicht aus freien Stücken schweigst, werde ich dich dazu zwingen müssen!", schmunzelte sie, bevor sie ihn küsste. Er lachte, umschloss sie mit beiden Armen, hielt sie fest, so als hätte er Angst, sie könne sich von ihm lösen. Er beugte sich zu ihr hinab, erwiderte den Kuss, und Scully nutzte die Gelegenheit, den Ordner, den sie noch immer in der Hand hielt, in die unterste Lade von Mulders Aktenschrank gleiten zu lassen, die halb offen stand - die Lade der X-Akten...

gleichzeitig in Orono

Braney schlug die Beine übereinander und blickte seinen Gegenüber interessiert an. „Sie wollen damit sagen, dass Rodungen Tierangriffe zur Folge haben?"
„Das habe ich nicht wortwörtlich gesagt, doch eine Rolle spielt es schon. In den Urwäldern dieser Erde leben unzählige Tiere, die wir kaum oder gar nicht kennen, Tiere, die auf das Ökosystem Regenwald angewiesen sind. Wenn wir ihren Lebensraum zerstören, werden diese Tiere nach und nach aussterben, wenn sie sich nicht anpassen können. Zur Anpassung gehört auch eine Umstellung der Nahrung. Da kann es schon einmal passieren, dass Raubtiere Menschen anfallen. Besonders große Reptilien wie Warane, ich möchte da bloß an den Komodo-Waran erinnern, der in Indonesien sehr gefürchtet ist."
„Ist somit der Schutz des Regenwaldes auch gleichzeitig ein Schutz für uns?"
„Auf jeden Fall. Und dafür brauche ich nicht nur dieses eben angesprochene Argument anzubringen. Es gibt noch weitaus mehr, so zum Beispiel die Auswirkungen auf das Klima, die wir ja teilweise schon zu spüren bekommen haben. Der umfangreiche Schutz der Fauna und Flora der Erde, vor Allem die des großen Lebensraumes Regenwald, kann dem Menschen nicht schaden, im Gegenteil, er kann ihm nur nützen und seinen Fortbestand sichern. Und irgendwann wird das jeder verstehen."
„Ein wahres Wort, Dr. Quinn, erlauben Sie mir dennoch folgende Frage: Wenn es sich, wie Sie eben sagten, bloß um eine neue Waranart handelte, die für mehrere Todesfälle verantwortlich war, wieso haben Sie dann Leute vom FBI auf Ihrer Expedition begleitet, noch dazu genau diese Leute. Ich meine, hier weiß jeder, was es mit den X-Akten auf sich hat..."
„Das bezweifle ich, aber das ist hier eigentlich auch gar nicht von Bedeutung. Agent Mulder ist lediglich ein guter Bekannter von mir und hat mich aus diesen Gründen begleitet."
„Sie kennen also auch den Ruf, der diesem Mann vorauseilt?"
„Sehr gut sogar", bestätigte Jonas lächelnd. „Und mir ist ein - wie ich zugeben muss - recht ähnlicher zuteil geworden, seit meiner Vorlesung."
Der Reporter nickte zögernd und mit deutlichem Widerwillen. „Danke für dieses Interview, Dr. Quinn."

zur gleichen Zeit in Washington, D.C.

Das Büro war abgeschlossen, der Schlüssel steckte im Schloss. Scully hatte ihn gleich zwei Mal umgedreht.
Sie drehte sich zu ihm um, ihr Blick war klar und entschlossen.
„Komm zu mir, Fox", bat sie leise.
Er trat an sie heran. Er schwieg, doch gleichzeitig sagte er so viel. Seine Augen, seine Mimik, seine Gesten.
Sie fasste nach seinem Kopf, lehnte ihre Stirn an seine, blickte ihn an, bevor sie ihn küsste. Seine Hände umfassten ihre Taille, so entschlossen und doch so sanft. Er liebkoste ihren Hals, während seine Hände die Knöpfe ihrer Bluse öffneten. Sie ließ ihn gewähren, legte den Kopf zurück, während sie sich an die Wand lehnte, seine Hände auf ihrer Haut fühlend, seine Küsse, so heiß wie Feuer, auf ihrem Gesicht, ihrem Hals, ihren Schultern. Sie löste seine Krawatte, öffnete sein Hemd und ließ es locker über seine Schultern zu Boden gleiten. Ihre Hände strichen über seinen Oberkörper, kreisten über seinen Bauch, bis ihre Finger seinen Gürtel erreichten und diesen lösten.
Seine Hände berührten ihre Arme, als sie sich am Knopf seiner Hose zu schaffen machte. Forschend blickte er sie an.
„Willst du das wirklich?"
Sie bewegte ihren Kopf nicht, lediglich ihr Blick wanderte zu ihm hinauf. Dann nickte sie.
„Ja, Fox, ich will es." Sie fasste nach seiner Hand. „Verführ' mich", flüsterte sie. „Bitte."
Mit einer kurzen Handbewegung fegte er etliche Papierstöße von seinem Schreibtisch. Sie wirbelten um sie herum wie Blätter im Herbstwind, flogen raschelnd auf den Boden. Akten, Briefe, Bröschüren, Ausgaben der National Geographic und der Sience bildeten einen bunten Teppich auf dem Boden, doch es war ihm egal. Er nahm es nicht einmal richtig war, denn sie lag bereits in seinen Armen, dicht an ihn gepresst, den Kopf erhoben, der Blick erwartungsvoll. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie mit all seiner Liebe, die er in sich verspürte. Selbst wenn die Tür aufgeflogen und Skinner in den Raum gerauscht wäre, Mulder hätte ihn ignoriert. Er ließ seine Gefühle die Oberhand über seinen Körper übernehmen, ließ sich von ihnen leiten, sämtliche Bewegungen ausführen. Er versank in ihren Küssen, ihren Augen, ihrer Liebe. Die Zeit schien still zu stehen, wie eine große Uhr, die aufhörte zu ticken. Und dafür waren keine außerirdischen Kräfte nötig, keine Störungen im irdischen Magnetfeld, nur einzig und allein die Kraft der Liebe...

in Orono

Der Reporter streckte seine Hand aus und Jonas drückte sie herzlich. Die Fernsehleute packten ihre Geräte zusammen und verließen nach und nach den Raum, ebenfalls die Studenten, die dem Interview beigewohnt hatten. Braney beugte sich zu dem jungen Wissenschaftler, als er sicher sein konnte, dass niemand zuhörte.
„Mal unter uns, Dr. Quinn, Sie haben doch etwas verschwiegen, oder etwa nicht?"
„Im Leben muss man vieles verschweigen", antwortete Jonas lächelnd. „Vor Allem dann, wenn die Menschheit noch nicht reif für das ist, was man weiß. Fragen Sie Agent Mulder. Er kann Ihnen das aus eigener Erfahrung bestätigen." Er griff nach seiner Jacke und stand auf.
„Sie haben etwas gefunden, nicht wahr?" Der Reporter ließ so schnell nicht locker - wie keiner seiner Sorte.
„Vielleicht wird sich der Zeitgeist irgendwann wandeln, Mister Braney. Wer weiß, eventuell kann ich Ihnen dann mehr dazu sagen." Bei diesen Worten zwinkerte ihm der junge Wissenschaftler zu und verließ anschließend den Raum. O ja, reif war die Menschheit noch lange nicht, auch wenn sie schon Jahrtausende auf dieser Erde weilte. Und es fiel Jonas schwer sich vorzustellen, dass sie es jemals sein würde. Aber vielleicht, so hoffte er, irrte er sich, so, wie sich viele Wissenschaftler gelegentlich irren...

- ENDE -
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